Sonntag, 25. November 2012

Is it a comedy or a tragedy?


(Ist es eine Komödie oder eine Tragödie?)
- Connie Willis, “All Clear”


Ich habe letzte Woche geschrieben, dass mich Herr Tuniaks Aussehen überrascht und abgelenkt hat. Dabei hat er eigentlich so wie immer ausgesehen. Zumindest dachte ich das, als ich ihn heute zum ersten Mal gesehen habe. Das Bild, das sich mir heute im Büro bot...
Herr Tuniak saß auf dem Sofa vor den Regalen. Sein Bart war noch länger als letzte Woche, er reichte ihm mittlerweile bis zur Brust hinunter. Seine Haare waren ebenfalls länger und ungewaschen. Er trug eine graue Toga, die teilweise Löcher hatte und ebenfalls schon lange nicht mehr gewaschen worden war. Vor ihm auf dem Boden lag ein langer Holzstock, mindesten so lang wie er groß war.
Ich begrüßte ihn mit einem kurzen „Ave“, woraufhin er lächelte. Dabei konnte ich sehen, dass er seine Zähne gelblich gefärbt hatte. „Was ist mit ihnen passiert?“, fragte ich.
Überzeugend, oder?“, sagte eine Stimme.
Ich drehte mich überrascht zum Schreibtisch um. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass noch eine dritte Person im Zimmer anwesend war. Es war Sarina, wie ich sofort erkannte. Sie musste mittlerweile fast sechzig Jahr alt sein. Sie trug eine Brille und ich sah, dass sie außerdem, als Scherz, auch noch ein Monokel für ihr drittes Auge hatte.
Wir werden heute ins Alte Rom reisen“, sagte Herr Tuniak. „Und damit wir dort nicht auffallen, müssen wir uns zuerst ein wenig verkleiden.“
Ich habe für sie eine Tunika vorbereitet“, sagte Sarina. Sie deutete auf einen Paravan, der eine Ecke des Büros abdeckte.
Ich trat hinter diesen Paravan und begann mich umzuziehen. Die Tunika war mir ein wenig zu groß und reichte bis zu den Knien hinunter. Sie fühlte sich rau an und war, genau so wie Herrn Tuniaks Toga, ungewaschen und schmutzig. Nein, ich muss mich korrigieren: Sie war präpariert worden, damit sie so aussah. Aber sie war nicht wirklich schmutzig und sie roch auch nicht, wie ein ungewaschenes Kleidungsstück. Ich fand außerdem ein Paar alte Sandalen aus Leder, die Ähnlichkeiten mit modernen Flip-Flops hatten (später erfuhr ich, dass diese Schuhe solea genannt wurden und eigentlich nur Hausschuhe waren).
Soll ich die Sandalen auch anziehen?“, fragte ich.
Nein, nehmen sie die nur mit“, sagte Herr Tuniak. „Die ziehen wir erst an, wenn wir aus der Zeitmaschine aussteigen. Ich finde, dass sie zum gehen nicht sonderlich bequem sind.“
Ich trat wieder vor den Paravan. Sarina hatte inzwischen ein großes Tuch aufgebreitet, dass ich im ersten Moment für ein Segel aus Stoff für ein Surfbrett hielt.
Was ist das?“, fragte ich.
Ihre Toga“, sagte Sarina.
Sie ist mindestens drei Mal so groß wie ich!“
Ich weiß nicht, wie sie es schaffte, aber sie wickelte mich das Tuch so oft um mich herum, dass ich am Schluss tatsächlich entfernte Ähnlichkeiten mit einem alten Römer hatte. Ich machte vorsichtig ein paar Schritte. Die Toga fiel fast zu Boden.
Warten sie einen Moment“, sagte Sarian und befestigte eine versteckte Brosche. „Damit sollte es besser halten.“
Ich ging wieder vorsichtig einige Schritte und diesmal fiel die Toga nicht herunter. „Es ist... ungewohnt“, sagte ich. „Aber ich nehme an, wenn man so etwas jeden Tag trägt...“
...bleibt es unangenehm“, vollendete Herr Tuniak den Satz für mich. „Ich weiß nicht, wer die Toga erfunden hat, aber er wollte ganz offensichtlich die Römer foltern. Glauben sie mir, selbst in der Antike war die Toga nicht sonderlich beliebt.“
Warum wurde sie dann getragen?“, fragte ich.
Als Statussymbol“, erklärte Herr Tuniak. „Kommen sie, gehen wir zur Zeitmaschine.“ Er stand auf und nahm seinen langen Stock in die Hand. Zu dritt gingen wir hinunter zum Parkplatz.

Als die Zeitmaschine landete, befanden wir uns in einer kleinen Schlucht, durch die ein Bach floss. Herr Tuniak und ich stiegen aus, während Sarina zurück blieb. Herr Tuniak hatte mir erklärt, dass er einen alten Seher spielen würde und ich sein stummer Gehilfe war. Stumm deswegen, weil ich natürlich kein Wort Latein sprechen konnte. Damit ich trotzdem verstehen konnte, was gesagt wurde, hatte ich ein kleines Funkgerät im Ohr, mit dem ich in ständigen Kontakt mit Sarina war, die als Simultan-Dolmetscherin fungierte. Wir machten uns auf den Weg.

Wir wanderten für fast zwei Stunden, bevor wir zu einer Stadt kamen. Herr Tuniak hatte die Zeitmaschine in sicherer Entfernung verstecken müssen und wir konnten wegen der ungewohnten Kleidung und Schuhe nicht sonderlich schnell gehen. Auf der Straße in den Ort begegneten wir immer wieder anderen Menschen, aber keiner davon grüßte uns. Einmal mussten wir auch einem von Pferden gezogenen Wagen ausweichen.
Das ist aber nicht Rom, dort vorne, oder?“, fragte ich flüsternd.
Nein, wir sind südlich von Rom“, antwortete Herr Tuniak genau so leise.
Es scheint hier viel los zu sein“, bemerkte ich.
Ja, heute ist Markttag und es wird auch Theater gespielt“, erklärte Herr Tuniak. Dann gab er mir ein Zeichen, dass ich mich von nun an stumm stellen sollte.
Er hätte es mir wahrscheinlich nicht sagen müssen. Um mich herum gab es so viel zu sehen, dass mir die Worte fehlten. Der Markt kam mir bekannt vor und war gleichzeitig doch auch fremd. Bekannt, weil er im Grunde nicht viel anders war, als viele Märkte, die es auch heute noch, vor allem auf dem Land gibt. Waren wurden lautstark angepriesen, Kunden verhandelten um die Preise und es gab Stände, die Snacks (es hatte damals sicher einen anderen Namen) anboten. Fremd, weil die Leute eine Sprache sprachen, die ich nicht verstehen konnte, weil sie Gewand trugen, dass ich nicht kannte, weil die Gerüche andere waren, als sie heute auf einem Markt zu finden sind. Es gab Gaukler und Spieler. Bettler und Prediger. Ich bin sicher, dass es auch einen Schwarzmarkt gab, denn mehrmals sah ich Männer, die selbst ganz offensichtlich nicht gesehen werden wollten und die potentielle Kunden hinter die Stände baten, wo sie nicht gesehen werden konnten.
Wir steuerten auf den Tempel zu. Mehrere Stufen führten zu den großen Eingangstoren des Gebäudes. Auch dort herrschte ein reges Treiben. Statuen schienen den Tempel zu bewachen. Ich erinnerte mich einmal gelesen zu haben, dass der Grund, warum antike Statuen keine Pupillen hatten, der war, dass die Pupillen aufgemalt worden waren. Und die Statue, die ich dort sah, waren bemalt. Aber nicht nur im Gesicht. Das ganze Gewand, dass sie trugen, war voller Farben und nicht bleich und weiß, wie wir es heute fast überall sehen.
Ich war so fasziniert von dieser neuen Welt, die sich um mich herum ausbreitete, dass ich für einen Moment nicht darauf achtete, wo Herr Tuniak hinging. Als ich mich suchend nach ihm umsah, war er in der Menschenmenge verschwunden. Panik breitete sich in mir aus. Ohne Herrn Tuniak hatte ich keine Möglichkeit wieder nach Hause zu kommen und so gut mir diese alte römische Stadt auch gefiel, hatte ich nicht vor, den Rest meines Lebens in ihr zu verbringen. Zum Glück hatte aber auch Herr Tuniak einen kleinen Kopfhörer in einem seiner Ohren und mit Sarinas Hilfe fanden wir relativ rasch wieder zusammen. Von da an, achtete ich streng darauf, immer dicht hinter ihm zu bleiben.

Wir wanderten für etwa eine halbe Stunde durch die Stadt. Wir blieben dabei immer in der Nähe des Marktes. Es war klar, dass Herr Tuniak etwas oder jemanden suchte. Als wir zu einer Straße kamen, wo weniger Leute unterwegs waren, riskierte ich es und fragte leise: „Wonach suchen sie?“
Nach einem Jungen, der sich, genau so wie sie, verirrt hat“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich weiß nicht genau...“ Und er versank wieder in Schweigen.
Wir gingen weiter. Ab und zu sprach Herr Tuniak andere Menschen an und redete mit ihnen auf Lateinisch. Sarina übersetzte mir, was er sagte. Er bot seine Dienste als Seher an und wollte die Zukunft prophezeien, aber niemand nahm seine Dienste in Anspruch. Ich glaube auch nicht, dass er damit rechnete. Er wollte wahrscheinlich nur keine Aufmerksamkeit erregen.
Plötzlich blieb er stehen. Er packte mich am Arm und deutete mit seinem Stock auf einen Marktstand. Vor dem Stand war ein einzelner, kleiner Junge. Er war zwischen vier und fünf Jahren alt und sah sich suchend nach jemandem um. Es dauerte nur einen Moment und ich begriff, dass der Junge seine Eltern suchte.
Herr Tuniak deutete, dass ich ihm in einigem Abstand folgen sollte und ging dann auf den Jungen zu. Je näher wir dem Kind kamen, umso mehr hatte ich das Gefühl, dass ich ihn kannte. Aber das war doch lächerlich? Wie sollte ich ein Kind kennen, dass mindestens zweitausend Jahre vor mir geborgen worden war?
Und dann wusste ich plötzlich, wer der kleine Junge war.

Alexander hatte seine Mütter verloren. Sie hatten eigentlich ins Theater gehen wollen, aber mitten im Stück waren seine Mütter plötzlich aufgestanden und hatte mit ihm das Theater verlassen. Alexander wusste nicht warum. Sie hatten ihm versprochen, dass sie ihm erzählen würden, wie das Stück ausging, aber er hatte das Gefühl, dass sie das nicht machen würden. Am Ende des Stückes musste etwas passieren, dass er nicht sehen sollte.
Sie waren zur Ablenkung mit ihm auf den Markt gegangen, aber dort waren so viele Menschen gewesen, dass er, obwohl er Maria gerade eben noch an der Hand gehalten hatte, sie beide aus den Augen verloren hatte. Jetzt war er alleine und wusste nicht, was er tun sollte.
Hast du deine Eltern verloren?“, fragte ein Mann. Er war alt und schmutzig und wirkte wie ein Bettler. Alexander sagte nichts und trat einen Schritt zurück. „Habe keine Angst“, sagte der alte Mann. „Ich bin ein Seher und kann in die Zukunft sehen.“
Niemand kann in die Zukunft sehen“, antwortete Alexander trotzig.
Ich kann es“, versicherte der alte Mann. „Und ich verspreche dir, dass du ein tolles... ein phantastisches Leben haben wirst. Ich sehe, dass du um die ganze Welt reisen wirst. Du wirst Dinge sehen, die sonst kaum jemand gesehen hat. Du wirst viele Menschen kennen lernen und die meisten werden deine Freunde werden... Es wird aber auch Zeiten und Momente geben, wo du traurig sein wirst, aber ich verspreche dir, dass diese Momente schnell vorbei gehen werden.“
Alexander trat noch einen Schritt zurück. Der alte Mann hatte eigentlich nur allgemeine Phrasen von sich gegeben. Er hatte nichts Genaues gesagt. Das Leben, das er beschrieb, konnte auf fast jeden Menschen zutreffen. Und dennoch hatte Alexander das Gefühl, dass der alte Mann mehr über ihn wusste, als er selbst. „Weißt du auch, wo meine Mütter sind?“, fragte er.
Ja“, sagte der alte Mann. „Komm mit!“ Er streckte Alexander die Hand aus, aber der Junge nahm sie nicht. Der alte Mann zuckte mit den Schultern und ging los. Alexander folgte ihm mit einigem Abstand. Sie waren noch nicht weit gegangen, da blieb der alte Mann wieder stehen. Er zeigte zu den Stufen des Tempels und dort sah Alexander seine beiden Mütter stehen. Sie sahen ihn auch sofort und liefen auf ihn zu. Helena umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Maria musterte den alten Mann.
Er hat euch gefunden“, erklärte Alexander.
Haben sie das?“, fragte Maria. „Und wer sind sie?“
Nur ein alter Seher“, sagte der Mann.
Mhm“, sagte Maria, nicht überzeugt. Sie warf ihm eine Münze zu. „Dann sagen sie mir: Wird das Leben meines Sohnes eine Komödie oder eine Tragödie sein?“
Eine Komödie“, antwortete der alte Mann und verschwand in der Menge.

Ich wollte mir so viel mehr sagen“, meinte Herr Tuniak, als wir auf dem Rückweg zur Zeitmaschine waren. Wir hatten die Stadt bereits hinter uns gelassen und konnten wieder frei sprechen. „Aber als ich mich sah...“
Erinnern sie sich an diese Begegnung?“, fragte ich.
Fast nicht“, antwortete er. „Ich weiß eigentlich nur mehr, dass ich mich einmal auf einem Markt verirrt hatte und das mir ein alter Mann geholfen hatte, meine Mütter zu finden.“
Glauben sie, ihre Mütter haben sie erkannt?“
Ich glaube schon. Sonst hätten sie nicht ihre Frage gestellt.“
Komödie oder Tragödie? Würden sie ihr Leben Komödie bezeichnen?“
Ja, aber sie müssen wissen, dass hier, im Alten Rom, das Wort Komödie noch ein bisschen eine andere Bedeutung hatte, als zu ihrer Zeit“, sagte Herr Tuniak. „Eine Komödie muss nicht unbedingt lustig sein. Es ist einfach eine Geschichte, die gut ausgeht.“



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Oh, there's just one more thing...

Sonntag, 18. November 2012

And now I think I am quite ready to go on another journey.


(Und jetzt bin ich, glaube ich, bereit für eine weitere Reise.)
- J.R.R. Tolkien, „The Lord of the Rings“


„Ich möchte ihnen heute von meiner letzten Reise erzählen“, sagte Herr Tuniak. „Von meiner letzten großen Reise. Sie brachte mich nach Amerika, in die Vereinigten Staaten im Jahr 1926.“
„Reisten sie alleine?“, fragte ich.
„Nein, Cailinn begleitete mich“, antwortete Herr Tuniak. „Die Reise war eigentlich ihr Projekt. Sie hätte sie auch ohne mich unternommen. Wir trafen uns in London und nahmen ein Schiff, das uns über den Atlantik brachte.“
Ich hätte eigentlich schon an dieser Stelle fragen sollen, warum sie nicht mit der Zeitmaschine gereist waren, aber ich muss zugeben, dass ich abgelenkt war. Herr Tuniak hatte heute nämlich einen Vollbart und seine Haare waren so lang, dass sie fast bis zu den Schultern reichten. Während es zwischen unseren Treffen immer zu leichten Veränderungen in seinem Erscheinen gegeben hatte, waren sie nie so drastisch gewesen wie heute. Zumindest ist das meine Entschuldigung dafür, dass ich nicht sofort nachfragte.
Herr Tuniak fuhr inzwischen fort: „In New York gingen wir an Land und nahmen dort einen Zug, der uns nach Auburn, Massachusetts bringen sollte.“

Cailinn hatte mehrere Gepäckträger angeheuert, die dafür sorgen sollten, dass ihre Ausrüstung sicher verwahrt wurde. So konnten sie und Alexander, ohne Koffer tragen zu müssen, in Ruhe den Bahnsteig suchen, von dem ihr Zug abfahren würde. Cailinn war ungefähr siebzig Jahre alt und Alexander schätzte, dass er mindestens zehn Jahre älter war. Um sie herum eilten die Menschen hin und her, aber sie selbst hatten keine Eile.
„Das dort vorne scheint unser Zug zu sein“, sagte Alexander. „In welchen Waggon müssen wir?“
„Tu nur so, als ob du es nicht wüsstest“, antwortete Cailinn. „In meinen Waggon, natürlich.“
Alexander blieb vor Überraschung abrupt stehen. „Du hast ihn noch?“, fragte er. „Ich habe im Gemini-Archiv davon gelesen, aber ich dachte, du hättest ihn nach deiner letzten Amerika-Reise verkauft.“
„Das habe ich auch“, bestätigte Cailinn. „Aber Michael war so nett ihn mir für die nächste Zeit zu borgen. Er ist momentan in Kalifornien und wird dort für einige Monate bleiben, also braucht er ihn nicht. Komm!“
Sie erreichten den letzten Waggon, der etwas kürzer war als alle anderen. Er hatte auch weniger Fenster und es gab auch nur eine Tür, die hinein führte. Cailinn und Alexander stiegen ein. Alexander hatte Skizzen und auch einige Photos vom Innenraum des Waggons gesehen, aber die Realität war doch ein wenig anders. Wahrscheinlich hatte der Käufer – Cailinn hatte nie gesagt, wer er war und Alexander vermutete, dass Michael auch nicht sein richtiger Name war – einige Änderungen vorgenommen. Der Waggon war ein längliches Wohnzimmer. Es gab Sofas, eine Bar und eine Bibliothek mit einem Schreibtisch. Bei einem der Fenster war eine Kochstelle mit Gasherd und Wassertank montiert worden. Der hintere Teil des Waggons wurde durch einen Vorhang verdeckt, aber Alexander wusste, dass sich dort das Bett und das Bad befanden. Der Waggon erinnerte Alexander an eine Fernsehserie aus seiner Kindheit, die Farid regelmäßig geschaut hatte, aber er konnte sich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Er schmunzelte bei dem Gedanken, dass Gemini selbst in hundert Jahren noch davon beeinflusst sein würde. Nur, dass sie dann nicht mehr einen Waggon, sondern einen Privatjet zu einer mobilen Wohnung umfunktionieren würden.
„Richtest du Getränke her, ich brauche einen Whisky“, sagte Cailinn. „Ich kümmere mich inzwischen darum, dass das Gepäck richtig verstaut wird. Ich möchte nicht, dass, wie beim letzten Mal, wieder ein Teil am Bahnhof liegen bleibt.“
Als sie wieder zurück kam und sie sich auf die Sofas setzten, Getränke in der Hand, fragte Alexander: „Ich habe gesehen, dass du Stelzen mitgebracht hast.“
„Und du willst wissen, warum“, sagte Cailinn. „Um möglichst schnell zur Rakete zu kommen, wenn das Experiment funktionieren wird. Die Stelzen sind meine Siebenmeilenstiefel.“
„Siebenmeilenstiefel?“
„Du hast noch nie davon gehört?“
„Doch, aber...“ Alexander überlegte für einen Moment und dann erkannte er den Sinn der Stelzen. Je größer sie waren und je höher man auf ihnen stand, umso größer wurden dann auch die Schritte, die man machen konnte. So lange man nicht herunter fiel, war es eine schnelle Art und Weise sich fortzubewegen.
„Die Stelzen habe ich in Frankreich gekauft“, erzählte Cailinn. „Ich hatte Hirten gesehen, die sie verwendeten, um so möglichst schnell zu jedem Tier in ihrer Herde kommen zu können. Und außerdem hatten sie von oben natürlich auch eine bessere Sicht. Du kannst es selbst gerne ausprobieren.“
„Ich bin noch nie auf Stelzen gegangen und ich fürchte, ich bin mittlerweile zu alt, um es noch zu lernen“, erwiderte Alexander mit leichten Bedauern.
„Man ist wirklich erstaunlich schnell damit“, erzählte Cailinn weiter. „Ich erinnere mich vor... oh, das muss mittlerweile dreißig Jahre her sein... ich habe einen Bäcker in Frankreich getroffen, der ging auf Stelzen von Paris bis nach Moskau in nur achtundfünfzig Tagen. Wirklich bemerkenswert.“

„Sie hatten... Cailinn hatte einen eigenen Waggon?“, fragte ich. „Ihre Verhältnisse haben sich im Laufe der Jahre gebessert.“
„Das haben sie“, bestätigte Herr Tuniak.
„Waren ihre Bücher so erfolgreich?“
„Nein, bei weitem nicht. Die Bücher wurden gelesen und sie verdiente auch an ihnen, aber hauptsächlich verdiente sie ihr Geld mit Vorträgen und Beratertätigkeiten“, erklärte Herr Tuniak. „Sie hat auch den Waggon nicht fertig gekauft, sondern selbst umgebaut.“
„Und... wieso war Hugo Delake nicht mit auf dieser Reise?“, wollte ich wissen. „Hatten er und Cailinn sicher inzwischen getrennt? Oder war er schon gestorben?“
„Oh, nein, überhaupt nicht, sie waren immer noch verheiratet“, sagte Herr Tuniak. „Sie reisten nur meistens getrennt. Cailinn meinte aber, dass sie zu oft einer Meinung waren.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie wollte neue Entdeckungen machen und diese aber auch hinterfragen. Und das ging einfacher, so sagte sie, wenn zwei Personen unterschiedlicher Ansicht wären.“
„Und so ist das Grundprinzip von Gemini entstanden“, erkannte ich. „Und sie waren nicht oft einer Meinung mit ihr?“
„Ich zählte nicht“, antwortete Herr Tuniak schmunzelnd. „Ich war ein Zeitreisender, sie ging davon aus, dass ich die richtige Antwort bereits kannte.“
„Warum sind sie nach Auburn gereist?“

Es war ein kalter Märzmorgen. Die Ebene, in der sie sich befanden, war weiß mit Schnee. Sie alle trugen lange Mäntel und dicke Stiefel. Robert Goddard führte die letzten Vorbereitungen durch. Heute würde er zum ersten Mal eine Rakete testen, die mit flüssigem Treibstoff angetrieben wurde.
„Ich habe letztes Jahr schon einige Experimente im Labor mit flüssigem Treibstoff gemacht“, erzählte er Cailinn und einigen anderen Personen, die den Versuch beobachteten. „Es hat gut funktioniert, also ich bin zuversichtlich für heute.“
Cailinn studierte seine Unterlagen, die er ihr gegeben hatte, aber das meiste, was dort stand, kannte sie bereits. Goddard war eine von vielen Personen, mit denen sie im regen Kontakt stand und of Briefe schrieb. Alexander stand etwas abseits von der Gruppe. Er hatte eine digitale Videokamera mitgebracht und filmte heimlich die Vorbereitungen. Neben ihm auf dem Boden lagen auch Cailinns Stelzen.
„Alle bereit?“, fragte Goddard.
Cailinn und die anderen gingen einige Schritte zurück, bis etwa zehn Meter zwischen ihnen und dem Metallgerüst (die „Startrampe“ für die über zwei Meter große Rakete) lagen.
„Achtung!“, rief Goddard und zündete die Rakete an.
Zuerst schien nichts zu passieren. Eine Flamme schoss aus dem Antrieb, aber aus viel Lärm schien sie nichts zu machen. Dann langsam, aber doch wurde Nell, so hatte Goddard die Rakete genannt, durch den Rückstoß in die Höhe gedrückt. Aufgrund ihrer Konstruktion, Nells Antrieb befand sich an der Spitze der Rakete, war ihr Flug nur von kurzer Dauer. Er dauerte nicht einmal drei Sekunden, aber in dieser Zeit erreichte sie eine Höhe von über zwölf Metern und kam sechzig Metern von ihrem Startplatz entfernt wieder zu Boden. Aber das reichte aus. Das Experiment hatte bewiesen, dass Raketen mit flüssigem Treibstoff angetrieben werden konnten und war somit ein voller Erfolg. Alexander blickte hinauf zum Himmel und wusste, dass an diesem Tag der erste Schritt auf dem Weg zum Mond gemacht worden war.

„Sie haben gesagt, dass das ihre letzte große Reise war“, sagte ich, endlich die Frage formulierend, die ich mir seit Beginn von Herrn Tuniaks Erzählung heute gestellt hatte. „Warum? Hat das etwas damit zu tun, dass sie nicht die Zeitmaschine verwendet hatten, um den Atlantik zu überqueren?“
„Ja“, sagte Herr Tuniak nach einem kurzen Zögern. Seine rechte Hand war, wahrscheinlich unbewusst, zu seiner Brust gewandert. „Cailinn hat übrigens fast genau die gleiche Frage gestellt, als wir auf dem Schiff waren.“

Das Schiff hatte das Unwetter ohne Schaden überstanden, aber die meisten Passagiere waren seekrank geworden. Alexander stand an der Reling und blickte hinaus auf den weit entfernten Horizont. Die Sonne war hinter einer dünnen Wolkendecke nur schwer zu erkennen. Cailinn trat neben ihn.
„Na, alles heil geblieben?“, fragte sie.
„Ja, ja“, sagte Alexander. „Ich habe schon schlimmere Unwetter auf dem Meer erlebt.“ Und er erzählte ihr, wie er als Kind einmal während eines Sturmes von einem Schiff ins Meer gefallen war.
„Gut, dass du dich nach so einem Erlebnis trotzdem noch auf Schiffe traust“, sagte Cailinn. „Aber warum bist du eigentlich hier? Warum bist du nicht direkt nach Amerika gekommen?“
„Ich brauche etwas Ruhe und Erholung“, sagte Alexander. „Das beyul läuft mittlerweile fast von selbst, ich muss nur mehr wenig aushelfen. Aber bis es soweit war... Es waren einige stressige Jahre und... vielleicht zu stressig, für jemanden in meinem Alter.“
„Du hattest einen Herzanfall“, sagte Cailinn.
„Zum Glück nicht“, antwortete Alexander. „Ich hatte Angina Pectoris. Mein Körper wollte mich einfach warnen, dass ich nicht mehr so viel tun konnte wie früher.“

„Und deswegen haben sie aufgehört zu reisen?“, fragte ich.
„Keine großen Reisen, zumindest“, sagte Herr Tuniak. „Kleine Trips unternehme ich immer noch, aber nicht mehr alleine. Das erinnert mich: Ich möchte sie bitten, dass sie mich nächste Woche wieder begleiten.“
„Aber natürlich“, sagte ich sofort. „Verraten sie mir heute schon, wohin?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak mit einem Lächeln. „Aber ich kann ihnen sagen, dass sie diesmal selbst einen Teil meiner Biographie erleben werden.“



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Is it a comedy or a tragedy?

Sonntag, 11. November 2012

Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.

- Wilhelm von Humboldt


Herr Tuniak und ich trafen uns heute auf dem Parkplatz hinter seinem Büro. Wie er letzte Woche versprochen hatte, würde Herr Tuniak mir heute zeigen, was er auch Cailinn gezeigt hatte.
„Wissen sie, was ein beyul ist?“, fragte er mich während der Fahrt.
„So werden die Sümpfe im Süden der USA genannt, oder?“, antwortete ich.
„Nein, das wären bayous“, korrigierte mich Herr Tuniak. „Ein beyul kommt aus dem buddhistischen Glauben. Es ist ein verstecktes Tal, in dem Weise Zuflucht suchen können und in dem Wissen aufbewahrt wird. Es ist ein bisschen wie die Arche Noah: Während rundherum die Welt untergehen mag, überlebt das Tal und kann so den Beginn einer neuen Welt bilden.“
„Und in so ein Tal fahren wir?“, fragte ich.
„Nicht direkt. Aber wir haben die Anlage aus diesem Grund beyul getauft.“
Er fuhr fort in seiner Beschreibung eines beyul: ein riesiges Tal, voller Leben und Pflanzen und...

...und eigentlich das genaue Gegenteil von dem, wo wir landeten.
Als die Zeitmaschine gelandet war, hatte ich erwartet mich in einem Gebirge, vielleicht sogar im Himalaja wiederzufinden. Stattdessen blies trockene, heiße Luft durch die geöffnete Türe. Als wir ausstiegen sah ich, dass wir mitten in der Wüste gelandet waren.
„Als sie von einem fruchtbaren Tal erzählten, habe ich mir etwas anderes erwartet“, sagte ich.
„In der Vergangenheit hat es hier auch einen richtigen Dschungel gegeben“, sagte Herr Tuniak. „Aber es hat mehrere Gründe, warum wir die Anlage hier errichtet haben.“
„Wegen dem billigen Strom?“
Die Zeitmaschine war neben einem länglichen Lagerhaus gelandet, das wie ein kleiner Flugzeughangar aussah. Rund um uns herum standen unzählige Reihen von Solarzellen, die alle über Kabeln mit diesem Lagerhaus verbunden waren.
„Ja, das ist ein Grund“, bestätigte Herr Tuniak. „Wir produzieren hier genug Strom, um eine Großstadt zu versorgen. Der zweite Grund ist, dass dieses Land hier umsonst zu haben war.“
„Umsonst?“, fragte ich. „Gehört es keinem Staat?“
„Nein, wir sind hier genau zwischen Ägypten und Sudan. Ägypten liegt nördlich von hier, dort entlang, und Sudan südlich.“
„Wie können wir zwischen diesen beiden Staaten sein?“, fragte ich. „Sie haben doch eine gemeinsame Grenze.“
„Fragen sie mich nicht“, entgegnete Herr Tuniak. „Aus irgend welchen Gründen will keiner der beiden Staaten dieses Stück Land... dieses Stück Wüste besitzen. Gemini hat deswegen angefangen hier die beyul Anlage zu errichten und keiner hat sich beschwert.“
Wir gingen auf das Lagerhaus zu. Seine Wände waren bemalt mit Bildern eines grünen Tales. Jemand hatte offensichtlich einen Sinn für Humor gehabt.
„Eines sollte ich noch erwähnen“, sagte Herr Tuniak, bevor wir eintraten. „Wir sind, von ihrer Perspektive aus, mehrere Jahre in die Zukunft gereist. Zu ihrer Zeit ist diese Anlage nämlich noch im Bau und noch lange nicht vollendet... Genau genommen, ist sie das jetzt auch noch nicht. Und wundern sie sich nicht, dass sie sonst keine Menschen antreffen werden. Es ist heute ein Feiertag.“

Das Lagerhaus war nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges. Der eigentliche Komplex erstreckte sich tief unter die Erde. Das Lagerhaus, das wie ein Hut die Anlage abdeckte und somit vor dem Wetter schützte, war bloß ein Eingangsbereich von dem Dutzende Treppen, Rampen und Lifte in die Tiefe führten. In dem Lift, mit dem wir hinunterfuhren, war auf einer Wand ein Touchscreen angebracht, auf dem man einen Plan der ganzen Anlage abrufen konnte. Ich versuchte mich zu Recht zu finden, aber das beyul war einfach zu groß. Das Einzige, was ich beim Aussteigen mit Sicherheit wusste, war, dass wir uns weit unter der Oberfläche befanden.
„Wenn der Bau wirklich abgeschlossen ist, dann werden die Lifte abgeschaltet und die Schächte versiegelt werden“, sagte Herr Tuniak. „Die einzige Möglichkeit hinunter zu kommen, sollen dann nämlich die Rampen sein.“
„Warum das?“
„Damit wir... kontrollieren können, wer wie weit hinunter kommt“, sagte Herr Tuniak. „Sie werden es verstehen, wenn ich es ihnen zeige.“
Als wir ausstiegen, hatte ich das Gefühl eine antike Werkstatt zu betreten. Es war wie ein gigantisches Museum, wobei die Exponate nicht hinter Glas gelagert waren. Alles konnte man angreifen und bei allen primitiven Maschinen, ja sogar bei allen Werkzeugen, war mit Bildern erklärt, wie sie zu bedienen waren. Es gab auch einen geschützten Bereich, wo Schriftrollen (die allerdings nicht aus Papyrus oder Papier gemacht waren, sondern aus einem Material, was es momentan noch nicht gibt) gelagert wurden.
„Sie haben sicherlich die Odyssee gelesen, oder?“, sagte Herr Tuniak, als wir vor diesen Schriftrollen standen.
„Ja, und die Belagerung von Troja auch“, sagte ich. „Und ich glaube wir haben in der Schule auch ein oder zwei Theaterstücke aus der Antike gelesen.“
„Nur ein Bruchteil von dem, was geschrieben wurde, ist zu ihrer Zeit noch erhalten“, sagte Herr Tuniak. „Hier ist wirklich alles gesammelt. Ich habe Studenten in die Vergangenheit gebracht, damit sie diese Stücke sehen und ihre Texte aufschreiben konnten. Dort drüben sehen sie Bilder, die wir in der damaligen Zeit gemacht haben.“
Ich hätte Tage in diesen Räumen verbringen können und trotzdem nicht alles gesehen, was dort gelagert worden war. Aber es gab noch mehr zu sehen.

Herr Tuniak führte mich zu einer versteckten Rampe, die uns weiter in die Tiefe führte. Als wir die Rampe hinunter gingen, zeigte er mir in der Wand Stahltüren, die später einmal den Zugang absperren sollten.
„Wenn wir hier fertig sind, wird es keinen direkten Weg mehr von oben herunter geben“, erklärte Herr Tuniak. „Man muss durch alle Etagen gehen und die Zugänge werden, wie diese Rampe hier, versteckt und verschlossen sein. Auf jeder Ebene wird es ein Rätsel geben, das man lösen muss, um weiter zu kommen.“
„So wie bei einem Computerspiel?“, fragte ich.
„Wenn sie so wollen, aber dieser Aufbau hat einen bestimmten Grund“, sagte Herr Tuniak. „Stellen sie sich vor, in der Zukunft fällt die Menschheit, warum auch immer in die Steinzeit zurück. Alles moderne Wissen geht verloren.“
„Wird das passieren?“, fragte ich.
„Soweit ich weiß nicht“, sagte er. „Aber auch ich weiß nicht, was in einer oder zwei Million Jahren passieren wird. Also stellen sie sich vor, diese neue Steinzeitmenschen finden unsere Anlage hier und hätten sofort Zugriff auf die modernsten Technologien.“
„Es wäre, als würden sie in die Vergangenheit reisen und den Steinzeitmenschen heutiges Wissen vermitteln“, sagte ich. „Sie würden die natürliche Entwicklung beeinflussen.“
„Und wir würden dem Entdecker ungeheure Macht verleihen“, sagte Herr Tuniak. „Das wollen wir natürlich nicht. Als ist jede Etage mit einem Rätsel gesichert. Um diese Rätsel zu lösen, braucht man ein gewisses technisches Wissen. Man kann einen Zugang also erst dann öffnen, wenn man das Wissen, das sich dahinter verbirgt, bereits hat. Wir wollen hier nicht die Zukunft beeinflussen, wir wollen nur verhindern, dass die Vergangenheit vergessen wird.“
In der nächsten Etage – von der technischen Entwicklung her, waren wir, schätze ich, in der Spätantike – stiegen wir wieder in einen der Aufzüge. Als wir ausstiegen, waren wir im neunzehnten Jahrhundert. Wären wir zu Fuß gegangen, hätten wir mehrere Stunden für die Strecke gebraucht und mittlerweile wollte ich gar nicht mehr wissen, wie viele Kilometer Erde (ich vermute zumindest, dass es Kilometer waren) sich über meinem Kopf befanden.
„Hier ist ein besonderer Schatz“, sagte Herr Tuniak. Er führte mich zu unzähligen Regalen, in denen Schallplatten gelagert waren. Mehrere Plattenspieler standen davor.
„Was für Musik haben sie hier gesammelt?“, fragte ich.
„Alles, was wir finden und aufnehmen konnten“, sagte Herr Tuniak.
„Und warum verwenden sie nicht CDs oder speichern sie auf Festplatten ab?“
„Weil sie länger halten“, sagte Herr Tuniak. „Außerdem sparen wir uns dann Computer, die sowieso nicht in diese Zeit passen und unnötig fehleranfällig wären. Bei digitalen Speichermedien stellt sich außerdem wieder die Frage, ob sie in der Zukunft noch abgelesen werden können.“
„Ich sehe dort hinten noch weitere Platten“, sagte ich. „Was sind dort für Lieder?“
„Dort hinten ist unsere Sprachendatenbank“, erklärte Herr Tuniak. „Wir haben dort Wörterbücher für alle Sprachen und Tonaufnahmen als Beispiele.“
„Und warum ist die Regale das Bild eines Papageien geschnitzt?“
„Das ist eine alte Geschichte“, sagte Herr Tuniak. „Als Alexander von Humboldt nach Südamerika kam, fand er dort einen Papageien, der als einziger noch Worte in einer Indio-Sprache sagen konnte. Das Volk selbst war bereits ausgestorben.“
„Weil wir gerade von Sprachen reden... Ich sehe, dass sie hier alles auf Englisch beschriftet haben“, sagte ich. „Wird man das in der Zukunft noch verstehen können?“
„Einige Etage über uns gibt es eine genaue und einfache Erklärung“, sagte Herr Tuniak. „Sie haben natürlich Recht, dass es sonst leicht passieren könnte, dass Englisch vergessen wird und es niemand mehr verstehen kann.“

Noch weiter unten...
Ich kann nicht alles aufzählen, was Herr Tuniak mir gezeigt hatte. Als ich heute nach Hause kam, hatte ich so müde, als wäre ich mehrere Tage unterwegs gewesen (und weil wir ja mit der Zeitmaschine nur fünf Minuten nach unserer Abreise auch wieder zurück kamen, wäre das ja theoretisch auch möglich gewesen).
Wir kamen zu einer Gen-Datenbank, wo der genetische Code von sämtlichen Tieren und Pflanzen, die es je gegeben hatte, verewigt worden war. Ein großer Safe, der auch an eine Kühlanlage angeschlossen war, befand sich dort.
„Was haben sie dort drinnen gelagert?“, fragte ich. „Zellen?“
„Das haben wir überlegt und vielleicht werden wir das auch noch machen, aber das ist nicht dort“, sagte Herr Tuniak. „Dort drinnen ist Urschleim.“ Als er sah, dass ich nicht wusste, was er damit meinte, fügte er hinzu: „Die Substanz, aus der das erste Leben entstanden ist.“
„Heißt das... Könnten sie damit neues Leben erschaffen?“, fragte ich.
„Vielleicht“, sagte Herr Tuniak ausweichen. „Es war nicht meine Idee und ich bin auch nicht überzeugt, dass es funktionieren würde, aber... ja.“
Auf eine seltsame Art und Weise war es beruhigend zu wissen, dass, egal was auch an der Oberfläche passieren würde, hier unten die Möglichkeit für neues Leben existierte. Das beyul war eine Welt – und ihre Geschichte – in Miniatur. Hier war das Vermächtnis von Herrn Tuniak und seinen Müttern gelagert: Das Gedächtnis einer ganzen Welt.



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And now I think I am quite ready to go on another journey.

Sonntag, 4. November 2012

On se demande parfois si la vie a un sens, et puis on rencontre des êtres qui donnent un sens à la vie.


(Man fragt sich manchmal, ob das Leben einen Sinn hat und dann trifft man auf Leute, die dem Leben einen Sinn geben.)
- Gyula Halasz Brassaï


Als ich heute das Büro von Herrn Tuniak betrat, wirkte er nachdenklich. Er begrüßte mich, wie immer, aber er wirkte älter als letzte Woche. Ich habe schon einmal bemerkt, dass für ihn mehr Zeit zwischen unseren Treffen vergehen muss, als für mich, aber so deutlich wie heute ist es mir noch nie aufgefallen. Und das Thema „Alter“ schien auch ihn zu beschäftigen.
„Wenn man jung ist, versucht man die Welt zu verändern“, sagte er schließlich. „Wenn man älter wird und realisiert, dass sich die Welt nicht so leicht verändern lässt, versucht man zumindest seine Spuren zu hinterlassen. Aus diesem Grund habe ich mich mit meinen Müttern in Singapur, in einem Restaurant namens Aurum. Eshe und Philip waren auch dort.“
Ich erinnerte mich, dass ich Eshe vor einigen Monaten in Island getroffen hatte und das sie, wie Philip, ebenfalls unsterblich zu sein schien.
„Wenn ich sie kurz unterbrechen darf“, sagte ich. „Ich weiß es ist nicht wichtig, aber: War es ein besonders Restaurant?“
„Ja“, antwortete Herr Tuniak amüsiert. „Haben sie schon etwas von molekularer Gastronomie gehört? Nein? Die Köche dort hatten es sich zum Ziel gesetzt, komplett neue Geschmacksrichtungen zu kreieren. Wieso fragen sie?“
„Ich war nur neugierig, ob sie sich jemals in einem... normalen Restaurant getroffen haben“, sagte ich.
Herr Tuniak lachte kurz auf. „Nein, fast nie“, gab er dann zu. „Aber nachdem für uns mit der Zeitmaschine jeder Ort und jeder Zeitpunkt gleich weit weg ist, war es für uns eigentlich egal, wo wir uns trafen. Und warum sollten wir das nicht gleich ausnutzen?“

„Das ist ein Restaurant?“, fragte Philip, als sie das Lokal betreten hatten. „Es schaut eher aus wie ein OP-Saal.“
„Ich glaube, das ist die Idee dahinter“, meinte Maria.
Sie gingen, gefolgt von Eshe, Helena und Alexander zu dem Tisch, den für sie reserviert war. Aber anstelle von Stühlen, gab es Rollstühle.
„Nun, sie scheinen zu wissen, wie alt wir sind“, meinte Eshe, als sie sich hinsetzte. Sie legte eine Hand auf die Armlehne. „Ah, schade, kein echtes Gold. Aber es sieht überzeugend aus.“
„Wenn es dir gefällt, solltest du bald wieder kommen, es wird in einem Jahr schließen“, sagte Helena. Ein Kellner kam und sie alle gaben ihre Bestellungen auf.
„Ob man sich an dieses Restaurant in zehn Jahren noch erinnern wird?“, wunderte sich Alexander. „Philip, du hast dich nie gefragt, wie dein Vermächtnis eines Tages aussehen wird, oder?“
Philip schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Ich auch nicht“, warf Eshe ein. „Wenn man nicht stirbt, kann man auch nichts hinterlassen.“
Es war ein seltsames Bild, dass sich an dem Tisch bot. Die beiden Personen, die am jüngsten aussahen, waren tatsächlich die Ältesten. Gleichzeitig war aber für sie auch kein Ende ihres Lebens in Sicht.
„Habe ich euch von den Zeitkapseln erzählt, die Yuuto überall auf der Welt versteckt hat?“, fragte Alexander und alle Anwesenden nickten.
„Gut gemeint, aber, wie fast alles, was er macht, nur halbherzig durchgeführt“, meinte Philip. „So wie er es betreibt, kann er nur einen Bruchteil... den Bruchteil eines Bruchteils allen Wissens bewahren.“
„Ich habe mir überlegt, was wäre, wenn man die gleiche Idee, nur in einem viel größerem Rahmen verfolgen würde“, sagte Alexander. Er sah, wie seine Mütter ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn richteten. Vielleicht fürchteten sie, dass er wieder versuchen würde, den Lauf der Geschichte zu manipulieren, aber sie sagten nichts und ließen ihn weiter reden. „Ich habe im neunzehnten Jahrhundert eine Frau getroffen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, alles Wissen zu bewahren. Sie heißt Cailinn Noneach. Habt ihr von ihr gehört?“ Seine Mütter, die mit Gemini zusammenarbeiteten, kannten den Namen natürlich.
„Ich glaube, ich habe eines ihrer Bücher gelesen“, sagte Eshe. „Es ist aber schon... einige Zeit lang her. Sie hat Reiseberichte geschrieben, oder?“
„Sie war die Inspiration für die Gemini Foundation, die sämtliches Wissen der Menschheit sammelt, wo immer sie es auch finden kann“, erklärte Alexander. „Aber Gemini ist natürlich eingeschränkt. Niemand von Gemini kann in die Vergangenheit reisen und vieles ist deswegen verloren.“
„Und du willst für Gemini in die Vergangenheit reisen und dort... alles dokumentieren, um es für die Zukunft aufzubewahren?“, fragte Helena und Alexander bemerkte, dass sie nur mühsam ein Lächeln unterdrückte.
„Ja“, bestätigte Alexander. „Es muss niemand erfahren, von wo die Informationen kommen. Ich kann es heimlich machen. Und Gemini ist – leider – nicht so bekannt, dass es Aufsehen erregen würde. Ich... Warum lacht ihr?“
„Weil du versucht uns von etwas zu überzeugen, das wir bereits beschlossen haben“, sagte Maria. „Was glaubst du, warum wir Gemini beigetreten sind?“
„Wir haben bereits erste Pläne entworfen... wir haben Ideen, wie wir am besten vorgehen sollten“, sagte Helena. „Aber es gibt noch eine Schwierigkeit.“

„Meine Mütter und ich waren einer Meinung, aber es gab noch eine Person, die wir von unserem Vorhaben überzeugen mussten“, sagte Herr Tuniak. „Juliette Belloq. Sie kannte sich mit Zeitreisen besser aus, als jeder andere und nur sie konnte mit Sicherheit... mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, ob das, was wir vorhatten, schädliche Auswirkungen auf die Geschichte haben würde.“
„Sie wollten doch nur Wissen bewahren“, warf ich ein. „Was kann daran schädlich sein?“
„Und in meiner Jugend wollte ich bloß, die Entwicklung der Menschheit beschleunigen, das kann doch auch nicht schädlich sein“, gab Herr Tuniak zurück. „Ein guter Vorsatz ist leider nicht immer ein Schutz gegen ein schlechtes Resultat.“ Er wartete einen Moment, ob ich noch etwas sagen würde, dann fuhr er fort: „Ich hinterließ Juliette eine Nachricht in Gibraltar, dass ich mit ihr sprechen wollte. Ich bat sie nach Aachen im Jahr 1374 zu kommen.“
„Warum haben sie nicht einfach in Gibraltar auf sie gewartet?“

„Eine Videokamera im Mittelalter?“, fragte Juliette. „Willst du auffallen?“
„Hier draußen sieht uns niemand“, versicherte Alexander. Er hatte die Kamera auf ein Stativ auf einen Hügel gestellt und filmte die Vorkommnisse in dem Dorf, dass sich am unteren Ende des Hügels befand. „Außerdem sind dort unten sowieso alle zu sehr mit Tanzen beschäftigt. Schau mal.“
Juliette trat hinter die Kamera und blickte auf den kleinen Bildschirm. Dank dem starken Zoom konnte sie problemlos erkennen, wie die Einwohner des Dorfes in den Straßen tanzten. „Ein Festival?“, fragte sie.
„Nein, sie haben einfach spontan zu tanzen angefangen“, antwortete Alexander. „Keiner weiß warum. Auch in der Zukunft nicht. Es gibt Theorien, die gibt es immer, wie... Stress, etwas in den Lebensmitteln, es ist alles nur Show... aber keiner weiß es.“
„Ich nehme an, es hat einen bestimmten Grund, warum du mich hier treffen wolltest“, sagte Juliette. „Und ich glaube nicht, dass du mittanzen willst.“
„Nein, ich bin nur hier, um es aufzunehmen“, sagte Alexander.
„Warum?“, wollte Juliette wissen.
„Warum nicht?“, gab Alexander zurück. „Keiner weiß, warum die Leute dort unten tanzen. Keiner weiß, warum diese Tanzmanie plötzlich ausbrach und genau so plötzlich wieder verschwand. Vielleicht wird sie wieder kommen. Vielleicht nicht. Wir wissen es nicht. Aber sollte sie wieder kommen, werden wir dank diesen Aufnahmen in Zukunft mehr Informationen haben... Und teilweise ist es auch nur einfache Neugierde, dass ich hier bin. Wenn du so alt bist, wie...“ Er stoppte mitten im Satz und sah Juliette nachdenklich an. „Wer von uns beiden ist eigentlich momentan älter?“
„Im Zweifelsfall ich“, sagte Juliette. „Warum wolltest du mit mir sprechen?“
Alexander erzählte ihr von der Idee die seine Mütter und er hatten. Er erzählte von den Unmengen an verlorenem Wissen, dass sie entdecken und bewahren wollten. Er beschrieb die ersten – bei weitem noch nicht finalisierten – Pläne, die sie hatten, um dieses gesammelte Wissen sicher aufzubewahren. „Und ich erzähle dir das alles, weil wir sicher gehen wollen, dass wir nicht den Lauf der Geschichte ändern. Wir leben nicht in der Besten aller möglichen Welten, vielleicht nicht einmal in der Best-Möglichen, aber wir haben das... Ende gesehen und wir wissen, dass dieser Verlauf der Geschichte... funktioniert. Und wir wollen sicher gehen, dass es dabei bleibt.“
„Wenn ich dir also sage, dass das, was ihr vorhabt, zu gefährlich ist, dann...“
„...dann werden wir es nicht tun“, versicherte Alexander.
„Schon einmal in der fernen Zukunft gewesen?“, fragte Juliette, was Alexander verneinte. „Ist auch nicht so wichtig... Ihr habt meinen Segen für euer Projekt. Aber ich habe einige Bedingungen.“ Sie listete mehrere Dinge auf, die sie zu beachten hatten und Alexander stimmte ihr jedes Mal zu.

„Eine letzte Person gab es noch, die ich besuchen wollte, bevor ich anfing“, sagte Herr Tuniak.
„Cailinn selbst?“, fragte ich.
„Genau“, bestätigte er. „Zwischen dem Erscheinen ihres ersten und zweiten Buches lagen einige Jahre. Viel mehr Zeit, als bei all ihren späteren Büchern. Es hatte eine Zeit gegeben, zu der sie nicht sicher war, ob sie noch weitere Bücher schreiben würde. Ich wollte wissen, warum.“

Cailinn saß alleine in einem Zugabteil und obwohl sie aus dem Fenster blickte, nahm sie ihre Umgebung kaum wahr. Zu tief war sie in ihre Gedanken versunken. Sie bemerkte auch erst, dass sich jemanden ihr gegenüber hingesetzt hatte, als die Person sich räusperte.
„Alexander, was machen sie hier?“, fragte sie überrascht, als sie den Zugestiegenen erkannte.
„Ich wollte nur sehen, wie es ihnen geht“, antwortete Alexander. „Reisen sie nach London?“
„Ja, zu Hugo“, sagte Cailinn. „Warum sind sie hier?“ Ihre Augen schienen plötzlich zu leuchten. „Wird während der Fahrt etwas Ungewöhnliches passieren?“
„Soweit ich weiß nicht“, antwortete Alexander und bemerkte, dass das Feuer, das diese Idee in Cailinn entfacht hatte, rasch wieder erlosch. „Ich bin nur hier, um ihnen eine Frage zu stellen: Warum haben sie kein zweites Buch geschrieben? Als ich sie das letzte Mal sah, waren sie noch so voller Ideen...“
„Es ist schwer Bücher zu schreiben, die keiner lesen will“, sagte Cailinn. „Ich habe nicht mit einem großen Erfolg gerechnet, aber die Verkaufszahlen... sie waren sogar für mich deprimierend.“
„Sie sind enttäuscht, dass niemand ihr Buch liest?“, fragte Alexander. Er überlegte für einen Moment. Dann blickte er aus dem Fenster und als er sah, dass der Zug noch nicht weitergefahren war, nahm er Cailinns Hand. „Kommen sie! Ich möchte ihnen zeigen, was ihre... ihr Buch bewirken wird.“

Herr Tuniak verstummte. Ich blickte von meinen Notizen auf. „Sie werden mir erst das nächste Mal sagen, was sie Cailinn gezeigt haben, oder?“, fragte ich.
„Ich werde es ihnen zeigen“, sagte Herr Tuniak.
„Wurden sie schon einmal mit Scheherazade verglichen?“



NÄCHSTE WOCHE
Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.