(Ist
es eine Komödie oder eine Tragödie?)
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Connie Willis, “All Clear”
Ich
habe letzte Woche geschrieben, dass mich Herr Tuniaks Aussehen
überrascht und abgelenkt hat. Dabei hat er eigentlich so wie immer
ausgesehen. Zumindest dachte ich das, als ich ihn heute zum ersten
Mal gesehen habe. Das Bild, das sich mir heute im Büro bot...
Herr
Tuniak saß auf dem Sofa vor den Regalen. Sein Bart war noch länger
als letzte Woche, er reichte ihm mittlerweile bis zur Brust hinunter.
Seine Haare waren ebenfalls länger und ungewaschen. Er trug eine
graue Toga, die teilweise Löcher hatte und ebenfalls schon lange
nicht mehr gewaschen worden war. Vor ihm auf dem Boden lag ein langer
Holzstock, mindesten so lang wie er groß war.
Ich
begrüßte ihn mit einem kurzen „Ave“, woraufhin er lächelte.
Dabei konnte ich sehen, dass er seine Zähne gelblich gefärbt hatte.
„Was ist mit ihnen passiert?“, fragte ich.
„Überzeugend,
oder?“, sagte eine Stimme.
Ich
drehte mich überrascht zum Schreibtisch um. Ich hatte gar nicht
bemerkt, dass noch eine dritte Person im Zimmer anwesend war. Es war
Sarina, wie ich sofort erkannte. Sie musste mittlerweile fast sechzig
Jahr alt sein. Sie trug eine Brille und ich sah, dass sie außerdem,
als Scherz, auch noch ein Monokel für ihr drittes Auge hatte.
„Wir
werden heute ins Alte Rom reisen“, sagte Herr Tuniak. „Und damit
wir dort nicht auffallen, müssen wir uns zuerst ein wenig
verkleiden.“
„Ich
habe für sie eine Tunika vorbereitet“, sagte Sarina. Sie deutete
auf einen Paravan, der eine Ecke des Büros abdeckte.
Ich
trat hinter diesen Paravan und begann mich umzuziehen. Die Tunika war
mir ein wenig zu groß und reichte bis zu den Knien hinunter. Sie
fühlte sich rau an und war, genau so wie Herrn Tuniaks Toga,
ungewaschen und schmutzig. Nein, ich muss mich korrigieren: Sie war
präpariert worden, damit sie so aussah. Aber sie war nicht wirklich
schmutzig und sie roch auch nicht, wie ein ungewaschenes
Kleidungsstück. Ich fand außerdem ein Paar alte Sandalen aus Leder,
die Ähnlichkeiten mit modernen Flip-Flops hatten (später erfuhr
ich, dass diese Schuhe solea
genannt wurden und eigentlich nur Hausschuhe waren).
„Soll
ich die Sandalen auch anziehen?“, fragte ich.
„Nein,
nehmen sie die nur mit“, sagte Herr Tuniak. „Die ziehen wir erst
an, wenn wir aus der Zeitmaschine aussteigen. Ich finde, dass sie zum
gehen nicht sonderlich bequem sind.“
Ich
trat wieder vor den Paravan. Sarina hatte inzwischen ein großes Tuch
aufgebreitet, dass ich im ersten Moment für ein Segel aus Stoff für
ein Surfbrett hielt.
„Was
ist das?“, fragte ich.
„Ihre
Toga“, sagte Sarina.
„Sie
ist mindestens drei Mal so groß wie ich!“
Ich
weiß nicht, wie sie es schaffte, aber sie wickelte mich das Tuch so
oft um mich herum, dass ich am Schluss tatsächlich entfernte
Ähnlichkeiten mit einem alten Römer hatte. Ich machte vorsichtig
ein paar Schritte. Die Toga fiel fast zu Boden.
„Warten
sie einen Moment“, sagte Sarian und befestigte eine versteckte
Brosche. „Damit sollte es besser halten.“
Ich
ging wieder vorsichtig einige Schritte und diesmal fiel die Toga
nicht herunter. „Es ist... ungewohnt“, sagte ich. „Aber ich
nehme an, wenn man so etwas jeden Tag trägt...“
„...bleibt
es unangenehm“, vollendete Herr Tuniak den Satz für mich. „Ich
weiß nicht, wer die Toga erfunden hat, aber er wollte ganz
offensichtlich die Römer foltern. Glauben sie mir, selbst in der
Antike war die Toga nicht sonderlich beliebt.“
„Warum
wurde sie dann getragen?“, fragte ich.
„Als
Statussymbol“, erklärte Herr Tuniak. „Kommen sie, gehen wir zur
Zeitmaschine.“ Er stand auf und nahm seinen langen Stock in die
Hand. Zu dritt gingen wir hinunter zum Parkplatz.
Als
die Zeitmaschine landete, befanden wir uns in einer kleinen Schlucht,
durch die ein Bach floss. Herr Tuniak und ich stiegen aus, während
Sarina zurück blieb. Herr Tuniak hatte mir erklärt, dass er einen
alten Seher spielen würde und ich sein stummer Gehilfe war. Stumm
deswegen, weil ich natürlich kein Wort Latein sprechen konnte. Damit
ich trotzdem verstehen konnte, was gesagt wurde, hatte ich ein
kleines Funkgerät im Ohr, mit dem ich in ständigen Kontakt mit
Sarina war, die als Simultan-Dolmetscherin fungierte. Wir machten uns
auf den Weg.
Wir
wanderten für fast zwei Stunden, bevor wir zu einer Stadt kamen.
Herr Tuniak hatte die Zeitmaschine in sicherer Entfernung verstecken
müssen und wir konnten wegen der ungewohnten Kleidung und Schuhe
nicht sonderlich schnell gehen. Auf der Straße in den Ort begegneten
wir immer wieder anderen Menschen, aber keiner davon grüßte uns.
Einmal mussten wir auch einem von Pferden gezogenen Wagen ausweichen.
„Das
ist aber nicht Rom, dort vorne, oder?“, fragte ich flüsternd.
„Nein,
wir sind südlich von Rom“, antwortete Herr Tuniak genau so leise.
„Es
scheint hier viel los zu sein“, bemerkte ich.
„Ja,
heute ist Markttag und es wird auch Theater gespielt“, erklärte
Herr Tuniak. Dann gab er mir ein Zeichen, dass ich mich von nun an
stumm stellen sollte.
Er
hätte es mir wahrscheinlich nicht sagen müssen. Um mich herum gab
es so viel zu sehen, dass mir die Worte fehlten. Der Markt kam mir
bekannt vor und war gleichzeitig doch auch fremd. Bekannt, weil er im
Grunde nicht viel anders war, als viele Märkte, die es auch heute
noch, vor allem auf dem Land gibt. Waren wurden lautstark
angepriesen, Kunden verhandelten um die Preise und es gab Stände,
die Snacks (es hatte damals sicher einen anderen Namen) anboten.
Fremd, weil die Leute eine Sprache sprachen, die ich nicht verstehen
konnte, weil sie Gewand trugen, dass ich nicht kannte, weil die
Gerüche andere waren, als sie heute auf einem Markt zu finden sind.
Es gab Gaukler und Spieler. Bettler und Prediger. Ich bin sicher,
dass es auch einen Schwarzmarkt gab, denn mehrmals sah ich Männer,
die selbst ganz offensichtlich nicht gesehen werden wollten und die
potentielle Kunden hinter die Stände baten, wo sie nicht gesehen
werden konnten.
Wir
steuerten auf den Tempel zu. Mehrere Stufen führten zu den großen
Eingangstoren des Gebäudes. Auch dort herrschte ein reges Treiben.
Statuen schienen den Tempel zu bewachen. Ich erinnerte mich einmal
gelesen zu haben, dass der Grund, warum antike Statuen keine Pupillen
hatten, der war, dass die Pupillen aufgemalt worden waren. Und die
Statue, die ich dort sah, waren bemalt. Aber nicht nur im Gesicht.
Das ganze Gewand, dass sie trugen, war voller Farben und nicht bleich
und weiß, wie wir es heute fast überall sehen.
Ich
war so fasziniert von dieser neuen Welt, die sich um mich herum
ausbreitete, dass ich für einen Moment nicht darauf achtete, wo Herr
Tuniak hinging. Als ich mich suchend nach ihm umsah, war er in der
Menschenmenge verschwunden. Panik breitete sich in mir aus. Ohne
Herrn Tuniak hatte ich keine Möglichkeit wieder nach Hause zu kommen
und so gut mir diese alte römische Stadt auch gefiel, hatte ich
nicht vor, den Rest meines Lebens in ihr zu verbringen. Zum Glück
hatte aber auch Herr Tuniak einen kleinen Kopfhörer in einem seiner
Ohren und mit Sarinas Hilfe fanden wir relativ rasch wieder zusammen.
Von da an, achtete ich streng darauf, immer dicht hinter ihm zu
bleiben.
Wir
wanderten für etwa eine halbe Stunde durch die Stadt. Wir blieben
dabei immer in der Nähe des Marktes. Es war klar, dass Herr Tuniak
etwas oder jemanden suchte. Als wir zu einer Straße kamen, wo
weniger Leute unterwegs waren, riskierte ich es und fragte leise:
„Wonach suchen sie?“
„Nach
einem Jungen, der sich, genau so wie sie, verirrt hat“, sagte Herr
Tuniak. „Aber ich weiß nicht genau...“ Und er versank wieder in
Schweigen.
Wir
gingen weiter. Ab und zu sprach Herr Tuniak andere Menschen an und
redete mit ihnen auf Lateinisch. Sarina übersetzte mir, was er
sagte. Er bot seine Dienste als Seher an und wollte die Zukunft
prophezeien, aber niemand nahm seine Dienste in Anspruch. Ich glaube
auch nicht, dass er damit rechnete. Er wollte wahrscheinlich nur
keine Aufmerksamkeit erregen.
Plötzlich
blieb er stehen. Er packte mich am Arm und deutete mit seinem Stock
auf einen Marktstand. Vor dem Stand war ein einzelner, kleiner Junge.
Er war zwischen vier und fünf Jahren alt und sah sich suchend nach
jemandem um. Es dauerte nur einen Moment und ich begriff, dass der
Junge seine Eltern suchte.
Herr
Tuniak deutete, dass ich ihm in einigem Abstand folgen sollte und
ging dann auf den Jungen zu. Je näher wir dem Kind kamen, umso mehr
hatte ich das Gefühl, dass ich ihn kannte. Aber das war doch
lächerlich? Wie sollte ich ein Kind kennen, dass mindestens
zweitausend Jahre vor mir geborgen worden war?
Und
dann wusste ich plötzlich, wer der kleine Junge war.
Alexander
hatte seine Mütter verloren. Sie hatten eigentlich ins Theater gehen
wollen, aber mitten im Stück waren seine Mütter plötzlich
aufgestanden und hatte mit ihm das Theater verlassen. Alexander
wusste nicht warum. Sie hatten ihm versprochen, dass sie ihm erzählen
würden, wie das Stück ausging, aber er hatte das Gefühl, dass sie
das nicht machen würden. Am Ende des Stückes musste etwas
passieren, dass er nicht sehen sollte.
Sie
waren zur Ablenkung mit ihm auf den Markt gegangen, aber dort waren
so viele Menschen gewesen, dass er, obwohl er Maria gerade eben noch
an der Hand gehalten hatte, sie beide aus den Augen verloren hatte.
Jetzt war er alleine und wusste nicht, was er tun sollte.
„Hast
du deine Eltern verloren?“, fragte ein Mann. Er war alt und
schmutzig und wirkte wie ein Bettler. Alexander sagte nichts und trat
einen Schritt zurück. „Habe keine Angst“, sagte der alte Mann.
„Ich bin ein Seher und kann in die Zukunft sehen.“
„Niemand
kann in die Zukunft sehen“, antwortete Alexander trotzig.
„Ich
kann es“, versicherte der alte Mann. „Und ich verspreche dir,
dass du ein tolles... ein phantastisches Leben haben wirst. Ich sehe,
dass du um die ganze Welt reisen wirst. Du wirst Dinge sehen, die
sonst kaum jemand gesehen hat. Du wirst viele Menschen kennen lernen
und die meisten werden deine Freunde werden... Es wird aber auch
Zeiten und Momente geben, wo du traurig sein wirst, aber ich
verspreche dir, dass diese Momente schnell vorbei gehen werden.“
Alexander
trat noch einen Schritt zurück. Der alte Mann hatte eigentlich nur
allgemeine Phrasen von sich gegeben. Er hatte nichts Genaues gesagt.
Das Leben, das er beschrieb, konnte auf fast jeden Menschen
zutreffen. Und dennoch hatte Alexander das Gefühl, dass der alte
Mann mehr über ihn wusste, als er selbst. „Weißt du auch, wo
meine Mütter sind?“, fragte er.
„Ja“,
sagte der alte Mann. „Komm mit!“ Er streckte Alexander die Hand
aus, aber der Junge nahm sie nicht. Der alte Mann zuckte mit den
Schultern und ging los. Alexander folgte ihm mit einigem Abstand. Sie
waren noch nicht weit gegangen, da blieb der alte Mann wieder stehen.
Er zeigte zu den Stufen des Tempels und dort sah Alexander seine
beiden Mütter stehen. Sie sahen ihn auch sofort und liefen auf ihn
zu. Helena umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Maria musterte
den alten Mann.
„Er
hat euch gefunden“, erklärte Alexander.
„Haben
sie das?“, fragte Maria. „Und wer sind sie?“
„Nur
ein alter Seher“, sagte der Mann.
„Mhm“,
sagte Maria, nicht überzeugt. Sie warf ihm eine Münze zu. „Dann
sagen sie mir: Wird das Leben meines Sohnes eine Komödie oder eine
Tragödie sein?“
„Eine
Komödie“, antwortete der alte Mann und verschwand in der Menge.
„Ich
wollte mir so viel mehr sagen“, meinte Herr Tuniak, als wir auf dem
Rückweg zur Zeitmaschine waren. Wir hatten die Stadt bereits hinter
uns gelassen und konnten wieder frei sprechen. „Aber als ich mich
sah...“
„Erinnern
sie sich an diese Begegnung?“, fragte ich.
„Fast
nicht“, antwortete er. „Ich weiß eigentlich nur mehr, dass ich
mich einmal auf einem Markt verirrt hatte und das mir ein alter Mann
geholfen hatte, meine Mütter zu finden.“
„Glauben
sie, ihre Mütter haben sie erkannt?“
„Ich
glaube schon. Sonst hätten sie nicht ihre Frage gestellt.“
„Komödie
oder Tragödie? Würden sie ihr Leben Komödie bezeichnen?“
„Ja,
aber sie müssen wissen, dass hier, im Alten Rom, das Wort Komödie
noch ein bisschen eine andere Bedeutung hatte, als zu ihrer Zeit“,
sagte Herr Tuniak. „Eine Komödie muss nicht unbedingt lustig sein.
Es ist einfach eine Geschichte, die gut ausgeht.“
NÄCHSTE
WOCHE
Oh,
there's just one more thing...