(Den
Lauf der Geschichte zu ändern ist kein Problem – der Lauf der
Geschichte ändert sich nicht, weil er wie ein Puzzle zusammenpasst.)
-
Douglas Adams
„The
Restaurant at the End of the Universe“
Die
Atmosphäre heute im Büro war drückend und das nicht nur wegen dem
Wetter. Vor Herrn Tuniak auf dem Schreibtisch lagen zwei Bücher,
komplett identisch, soweit ich sehen konnte. Es waren Bücher über
frühe Kulturen in Polynesien. Aber im Moment ignorierte Herr Tuniak
die Bücher noch. Er sah auch mich nicht an, sondern starrte auf
einen Punkt vor sich, den nur er sehen konnte.
„Ich
versuchte zuerst das Gespräch mit Alice zu ignorieren“, erzählte
er. „Die Idee eine Zeitreise zu unternehmen, um aktiv die
Geschichte zu ändern, kam für mich nicht in Frage.“
„Weil
sie Bedenken hatten? Wegen nicht vorhersehbarer Konsequenzen?“,
fragte ich.
„Nein,
es war... einfach keine Frage für mich“, sagte Herr Tuniak. „Es
wäre, als würde man sie fragen, warum sie mit dem Auto fahren
anstatt damit zu fliegen. So fremd, so unverständlich war für mich
die Idee.“
„Wirklich?“
Herr
Tuniak zuckte mit den Schultern. „Sie können sich das nicht
vorstellen, ich verstehe das. Aber ich bin mit Zeitreisen
aufgewachsen, vielleicht hatte ich deswegen einen anderen Zugang.“
„Sie
haben auch als Kind nie versucht auf... sagen wir auf eine Hauswand
etwas zu schreiben und nachzusehen, ob es Jahre später noch dort
steht.“
Herr
Tuniak musste für einige Zeit überlegen, bevor er antwortete. „Man
kann argumentieren, dass jede Zeitreise automatisch die Vergangenheit
verändert. Einfach durch die Tatsache, dass ich zum Beispiel in Rom
ein paar Worte mit einem Seher gewechselt habe, zum Beispiel,
bedeutet, dass der Mann ein Gespräch geführt hat, das er sonst
nicht geführt hätte. Aber das verändert den Verlauf der Geschichte
nicht wirklich.“
„Nein?
Ist es nicht so, dass kleine Dinge große Änderungen bewirken
können? Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings etwa, der einen
Sturm auf der anderen Seite der Erde zur Folge hat.“
„Nein,
so funktioniert es nicht.“
Eine
Woche war seit dem Gespräch um Mitternacht vergangen. Alice und
Alexander hatten sich jeden Tag gesehen, da sie ja im gleichen Haus
wohnten. Aber sie hatten so getan, als ob nichts passiert wäre. Auf
der Oberfläche ignorierten sie das Gespräch.
Aber
in seinem Kopf, vor allem vor dem Einschlafen, wenn er durch nichts
Anderes abgelenkt war, beschäftigte Alexander die Frage von Alice
immer noch.
Es
war genau sieben Tage später. Alice war wieder als Einzige vor dem
Kamin geblieben. Sie hörte wieder ihre Musik und ließ sich vom
Feuer wärmen.
Alexander
war in sein Zimmer gegangen, aber als er wieder nicht einschlafen
konnte, kam er zurück. Die anderen schliefen alle.
Alexander
sah für einen Moment lang stumm zu Alice hin, die ihn, weil sie ihre
Augen geschlossen hatte, noch nicht bemerkt hatte. Dann schaltete er
ihre Musik aus. Sie öffnete ihre Augen.
„Man
kann die Geschichte nicht ändern“, griff Alexander direkt das
Gespräch auf, als wäre es nie unterbrochen worden.
„Bist
du dir sicher?“, fragte Alice zurück.
Er
setzte sich neben sie auf das Sofa. „Stell dir die Geschichte, die
gesamte Geschichte als einen großen See vor“, sagte er. „Nicht
nur die Geschichte der Menschheit, die Geschichte des ganzen
Universums. Ein Zeitreisender wäre ein kleiner Stein, den jemand vom
Ufer in den See hinein wirft.“
„Und
damit Wellen erzeugt?“, fragte Alice.
„Ja“,
stimmte Alexander zu. „Im ersten Moment wirst du Wellen sehen. Aber
je weiter die Wellen sich ausbreiten, umso kleiner werden sie. Am
anderen Ufer des Sees sind sie nicht mehr zu spüren. Und wenn du
einige Minuten wartest, vielleicht sogar kürzer, werden die Wellen
verschwunden sein und der See wird wieder zu so sein wie vorher.“
Alice
runzelte die Stirn. „Die Geschichte würde von selbst wieder in
ihren ursprünglichen Zustand zurück gehen?“
Alexander
wollte „Ja“ darauf antworten. Er wusste, dass, wenn er es tat,
die Diskussion zu Ende sein würde und sie ihn wahrscheinlich nie
mehr darauf ansprechen würde. Er wusste aber auch, dass er sie dann
anlügen würde. Und das wollte er auch nicht.
„So
gut wie“, sagte er deswegen, in der falschen Hoffnung, dass Alice
sich damit zufrieden geben würde.
Aber
sie fragte sofort: „Was heißt das?“
„Die
Geschichte wird einen... anderen Weg nehmen, um zum gleichen Ergebnis
zu kommen“, sagte Alexander. „Juliette hat es mir einmal erklärt,
aber ich habe nicht wirklich aufgepasst. Es hat etwas damit zu tun,
dass Energie verbraucht wird, wenn man die Geschichte verändert.
Aber da es ja nicht unbegrenzt viel Energie gibt, sucht die Zeit
immer den Weg des geringsten Widerstandes, um solche Änderungen
auszugleichen.“
„Lässt
du dir das gerade alles einfallen?“, fragte Alice skeptisch.
„Nein“,
sagte Alexander. „Soweit ich es verstehe, ist das die Wahrheit“
Sie
saßen für einige Zeit schweigend nebeneinander. Schließlich sagte
Alice: „Also kann man die Geschichte doch ändern.“
Alexander
seufzte tief. Das war nicht die Reaktion auf die er gehofft hatte.
„Wir
hatten noch mehrere solcher Gespräche, meistens in der Nacht“,
erzählte Herr Tuniak. „Alice ließ von ihrer Idee nicht los und
ich wies sie nicht ab, denn insgeheim war auch ich fasziniert von den
Möglichkeiten. Aber wahrscheinlich hätten wir es bei den Gesprächen
belassen, denn für mich war das Risiko zu groß. Was, wenn ich das
Wesen der Zeit doch falsch verstanden hätte? Was, wenn selbst eine
kleine Änderung unvorhersehbare Konsequenzen hätte?“
„Hätten
sie nicht ihre Mütter fragen können? Oder Juliette?“, fragte ich.
„Nein“,
schüttelte Herr Tuniak den Kopf. „Sie hätten sofort geahnt, was
ich vorgehabt hätte. Und sie hätten es sicher verhindert. Meine
Mütter – und Juliette sowieso – verstanden die Zeitmaschine und
Zeitreisen immer besser als ich.“
„Was
hat dann den Ausschlag gegeben?“
„Der
Kalte Krieg wird nicht in einem Weltkrieg enden“, erklärte Bill
stolz.
Er
und die anderen Bewohner der Villa Atterton saßen beim Frühstück
in der Küche, als er diese Meldung stolz verkündete.
„Das
wissen wir schon“, meinte Mowgli mit vollem Mund und deutete auf
Alexander.
„Ja,
aber ich habe jetzt auch den wissenschaftlichen Beweis dafür“,
erklärte Bill. Er legte mehrere Blätter auf den Tisch. Mowgli warf
einen kurzen Blick auf einen der Zettel und erklärte dann: „Das
kann alles bedeuten. Das ist komplett unlesbar.“
Neben
ihm saß Petula, die neueste Mitbewohnerin. Auch sie sah sich den
Zettel nur kurz an, aber ihr Urteil war anders. „Das ist
kyrillisch. Es ist Russisch, aber... ich kann die Wörter zwar lesen,
aber ich verstehe den Inhalt trotzdem nicht.“
„Das
sind Berechnungen von Feodor“, erklärte Bill.
„Feodor?
Ist das der Russe, der dich nach Leviathan gebracht hat?“, fragte
Sarina.
„Ja“,
sagte Bill. „Er hat ausgerechnet, dass der Dritte Weltkrieg
momentan äußerst unwahrscheinlich ist.“
„Und
wie kommt er darauf?“, fragte Alexander.
„Verschiedene
Faktoren“, sagte Bill. „Wirtschaftliche, soziale, politische. Es
würde im Moment einfach niemand davon profitieren. Das ist natürlich
keine sichere Vorhersage, aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er
Recht hat, ist sehr hoch.“
„Ich
bin sicher, die Wahrscheinlichkeit hat er auch selber ausgerechnet“,
lachte Mowgli.
„Die
Anderen nahmen Feodors Formeln der Geschichte nicht ernst“,
erklärte Herr Tuniak. „Aber ich fand sie wären eine gutes
Werkzeug, um Änderungen vorherzusagen.“
„Funktionieren
die Berechnungen?“, fragte ich.
„Nicht
immer“, gestand Herr Tuniak ein. „Sie sind bei Weitem nicht so
akkurat wie Feodor gerne behauptet und sie können nur allgemeine
Trends voraussagen. Und es braucht nicht viel, um sie komplett über
den Haufen zu werfen. Geschichte ist einfach nicht vorhersagbar,
dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle.“
„Aber
sie haben trotzdem die Formeln verwendet, um eine Änderung zu
planen?“, fragte ich.
„Ja“,
sagte Herr Tuniak. „Ich wählte dazu eine kleine Insel im Pazifik
aus. Wenige Einwohner, eingeschränkter Kontakt zur Außenwelt und
somit wenige Faktoren.“
Alice
hatte gerade die Villa betreten, als sie von Alexander begrüßt
wurde. Er hatte ein verschwörerisches Grinsen in seinem Gesicht und
sie folgte ihm auf sein Zimmer. Dort sperrte er die Tür zu und sagte
dann: „Ich habe es gemacht.“
„Was
hast du gemacht?“, fragte Alice.
„Ich
habe die Geschichte verändert“, sagte Alexander. „Nur eine
Kleinigkeit, nur ein Test. Aber es hat funktioniert. Ich habe einige
Monate auf einer Insel im Pazifik verbracht, vor etwa vierhundert
Jahren.“ Philip, erzählte er weiter, hatte ihm geholfen sich zu
verkleiden, damit er nicht zu sehr unter den Einwohner der Insel
auffiel. Philip hatte ihm und seinen Müttern schon oft geholfen in
der Vergangenheit keine Aufsehen zu erregen, also hatte er Alexanders
Bitte nicht als seltsam empfunden.
„Und
was hast du gemacht?“, fragte Alice.
Als
Antwort gab Alexander ihr zwei Bücher, die komplett gleich aussahen.
„Dieses
Buch habe ich von Sarina vor der Veränderung ausgeborgt, dieses hier
danach“, erklärte er. „Schlag die Seite vierunddreißig auf.“
Ich
sah zu den beiden Büchern vor Herrn Tuniak. Er nickte als
Bestätigung auf meine nicht formulierte Frage. „Ja, das sind die
beiden Bücher“, erklärte er. „Sie sind fast vollkommen gleich,
auf fast jeder Seite steht genau der gleiche Text. Mit einer
Ausnahme.“
„Seite
vierunddreißig“, sagte ich.
Herr
Tuniak nickte und deutete mir, dass ich die Bücher aufschlagen
sollte.
Ich
muss zugeben, dass meine Hände leicht zitterten, als ich die Seiten
umblätterte. In dem Kapitel, in dem sich eine Änderung vollzogen
hatte, ging es um die verschiedenen Sprachen der Inselbewohner
Polynesiens. Der Text war genau der gleiche in beiden Büchern mit
einer Ausnahme: Im veränderten Buch gab es auf der Seite einen extra
markierten Absatz mit der Überschrift „Rongorongo“. Darunter
wurde erklärt, dass keines der Inselvölker je eine eigene Schrift
entwickelt hatte mit einer Ausnahme. Das Volk der Osterinsel. Kurz
bevor sie mit europäischen Entdeckern in Kontakt getreten waren,
hatten sie ihre eigene Schrift entwickelt. Leider hielt sich diese
nicht lange, da sie von den Eroberern aus Europa unterdrückt wurde
und so bald wieder in Vergessenheit geriet. Das unveränderte Buch
hatte zu diesem Thema nichts zu sagen.
„Sie
haben ihnen eine Schrift beigebracht?“, fragte ich.
„Ja“,
sagte Herr Tuniak und es war klar, dass es nicht etwas war, auf das
er mit Stolz zurück blickte. „Ich verbrachte einige Wochen auf der
Insel und gab mich als Mitglied eines anderen Stammes aus, der
Schiffbruch erlitten hatte. Ich brachte ihnen Schrift nicht direkt
bei, aber wenn sie mich beobachteten, begann ich selbst Dinge
aufzuschreiben und sie lernten davon.“
„Du
hast es getan!“, rief Alice verblüfft aus. Sie hatte es bis zu
diesem Moment nicht glauben können.
„Ja,
aber wie du siehst, ist die Änderung schnell wieder rückgängig
gemacht worden“, sagte Alexander. „Wir müssen also genau
überlegen, wo wir...“
„Wir?“,
unterbrach ihn Alice.
„Es
war deine Idee“, sagte Alexander. „Sag bloß, du willst nicht?“
Aber
Alice lachten und ohne zu zögern sagte sie: „Also gut, was machen
wir als Erstes?“
NÄCHSTE
WOCHE:
星星之火可以燎原