Samstag, 26. Mai 2012

There is no problem with changing the course of history – the course of history does not change because it all fits together like a jigsaw.


(Den Lauf der Geschichte zu ändern ist kein Problem – der Lauf der Geschichte ändert sich nicht, weil er wie ein Puzzle zusammenpasst.)
- Douglas Adams
The Restaurant at the End of the Universe“


Die Atmosphäre heute im Büro war drückend und das nicht nur wegen dem Wetter. Vor Herrn Tuniak auf dem Schreibtisch lagen zwei Bücher, komplett identisch, soweit ich sehen konnte. Es waren Bücher über frühe Kulturen in Polynesien. Aber im Moment ignorierte Herr Tuniak die Bücher noch. Er sah auch mich nicht an, sondern starrte auf einen Punkt vor sich, den nur er sehen konnte.

Ich versuchte zuerst das Gespräch mit Alice zu ignorieren“, erzählte er. „Die Idee eine Zeitreise zu unternehmen, um aktiv die Geschichte zu ändern, kam für mich nicht in Frage.“
Weil sie Bedenken hatten? Wegen nicht vorhersehbarer Konsequenzen?“, fragte ich.
Nein, es war... einfach keine Frage für mich“, sagte Herr Tuniak. „Es wäre, als würde man sie fragen, warum sie mit dem Auto fahren anstatt damit zu fliegen. So fremd, so unverständlich war für mich die Idee.“
Wirklich?“
Herr Tuniak zuckte mit den Schultern. „Sie können sich das nicht vorstellen, ich verstehe das. Aber ich bin mit Zeitreisen aufgewachsen, vielleicht hatte ich deswegen einen anderen Zugang.“
Sie haben auch als Kind nie versucht auf... sagen wir auf eine Hauswand etwas zu schreiben und nachzusehen, ob es Jahre später noch dort steht.“
Herr Tuniak musste für einige Zeit überlegen, bevor er antwortete. „Man kann argumentieren, dass jede Zeitreise automatisch die Vergangenheit verändert. Einfach durch die Tatsache, dass ich zum Beispiel in Rom ein paar Worte mit einem Seher gewechselt habe, zum Beispiel, bedeutet, dass der Mann ein Gespräch geführt hat, das er sonst nicht geführt hätte. Aber das verändert den Verlauf der Geschichte nicht wirklich.“
Nein? Ist es nicht so, dass kleine Dinge große Änderungen bewirken können? Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings etwa, der einen Sturm auf der anderen Seite der Erde zur Folge hat.“
Nein, so funktioniert es nicht.“

Eine Woche war seit dem Gespräch um Mitternacht vergangen. Alice und Alexander hatten sich jeden Tag gesehen, da sie ja im gleichen Haus wohnten. Aber sie hatten so getan, als ob nichts passiert wäre. Auf der Oberfläche ignorierten sie das Gespräch.
Aber in seinem Kopf, vor allem vor dem Einschlafen, wenn er durch nichts Anderes abgelenkt war, beschäftigte Alexander die Frage von Alice immer noch.
Es war genau sieben Tage später. Alice war wieder als Einzige vor dem Kamin geblieben. Sie hörte wieder ihre Musik und ließ sich vom Feuer wärmen.
Alexander war in sein Zimmer gegangen, aber als er wieder nicht einschlafen konnte, kam er zurück. Die anderen schliefen alle.
Alexander sah für einen Moment lang stumm zu Alice hin, die ihn, weil sie ihre Augen geschlossen hatte, noch nicht bemerkt hatte. Dann schaltete er ihre Musik aus. Sie öffnete ihre Augen.
„Man kann die Geschichte nicht ändern“, griff Alexander direkt das Gespräch auf, als wäre es nie unterbrochen worden.
„Bist du dir sicher?“, fragte Alice zurück.
Er setzte sich neben sie auf das Sofa. „Stell dir die Geschichte, die gesamte Geschichte als einen großen See vor“, sagte er. „Nicht nur die Geschichte der Menschheit, die Geschichte des ganzen Universums. Ein Zeitreisender wäre ein kleiner Stein, den jemand vom Ufer in den See hinein wirft.“
„Und damit Wellen erzeugt?“, fragte Alice.
„Ja“, stimmte Alexander zu. „Im ersten Moment wirst du Wellen sehen. Aber je weiter die Wellen sich ausbreiten, umso kleiner werden sie. Am anderen Ufer des Sees sind sie nicht mehr zu spüren. Und wenn du einige Minuten wartest, vielleicht sogar kürzer, werden die Wellen verschwunden sein und der See wird wieder zu so sein wie vorher.“
Alice runzelte die Stirn. „Die Geschichte würde von selbst wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück gehen?“
Alexander wollte „Ja“ darauf antworten. Er wusste, dass, wenn er es tat, die Diskussion zu Ende sein würde und sie ihn wahrscheinlich nie mehr darauf ansprechen würde. Er wusste aber auch, dass er sie dann anlügen würde. Und das wollte er auch nicht.
„So gut wie“, sagte er deswegen, in der falschen Hoffnung, dass Alice sich damit zufrieden geben würde.
Aber sie fragte sofort: „Was heißt das?“
„Die Geschichte wird einen... anderen Weg nehmen, um zum gleichen Ergebnis zu kommen“, sagte Alexander. „Juliette hat es mir einmal erklärt, aber ich habe nicht wirklich aufgepasst. Es hat etwas damit zu tun, dass Energie verbraucht wird, wenn man die Geschichte verändert. Aber da es ja nicht unbegrenzt viel Energie gibt, sucht die Zeit immer den Weg des geringsten Widerstandes, um solche Änderungen auszugleichen.“
„Lässt du dir das gerade alles einfallen?“, fragte Alice skeptisch.
„Nein“, sagte Alexander. „Soweit ich es verstehe, ist das die Wahrheit“
Sie saßen für einige Zeit schweigend nebeneinander. Schließlich sagte Alice: „Also kann man die Geschichte doch ändern.“
Alexander seufzte tief. Das war nicht die Reaktion auf die er gehofft hatte.

Wir hatten noch mehrere solcher Gespräche, meistens in der Nacht“, erzählte Herr Tuniak. „Alice ließ von ihrer Idee nicht los und ich wies sie nicht ab, denn insgeheim war auch ich fasziniert von den Möglichkeiten. Aber wahrscheinlich hätten wir es bei den Gesprächen belassen, denn für mich war das Risiko zu groß. Was, wenn ich das Wesen der Zeit doch falsch verstanden hätte? Was, wenn selbst eine kleine Änderung unvorhersehbare Konsequenzen hätte?“
Hätten sie nicht ihre Mütter fragen können? Oder Juliette?“, fragte ich.
Nein“, schüttelte Herr Tuniak den Kopf. „Sie hätten sofort geahnt, was ich vorgehabt hätte. Und sie hätten es sicher verhindert. Meine Mütter – und Juliette sowieso – verstanden die Zeitmaschine und Zeitreisen immer besser als ich.“
Was hat dann den Ausschlag gegeben?“

„Der Kalte Krieg wird nicht in einem Weltkrieg enden“, erklärte Bill stolz.
Er und die anderen Bewohner der Villa Atterton saßen beim Frühstück in der Küche, als er diese Meldung stolz verkündete.
„Das wissen wir schon“, meinte Mowgli mit vollem Mund und deutete auf Alexander.
„Ja, aber ich habe jetzt auch den wissenschaftlichen Beweis dafür“, erklärte Bill. Er legte mehrere Blätter auf den Tisch. Mowgli warf einen kurzen Blick auf einen der Zettel und erklärte dann: „Das kann alles bedeuten. Das ist komplett unlesbar.“
Neben ihm saß Petula, die neueste Mitbewohnerin. Auch sie sah sich den Zettel nur kurz an, aber ihr Urteil war anders. „Das ist kyrillisch. Es ist Russisch, aber... ich kann die Wörter zwar lesen, aber ich verstehe den Inhalt trotzdem nicht.“
„Das sind Berechnungen von Feodor“, erklärte Bill.
„Feodor? Ist das der Russe, der dich nach Leviathan gebracht hat?“, fragte Sarina.
„Ja“, sagte Bill. „Er hat ausgerechnet, dass der Dritte Weltkrieg momentan äußerst unwahrscheinlich ist.“
„Und wie kommt er darauf?“, fragte Alexander.
„Verschiedene Faktoren“, sagte Bill. „Wirtschaftliche, soziale, politische. Es würde im Moment einfach niemand davon profitieren. Das ist natürlich keine sichere Vorhersage, aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er Recht hat, ist sehr hoch.“
„Ich bin sicher, die Wahrscheinlichkeit hat er auch selber ausgerechnet“, lachte Mowgli.

Die Anderen nahmen Feodors Formeln der Geschichte nicht ernst“, erklärte Herr Tuniak. „Aber ich fand sie wären eine gutes Werkzeug, um Änderungen vorherzusagen.“
Funktionieren die Berechnungen?“, fragte ich.
Nicht immer“, gestand Herr Tuniak ein. „Sie sind bei Weitem nicht so akkurat wie Feodor gerne behauptet und sie können nur allgemeine Trends voraussagen. Und es braucht nicht viel, um sie komplett über den Haufen zu werfen. Geschichte ist einfach nicht vorhersagbar, dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle.“
Aber sie haben trotzdem die Formeln verwendet, um eine Änderung zu planen?“, fragte ich.
Ja“, sagte Herr Tuniak. „Ich wählte dazu eine kleine Insel im Pazifik aus. Wenige Einwohner, eingeschränkter Kontakt zur Außenwelt und somit wenige Faktoren.“

Alice hatte gerade die Villa betreten, als sie von Alexander begrüßt wurde. Er hatte ein verschwörerisches Grinsen in seinem Gesicht und sie folgte ihm auf sein Zimmer. Dort sperrte er die Tür zu und sagte dann: „Ich habe es gemacht.“
„Was hast du gemacht?“, fragte Alice.
„Ich habe die Geschichte verändert“, sagte Alexander. „Nur eine Kleinigkeit, nur ein Test. Aber es hat funktioniert. Ich habe einige Monate auf einer Insel im Pazifik verbracht, vor etwa vierhundert Jahren.“ Philip, erzählte er weiter, hatte ihm geholfen sich zu verkleiden, damit er nicht zu sehr unter den Einwohner der Insel auffiel. Philip hatte ihm und seinen Müttern schon oft geholfen in der Vergangenheit keine Aufsehen zu erregen, also hatte er Alexanders Bitte nicht als seltsam empfunden.
„Und was hast du gemacht?“, fragte Alice.
Als Antwort gab Alexander ihr zwei Bücher, die komplett gleich aussahen.
„Dieses Buch habe ich von Sarina vor der Veränderung ausgeborgt, dieses hier danach“, erklärte er. „Schlag die Seite vierunddreißig auf.“

Ich sah zu den beiden Büchern vor Herrn Tuniak. Er nickte als Bestätigung auf meine nicht formulierte Frage. „Ja, das sind die beiden Bücher“, erklärte er. „Sie sind fast vollkommen gleich, auf fast jeder Seite steht genau der gleiche Text. Mit einer Ausnahme.“
Seite vierunddreißig“, sagte ich.
Herr Tuniak nickte und deutete mir, dass ich die Bücher aufschlagen sollte.
Ich muss zugeben, dass meine Hände leicht zitterten, als ich die Seiten umblätterte. In dem Kapitel, in dem sich eine Änderung vollzogen hatte, ging es um die verschiedenen Sprachen der Inselbewohner Polynesiens. Der Text war genau der gleiche in beiden Büchern mit einer Ausnahme: Im veränderten Buch gab es auf der Seite einen extra markierten Absatz mit der Überschrift „Rongorongo“. Darunter wurde erklärt, dass keines der Inselvölker je eine eigene Schrift entwickelt hatte mit einer Ausnahme. Das Volk der Osterinsel. Kurz bevor sie mit europäischen Entdeckern in Kontakt getreten waren, hatten sie ihre eigene Schrift entwickelt. Leider hielt sich diese nicht lange, da sie von den Eroberern aus Europa unterdrückt wurde und so bald wieder in Vergessenheit geriet. Das unveränderte Buch hatte zu diesem Thema nichts zu sagen.
Sie haben ihnen eine Schrift beigebracht?“, fragte ich.
Ja“, sagte Herr Tuniak und es war klar, dass es nicht etwas war, auf das er mit Stolz zurück blickte. „Ich verbrachte einige Wochen auf der Insel und gab mich als Mitglied eines anderen Stammes aus, der Schiffbruch erlitten hatte. Ich brachte ihnen Schrift nicht direkt bei, aber wenn sie mich beobachteten, begann ich selbst Dinge aufzuschreiben und sie lernten davon.“

„Du hast es getan!“, rief Alice verblüfft aus. Sie hatte es bis zu diesem Moment nicht glauben können.
„Ja, aber wie du siehst, ist die Änderung schnell wieder rückgängig gemacht worden“, sagte Alexander. „Wir müssen also genau überlegen, wo wir...“
„Wir?“, unterbrach ihn Alice.
„Es war deine Idee“, sagte Alexander. „Sag bloß, du willst nicht?“
Aber Alice lachten und ohne zu zögern sagte sie: „Also gut, was machen wir als Erstes?“



NÄCHSTE WOCHE:
星星之火可以燎原

Sonntag, 20. Mai 2012

Warum?


- jeder

Das war ein... ungewöhnliches Gespräch heute. Ungewöhnlicher als sonst. Herr Tuniak wirkte die ganze Zeit ein wenig abwesend, als wäre er mit seinen Gedanken eigentlich ganz woanders. Es war ein subtiler Unterschied und hätte ich heute zum ersten Mal gesehen, wäre es mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Außerdem hatte ich mehrmals das Gefühl, als würde er etwas sagen wollen, es sich im letzten Moment aber dann doch anders überlegen. Erst am Ende...

Aber gehen wir wieder der Reihe nach vor: Als ich heute in sein Büro kam, fragte er mich zuerst, ob es mir wieder besser ginge. So weit, so normal. Dann fragte er, ob ich irgend welche Fragen an ihn hätte?
Während unserer Gespräche habe ich, während ich mir Notizen gemacht habe, auch immer einige Fragen notiert. Dinge, die ich nicht verstand, Personen, von denen ich nicht wusste, wer sie waren. Die meisten Fragen beantwortete Herr Tuniak im Laufe der nächsten Gespräche ganz von selbst. Bemerkungen, die ich zuerst nicht verstanden hatte, erklärten sich plötzlich von selbst. Aber nicht alle Fragen wurden geklärt. Ich hatte tatsächlich eine Liste von Dingen, die mir nicht klar waren. Und da Herr Tuniak heute scheinbar nichts vorbereitet hatte, nutzte ich die Gelegenheit.

Warum... haben sie keinen Schriftsteller mit ihrer Biographie beauftragt?
„Das wollte ich zuerst auch. Ich hatte sogar schon einen Kandidaten im Auge, einen guten Freund. Sam Clemens. Sie kennen ihn besser als Mark Twain.“

Das Schiff schwamm langsam den Mississippi flussaufwärts. Die Ufer auf beiden Seiten waren dicht bewachsen und an den Bäumen und Sträuchern war gut zu erkennen, dass es hier vor kurzem einen Überschwemmung gegeben hatte.
An Deck waren mehrere Tische aufgestellt worden und ein Violinen-Quartett spielte Musik. Die Passagiere plauderten miteinander, man lachte, kurz: Alle hatten eine gute Zeit.
Zwei Männer, Mark Twain und Alexander Tuniak, saßen an einem Tisch. Twain hatte eine Zigarre im Mund und die Augen geschlossen. Als das Schiff einen Schwenk nach Steuerbord begann, öffnete er überrascht die Augen.
„Es gab eine Zeit, da hätte ich den Mississippi blind hinauf und hinunter fahren können“, sagte Twain. „Aber damals war ich noch jung.“ Er sah zu seinem Begleiter hinüber. „Du warst auch schon jünger. Letzte Woche sogar, wenn ich mich richtig erinnere.“
„Letzte Woche? Für mich sind einige Jahre vergangen“, antwortete Alexander. „Aber ich kann mich erinnern, dass du gesagt hast, du würdest nach New York fahren? Ist das jetzt?“
Twain nickte mit einem Lächeln. „Du fragst doch sicher nicht ohne Grund, oder?“
„Ja, ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“ Alexander nahm eine carte de visite aus seiner Jackentasche und reichte sie Twain. Dieser zog überrascht seine Augenbrauen in die Höhe. Die Frau, die auf dem Photo abgebildet war, trug kein Kleid, sondern Hosen. „Sie ist eine Freundin von mir und sie würde gerne Nikola Tesla kennen lernen. Sie kommt nächsten Monat nach New York und ich hatte gehofft, du würdest sie ihm vorstellen können.“
„Du weißt, dass Nikola und Frauen... keine gute Mischung sind“, sagte Twain.
„Sie ist anders.“
„Das sehe ich. Gerne. Ich wollte sowieso wieder bei ihm vorbei schauen.“
„Ich habe auch noch eine zweite Bitte.“
„Deine Biographie?“
Alexander sah Twain überrascht an. Er wusste, dass er schon mehrmals Andeutungen in die Richtung gemacht hatte, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Gegenüber den Grund für seine Anwesenheit so schnell erraten würde.
„Und du willst, dass ich sie schreibe, richtig?“, fuhr Twain fort. „Warum?“
„Weil es jeder als eine Ehre empfinden würde, wenn du seine Biographie schreibst“, sagte Alexander. „Und weil du bereits A Yankee in King Arthur's Court geschrieben hast. Eine weitere Geschichte über einen Zeitreisenden wäre nichts Ungewöhnliches für dich."
Twain dachte für einige Zeit lang nach, aber schüttelte schließlich den Kopf. „Ich muss leider ablehnen“, sagte er. „Und ich sage dir auch warum: Für deine Biographie brauchst du nicht einen alten Mann, dessen Leben sich dem Ende zuneigt.“
"Wer sagt, dass..."
"Halleys Komet  nähert sich wieder der Erde und er wird das Letzte sein, dass ich sehe", sagte Twain mit überzeugter Stimme. "Außerdem solltest du nicht Schriftsteller fragen, sondern Journalisten. Du hast genug phantastisches erlebt, du brauchst nicht einen Autor, der dein Leben noch phantastischer macht. Und er sollte noch jung sein, weil er sich dann in seinem Beruf noch beweisen muss und deswegen genauer und besser arbeiten wird. Suche dir also einen jungen Journalisten, am besten einen, der gerade erst sein Studium beendet hat. Das ist mein Ratschlag."


Warum... ich?
Als Zeitreisendem passiert es manchmal, dass man einen Blick in seine eigene Zukunft erlangt. Ich versuche solche Moment zu vermeiden, aber sie passieren trotzdem von Zeit zu Zeit. Von ihrer Perspektive aus, haben wir uns zum ersten Mal zu Beginn dieses Jahres getroffen, als sie in dieses Büro hier kamen und ich sie sofort für den Job engagierte. Aber aus meiner Perspektive war das bereits unsere zweite Begegnung. Das erste Mal sah ich sie, als sie zu meinem Familientreffen kamen und mich und meine Mütter photographierten. Ich fragte sie damals nicht wer sie waren. Aber als sie auf meine Anzeige reagierten, wusste ich sofort, warum sie zu dem Treffen mitgekommen waren. Deswegen gab es auch kein Bewerbungsgespräch. Ich wusste bereits, dass sie für den Job geeignet waren, weil sie ihn, aus meiner Sicht, bereits hatten.“


Warum... sagte Feodor über sie: „Geboren, weil er gelebt hat“?
Weil mein Leben auf einen Punkt zurück geht: Die Entwicklung der Zeitmaschine durch meine Mütter. Warum aber hat vor ihnen sonst niemand die Theorien von Juliette gefunden und angewendet? Weil Juliette sie versteckt hat. Sie hat sie an einem Ort versteckt, an dem sie sicher sein konnte, dass für über hundert Jahre sie keiner finden würde. Sie hat ihre Unterlagen in dem alten Haus versteckt, in dem meine Mütter sie gefunden haben. Juliette wollte, dass meine Mütter sie finden würde, weil sie bei ihnen sicher sein konnte, dass sie die Theorien nicht missbrauchen würden. Das konnte sie aber nur wissen, weil meine Mütter – aus Juliettes Sicht – die Zeitmaschine bereits entwickelt hatten, als sie Juliette zum ersten Mal trafen. Juliette musste also dafür sorgen, dass meine Mütter sie finden würde und schickte deswegen einen Teil ihrer Unterlagen an die Universität, an der ich arbeitete. Die Lieferung an die Abteilung war kein Fehler, sondern von Juliette absichtlich so geplant. So konnte ich nicht nur die Unterlagen, sondern schließlich auch gemeinsam mit meinen Müttern Juliette finden. Das heißt also, dass, weil ich gelebt habe, meine Mütter die Pläne für die Zeitmaschine fanden.“


Die letzte Antwort ging bereits in eine Richtung, die ich erwartet hatte und es drängte sich deswegen auch gleich die nächste Frage auf. Aber ich zögerte einen Moment, bevor ich sie stellte. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob ich wirklich einen Antwort darauf haben wollte.

Warum... haben sie die Zeitmaschine nie dazu verwendet, die Geschichte zu verändern?
Wer sagt, dass ich es nie getan habe?“
Herr Tuniak schwieg für einige Minuten. Schließlich sagte er: „Die letzten beiden Wochen schon habe ich versucht mich um dieses Thema zu drücken. Ich bin deswegen mit ihnen zur Gemini-Station gereist und mit ihrer Freundin zu Feodor. Der nächste... Teil meines Lebens ist ein Teil, den ich manchmal am liebsten vergessen oder komplett ungeschehen machen würde. Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, es komplett zu verheimlichen. Deswegen die... Ausflüge in den letzten Wochen. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, um nicht darüber sprechen zu müssen. Aber wenn ich nicht bereit bin die Wahrheit zu sagen, dann brauche ich auch gleich keine Biographie schreiben.“

Wie war London?“, fragte Alice, als Alexander in die Villa Atterton zurück kehrte. Es war bereits nach Mitternacht. Alexander hatte einen Auftrag als Photograph gehabt und den ganzen Tag in der Stadt verbracht.
Wild und laut, wie immer“, sagte er. „Wo sind alle anderen?“
Die schlafen bereits.“ Alice lag auf dem Sofa vor dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte. Es erzeugte gerade genug Licht, damit man sich im Zimmer bewegen konnte, ohne an den Möbeln anzustoßen. Musik ertönte leise aus einem Lautsprecher. Alice hatte eine ihrer Platten aufgelegt. "Was hast du gemacht?"
"Sie haben einen neuen Ganzkörperscanner im Hammersmith Hospital installiert", erzählte Alexander begeistert. "Er ist der erste seiner Art. Du wirst sehen, in einigen Jahren wird er aus Spitälern nicht mehr wegzudenken sein."
"Ist er hilfreich für die Ärzte?"
"Das kann man wohl sagen."
"Schade dann, dass sie ihn nicht schon früher entwickelt haben."
Alexander hatte sich mit dem Gesicht zum Feuer vor den Kamin gesetzt. Jetzt wandte er sich überrascht Alice zu. „Was meinst du?“, fragte er.
Alice zuckte nur mit den Schultern. „Ich meine bloß, dass sie damit unzählige Menschen hätten retten können, wenn sie ihn schon früher erfunden hätten.“
"Ja, wahrscheinlich... sicher sogar."
"Und das stört dich nicht?" Alice klang plötzlich gar nicht mehr müde, sondern hellwach. "Schließlich hättest du die Möglichkeit etwas zu ändern."
Alexander sah sie für einen Moment stumm an, bevor er antwortete: „Ich könnte auch dafür sorgen, dass Penicillin früher entwickelt wird. Das würde auch vielen Menschen helfen. Und gleichzeitig würde es auch dafür sorgen, dass Afrika viel früher und viel länger kolonisiert und ausgebeutet wird.“
"Ja, wenn man nur in die Zukunft reisen könnte, um zu sehen, was für Auswirkungen kleine Veränderungen in der Vergangenheit haben. Oh, das kannst du ja..."
Alexander wandte sich wieder dem Feuer zu.
Alice stand auf und schaltete die Musik aus. Dann sagte sie: „Weiß du, die meisten Menschen, wenn sie jung sind, nehmen sich vor die Welt zu verändern. Sie sage, warte nur, bis ich groß bin und die Möglichkeit dazu habe. Dann werde ich alles besser machen. Aber die wenigsten verändern die Welt. Weißt du warum?“
Alexander wollte nicht auf die Frage eingehen, aber als Alice nichts weiter sagte, fragte er schließlich: „Warum?“
"Weil die meisten nicht die Möglichkeiten haben. Die Welt ist zu groß dafür. Aber du hast die Möglichkeit. Du hast eine Zeitmaschine! Aber das Einzige, was du damit machst, ist ein paar nette Photos zu schießen. Warum?"
Und damit ließ sie ihn alleine vor dem Kamin zurück.



NÄCHSTE WOCHE:
There is no problem with changing the course of history – the course of history does not change because it all fits together like a jigsaw.

Sonntag, 13. Mai 2012

The universe is one big coincidence. Cosmically improbable coincidences happen all the time. We just don't notice them all.


(Das Universum ist ein großer Zufall. Kosmisch unwahrscheinliche Zufälle passieren die ganze Zeit. Wir bemerken sie bloß nicht alle.)
- Patrick Jane


Ich beginne heute mit einem Nachtrag. Letzte Woche blieben Herr Tuniak und ich bis zum Abendessen in der Gemini-Station. Kapitän Nemo wäre auf dieses Essen stolz gewesen. So viele verschiedene Arten von Fischen und anderen Meeresfrüchten habe ich noch nie gleichzeitig gesehen. Unsere Gastgeber bestanden darauf, dass wir alles ausprobierten.
Am Montag ging es mir auch noch gut, aber ab Dienstag merkte ich, dass mein Magen rebellierte. Danach bin ich bis heute im Bett gelegen. Ich weiß nicht, ob es wirklich mit der – für mich ungewöhnlichen – Küche in Zusammenhang steht oder ob ich mir von woanders einen Magenvirus eingefangen habe. Tatsache ist aber, dass ich heute nicht in der Lage war Herrn Tuniak zu besuchen. Eine Freundin von mir war deswegen so nett und ist für mich eingesprungen. Allerdings erst nachdem sie mir einen Vortrag darüber gehalten hat, wie ich bisher den Blog geführt habe. Sie warf mir vor, dass ich mich nicht an journalistische Vorsätze halte und meine „Rückblenden“ doch nur auf reinen Spekulationen beruhten und ich nicht wissen könne, was wirklich passiert sei. Außerdem würde ich viel zu passiv vorgehen. Ich erwiderte, dass Herr Tuniak sein Leben als Geschichte erzählen wollte und das doch sicherlich alle Leser wissen würden, dass ich bei den „Rückblenden“ nicht persönlich anwesend war. Im Großen und Ganzen aber seien die Dinge so wie beschrieben passiert, sonst hätte mich Herr Tuniak sicherlich ausgebessert. Sie wollte das nicht gelten lassen und meinte ich hätte wohl auf der Universität nur geschlafen.
Deswegen wird sie uns jetzt präsentieren, wie man so eine Biographie richtig schreibt:



Herr Tuniak erwartete mich in seinem Büro. Nach der Begrüßung und etwas Small Talk, fragte ich ihn:

I: Wenn man auf ihr bisheriges Leben zurück blickt – und ich nehme an, dass wird auch für die Lebensabschnitte gelten, die sie noch beschreiben werden – fällt einem auf, dass ihnen viele ungewöhnliche Leute begegnet sind.
T (Herr Tuniak): Ja. Wieso?
I: Nun, es scheint mir fast unwahrscheinlich, dass...
T: Sie meinen, ich habe das alles nur erfunden?
I: Nein, ganz sicher nicht. Ich weiß, dass sie auf alle Fälle eine Zeitmaschine haben und damit alleine lässt sich schon sehr viel erklären, was sonst als ein ungewöhnlicher Zufall erscheinen mag. Aber nicht alles.
T: Zum Beispiel?
I: Nehmen wir die Gemini-Foundation, von der sie letzte Woche erzählt haben. Sie haben sie komplett zufällig auf dem Meer getroffen. Ihre Zeitmaschine hatte damit nichts zu tun.
T: Wenn sie mir keine Lüge unterstellen wollen, worauf wollen sie dann hinaus?
I: Fassen sie Ereignisse zusammen? Wenn sie von ihrem Leben erzählen, fassen sie da Dinge zusammen, die eigentlich mehrere Wochen auseinander liegen, um einen besseren Narrativ zu erhalten?
T: Sie meinen, sie hätten keinen Probleme mit meinen sämtlichen Begegnungen, wenn sie in größeren zeitlichen Abständen erfolgten?
I: Es würde plausibler sein, ja.
T: Ich muss sie enttäuschen, es ist wirklich genau so passiert, wie ich es beschrieben habe. Und ich habe sogar von einer Theorie gehört, die diese – wie sie es nannten – unwahrscheinlichen Zufälle erklären könnte. Kommen sie mit.

Wir fuhren zu der Zeitmaschine im Wald. Während der Fahrt erklärte Herr Tuniak mir, wo wir hinfahren würden.

T: Es gibt einen russischen Mathematiker namens Feodor. Sie werden noch nie von ihm gehört haben, er lebt seit den 60ern versteckt.
I: Feodor? Ist das sein Vorname oder sein Nachname?
T: Sein Vorname. Seinen Nachnamen hat er seit vierzig Jahren nicht mehr verwendet. Er hat eine Theorie entwickelt, die er Beeinflusste Wahrscheinlichkeitstheorie nennt.
I: Hat er Artikel zu dieser Theorie veröffentlicht? Gibt es Peer-Reviews?
T: Nein, er hält die Details geheim. Er will sie erst nach seinem Tod öffentlich machen. Aber ich persönlich habe sie... getestet. Ich habe bis jetzt noch keinen Fehler finden könnten.
I: Sie haben sie experimentell getestet?
T: Kann man so sagen.
I: Aber sie haben nicht die Formeln überprüft? Dann haben sie sie bloß für einen Einzelfall bewiesen, oder?
T: Wenn man es genau nehmen will: Ja.

Wir erreichten die Zeitmaschine. Herr Tuniak aktivierte sie.
Als wir wieder ausstiegen, befand ich mich auf eine Baustelle. Wir waren mitten in einem nicht fertigen Hochhaus, wahrscheinlich im neunzigsten Stock. Die Wände waren nicht verputzt, die Fenster nicht verglast und an mehreren Stellen waren die leeren Rohre für die Stromleitungen zu sehen. Ich konnte sehen, dass das Gebäude ungefähr die Form einer Pyramide hatte und das wir uns in einer Stadt befanden.

I: Wo sind wir hier?
T: Pjöngjang. Zehn Jahre in der Vergangenheit von ihrer Perspektive aus gesehen. Wir sind im Ryugyŏng-Hotel. Es ist auf keiner Karte verzeichnet und die Regierung tut so, als würde es gar nicht existieren.
I: Was? Wir sind in einem riesigen Hochhaus!
T: Ja und es gibt nicht genug Geld, um es fertigzustellen. Es ist das perfekte Versteck, weil alle so tun, als würde es gar nicht hier sein. Kommen sie, wir müssen noch einen Stock hinauf.

Es gab Liftschächte, aber keine Lifte. Wir mussten eine Treppe hinauf gehen. Oben wurden wir bereits von einem Mann erwartet. Er war ungefähr siebzig Jahre alt, hatte kurzes weißes Haar, dunkle tief sitzende Augen, eine Brille und eine Narbe auf seiner linken Wange. Das war Feodor. Er sprach Englisch mit einem starken russischen Akzent.

F (Feodor): Habt ihr Katzen mitgebracht?
T: Nein, haben wir nicht. Ich habe extra aufgepasst.
F: Gut, gut. Dann freut es mich, dich zu sehen, Lex. Und wer ist das?

Herr Tuniak stellte mich vor und sagte, dass wir hier seien, weil ich mich für seine Theorie der Beeinflussten Wahrscheinlichkeit interessierte. Das schien ihn zu begeistern und er deutete uns, dass wir ihm folgen sollten.

I: Warum hat er nach Katzen gefragt?
T: Weil er sie für Spione der CIA hält.

Ich hatte die Frage leise gestellt und Herr Tuniak hatte auch leise geantwortet, aber Feodor hatte uns trotzdem gehört.

F: Projekt Acoustic Kitty. Sie haben Katzen als Spione trainiert mit Mikrophonen und einer Antenne im Schwanz. Angeblich machen sie das heute nicht mehr, aber ich traue ihnen nicht.

Wir kamen zu einer Tafel, die mit mir unverständlichen mathematischen Formeln beschrieben war. Feodor legte eine Münze auf die Fläche seiner rechten Hand und hielt sie so, dass ich sie sehen konnte.

F: Wenn ich eine Münze werfe, ist Kopf oder Zahl wahrscheinlicher?
I: Beides ist gleich wahrscheinlich. Die Chancen stehen 50:50.
F: Falsch! Kopf ist wahrscheinlicher, weil Kopf jetzt oben aufliegt. Wenn ich sie am Rand über den Boden rollen lasse, wird sie eher auf Kopf oder auf Zahl fallen?
I: Ich würde wieder sagen beide Möglichkeiten sind gleich wahrscheinlich. Aber sie werden mich ausbessern, nicht?
F: Sie lernen schnell. Wieder ist Kopf wahrscheinlicher, weil es auf der Zahl-Seite ein bisschen mehr Material gibt, die Münze auf der Seite also ein bisschen schwerer ist.
I: Ok. Was hat das mit Herrn Tuniak und seinen Bekanntschaften zu tun?
F: Hetzen sie mich nicht. Ich will sie in die Geheimnise des Universums einweihen. Das erste Geheimnis ist: Es gibt keine 50:50 Chancen. Es gibt immer ein Ergebnis, das wahrscheinlicher ist als die Alternative. Verstehen sie das?
I: Ich verstehe, was sie meinen, ja.
F: Wir müssen uns also fragen: In welche Richtung tendiert das Universum?
I: Welche Richtung? Welche Möglichkeiten gibt es denn?
F: Existenz und Nicht-Existenz. Und zu unserem Glück tendiert es zur Existenz und ich habe sogar einen Beweis dafür.
I: Und der wäre?
F: Der Urknall. Wussten sie, dass es theoretisch möglich ist, Dinge aus dem Nichts zu erzeugen?
I: Das verletzt doch sicher einige Gesetze der Physik.
F: Nicht, wenn man geschickt ist. Ich kann aus dem Nichts ein Kilo Materie erzeugen, wenn ich gleichzeitig auch ein Kilo Anti-Materie erschaffe. Theoretisch, versteht sich. Es wäre so, als würde ich in einer langen Rechnung irgendwo +1 und -1 einfügen. Am Gesamtergebnis ändert sich nichts.
I: Aber wenn sie im Endeffekt nichts verändert haben... was bringt es dann?
F: Als das Universum entstand, beim Urknall, hätte es theoretisch gleich viel Materie und Anti-Materie geben müssen. Und sie hätten sich sofort danach auch gegenseitig wieder auslöschen müssen.
I: Aber wenn sie es getan hätten, dann würden wir jetzt nicht hier sein.
F: Genau. Es war also nicht genau 50/50, es gab ein bisschen mehr Materie. Und damit entstand das Universum. Das heißt, dass von Beginn an ein Ungleichgewicht bestanden hat. Können sie mir folgen?
I: Noch.
F: Jetzt überlegen sie folgendes: Was ist, objektiv betrachtet, wahrscheinlicher? Dass das Universum existiert oder dass es nicht existiert?
I: Was? Dass es existiert, sonst wären wir ja nicht hier.
F: Falsch! Es ist wahrscheinlicher, dass es nicht existiert. Wissen sie wie viele Bedingungen erfüllt sein müssen, damit so etwas wie unser Universum entstehen kann? Hier kommen wir zu dem zweiten Geheimnis: Das Universum tendiert zum Unwahrscheinlichen. Es ist unwahrscheinlich, dass es existiert und doch tut es das. Fragen sie jeden Statistiker, den sie wollen und er wird ihnen vorrechnen, wie unwahrscheinlich es ist, dass Leben entsteht. Und doch leben wir. Das ist das größte Paradoxon, das es gibt: Das Unwahrscheinliche ist wahrscheinlich.
I: Also sind die unwahrscheinlichen Begegnungen von Herrn Tuniak das Ergebnis eines... kosmischen Paradoxons? Eines universellen Gesetzes?
F: Ja. Er selbst ist das Produkt dieses Gesetzes. Zwei Frauen, deren Kind nicht eine Tochter, sondern ein Sohn ist. Geboren, bevor seine Mütter geboren wurden. Geboren, weil er gelebt hat.

Feodor wechselte plötzlich ins Russische und begann auf der Tafel neue Formeln aufzuschreiben. Herr Tuniak nahm mich ein wenig beiseite.

T: Er rechnet ihnen gerade mein Leben vor. Er wird jetzt für einige Stunden nicht ansprechbar sein. Ich hoffe, sie haben nichts dagegen, wenn wir gehen. Ihm wird es nicht auffallen.

Herr Tuniak schrieb auf einen Zettel „Setze dich im Mai 2012 mit Gemini in Verbindung und verschwinde vor 2007 aus diesem Hotel“, legte ihn auf einen Tisch und dann gingen wir zurück zur Zeitmaschine. Als wir eingestiegen waren, startete er sie aber nicht sofort, sondern wandte sich zuerst mir zu.

T: Was halten sie von ihm?
I: Er ist verrückt.
T: Ohne Zweifel. Die Experimente, die er bei der CIA in der 60ern mitgemacht hat... Aber das hat nichts mit der Gültigkeit seiner Theorien zu tun.
I: Ich weiß nicht, ob ich ihm glauben kann.
T: Dabei haben sie noch gar nicht seine wirklich verrückten Theorien gehört.
I: War das alles ein Test? Wollten sie sehen, wie ich reagieren würde?
T: Nein. Sie haben angefangen über Wahrscheinlichkeiten zu reden. Sie haben behauptet, dass mein Leben zu unwahrscheinlich ist. Ich habe ihnen nur gezeigt, dass die Welt insgesamt viel unwahrscheinlicher ist, als sie es sich vorgestellt haben.



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Warum?

Sonntag, 6. Mai 2012

La mer n'est que le véhicule d'une surnaturelle et prodigieuse existence; elle n'est que mouvement et amour. c'est l'infini vivant, comme l'a dit un de vos poètes.


(Das Meer ist nur ein Bereich für übernatürliche und außergewöhnliche Existenz; es ist nur Bewegung und Liebe. Es ist die lebendes Unendlichkeit, wie einer ihrer Dichter sagte.)
- Jules Verne
Vingt mille lieues sous les mers“


Als ich Herrn Tuniak heute vor dem Gebäude der Raben Consulting traf, sah ich ihn das erste Mal mit einem Stock. Er stützte sich ein wenig darauf ab, aber es war klar, dass er auch ohne Stock hätte stehen können.
Wir stiegen in seine Limousine und fuhren zur Zeitmaschine.
Haben sie gute Schuhe angezogen?“, fragte er mich.
Ich bejahte. Er hatte mir gestern eine SMS geschickt in der er mir wasserfestes Schuhwerk für heute empfohlen hatte.
Wir bleiben in der Gegenwart, ihrer Gegenwart“, erklärte Herr Tuniak als wir die Zeitmaschine betraten. „Die Gemini Foundation mietete sich die RP Flip nämlich, um einen geeigneten Ort für ihre Forschungsstation zu finden.“
Eine Station wie eine Bohrinsel?“, fragte ich.
Nein... obwohl, Gemini besitzt so eine auch. Nein, heute besuchen wir ihre Unterwasser-Station.“
Als wir allerdings aus der Zeitmaschine wieder ausstiegen, waren wir immer noch über Wasser. Wir waren auf einer großen Plattform gelandet, die mitten im Ozean schwamm. Sie war groß genug, dass zehn Zeitmaschinen nebeneinander auf ihr Platz gehabt hätten. Aber man spürte trotzdem noch die Bewegung der Wellen und über ihre Rändern schwappte immer wieder Wasser. Jetzt sah ich auch, warum Herr Tuniak einen Stock mitgenommen hatte. Hier auf der Plattform musste er sich auf ihn stützen, sonst wäre er mit Sicherheit umgefallen. Ich hoffe, er verzeiht mir, wenn ich das hier schreibe, aber: Heute wirkte er zum ersten Mal alt. Neben der Zeitmaschine stehend, über uns der graue, bewölkte Himmel, um uns herum das ebenso graue Meer, sah er aus wie ein Mann an dem ein Jahrhundert vorbeigegangen war.
Wo sind wir hier?“, fragte ich.
Im nördlichen Atlantik“, erklärte Herr Tuniak. Er deutete mit einer Hand hinaus aufs Meer. „Dort geht es zum Nordpol.“ Dann warf er einen Blick auf die Uhr. „Keine Sorge, wir werden gleich abgeholt. Ich habe unser Kommen angekündigt. Ah, da!“
Das Wasser neben der Plattform schien für einen Moment zu kochen. Luftblasen strömten in großen Mengen an die Oberfläche und plötzlich tauchte ein kleines U-Boot auf. Auf seiner Oberseite öffnete sich eine Klappe und Carla schaute heraus. Ich hatte sie das letzte Mal auf der Insel Leviathan gesehen und erkannte sie sofort.
Ahoi!“, rief sie fröhlich. Mit zwei Schnüren befestigte sie das U-Boot an der Plattform. Dann halfen wir gemeinsam Herrn Tuniak in das U-Boot hinein. Es war ein modernes U-Boot, aber sehr klein. Offiziell war es für vier Personen ausgelegt, aber selbst zu dritt hatten wir kaum Platz uns darin zu bewegen. „Dad hat das große Boot“, sagte sie entschuldigend. „Nehmen wir die kurze Route oder die schöne Route?“
Die schöne, natürlich“, sagte Herr Tuniak und deutete auf mich. „Wir wollen unseren Gast doch beeindrucken.“
Wir tauchten ab.

Das U-Boot hatte vier Bullaugen, durch die ich ins Meer hinaus sehen konnte. Aber das Licht wurde rasch immer schwächer und bald waren wir von absoluter Dunkelheit umgeben. Carla steuerte das Boot, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Ich glaube, während der gesamten Fahrt, hat sie nicht ein einziges Mal auf ihre Instrumente geschaut.
Fünfhundert Meter“, sagte Herr Tuniak zu mir. „Wir haben die Hälfte.“
Ich hatte keine Ahnung wie schnell wir uns bewegten. Ohne Orientierungspunkt und bei gleich bleibender Geschwindigkeit ist es unmöglich abzuschätzen, wie schnell man sich bewegt.
Carla schaltete die Lichter im Boot ab. Sie waren zuvor schon stark gedimmt gewesen, aber jetzt herrschte wirklich absolute Dunkelheit.
Schaut links raus“, sagte Carla. „Ihr habt Glück. Long John Silver ist zu Besuch.“
Aus dem Bullauge blickend, sah ich zu meiner Überraschung ein Licht. Es war nur schwach, aber je näher wir kamen, umso stärker wurde es und um so deutlicher konnte ich es erkennen. Es war ein Qualle mit scheinbar unendlich langen Tentakeln. Ich wusste zuerst nicht, wie groß das Tier war, da mir ein Referenzpunkt fehlte. Aber das Tier war so freundlich diesen zu bieten. Es schwamm nämlich knapp über dem Boden und plötzlich konnte ich, schwach aber doch, in seinem Licht ein Schiffswrack sehen. Ich zuckte erschrocken zurück. Die Tentakeln mussten über dreißig Meter lang gewesen sein.
Das ist Long John Silver?“, fragte ich.
Ja“, sagte Carla. „Er kommt uns manchmal besuchen.“
Die Qualle schwamm weiter, uns komplett ignorierend.
Wir sind gleich da“, versprach Carla.

Wir waren etwas über eintausend Meter unter der Meeresoberfläche, als wir die Station schließlich erreichten. Carla steuerte das kleine U-Boot auf eine Rampe, die uns in die Station brachte. Dann mussten wir warten, bis das Wasser abgepumpt worden war.
Als wir das U-Boot verließen, wurden wir von einer Frau begrüßt, die Herr Tuniak als Cate vorstellte. Sie war Anfang sechzig und wie ihre Tochter, war auch ihre Haut komplett blass.
Meine Tochter hat mir schon von ihnen und Xanders Projekt erzählt“, sagte Cate. Sie wandte sich an Herrn Tuniak. „Obwohl ich immer noch nicht weiß, warum du dich schließlich doch dazu entschlossen hast. Als Kind hättest du nicht einmal lange genug still sitzen können, um zu erzählen, was du an einem Nachmittag gemacht hast.“
Ich werde eben auch alt“, sagte Herr Tuniak.

Die Station selbst wirkte, als wäre sie dem Kopf von Jules Verne entsprungen. Nur die Luftschleuse für die U-Boote sah so aus, wie ich es erwartet hatte, mit Wänden aus Metall, Balken aus Stahl an der Decke und einigen Touchscreens. Aber als wir die Türen zur eigentlichen Station durchschritten, änderte sich das Bild. Der Boden war ein dunkelroter Teppich (wir mussten deswegen auch unsere Schuhe ausziehen), die Gänge rund und mit Holz ausgekleidet. Es gab elektrisches Licht, aber die Armleuchter waren aus einem goldenen Metall geformt und hätten ebenso gut für Gaslampen verwendet werden können.
Wir kamen in den Gemeinschaftsraum. Er war wie die Kapitänskajüte auf einem Schiff um 1800, nur viel größer. Durch die Decke konnte man in das Meer hinaus sehen. Ich konnte bunte Fische und Korallen erkennen. Ich stutzte. Draußen war es doch eigentlich viel zu dunkel, um auch nur die Hand vor Augen sehen können.
Das ist nur eine Projektion“, erklärte Herr Tuniak.
Heute haben wir das Meer, an anderen Tagen einen normalen Himmel, manchmal einen Dschungel... was immer wir wollen“, sagte Carla.
In einer Ecke gab es zwei Bücherregale, davor waren zwei Sofas und mehrere Stühle, die auch Königsthrone hätte sein können.
Ich sah auch zwei Computer, obwohl ich sie nicht sofort erkannte. Ihre Bildschirme waren mit Holz eingerahmt, ihre Tastatur war die einer Schreibmaschine und statt einer Maus gab es eine Marmorkugel, die in der Tischplatte steckte (sie war natürlich nicht wirklich aus Marmor, aber so sah sie aus).
Steampunk nennt sich dieser Stil“, erklärte mir Herr Tuniak.
An einer Wand hing ein großes Medallion. Es war aus zwei Marmorplatten gefertigt (diesmal war es wirklich Marmor), einer hellen und einer dunklen und zuerst hielt ich es für das bekannte Yin-Yang-Symbol. Aber dann sah ich, dass die beiden Hälften Gesichter waren; die helle Seite eine Frau, die dunkle ein Mann.
Was ist das?“, fragte ich.
Das ist das Symbol der Gemini Foundation“, erklärte Herr Tuniak.
Gehören sie ihr an?“, fragte ich.
Nein“, sagte Herr Tuniak. „Man kann nur zu zweit beitreten.“
Sie haben dir die Mitgliedschaft angeboten, du hättest nur jemand zweiten nominieren müssen“, sagte Cate. Zu mir gewandt fuhr sie fort: „Seine Mütter sind etwa Ehrenmitglieder. Ich und Kim gehören ebenfalls dazu.“ Kim war ihr Ehemann und Carlas Vater.
Und was machen sie?“, fragte ich. „Die Gemini Foundation, meine ich?“
Was macht sie nicht, wäre wahrscheinlich leichter zu beantworten“, sagte Cate. „Sie finanziert unzählige Forschungsprojekte auf der ganzen Welt. Das ist wohl die einfachste Beschreibung, auch wenn sie nicht alle Aktivitäten umfasst.“
Das Ziel von Gemini ist der wissenschaftliche Fortschritt“, fügte Herr Tuniak hinzu. „Und dabei geht es nicht immer um praktische Anwendungen von Theorien. Es geht zu aller erst nur um die Ansammlung von Wissen, der praktische Nutzen ergibt sich dabei meist ganz von selbst.“
Und woran wird hier geforscht?“, fragte ich. „Meeresbiologie?“
Auch“, sagte Carla. „Das ist mein Projekt, meines und Henriks. Mum und Dad interessieren sich mehr für das Weltall.“
Hier unten?“
Oh, nicht hier“, sagte Cate lächelnd. „Dafür müssen sie noch tiefer gehen.“

Ein Aufzug führte uns in die unteren Bereiche. Hier wandelte sich der Charakter der Station ein weiteres Mal, hier wirkte sie wie eine Fabrik. Es gab unzählige Rohre, die kreuz und quer verliefen und dicke Kabelbündel gleich daneben. Wir gelangten zu einer Kontrollstation, die ich am besten als mehrere Computer auf einem Balkon beschreiben kann. Unter diesem Balkon – und damit auch unter uns – schien sich ein riesiger Tresortür zu befinden, der senkrecht in die Erde gebaut worden war.
Was ist das unten?“, fragte ich. Es war scheinbar das Einzige, was ich sagen konnte.
Ein Wassertank“, sagte Cate. „Unser Neutrino-Detektor.“
Neutrinos, so wurde mir erklärt, waren Teilchen, die kleiner waren als Atome. Sie konnten praktisch alles durchdringen – Sterne, Planeten, Monde – und so gigantische Strecken durchs All zurücklegen. Jede Sekunde durchdringen Milliarden dieser Teilchen unsere Körper, ohne dass wir es merken. Auch nur ein einziges davon aufzuspüren ist extrem schwierig, aber es funktioniert, wenn man Geduld hat, mit riesigen Wassertänken.
Wenn wir wieder genug Geld zusammen haben, planen wir Sensoren auch auf der Außenseite der Station anzubringen“, erklärte Cate. „Dann könnten wir das Meer selbst als Neutrino-Fänger verwenden.“
Und wozu suchen sie nach diesen Neutrinos?“, fragte ich.
Das hängt davon ab, wen sie fragen“, meinte Cate. „Ich, hauptsächlich, weil sie uns Informationen über das Innere von Sternen, wie unserer Sonne und Supernovae liefern.“
Und Dad weil er glaubt, dass er damit mit Außerirdischen in Kontakt treten kann“, fügte Carla hinzu. „Sehen sie hier!“ Sie drückte einige Tasten auf dem Computer, woraufhin eine lange Liste aus Zahlen erschien.
Was ist das?“, fragte ich, wie eine Schallplatte mit Rillensprung.
Das weiß keiner genau“, erklärte Cate.
Aber es ist zu regelmäßig, als dass es ein natürliches Phänomen sein könnte“, sagte Carla. Ich hatte keine Ahnung, was an der Zahlenkolonne regelmäßig war, aber ich glaubte ihr.
Ich muss zugeben, dass, wenn man über interstellare Distanzen kommunizieren will, Neutrinos das ideale Kommunikationsmittel wären“, sagte Cate.
Aber in bester Gemini-Tradition würdest du das nie vor Dad zugeben, oder?“, fragte ihre Tochter lachend.
Davon wusste ich auch noch nichts“, sagte Herr Tuniak und sah interessiert auf den Bildschirm. „Habt ihr es schon Fedor schon zur Analyse gegeben?“
Nein, wir wissen im Moment nicht, wo er ist“, sagte Cate. „Deswegen wollte ich dich sowieso schon anrufen. Aber wir empfangen diese Signale erst seit sieben Monaten und hielten sie zuerst für ein natürliches Phänomen.“ Sie musste nicht hinzufügen, dass sich ihre Meinung noch nicht geändert hatte.
Und selbst wenn Dad Recht hat: Das Signal muss vor einigen tausend Jahren gesendet worden sein, unsere Antwort würde viel zu spät kommen“, meinte Carla.
Ja, wahrscheinlich“, sagte Herr Tuniak. „Aber solche Nachrichten müssen nicht unbedingt der Kontaktaufnahme dienen. Sie könnten auch nur heißen: Wir waren hier.“



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The universe is one big coincidence. Cosmically improbable coincidences happen all the time. We just don't notice them all.