Sonntag, 26. Februar 2012

不聞不若聞之,聞之不若見之,見之不若知之,知之不若行之;學至於行之而止矣

  (Erkläre es mir und ich werde es vergessen. Zeig es mir und ich werde mich erinnern. Lass mich teilhaben und ich werde es verstehen.)
- Xun Zi


„Die Leviathan-Schule hatte einen Vorteil und einen Nachteil“, sagte Herr Tuniak. „Der Nachteil war, dass es dort keine wirklichen Lehrer gab. Niemand dort hatte eine entsprechende Ausbildung absolviert. Das hat sich mittlerweile ein wenig geändert, George ist ein echter Lehrer, aber nicht zu meiner Zeit.“
„Sie haben gesagt... oder angedeutet, dass die Erwachsenen die Aufgaben der Lehrer übernahmen“, sagte ich.
„Ja, und das bedeutete, dass sie Dinge teilweise gleichzeitig mit uns lernten“, erklärte Herr Tuniak. „Teilweise bekamen auch wir Schüler die Aufgabe Themen vorzubereiten...“
„Referate?“, warf ich ein.
„...im Grunde genommen Referate genau“, bestätigte Herr Tuniak. „Ist ihnen übrigens aufgefallen, was es auf Leviathan nicht gibt?“
„Etwas das für den Unterricht wichtig ist?“, fragte ich und er nickte. Ich dachte zurück an die Führung durch den Tempel, aber mir fiel nichts ein. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass es etwas ganz offensichtliches sein musste. „Ich weiß nicht“, musste ich zugeben.
„Keine Bibliothek“, sagte Herr Tuniak. „Dafür ist einfach kein Platz auf Leviathan. Sicher, heute gibt es Computer, es ist also kein Problem mehr, aber früher...“
„Was haben sie damals gemacht?“

„Ich habe ein Problem“, sagte Estevan zu Miriam und Helena. Sie waren in seinem Büro und Miriam hielt den gerade einmal zwei Monate alten Alexander in ihren Armen. „Ich wollte den Kindern, die hier sind, auch eine gute Ausbildung verschaffen, aber ich kann es nicht. Ich habe nicht die passenden Materialien dafür. Mir fehlen die wichtigsten Dinge wie Bücher. Aber ich kann dafür keinen Platz schaffen.“
„Was ist mit der Halle, die du unter dem Tempel ausgraben lässt?“, fragte Miriam.
„Die ist für einen Frischwasserzubereitungs-Anlage vorgesehen“, erklärte Estevan. „Das war Ricardos Idee.“
„Ah, darum ist er in letzter Zeit so beschäftigt“, meinte Helena. „Aber mach dir wegen der Bücher keine Sorgen. Gib uns eine Stunde.“
Als die beiden Frauen sein Büro verlassen hatten, fragte Miriam: „Hast du vor was ich denke, dass du vorhast?“ Helena nickte.
Eine Stunde – und eine Zeitreise später – kehrten sie zu Estevan zurück. Sie legten ihm etwas auf den Tisch, das er zuerst nicht erkannte. Es sah aus wie ein flach gepresster Fernsehbildschirm.
„Was ist das?“, fragte Estevan.
„Ein Computer“, erklärte Helena. „Ein sogenannter Tablet-Computer. Er wird erst in vierzig Jahren oder so entwickelt. Aber du kannst darauf eine ganze Bibliothek abspeichern.“

„Das Wichtigste, was sie über den Unterricht selbst wissen sollten, ist, dass es keine Klassen und keine Fächer gab“, erklärte Herr Tuniak. „Wir waren zwar grob zu Altersgruppen zusammengefasst, aber das war keine feste Regelung. Manche Kinder, wenn sie in einem Fach besonders begabt waren, konnten etwa die Gruppen wechseln.“
„Und die Fächer?“
„Die Grenzen verliefen sehr fließend. Eine typische Stunde konnte mit Geschichte anfangen, sagen wir etwa über Roms Feldzüge, mit Mathematik und Physik fortgesetzt werden, zum Beispiel Flugbahn von Katapult-Geschoßen berechnen oder Optik: Reflexionen in Spiegeln und wie viele Spiegel braucht man um eine Galeere zu verbrennen.“
„Das geht?“
„Sehr gut sogar. Sehen sie sich die Verteidigung Syrakus durch Archimedes an. Taktik und Physik in einem. Wir haben sogar kleine Modelle für Experimente gebaut. Manh und Minh haben uns dabei oft geholfen und Ricardo natürlich auch.“
„Wer ist Ricardo?“
„Ein Jugendlicher aus Peru, aber er zählte eigentlich zu den Erwachsenen auf der Insel“, sagte Herr Tuniak und ich hatte das Gefühl, das eine leichte Traurigkeit in seiner Stimme mit schwang. „Ich werde ihnen ein anderes Mal mehr von ihm erzählen. Aber wir waren gerade beim Unterricht. Da die Schüler aus der der ganzen Welt praktisch kamen, kannten einige natürlich Syrakus und das Mittelmeer nicht, also musste es ihnen dann beschrieben werden von denen, die es kannten. Das brachte uns dann auch weiter zur Biologie und welche Fische im Mittelmeer schwammen. Manchmal auch mit dem Zusatz, welche davon essbar sind.“
„Und trotz diesem... Durcheinander haben sie im Endeffekt das Gleiche gelernt, wie ich in der Schule?“, fragte ich ungläubig.
„Nein, sicher nicht“, sagte Herr Tuniak. „Es gibt sicher Bereiche, die wir komplett ausgelassen haben. Wir hatten keinen fixen Lehrplan. Außer vielleicht beim Sport.“
„Wieso?“
„Sport war das einzige Fach, das nur von einer Person unterrichtet wurde“, erklärte er. „Louis, Alices Onkel. Nicht ihr richtiger Onkel, sie waren eigentlich gar nicht miteinander verwandt, aber sie hat ihn immer Onkel genannt und sie sind auch gemeinsam nach Leviathan gekommen.“ Louis, fuhr er fort, war wegen seiner Hauterkrankung in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg in Variete-Shows in den Vereinigten Staaten als Echsenmensch aufgetreten. Nach dem Krieg ging das Interesse an solchen Shows stark zurück und es wurde immer schwieriger für ihn eine Anstellung zu finden. Er ging nach England und trat dort in music halls auf, wo er auch auf Alice's Eltern traf. Nach deren Tod übernahm er das Sorgerecht für sie und gemeinsam kamen sie nach Leviathan. Es war für beide eine Erleichterung: Sie wurden nicht mehr als Freaks behandelt und außerdem war für Louis Hauterkrankung ein regelmäßiges Bad im Salzwasser sehr hilfreich.
„Er hatte in seiner Jugend für einige Zeit in einem Zirkus gearbeitet und dort mit Trapez-Künstlern Freundschaft geschlossen“, erzählte Herr Tuniak weiter. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er von ihnen das Trainingsprogramm übernommen hatte und uns damit quälte.“ Er lächelte als er das sagte. Wirkliche Qualen waren es sicher nicht gewesen.
„Und ich nehme an mit der Zeitmaschine haben sie auch die verschiedenen Epochen besucht, über die sie gerade gelernt hatten?“, fragte ich.
„Nicht oft, nein“, sagte Herr Tuniak. „Ich kann mich erinnern, dass wir Buben natürlich ganz begeistert waren von diversen Schlachten und Helden und so... Wir bettelten meine Mütter an, dass sie uns zu einer der großen Schlachten einmal mitnehmen würden, damit wir sie sehen konnten.“
„Ist das nicht gefährlich?“, fragte ich.
„Natürlich“, bestätigte er. „Deswegen dauerte es auch relativ lange, bis sie eine Schlacht fanden, die wir aus sicherer Entfernung beobachten konnten. Es war die größte Dummheit, die wir je angestellt hatten.“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist eines über Kriege und Kämpfe in einem Buch zu lesen, aber sie dann selbst mitzuerleben... wir hatten alle wochenlang Alpträume.“
„Das wundert mich nicht“, meinte ich. „Aber das hätten ihre Mütter doch vorhersehen können.“
„Aber wenn sie es uns einfach verboten hätten, wären wir nur noch neugieriger geworden“, widersprach Herr Tuniak. „Meine Mütter waren Anhänger der Philosophie: Lernen durch Erfahrung. Es ist eine Sache, Dinge erzählt zu bekommen, eine völlig andere, dieses auch selbst zu erleben. Und wir haben danach jede Schlacht, von der wir hörten, mit völlig anderen Augen gesehen... Oh, einen wichtigen... Lehrer hätte ich fast vergessen: Bill.“

Die Schreie waren nur von kurzer Dauer gewesen, aber die Kinder waren trotzdem alle aufgeweckt worden.
„Was war das?“, fragte Alexander seinen Zimmergenossen, Mowgli. Dieser zuckte nur mit den Schultern und gemeinsam gingen sie auf den Gang hinaus. Auch die anderen Kinder hatten ihre Zimmer verlassen, neugierig und verwundert. Alexander wiederholte seine Frage, aber niemand wusste eine Antwort.
„Ich dachte eigentlich, du bist aufgewacht und hast nichts zu essen gefunden“, scherzte Alice. Sie erinnerte sich noch gut an die Zeit, als Alexander noch ein Baby war und oft mitten in der Nacht zu schreien anfing, weil er Hunger hatte.
„Ist heute nicht ein neuer Schüler gekommen?“, fragte Sarina. „Der Russe, der letzte Woche auch hier war, war wieder da und ich glaube ein Kind begleitete ihn.“
Sie stoppte, als sie sah, dass Farid etwas deutete. Auch er hatte den fremden Mann gesehen und wusste außerdem, dass er in Verbindung mit Alexanders Müttern stand.
„Ich weiß nichts davon“, sagte Alexander. Dann sah er, wie Cate und Ricardo zu ihnen kamen. „Was ist los?“, fragte er sie.

„Das erste Monat nach Bills Ankunft war hart für alle an der Schule“, erzählte Herr Tuniak. „Bill hat nie erzählt, was ihm angetan worden war, bevor er nach Leviathan kam, aber es muss ziemlich schlimm gewesen sein. Er hatte Alpträume und wachte oft schreiend mitten in der Nacht auf.“
Ich konnte verstehen, was er meinte. Der Tempel war zwar groß, aber es war leicht möglich so laut zu schreien, dass man auf der ganze Insel gehört werden konnte.
„Später, zwei, drei Monate nach seiner Ankunft, kam Bill dann zu uns in den Unterricht“, fuhr Herr Tuniak fort. „Es stellte sich heraus, dass er extremen Konzentrationsprobleme hatte. Die geringste Kleinigkeit konnte ihn ablenken.“
„ADHD?“, fragte ich.
„Das wäre heute wahrscheinlich die Diagnose, ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Damals hätte man ihn in einer normalen Schule aber nur als Verhaltensauffällig beschrieben und gesagt, dass er den Unterricht störte. Er hätte keine normale Schule besuchen können.“
„Aber ich nehme an, sie haben einen Weg gefunden?“
„Natürlich“, sagte Herr Tuniak. „Das war es schließlich, was wir in Leviathan am besten konnten. Aus Defiziten etwas Positives machen. Bill konnte sich nicht konzentrieren, also hatte es keinen Sinn ihn für lange Zeit in einen Raum mit uns anderen zu setzten, um etwas zu lernen. Im Gegenteil: Er kam immer erst zum Schluss zu uns und wir mussten dann für ihn zusammenfassen, was wir gelernt hatten. Einer von uns fing mit der Zusammenfassung an, aber sobald wir merkten, dass Bill abgelenkt war, musste ein anderer fortfahren. Dadurch zog er Bills Aufmerksamkeit auf sich. Wurde er wieder abgelenkt, setzte der nächste fort und immer so weiter...“
„Und das half auch ihnen, weil sie damit das Gelernte gleiche noch einmal wiederholten“, erkannte ich.
„Ähnlich war es auch, wenn wir mit ihm Spiele spielten“, sagte Herr Tuniak. „Bill war ein exzellenter Schachspieler, stellte sich heraus. Simultan-Schach, um genau zu sein. Und er war der einzige von uns Kindern, der Johann schlagen konnte. Dadurch hatte er natürlich unseren größten Respekt, denn bis dahin galt die Spinne... Entschuldigung, Johann, als unschlagbar.“ Er lehnte sich zurück. „Was sie heute gehört haben, ist aber nur ein Teil des Unterrichts gewesen. Wir haben auch Ausflüge unternommen. Aber davon erzähle ich ihnen das nächste Mal.“



NÄCHSTE WOCHE:
A ship in port is safe, but that is not what ships are built for.

Sonntag, 19. Februar 2012

'Normal' is a dryer setting.

('Normal' gibt es beim Wäschetrockner.)
- Elizabeth Moon, "The Speed of Dark"

„Ein Inder hat einmal gesagt, dass wir die Welt immer als Kind sehen werden“, begann Herr Tuniak unser heutiges Treffen. „Er meinte damit, dass wir so, wie wir als Kinder die Welt wahrnehmen, sie immer wahrnehmen werden.“
Wer war das?“, fragte ich.
Jemand, den ich in einem Tempel getroffen habe. Vielleicht war war es auch in Tibet, es ist nicht wichtig...“
Also, was uns als Kind als normal präsentiert wird, halten wir auch in unserem restlichen Leben für normal?“, fragte ich, um zurück zum Thema zu kommen.
Genau“, bestätigte Herr Tuniak. „Und sie kennen bis jetzt nur eine Hälfte meiner Kindheit. Die Zeitreisen mit meinen Müttern. Den anderen Teil verbrachte ich in der Leviathan-Schule. Es war nicht nur eine Schule oder ein Internat. Wir haben dort wirklich gelebt. Und nicht nur meine Mütter und ich, auch die anderen Kinder, die dort waren und die Erwachsenen, die später auch unsere Lehrer waren. Ein regelmäßiger Unterricht hat für mich erst begonnen, als ich etwa zehn Jahre alt war.“
Und reisten sie immer noch durch die Zeit?“
Natürlich. Ich verbrachte einige Tage auf Leviathan, dann einige Tage im Alten Rom, dann wieder Leviathan, danach vielleicht der Orient... Aber immer kam ich wieder zurück. Leviathan war seit meiner Geburt mein Zuhause.“

„Alexander ist da! Alexander ist da!“
Die Nachricht verbreitete sich schneller als Lauffeuer. Die zwanzig Personen, die auf der Insel Leviathan waren, wussten alle, nur wenige Minuten nachdem die Zeitmaschine gelandet war, die Neuigkeit. Alice, knapp sechs Jahre alt, rannte so schnell sie konnte durch alle Gänge und in alle Zimmer und rief jedem dem sie begegnete die Neuigkeit zu.
„Warum bist du denn so überdreht?“, fragte Mowgli. Alice war von ihrem Marathonlauf wieder in den Speisesaal zurück gekehrt. Mowgli, der nur wenig älter war als sie, war sichtlich weniger aufgeregt.
„Weil ich natürlich zum Babysitten gebraucht werde“, erklärte Alice zuversichtlich.
„Ich war schon einmal bei einer Geburt dabei“, erklärte Mowgli und versuchte dabei so zu klingen, als wäre das etwas alltägliches. „Zweimal sogar.“
„Nicht wirklich“, zweifelte Sarina, die neben ihm saß.
„Doch, bei meiner Wolfsmutter“, versicherte Mowgli.

Wolfsmutter?“, fragte ich. „Meinen sie damit wirklich eine Wölfin?“
Herr Tuniak nickte. „Warum denken sie, dass wir ihn Mowgli genannt haben?“
Seine Eltern haben ihm diesen Namen gegeben?“
Er kannte seine Eltern nicht“, erzählte Herr Tuniak. „Estevan hat ihn bei einem Besuch in Indien gefunden, in einem Waisenhaus. Dort haben sie ihn Jamal genannt.“ Er erklärte mir, dass der Name ironisch gemeint war. „Jamal“ bedeutet „der Schöne“. Jamal/Mowgli aber hatte unzählige Narben aus seiner Dschungel-Zeit und seine Nase war schief, weil sie gebrochen und schlecht verheilt war. „Aber nachdem wir Das Dschungelbuch gesehen hatten – sie kennen den Disney-Film doch, oder? - nannten wir ihn einfach Mowgli.“
Und bevor er im Waisenhaus war...“
...hat er im Dschungel gelebt. Mindestens zwei Jahre war er dort alleine. Alleine, das heißt natürlich, als einziger Mensch. Ein Wolfsrudel hat ihn aufgenommen und ihn beschützt.“
Hat er das erzählt?“
Er hat es Estevan sogar gezeigt. Nachdem Estevan ihn aus dem Waisenhaus genommen hatte, zeigte ihm Mowgli, wo er aufgewachsen war. Die Wölfe haben ihn sogar wiedererkannt und ihn begrüßt.“

„Achtung alle!“, rief Miriam den im Speisesaal anwesenden Kindern zu. Helena stand einige Meter von ihr entfernt und hielt Alexander, der vor ihr stand, an den Armen. Alice, Mowgli und Farid, die gerade gemeinsam versuchten eine Partie Mühle gegen Johann zu gewinnen, wandten sich zu ihr um. Miriam ging in die Knie und streckte ihre Arme Alexander entgegen. „Komm zu mir!“, sagte sie.
Alexander lachte und torkelte los. Bei den ersten beiden Schritten hielt ihn Helena noch, dann ließ sie ihn los. Aber das störte Alexander nicht und schnell hatte er die Distanz zwischen seinen beiden Müttern überwunden.
„Bravo!“, rief Alice und Mowgli und Farid klatschten. Selbst Johann, der oft keine Emotionen erkennen ließ, konnte sich einen kurzen Zwischenruf nicht verkneifen. Alexander, der wusste, dass der Jubel und der Applaus ihm und seinen ersten eigenen Schritten galt, applaudierte sich selbst auch.
Alice stand von ihrem Platz auf und ging vor Alexander in die Knie. „Und jetzt komm zu mir!“, forderte sie ihn auf. Mit einem fröhlichen Quietschen kam Alexander ohne zu zögern auf sie zu; eine Tatsache, die Alice mit Stolz erfüllte. Sie hatte in den letzten Monaten oft auf den kleinen Buben aufgepasst. Er mochte es von ihr gehalten zu werden und mit ihren Haaren – von denen sie dank ihrer Hypertrichose sehr viele hatte – zu spielen.
„Kannst du auch zu Farid gehen?“, fragte Alice, als Alexander sie erreicht und umarmt hatte.
Farid hatte sich als der zweitbeste Babysitter der Insel erwiesen und das, obwohl er nur drei Jahre alt und stumm war. Aber er hatte vier Arme und konnte deswegen gleichzeitig das Baby halten und mit ihm spielen.

Sarina war der eigentliche Grund, warum Estevan in Indien war“, erzählte Herr Tuniak. „Ihre Eltern gaben ihm Geld für die Schule und er hatte dafür versprochen, sie aufzunehmen.“
Warum ging sie nicht in Indien auf eine Schule?“, fragte ich.
Weil ihre Eltern... Es ist kompliziert“, sagte Herr Tuniak. „Sarina ist mit drei Augen geboren worden. Sie haben sicher ihr Bild in der Schule gesehen.“
Ich nickte. In der Schule hatte es im Speisesaal eine Wand gegeben, die ausschließlich für Portraits der Schüler vorgesehen war. Herr Tuniak hatte mir seine engsten Freunde dort gezeigt. Sarina war ein Mädchen gewesen, dass mitten auf der Stirn ein drittes Auge gehabt hatte.
Sie kennen den roten Punkt, Bindi, den viele Inderinnen auf der Stirn tragen?“, fragte Herr Tuniak.
Ja. Er zeigt an, welcher Kaste man angehört“, sagte ich.
Nein, überhaupt nicht“, korrigierte mich Herr Tuniak. „Frauen tragen den Bindi als Zeichen, dass sie verheiratet sind. In manchen Fällen kann es sich aber auch um ein Tilaka, ein Segenszeichen handeln. Der Priester, zu dem Sarinas Eltern gingen, behauptete aber, dass sie wegen ihrem dritten Auge weder gesegnet noch verheiratet werden könnte. Das war für ihre Eltern, die hochrangige Beamte waren, ein Skandal und sie versuchten Sarina deswegen so versteckt wie möglich zu halten. Als sie dann von Estevan und seiner Schule hörten, sahen sie darin die perfekte Gelegenheit.“
Kann sie mit dem dritten Auge sehen?“, fragte ich.
Manchmal sagt sie, sie kann es, manchmal nicht“, sagte Herr Tuniak. „Als Kind hat es ihr besonders viel Spaß gemacht zu behaupten, dass sie damit Dinge sehen konnte, die für uns komplett unsichtbar waren. Sie sagte etwa, sie hätte einen Röntgenblick, manchmal konnte sie unsere Gedanken lesen und manchmal auch in die Zukunft sehen...“
Sie haben auch einen Jungen namens Farid erwähnt“, sagte ich. „Wo kam er her?“
Aus Ägypten“, sagte Herr Tuniak. „Aber viel mehr weiß ich auch nicht. Er ist komplett stumm, aber er beherrscht Zeichensprache perfekt. Mehrere Zeichensprachen sogar.“ Er lachte. „Und mit seinen vier Händen kann er verdammt schnell sprechen.“
Und diese vier – Alice, Sarina, Mowgli und Farid – waren ihre engsten Freunde?“, fragte ich.
Ja. Später, nachdem wir mit dem Unterricht angefangen hatten, kam auch noch ein Junge aus Amerika dazu. Und Cate natürlich. Cate war so etwas wie die große Schwester von uns allen. Sie haben ihre Tochter gesehen, Clara.“
Ich erinnerte mich. Herr Tuniak hatte mir erklärt, dass Clara, wie ihre Mutter, ein Mondscheinkind war. Bei beiden war die Haut so empfindlich, dass Sonnenlicht schädlich für sie war und sie sich deswegen stets nur im Inneren der Schule in abgedunkelten Räumen aufhalten konnten.
Cate war, als ich geboren wurde, bereits zehn Jahre alt“, erzählte Herr Tuniak.
Und wie haben die anderen Kinder ihre ständigen Zeitreisen aufgenommen?“, fragte ich.

Die Kinder spielten auf der Wiese vor dem Tempel und die beiden Mütter saßen auf dem untersten Balkon und beobachteten sie. Alexander war mittlerweile zehn Jahre alt, genau so wie Alice, Sarina und Mowgli. Sie waren gerade mit drei anderen Kindern in ein Ballspiel vertieft, dessen Regeln sie selbst erfunden hatten.
„Hallo Estevan“, sagte Miriam, als der Leiter der Schule zu ihnen kam. „Was führt dich aus deinem Büro?“
„Euer Sohn“, sagte Estevan. „Er wächst viel schneller als die anderen Kinder.“
„Weil er die meiste Zeit in der Vergangenheit verbringt“, sagte Helena und sah Estevan verwundert an. Sie und Miriam hatten bereits vor Jahren jedem auf der Insel von der Zeitmaschine erzählt und warum es so aussah, als würde Alexander schneller altern als die anderen Kinder. Farid etwa, der früher drei Jahre älter gewesen war, war mittlerweile drei Jahre jünger.
„Habt ihr überlegt, ob das wirklich das Beste für ihn ist?“, fragte Estevan. „Wenn er weiter so wächst, wird er bald älter sein als seine Freunde.“
„Du meinst wir sollten aufhören ihn auf unsere Zeitreisen mitzunehmen?“, fragte Miriam.
„Nicht komplett“, sagte Estevan. „Aber vielleicht solltet ihr einfach weniger Reisen unternehmen. Es ist auch für ihn nicht gut, wenn er hier bleibt und ihr zwei vor seinen Augen alt werdet.“
Helena nickte zustimmend. „Ich glaube, ich weiß, was du meinst...“
„Und wenn ihr mit ihm für drei Tage in eine andere Zeit reist, solltet ihr vielleicht auch erst drei Tage später zurück kommen“, fuhr Estevan fort. „Damit ist für euch... und vor allem für Alexander und seine Freunde, gleich viel Zeit vergangen. Nicht so wie jetzt, wo ihr für fünf Minuten verschwindet und dabei eine ganze Woche in Amerika verbracht habt.“

Hörten ihre Mütter danach wirklich mit den Zeitreisen auf?“, fragte ich.
Nicht komplett, nein“, sagte Herr Tuniak. „Aber wir unternahmen weniger reisen und einige Male nahmen wir sogar andere Kinder mit. Einmal zum Beispiel, an das kann ich mich selbst heute noch genau erinnern, hatten wir ein Picknick für die ganze Schule beim Wasserfall von Gibraltar. Und wir mussten natürlich alle die Dinosaurier besuchen.“
Bei so einer Kindheit kann ich verstehen, warum ihnen die Welt... sehr eintönig vorkommen muss“, sagte ich.
Wie kommen sie darauf?“, fragte mich Herr Tuniak.
Ich zögerte einen Moment bevor ich antwortete. „Ich kann an ihrem Bart erkennen, dass für sie mehr Zeit zwischen unseren Treffen vergeht als für mich. Sie reisen immer noch und ich dachte, dass ist deswegen, weil sie die Welt hier als... fad empfinden.“
Nein, überhaupt nicht“, sagte Herr Tuniak. „Ich sagte ihnen doch schon, wie wir als Kinder die Welt kennen lernen, so bleibt sie für den Rest unseres Lebens. Und die Welt damals war für mich voller Wunder und Überraschungen. Meine Freunde waren alle einzigartig, das Gleiche gilt für die Erwachsenen. Und so sehe ich die Welt immer noch.“



NÄCHSTE WOCHE:
不聞不若聞之,聞之不若見之,見之不若知之,知之不若行之;學至於行之而止矣

Sonntag, 12. Februar 2012

Lebe so, wie wenn Du nochmals leben könntest - dies ist Deine Pflicht. Denn Du wirst in jedem Falle nochmals leben!

- Friedrich Nietzsche


Es war fast schon ungewohnt heute wieder in das Büro zu gehen. Herr Tuniak wartete natürlich bereits auf mich und sagte, kaum das ich mich hingesetzt hatte: „Ich habe ihre letzten Post auf dem Blog gelesen. Ich fürchte, sie haben etwas falsch verstanden.“
Er gab mir ein Photo von einem Mann, den ich auf Ende fünfzig, Anfang sechzig schätzte. Er hatte einen Vollbart, schwarze Haare und eine Zigarre im Mund.
„Das ist Estevan Tomez“, erklärte Herr Tuniak. „Er hat die Leviathan-Schule gegründet.“
„Aber haben sie nicht gesagt, dass Juan sie gegründet hat?“, fragte ich.
„Das meinte ich mit, sie haben etwas falsch verstanden“, sagte Herr Tuniak. „Oder vielleicht habe ich es auch nicht erklärt.“ Er schmunzelte. „Wissen sie, ich bereite mich auf diese Treffen ein wenig vor. Ich überlege mir, was ich erzählen will... Und wenn sie dann hier sind vergesse ich doch wieder die Hälfte und erzähle möglicherweise etwas ganz Anderes.“
Ich antwortete, dass es auch möglich wäre, dass ich einfach etwas vergessen hatte. Ich habe auf der Insel so viel gesehen, dass ich damit ein eigenes Buch füllen könnte, musste alles aber auf einen Post zusammen kürzen. Wobei: Wenn Herr Tuniak weiter von seiner Kindheit erzählt, werde ich sicher noch auf einige Dinge zu sprechen kommen, für die ich bis jetzt noch keinen passenden Platz gefunden habe.
„Juan ist also kein Unsterblicher?“, fragte ich.
„Nun, noch ist er nicht gestorben, also wer weiß...“, sagte Herr Tuniak lachend. „Aber nein, er ist in den 1990ern geboren worden. Das ist sicher.“ Ich gab ihm das Photo wieder zurück. „Estevan lernten meine Mütter über Philip kennen. Ich weiß nicht, woher er Philip kennt, er hat nie viel darüber gesprochen. Aber ich glaube, sie haben sich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs kennen gelernt.“
„Und ihre Mütter lernten ihn kennen, bevor sie geboren wurden?“
„Ja.“

„Du siehst schwanger aus“, meinte Philip, als er Miriam sah. „Weißt du, was es wird?“
„Nein“, sagte Miriam und sie und Helena setzten sich zu ihm an den Tisch. „Aber du, oder?“
Philip lächelte geheimnisvoll. Sticheleien darüber, wer was wusste, gab es bei jedem Treffen, aber keiner nahm sie ernst. Niemand wollte wissen, was in der Zukunft auf ihn wartete und so stellte niemand direkte Fragen oder erwartete direkte Antworten.
„Hast du gestern die Mondlandung gesehen?“, fragte Helena.
„Ja, ja“, sagte Philip. „Selbst in Shangri-La konnte ich dem Jubiläum nicht entkommen. Seid ihr deswegen hier?“
„Nein, wir haben sie uns vor hundert Jahren angeschaut“, antwortete Helena.
„Mehrmals“, fügte Miriam dazu. „Wir wollten dich fragen, ob du eine gute Schule kennst.“ Dabei legte sie ihre Hand auf den bereits sichtbar angewachsenen Bauch. „Möglichst abgeschieden. Ah, du weiß ja, was wir bevorzugen.“
Philip nickte. „Ich weiß ganz genau, was ihr sucht“, versprach er.

„Estevan gründete die Schule Anfang der 1960er und meine Mütter stießen kurz darauf zu ihm“, erzählte Herr Tuniak. „Zu Beginn gab es nur eine Handvoll Schüler, vielleicht zwei Dutzend. Die Ausrüstung war zwar gut, aber meine Mütter wünschten sich besseres. Sie halfen deswegen bei der Ausstattung kräftig mit.“
„Sie brachten auch Dinge aus der Zukunft?“, fragte ich.
„Ein paar“, gab Herr Tuniak zu. „Aber nicht viel. Und die modernsten Technologien, die sie brachten, stammten... nun, aus der heutigen Zeit.“ Er verstummte für einen Moment. „Da haben sie es: Ich habe ihnen zu Beginn gesagt, wie leicht es ist abzuschweifen und siehe! Ich schweife ab.“
„Sie wollten eigentlich über Estevan Tomez erzählen?“, fragte ich.
„Genau“, bestätigte Herr Tuniak. „Was würden sie sagen, wenn ich behaupte, dass Estevan genau genommen ein gewaltiger Egoist war?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Bis jetzt haben sie noch nichts gesagt, was darauf schließen lässt. Ich nehme an, dahinter liegt noch eine Geschichte?“
„Es hängt mit seinem Glauben zusammen“, erklärte Herr Tuniak. „Er glaubte an Reinkarnation.“
„Und sie meinen, er tat nur Gutes, damit es ihm in seinem nächsten Leben besser gehen würde?“, fragte ich.
„Ja und nein“, sagte er. „Wenn ich sagte, er war ein Egoist, dann meine ich das natürlich nicht ernst. Aber er glaubte an eine Art... Super-Reinkarnation. Er hat nicht oft darüber gesprochen, aber er hat es Philip einmal erklärt.“

„Hast du die Rede von Feynman vor dem Nobelpreis-Komitee gehört?“, fragte Estevan seinen Freund. Er und Philip saßen in Liegestühlen auf dem Dach der Schule. Ein Teleskop stand neben ihnen, durch das sie einige Stunden zuvor den Mond beobachtet hatten. Die Schüler, für die sie das Teleskop aufgebaut hatten, waren mittlerweile bereits zu Bett gegangen.
„Nein, was hat er gesagt?“, fragte Philip.
„Er hat von einer Idee seines Doktorvaters erzählt“, sagte Estevan. „Ein Doktor John Wheeler.“
„Nie von ihm gehört“, sagte Philip nach kurzem Nachdenken.
„Er hat folgendes postuliert“, fuhr Estevan fort. „Er sagte, es gibt nur ein einziges Elektron im ganzen Universum. Was sagst du dazu?“
„Er hat sicher noch mehr gesagt“, sagte Philip. „Was weiter?“
„Es gibt ein einziges Elektron und es reist vom Anbeginn des Universums bis zu seinem Ende. Und wenn es am Ende angelangt ist, dann reist es wieder zurück an den Anfang. Durch die Zeit! Es reist vor und zurück und vor und zurück... Und auf diese Art und Weise ist es jedes Elektron im Universum. Wir glauben, dass wir mehrere Elektronen sehen, aber dabei ist es immer das Gleiche auf einer langen, langen Reise. Was hältst du davon?“
Philip deutete auf die Zeitmaschine, die in der Dunkelheit vor der Schule stand. „Wir wissen zumindest, dass Zeitreisen möglich sind“, sagte er.
„Habe ich dir davon erzählt, dass ich an Reinkarnation glaube?“, fragte Estevan.
Philip nickte. „Seit du in den 50ern in Asien warst...“
„Aber es ist mehr als das“, unterbrach ihn Estevan. „Was, wenn es nicht nur ein einziges Elektron gibt, das das ganze Universum erschafft? Was, wenn es auch nur eine einzige Seele gibt, die hin und her durch die Zeit reist? Was, wenn wir alle die gleiche Person sind?“

„Glauben sie daran?“, fragte ich Herrn Tuniak.
„Nein“, antwortete dieser. „Aber es ist ein netter Gedanke. Ein guter Glaube, besser als manche andere. Und Estevan war absolut davon überzeugt.“
„Und die Sache mit den Elektronen?“, fragte ich. „Stimmt die?“
„Genau kann das keiner überprüfen“, sagte Herr Tuniak. „Aber es gibt einige Dinge, die dagegen sprechen. Und Wheeler hat es auch nie als ernsthafte Theorie präsentiert, sondern mehr als Gedankenexperiment angesehen.“
„Und wieso wusste Juan davon?“
„Oh, der Teil hat mich selbst überrascht“, erklärte Herr Tuniak. „Als Estevan merkte, dass sein Leben dem Ende näherte, verließ er Leviathan für einige Monate und begab sich auf die Suche nach seinem Nachfolger.“
„War keiner von den anderen Lehrern bereit, die Leitung zu übernehmen?“, fragte ich.
„Wenn er sie gefragt hätte, hätte wahrscheinlich jemand akzeptiert, ja“, sagte Herr Tuniak. „Aber unbedingt haben wollte seine Stelle niemand. Und als er nach einigen Monaten zurück kehrte, war das Problem gelöst: Er hatte Juan gefunden. Juan war damals noch sehr jung, vier oder fünf Jahre. Er lebte in einem Waisenhaus und – das ist der Teil, der mich wirklich überraschte – er glaubte genau das Gleiche wie Estevan. Eine Seele für alle Menschen. Er hatte diesen Glauben bereist bevor er Estevan das erste Mal begegnete.“
Ich musste nicht nachfragen, warum er sich deswegen so sicher war. Es war klar, dass er sich selbst davon überzeugt hatte.
„Manche Schüler behaupten, er weiß wirklich Dinge aus einem früheren Leben“, fuhr Herr Tuniak fort. „Und mit der Zeit haben wir alle ihn und Estevan wirklich nur mehr als eine Person betrachtet, vor allem nach Estevans Tod.“

Juan verließ als erster den Strand und kehrte zurück in die Schule. Obwohl er das Gebäude schon unzählige Male betreten hatte, fühlte es sich an, als wäre es das erste Mal. Für einen Moment ging er in sein Büro. Es war jetzt seines. Nur mehr seines. Dann suchte er Alexander Tuniak auf.
Alexander hatte dem Begräbnis nicht beigewohnt. Er lag mit zwei gebrochenen Beinen in seinem Bett. Juan wusste nicht genau, wie alt Alexander war. Er sah jünger aus, als er tatsächlich war, aber er musste trotzdem schon über fünfzig sein.
Für lange Zeit schwiegen beide.
„Ich bin zwölf Jahre alt und soll eine Schule leiten“, sagte Juan schließlich.
„Nicht alleine“, antwortete Alexander. Es war das erste Mal, dass ihm Juan wirklich wie ein Kind erschien. Normalerweise wirkte er wie ein Erwachsener, distanziert von den anderen Kindern, freundlich aber zurück gezogen.
„Werde ich es schaffen?“, fragte Juan.
Alexander zögerte mit der Antwort. „Du hast doch sicher auch meine Mütter gefragt, oder?“, sagte er dann. Juan nickte. Die beiden Frauen, die nur wenig älter als ihr Sohn wirkten, waren ebenfalls bei Estevans Bestattung dabei gewesen. „Und sie haben dir gesagt, dass alles gut gehen wird, richtig? Nun, von mir wirst du die gleiche Antwort bekommen: Es wird alles gut gehen. Du zweifelst? Aber würde ich mich anlügen?“ Es war das erste Mal, dass er Juan direkt auf seinen Glauben ansprach.
Der Junge schmunzelte. „Glaubst du es nur oder weißt du es?“
„Beides“, versprach Alexander. „Denn wenn ich es nicht glauben würde, würde ich in der Früh nicht aus dem Bett kommen.“
Juan warf einen Blick auf Alexanders Beine.
„Nicht wörtlich gemeint!“

„Haben sie gewusst, wie es mit der Schule weitergehen wird?“, fragte ich. „Wird er sie bis in sein hohes Alter leiten?“
„Ah, ah!“ Herr Tuniak hob einen warnenden Finger. „Das betrifft auch ihre Zukunft. Nicht sie direkt, aber Dinge, die erst passieren werden.“
„Und dazu wollen sie nichts sagen.“
„Nur so viel: Es wird alles gut gehen.“



NÄCHSTE WOCHE:
'Normal' is a dryer setting.

Sonntag, 5. Februar 2012

Per aiutare un bambino, dobbiamo fornirgli un ambiente che gli consenta di svilupparsi liberamente.


(Um einem Kind zu helfen, muss man ihm eine Umgebung bieten, in der es sich frei entfalten kann.)
- Maria Montessori


Als ich aus der Zeitmaschine ausstieg, hatte ich für einen Moment das Gefühl, dass wir wieder in der Kreidezeit gelandet wären. Heiße Luft, strahlender Sonnenschein und ein dunkler Wald direkt vor uns. Doch diesmal kam auch noch das Rauschen von Wellen dazu, denn wir waren auf einem Sandstrand gelandet.
Willkommen auf der Insel Leviathan“, sagte Herr Tuniak und führte mich einen Trampelpfad entlang, der in den Wald führte. Der Pfad wurde schnell breiter und schließlich hörte der Wald so abrupt auf, als hätte jemand mit dem Lineal eine Grenze gezogen.
Die Bäume sind wie ein Zaun rund um die Insel gepflanzt“, erklärte Herr Tuniak. „Damit vorbei fahrende Schiffe die Schule nicht sehen können.“
Das ist die Schule?“, fragte ich ungläubig.
Vor mir stand ein Maya-Tempel. Eine Stufenpyramide mit sechs Stufen. Doch der Eindruck eines Maya-Tempels hielt nur für einen Moment. Bei genauerem Hinsehen, konnte ich sehen, dass einige Stufen Balkone waren auf denen Liegestühle standen. Es gab Glasfenster an mehreren Stellen, zwei Satellitenschüsseln und vor dem Haupteingang lagen mehrere Fahrräder auf dem Boden.
Alex, wie schön, dass du uns wieder besuchst!“ Wir drehten uns in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Zwei alte Männer mit Schaufeln und Gartenschere in den Händen kamen auf uns zu. Dann stutzte ich. Es waren nicht zwei Männer. Es war ein Mann mit zwei Köpfen.
Das sind Manh und Minh, sie sind sozusagen die Schulwarte hier“, stellte Herr Tuniak die beiden vor. Und es waren zwei Männer, wie ich später erfuhr. Sie waren eine besondere Form von siamesischen Zwillingen, die sich den ganzen Körper teilten und nur eigene Köpfe hatten.
Warum ist es so still hier?“, fragte Herr Tuniak.
Die meisten sind diese Woche auf Segelausflug“, erklärte Manh. „Sie werden erst in ein paar Tagen zurück kommen. Aber Juan ist in seinem Büro. Und Alice müsste auch irgendwo sein.“
Herr Tuniak bedankte sich (obwohl der Name „Alice“ bei ihm sichtlich wenig angenehme Erinnerungen hervor rief) und wir gingen in die Schule. Auch im Inneren war der ursprüngliche Zweck des Gebäudes nicht zu übersehen. Obwohl es elektrisches Licht gab, auf dem Boden Teppiche Lagen und an einigen Stellen Bilder an den Wänden hingen, konnte man doch überall die alten Maya-Reliefe sehen, die direkt in die Steinmauern gehauen worden waren.
War das wirklich einmal ein Tempel?“, fragte ich.
Soweit wir wissen, ja“, sagte Herr Tuniak. „Aber wir wissen leider nicht genau, wo er herkommt.“

Wir gingen eine breite Wendeltreppe hinauf, die genau in der Mitte der Pyramide vom untersten bis zum obersten Stockwerk führte. Oben angelangt öffnete Herr Tuniak eine Luke und wir stiegen auf das Dach hinauf. Ein großer Kompass befand sich dort, etwa einen Meter hoch und mit einer – wie Herr Tuniak erklärte – kardanischen Aufhängung befestigt.
Der Tempel befand sich genau in der Mitte der Insel. Er war umgeben von einer großen Wiese, die wiederum von einem Wald mit hohen Bäumen begrenzt wurde. Die Bäume waren fast so hoch wie der Tempel selbst, weswegen wir das Meer fast gar nicht und den Horizont nur stellenweise sehen konnten.
Herr Tuniak stützte sich am Gelände ab, dass am Rand des Daches montiert worden war und deutete der Reihe nach in alle Himmelsrichtungen. „Dieser Teil ist der Sportplatz“, sagte er. „Sie können die kleine Laufbahn sehen. Die dunkle Erde dort sind Beete, unersetzlich für den Biologie-Unterricht. Die Wiese wird für alles mögliche verwendet, meistens für Feste im Freien. Und sehen sie die Statuen auf der vierten Seite? Die sind alle von Schülern angefertigt worden.“
Während wir auf dem Dach der Schule standen, wurde mir leicht schwindelig. Obwohl wir still standen, hatte ich das Gefühl als würden wir uns bewegen.

Als nächstes suchten wir das Büro des Leiters der Schule auf.
Die ganze Idee für diese Schule stammt von ihm“, erzählte Herr Tuniak. „Er hatte Hilfe bei der Umsetzung, hauptsächlich von Philip, aber ohne ihn, wäre das alles nicht möglich gewesen.“
Wir klopften an der Tür an und traten ein.
Hinter einem Schreibtisch saß ein Teenager, sicher nicht älter als siebzehn Jahre. Ich dachte zuerst, das wäre vielleicht der Sohn des Leiters, bevor Herr Tuniak ihn mit „Das ist Juan Tomez, der Gründer“ vorstellte.
Freut mich sehr“, sagte ich.
Wir plauderten kurz, das heißt Herr Tuniak fragte, wie es mehreren Schülerinnen und Schülern ging. Er erzählte auch, warum ich gekommen war, aber wir blieben nicht lange.
Er hat immer viel zu tun“, erklärte Herr Tuniak, als wir das Büro verlassen hatten. „Er ist nicht nur Leiter, sondern eigentlich auch der gesamte administrative Stab hier. Wir alle helfen aus, wenn wir können, aber das reicht oft nicht.“
Ich dachte, sie wären in den 60ern hier gewesen“, sagte ich.
Oh, das war ich auch“, sagte Herr Tuniak.
Aber wie...“, begann ich zu fragen, bevor ich mich selber stoppte. Die Erklärung lag plötzlich offen auf der Hand: Juan Tomez musste ein weiterer Unsterblicher sein. Darum hatte mich Herr Tuniak letzte Woche auch nach „Shangri-La“ mitgenommen. Und im Gegensatz zu Eshe oder Philip hatte Juan bereits in seiner Jugend aufgehört zu altern.

Herr Tuniak führte mich dann durch die anderen Stockwerke der Schule. Er zeigte mir die Klassenzimmer, die wie gewöhnliche Klassenzimmer aussahen: Tafel, Computer, Tische und Stühle. Auch die kleinen Schlafzimmer, von denen jeder Schüler ein eigenes hatte, wirkten wie in jedem anderem Studentenheim. Einige wenige hatte Balkone und bei manchen waren die Steinwände durch Poster verdeckt, aber im Grunde genommen, wirkte hier alles recht normal – so normal ein Maya-Tempel der zu einer Schule umgebaut worden war wirken kann. Es gab sogar ein Arztzimmer, wo kleine Verletzungen behandelt werden konnten. „Der Arzt ist ein ehemliger Schüler“, erzählte Herr Tuniak. „Aber er wird wahrscheinlich auf den Segelausflug mitgegangen sein.“
Ist die ganze Schule mitgefahren?“, fragte ich.
Sieht so aus. Früher, als es nur ein Boot gab, wäre das nicht möglich gewesen, aber heute besitzt die Schule glaube ich drei Boote.“
Wir begegneten einer weiteren Schülerin, ein Mädchen namens Carla. Sie zeigte uns ihr Zimmer. Es hatte kein Fenster und auch sonst schien Carla nicht oft ins Freie zu gehen, so blass war ihre Haut.
Michel müsste im Labor sein, er wollte noch seine Chemie-Aufgaben machen“, erklärte sie, nachdem Herr Tuniak sie gefragt hatte, wer von den anderen Schülern noch anwesend war. „Mrs Alice hilft ihm dabei. Sue ist wahrscheinlich in der Küche... und Ari ist natürlich am Strand unten.“
Das trifft sich hervorragend, danke“, verabschiedete er sich von ihr. Dann wandte er sich mir zu. „Können sie tauchen?“

Herr Tuniak suchte Manh und Minh auf und gemeinsam trugen wir eine Taucherausrüstung – bestehend aus Brille, Jacket, Naßtauchanzug, Flossen und Pressluftflaschen – zum Strand hinunter. Ari – er war fünfzehn Jahre alt und sein eigentlicher Name war Arturo – war bereits im Wasser. Er winkte uns zu, als er Herrn Tuniak sah.
Arturo wird ihnen das Geheimnis der Insel zeigen“, versprach Herr Tuniak. „Aber dazu müssen sie unter Wasser gehen. Keine Sorge, er wird auf sie aufpassen, er ist ein exzellenter Tauchlehrer.“
Sie kommen nicht mit?“, fragte ich, während ich in den Taucheranzug schlüpfte und mit Hilfe von Manh und Minh zuerst das Jacket anzog und mir dann die Taucherflaschen umschnallte.
Ich bin leider schon zu alt dafür“, sagte Herr Tuniak und ein tiefes Bedauern klang in seiner Stimme mit. „Früher... Ich bin gerne getaucht. Im Meer, in Höhlen. Einmal bin ich mitten in einer Gruppe Blauwale geschwommen. Man glaubt gar nicht, was für eine Eleganz so große Tiere besitzen können.“
Die Flossen auf den Füßen und die Flasche auf dem Rücken – sie war so schwer, dass ich mehrmals fast hingefallen wäre – ging ich ins Wasser, wo Arturo bereit auf mich wartete.
Brauchst du keine Flasche?“, fragte ich ihn.
Er spricht nur Spanisch“, rief mir Herr Tuniak zu.
Aber die Sprachbarriere war kein Problem. Unter Wasser konnte ich auch nicht reden und Arturos Gesten waren eindeutig zu verstehen. Der Tauchgang begann.

Wir waren noch nicht weit geschwommen, vielleicht zehn Meter, da hörte der Sandboden auf und wurde durch alte, abgestorbene Korallen und dunklen Stein ersetzt. Und dann hörte der Boden überhaupt auf.
Im ersten Moment wusste ich nicht, was passiert war. Es war, als wäre ich plötzlich zu einer Schlucht gekommen, deren Boden ich nicht sehen konnte. Arturo zeigte auf den Meeresboden hinter mir. Tatsächlich: Er fiel komplett steil ab. Ich hatte das Gefühl neben einer Steinwand zu schweben. Wir tauchten tiefer, die Wand immer zu unserer Rechten. Dabei merkte ich, dass sie nicht komplett senkrecht abfiel, sondern leicht rückläufig war. Sie bestand immer noch hauptsächlich aus toten Korallen, aber an einigen Stellen sah ich auch große Luftballons, die im Stein verankert waren.
Und dann plötzlich war die Wand über mir. Unter mir, links und rechts von mir, überall war offenes Meer. Und direkt über mir befand sich... die Insel!
Ich verschluckte mich fast, als ich realisierte, dass ich mich direkt unter der Insel befand. Es gab keine Verbindung zum Meeresboden, der noch hunderte Meter oder mehr unter uns war. Die Insel schwamm.

Wir blieben bis zum Abendessen, das in einem langen Raum im Tempel serviert wurde. Eine Schülerin, Sue, hatte es zubereitet und präsentierte es stolz. Sie hatte im Latein-Unterricht ein altes Rezept übersetzt und es auch gleich zum Kochen verwendet. „So machen Übersetzungen mehr Spaß“, erklärte mir Alice, eine Lehrering der Schule, lächelnd.
Besser als im alten Rom“, erklärte Herr Tuniak nach dem Essen.
Bis auf das Eis“, warf Michel ein. „Wer von dir ist dafür verantwortlich gewesen?“ Aber Sue streckte ihm als Antwort nur die Zunge entgegen.
Und wissen sie schon, warum das hier die Insel Leviathan genannt wird?“, fragte mich Juan, um das Thema zu wechseln.
Weil sie wie ein riesiger Fisch schwimmt“, sagte ich. „Aber wie?“
Bimsstein“, erklärte Clara. „In Bimsstein sind so viele kleine Löcher, die Luft enthalten, dass es schwimmen kann. Genau so wie die abgestorbenen Korallen.“
Wie konnte das entstehen?“, fragte ich. „Und wie kommt ein Tempel auf so eine Insel?“
Herr Tuniak zuckte mit den Schultern. „Trotz Zeitmaschine haben wir nie heraus gefunden, wo die Insel ursprünglich hergekommen ist.“
Und wozu dienen die Luftballons?“
Als Sicherheit“, sagte Juan. „Die Insel schwimmt von alleine, aber wir haben zur Absicherung vor einigen Jahren einige Luftkissen an der Unterseite angebracht.“
Das war ich“, warf Arturo ein. Um den Kopf trug er etwas, dass wie ein Stirnband aussah und dafür sorgte, dass seine Kiemen immer feucht blieben. Der Grund warum er keine Taucherausrüstung brauchte war, dass er noch Kiemen hinter den Ohren hatte. Herr Tuniak hat es mir erklärt, als wir zum Abendessen gingen. „Wir alle haben Kiemen als Embryos. Nur wir verlieren sie auch als Embryos wieder. Außer Arturo.“
Und darum war auch die Leviathan-Schule der perfekte Ort für ihn. Und ich konnte nun auch verstehen, wieso sie so geeignet für Herrn Tuniak gewesen war. Juan, der uns zurück zur Zeitmaschine begleitete, formulierte es am besten: „Als ich die Schule gründete, wollte ich ein zu Hause für all jene bieten, die sonst nirgendwo eines finden konnten.“



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