('Normal' gibt es beim Wäschetrockner.)
- Elizabeth Moon, "The Speed of Dark"
„Ein Inder hat einmal gesagt, dass wir die Welt immer als Kind sehen werden“, begann Herr Tuniak unser heutiges Treffen. „Er meinte damit, dass wir so, wie wir als Kinder die Welt wahrnehmen, sie immer wahrnehmen werden.“
„Wer war das?“, fragte ich.
„Jemand, den ich in einem Tempel getroffen habe. Vielleicht war war es auch in Tibet, es ist nicht wichtig...“
„Also, was uns als Kind als normal präsentiert wird, halten wir auch in unserem restlichen Leben für normal?“, fragte ich, um zurück zum Thema zu kommen.
„Genau“, bestätigte Herr Tuniak. „Und sie kennen bis jetzt nur eine Hälfte meiner Kindheit. Die Zeitreisen mit meinen Müttern. Den anderen Teil verbrachte ich in der Leviathan-Schule. Es war nicht nur eine Schule oder ein Internat. Wir haben dort wirklich gelebt. Und nicht nur meine Mütter und ich, auch die anderen Kinder, die dort waren und die Erwachsenen, die später auch unsere Lehrer waren. Ein regelmäßiger Unterricht hat für mich erst begonnen, als ich etwa zehn Jahre alt war.“
„Und reisten sie immer noch durch die Zeit?“
„Natürlich. Ich verbrachte einige Tage auf Leviathan, dann einige Tage im Alten Rom, dann wieder Leviathan, danach vielleicht der Orient... Aber immer kam ich wieder zurück. Leviathan war seit meiner Geburt mein Zuhause.“
„Alexander ist da! Alexander ist da!“
Die Nachricht verbreitete sich schneller als Lauffeuer. Die zwanzig Personen, die auf der Insel Leviathan waren, wussten alle, nur wenige Minuten nachdem die Zeitmaschine gelandet war, die Neuigkeit. Alice, knapp sechs Jahre alt, rannte so schnell sie konnte durch alle Gänge und in alle Zimmer und rief jedem dem sie begegnete die Neuigkeit zu.
„Warum bist du denn so überdreht?“, fragte Mowgli. Alice war von ihrem Marathonlauf wieder in den Speisesaal zurück gekehrt. Mowgli, der nur wenig älter war als sie, war sichtlich weniger aufgeregt.
„Weil ich natürlich zum Babysitten gebraucht werde“, erklärte Alice zuversichtlich.
„Ich war schon einmal bei einer Geburt dabei“, erklärte Mowgli und versuchte dabei so zu klingen, als wäre das etwas alltägliches. „Zweimal sogar.“
„Nicht wirklich“, zweifelte Sarina, die neben ihm saß.
„Doch, bei meiner Wolfsmutter“, versicherte Mowgli.
„Wolfsmutter?“, fragte ich. „Meinen sie damit wirklich eine Wölfin?“
Herr Tuniak nickte. „Warum denken sie, dass wir ihn Mowgli genannt haben?“
„Seine Eltern haben ihm diesen Namen gegeben?“
„Er kannte seine Eltern nicht“, erzählte Herr Tuniak. „Estevan hat ihn bei einem Besuch in Indien gefunden, in einem Waisenhaus. Dort haben sie ihn Jamal genannt.“ Er erklärte mir, dass der Name ironisch gemeint war. „Jamal“ bedeutet „der Schöne“. Jamal/Mowgli aber hatte unzählige Narben aus seiner Dschungel-Zeit und seine Nase war schief, weil sie gebrochen und schlecht verheilt war. „Aber nachdem wir Das Dschungelbuch gesehen hatten – sie kennen den Disney-Film doch, oder? - nannten wir ihn einfach Mowgli.“
„Und bevor er im Waisenhaus war...“
„...hat er im Dschungel gelebt. Mindestens zwei Jahre war er dort alleine. Alleine, das heißt natürlich, als einziger Mensch. Ein Wolfsrudel hat ihn aufgenommen und ihn beschützt.“
„Hat er das erzählt?“
„Er hat es Estevan sogar gezeigt. Nachdem Estevan ihn aus dem Waisenhaus genommen hatte, zeigte ihm Mowgli, wo er aufgewachsen war. Die Wölfe haben ihn sogar wiedererkannt und ihn begrüßt.“
„Achtung alle!“, rief Miriam den im Speisesaal anwesenden Kindern zu. Helena stand einige Meter von ihr entfernt und hielt Alexander, der vor ihr stand, an den Armen. Alice, Mowgli und Farid, die gerade gemeinsam versuchten eine Partie Mühle gegen Johann zu gewinnen, wandten sich zu ihr um. Miriam ging in die Knie und streckte ihre Arme Alexander entgegen. „Komm zu mir!“, sagte sie.
Alexander lachte und torkelte los. Bei den ersten beiden Schritten hielt ihn Helena noch, dann ließ sie ihn los. Aber das störte Alexander nicht und schnell hatte er die Distanz zwischen seinen beiden Müttern überwunden.
„Bravo!“, rief Alice und Mowgli und Farid klatschten. Selbst Johann, der oft keine Emotionen erkennen ließ, konnte sich einen kurzen Zwischenruf nicht verkneifen. Alexander, der wusste, dass der Jubel und der Applaus ihm und seinen ersten eigenen Schritten galt, applaudierte sich selbst auch.
Alice stand von ihrem Platz auf und ging vor Alexander in die Knie. „Und jetzt komm zu mir!“, forderte sie ihn auf. Mit einem fröhlichen Quietschen kam Alexander ohne zu zögern auf sie zu; eine Tatsache, die Alice mit Stolz erfüllte. Sie hatte in den letzten Monaten oft auf den kleinen Buben aufgepasst. Er mochte es von ihr gehalten zu werden und mit ihren Haaren – von denen sie dank ihrer Hypertrichose sehr viele hatte – zu spielen.
„Kannst du auch zu Farid gehen?“, fragte Alice, als Alexander sie erreicht und umarmt hatte.
Farid hatte sich als der zweitbeste Babysitter der Insel erwiesen und das, obwohl er nur drei Jahre alt und stumm war. Aber er hatte vier Arme und konnte deswegen gleichzeitig das Baby halten und mit ihm spielen.
„Sarina war der eigentliche Grund, warum Estevan in Indien war“, erzählte Herr Tuniak. „Ihre Eltern gaben ihm Geld für die Schule und er hatte dafür versprochen, sie aufzunehmen.“
„Warum ging sie nicht in Indien auf eine Schule?“, fragte ich.
„Weil ihre Eltern... Es ist kompliziert“, sagte Herr Tuniak. „Sarina ist mit drei Augen geboren worden. Sie haben sicher ihr Bild in der Schule gesehen.“
Ich nickte. In der Schule hatte es im Speisesaal eine Wand gegeben, die ausschließlich für Portraits der Schüler vorgesehen war. Herr Tuniak hatte mir seine engsten Freunde dort gezeigt. Sarina war ein Mädchen gewesen, dass mitten auf der Stirn ein drittes Auge gehabt hatte.
„Sie kennen den roten Punkt, Bindi, den viele Inderinnen auf der Stirn tragen?“, fragte Herr Tuniak.
„Ja. Er zeigt an, welcher Kaste man angehört“, sagte ich.
„Nein, überhaupt nicht“, korrigierte mich Herr Tuniak. „Frauen tragen den Bindi als Zeichen, dass sie verheiratet sind. In manchen Fällen kann es sich aber auch um ein Tilaka, ein Segenszeichen handeln. Der Priester, zu dem Sarinas Eltern gingen, behauptete aber, dass sie wegen ihrem dritten Auge weder gesegnet noch verheiratet werden könnte. Das war für ihre Eltern, die hochrangige Beamte waren, ein Skandal und sie versuchten Sarina deswegen so versteckt wie möglich zu halten. Als sie dann von Estevan und seiner Schule hörten, sahen sie darin die perfekte Gelegenheit.“
„Kann sie mit dem dritten Auge sehen?“, fragte ich.
„Manchmal sagt sie, sie kann es, manchmal nicht“, sagte Herr Tuniak. „Als Kind hat es ihr besonders viel Spaß gemacht zu behaupten, dass sie damit Dinge sehen konnte, die für uns komplett unsichtbar waren. Sie sagte etwa, sie hätte einen Röntgenblick, manchmal konnte sie unsere Gedanken lesen und manchmal auch in die Zukunft sehen...“
„Sie haben auch einen Jungen namens Farid erwähnt“, sagte ich. „Wo kam er her?“
„Aus Ägypten“, sagte Herr Tuniak. „Aber viel mehr weiß ich auch nicht. Er ist komplett stumm, aber er beherrscht Zeichensprache perfekt. Mehrere Zeichensprachen sogar.“ Er lachte. „Und mit seinen vier Händen kann er verdammt schnell sprechen.“
„Und diese vier – Alice, Sarina, Mowgli und Farid – waren ihre engsten Freunde?“, fragte ich.
„Ja. Später, nachdem wir mit dem Unterricht angefangen hatten, kam auch noch ein Junge aus Amerika dazu. Und Cate natürlich. Cate war so etwas wie die große Schwester von uns allen. Sie haben ihre Tochter gesehen, Clara.“
Ich erinnerte mich. Herr Tuniak hatte mir erklärt, dass Clara, wie ihre Mutter, ein Mondscheinkind war. Bei beiden war die Haut so empfindlich, dass Sonnenlicht schädlich für sie war und sie sich deswegen stets nur im Inneren der Schule in abgedunkelten Räumen aufhalten konnten.
„Cate war, als ich geboren wurde, bereits zehn Jahre alt“, erzählte Herr Tuniak.
„Und wie haben die anderen Kinder ihre ständigen Zeitreisen aufgenommen?“, fragte ich.
Die Kinder spielten auf der Wiese vor dem Tempel und die beiden Mütter saßen auf dem untersten Balkon und beobachteten sie. Alexander war mittlerweile zehn Jahre alt, genau so wie Alice, Sarina und Mowgli. Sie waren gerade mit drei anderen Kindern in ein Ballspiel vertieft, dessen Regeln sie selbst erfunden hatten.
„Hallo Estevan“, sagte Miriam, als der Leiter der Schule zu ihnen kam. „Was führt dich aus deinem Büro?“
„Euer Sohn“, sagte Estevan. „Er wächst viel schneller als die anderen Kinder.“
„Weil er die meiste Zeit in der Vergangenheit verbringt“, sagte Helena und sah Estevan verwundert an. Sie und Miriam hatten bereits vor Jahren jedem auf der Insel von der Zeitmaschine erzählt und warum es so aussah, als würde Alexander schneller altern als die anderen Kinder. Farid etwa, der früher drei Jahre älter gewesen war, war mittlerweile drei Jahre jünger.
„Habt ihr überlegt, ob das wirklich das Beste für ihn ist?“, fragte Estevan. „Wenn er weiter so wächst, wird er bald älter sein als seine Freunde.“
„Du meinst wir sollten aufhören ihn auf unsere Zeitreisen mitzunehmen?“, fragte Miriam.
„Nicht komplett“, sagte Estevan. „Aber vielleicht solltet ihr einfach weniger Reisen unternehmen. Es ist auch für ihn nicht gut, wenn er hier bleibt und ihr zwei vor seinen Augen alt werdet.“
Helena nickte zustimmend. „Ich glaube, ich weiß, was du meinst...“
„Und wenn ihr mit ihm für drei Tage in eine andere Zeit reist, solltet ihr vielleicht auch erst drei Tage später zurück kommen“, fuhr Estevan fort. „Damit ist für euch... und vor allem für Alexander und seine Freunde, gleich viel Zeit vergangen. Nicht so wie jetzt, wo ihr für fünf Minuten verschwindet und dabei eine ganze Woche in Amerika verbracht habt.“
„Hörten ihre Mütter danach wirklich mit den Zeitreisen auf?“, fragte ich.
„Nicht komplett, nein“, sagte Herr Tuniak. „Aber wir unternahmen weniger reisen und einige Male nahmen wir sogar andere Kinder mit. Einmal zum Beispiel, an das kann ich mich selbst heute noch genau erinnern, hatten wir ein Picknick für die ganze Schule beim Wasserfall von Gibraltar. Und wir mussten natürlich alle die Dinosaurier besuchen.“
„Bei so einer Kindheit kann ich verstehen, warum ihnen die Welt... sehr eintönig vorkommen muss“, sagte ich.
„Wie kommen sie darauf?“, fragte mich Herr Tuniak.
Ich zögerte einen Moment bevor ich antwortete. „Ich kann an ihrem Bart erkennen, dass für sie mehr Zeit zwischen unseren Treffen vergeht als für mich. Sie reisen immer noch und ich dachte, dass ist deswegen, weil sie die Welt hier als... fad empfinden.“
„Nein, überhaupt nicht“, sagte Herr Tuniak. „Ich sagte ihnen doch schon, wie wir als Kinder die Welt kennen lernen, so bleibt sie für den Rest unseres Lebens. Und die Welt damals war für mich voller Wunder und Überraschungen. Meine Freunde waren alle einzigartig, das Gleiche gilt für die Erwachsenen. Und so sehe ich die Welt immer noch.“
NÄCHSTE WOCHE:
不聞不若聞之,聞之不若見之,見之不若知之,知之不若行之;學至於行之而止矣
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