Sonntag, 26. Februar 2012

不聞不若聞之,聞之不若見之,見之不若知之,知之不若行之;學至於行之而止矣

  (Erkläre es mir und ich werde es vergessen. Zeig es mir und ich werde mich erinnern. Lass mich teilhaben und ich werde es verstehen.)
- Xun Zi


„Die Leviathan-Schule hatte einen Vorteil und einen Nachteil“, sagte Herr Tuniak. „Der Nachteil war, dass es dort keine wirklichen Lehrer gab. Niemand dort hatte eine entsprechende Ausbildung absolviert. Das hat sich mittlerweile ein wenig geändert, George ist ein echter Lehrer, aber nicht zu meiner Zeit.“
„Sie haben gesagt... oder angedeutet, dass die Erwachsenen die Aufgaben der Lehrer übernahmen“, sagte ich.
„Ja, und das bedeutete, dass sie Dinge teilweise gleichzeitig mit uns lernten“, erklärte Herr Tuniak. „Teilweise bekamen auch wir Schüler die Aufgabe Themen vorzubereiten...“
„Referate?“, warf ich ein.
„...im Grunde genommen Referate genau“, bestätigte Herr Tuniak. „Ist ihnen übrigens aufgefallen, was es auf Leviathan nicht gibt?“
„Etwas das für den Unterricht wichtig ist?“, fragte ich und er nickte. Ich dachte zurück an die Führung durch den Tempel, aber mir fiel nichts ein. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass es etwas ganz offensichtliches sein musste. „Ich weiß nicht“, musste ich zugeben.
„Keine Bibliothek“, sagte Herr Tuniak. „Dafür ist einfach kein Platz auf Leviathan. Sicher, heute gibt es Computer, es ist also kein Problem mehr, aber früher...“
„Was haben sie damals gemacht?“

„Ich habe ein Problem“, sagte Estevan zu Miriam und Helena. Sie waren in seinem Büro und Miriam hielt den gerade einmal zwei Monate alten Alexander in ihren Armen. „Ich wollte den Kindern, die hier sind, auch eine gute Ausbildung verschaffen, aber ich kann es nicht. Ich habe nicht die passenden Materialien dafür. Mir fehlen die wichtigsten Dinge wie Bücher. Aber ich kann dafür keinen Platz schaffen.“
„Was ist mit der Halle, die du unter dem Tempel ausgraben lässt?“, fragte Miriam.
„Die ist für einen Frischwasserzubereitungs-Anlage vorgesehen“, erklärte Estevan. „Das war Ricardos Idee.“
„Ah, darum ist er in letzter Zeit so beschäftigt“, meinte Helena. „Aber mach dir wegen der Bücher keine Sorgen. Gib uns eine Stunde.“
Als die beiden Frauen sein Büro verlassen hatten, fragte Miriam: „Hast du vor was ich denke, dass du vorhast?“ Helena nickte.
Eine Stunde – und eine Zeitreise später – kehrten sie zu Estevan zurück. Sie legten ihm etwas auf den Tisch, das er zuerst nicht erkannte. Es sah aus wie ein flach gepresster Fernsehbildschirm.
„Was ist das?“, fragte Estevan.
„Ein Computer“, erklärte Helena. „Ein sogenannter Tablet-Computer. Er wird erst in vierzig Jahren oder so entwickelt. Aber du kannst darauf eine ganze Bibliothek abspeichern.“

„Das Wichtigste, was sie über den Unterricht selbst wissen sollten, ist, dass es keine Klassen und keine Fächer gab“, erklärte Herr Tuniak. „Wir waren zwar grob zu Altersgruppen zusammengefasst, aber das war keine feste Regelung. Manche Kinder, wenn sie in einem Fach besonders begabt waren, konnten etwa die Gruppen wechseln.“
„Und die Fächer?“
„Die Grenzen verliefen sehr fließend. Eine typische Stunde konnte mit Geschichte anfangen, sagen wir etwa über Roms Feldzüge, mit Mathematik und Physik fortgesetzt werden, zum Beispiel Flugbahn von Katapult-Geschoßen berechnen oder Optik: Reflexionen in Spiegeln und wie viele Spiegel braucht man um eine Galeere zu verbrennen.“
„Das geht?“
„Sehr gut sogar. Sehen sie sich die Verteidigung Syrakus durch Archimedes an. Taktik und Physik in einem. Wir haben sogar kleine Modelle für Experimente gebaut. Manh und Minh haben uns dabei oft geholfen und Ricardo natürlich auch.“
„Wer ist Ricardo?“
„Ein Jugendlicher aus Peru, aber er zählte eigentlich zu den Erwachsenen auf der Insel“, sagte Herr Tuniak und ich hatte das Gefühl, das eine leichte Traurigkeit in seiner Stimme mit schwang. „Ich werde ihnen ein anderes Mal mehr von ihm erzählen. Aber wir waren gerade beim Unterricht. Da die Schüler aus der der ganzen Welt praktisch kamen, kannten einige natürlich Syrakus und das Mittelmeer nicht, also musste es ihnen dann beschrieben werden von denen, die es kannten. Das brachte uns dann auch weiter zur Biologie und welche Fische im Mittelmeer schwammen. Manchmal auch mit dem Zusatz, welche davon essbar sind.“
„Und trotz diesem... Durcheinander haben sie im Endeffekt das Gleiche gelernt, wie ich in der Schule?“, fragte ich ungläubig.
„Nein, sicher nicht“, sagte Herr Tuniak. „Es gibt sicher Bereiche, die wir komplett ausgelassen haben. Wir hatten keinen fixen Lehrplan. Außer vielleicht beim Sport.“
„Wieso?“
„Sport war das einzige Fach, das nur von einer Person unterrichtet wurde“, erklärte er. „Louis, Alices Onkel. Nicht ihr richtiger Onkel, sie waren eigentlich gar nicht miteinander verwandt, aber sie hat ihn immer Onkel genannt und sie sind auch gemeinsam nach Leviathan gekommen.“ Louis, fuhr er fort, war wegen seiner Hauterkrankung in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg in Variete-Shows in den Vereinigten Staaten als Echsenmensch aufgetreten. Nach dem Krieg ging das Interesse an solchen Shows stark zurück und es wurde immer schwieriger für ihn eine Anstellung zu finden. Er ging nach England und trat dort in music halls auf, wo er auch auf Alice's Eltern traf. Nach deren Tod übernahm er das Sorgerecht für sie und gemeinsam kamen sie nach Leviathan. Es war für beide eine Erleichterung: Sie wurden nicht mehr als Freaks behandelt und außerdem war für Louis Hauterkrankung ein regelmäßiges Bad im Salzwasser sehr hilfreich.
„Er hatte in seiner Jugend für einige Zeit in einem Zirkus gearbeitet und dort mit Trapez-Künstlern Freundschaft geschlossen“, erzählte Herr Tuniak weiter. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er von ihnen das Trainingsprogramm übernommen hatte und uns damit quälte.“ Er lächelte als er das sagte. Wirkliche Qualen waren es sicher nicht gewesen.
„Und ich nehme an mit der Zeitmaschine haben sie auch die verschiedenen Epochen besucht, über die sie gerade gelernt hatten?“, fragte ich.
„Nicht oft, nein“, sagte Herr Tuniak. „Ich kann mich erinnern, dass wir Buben natürlich ganz begeistert waren von diversen Schlachten und Helden und so... Wir bettelten meine Mütter an, dass sie uns zu einer der großen Schlachten einmal mitnehmen würden, damit wir sie sehen konnten.“
„Ist das nicht gefährlich?“, fragte ich.
„Natürlich“, bestätigte er. „Deswegen dauerte es auch relativ lange, bis sie eine Schlacht fanden, die wir aus sicherer Entfernung beobachten konnten. Es war die größte Dummheit, die wir je angestellt hatten.“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist eines über Kriege und Kämpfe in einem Buch zu lesen, aber sie dann selbst mitzuerleben... wir hatten alle wochenlang Alpträume.“
„Das wundert mich nicht“, meinte ich. „Aber das hätten ihre Mütter doch vorhersehen können.“
„Aber wenn sie es uns einfach verboten hätten, wären wir nur noch neugieriger geworden“, widersprach Herr Tuniak. „Meine Mütter waren Anhänger der Philosophie: Lernen durch Erfahrung. Es ist eine Sache, Dinge erzählt zu bekommen, eine völlig andere, dieses auch selbst zu erleben. Und wir haben danach jede Schlacht, von der wir hörten, mit völlig anderen Augen gesehen... Oh, einen wichtigen... Lehrer hätte ich fast vergessen: Bill.“

Die Schreie waren nur von kurzer Dauer gewesen, aber die Kinder waren trotzdem alle aufgeweckt worden.
„Was war das?“, fragte Alexander seinen Zimmergenossen, Mowgli. Dieser zuckte nur mit den Schultern und gemeinsam gingen sie auf den Gang hinaus. Auch die anderen Kinder hatten ihre Zimmer verlassen, neugierig und verwundert. Alexander wiederholte seine Frage, aber niemand wusste eine Antwort.
„Ich dachte eigentlich, du bist aufgewacht und hast nichts zu essen gefunden“, scherzte Alice. Sie erinnerte sich noch gut an die Zeit, als Alexander noch ein Baby war und oft mitten in der Nacht zu schreien anfing, weil er Hunger hatte.
„Ist heute nicht ein neuer Schüler gekommen?“, fragte Sarina. „Der Russe, der letzte Woche auch hier war, war wieder da und ich glaube ein Kind begleitete ihn.“
Sie stoppte, als sie sah, dass Farid etwas deutete. Auch er hatte den fremden Mann gesehen und wusste außerdem, dass er in Verbindung mit Alexanders Müttern stand.
„Ich weiß nichts davon“, sagte Alexander. Dann sah er, wie Cate und Ricardo zu ihnen kamen. „Was ist los?“, fragte er sie.

„Das erste Monat nach Bills Ankunft war hart für alle an der Schule“, erzählte Herr Tuniak. „Bill hat nie erzählt, was ihm angetan worden war, bevor er nach Leviathan kam, aber es muss ziemlich schlimm gewesen sein. Er hatte Alpträume und wachte oft schreiend mitten in der Nacht auf.“
Ich konnte verstehen, was er meinte. Der Tempel war zwar groß, aber es war leicht möglich so laut zu schreien, dass man auf der ganze Insel gehört werden konnte.
„Später, zwei, drei Monate nach seiner Ankunft, kam Bill dann zu uns in den Unterricht“, fuhr Herr Tuniak fort. „Es stellte sich heraus, dass er extremen Konzentrationsprobleme hatte. Die geringste Kleinigkeit konnte ihn ablenken.“
„ADHD?“, fragte ich.
„Das wäre heute wahrscheinlich die Diagnose, ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Damals hätte man ihn in einer normalen Schule aber nur als Verhaltensauffällig beschrieben und gesagt, dass er den Unterricht störte. Er hätte keine normale Schule besuchen können.“
„Aber ich nehme an, sie haben einen Weg gefunden?“
„Natürlich“, sagte Herr Tuniak. „Das war es schließlich, was wir in Leviathan am besten konnten. Aus Defiziten etwas Positives machen. Bill konnte sich nicht konzentrieren, also hatte es keinen Sinn ihn für lange Zeit in einen Raum mit uns anderen zu setzten, um etwas zu lernen. Im Gegenteil: Er kam immer erst zum Schluss zu uns und wir mussten dann für ihn zusammenfassen, was wir gelernt hatten. Einer von uns fing mit der Zusammenfassung an, aber sobald wir merkten, dass Bill abgelenkt war, musste ein anderer fortfahren. Dadurch zog er Bills Aufmerksamkeit auf sich. Wurde er wieder abgelenkt, setzte der nächste fort und immer so weiter...“
„Und das half auch ihnen, weil sie damit das Gelernte gleiche noch einmal wiederholten“, erkannte ich.
„Ähnlich war es auch, wenn wir mit ihm Spiele spielten“, sagte Herr Tuniak. „Bill war ein exzellenter Schachspieler, stellte sich heraus. Simultan-Schach, um genau zu sein. Und er war der einzige von uns Kindern, der Johann schlagen konnte. Dadurch hatte er natürlich unseren größten Respekt, denn bis dahin galt die Spinne... Entschuldigung, Johann, als unschlagbar.“ Er lehnte sich zurück. „Was sie heute gehört haben, ist aber nur ein Teil des Unterrichts gewesen. Wir haben auch Ausflüge unternommen. Aber davon erzähle ich ihnen das nächste Mal.“



NÄCHSTE WOCHE:
A ship in port is safe, but that is not what ships are built for.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen