Sonntag, 4. März 2012

A ship in port is safe, but that is not what ships are built for.

(Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurde es nicht gebaut.)
- Grace Murray Hopper

Sie haben ja von den Segelbooten gehört, die die Leviathan-Schule besitzt“, sagte Herr Tuniak. „Ursprünglich gab es nur eines und es war hauptsächlich dazu gedacht, Lebensmittel von nahen Häfen auf die Insel zu bringen.“
Konnten das ihre Mütter mit ihrer Zeitmaschine nicht einfacher machen?“, fragte ich.
Das haben sie auch, wann immer sie dort waren“, bestätigte Herr Tuniak. „Aber sie sind ja nicht die ganze Zeit bei der Schule. Und mit den Segelbooten ist auch eine Tradition verbunden. Während der Ferien unternehmen die Schüler, die aus welchen Gründen auch immer kein anderes zu Hause als Leviathan haben, damit eine Segeltour.“
Wie wir auf der Insel waren, waren sie gerade unterwegs“, erinnerte ich mich.
Er nickte zur Bestätigung. „Ich war beim ersten Segelausflug, den die Schule je unternommen hatte dabei. Und er endete zwar nicht in einer Katastrophe, aber fast. Das fing schon bei der Planung an.“

„Dann steuern wir nach Süden, ich weiß nicht, wo das Problem liegt“, meinte Estevan.
„Die Strömung hier ist zu stark dafür“, widersprach Louis. „Wenn du echte Matrosen als Mannschaft hättest, klar, dann wäre es kein Problem. Aber außer uns beiden weiß niemand wirklich wie man ein Segelboot steuert. Und wir beide wissen, dass zwei Personen zwar ausreichen, aber nicht gegen diese Strömung.“
„Was ist los?“, fragte Miriam. Sie hatte die Diskussion durch die offene Türe gehört, als sie am Gang vor Estevans Büro vorbei gegangen war.
„Estevan hat den Kindern einen Segeltrip versprochen“, murrte Louis. „Ohne wirklich darüber nachzudenken.“
Es sind Kinder, sie müssen mehr von der Welt sehen, als nur diese Insel“, sagte Estevan. „Alles andere wäre... als würde man sie in einem Käfig halten.“
„Wo liegt das Problem?“, fragte Miriam. „Was spricht gegen einen Segeltrip?“
„Der Kalte Krieg“, antwortete Louis. „Es ist beruhigend zu wissen, dass er friedlich enden wird, aber ein abgeschossenes Segelboot mehr oder weniger wird an diesem Ausgang nichts ändern.“
Miriam runzelte die Stirn. „Das stimmt“, meinte sie nachdenklich. Aber dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Dann müssen wir eben wannanders hin.“

Ich weiß nicht, was sie dazu bewegt hat in die Vergangenheit zu reisen, statt in die Zukunft“, erzählte Herr Tuniak. „Aber sie beschlossen schließlich den Segeltrip an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert zu unternehmen.“
Wer kam aller mit?“, fragte ich.
Nun, Louis und Estevan, als die beiden Erwachsenen und Aufsichtspersonen, dann Alice, Sarina, Mowgli, Farid und ich“, zählte Herr Tuniak auf. „Drei andere Kinder waren auch noch mit, aber die blieben nur für ein paar Monate auf Leviathan und ich habe sie nicht genauer kennen gelernt.“

Die Jugendlichen saßen an Deck und ließen sich sonnen. Das Meer war ruhig und die Segel eingerollt, weil der Wind zu schwach war.
„Ich habe noch nie einen Sonnenbrand gehabt“, meinte Alice lachend, als sie sah, wie sich die anderen mit Sonnencreme einschmierten.
„Dafür brauchst du viel länger um dich nach dem Schwimmen abzutrocknen“, entgegnete Mowgli. Er hasste die Sonnencreme und war der Meinung, dass seine dunkle Haut ihm genug Schutz bot. „Was gibt es übrigens heute zum Abendessen. Ich hoffe nicht schon wieder Fisch.“
„Wir sind auf dem Meer, was erwartest du?“, fragte Alexander.
„Ich bin ein Wolf, kein Bär“, murmelte Mowgli.
„Uh, oh“, machte Sarina in dem Moment. Sie stand aufrecht und blickte in Richtung Horizont.
„Was ist los?“, fragte Alice.
„Ich glaube, die Fische haben auch etwas dagegen, dass wir sie ständig essen“, meinte Sarina. „Schaut, dort!“ Sie deutete mit der ausgestreckten Hand hinaus auf das Meer.
Die anderen Kinder stellten sich neben sie. Es dauerte einige Zeit bevor sie sahen, was Sarina ihnen zeigen wollte. Eine dunkle Masse, wie eine Wolke, aber knapp über der Wasseroberfläche, bewegte sich rasant auf das Boot zu.
„Was ist das?“, fragte Alexander und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
„Fliegende Fische!“, rief Sarina aus. „Das sind fliegende Fische!“ Sie hatte Recht, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass die Fische weiterhin Kurs auf das Boot nahmen. „Schnell, unter Deck!“
Sie rannten alle so schnell sie konnten und schlossen die Luken hinter sich. Bevor die Erwachsenen oder die anderen Jugendlichen fragen konnten, was los war, hörten sie, wie die ersten Fische auf dem Deck des Bootes aufschlugen.
„Sie rächen sich“, meinte Mowgli und konnte sein Grinsen dabei nicht unterdrücken.
Der Fisch-Regen hielt nur für kurze Zeit an. Als die Kinder wieder an Deck gingen, sahen sie, dass unzählige Fische herum lagen. Der Schwarm entfernte sich bereits wieder.
Sarina nahm einen der toten Fische in die Hand. „Tut mir Leid, Mowgli, aber ich fürchte, wir werden heute doch wieder Fisch essen.“

Drei Wochen lang verlief der Segeltrip ohne größere Probleme“, sagte Herr Tuniak. „Es gab kleinere Zwischenfälle, natürlich, aber im Grunde ging alles besser als geplant. Bis wir vor der Küste Frankreichs auf einen Sturm trafen.“

„Und wo ist die Sonne?“, fragte Alexander. Sarina stand neben ihm und hielt einen Sonnenstein in der Hand. Der Himmel war komplett bewölkt, aber mit dem Stein versuchte sie wie die alten Wikinger die Position der Sonne zu bestimmen. Am anderen Ende des Bootes standen Alice und Mowgli, ebenfalls mit einem Sonnenstein, und versuchten genau das Gleiche.
„Dort oben irgend wo“, meinte Sarina.
„Du konzentrierst dich nicht.“
„Nein“, gab Sarina zu. „Schau dir die Wolken dort an. Das wird ein gewaltiger Sturm. Vielleicht zu gewaltig für unser Boot.“

Sarina hatte eine Vorahnung und sie hatte Recht damit“, sagte Herr Tuniak. „Wir kamen in ein Unwetter... das Schlimmste, das ich je erlebt habe. Wir wurden im Boot herumgeschleudert, es gab unzählige kleine Verletzungen, wie Prellungen und Schnitte...“ Ich merkte an der Art und Weise, wie er das Unwetter beschrieb, dass sich die Ereignisse unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt hatten. „Es wurde so schlimm, dass sogar unser Mast drohte abzubrechen. Wir mussten hinaus, um ihn zu retten. Louis und Estevan gingen zuerst, aber Mowgli, Sarina und ich mussten ihnen helfen. Wir waren mit Seilen abgesichert, aber es half nichts: Eine Welle spülte uns über Bord.“ Er atmete schwer, als wäre er gerade erst jetzt wieder aus dem Wasser getaucht.

Sie schwammen. Sie wussten, dass sie keine Chance hatten es wieder zurück ins Boot zu schaffen. Es regnete so stark, dass es nicht einmal mehr sehen konnten. Aber Mowgli wusste dank seines im Dschungel geschulten Orientierungssinns in welche Richtung die Küste lag, die sie versucht hatten noch vor dem Unwetter zu erreichen und diese steuerten sie an. Sie schwammen so gut sie konnten, wurden immer wieder von Wellen unter Wasser gedrückt und kamen hustend wieder an die Oberfläche. Ihre Lungen und Augen brannten, als es ihnen endlich gelang die Küste zu erreichen.
Sie retteten sich an den Strand und suchten Unterschlupf unter einigen Bäumen. Sie waren nass und es regnete immer noch, aber sie hatten überlebt.
Als sich das Unwetter gegen Abend legte, verließen sie ihren Unterschlupf. Sie hatten keine Möglichkeit dem Segelboot zu signalisieren, dass sie überlebt hatten und wo sie sich befanden. Sie mussten andere Menschen finden.
Zum Glück sahen sie nicht weit entfernt ein kleines Dorf. Es brannten keine Lichter in den Fenstern. Die Häuser waren dunkle Massen in der Dunkelheit.
„Gespenstisch“, meinte Alexander. Er zitterte vor Kälte.
„Ist der elektrische Strom noch nicht erfunden?“, fragte Mowgli. Er klapperte so stark mit den Zähnen, dass er nur schwer zu verstehen war.
Sie hatten eine kurze Diskussion, ob sie wirklich zum Dorf gehen sollten. Wie würden die Bewohner reagieren, wenn sie Sarina und ihre drei Augen sahen? Aber sie hatten Hunger und ihnen war kalt. Sie gingen deswegen in das Dorf, wobei Sarina immer einige Schritte hinter den anderen blieb und ihre Haare über ihr Gesicht hängen ließ.
Mowgli und Alexander klopften an mehreren Türen an, aber niemand öffnete ihnen. Sie sahen und hörten auch niemanden in den Häusern.
„Oh, es reicht jetzt“, schimpfte Mowgli und trat eine Tür ein.
Sie betraten das Haus. Es war niemand zu sehen.
Hallo? Ist jemand hier?“, rief Sarina zaghaft und Alexander wiederholte die Frage in gebrochenem Französisch. Keine Antwort.
Sie gingen in die Küche, wo sie etwas Essbares suchten. Sie fanden Stücke Trockenfleisch und stillten damit ihren größten Hunger.
Wir sollten uns trockenes Gewand ausborgen“, sagte Sarina dann. Sie hatte in der Küche bereits eine Mütze gefunden, aufgesetzt und über ihre Stirn gezogen.
Wozu brauchen wir Gewand?“, fragte Mowgli.
Weil es hier nicht so warm wird wie in Indien“, antwortete Alexander und ging in den ersten Stock hinauf. Er fand das Schlafzimmer, aber als er es betrat, stockte er. Auf dem Bett, eingewickelt in mehreren dicken Decken, lag eine Familie. Zwei Erwachsene und zwei Kinder. Nur ihre Gesichter waren zu sehen.
Sarina und Mowgli, die ihm gefolgt waren, blieben dicht hinter ihm stehen. „Sind sie tot?“, fragte Mowgli. Er konnte keine Atembewegungen sehen, aber das konnte auch nur wegen der dicken Decken sein.
Gemeinsam gingen sie leise zur Seite des Bettes. Alexander beugte sich zitternd vor und streckte die Hand aus. Er wollte sehen, ob er einen Atem spüren konnte.
Lasst sie schlafen“, sagte da eine ruhige Stimme. Die drei Kinder drehten sich um und sahen Miriam in der Tür stehen. „Sie halten Winterschlaf“, erklärte sie und deutete, dass es Zeit war zu gehen.

Wie konnten ihre Mütter sie so schnell finden?“, fragte ich.
Sie haben eigentlich mehrere Tage gebraucht“, erzählte Herr Tuniak. „Sie fanden das Haus mit der eingetretenen Tür und vermutete, dass wir dort gewesen sein mussten. Dann reisten sie einfach wieder einige Tage in die Vergangenheit und holten uns ab... Wir drei hatten trotzdem nachher eine sehr starke Verkühlung. Wir hatten Glück, dass wir nicht auch eine Lungenentzündung bekamen.“
Es wundert mich ehrlich, dass danach überhaupt noch andere Segeltrips unternommen wurden“, meinte ich.
Es dauerte einige Jahre bis der nächste angesetzt wurde“, sagte Herr Tuniak. „Und der wurde dann auch viel besser vorbereitet. Es hat seitdem keine Unglücke mehr gegeben. Aber bei uns hat dieser Segeltrip etwas bewirkt: Wir hatten Leviathan verlassen und waren beinahe ertrunken, aber eben nur beinahe. Wir waren deswegen fest überzeugt, auch alles andere überstehen zu können. Es war das erste Mal, dass wir anfingen daran zu denken, die Insel zu verlassen. Man kann sagen, dass wir eigentlich den ersten Schritt schon getan hatten.“



NÄCHSTE WOCHE:
Omnia mutantur. Nihil interit.

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