Sonntag, 25. März 2012

Nous arrivons tout nouveaux aux divers âges de la vie, et nous y manquons souvent d'expérience malgré le nombre des années.

(In jedes Lebensalter treten wir als Neulinge und ermangeln darin der Erfahrung, trotz der Zahl der Jahre.) 
- François Duc de La Rochefoucauld


Der Umzug von Leviathan in die Villa Attenborough erstreckte sich über mehrere Wochen“, erzählte Herr Tuniak. „Mehrmals dachten wir, wir hätten schon alles, was wir brauchten, nur um eine Minute später vom Gegenteil überzeugt zu werden. Meine Mütter reisten mit der Zeitmaschine ständig hin und her. Sie waren schließlich die einzige Möglichkeit mit Leviathan zu kommunizieren.“
Ich hätte fast gefragt, warum sie kein Telephon hatten, aber natürlich war die Insel an kein Netz angeschlossen.
Philip half uns die ganze Zeit“, fuhr Herr Tuniak fort. „Ich kann es nicht oft genug betonen, dass ohne ihn mein Leben ganz anders und viel komplizierter verlaufen wäre.“

Es war ein Haus wie geschaffen für Kinder und Jugendliche. Als sie die Villa zum ersten Mal sahen, ließen sie (Sarina, Alice, Mowgli und Alexander) ihre Koffer mitten in der Einfahrt stehen und rannten auf die Eingangstür zu. Sie verbrachten einen ganzen Nachmittag damit, sämtliche Zimmer und Räume des Hauses auszukundschaften und waren am Abend immer noch nicht fertig damit. Sie hatten drei geheime Zimmer gefunden – eines unter der Treppe, eines hinter einem Spiegel (der vom geheimen Zimmer aus durchsichtig war) und eines hinter einem Bild – und fragten sich natürlich, ob es noch mehr davon gab.
„Habt ihr den Balkon auf der Westseite im zweiten Stock gesehen?“, fragte Mowgli. „Ich habe keine Tür gefunden, der zu ihm hinaus führt.“
„Hast du nicht die Geschichte des Hauses gelesen?“, fragte Sarina.
Mowgli schüttelte den Kopf, während Alice und Alexander sich plötzlich ganz fest auf ihr Essen konzentrieren mussten. Außer Sarina hatte keiner das kleine Buch gelesen, dass Philip ihnen geschenkt hatte und das die Geschichte der Familie erzählte, der dieses Haus früher gehört hatte.
„Der Balkon ist nur für Geister gedacht“, erklärte Sarina. „Die können ja durch die Wand gehen. Und Menschen können sie dort draußen nicht stören. Ich glaube übrigens, dass sich hinter der Wand dort auch ein Raum befindet, zu dem es keine Tür gibt.“
Mowgli sprang sofort auf und klopfte mit der Hand gegen die Wand. Sie klang hohl.
„Habt ihr euch schon Zimmer ausgesucht?“, fragte Philip. Er und Miriam saßen mit den Jugendlichen am Tisch.
„Meines ist direkt unter dem Dach“, sagte Alice. „Habt ihr es gesehen? Es hat ein riesiges Fenster zum Wald hinaus.“
„Meines ist...“, begann Mowgli.
„..die Wendeltreppe hinten hinauf und dann den Gang bis ans Ende“, vollendete Alexander den Satz.
„Richtig, woher weißt du das?“, fragte Mowgli überrascht.
„Weil das Zimmer wie eine Höhle ausschaut“, sagte Alexander lachend. „Ich glaube, es ist das Einzige mit Steinwänden. Außer vielleicht der Keller. War schon wer im Keller?“
Alle verneinten und praktisch gleichzeitig sprangen sie von ihren Sesseln auf und rannten los.
„Wer den Kellerabgang findet, ruft die anderen!“, rief Mowgli.

Wir hatten sehr viel Spaß zu Beginn“, sagte Herr Tuniak. „Es dauerte, glaube ich, Monate, bis wir das Haus wirklich kannten.“
Das glaube ich ihnen gerne“, sagte ich und dachte dabei an letzte Woche zurück. Obwohl er mich durch mehrere Zimmer geführt hatte, hatte ich wahrscheinlich gerade einmal einen Bruchteil der Villa gesehen.
Aber dann begannen natürlich die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens“, sagte Herr Tuniak. „Wir dachten, wir würden keine Probleme damit haben. Wir hatten schließlich auf Leviathan gelebt und in der Nähe von London würde alles doch leichter sein.“
Es war sicher ein ziemlicher Kulturschock für sie alle“, sagte ich.
So kann man es nennen, ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Philip lebte zu Beginn ebenfalls bei uns, aber nur ein paar Wochen. Wir wollten schließlich beweisen, dass wir auf uns selbst schauen konnten. Mowgli machte da am schnellsten Fortschritte. Er freundete sich mit den Nachbarn an und bald ging jeder in der Umgebung davon aus, dass er der Sohn eines indischen Adeligens war. Sarina und ich waren seine Geschwister und Alice... Alice sahen die Nachbarn so selten, ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt wussten, dass sie bei uns wohnte.“

Als Mowgli den Garten hinter der Villa betrat, waren Falten auf seiner Stirn zu sehen. Er hielt einen Brief in der Hand, den er gerade gelesen hatte.
„Was ist los?“, fragte Alexander. Er und Alice spielten Croquet, während Sarina auf einer Veranda saß und ein Buch las.
„Ich bin zu einer Jagdgesellschaft eingeladen worden“, sagte Mowgli.
„Ist das nicht gut?“, fragte Alice.
„Ich weiß nicht“, gestand Mowgli.
„Du hast doch schon in deiner Kindheit gejagt“, meinte Alexander.
„Mit Händen und Zähnen!“, rief Sarina von der Veranda herüber.
„Ja, aber auf einem Pferd und mit einem Gewehr... es fühlt sich so unfair an“, meinte Mowgli.
Die Jagd war drei Tage später angesetzt und er ging schließlich doch hin. Er hatte den Anderen gesagt, dass er erst am späten Abend zurück kommen würde, weswegen sie auch überrascht waren, als sie bereits bei Sonnenuntergang seinen Wagen in der Einfahrt hörten.
Sarina und Alexander kamen zu ihm, als er aus dem Auto ausstieg. „Wie war es?“, fragte Alexander, aber er konnte an Mowglis Gesichtsausdruck erkennen, dass die Dinge nicht so gelaufen waren, wie er sich das vorgestellt hatte.
Kommentarlos öffnete Mowgli die hintere Türe seines Autos. Sarina und Alexander konnten sehen, dass ein verletzter Fuchs auf der Rückbank lag. Er blutete aus zwei Wunden, eine auf einem Bein, eine bei seinem Schwanz. Mowgli wickelte das Tier in eine Decke ein und trug es ins Haus. Es war das letzte Mal, dass er an einer Jagdgesellschaft teilgenommen hatte.

Mowgli hat ein kompliziertes Verhältnis zu Tieren“, sagte Herr Tuniak. „Er hat grundsätzlich nichts dagegen sie zu töten, aber es muss in seinen Augen ein fairer Kampf sein. Er würde zum Beispiel mit bloßen Händen einen Hasen auf dem Feld fangen, töten und essen, aber er würde jeden aufhalten, der das Gleiche wollte, aber dabei eine Waffe verwendete.“
Hat der Fuchs überlebt?“, fragte ich.
Ja, er lebte sogar für einige Jahre bei uns“, sagte Herr Tuniak. „Er lebte nicht in der Villa selbst, sondern im nahen Wald und vor allem im Winter kam er immer wieder zu uns, wenn er Hunger hatte. Mowgli kaufte sich später auch ein paar Hunde und sogar die freundeten sich mit dem Fuchs an.“
Was haben sie gemacht?“, fragte ich.
Sarina, Alice und ich schrieben uns bei einer Universität ein“, sagte Herr Tuniak. „Das war allerdings nur möglich, weil wir gefälschte Zeugnisse von meinen Müttern bekommen hatten. Und es war eine schwere Umstellung für uns. Die Vorlesungen und das ganze Studentenleben liefen ganz anders ab als auf Leviathan. Sarina begann außerdem ein Kopftuch zu tragen, das ihr drittes Auge versteckte. Viele hielten sie deswegen für eine Zigeunerin und machten sich deswegen über sie lustig.“
Und Alice?“, fragte ich.
Sie blieb nicht lange auf der Universität“, sagte Herr Tuniak. „Sie versuchte so gut es ging ihren Haarwuchs zu verbergen, gab dann aber ihr Studium auf. Sie sagte, sie wolle sich nicht verstellen und zog sich dann in die Villa zurück. Sie hatte zwei Freundinnen, die sie regelmäßig besuchen kamen. Und sie fand als erste von uns allen einen Job.“
Wie?“
Das weiß ich nicht genau“, sagte Herr Tuniak. „Aber eines Tages kam sie in die Villa zurück und verkündete, dass sie Audiobücher aufnahm. Sie hatte eine gute Stimme dafür und war anscheinend begabt. Sie ist auch heute noch ab und zu Sprecherin für Dokumentationen im Fernsehen.“
Und was haben sie gemacht?“
Das sage ich ihnen das nächste Mal, aber für heute will ich ihnen noch von einem anderen Ereignis erzählen. Einem der wichtigsten Ereignisse in meinem ganzen Leben.“

Alexander war überrascht, als er aus seinem Zimmer in den Garten hinaus sah und dort die Zeitmaschine seiner Mütter entdeckte. Er hatte sie nicht erwartet und neugierig, lief er hinaus, um sie zu begrüßen.
Aber Helena war scheinbar alleine gekommen.
„Hallo, Alexander, hast du kurz Zeit?“, fragte sie mit einem Lächeln. „Miriam und ich, wir haben etwas für dich.“
Sie streckte die Hand aus. Alexander konnte nicht sehen, was sie ihm zeigen wollte. Sie deutete schließlich nur auf ein leeres Stück Wiese und...
Eine zweite Zeitmaschine erschien. Sie war komplett ident mit der ersten und als sich ihre Türe öffnete, trat Miriam heraus.
„Was...?“, wollte Alexander fragen, bevor er begriff. Seine Mütter hatten ihm eine eigene Zeitmaschine mitgebracht. „Wann habt ihr die gebaut?“, fragte, nachdem er sich von der Überraschung erholt und beide Mütter mehrmals fest gedrückt hatte.
„In unserer Jugend“, sagte Miriam. „Es ist unsere Zeitmaschine, nur... aus der Zukunft.“
„Wir werden sie schließlich auch nicht ewig brauchen“, sagte Helena. „Und das gute bei Zeitreisen ist: Man bekommt seine Erbschaft nicht erst nach dem Tod.“
Alexander hatte seinen Müttern oft zugesehen, wie sie die Zeitmaschine gesteuert hatten, aber für einige Tage unternahmen sie gemeinsam Reisen und erklärten ihm alle Details noch einmal genau. Dann lud er Sarina, Alice und Mowgli zu seiner ersten eigenen Reise ein. Natürlich zu den Dinosauriern.



NÄCHSTE WOCHE:
Университет развивает все способности, в том числе — глупость.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen