01 Meine Mutter wird in 102 Jahren geboren werden.
02 Credo, quia impossibile est.
03 Il y a une femme à l'origine de toutes les grandes...
04 Saps què ets? Ets una meravella. Ets únic. Mai...
05 Immortality is a long shot, I admit. But somebody ...
06 Per aiutare un bambino, dobbiamo fornirgli un...
07 Lebe so, wie wenn Du nochmals leben könntest - die...
08 'Normal' is a dryer setting.
09 不聞不若聞之,聞之不若見之,見之不若知之,知之不若行之...
10 A ship in port is safe, but that is not what ships...
11 Omnia mutantur. Nihil interit.
12 Har du sett min villa, min Villa Villekullavilla? ...
13 Nous arrivons tout nouveaux aux divers âges de la ...
14 Университет развивает все способности, в том...
15 Machine. Unexpectedly I'd invented a time
16 Jeder hat in tiefstem Dank derer zu gedenken, die ...
17 Une photographie, c'est un fragment de temps qui...
18 Once more upon the waters! Yet once more!
19 La mer n'est que le véhicule d'une surnaturelle et...
20 The universe is one big coincidence. Cosmically...
21 Warum?
22 There is no problem with changing the course of...
23 星星之火可以燎原
24 The computer is incredibly fast, accurate, and stu...
25 Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen...
26 Toutes les activités humaines ... sont vouées par ...
27 Irrtümer entspringen nicht allein daher, weil man ...
28 Vous interdisez les erreurs vous empêchez ainsi la...
29 You can't go home again.
30 Das Schönste, was wir erleben können, ist das...
31 There's more to this world than just people, you...
32 Sports is the toy department of human life.
33 Das Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen...
34 Time is the school in which we learn, Time is the ...
35 Бери́сь дру́жно, не бу́дет гру́зно.
36 Só percebemos o milagre da vida quando deixamos...
37 Extraordinary claims require extraordinary...
38 He sits motionless, like a spider in the centre of...
39 Both optimists and pessimists contribute to our...
40 L'ennui est la grande maladie de la vie.
41 Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich...
42 There must have been a moment, at the beginning...
43 Most children are born with a wail. Rachel...
44 All that mankind has done, thought or been: it is ...
45 On se demande parfois si la vie a un sens, et puis...
46 Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft....
47 And now I think I am quite ready to go on another ...
48 Is it a comedy or a tragedy?
49 Oh, there's just one more thing...
50 Tu n'as pas à le [l'avenir] prévoir, mais à le...
51 Pourquoi pleurez-vous? M'avez-vous cru immortel?
52 Spoilers!
Das Leben des Alexander T.
English Version: http://thelifeofalexandert.blogspot.com/
Sonntag, 30. Dezember 2012
Sonntag, 23. Dezember 2012
Spoilers!
- River Song
Ein Mann, nennen wir ihn Charlie, las eines Morgens in der Zeitung einen Bericht über sein eigenes Begräbnis. Das verwunderte ihn natürlich, denn er konnte sich nicht erinnern, gestorben zu sein. Aber er beschloss die Sache mit Humor zu nehmen und schrieb der Zeitung keinen Brief und bat um keine Korrektur.
Als er einige Tage später die Straße entlang ging, begegnete er einem alten Freund, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Der Freund sah ihn überrascht und geschockt an.
„Na“, sagte Charlie, dem Freund auf die Schulter klopfend. „Bist du auch nicht zu meinem Begräbnis gekommen?“
Es war seltsam Herrn Tuniak heute in seinem Büro anzutreffen, nachdem ich letzte Woche auf seinem Begräbnis gewesen war. Es wäre wahrscheinlich noch surrealer gewesen, wenn sein Sarg offen gewesen wäre, aber das war er zum Glück nicht. Trotzdem war mir meine Unsicherheit und die Tatsache, dass ich nicht wusste, wie ich ihn begrüßen sollte (oder was er von dem Begräbnis selbst wusste), offensichtlich klar in meinem Gesicht zu lesen. Herr Tuniak versuchte die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen und erzählte mir zur Auflockerung den oben beschriebenen Witz.
„Haben sie... waren sie selbst auch bei dem Begräbnis?“, fragte ich. „Heimlich? Versteckt oder so?“
Herr Tuniak schmunzelte ein wenig. „Ich habe mit dem Gedanken gespielt, ja. Aber ich habe mich dann doch dagegen entschieden... vielleicht werde ich aber noch mein Grab besuchen...“ Er blickte für einen Moment nachdenklich aus dem Fenster, bevor er sich wieder mir zu wandte. „Aber wir wollen nicht weiter über Vergangenes sprechen. Sie haben mir ja mehrmals Fragen über die Zukunft gestellt – die Zukunft von ihrer Perspektive aus – und ich denke heute als Abschluss würde sich dieses Thema gut anbieten.“
Ich vergaß für einen Moment meine Notizen weiterzuführen. So oft schon hatte Herr Tuniak Andeutungen über die Zukunft fallen lassen und die Tatsache, dass ein großes Ereignis oder eine große Veränderung kommen würde, aber er hatte nie Details verraten.
Als er sah, wie ich neugierig zu ihm blickte, sagte er: „Machen sie sich aber keine zu großen Hoffnungen. Ich werde ihnen keine Namen, Jahreszahlen... oder andere genaue Daten verraten. Ich werde ihnen nur eine allgemeine Idee geben... unter anderem auch deswegen, damit sie verstehen können, warum nach Juliette und meinen Müttern niemand mehr eine Zeitmaschine gebaut hat.“
Aber er begann nicht sofort. Anstatt einer Beschreibung der Welt, wie sie in dreihundert oder vierhundert Jahren sein würde, begann er über Evolution zu sprechen.
„Für einen Großteil der Geschichte dieses Planeten, hat die Evolution hauptsächlich Lebewesen betroffen“, erklärte Herr Tuniak. „Ihre DNS. Mutationen sorgten für Veränderungen des Erbgutes und wer am besten angepasst war, wer am meisten Nachkommen zeugte, konnte seine Mutationen an künftige Generationen weiter vererben. So weit, so gut. Es gibt zu dieser – ihrer – Zeit jetzt aber Menschen, die sagen, dass die Evolution beim Menschen aufgehört hat.“
„Unsere DNS ist doch sicher immer noch Mutationen und Veränderungen unterworfen“, warf ich ein.
„Ohne Zweifel ist sie das“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie sind nicht mehr so wichtig. Ein einfaches Beispiel: Wenn während der Eiszeit eine Mutation dafür gesorgt hat, dass ein Tier sein Fell verliert, dann wäre es erfroren. Es hätte keine Nachkommen gezeugt und diese Mutation wäre nicht weitergegeben worden. Wenn das einem Menschen passieren würde, würde er sich einfach eine dicke Jacke kaufen. Er könnte weiterhin nachkommen zeugen und die Mutation, die damals ein Nachteil war, ist... unwichtig. Nicht relevant. Oder: Die Gene, die für blonde Haare verantwortlich sind, sind rezessiv. Wenn ein Elternteil blonde Haare hat und ein Elternteil braune, dann wird das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit braune Haare haben. Sie können gerne Statistiken überprüfen. Es gibt immer weniger Leute mit blonden Haaren. Das würden sie aber nicht unbedingt merken, wenn sie eine Straße entlang gehen. Man kann zu ihrer Zeit – und eigentlich schon viel länger – Haare färben und damit ist die echte Haarfarbe nicht mehr von Bedeutung.“
„Das heißt, allgemeiner gesprochen, als der Mensch anfing Werkzeuge zu verwenden, verlor die natürliche Auslese an Bedeutung“, sagte ich.
Herr Tuniak schüttelte langsam den Kopf. „Nein, nicht direkt. Wenn man nur den Mensch, das Lebewesen an sich betrachtet, dann ja, aber hier liegt der Fehler. Man darf nicht nur den Organismus betrachten, denn der Mensch verwendet plötzlich Werkzeuge. Man kann sagen, die Werkzeuge werden ein Teil von ihm. Er hat keine Krallen, aber er hat Messer. Er hat kein Fell, aber er hat Gewand. Und wenn sie die Geschichte des Menschen verfolgen, stellen sie plötzlich fest, dass die natürliche Auslese sehr wohl noch aktiv ist.“
„Bei den Werkzeugen“, erkannte ich. „Was funktioniert, wird weiterverwendet und es wird den Kindern gezeigt, wie man diese Werkzeuge baut. Was nicht funktioniert wird vergessen.“
„Im Prinzip, ja“, sagte Herr Tuniak. „Wie die Evolution bei Tieren ist natürlich auch dieser Prozess nicht so direkt und zielgerichtet, aber als einfaches Beispiel passt es. Wir sind jetzt also davon abgegangen, nur den Organismus selbst zu betrachten, sondern den Organismus und seine Umgebung. Diese ist ja, kann man sagen, ein Teil von ihm geworden.“
„Ok“, sagte ich. „Soweit kann ich ihnen noch folgen.“
„Was passiert, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen?“, fragte Herr Tuniak.
„Jetzt kann ich ihnen nicht mehr folgen“, gestand ich. „Was wäre der nächste Schritt?“
„Was wäre, wenn wir nicht einen Menschen und seine Werkzeuge betrachten, sondern alle Menschen und alle ihre Werkzeuge?“, fragte Herr Tuniak. „Was wäre, wenn wir die Menschheit als Ganzes als einen Organismus betrachten.“
„Ist das nicht...“
„Bevor sie Einwände erheben, denken sie daran, dass man Ameisenkolonien in der Forschung ebenfalls als einen einzigen Organismus betrachtet, um bestimmte Untersuchungen durchzuführen“, unterbrach er mich.
Unzählige, teils widersprechende, Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Gerade eben hatte er noch über Menschen und Technologien gesprochen und plötzlich waren wir nur mehr Ameisen?
Meine Verwirrung nicht bemerkend, fuhr Herr Tuniak fort: „Die beste, wenn auch nicht absolut korrekte, Beschreibung ist, dass sich die gesamte Menschheit zu einem Gestalt-Wesen entwickelt.“
„Was ist ein Gestalt-Wesen?“
Herr Tuniak überlegte für einige Momente, bevor er antwortete: „Ein Wesen, dass aus vielen Einzelwesen besteht. Das können theoretisch nur zwei einzelne Wesen sein oder auch zwei Milliarden. Bei großen Mengen ist es auch nicht unbedingt nötig, dass immer alle Einzel-Wesen existieren. Die genaue Anzahl kann sich ändern.“
„So wie der menschliche Körper?“, fragte ich. „Wäre der menschliche Körper ein Gestalt-Wesen bestehend aus den einzelnen Zellen?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak. „Denn die einzelnen Zellen haben keinen eigenen freien Willen. Und das ist das entscheidende Merkmal des Gestal-Wesens. Seine... Einzelteile sind eigenständige Individuen, die theoretisch auch ohne die Gestalt leben könnten. Aber zusammen ergeben sie plötzlich ein völlig neues Lebewesen. Die Menschheit-Gestalt ist eine Art von Lebewesen, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat.“
„Die Menschheit als solche wird ein großes Lebewesen?“, fragte ich. „Heißt das, dass alle Menschen dann das gleiche denken? Die gleichen Vorlieben haben, die gleichen Abneigungen?“
„Nein, weil ja das Individuum in der Gestalt nicht verloren geht“, erklärte Herr Tuniak. „Und hier kommen wir auch zu dem Punkt, warum in der Zukunft keine Zeitreisen mehr unternommen werden. Zeitreisen haben theoretisch die Möglichkeit die Geschichte zu verändern. Die Menschheit-Gestalt darf das aber nicht riskieren, weil sie ja aus allen Menschen besteht. Das heißt, dass eine Änderung in der Vergangenheit garantiert Auswirkungen auf die Gegenwart hat.“
„Die Menschheit-Gestalt kann nicht die Vergangenheit verändern, ohne sich selbst zu verändern?“
„Darauf läuft es, vereinfacht gesagt, hinaus.“
„Aber wie kann so ein... Super-Wesen entstehen?“, fragte ich. „Wie können alle Menschen miteinander verbunden... Oh! Das Internet?“
„Nicht das Internet selbst, nein, aber es wird ein Teil davon sein“, sagte Herr Tuniak. „Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird immer weiter verschwimmen. Schon zu der Zeit als meine Mütter geboren wurden, ist sie nicht mehr klar definierbar.“
Ein Gedanke drängte sich mir auf, bei dem ich nicht wusste, ob ich ihn beängstigend oder lustig finden sollte. „Alles was im Internet ist, wird in der Menschheit-Gestalt erhalten bleiben?“
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak.
„Wollten sie deswegen auch, dass ich ihre Biographie im Internet veröffentliche?“, fragte ich. „Damit sie... ihre Geschichte auch ein Teil der Gestalt wird?“
Herr Tuniak nickte.
„Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass alle Menschen Teil eines... Ganzen werden können“, sagte ich. „Ich kann mir eine solche Welt nicht vorstellen.“
„Deswegen wird der Moment des Übergangs auch als Singularität bezeichnet“, sagte Herr Tuniak. „Was danach passiert, lässt sich nicht vorhersehen oder verstehen. Und es wird natürlich Ausnahmen geben, wie immer. Vereinzelte Gruppen werden weiterhin existieren, die keine Verbindung zur restlichen Menschheit haben werden. Aber es werden nur wenige sein.“
„Wird das die einzige Gestalt sein?“, fragte ich.
„Das weiß ich nicht“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich glaube nicht. Vor allem, weil solche Gestalten durch die Lichtgeschwindigkeit eingeschränkt werden...“ Er stoppte abrupt. Er hatte offenbar etwas gesagt, was er nicht enthüllen hätte wollen. Aber meine Gedanken rasten bereits. Lichtgeschwindigkeit! Wenn Menschen zu anderen Planeten, zu anderen Sternen reisen würden, würden sie zu weit weg sein, um an dieser großen Gestalt teilzunehmen. Aber sie würden vielleicht eigene Gestalten bilden. Eine Gestalt in jedem Sonnensystem...
„Wir reisen zu den Sternen...“, murmelte ich und Herr Tuniak nickte stumm.
Und damit endete meine Bekanntschaft mit Alexander Tuniak.
Ein Mann, nennen wir ihn Charlie, las eines Morgens in der Zeitung einen Bericht über sein eigenes Begräbnis. Das verwunderte ihn natürlich, denn er konnte sich nicht erinnern, gestorben zu sein. Aber er beschloss die Sache mit Humor zu nehmen und schrieb der Zeitung keinen Brief und bat um keine Korrektur.
Als er einige Tage später die Straße entlang ging, begegnete er einem alten Freund, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Der Freund sah ihn überrascht und geschockt an.
„Na“, sagte Charlie, dem Freund auf die Schulter klopfend. „Bist du auch nicht zu meinem Begräbnis gekommen?“
Es war seltsam Herrn Tuniak heute in seinem Büro anzutreffen, nachdem ich letzte Woche auf seinem Begräbnis gewesen war. Es wäre wahrscheinlich noch surrealer gewesen, wenn sein Sarg offen gewesen wäre, aber das war er zum Glück nicht. Trotzdem war mir meine Unsicherheit und die Tatsache, dass ich nicht wusste, wie ich ihn begrüßen sollte (oder was er von dem Begräbnis selbst wusste), offensichtlich klar in meinem Gesicht zu lesen. Herr Tuniak versuchte die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen und erzählte mir zur Auflockerung den oben beschriebenen Witz.
„Haben sie... waren sie selbst auch bei dem Begräbnis?“, fragte ich. „Heimlich? Versteckt oder so?“
Herr Tuniak schmunzelte ein wenig. „Ich habe mit dem Gedanken gespielt, ja. Aber ich habe mich dann doch dagegen entschieden... vielleicht werde ich aber noch mein Grab besuchen...“ Er blickte für einen Moment nachdenklich aus dem Fenster, bevor er sich wieder mir zu wandte. „Aber wir wollen nicht weiter über Vergangenes sprechen. Sie haben mir ja mehrmals Fragen über die Zukunft gestellt – die Zukunft von ihrer Perspektive aus – und ich denke heute als Abschluss würde sich dieses Thema gut anbieten.“
Ich vergaß für einen Moment meine Notizen weiterzuführen. So oft schon hatte Herr Tuniak Andeutungen über die Zukunft fallen lassen und die Tatsache, dass ein großes Ereignis oder eine große Veränderung kommen würde, aber er hatte nie Details verraten.
Als er sah, wie ich neugierig zu ihm blickte, sagte er: „Machen sie sich aber keine zu großen Hoffnungen. Ich werde ihnen keine Namen, Jahreszahlen... oder andere genaue Daten verraten. Ich werde ihnen nur eine allgemeine Idee geben... unter anderem auch deswegen, damit sie verstehen können, warum nach Juliette und meinen Müttern niemand mehr eine Zeitmaschine gebaut hat.“
Aber er begann nicht sofort. Anstatt einer Beschreibung der Welt, wie sie in dreihundert oder vierhundert Jahren sein würde, begann er über Evolution zu sprechen.
„Für einen Großteil der Geschichte dieses Planeten, hat die Evolution hauptsächlich Lebewesen betroffen“, erklärte Herr Tuniak. „Ihre DNS. Mutationen sorgten für Veränderungen des Erbgutes und wer am besten angepasst war, wer am meisten Nachkommen zeugte, konnte seine Mutationen an künftige Generationen weiter vererben. So weit, so gut. Es gibt zu dieser – ihrer – Zeit jetzt aber Menschen, die sagen, dass die Evolution beim Menschen aufgehört hat.“
„Unsere DNS ist doch sicher immer noch Mutationen und Veränderungen unterworfen“, warf ich ein.
„Ohne Zweifel ist sie das“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie sind nicht mehr so wichtig. Ein einfaches Beispiel: Wenn während der Eiszeit eine Mutation dafür gesorgt hat, dass ein Tier sein Fell verliert, dann wäre es erfroren. Es hätte keine Nachkommen gezeugt und diese Mutation wäre nicht weitergegeben worden. Wenn das einem Menschen passieren würde, würde er sich einfach eine dicke Jacke kaufen. Er könnte weiterhin nachkommen zeugen und die Mutation, die damals ein Nachteil war, ist... unwichtig. Nicht relevant. Oder: Die Gene, die für blonde Haare verantwortlich sind, sind rezessiv. Wenn ein Elternteil blonde Haare hat und ein Elternteil braune, dann wird das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit braune Haare haben. Sie können gerne Statistiken überprüfen. Es gibt immer weniger Leute mit blonden Haaren. Das würden sie aber nicht unbedingt merken, wenn sie eine Straße entlang gehen. Man kann zu ihrer Zeit – und eigentlich schon viel länger – Haare färben und damit ist die echte Haarfarbe nicht mehr von Bedeutung.“
„Das heißt, allgemeiner gesprochen, als der Mensch anfing Werkzeuge zu verwenden, verlor die natürliche Auslese an Bedeutung“, sagte ich.
Herr Tuniak schüttelte langsam den Kopf. „Nein, nicht direkt. Wenn man nur den Mensch, das Lebewesen an sich betrachtet, dann ja, aber hier liegt der Fehler. Man darf nicht nur den Organismus betrachten, denn der Mensch verwendet plötzlich Werkzeuge. Man kann sagen, die Werkzeuge werden ein Teil von ihm. Er hat keine Krallen, aber er hat Messer. Er hat kein Fell, aber er hat Gewand. Und wenn sie die Geschichte des Menschen verfolgen, stellen sie plötzlich fest, dass die natürliche Auslese sehr wohl noch aktiv ist.“
„Bei den Werkzeugen“, erkannte ich. „Was funktioniert, wird weiterverwendet und es wird den Kindern gezeigt, wie man diese Werkzeuge baut. Was nicht funktioniert wird vergessen.“
„Im Prinzip, ja“, sagte Herr Tuniak. „Wie die Evolution bei Tieren ist natürlich auch dieser Prozess nicht so direkt und zielgerichtet, aber als einfaches Beispiel passt es. Wir sind jetzt also davon abgegangen, nur den Organismus selbst zu betrachten, sondern den Organismus und seine Umgebung. Diese ist ja, kann man sagen, ein Teil von ihm geworden.“
„Ok“, sagte ich. „Soweit kann ich ihnen noch folgen.“
„Was passiert, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen?“, fragte Herr Tuniak.
„Jetzt kann ich ihnen nicht mehr folgen“, gestand ich. „Was wäre der nächste Schritt?“
„Was wäre, wenn wir nicht einen Menschen und seine Werkzeuge betrachten, sondern alle Menschen und alle ihre Werkzeuge?“, fragte Herr Tuniak. „Was wäre, wenn wir die Menschheit als Ganzes als einen Organismus betrachten.“
„Ist das nicht...“
„Bevor sie Einwände erheben, denken sie daran, dass man Ameisenkolonien in der Forschung ebenfalls als einen einzigen Organismus betrachtet, um bestimmte Untersuchungen durchzuführen“, unterbrach er mich.
Unzählige, teils widersprechende, Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Gerade eben hatte er noch über Menschen und Technologien gesprochen und plötzlich waren wir nur mehr Ameisen?
Meine Verwirrung nicht bemerkend, fuhr Herr Tuniak fort: „Die beste, wenn auch nicht absolut korrekte, Beschreibung ist, dass sich die gesamte Menschheit zu einem Gestalt-Wesen entwickelt.“
„Was ist ein Gestalt-Wesen?“
Herr Tuniak überlegte für einige Momente, bevor er antwortete: „Ein Wesen, dass aus vielen Einzelwesen besteht. Das können theoretisch nur zwei einzelne Wesen sein oder auch zwei Milliarden. Bei großen Mengen ist es auch nicht unbedingt nötig, dass immer alle Einzel-Wesen existieren. Die genaue Anzahl kann sich ändern.“
„So wie der menschliche Körper?“, fragte ich. „Wäre der menschliche Körper ein Gestalt-Wesen bestehend aus den einzelnen Zellen?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak. „Denn die einzelnen Zellen haben keinen eigenen freien Willen. Und das ist das entscheidende Merkmal des Gestal-Wesens. Seine... Einzelteile sind eigenständige Individuen, die theoretisch auch ohne die Gestalt leben könnten. Aber zusammen ergeben sie plötzlich ein völlig neues Lebewesen. Die Menschheit-Gestalt ist eine Art von Lebewesen, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat.“
„Die Menschheit als solche wird ein großes Lebewesen?“, fragte ich. „Heißt das, dass alle Menschen dann das gleiche denken? Die gleichen Vorlieben haben, die gleichen Abneigungen?“
„Nein, weil ja das Individuum in der Gestalt nicht verloren geht“, erklärte Herr Tuniak. „Und hier kommen wir auch zu dem Punkt, warum in der Zukunft keine Zeitreisen mehr unternommen werden. Zeitreisen haben theoretisch die Möglichkeit die Geschichte zu verändern. Die Menschheit-Gestalt darf das aber nicht riskieren, weil sie ja aus allen Menschen besteht. Das heißt, dass eine Änderung in der Vergangenheit garantiert Auswirkungen auf die Gegenwart hat.“
„Die Menschheit-Gestalt kann nicht die Vergangenheit verändern, ohne sich selbst zu verändern?“
„Darauf läuft es, vereinfacht gesagt, hinaus.“
„Aber wie kann so ein... Super-Wesen entstehen?“, fragte ich. „Wie können alle Menschen miteinander verbunden... Oh! Das Internet?“
„Nicht das Internet selbst, nein, aber es wird ein Teil davon sein“, sagte Herr Tuniak. „Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird immer weiter verschwimmen. Schon zu der Zeit als meine Mütter geboren wurden, ist sie nicht mehr klar definierbar.“
Ein Gedanke drängte sich mir auf, bei dem ich nicht wusste, ob ich ihn beängstigend oder lustig finden sollte. „Alles was im Internet ist, wird in der Menschheit-Gestalt erhalten bleiben?“
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak.
„Wollten sie deswegen auch, dass ich ihre Biographie im Internet veröffentliche?“, fragte ich. „Damit sie... ihre Geschichte auch ein Teil der Gestalt wird?“
Herr Tuniak nickte.
„Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass alle Menschen Teil eines... Ganzen werden können“, sagte ich. „Ich kann mir eine solche Welt nicht vorstellen.“
„Deswegen wird der Moment des Übergangs auch als Singularität bezeichnet“, sagte Herr Tuniak. „Was danach passiert, lässt sich nicht vorhersehen oder verstehen. Und es wird natürlich Ausnahmen geben, wie immer. Vereinzelte Gruppen werden weiterhin existieren, die keine Verbindung zur restlichen Menschheit haben werden. Aber es werden nur wenige sein.“
„Wird das die einzige Gestalt sein?“, fragte ich.
„Das weiß ich nicht“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich glaube nicht. Vor allem, weil solche Gestalten durch die Lichtgeschwindigkeit eingeschränkt werden...“ Er stoppte abrupt. Er hatte offenbar etwas gesagt, was er nicht enthüllen hätte wollen. Aber meine Gedanken rasten bereits. Lichtgeschwindigkeit! Wenn Menschen zu anderen Planeten, zu anderen Sternen reisen würden, würden sie zu weit weg sein, um an dieser großen Gestalt teilzunehmen. Aber sie würden vielleicht eigene Gestalten bilden. Eine Gestalt in jedem Sonnensystem...
„Wir reisen zu den Sternen...“, murmelte ich und Herr Tuniak nickte stumm.
Und damit endete meine Bekanntschaft mit Alexander Tuniak.
Sonntag, 16. Dezember 2012
Pourquoi pleurez-vous? M'avez-vous cru immortel?
(Warum weint ihr? Dachtet
ihr, ich wäre unsterblich?)
- Louis XIV
Jetzt weiß ich, warum
mich Herr Tuniak letzte Woche vorgewarnt hat. Ich habe ihn heute
nämlich nicht gesehen, sondern nur...
Ich sollte – wie immer
– von vorne anfangen:
Als ich zu dem Haus kam,
in dem sich Herr Tuniaks Büro befand, erwartete mich sein Fahrer
bereits im Eingangsbereich.
„Kommen sie“, sagte
er zu mir und führte mich zu seiner Limousine.
Wir fuhren hinaus zu der
Hütte, wo sich die Zeitmaschine befand. Wir stiegen beide aus, aber
in der Hütte befand sich keine Zeitmaschine.
„Sie wird gleich hier
sein“, sagte der Fahrer. „Wir sind etwas zu früh gekommen.“
„Ich habe sie nie nach
ihrem Namen gefragt, oder?“, sagte ich.
„Erik“, stellte er
sich vor und wir schüttelten uns die Hände, als würde wir uns zum
ersten Mal sehen.
Dann erschien die
Zeitmaschine.
Sie erschien nicht in der
Hütte, sondern davor. Als sich die Tür öffnete, war es auch nicht
Herr Tuniak, der uns zu rief einzusteigen, sondern Juliette. Sie war
alleine in der Zeitmaschine. Sie wirkte nicht viel älter als ich,
also konnte für sie seit letzter Woche auch nicht besonders viel
Zeit vergangen sein.
„Ein halbes Jahr etwa“,
antwortete sie, als ich sie fragte, wie viel Zeit seit unserer
letzten Begegnung vergangen war.
„Und sie haben sich
doch entschlossen, die Zeitmaschine zu übernehmen“, stellte ich
fest.
„Ich habe die Zukunft
gesehen“, erklärte sie. „Und ich habe gesehen, warum dort
niemand will, dass sich der Lauf der Zeit verändert. Ich... ich
denke, dass ist meine Aufgabe.“
Erik war ebenfalls in die
Zeitmaschine eingestiegen und Juliette aktivierte sie. Als sich die
Tür wieder öffnete, deutete sie uns, dass wir nicht aussteigen
sollten. Sie verschwand für einen Moment und als sie zurück kam,
war sie von einem alten Mann begleitet, der vier Arme hatte. Farid.
Wir mussten uns in der Zukunft befinden, denn Farid war um 1960
geboren worden und war jetzt mindestens achtzig Jahre alt. Aber bevor
ich einen Blick durch die Tür nach draußen werfen konnte, hatte
Juliette sie schon wieder geschlossen und wir reisten zu unserem
nächsten Ziel.
Farid nickte uns
freundlich zu und er und Erik unterhielten sich in Zeichensprache.
Als nächstes holten wir einen alten Mann ab, der sich als Sean
vorstellte – jener Sean, der Herrn Tuniak damals als erstes bei der
Gemini Foundation begrüßt hatte. Beim nächsten Stop stieg dann
eine alte Frau ein. Seans Augen begannen feucht zu werden, als er sie
sah. Er umarmte sie so fest er konnte und Erik erklärte mir, dass
das Dilara, seine Frau, war. Aber er hatte sie ganz offensichtlich
schon lange nicht mehr gesehen.
„Ok, alle aussteigen,
bitte“, sagte Juliette bei unserem nächsten Stop.
Wir stiegen aus. Wir
waren in der Nähe eines Friedhofes gelandet, der von einer
Steinmauer umgeben war. Hinter uns waren die Ruinen eines Ortes zu
sehen. Es war schon lange niemand mehr hier gewesen. Ich weiß nicht,
wo sich diese Geisterstadt befand, aber die Luft war, trotz des
bedeckten Himmels, angenehm warm. Der Ort befand sich in einer grünen
Ebene und nur in der Ferne konnte ich die ersten Ausläufer eines
Gebirges erkennen. Ich versuchte nicht weiter zu erraten, wo ich mich
befand. Schließlich wusste ich nicht einmal in welcher Zeit wir
gelandet waren.
Am Friedhof hatte sich
bereits eine größere Menschenmenge angesammelt. Die Zeitmaschine,
mit der wir gekommen waren, verschwand wieder. Aber gleich darauf
kehrte sie wieder zurück und es stiegen vier Personen aus. Dann half
ein alter Mann einer ebenso alten Frau in einem Rollstuhl aus der
Zeitmaschine. Als ich den beiden folgte, wie sie zum Friedhof gingen,
erkannte ich, dass die alte Frau Cailinn sein musste. Demzufolge war
der Mann wahrscheinlich Hugo. Die Zeitmaschine ging auf eine weitere
Reise und brachte noch weitere Leute zu diesem Ort im Nirgendwo.
Abgesehen von Erik und mir schätze ich, dass jeder, der sich dort
befand, mindestens siebzig Jahre alt war.
Im Friedhof sah ich
Philipp, der umgeben von vier weiteren Leuten war, die – so vermute
ich zumindest – genau so wie er, ebenfalls unsterblich waren. Ein
Mann, Yuuto, stieß zu ihnen und sie begannen miteinander zu reden.
Es hatten sich überhaupt am ganzen Friedhof mehrere kleine Gruppen
gebildet und es dauerte noch mindestens eine halbe Stunde, bis alle
Personen, die offenbar erwartet worden waren, eingetroffen waren.
Dann, als wäre ein
Signal gegeben worden, begannen sie alle sich langsam auf eine Seite
des Friedhofes zu bewegen. Wir steuerten ein Grab nahe der Mauer an,
das frisch gegraben worden war. Es war aber bereits wieder
zugeschüttet worden. Es gab auch einen Grabstein, aber außer dem
Namen „Alexander“, war dort nichts zu lesen. Während die Gäste
alle einen Halbkreis um das Grab bildeten, warf ich einen Blick auf
die anderen Grabsteine. Auch dort war immer nur der Vorname der
begrabenen Person vermerkt. Einige Namen kamen mir bekannt vor,
andere nicht und viele waren kaum mehr zu lesen.
Musik begann zu spielen.
Zwei Männer und eine Frau hatten Instrumente mitgebracht. Ich hatte
sie zuerst gar nicht als solche erkannt, weil sie wie Gehstöcke
ausgesehen hatten. Aber die Stöcke der Frau und des einen Mannes
waren gleichzeitig auch Saiteninstrumente, während der des zweiten
Mannes eine Flöte war. Ich erkannte das Stück nicht. Es war
gleichzeitig fröhlich und traurig, schwungvoll und nachdenklich.
Als sie geendet hatten,
trat ein Mann vor das Grab. Ich brauchte einen Moment, bevor ich
erkannte, dass es Mowgli sein musste. Sein Haar war mittlerweile weiß
wie Schnee und er stand gebückt, den Blick auf den Boden gesenkt. Er
begann eine Geschichte zu erzählen, ein Abenteuer, das er mit Herrn
Tuniak erlebt hatte. Er erzählte, wie er und Herr Tuniak in einem
Gebirge kletterten, dessen Felsen so scharf wie Rasiermesser waren.
Ich lächelte ein wenig. Herr Tuniak hatte mir von diesem Erlebnis
auch schon erzählt, aber ich bemerkte leichte Unterschiede in der
Erinnerung der beiden Männer.
Dann trat Mowgli wieder
in den Halbkreis zurück und die drei Musiker begannen erneut ein
Stück zu spielen. Diesmal klang es wie ein indisches Lied,
vielleicht als Tribut für Mowgli.
Als nächstes trat Alice
vor das Grab. Sie erzählte von einer Zeitreise in die Antike,
während der sie, Sarina und Herr Tuniak Alexander den Großen dabei
beobachtet hatten, wie er in einer Taucherglocke in die Tiefe der
Ägäis abgesenkt wurde. Auch ihrer Erzählung folgte wieder ein
kurzes Musikstück, diesmal wieder eines, dessen Ursprung ich nicht
zuordnen konnte.
Cailinn folgte ihr mit
einer Erzählung über den Diebstahl eines Telautographen, eine Art
primitives Faxgerät. Dann sprach ein Mann, den ich nicht kannte in
einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich glaube auch nicht, dass
ich der einzige war, der ihn nicht verstehen konnte, aber darum ging
es auch nicht wirklich. Es folgten noch viele andere Personen, die
ich nicht verstehen konnte. Die Versammelten schienen aus sämtlichen
Ländern und sämtlichen Epochen zu kommen. Sie alle erzählten eine
kurze Geschichte, ein Ereignis, dass sie gemeinsam mit Herrn Tuniak
erlebt hatten.
Es war bereits Nacht, als
die letzte Person – er sprach in Latein und ich vermute, dass er
ein Theaterschauspieler aus dem Alten Rom war – schließlich
endete. Während noch ein letztes Musikstück gespielt wurde, blieben
wir alle um das Grab stehen und begannen uns nachher in kleinen
Gruppen zu entfernen. Die meisten erzählten sich untereinander noch
andere Episoden aus ihrem Leben und woher sie Herrn Tuniak kannten.
Ich beobachtete außerdem ein Gespräch zwischen zwei Personen, die
sich gegenseitig nicht verstehen konnten und zwei weitere Personen
als Dolmetscher brauchten. Es wurde viel gelacht, als Erinnerungen
über vergangene Missgeschicke ausgetauscht wurden. Aber es gab auch
Tränen, vor allem als die Zeitmaschine wieder erschien und begann,
die Gäste wieder zurück in ihre Zeit und an ihren Ort zu bringen.
„Sie haben sich gut
geschlagen“, sagte jemand hinter mir.
Ich drehte mich um und
sah, dass Alice hinter mir stand. „Wobei meinen sie?“, fragte
ich.
„Bei der Biographie“,
erklärte sie. „Ich war ursprünglich enttäuscht, als Alexander
mir sagte, dass er nicht wollte, dass ich sie schreibe. Aber ich kann
erkennen, warum er das nicht wollte. Ich hätte eine andere
Geschichte erzählt.“
„Eine andere
Geschichte?“, fragte ich. „Hat er mir nicht erzählt, was
wirklich passiert ist?“
„Doch, natürlich hat
er das“, sagte sie. „Aber eben seine Version der Ereignisse.
Hätte ich die Biographie geschrieben, wäre es meine Version seines
Lebens gewesen und nicht seine.“
Erik und ich waren die
letzten, die Juliette zurück brachte. Als wir einstiegen, sah ich,
wie uns eine alte Frau beobachtete, die im Schatten der
Friedhofsmauer stand. Juliette sah sie auch und sie nickte ihr kurz
zu. Ich glaube, es war Juliette selbst gewesen, die dort gestanden
hatte.
„Die Leute alle...
außer Erik und mir waren sie alle.... recht alt“, sagte ich.
„Ja“; sagte Juliette.
„Ich habe sie alle kurz vor dem Ende ihres Lebens abgeholt.“
Als sie das sagte,
erkannte ich, dass das Begräbnis nicht nur für Herrn Tuniak gewesen
war.
„Aber seine Mütter
waren nicht da“, sagte ich.
„Natürlich nicht“,
sagte Juliette. „Welche Eltern wollen ihr Kind begraben sehen? Aber
sie sind auch auf diesem Friedhof begraben.“
Eine letzte Anmerkung
noch:
Als wir in der Limousine
nach Hause fuhren, fragte ich Erik, warum er bei dem Begräbnis
gewesen war und nicht eine „ältere Version“ von ihm.
Er zuckte mit den
Schultern. „Sie vergessen, dass ich bereits tot bin.“
Ah, ja, das hatte ich.
NÄCHSTE WOCHE
Spoilers!
Sonntag, 9. Dezember 2012
Tu n'as pas à le [l'avenir] prévoir, mais à le permettre.
(Du musst sie [die Zukunft] nicht vorhersehen, du musst sie nur
ermöglichen.)
- Antoine de Saint-Exupery
Mr Tuniaks Büro war
leer. Ich hätte nicht gedacht, dass es für einen Mann mit
Zeitmaschine möglich sein könnte, zu spät zu kommen, aber das war
ganz offensichtlich hier passiert. Zumindest war das mein erster
Gedanke. Mein zweiter war, dass Herrn Tuniak etwas zugestoßen sein
musste. Doch bevor ich weiter überlegen konnte, klingelte mein
Handy. Herr Tuniak rief mich an. Er hatte vergessen mir zu sagen,
dass wir uns heute direkt auf dem Parkplatz treffen würden, weil wir
wieder zur Zeitmaschine fahren würden.
Ich fuhr also mit dem
Lift hinunter und stieg in die Limousine ein, in der Herr Tuniak
bereits wartete. Er hatte seine Haare wieder kurz geschnitten und
seinen Bart abrasiert, aber er wirkte deswegen nicht jünger. In der
Hand hielt er einen Gehstock aus kunstvoll geschnitztem Holz.
„Das wird heute unser
letztes Treffen sein“, sagte Herr Tuniak während der Fahrt.
„Wieso?“, fragte ich.
„Was ist nächste und übernächste Woche?“
Herr Tuniak lächelte für
einen Moment. „Ich habe mich ungenau ausgedrückt: Heute ist unser
letztes Treffen. Für mich.“
„Sie haben die nächsten
beiden Sonntage...“, begann ich, unsicher wie ich die Frage beenden
sollte, „...bereits erlebt?“
„Ja“, bestätigte
Herr Tuniak. „Nächste Woche werden sie... mit jemand anderem
sprechen. Und egal, was sie nächste Woche sehen werden, seien sie
nicht verunsichert. Wir werden uns ganz sicher in zwei Wochen noch
einmal sehen. Ich komme gerade von diesem Treffen.“
„Ist das das erste Mal,
dass sie unsere Treffen in einer anderen Reihenfolge erleben als
ich?“
„Ja“, sagte Herr
Tuniak. „Und sie werden bald verstehen warum. Aber ich erwähnte
es, weil es mir wichtig war zu sagen, dass sie... wegen nächster
Woche nicht beunruhigt sein sollen.“
„Das war ich bis vor
fünf Minuten auch nicht“, meinte ich. „Und wohin reisen wir
heute?“
„Ich muss mich noch um
einige lose Enden kümmern“, sagte Herr Tuniak. „Sie wissen doch
sicher noch, woher die Zeitmaschine ihre Energie bezieht, oder?“
„Von einer Ladestation
in Gibraltar“, sagte ich.
„Haben sie sich nie
gefragt, warum spätere Archäologen nie eine Spur dieser Ladestation
gefunden haben?“
„Nein, eigentlich
nicht“, sagte ich. „Haben sie die Ladestation nicht vor ungefähr
fünf Millionen Jahren gebaut? Es würde mich ehrlich gesagt
überraschen, wenn zu dieser, zu meiner Zeit noch etwas davon
existieren würde.“
„Ah, die Materialien
aus denen die Ladestation gebaut ist, könnten so lange bestehen, das
wäre kein Problem“, sagte Herr Tuniak. „Die Technologie kommt
aus der Zukunft, ihrer Zukunft, und da können wir recht ausdauernde
Geräte herstellen. Nehmen sie die Zeitmaschine. Sie ist jetzt zirka
zweihundert Jahre alt und funktioniert immer noch fast so gut wie am
ersten Tag.“
„Und wenn Juliette sie
verwendet... sie muss ja etwa dreihundert Jahre lang funktionieren“,
sagte ich erstaunt.
Herr Tuniak nickte.
„Wobei ich von Juliette schon mehrmals gehört habe, das nicht mehr
alles so gut geht, wie es eigentlich sollte. Ah, wir sind hier.“
Wir hatten die
Zeitmaschine erreicht.
Wir reisten zurück in
die Vergangenheit, zurück nach Gibraltar vor etwa fünf Millionen
Jahren. Der große Wasserfall, den ich das letzte Mal hier gesehen
hatte und der eine Salzwüste in ein Meer verwandelt hatte, hatte
aufgehört zu fließen. Gibraltar war eine Meerenge geworden, wie es
sie zu hunderten auf der ganzen Welt gibt. Es herrschte klares Wetter
und ich konnte ohne Probleme die Küste Afrikas sehen.
Aber meine Aufmerksamkeit
war auf etwas anderes gerichtet. Die Zeitmaschine, aus der ich
ausstieg, stand neben zwei weiteren ident aussehenden Zeitmaschinen
(genau genommen war es ja auch genau die gleiche, nur zu
unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem „Leben“). Herr Tuniaks
Mütter, Helena und Maria, sowie Juliette waren ebenfalls gekommen.
Ich habe sie nicht nach ihrem genauen Alter gefragt, aber sie allen
mussten ungefähr so alt sein wie Herr Tuniak selbst, also ein wenig
über hundert Jahre. Sie alle waren am Ende ihrer Reisen angekommen.
In der Zukunft – von welcher Perspektive auch immer betrachtet –
würde keiner mehr die Ladestation brauchen. Nachdem der große
Wasserfall auch nicht mehr existierte, lieferte sie sowieso keinen
Strom mehr.
Ich hätte mich
vielleicht gefragt, wie es vier alte Menschen schaffen sollten, so
eine große Maschine wie die Ladestation abzubauen, aber die Antwort
war offensichtlich: Roboter. Kleine Maschinen, nicht viel größer
als meine Hand, die Ähnlichkeiten mit Insekten hatten, kletterten zu
Dutzenden auf der Ladestation auf und ab. So entfernten Platten,
Kabeln, Bolzen... Alles wurde gesammelt und in Kisten gepackt. Diese
Kisten transportierten sie dann in die drei Zeitmaschinen. Als eine
Zeitmaschine – Juliettes – so voll mit Kisten gepackt hatten, wie
sie es wollten, stieg Juliette ein und verschwand für wenige
Sekunden. Als sie wieder erschien, war die Zeitmaschine wieder
komplett leer und die Roboter-Insekten begannen sie wieder
anzufüllen.
„Wohin bringen sie die
einzelnen Teile?“, fragte ich.
„Sie werden es gleich
sehen“, sagte Herr Tuniak. „Kommen sie!“
Seine Zeitmaschine war
ebenfalls gefüllt worden und wir stiegen ein und aktivierten sie.
Ich sah, dass einige der Roboter-Insekten uns auf unserer Reise
begleiteten. Sie würden die Kisten an unserem Zielort wieder
ausladen.
Als ich wieder ausstieg,
konnte ich nur erkennen, dass ich mich in einer großen Lagerhalle
befand.
„Ich erkenne diesen Ort
nicht“, sagte ich. „Wo sind wir?“
„Tief unter der Erde“,
meinte Herr Tuniak, während er zusah, wie die Roboter-Insekten die
Kisten ausluden und neben die anderen stellten, die bereits hier
gelagert worden waren.
„Im beyul?“,
fragte ich.
„Ja“, bestätigte
Herr Tuniak. „Wir sind hier fast in der untersten Ebene.“
„Aber hier waren wir
das letzte Mal nicht“, sagte ich.
„Nein, denn das hier
ist auch ihre Zukunft“, erklärte Herr Tuniak. „Oder dachten sie,
wir würden in ihrer Gegenwart aufhören, Wissen und Artefakte zu
sammeln?“
„Schon irgendwie“,
sagte ich. Obwohl ich ihn jetzt fast ein Jahr kannte, hatte ich immer
noch Probleme mit der Vorstellung, dass meine Gegenwart nicht die
Gegenwart von Herrn Tuniak darstellte. Ich war mir nicht einmal
sicher, ob er eine hatte. „Hören sie irgend wann auf zu sammeln?“
„Etwa dreihundert Jahre
in ihrer Zukunft“, antwortete Herr Tuniak.
„Was passiert in
dreihundert Jahren?“, murmelte ich. Ich wusste, dass Herr Tuniak
nicht antworten würde, er erzählte fast nichts über Dinge, die in
meiner Zukunft lagen, aber ich konnte sehen, dass er lächeln musste,
als er die Frage hörte. „Was machen sie eigentlich mit ihren
Logbüchern?“
„Logbücher?“, fragte
er.
„Die Bücher, die sie
in Gibraltar hatten und wo sie aufschrieben wann und wo sie zu finden
sind.“
„Die werden auch hier
gelagert“, sagte Herr Tuniak. „Genau so wie eine komplette
ausgedruckte Version meiner Biographie, die sie schreiben.“ Er
deutete auf einen Ordner, der in einem Regal zwischen den Boxen
stand. Ich hätte mir den Ordner gerne angesehen, aber ich wusste,
dass er das nicht erlauben würde.
Die Insekten-Roboter
brauchten ein paar Stunden, um die gesamte Ladestation abzubauen und
zu verpacken. Als die letzten Boxen ins beyul gebracht worden
waren, wandte ich mich an Juliette und fragte: „Und was wird mit
der Zeitmaschine selbst geschehen? Wird sie auch gelagert?“
„Nein“, sagte
Juliette. „Ich werde sie zerstören. Zeitmaschinen sind zu
gefährlich.“
Herr Tuniak runzelte die
Stirn, als er das hörte. „Aber nicht hier auf der Erde, oder?“,
fragte er.
„Nein, ich werde sie
zuerst hinaus ins All schicken und dort soll sie sich selbst
zerstören“, sagte Juliette. „Es wird nichts passieren. Ich bin
mir ziemlich sicher, dass ich weiß, wann die Zerstörung stattfinden
wird und das sie sogar von der Erde aus gemessen werden wird.“
„Ja? Wann?“, fragte
Herr Tuniak interessiert.
„1977“, sagte
Juliette. „Haben sie schon einmal von dem WOW-Signal gehört? Ich
glaube, dass es durch die Zerstörung der Zeitmaschine erzeugt
wurde.“
Wir verabschiedeten uns,
aber Herr Tuniak wartete, bis seine Mütter und Juliette mit ihren
Zeitmaschinen verschwunden waren. „Wissen sie, wo wir als nächstes
hinreisen?“, fragte er mich.
„Nein“, antwortete
ich Kopf schüttelnd. „Sollte ich?“
„Das hier ist meine
letzte Reise und ich muss mich nur mehr um eine Sache kümmern“,
erklärte er.
„Wer die Zeitmaschine
nach ihnen bekommt“, erkannte ich. „Wir gehen nach Paris in den
1960ern!“
Als wir gelandet waren,
wartete ich in der Zeitmaschine, während Herr Tuniak ausstieg. Aber
ich musste nicht lange warten. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück,
begleitet von Juliette Belloq, die hier ungefähr so alt war wie ich.
„Ich komme gerade von
einem Basar“, sagte Juliette. „Wollen sie mir noch etwas zeigen?“
„Ich will ihnen etwas
geben“, sagte Herr Tuniak. „Diese Zeitmaschine. Sie haben gesagt,
dass Zeitreisen gefährlich sein können. Wer wäre besser geeignet
als sie, um auf den Verlauf der Geschichte aufzupassen?“ Als er das
sagte, ließ er sich nicht anmerken, dass sie eines Tages auch ihn
vor einem großen Fehler bewahren würde.
„Aber woher soll ich
wissen, was richtig ist oder nicht?“, fragte Juliette. „Das ist
genau der Grund, warum ich meine Forschung nicht weiter fortgeführt
habe. Zeitreisen geben einer Person zu viel Macht und jetzt wollen
sie mich zu dieser Person machen?“ Sie sah ihn herausfordernd an.
„Habe ich überhaupt eine Wahl? Sie wissen doch bereits, welche
Entscheidung ich getroffen habe, oder?“
„Nein, weiß ich
nicht“, antwortete Herr Tuniak. „Wenn ihre Entscheidung
vorherbestimmt wäre, wenn alle Entscheidungen bereits vorherbestimmt
wären, dann könnte niemand den Verlauf der Zeit ändern.“ Er
aktivierte den Computer der Zeitmaschine. „Sie werden die
Zeitmaschine nicht missbrauchen, haben sie etwas Vertrauen in sich
selbst. Ich habe es. Und um ihre Frage von vorhin zu beantworten: Ja,
ich möchte ihnen noch etwas zeigen. Die Zukunft.“ Mein Herz begann
schneller zu schlagen, als ich das hörte. „Aber bevor wir dorthin
gehen, müssen wir noch meinen Freund hier in seiner Zeit abliefern.“
Oh, zur...
NÄCHSTE WOCHE
Pourquoi pleurez-vous?
M'avez-vous cru immortel?
Sonntag, 2. Dezember 2012
Oh, there's just one more thing...
(Oh, da wäre noch eine
Kleinigkeit...)
- Columbo
Letzte Woche, als wir von
der Zeitmaschine zurück in die Stadt fuhren, sagte Herr Tuniak: „Das
ganze Jahr über habe ich ihnen über meine Vergangenheit erzählt...
Mittlerweile sind wir aber, mehr oder weniger, in meiner Gegenwart
angelangt. Sie haben mich ja schließlich sogar begleitet.“ Ich
nickte, während ich gleichzeitig versuchte, sämtliche Eindrücke
unserer Reise ins Alte Rom auf einem Notizblock niederzuschreiben.
„Sie natürlich was nach der Vergangenheit und Gegenwart kommt...“
Ich sah überrascht zu
ihm hinüber. „Die Zukunft?“
Er nickte. „Aber bevor
ich mit ihnen über die Zukunft spreche, dachte ich mir, es wäre
vielleicht gut, komplett mit der Vergangenheit abzuschließen. Ich
möchte sie bitten, dass sie bis zur nächsten Woche sich Fragen
überlegen. Was wollen sie noch wissen? Was meinen sie, sollte ich
noch erzählen? Was habe ich ausgelassen? Sie verstehen, was ich
meine?“
„Ich glaube schon“,
sagte ich.
„Ich überlasse es also
ganz und gar ihnen, worüber wir nächste Woche sprechen werden.“
Als ich am nächsten Tag
begann mir zu überlegen, was ich für Fragen stellen sollte, kam mir
aber eine andere Idee. Es wäre, so dachte ich, vielleicht besser,
wenn nicht ich, sondern jemand anderes die Fragen stellt. Ich rief
Herrn Tuniak an und als ich ihn schließlich erreichte, schlug ich
ihm vor, dass nicht ich, sondern meine Freundin, die ihn bereits vor
einigen Monaten einmal interviewt hatte, die Fragen stellen sollte.
Er war damit einverstanden und so überlasse ich wieder ihr den
heutigen Eintrag.
Wie beim letzten Mal,
überspringe ich wieder die Begrüßung und den anfänglichen
Smalltalk, damit wir gleich in medias res übergehen können:
I: Herr Tuniak: Eine
der ersten Fragen, die man einer Person stellt, die sich an ihr Leben
zurück erinnert, ist wahrscheinlich: Was bedauern sie?
T: Das ich versucht habe,
den Lauf der Geschichte zu ändern. Oder, um genauer zu sein: Nicht
unbedingt, dass ich es getan habe, sondern, dass andere Personen
deswegen weniger erreicht haben, als sie vielleicht hätten erreichen
können.
I: Das haben sie schon
früher einmal angesprochen... Lassen sie mich die Frage ein wenig
anders formulieren: Es hat einmal jemand gesagt, dass man im Leben
sehr oft die Dinge mehr bedauert, die man nicht getan hat, als die,
die man getan hat.
T: Samuel... Mark Twain
hat das gesagt.
I: Richtig, ich habe
vergessen, dass sie ihn gut kannten. Gibt es also Dinge, die sie
bedauern nicht getan zu haben?
T: Als Kind habe ich nie
Geburtstag gefeiert. Das habe ich damals bedauert.
I: Aber sie wussten
doch sicher, an welchem Tag sie geboren worden waren?
T: Ja, aber da ich in den
90ern geboren worden war und auf die Insel Leviathan in den 60ern
kam, lag dieser Tag dreißig Jahre in der Zukunft. Außerdem habe ich
ja mit meinen Müttern oft Reisen durch die Zeit unternommen, so dass
es schwierig war zu wissen, wann dreihunderfünfundsechzig Tage für
mich vergangen waren.
I: Gut, aber das war
in der Kindheit und, wenn sie die Bemerkung gestatten, sie wirken
nicht, als hätte sie das wirklich getroffen.
T: Nein, habe ich nicht.
Aber sie haben die Frage gestellt.
I: Und ich denke, sie
haben mir eine Antwort gegeben, die zwar wahr ist, aber dass sie der
wirklichen Frage dabei ausgewichen sind. Hat es etwas in ihrem Leben
gegeben, dass sie nicht getan habe und das sie heute bedauern? Etwas,
dass sie ganz sicher anders machen würden, hätten sie die Chance
dazu?
T: Natürlich, solche
Dinge gibt es in jedem Leben. Aber ich denke nicht gerne daran, vor
allem, weil ich die Möglichkeit hatte, so viel anderes zu sehen, zu
tun. Man kann immer mehr wollen, aber... Aber etwas, dass ich
wirklich bedauere, ist, dass ich mir nie die Zeit genommen habe,
Musik zu spielen.
I: Sie haben nie ein
Instrument gelernt?
T: Als ich noch ein Kind
war, ganz kurz auf Leviathan, habe ich für einige Monate Geige
gespielt. Aber ich habe es rasch wieder aufgegeben und seitdem...
I: Aber Musik
grundsätzlich...
T: Oh, ich höre oft und
gerne Musik. Ich finde sie... es ist schwer in Worte zu fassen, aber
genau das ist es, was Musik, finde ich, ausmacht. Sie drückt
Emotionen aus, ohne dabei Worte zu verwenden. Und es ist nicht so,
wie zum Beispiel bei einem Gemälde, dass man ein konkretes Bild vor
Augen hat. Ein Musikstück erzählt jeder Person eine andere
Geschichte und oft kann ein und dieselbe Person sogar verschiedene
Geschichten in ihr finden, je nachdem wann sie das Musikstück hört.
I: Und warum, wenn
Musik ihnen so viel bedeutet, haben sie nie versucht ein Instrument
zu lernen?
T: Ich hatte zu viel
anderes zu tun. Erst in den letzten Jahren hätte ich die Ruhe und
Regelmäßigkeit gehabt, die es, denke ich, braucht, um ein
Instrument zu beherrschen.
I: Sie haben gesagt,
sie hören Musik gerne zu. Gibt es einen bestimmten Stil, den sie
bevorzugen?
T: Nicht besonders, nein.
Als es darum ging, die Musikbibliothek für das beyul zusammen
zu stellen, habe ich dort sehr viel mit geholfen. Ich habe auch von
den meisten Aufnahmen, die wir gemacht haben, Kopien für mich privat
erstellt. Oft, bevor ich in eine andere Zeit gereist bin, habe ich
ein Musikstück aus der entsprechenden Epoche gehört. Die Musik hat
mich in die richtige... Stimmung gebracht.
I: Gibt es noch etwas
anderes?
T: Kleinigkeiten, ja,
aber warum wollen sie darüber sprechen?
I: Ich dachte, ich
dürfte heute das Thema des Gespräches bestimmen?
T: Ja, dürfen sie,
dürfen sie. Dass ich nie gelernt habe zu kochen, bedauere ich auch
ein wenig. Ich habe gerne die Küche verschiedenster Länder und
Zeiten ausprobiert, aber ich habe selbst kaum gekocht... Sie wirken
immer noch nicht zufrieden.
I: Es ist nur... ich
hätte etwas anderes erwartet.
T: Was meine sie denn,
dass ich am meisten bedauern sollte?
I: Sie hatten nie
Kinder, sie hatten nie eine Frau... Ich habe mir alles durchgelesen,
was sie erzählt haben, aber sie haben nie etwas in diese Richtung
gehendes gesagt.
T: Weil es mein
Privatleben ist.
I: Sie wollen eine
Biographie schreiben und dann Dinge auslassen, weil sie ihr
„Privatleben“ betreffen?
T: Jede Biographie lässt
Dinge aus. Sehen sie, keine Biographie erzählt die ganze Wahrheit.
Sie erzählt immer nur eine Geschichte und für die Geschichte, die
ich erzählen wollte, war dieser Teil meines Lebens nicht wichtig.
Aber wenn sie zwischen den Zeilen lesen, werden sie sicher
erkennen...
I: Bei anderen Leuten
scheinen sie dieses Problem aber nicht gehabt zu haben.
T: Ich kann ihnen
versichern, dass ich alle Personen gefragt habe, ob es ihnen Recht
ist, in mienen Erinnerungen erwähnt zu werden.
I: Ich meine Personen
wie Hugo Delake.
T: Ich verstehe nicht.
I: Sie haben ihn nur
ein oder zwei Mal erwähnt und, soweit ich das sehe kann, würde man
ihre Biographie... ihre Geschichte auch genau so gut verstehen, wenn
sie ihn nicht erwähnt hätten.
T: Oh, das... Das war
nicht meine Entscheidung. Ich habe eigentlich mehr über ihn erzählt
– ich habe ihm einmal bei einem Fall geholfen...
I: Sie haben
ermittelt?
T: Nein, nein, ich war
ein technischer Berater, könnten sie sagen. Es war 1881 oder 1882,
ein Verdächtiger verwendete ein Photophon, um sich ein Alibi zu
verschaffen und da das eine sehr moderne Erfindung war, kannte Hugo
sich nicht so gut damit aus.
I: Was ist ein
Photophon?
T: Es ist wie ein
Telephon, nur dass es nicht Kabeln und elektrischen Strom zur
Übertragung verwendet, sondern Licht. Man kann damit also auch mit
Orten kommunizieren, wo noch keine Kabeln verlegt wurden.
I: Und sie haben von
diesem Fall erzählt?
T: Genau. Aber weil ein
Blog-Eintrag nicht unendlich lange sein kann, wurde die Geschichte
radikal gekürzt und so hat schließlich nur Hugos Name überstanden.
Das ist bei mehreren Personen und Ereignissen passiert.
I: Ein anderes Thema,
das sie nie wirklich angesprochen haben, ist die Zukunft. Die Zukunft
von meiner Perspektive aus. Aber sie haben gesagt, dass sie im
letzten Monat über die Zukunft sprechen wollen. Warum der
Sinneswandel?
T: Ah, ich werde nicht
über die Zukunft der Welt reden, sondern nur über meine eigene.
I: Über die Dinge,
die sie noch geplant haben?
T: In etwa.
I: Die berühmte
Gretchen-Frage drängt sich natürlich auch auf. Sie haben nie
gesagt, ob sie sich einer Religion zugehörig fühlen oder ob sie
sich überhaupt als einen gläubigen Menschen bezeichnen würden.
T: Ich würde mich als
Agnostiker bezeichnen. Sehen sie, mein Problem ist, dass, wenn ich
sage, dass es eine höhere Macht gibt – wie auch immer diese Macht
im Detail aussehen mag – dann laufe ich Gefahr, Dinge nicht mehr zu
hinterfragen. Ich höre auf nach Erklärungen zu suchen, sobald ich
sagen kann, die Erklärung lautet „weil ein Gott das so wollte“.
Und das ist etwas, womit ich mich nicht zufrieden geben kann.
I: Klingt das nicht
eher nach Atheismus?
T: Nein, ich schließe ja
nicht aus, dass es eine höhere Macht gibt. Ich weiß es nicht und
ich kann nicht sagen, ob ich in die eine oder andere Richtung
tendiere. Ich kann akzeptieren, dass es Dinge gibt, für die wir nie
eine Erklärung finden werden, aber ich finde es falsch, solche Dinge
von vornherein festzulegen. Man sollte alles hinterfragen dürfen,
auch wenn man damit rechnen muss, dass am Ende immer noch ein
Fragezeichen stehen wird.
I: Als Zeitreisender
können sie ja praktisch überall leben, aber was würden sie als
ihre Zeit beschreiben?
T: Die letzten vierzig,
fünfzig Jahre und die kommenden zehn, würde ich sagen. Von ihrer
Perspektive aus betrachtet.
I: Warum?
T: Weil das die Zeit ist
in der die meisten meiner Freunde leben. Und, wie ich mehrmals
erwähnt habe, betrachte ich Schule auf Leviathan als mein zu Hause
und wie alles wird es auch sie nicht ewig geben.
I: Mit ihrer
Zeitmaschine können sie nicht nur zu jeder Zeit reisen, sondern auch
zu jedem Ort. Haben sie schon einmal einen anderen Planeten besucht?
Mars, zum Beispiel?
T: Ich habe es überlegt,
ja. Ich habe mehrmals mit dem Gedanken gespielt Mars einen Besuch
abzustatten. Aber auch wenn einen Reise mit der Zeitmaschine einfach
wirkt, stecken komplizierte Berechnungen dahinter und für den
Computer der Zeitmaschine, so gut er auch ist, wären die notwendigen
Berechnungen, um auf einen anderen Planeten zu reisen zu kompliziert.
Das Interview war
natürlich länger, als hier wiedergegeben. Aber wie immer musste ich
einiges kürzen und – nachdem das Thema angesprochen wurde –
hielt ich es für wichtig, das hier auch zu erwähnen.
NÄCHSTE WOCHE
Tu n'as
pas à le [l'avenir] prévoir, mais à le permettre.
Sonntag, 25. November 2012
Is it a comedy or a tragedy?
(Ist
es eine Komödie oder eine Tragödie?)
-
Connie Willis, “All Clear”
Ich
habe letzte Woche geschrieben, dass mich Herr Tuniaks Aussehen
überrascht und abgelenkt hat. Dabei hat er eigentlich so wie immer
ausgesehen. Zumindest dachte ich das, als ich ihn heute zum ersten
Mal gesehen habe. Das Bild, das sich mir heute im Büro bot...
Herr
Tuniak saß auf dem Sofa vor den Regalen. Sein Bart war noch länger
als letzte Woche, er reichte ihm mittlerweile bis zur Brust hinunter.
Seine Haare waren ebenfalls länger und ungewaschen. Er trug eine
graue Toga, die teilweise Löcher hatte und ebenfalls schon lange
nicht mehr gewaschen worden war. Vor ihm auf dem Boden lag ein langer
Holzstock, mindesten so lang wie er groß war.
Ich
begrüßte ihn mit einem kurzen „Ave“, woraufhin er lächelte.
Dabei konnte ich sehen, dass er seine Zähne gelblich gefärbt hatte.
„Was ist mit ihnen passiert?“, fragte ich.
„Überzeugend,
oder?“, sagte eine Stimme.
Ich
drehte mich überrascht zum Schreibtisch um. Ich hatte gar nicht
bemerkt, dass noch eine dritte Person im Zimmer anwesend war. Es war
Sarina, wie ich sofort erkannte. Sie musste mittlerweile fast sechzig
Jahr alt sein. Sie trug eine Brille und ich sah, dass sie außerdem,
als Scherz, auch noch ein Monokel für ihr drittes Auge hatte.
„Wir
werden heute ins Alte Rom reisen“, sagte Herr Tuniak. „Und damit
wir dort nicht auffallen, müssen wir uns zuerst ein wenig
verkleiden.“
„Ich
habe für sie eine Tunika vorbereitet“, sagte Sarina. Sie deutete
auf einen Paravan, der eine Ecke des Büros abdeckte.
Ich
trat hinter diesen Paravan und begann mich umzuziehen. Die Tunika war
mir ein wenig zu groß und reichte bis zu den Knien hinunter. Sie
fühlte sich rau an und war, genau so wie Herrn Tuniaks Toga,
ungewaschen und schmutzig. Nein, ich muss mich korrigieren: Sie war
präpariert worden, damit sie so aussah. Aber sie war nicht wirklich
schmutzig und sie roch auch nicht, wie ein ungewaschenes
Kleidungsstück. Ich fand außerdem ein Paar alte Sandalen aus Leder,
die Ähnlichkeiten mit modernen Flip-Flops hatten (später erfuhr
ich, dass diese Schuhe solea
genannt wurden und eigentlich nur Hausschuhe waren).
„Soll
ich die Sandalen auch anziehen?“, fragte ich.
„Nein,
nehmen sie die nur mit“, sagte Herr Tuniak. „Die ziehen wir erst
an, wenn wir aus der Zeitmaschine aussteigen. Ich finde, dass sie zum
gehen nicht sonderlich bequem sind.“
Ich
trat wieder vor den Paravan. Sarina hatte inzwischen ein großes Tuch
aufgebreitet, dass ich im ersten Moment für ein Segel aus Stoff für
ein Surfbrett hielt.
„Was
ist das?“, fragte ich.
„Ihre
Toga“, sagte Sarina.
„Sie
ist mindestens drei Mal so groß wie ich!“
Ich
weiß nicht, wie sie es schaffte, aber sie wickelte mich das Tuch so
oft um mich herum, dass ich am Schluss tatsächlich entfernte
Ähnlichkeiten mit einem alten Römer hatte. Ich machte vorsichtig
ein paar Schritte. Die Toga fiel fast zu Boden.
„Warten
sie einen Moment“, sagte Sarian und befestigte eine versteckte
Brosche. „Damit sollte es besser halten.“
Ich
ging wieder vorsichtig einige Schritte und diesmal fiel die Toga
nicht herunter. „Es ist... ungewohnt“, sagte ich. „Aber ich
nehme an, wenn man so etwas jeden Tag trägt...“
„...bleibt
es unangenehm“, vollendete Herr Tuniak den Satz für mich. „Ich
weiß nicht, wer die Toga erfunden hat, aber er wollte ganz
offensichtlich die Römer foltern. Glauben sie mir, selbst in der
Antike war die Toga nicht sonderlich beliebt.“
„Warum
wurde sie dann getragen?“, fragte ich.
„Als
Statussymbol“, erklärte Herr Tuniak. „Kommen sie, gehen wir zur
Zeitmaschine.“ Er stand auf und nahm seinen langen Stock in die
Hand. Zu dritt gingen wir hinunter zum Parkplatz.
Als
die Zeitmaschine landete, befanden wir uns in einer kleinen Schlucht,
durch die ein Bach floss. Herr Tuniak und ich stiegen aus, während
Sarina zurück blieb. Herr Tuniak hatte mir erklärt, dass er einen
alten Seher spielen würde und ich sein stummer Gehilfe war. Stumm
deswegen, weil ich natürlich kein Wort Latein sprechen konnte. Damit
ich trotzdem verstehen konnte, was gesagt wurde, hatte ich ein
kleines Funkgerät im Ohr, mit dem ich in ständigen Kontakt mit
Sarina war, die als Simultan-Dolmetscherin fungierte. Wir machten uns
auf den Weg.
Wir
wanderten für fast zwei Stunden, bevor wir zu einer Stadt kamen.
Herr Tuniak hatte die Zeitmaschine in sicherer Entfernung verstecken
müssen und wir konnten wegen der ungewohnten Kleidung und Schuhe
nicht sonderlich schnell gehen. Auf der Straße in den Ort begegneten
wir immer wieder anderen Menschen, aber keiner davon grüßte uns.
Einmal mussten wir auch einem von Pferden gezogenen Wagen ausweichen.
„Das
ist aber nicht Rom, dort vorne, oder?“, fragte ich flüsternd.
„Nein,
wir sind südlich von Rom“, antwortete Herr Tuniak genau so leise.
„Es
scheint hier viel los zu sein“, bemerkte ich.
„Ja,
heute ist Markttag und es wird auch Theater gespielt“, erklärte
Herr Tuniak. Dann gab er mir ein Zeichen, dass ich mich von nun an
stumm stellen sollte.
Er
hätte es mir wahrscheinlich nicht sagen müssen. Um mich herum gab
es so viel zu sehen, dass mir die Worte fehlten. Der Markt kam mir
bekannt vor und war gleichzeitig doch auch fremd. Bekannt, weil er im
Grunde nicht viel anders war, als viele Märkte, die es auch heute
noch, vor allem auf dem Land gibt. Waren wurden lautstark
angepriesen, Kunden verhandelten um die Preise und es gab Stände,
die Snacks (es hatte damals sicher einen anderen Namen) anboten.
Fremd, weil die Leute eine Sprache sprachen, die ich nicht verstehen
konnte, weil sie Gewand trugen, dass ich nicht kannte, weil die
Gerüche andere waren, als sie heute auf einem Markt zu finden sind.
Es gab Gaukler und Spieler. Bettler und Prediger. Ich bin sicher,
dass es auch einen Schwarzmarkt gab, denn mehrmals sah ich Männer,
die selbst ganz offensichtlich nicht gesehen werden wollten und die
potentielle Kunden hinter die Stände baten, wo sie nicht gesehen
werden konnten.
Wir
steuerten auf den Tempel zu. Mehrere Stufen führten zu den großen
Eingangstoren des Gebäudes. Auch dort herrschte ein reges Treiben.
Statuen schienen den Tempel zu bewachen. Ich erinnerte mich einmal
gelesen zu haben, dass der Grund, warum antike Statuen keine Pupillen
hatten, der war, dass die Pupillen aufgemalt worden waren. Und die
Statue, die ich dort sah, waren bemalt. Aber nicht nur im Gesicht.
Das ganze Gewand, dass sie trugen, war voller Farben und nicht bleich
und weiß, wie wir es heute fast überall sehen.
Ich
war so fasziniert von dieser neuen Welt, die sich um mich herum
ausbreitete, dass ich für einen Moment nicht darauf achtete, wo Herr
Tuniak hinging. Als ich mich suchend nach ihm umsah, war er in der
Menschenmenge verschwunden. Panik breitete sich in mir aus. Ohne
Herrn Tuniak hatte ich keine Möglichkeit wieder nach Hause zu kommen
und so gut mir diese alte römische Stadt auch gefiel, hatte ich
nicht vor, den Rest meines Lebens in ihr zu verbringen. Zum Glück
hatte aber auch Herr Tuniak einen kleinen Kopfhörer in einem seiner
Ohren und mit Sarinas Hilfe fanden wir relativ rasch wieder zusammen.
Von da an, achtete ich streng darauf, immer dicht hinter ihm zu
bleiben.
Wir
wanderten für etwa eine halbe Stunde durch die Stadt. Wir blieben
dabei immer in der Nähe des Marktes. Es war klar, dass Herr Tuniak
etwas oder jemanden suchte. Als wir zu einer Straße kamen, wo
weniger Leute unterwegs waren, riskierte ich es und fragte leise:
„Wonach suchen sie?“
„Nach
einem Jungen, der sich, genau so wie sie, verirrt hat“, sagte Herr
Tuniak. „Aber ich weiß nicht genau...“ Und er versank wieder in
Schweigen.
Wir
gingen weiter. Ab und zu sprach Herr Tuniak andere Menschen an und
redete mit ihnen auf Lateinisch. Sarina übersetzte mir, was er
sagte. Er bot seine Dienste als Seher an und wollte die Zukunft
prophezeien, aber niemand nahm seine Dienste in Anspruch. Ich glaube
auch nicht, dass er damit rechnete. Er wollte wahrscheinlich nur
keine Aufmerksamkeit erregen.
Plötzlich
blieb er stehen. Er packte mich am Arm und deutete mit seinem Stock
auf einen Marktstand. Vor dem Stand war ein einzelner, kleiner Junge.
Er war zwischen vier und fünf Jahren alt und sah sich suchend nach
jemandem um. Es dauerte nur einen Moment und ich begriff, dass der
Junge seine Eltern suchte.
Herr
Tuniak deutete, dass ich ihm in einigem Abstand folgen sollte und
ging dann auf den Jungen zu. Je näher wir dem Kind kamen, umso mehr
hatte ich das Gefühl, dass ich ihn kannte. Aber das war doch
lächerlich? Wie sollte ich ein Kind kennen, dass mindestens
zweitausend Jahre vor mir geborgen worden war?
Und
dann wusste ich plötzlich, wer der kleine Junge war.
Alexander
hatte seine Mütter verloren. Sie hatten eigentlich ins Theater gehen
wollen, aber mitten im Stück waren seine Mütter plötzlich
aufgestanden und hatte mit ihm das Theater verlassen. Alexander
wusste nicht warum. Sie hatten ihm versprochen, dass sie ihm erzählen
würden, wie das Stück ausging, aber er hatte das Gefühl, dass sie
das nicht machen würden. Am Ende des Stückes musste etwas
passieren, dass er nicht sehen sollte.
Sie
waren zur Ablenkung mit ihm auf den Markt gegangen, aber dort waren
so viele Menschen gewesen, dass er, obwohl er Maria gerade eben noch
an der Hand gehalten hatte, sie beide aus den Augen verloren hatte.
Jetzt war er alleine und wusste nicht, was er tun sollte.
„Hast
du deine Eltern verloren?“, fragte ein Mann. Er war alt und
schmutzig und wirkte wie ein Bettler. Alexander sagte nichts und trat
einen Schritt zurück. „Habe keine Angst“, sagte der alte Mann.
„Ich bin ein Seher und kann in die Zukunft sehen.“
„Niemand
kann in die Zukunft sehen“, antwortete Alexander trotzig.
„Ich
kann es“, versicherte der alte Mann. „Und ich verspreche dir,
dass du ein tolles... ein phantastisches Leben haben wirst. Ich sehe,
dass du um die ganze Welt reisen wirst. Du wirst Dinge sehen, die
sonst kaum jemand gesehen hat. Du wirst viele Menschen kennen lernen
und die meisten werden deine Freunde werden... Es wird aber auch
Zeiten und Momente geben, wo du traurig sein wirst, aber ich
verspreche dir, dass diese Momente schnell vorbei gehen werden.“
Alexander
trat noch einen Schritt zurück. Der alte Mann hatte eigentlich nur
allgemeine Phrasen von sich gegeben. Er hatte nichts Genaues gesagt.
Das Leben, das er beschrieb, konnte auf fast jeden Menschen
zutreffen. Und dennoch hatte Alexander das Gefühl, dass der alte
Mann mehr über ihn wusste, als er selbst. „Weißt du auch, wo
meine Mütter sind?“, fragte er.
„Ja“,
sagte der alte Mann. „Komm mit!“ Er streckte Alexander die Hand
aus, aber der Junge nahm sie nicht. Der alte Mann zuckte mit den
Schultern und ging los. Alexander folgte ihm mit einigem Abstand. Sie
waren noch nicht weit gegangen, da blieb der alte Mann wieder stehen.
Er zeigte zu den Stufen des Tempels und dort sah Alexander seine
beiden Mütter stehen. Sie sahen ihn auch sofort und liefen auf ihn
zu. Helena umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Maria musterte
den alten Mann.
„Er
hat euch gefunden“, erklärte Alexander.
„Haben
sie das?“, fragte Maria. „Und wer sind sie?“
„Nur
ein alter Seher“, sagte der Mann.
„Mhm“,
sagte Maria, nicht überzeugt. Sie warf ihm eine Münze zu. „Dann
sagen sie mir: Wird das Leben meines Sohnes eine Komödie oder eine
Tragödie sein?“
„Eine
Komödie“, antwortete der alte Mann und verschwand in der Menge.
„Ich
wollte mir so viel mehr sagen“, meinte Herr Tuniak, als wir auf dem
Rückweg zur Zeitmaschine waren. Wir hatten die Stadt bereits hinter
uns gelassen und konnten wieder frei sprechen. „Aber als ich mich
sah...“
„Erinnern
sie sich an diese Begegnung?“, fragte ich.
„Fast
nicht“, antwortete er. „Ich weiß eigentlich nur mehr, dass ich
mich einmal auf einem Markt verirrt hatte und das mir ein alter Mann
geholfen hatte, meine Mütter zu finden.“
„Glauben
sie, ihre Mütter haben sie erkannt?“
„Ich
glaube schon. Sonst hätten sie nicht ihre Frage gestellt.“
„Komödie
oder Tragödie? Würden sie ihr Leben Komödie bezeichnen?“
„Ja,
aber sie müssen wissen, dass hier, im Alten Rom, das Wort Komödie
noch ein bisschen eine andere Bedeutung hatte, als zu ihrer Zeit“,
sagte Herr Tuniak. „Eine Komödie muss nicht unbedingt lustig sein.
Es ist einfach eine Geschichte, die gut ausgeht.“
NÄCHSTE
WOCHE
Oh,
there's just one more thing...
Sonntag, 18. November 2012
And now I think I am quite ready to go on another journey.
(Und jetzt bin ich,
glaube ich, bereit für eine weitere Reise.)
- J.R.R. Tolkien, „The
Lord of the Rings“
„Ich möchte ihnen
heute von meiner letzten Reise erzählen“, sagte Herr Tuniak. „Von
meiner letzten großen Reise. Sie brachte mich nach Amerika, in die
Vereinigten Staaten im Jahr 1926.“
„Reisten sie alleine?“,
fragte ich.
„Nein, Cailinn
begleitete mich“, antwortete Herr Tuniak. „Die Reise war
eigentlich ihr Projekt. Sie hätte sie auch ohne mich unternommen.
Wir trafen uns in London und nahmen ein Schiff, das uns über den
Atlantik brachte.“
Ich hätte eigentlich
schon an dieser Stelle fragen sollen, warum sie nicht mit der
Zeitmaschine gereist waren, aber ich muss zugeben, dass ich abgelenkt
war. Herr Tuniak hatte heute nämlich einen Vollbart und seine Haare
waren so lang, dass sie fast bis zu den Schultern reichten. Während
es zwischen unseren Treffen immer zu leichten Veränderungen in
seinem Erscheinen gegeben hatte, waren sie nie so drastisch gewesen
wie heute. Zumindest ist das meine Entschuldigung dafür, dass ich
nicht sofort nachfragte.
Herr Tuniak fuhr
inzwischen fort: „In New York gingen wir an Land und nahmen dort
einen Zug, der uns nach Auburn, Massachusetts bringen sollte.“
Cailinn hatte mehrere
Gepäckträger angeheuert, die dafür sorgen sollten, dass ihre
Ausrüstung sicher verwahrt wurde. So konnten sie und Alexander, ohne
Koffer tragen zu müssen, in Ruhe den Bahnsteig suchen, von dem ihr
Zug abfahren würde. Cailinn war ungefähr siebzig Jahre alt und
Alexander schätzte, dass er mindestens zehn Jahre älter war. Um sie
herum eilten die Menschen hin und her, aber sie selbst hatten keine
Eile.
„Das dort vorne scheint
unser Zug zu sein“, sagte Alexander. „In welchen Waggon müssen
wir?“
„Tu nur so, als ob du
es nicht wüsstest“, antwortete Cailinn. „In meinen Waggon,
natürlich.“
Alexander blieb vor
Überraschung abrupt stehen. „Du hast ihn noch?“, fragte er. „Ich
habe im Gemini-Archiv davon gelesen, aber ich dachte, du hättest ihn
nach deiner letzten Amerika-Reise verkauft.“
„Das habe ich auch“,
bestätigte Cailinn. „Aber Michael war so nett ihn mir für die
nächste Zeit zu borgen. Er ist momentan in Kalifornien und wird dort
für einige Monate bleiben, also braucht er ihn nicht. Komm!“
Sie erreichten den
letzten Waggon, der etwas kürzer war als alle anderen. Er hatte auch
weniger Fenster und es gab auch nur eine Tür, die hinein führte.
Cailinn und Alexander stiegen ein. Alexander hatte Skizzen und auch
einige Photos vom Innenraum des Waggons gesehen, aber die Realität
war doch ein wenig anders. Wahrscheinlich hatte der Käufer –
Cailinn hatte nie gesagt, wer er war und Alexander vermutete, dass
Michael auch nicht sein richtiger Name war – einige Änderungen
vorgenommen. Der Waggon war ein längliches Wohnzimmer. Es gab Sofas,
eine Bar und eine Bibliothek mit einem Schreibtisch. Bei einem der
Fenster war eine Kochstelle mit Gasherd und Wassertank montiert
worden. Der hintere Teil des Waggons wurde durch einen Vorhang
verdeckt, aber Alexander wusste, dass sich dort das Bett und das Bad
befanden. Der Waggon erinnerte Alexander an eine Fernsehserie aus
seiner Kindheit, die Farid regelmäßig geschaut hatte, aber er
konnte sich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Er schmunzelte bei
dem Gedanken, dass Gemini selbst in hundert Jahren noch davon
beeinflusst sein würde. Nur, dass sie dann nicht mehr einen Waggon,
sondern einen Privatjet zu einer mobilen Wohnung umfunktionieren
würden.
„Richtest du Getränke
her, ich brauche einen Whisky“, sagte Cailinn. „Ich kümmere mich
inzwischen darum, dass das Gepäck richtig verstaut wird. Ich möchte
nicht, dass, wie beim letzten Mal, wieder ein Teil am Bahnhof liegen
bleibt.“
Als sie wieder zurück
kam und sie sich auf die Sofas setzten, Getränke in der Hand, fragte
Alexander: „Ich habe gesehen, dass du Stelzen mitgebracht hast.“
„Und du willst wissen,
warum“, sagte Cailinn. „Um möglichst schnell zur Rakete zu
kommen, wenn das Experiment funktionieren wird. Die Stelzen sind
meine Siebenmeilenstiefel.“
„Siebenmeilenstiefel?“
„Du hast noch nie davon
gehört?“
„Doch, aber...“
Alexander überlegte für einen Moment und dann erkannte er den Sinn
der Stelzen. Je größer sie waren und je höher man auf ihnen stand,
umso größer wurden dann auch die Schritte, die man machen konnte.
So lange man nicht herunter fiel, war es eine schnelle Art und Weise
sich fortzubewegen.
„Die Stelzen habe ich
in Frankreich gekauft“, erzählte Cailinn. „Ich hatte Hirten
gesehen, die sie verwendeten, um so möglichst schnell zu jedem Tier
in ihrer Herde kommen zu können. Und außerdem hatten sie von oben
natürlich auch eine bessere Sicht. Du kannst es selbst gerne
ausprobieren.“
„Ich bin noch nie auf
Stelzen gegangen und ich fürchte, ich bin mittlerweile zu alt, um es
noch zu lernen“, erwiderte Alexander mit leichten Bedauern.
„Man ist wirklich
erstaunlich schnell damit“, erzählte Cailinn weiter. „Ich
erinnere mich vor... oh, das muss mittlerweile dreißig Jahre her
sein... ich habe einen Bäcker in Frankreich getroffen, der ging auf
Stelzen von Paris bis nach Moskau in nur achtundfünfzig Tagen.
Wirklich bemerkenswert.“
„Sie hatten... Cailinn
hatte einen eigenen Waggon?“, fragte ich. „Ihre Verhältnisse
haben sich im Laufe der Jahre gebessert.“
„Das haben sie“,
bestätigte Herr Tuniak.
„Waren ihre Bücher so
erfolgreich?“
„Nein, bei weitem
nicht. Die Bücher wurden gelesen und sie verdiente auch an ihnen,
aber hauptsächlich verdiente sie ihr Geld mit Vorträgen und
Beratertätigkeiten“, erklärte Herr Tuniak. „Sie hat auch den
Waggon nicht fertig gekauft, sondern selbst umgebaut.“
„Und... wieso war Hugo
Delake nicht mit auf dieser Reise?“, wollte ich wissen. „Hatten
er und Cailinn sicher inzwischen getrennt? Oder war er schon
gestorben?“
„Oh, nein, überhaupt
nicht, sie waren immer noch verheiratet“, sagte Herr Tuniak. „Sie
reisten nur meistens getrennt. Cailinn meinte aber, dass sie zu oft
einer Meinung waren.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie wollte
neue Entdeckungen machen und diese aber auch hinterfragen. Und das
ging einfacher, so sagte sie, wenn zwei Personen unterschiedlicher
Ansicht wären.“
„Und so ist das
Grundprinzip von Gemini entstanden“, erkannte ich. „Und sie waren
nicht oft einer Meinung mit ihr?“
„Ich zählte nicht“,
antwortete Herr Tuniak schmunzelnd. „Ich war ein Zeitreisender, sie
ging davon aus, dass ich die richtige Antwort bereits kannte.“
„Warum sind sie nach
Auburn gereist?“
Es war ein kalter
Märzmorgen. Die Ebene, in der sie sich befanden, war weiß mit
Schnee. Sie alle trugen lange Mäntel und dicke Stiefel. Robert
Goddard führte die letzten Vorbereitungen durch. Heute würde er zum
ersten Mal eine Rakete testen, die mit flüssigem Treibstoff
angetrieben wurde.
„Ich habe letztes Jahr
schon einige Experimente im Labor mit flüssigem Treibstoff gemacht“,
erzählte er Cailinn und einigen anderen Personen, die den Versuch
beobachteten. „Es hat gut funktioniert, also ich bin zuversichtlich
für heute.“
Cailinn studierte seine
Unterlagen, die er ihr gegeben hatte, aber das meiste, was dort
stand, kannte sie bereits. Goddard war eine von vielen Personen, mit
denen sie im regen Kontakt stand und of Briefe schrieb. Alexander
stand etwas abseits von der Gruppe. Er hatte eine digitale
Videokamera mitgebracht und filmte heimlich die Vorbereitungen. Neben
ihm auf dem Boden lagen auch Cailinns Stelzen.
„Alle bereit?“,
fragte Goddard.
Cailinn und die anderen
gingen einige Schritte zurück, bis etwa zehn Meter zwischen ihnen
und dem Metallgerüst (die „Startrampe“ für die über zwei Meter
große Rakete) lagen.
„Achtung!“, rief
Goddard und zündete die Rakete an.
Zuerst schien nichts zu
passieren. Eine Flamme schoss aus dem Antrieb, aber aus viel Lärm
schien sie nichts zu machen. Dann langsam, aber doch wurde Nell,
so hatte Goddard die Rakete genannt, durch den Rückstoß in die Höhe
gedrückt. Aufgrund ihrer Konstruktion, Nells Antrieb befand
sich an der Spitze der Rakete, war ihr Flug nur von kurzer Dauer. Er
dauerte nicht einmal drei Sekunden, aber in dieser Zeit erreichte sie
eine Höhe von über zwölf Metern und kam sechzig Metern von ihrem
Startplatz entfernt wieder zu Boden. Aber das reichte aus. Das
Experiment hatte bewiesen, dass Raketen mit flüssigem Treibstoff
angetrieben werden konnten und war somit ein voller Erfolg. Alexander
blickte hinauf zum Himmel und wusste, dass an diesem Tag der erste
Schritt auf dem Weg zum Mond gemacht worden war.
„Sie haben gesagt, dass
das ihre letzte große Reise war“, sagte ich, endlich die Frage
formulierend, die ich mir seit Beginn von Herrn Tuniaks Erzählung
heute gestellt hatte. „Warum? Hat das etwas damit zu tun, dass sie
nicht die Zeitmaschine verwendet hatten, um den Atlantik zu
überqueren?“
„Ja“, sagte Herr
Tuniak nach einem kurzen Zögern. Seine rechte Hand war,
wahrscheinlich unbewusst, zu seiner Brust gewandert. „Cailinn hat
übrigens fast genau die gleiche Frage gestellt, als wir auf dem
Schiff waren.“
Das Schiff hatte das
Unwetter ohne Schaden überstanden, aber die meisten Passagiere waren
seekrank geworden. Alexander stand an der Reling und blickte hinaus
auf den weit entfernten Horizont. Die Sonne war hinter einer dünnen
Wolkendecke nur schwer zu erkennen. Cailinn trat neben ihn.
„Na, alles heil
geblieben?“, fragte sie.
„Ja, ja“, sagte
Alexander. „Ich habe schon schlimmere Unwetter auf dem Meer
erlebt.“ Und er erzählte ihr, wie er als Kind einmal während
eines Sturmes von einem Schiff ins Meer gefallen war.
„Gut, dass du dich nach
so einem Erlebnis trotzdem noch auf Schiffe traust“, sagte Cailinn.
„Aber warum bist du eigentlich hier? Warum bist du nicht direkt
nach Amerika gekommen?“
„Ich brauche etwas Ruhe
und Erholung“, sagte Alexander. „Das beyul läuft
mittlerweile fast von selbst, ich muss nur mehr wenig aushelfen. Aber
bis es soweit war... Es waren einige stressige Jahre und...
vielleicht zu stressig, für jemanden in meinem Alter.“
„Du hattest einen
Herzanfall“, sagte Cailinn.
„Zum Glück nicht“,
antwortete Alexander. „Ich hatte Angina Pectoris. Mein Körper
wollte mich einfach warnen, dass ich nicht mehr so viel tun konnte
wie früher.“
„Und deswegen haben sie
aufgehört zu reisen?“, fragte ich.
„Keine großen Reisen,
zumindest“, sagte Herr Tuniak. „Kleine Trips unternehme ich immer
noch, aber nicht mehr alleine. Das erinnert mich: Ich möchte sie
bitten, dass sie mich nächste Woche wieder begleiten.“
„Aber natürlich“,
sagte ich sofort. „Verraten sie mir heute schon, wohin?“
„Nein“, sagte Herr
Tuniak mit einem Lächeln. „Aber ich kann ihnen sagen, dass sie
diesmal selbst einen Teil meiner Biographie erleben werden.“
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