Sonntag, 23. Dezember 2012

Spoilers!

- River Song


Ein Mann, nennen wir ihn Charlie, las eines Morgens in der Zeitung einen Bericht über sein eigenes Begräbnis. Das verwunderte ihn natürlich, denn er konnte sich nicht erinnern, gestorben zu sein. Aber er beschloss die Sache mit Humor zu nehmen und schrieb der Zeitung keinen Brief und bat um keine Korrektur.
Als er einige Tage später die Straße entlang ging, begegnete er einem alten Freund, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Der Freund sah ihn überrascht und geschockt an.
„Na“, sagte Charlie, dem Freund auf die Schulter klopfend. „Bist du auch nicht zu meinem Begräbnis gekommen?“


Es war seltsam Herrn Tuniak heute in seinem Büro anzutreffen, nachdem ich letzte Woche auf seinem Begräbnis gewesen war. Es wäre wahrscheinlich noch surrealer gewesen, wenn sein Sarg offen gewesen wäre, aber das war er zum Glück nicht. Trotzdem war mir meine Unsicherheit und die Tatsache, dass ich nicht wusste, wie ich ihn begrüßen sollte (oder was er von dem Begräbnis selbst wusste), offensichtlich klar in meinem Gesicht zu lesen. Herr Tuniak versuchte die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen und erzählte mir zur Auflockerung den oben beschriebenen Witz.
„Haben sie... waren sie selbst auch bei dem Begräbnis?“, fragte ich. „Heimlich? Versteckt oder so?“
Herr Tuniak schmunzelte ein wenig. „Ich habe mit dem Gedanken gespielt, ja. Aber ich habe mich dann doch dagegen entschieden... vielleicht werde ich aber noch mein Grab besuchen...“ Er blickte für einen Moment nachdenklich aus dem Fenster, bevor er sich wieder mir zu wandte. „Aber wir wollen nicht weiter über Vergangenes sprechen. Sie haben mir ja mehrmals Fragen über die Zukunft gestellt – die Zukunft von ihrer Perspektive aus – und ich denke heute als Abschluss würde sich dieses Thema gut anbieten.“
Ich vergaß für einen Moment meine Notizen weiterzuführen. So oft schon hatte Herr Tuniak Andeutungen über die Zukunft fallen lassen und die Tatsache, dass ein großes Ereignis oder eine große Veränderung kommen würde, aber er hatte nie Details verraten.
Als er sah, wie ich neugierig zu ihm blickte, sagte er: „Machen sie sich aber keine zu großen Hoffnungen. Ich werde ihnen keine Namen, Jahreszahlen... oder andere genaue Daten verraten. Ich werde ihnen nur eine allgemeine Idee geben... unter anderem auch deswegen, damit sie verstehen können, warum nach Juliette und meinen Müttern niemand mehr eine Zeitmaschine gebaut hat.“

Aber er begann nicht sofort. Anstatt einer Beschreibung der Welt, wie sie in dreihundert oder vierhundert Jahren sein würde, begann er über Evolution zu sprechen.
„Für einen Großteil der Geschichte dieses Planeten, hat die Evolution hauptsächlich Lebewesen betroffen“, erklärte Herr Tuniak. „Ihre DNS. Mutationen sorgten für Veränderungen des Erbgutes und wer am besten angepasst war, wer am meisten Nachkommen zeugte, konnte seine Mutationen an künftige Generationen weiter vererben. So weit, so gut. Es gibt zu dieser – ihrer – Zeit jetzt aber Menschen, die sagen, dass die Evolution beim Menschen aufgehört hat.“
„Unsere DNS ist doch sicher immer noch Mutationen und Veränderungen unterworfen“, warf ich ein.
„Ohne Zweifel ist sie das“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie sind nicht mehr so wichtig. Ein einfaches Beispiel: Wenn während der Eiszeit eine Mutation dafür gesorgt hat, dass ein Tier sein Fell verliert, dann wäre es erfroren. Es hätte keine Nachkommen gezeugt und diese Mutation wäre nicht weitergegeben worden. Wenn das einem Menschen passieren würde, würde er sich einfach eine dicke Jacke kaufen. Er könnte weiterhin nachkommen zeugen und die Mutation, die damals ein Nachteil war, ist... unwichtig. Nicht relevant. Oder: Die Gene, die für blonde Haare verantwortlich sind, sind rezessiv. Wenn ein Elternteil blonde Haare hat und ein Elternteil braune, dann wird das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit braune Haare haben. Sie können gerne Statistiken überprüfen. Es gibt immer weniger Leute mit blonden Haaren. Das würden sie aber nicht unbedingt merken, wenn sie eine Straße entlang gehen. Man kann zu ihrer Zeit – und eigentlich schon viel länger – Haare färben und damit ist die echte Haarfarbe nicht mehr von Bedeutung.“
„Das heißt, allgemeiner gesprochen, als der Mensch anfing Werkzeuge zu verwenden, verlor die natürliche Auslese an Bedeutung“, sagte ich.
Herr Tuniak schüttelte langsam den Kopf. „Nein, nicht direkt. Wenn man nur den Mensch, das Lebewesen an sich betrachtet, dann ja, aber hier liegt der Fehler. Man darf nicht nur den Organismus betrachten, denn der Mensch verwendet plötzlich Werkzeuge. Man kann sagen, die Werkzeuge werden ein Teil von ihm. Er hat keine Krallen, aber er hat Messer. Er hat kein Fell, aber er hat Gewand. Und wenn sie die Geschichte des Menschen verfolgen, stellen sie plötzlich fest, dass die natürliche Auslese sehr wohl noch aktiv ist.“
„Bei den Werkzeugen“, erkannte ich. „Was funktioniert, wird weiterverwendet und es wird den Kindern gezeigt, wie man diese Werkzeuge baut. Was nicht funktioniert wird vergessen.“
„Im Prinzip, ja“, sagte Herr Tuniak. „Wie die Evolution bei Tieren ist natürlich auch dieser Prozess nicht so direkt und zielgerichtet, aber als einfaches Beispiel passt es. Wir sind jetzt also davon abgegangen, nur den Organismus selbst zu betrachten, sondern den Organismus und seine Umgebung. Diese ist ja, kann man sagen, ein Teil von ihm geworden.“
„Ok“, sagte ich. „Soweit kann ich ihnen noch folgen.“
„Was passiert, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen?“, fragte Herr Tuniak.
„Jetzt kann ich ihnen nicht mehr folgen“, gestand ich. „Was wäre der nächste Schritt?“
„Was wäre, wenn wir nicht einen Menschen und seine Werkzeuge betrachten, sondern alle Menschen und alle ihre Werkzeuge?“, fragte Herr Tuniak. „Was wäre, wenn wir die Menschheit als Ganzes als einen Organismus betrachten.“
„Ist das nicht...“
„Bevor sie Einwände erheben, denken sie daran, dass man Ameisenkolonien in der Forschung ebenfalls als einen einzigen Organismus betrachtet, um bestimmte Untersuchungen durchzuführen“, unterbrach er mich.
Unzählige, teils widersprechende, Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Gerade eben hatte er noch über Menschen und Technologien gesprochen und plötzlich waren wir nur mehr Ameisen?
Meine Verwirrung nicht bemerkend, fuhr Herr Tuniak fort: „Die beste, wenn auch nicht absolut korrekte, Beschreibung ist, dass sich die gesamte Menschheit zu einem Gestalt-Wesen entwickelt.“
„Was ist ein Gestalt-Wesen?“
Herr Tuniak überlegte für einige Momente, bevor er antwortete: „Ein Wesen, dass aus vielen Einzelwesen besteht. Das können theoretisch nur zwei einzelne Wesen sein oder auch zwei Milliarden. Bei großen Mengen ist es auch nicht unbedingt nötig, dass immer alle Einzel-Wesen existieren. Die genaue Anzahl kann sich ändern.“
„So wie der menschliche Körper?“, fragte ich. „Wäre der menschliche Körper ein Gestalt-Wesen bestehend aus den einzelnen Zellen?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak. „Denn die einzelnen Zellen haben keinen eigenen freien Willen. Und das ist das entscheidende Merkmal des Gestal-Wesens. Seine... Einzelteile sind eigenständige Individuen, die theoretisch auch ohne die Gestalt leben könnten. Aber zusammen ergeben sie plötzlich ein völlig neues Lebewesen. Die Menschheit-Gestalt ist eine Art von Lebewesen, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat.“
„Die Menschheit als solche wird ein großes Lebewesen?“, fragte ich. „Heißt das, dass alle Menschen dann das gleiche denken? Die gleichen Vorlieben haben, die gleichen Abneigungen?“
„Nein, weil ja das Individuum in der Gestalt nicht verloren geht“, erklärte Herr Tuniak. „Und hier kommen wir auch zu dem Punkt, warum in der Zukunft keine Zeitreisen mehr unternommen werden. Zeitreisen haben theoretisch die Möglichkeit die Geschichte zu verändern. Die Menschheit-Gestalt darf das aber nicht riskieren, weil sie ja aus allen Menschen besteht. Das heißt, dass eine Änderung in der Vergangenheit garantiert Auswirkungen auf die Gegenwart hat.“
„Die Menschheit-Gestalt kann nicht die Vergangenheit verändern, ohne sich selbst zu verändern?“
„Darauf läuft es, vereinfacht gesagt, hinaus.“
„Aber wie kann so ein... Super-Wesen entstehen?“, fragte ich. „Wie können alle Menschen miteinander verbunden... Oh! Das Internet?“
„Nicht das Internet selbst, nein, aber es wird ein Teil davon sein“, sagte Herr Tuniak. „Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird immer weiter verschwimmen. Schon zu der Zeit als meine Mütter geboren wurden, ist sie nicht mehr klar definierbar.“
Ein Gedanke drängte sich mir auf, bei dem ich nicht wusste, ob ich ihn beängstigend oder lustig finden sollte. „Alles was im Internet ist, wird in der Menschheit-Gestalt erhalten bleiben?“
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak.
„Wollten sie deswegen auch, dass ich ihre Biographie im Internet veröffentliche?“, fragte ich. „Damit sie... ihre Geschichte auch ein Teil der Gestalt wird?“
Herr Tuniak nickte.
„Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass alle Menschen Teil eines... Ganzen werden können“, sagte ich. „Ich kann mir eine solche Welt nicht vorstellen.“
„Deswegen wird der Moment des Übergangs auch als Singularität bezeichnet“, sagte Herr Tuniak. „Was danach passiert, lässt sich nicht vorhersehen oder verstehen. Und es wird natürlich Ausnahmen geben, wie immer. Vereinzelte Gruppen werden weiterhin existieren, die keine Verbindung zur restlichen Menschheit haben werden. Aber es werden nur wenige sein.“
„Wird das die einzige Gestalt sein?“, fragte ich.
„Das weiß ich nicht“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich glaube nicht. Vor allem, weil solche Gestalten durch die Lichtgeschwindigkeit eingeschränkt werden...“ Er stoppte abrupt. Er hatte offenbar etwas gesagt, was er nicht enthüllen hätte wollen. Aber meine Gedanken rasten bereits. Lichtgeschwindigkeit! Wenn Menschen zu anderen Planeten, zu anderen Sternen reisen würden, würden sie zu weit weg sein, um an dieser großen Gestalt teilzunehmen. Aber sie würden vielleicht eigene Gestalten bilden. Eine Gestalt in jedem Sonnensystem...
„Wir reisen zu den Sternen...“, murmelte ich und Herr Tuniak nickte stumm.

Und damit endete meine Bekanntschaft mit Alexander Tuniak.

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