Sonntag, 9. Dezember 2012

Tu n'as pas à le [l'avenir] prévoir, mais à le permettre.


(Du musst sie [die Zukunft] nicht vorhersehen, du musst sie nur ermöglichen.)
- Antoine de Saint-Exupery


Mr Tuniaks Büro war leer. Ich hätte nicht gedacht, dass es für einen Mann mit Zeitmaschine möglich sein könnte, zu spät zu kommen, aber das war ganz offensichtlich hier passiert. Zumindest war das mein erster Gedanke. Mein zweiter war, dass Herrn Tuniak etwas zugestoßen sein musste. Doch bevor ich weiter überlegen konnte, klingelte mein Handy. Herr Tuniak rief mich an. Er hatte vergessen mir zu sagen, dass wir uns heute direkt auf dem Parkplatz treffen würden, weil wir wieder zur Zeitmaschine fahren würden.
Ich fuhr also mit dem Lift hinunter und stieg in die Limousine ein, in der Herr Tuniak bereits wartete. Er hatte seine Haare wieder kurz geschnitten und seinen Bart abrasiert, aber er wirkte deswegen nicht jünger. In der Hand hielt er einen Gehstock aus kunstvoll geschnitztem Holz.
„Das wird heute unser letztes Treffen sein“, sagte Herr Tuniak während der Fahrt.
„Wieso?“, fragte ich. „Was ist nächste und übernächste Woche?“
Herr Tuniak lächelte für einen Moment. „Ich habe mich ungenau ausgedrückt: Heute ist unser letztes Treffen. Für mich.“
„Sie haben die nächsten beiden Sonntage...“, begann ich, unsicher wie ich die Frage beenden sollte, „...bereits erlebt?“
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Nächste Woche werden sie... mit jemand anderem sprechen. Und egal, was sie nächste Woche sehen werden, seien sie nicht verunsichert. Wir werden uns ganz sicher in zwei Wochen noch einmal sehen. Ich komme gerade von diesem Treffen.“
„Ist das das erste Mal, dass sie unsere Treffen in einer anderen Reihenfolge erleben als ich?“
„Ja“, sagte Herr Tuniak. „Und sie werden bald verstehen warum. Aber ich erwähnte es, weil es mir wichtig war zu sagen, dass sie... wegen nächster Woche nicht beunruhigt sein sollen.“
„Das war ich bis vor fünf Minuten auch nicht“, meinte ich. „Und wohin reisen wir heute?“
„Ich muss mich noch um einige lose Enden kümmern“, sagte Herr Tuniak. „Sie wissen doch sicher noch, woher die Zeitmaschine ihre Energie bezieht, oder?“
„Von einer Ladestation in Gibraltar“, sagte ich.
„Haben sie sich nie gefragt, warum spätere Archäologen nie eine Spur dieser Ladestation gefunden haben?“
„Nein, eigentlich nicht“, sagte ich. „Haben sie die Ladestation nicht vor ungefähr fünf Millionen Jahren gebaut? Es würde mich ehrlich gesagt überraschen, wenn zu dieser, zu meiner Zeit noch etwas davon existieren würde.“
„Ah, die Materialien aus denen die Ladestation gebaut ist, könnten so lange bestehen, das wäre kein Problem“, sagte Herr Tuniak. „Die Technologie kommt aus der Zukunft, ihrer Zukunft, und da können wir recht ausdauernde Geräte herstellen. Nehmen sie die Zeitmaschine. Sie ist jetzt zirka zweihundert Jahre alt und funktioniert immer noch fast so gut wie am ersten Tag.“
„Und wenn Juliette sie verwendet... sie muss ja etwa dreihundert Jahre lang funktionieren“, sagte ich erstaunt.
Herr Tuniak nickte. „Wobei ich von Juliette schon mehrmals gehört habe, das nicht mehr alles so gut geht, wie es eigentlich sollte. Ah, wir sind hier.“
Wir hatten die Zeitmaschine erreicht.

Wir reisten zurück in die Vergangenheit, zurück nach Gibraltar vor etwa fünf Millionen Jahren. Der große Wasserfall, den ich das letzte Mal hier gesehen hatte und der eine Salzwüste in ein Meer verwandelt hatte, hatte aufgehört zu fließen. Gibraltar war eine Meerenge geworden, wie es sie zu hunderten auf der ganzen Welt gibt. Es herrschte klares Wetter und ich konnte ohne Probleme die Küste Afrikas sehen.
Aber meine Aufmerksamkeit war auf etwas anderes gerichtet. Die Zeitmaschine, aus der ich ausstieg, stand neben zwei weiteren ident aussehenden Zeitmaschinen (genau genommen war es ja auch genau die gleiche, nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem „Leben“). Herr Tuniaks Mütter, Helena und Maria, sowie Juliette waren ebenfalls gekommen. Ich habe sie nicht nach ihrem genauen Alter gefragt, aber sie allen mussten ungefähr so alt sein wie Herr Tuniak selbst, also ein wenig über hundert Jahre. Sie alle waren am Ende ihrer Reisen angekommen. In der Zukunft – von welcher Perspektive auch immer betrachtet – würde keiner mehr die Ladestation brauchen. Nachdem der große Wasserfall auch nicht mehr existierte, lieferte sie sowieso keinen Strom mehr.
Ich hätte mich vielleicht gefragt, wie es vier alte Menschen schaffen sollten, so eine große Maschine wie die Ladestation abzubauen, aber die Antwort war offensichtlich: Roboter. Kleine Maschinen, nicht viel größer als meine Hand, die Ähnlichkeiten mit Insekten hatten, kletterten zu Dutzenden auf der Ladestation auf und ab. So entfernten Platten, Kabeln, Bolzen... Alles wurde gesammelt und in Kisten gepackt. Diese Kisten transportierten sie dann in die drei Zeitmaschinen. Als eine Zeitmaschine – Juliettes – so voll mit Kisten gepackt hatten, wie sie es wollten, stieg Juliette ein und verschwand für wenige Sekunden. Als sie wieder erschien, war die Zeitmaschine wieder komplett leer und die Roboter-Insekten begannen sie wieder anzufüllen.
„Wohin bringen sie die einzelnen Teile?“, fragte ich.
„Sie werden es gleich sehen“, sagte Herr Tuniak. „Kommen sie!“
Seine Zeitmaschine war ebenfalls gefüllt worden und wir stiegen ein und aktivierten sie. Ich sah, dass einige der Roboter-Insekten uns auf unserer Reise begleiteten. Sie würden die Kisten an unserem Zielort wieder ausladen.
Als ich wieder ausstieg, konnte ich nur erkennen, dass ich mich in einer großen Lagerhalle befand.
„Ich erkenne diesen Ort nicht“, sagte ich. „Wo sind wir?“
„Tief unter der Erde“, meinte Herr Tuniak, während er zusah, wie die Roboter-Insekten die Kisten ausluden und neben die anderen stellten, die bereits hier gelagert worden waren.
„Im beyul?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Wir sind hier fast in der untersten Ebene.“
„Aber hier waren wir das letzte Mal nicht“, sagte ich.
„Nein, denn das hier ist auch ihre Zukunft“, erklärte Herr Tuniak. „Oder dachten sie, wir würden in ihrer Gegenwart aufhören, Wissen und Artefakte zu sammeln?“
„Schon irgendwie“, sagte ich. Obwohl ich ihn jetzt fast ein Jahr kannte, hatte ich immer noch Probleme mit der Vorstellung, dass meine Gegenwart nicht die Gegenwart von Herrn Tuniak darstellte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er eine hatte. „Hören sie irgend wann auf zu sammeln?“
„Etwa dreihundert Jahre in ihrer Zukunft“, antwortete Herr Tuniak.
„Was passiert in dreihundert Jahren?“, murmelte ich. Ich wusste, dass Herr Tuniak nicht antworten würde, er erzählte fast nichts über Dinge, die in meiner Zukunft lagen, aber ich konnte sehen, dass er lächeln musste, als er die Frage hörte. „Was machen sie eigentlich mit ihren Logbüchern?“
„Logbücher?“, fragte er.
„Die Bücher, die sie in Gibraltar hatten und wo sie aufschrieben wann und wo sie zu finden sind.“
„Die werden auch hier gelagert“, sagte Herr Tuniak. „Genau so wie eine komplette ausgedruckte Version meiner Biographie, die sie schreiben.“ Er deutete auf einen Ordner, der in einem Regal zwischen den Boxen stand. Ich hätte mir den Ordner gerne angesehen, aber ich wusste, dass er das nicht erlauben würde.

Die Insekten-Roboter brauchten ein paar Stunden, um die gesamte Ladestation abzubauen und zu verpacken. Als die letzten Boxen ins beyul gebracht worden waren, wandte ich mich an Juliette und fragte: „Und was wird mit der Zeitmaschine selbst geschehen? Wird sie auch gelagert?“
„Nein“, sagte Juliette. „Ich werde sie zerstören. Zeitmaschinen sind zu gefährlich.“
Herr Tuniak runzelte die Stirn, als er das hörte. „Aber nicht hier auf der Erde, oder?“, fragte er.
„Nein, ich werde sie zuerst hinaus ins All schicken und dort soll sie sich selbst zerstören“, sagte Juliette. „Es wird nichts passieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiß, wann die Zerstörung stattfinden wird und das sie sogar von der Erde aus gemessen werden wird.“
„Ja? Wann?“, fragte Herr Tuniak interessiert.
„1977“, sagte Juliette. „Haben sie schon einmal von dem WOW-Signal gehört? Ich glaube, dass es durch die Zerstörung der Zeitmaschine erzeugt wurde.“
Wir verabschiedeten uns, aber Herr Tuniak wartete, bis seine Mütter und Juliette mit ihren Zeitmaschinen verschwunden waren. „Wissen sie, wo wir als nächstes hinreisen?“, fragte er mich.
„Nein“, antwortete ich Kopf schüttelnd. „Sollte ich?“
„Das hier ist meine letzte Reise und ich muss mich nur mehr um eine Sache kümmern“, erklärte er.
„Wer die Zeitmaschine nach ihnen bekommt“, erkannte ich. „Wir gehen nach Paris in den 1960ern!“

Als wir gelandet waren, wartete ich in der Zeitmaschine, während Herr Tuniak ausstieg. Aber ich musste nicht lange warten. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück, begleitet von Juliette Belloq, die hier ungefähr so alt war wie ich.
„Ich komme gerade von einem Basar“, sagte Juliette. „Wollen sie mir noch etwas zeigen?“
„Ich will ihnen etwas geben“, sagte Herr Tuniak. „Diese Zeitmaschine. Sie haben gesagt, dass Zeitreisen gefährlich sein können. Wer wäre besser geeignet als sie, um auf den Verlauf der Geschichte aufzupassen?“ Als er das sagte, ließ er sich nicht anmerken, dass sie eines Tages auch ihn vor einem großen Fehler bewahren würde.
„Aber woher soll ich wissen, was richtig ist oder nicht?“, fragte Juliette. „Das ist genau der Grund, warum ich meine Forschung nicht weiter fortgeführt habe. Zeitreisen geben einer Person zu viel Macht und jetzt wollen sie mich zu dieser Person machen?“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Habe ich überhaupt eine Wahl? Sie wissen doch bereits, welche Entscheidung ich getroffen habe, oder?“
„Nein, weiß ich nicht“, antwortete Herr Tuniak. „Wenn ihre Entscheidung vorherbestimmt wäre, wenn alle Entscheidungen bereits vorherbestimmt wären, dann könnte niemand den Verlauf der Zeit ändern.“ Er aktivierte den Computer der Zeitmaschine. „Sie werden die Zeitmaschine nicht missbrauchen, haben sie etwas Vertrauen in sich selbst. Ich habe es. Und um ihre Frage von vorhin zu beantworten: Ja, ich möchte ihnen noch etwas zeigen. Die Zukunft.“ Mein Herz begann schneller zu schlagen, als ich das hörte. „Aber bevor wir dorthin gehen, müssen wir noch meinen Freund hier in seiner Zeit abliefern.“
Oh, zur...



NÄCHSTE WOCHE
Pourquoi pleurez-vous? M'avez-vous cru immortel?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen