(Du musst sie [die Zukunft] nicht vorhersehen, du musst sie nur
ermöglichen.)
- Antoine de Saint-Exupery
Mr Tuniaks Büro war
leer. Ich hätte nicht gedacht, dass es für einen Mann mit
Zeitmaschine möglich sein könnte, zu spät zu kommen, aber das war
ganz offensichtlich hier passiert. Zumindest war das mein erster
Gedanke. Mein zweiter war, dass Herrn Tuniak etwas zugestoßen sein
musste. Doch bevor ich weiter überlegen konnte, klingelte mein
Handy. Herr Tuniak rief mich an. Er hatte vergessen mir zu sagen,
dass wir uns heute direkt auf dem Parkplatz treffen würden, weil wir
wieder zur Zeitmaschine fahren würden.
Ich fuhr also mit dem
Lift hinunter und stieg in die Limousine ein, in der Herr Tuniak
bereits wartete. Er hatte seine Haare wieder kurz geschnitten und
seinen Bart abrasiert, aber er wirkte deswegen nicht jünger. In der
Hand hielt er einen Gehstock aus kunstvoll geschnitztem Holz.
„Das wird heute unser
letztes Treffen sein“, sagte Herr Tuniak während der Fahrt.
„Wieso?“, fragte ich.
„Was ist nächste und übernächste Woche?“
Herr Tuniak lächelte für
einen Moment. „Ich habe mich ungenau ausgedrückt: Heute ist unser
letztes Treffen. Für mich.“
„Sie haben die nächsten
beiden Sonntage...“, begann ich, unsicher wie ich die Frage beenden
sollte, „...bereits erlebt?“
„Ja“, bestätigte
Herr Tuniak. „Nächste Woche werden sie... mit jemand anderem
sprechen. Und egal, was sie nächste Woche sehen werden, seien sie
nicht verunsichert. Wir werden uns ganz sicher in zwei Wochen noch
einmal sehen. Ich komme gerade von diesem Treffen.“
„Ist das das erste Mal,
dass sie unsere Treffen in einer anderen Reihenfolge erleben als
ich?“
„Ja“, sagte Herr
Tuniak. „Und sie werden bald verstehen warum. Aber ich erwähnte
es, weil es mir wichtig war zu sagen, dass sie... wegen nächster
Woche nicht beunruhigt sein sollen.“
„Das war ich bis vor
fünf Minuten auch nicht“, meinte ich. „Und wohin reisen wir
heute?“
„Ich muss mich noch um
einige lose Enden kümmern“, sagte Herr Tuniak. „Sie wissen doch
sicher noch, woher die Zeitmaschine ihre Energie bezieht, oder?“
„Von einer Ladestation
in Gibraltar“, sagte ich.
„Haben sie sich nie
gefragt, warum spätere Archäologen nie eine Spur dieser Ladestation
gefunden haben?“
„Nein, eigentlich
nicht“, sagte ich. „Haben sie die Ladestation nicht vor ungefähr
fünf Millionen Jahren gebaut? Es würde mich ehrlich gesagt
überraschen, wenn zu dieser, zu meiner Zeit noch etwas davon
existieren würde.“
„Ah, die Materialien
aus denen die Ladestation gebaut ist, könnten so lange bestehen, das
wäre kein Problem“, sagte Herr Tuniak. „Die Technologie kommt
aus der Zukunft, ihrer Zukunft, und da können wir recht ausdauernde
Geräte herstellen. Nehmen sie die Zeitmaschine. Sie ist jetzt zirka
zweihundert Jahre alt und funktioniert immer noch fast so gut wie am
ersten Tag.“
„Und wenn Juliette sie
verwendet... sie muss ja etwa dreihundert Jahre lang funktionieren“,
sagte ich erstaunt.
Herr Tuniak nickte.
„Wobei ich von Juliette schon mehrmals gehört habe, das nicht mehr
alles so gut geht, wie es eigentlich sollte. Ah, wir sind hier.“
Wir hatten die
Zeitmaschine erreicht.
Wir reisten zurück in
die Vergangenheit, zurück nach Gibraltar vor etwa fünf Millionen
Jahren. Der große Wasserfall, den ich das letzte Mal hier gesehen
hatte und der eine Salzwüste in ein Meer verwandelt hatte, hatte
aufgehört zu fließen. Gibraltar war eine Meerenge geworden, wie es
sie zu hunderten auf der ganzen Welt gibt. Es herrschte klares Wetter
und ich konnte ohne Probleme die Küste Afrikas sehen.
Aber meine Aufmerksamkeit
war auf etwas anderes gerichtet. Die Zeitmaschine, aus der ich
ausstieg, stand neben zwei weiteren ident aussehenden Zeitmaschinen
(genau genommen war es ja auch genau die gleiche, nur zu
unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem „Leben“). Herr Tuniaks
Mütter, Helena und Maria, sowie Juliette waren ebenfalls gekommen.
Ich habe sie nicht nach ihrem genauen Alter gefragt, aber sie allen
mussten ungefähr so alt sein wie Herr Tuniak selbst, also ein wenig
über hundert Jahre. Sie alle waren am Ende ihrer Reisen angekommen.
In der Zukunft – von welcher Perspektive auch immer betrachtet –
würde keiner mehr die Ladestation brauchen. Nachdem der große
Wasserfall auch nicht mehr existierte, lieferte sie sowieso keinen
Strom mehr.
Ich hätte mich
vielleicht gefragt, wie es vier alte Menschen schaffen sollten, so
eine große Maschine wie die Ladestation abzubauen, aber die Antwort
war offensichtlich: Roboter. Kleine Maschinen, nicht viel größer
als meine Hand, die Ähnlichkeiten mit Insekten hatten, kletterten zu
Dutzenden auf der Ladestation auf und ab. So entfernten Platten,
Kabeln, Bolzen... Alles wurde gesammelt und in Kisten gepackt. Diese
Kisten transportierten sie dann in die drei Zeitmaschinen. Als eine
Zeitmaschine – Juliettes – so voll mit Kisten gepackt hatten, wie
sie es wollten, stieg Juliette ein und verschwand für wenige
Sekunden. Als sie wieder erschien, war die Zeitmaschine wieder
komplett leer und die Roboter-Insekten begannen sie wieder
anzufüllen.
„Wohin bringen sie die
einzelnen Teile?“, fragte ich.
„Sie werden es gleich
sehen“, sagte Herr Tuniak. „Kommen sie!“
Seine Zeitmaschine war
ebenfalls gefüllt worden und wir stiegen ein und aktivierten sie.
Ich sah, dass einige der Roboter-Insekten uns auf unserer Reise
begleiteten. Sie würden die Kisten an unserem Zielort wieder
ausladen.
Als ich wieder ausstieg,
konnte ich nur erkennen, dass ich mich in einer großen Lagerhalle
befand.
„Ich erkenne diesen Ort
nicht“, sagte ich. „Wo sind wir?“
„Tief unter der Erde“,
meinte Herr Tuniak, während er zusah, wie die Roboter-Insekten die
Kisten ausluden und neben die anderen stellten, die bereits hier
gelagert worden waren.
„Im beyul?“,
fragte ich.
„Ja“, bestätigte
Herr Tuniak. „Wir sind hier fast in der untersten Ebene.“
„Aber hier waren wir
das letzte Mal nicht“, sagte ich.
„Nein, denn das hier
ist auch ihre Zukunft“, erklärte Herr Tuniak. „Oder dachten sie,
wir würden in ihrer Gegenwart aufhören, Wissen und Artefakte zu
sammeln?“
„Schon irgendwie“,
sagte ich. Obwohl ich ihn jetzt fast ein Jahr kannte, hatte ich immer
noch Probleme mit der Vorstellung, dass meine Gegenwart nicht die
Gegenwart von Herrn Tuniak darstellte. Ich war mir nicht einmal
sicher, ob er eine hatte. „Hören sie irgend wann auf zu sammeln?“
„Etwa dreihundert Jahre
in ihrer Zukunft“, antwortete Herr Tuniak.
„Was passiert in
dreihundert Jahren?“, murmelte ich. Ich wusste, dass Herr Tuniak
nicht antworten würde, er erzählte fast nichts über Dinge, die in
meiner Zukunft lagen, aber ich konnte sehen, dass er lächeln musste,
als er die Frage hörte. „Was machen sie eigentlich mit ihren
Logbüchern?“
„Logbücher?“, fragte
er.
„Die Bücher, die sie
in Gibraltar hatten und wo sie aufschrieben wann und wo sie zu finden
sind.“
„Die werden auch hier
gelagert“, sagte Herr Tuniak. „Genau so wie eine komplette
ausgedruckte Version meiner Biographie, die sie schreiben.“ Er
deutete auf einen Ordner, der in einem Regal zwischen den Boxen
stand. Ich hätte mir den Ordner gerne angesehen, aber ich wusste,
dass er das nicht erlauben würde.
Die Insekten-Roboter
brauchten ein paar Stunden, um die gesamte Ladestation abzubauen und
zu verpacken. Als die letzten Boxen ins beyul gebracht worden
waren, wandte ich mich an Juliette und fragte: „Und was wird mit
der Zeitmaschine selbst geschehen? Wird sie auch gelagert?“
„Nein“, sagte
Juliette. „Ich werde sie zerstören. Zeitmaschinen sind zu
gefährlich.“
Herr Tuniak runzelte die
Stirn, als er das hörte. „Aber nicht hier auf der Erde, oder?“,
fragte er.
„Nein, ich werde sie
zuerst hinaus ins All schicken und dort soll sie sich selbst
zerstören“, sagte Juliette. „Es wird nichts passieren. Ich bin
mir ziemlich sicher, dass ich weiß, wann die Zerstörung stattfinden
wird und das sie sogar von der Erde aus gemessen werden wird.“
„Ja? Wann?“, fragte
Herr Tuniak interessiert.
„1977“, sagte
Juliette. „Haben sie schon einmal von dem WOW-Signal gehört? Ich
glaube, dass es durch die Zerstörung der Zeitmaschine erzeugt
wurde.“
Wir verabschiedeten uns,
aber Herr Tuniak wartete, bis seine Mütter und Juliette mit ihren
Zeitmaschinen verschwunden waren. „Wissen sie, wo wir als nächstes
hinreisen?“, fragte er mich.
„Nein“, antwortete
ich Kopf schüttelnd. „Sollte ich?“
„Das hier ist meine
letzte Reise und ich muss mich nur mehr um eine Sache kümmern“,
erklärte er.
„Wer die Zeitmaschine
nach ihnen bekommt“, erkannte ich. „Wir gehen nach Paris in den
1960ern!“
Als wir gelandet waren,
wartete ich in der Zeitmaschine, während Herr Tuniak ausstieg. Aber
ich musste nicht lange warten. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück,
begleitet von Juliette Belloq, die hier ungefähr so alt war wie ich.
„Ich komme gerade von
einem Basar“, sagte Juliette. „Wollen sie mir noch etwas zeigen?“
„Ich will ihnen etwas
geben“, sagte Herr Tuniak. „Diese Zeitmaschine. Sie haben gesagt,
dass Zeitreisen gefährlich sein können. Wer wäre besser geeignet
als sie, um auf den Verlauf der Geschichte aufzupassen?“ Als er das
sagte, ließ er sich nicht anmerken, dass sie eines Tages auch ihn
vor einem großen Fehler bewahren würde.
„Aber woher soll ich
wissen, was richtig ist oder nicht?“, fragte Juliette. „Das ist
genau der Grund, warum ich meine Forschung nicht weiter fortgeführt
habe. Zeitreisen geben einer Person zu viel Macht und jetzt wollen
sie mich zu dieser Person machen?“ Sie sah ihn herausfordernd an.
„Habe ich überhaupt eine Wahl? Sie wissen doch bereits, welche
Entscheidung ich getroffen habe, oder?“
„Nein, weiß ich
nicht“, antwortete Herr Tuniak. „Wenn ihre Entscheidung
vorherbestimmt wäre, wenn alle Entscheidungen bereits vorherbestimmt
wären, dann könnte niemand den Verlauf der Zeit ändern.“ Er
aktivierte den Computer der Zeitmaschine. „Sie werden die
Zeitmaschine nicht missbrauchen, haben sie etwas Vertrauen in sich
selbst. Ich habe es. Und um ihre Frage von vorhin zu beantworten: Ja,
ich möchte ihnen noch etwas zeigen. Die Zukunft.“ Mein Herz begann
schneller zu schlagen, als ich das hörte. „Aber bevor wir dorthin
gehen, müssen wir noch meinen Freund hier in seiner Zeit abliefern.“
Oh, zur...
NÄCHSTE WOCHE
Pourquoi pleurez-vous?
M'avez-vous cru immortel?
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