(Noch
einmal zur See! Noch einmal!)
- Lord
Byron "Childe
Harold's Pilgrimage"
Während
der letzten Wochen, als Herr Tuniak über seine Zeit auf der Insel
Leviathan und in der Villa Atterton erzählte, habe ich ihn mehrmals
gefragt, zu welcher Zeit dieses oder jenes Ereignis stattgefunden
hat. Seine Antworten waren meistens vage, wie zum Beispiel „Ende
der 60er“ oder „Mitte des 19. Jahrhunderts“.
„Können
sie sich genau erinnern, wann sie etwas in ihrer Jugend getan
haben?“, fragte er mich.
Ich
protestierte, dass meine Jugend noch lange nicht vorbei sei, aber er
hatte Recht. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, dann kann ich
auch nur ungefähre Angaben machen, wann etwas passiert ist.
„Und
sie sind noch keine hundert Jahre alt“, sagte Herr Tuniak.
„Außerdem haben sie den Vorteil, dass für sie die Jahre linear
vergangen sind. Das trifft bei mir auch nicht zu.“
Wenn
er sich also an ein genaues Datum erinnerte, dann hatte das meistens
mit äußeren Umständen zu tun.
„Ich
weiß zum Beispiel ganz genau, wann ich meinen ersten Auftrag als
Photograph bekommen habe“, sagte er heute. „Es war 1978. Der
Grund, warum ich das so genau weiß, ist, dass es das Jahr war, in
dem Thor Heyerdahl zu seiner Tigris-Expedition
aufgebrochen ist.“
Ich
war überrascht. Ich hatte gedacht, dass er seine Ausbildung zum
Photographen bereits Mitte der 1970er abgeschlossen hätte.
„Das
hatte ich damals auch erwartet“, sagte Herr Tuniak. „Aber
tatsächlich habe ich länger gebraucht, als wenn ich nur einen Kurs
besucht hätte. Ich habe schließlich nicht nur Zeit für meine
Ausbildung gebraucht. Ich musste nachher auch noch mein Portfolio
zusammenstellen und das hat auch mindestens sechs Monate gedauert.“
Er
wollte auch genau so schnell altern wie seine Freunde. Deswegen war
er, wenn er etwa zwei Tage in der Vergangenheit war, erst zwei Tage
nach seiner Abreise wieder in die Gegenwart zurück gekehrt.
„Fast
immer, zumindest“, fügte er dann noch hinzu. „Ich habe ein wenig
geschummelt.“
„Ich
habe Thor Heyerdahl nie persönlich getroffen, aber er hatte trotzdem
einen großen Einfluss auf mein Leben“, erzählte Herr Tuniak. „Als
ich nämlich endlich mein Portfolio fertig hatte, setzte sich O'Jack
mit mehreren Magazinen in Verbindung und verschaffte mir
Vorstellungsgespräche. Diese verliefen nicht sonderlich gut.“
„Trotz
ihrer Photos?“, fragte ich.
„Wahrscheinlich
sogar wegen ihnen“, sagte Herr Tuniak. „Ich habe bei der
Zusammenstellung ein wenig übertrieben. Ich bin mir sicher, die
meisten Verleger glaubten mir nicht, wenn ich sagte, dass ich die
Bilder alle selbst geschossen hatte.“
„Warum
nicht?“
„Weil
es ihnen unmöglich schien, dass ich so viele seltene Motive gefunden
haben sollte“, sagte Herr Tuniak. „Und ohne die Zeitmaschine wäre
es ja auch praktisch unmöglich gewesen. Ich hätte zumindest sehr
viel mehr Zeit dafür gebraucht.“
„Und
sie wollten nicht als Freelancer arbeiten?“
„Nein,
weil ich wollte nicht einen großen Teil meiner Zeit damit
verbringen, meine Photos verschiedenen Herausgebern anzubieten und
diese zu überzeugen, dass sie sie mir abkaufen sollten“, sagte
Herr Tuniak. „Aber zu meinem Glück beschloss Heyerdahl 1978 die
Tigris
zu bauen. Eine Zeitschrift wollte aus diesem Grund eine Photoserie
über ungewöhnliche Schiffe veröffentlichen. In der ersten Ausgabe
ging es um Heyerdahls Reisen, in der zweiten um die Geschichte der
U-Boote.“
„Und
was ist das?“, fragte der Verleger.
„Das
erste steuerbare U-Boot, gebaut um 1620 von Cornelis Drebbel in
London“, sagte Alexander. „Kennen sie es nicht?“
Der
Verleger sah von den fünf auf seinem Schreibtisch liegenden Photos
auf und zu dem jungen Mann.
„Eine
Rekonstruktion dieses Bootes, natürlich“, fügte Alexander schnell
hinzu. „Aber wie sie sehen können, kann es schwimmen. Es wurde im
Mississippi getestet.“ Das war natürlich gelogen. Er war in die
Vergangenheit gereist und hatte dort Hunderte Bilder des U-Bootes
geschossen, aber nur die wenigstens konnte er verwenden. Auf den
meisten konnte man die riesige Menschenmenge sehen, die sich am Ufer
der Themse versammelt hatte, um die Fahrt des Bootes zu beobachten.
Alexander war besonders stolz auf die Bilder, die zeigten, wie König
James I. das Boot bestieg und nach einer Fahrt von einigen Minuten
wieder verließ. Aber dieser Bilder konnte er unmöglich dem Verleger
zeigen, ohne zu erklären, woher er sie hatte.
„Mhm“,
machte der Verleger. Er schien nicht überzeugt zu sein. Alexander
hatte ihm erzählt, dass er einen amerikanischen Multi-Millionär
besucht hatte, der als Hobby alte Schiffstypen nachbauen ließ. „Was
haben sie sonst noch?“
„Noch
eine Rekonstruktion“, log Alexander und legte sieben weitere Bilder
auf den Schreibtisch. „Das ist die Nautilus
von Robert Fulton, gebaut um 1800.“
„Die
Nautilus?“,
fragte der Verleger zweifelnd.
„Wussten
sie, dass Jules Verne hat ihm zu Ehren das Boot von Kapitän Nemo so
genannt hat“, erklärte Alexander. Es war ihm nicht gelungen Bilder
von der Nautilus
im Wasser zu schießen und so hatte er das Ein-Mann-Boot nur heimlich
in der Werkstätte photographieren können.
„Die
Nautilus-Bilder
kaufe ich ihnen ab“, sagte der Verleger schließlich. „Und ich
habe auch einen Auftrag für sie, wenn sie einen haben wollen.“
„Wissen
sie, warum er ihnen nicht alle Bilder abgekauft hat?“, fragte ich.
„Ich
glaube, er hielt sie für Fälschungen“, sagte Herr Tuniak. „Er
wird schon von der Nautilus
gehört haben, aber nicht von Cornelius Drebbel. Wahrscheinlich hat
er gedacht, ich wollte ihm eine Lügengeschichte verkaufen. Zumindest
ließ sein Auftrag darauf schließen.“
„Was
war der Auftrag?“
„Ich
sollte Schiffe in der Arktis photographieren“, sagte Herr Tuniak.
„Schiffe, die angeblich nur aus Eis gebaut worden waren. Der
Verleger glaubte seinen Quellen offenbar nicht und wollte deswegen
einen Photographen schicken, den er entbehren konnte. Da kam ich
gerade richtig. Und außerdem war ich auch viel billiger, als seine
anderen Angestellten.“
Es
war eisig kalt. Alexander stand am Deck des Eisbrechers in einen
dicken Mantel gekleidet. Er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen
und den Schal bis zur Nase hinauf um seinen Kopf gewickelt. Er trug
eine Schutzbrille, weil er sonst in dem wilden Schneetreiben nichts
hätte sehen können. Außedem hatte er dicke Stiefel und Handschuhe
an. Und er fror immer noch.
„Sind
wir da?“, fragte er die ebenso vermummte Gestalt, die neben ihm
stand. Aber es war unmöglich jemanden hier draußen zu verstehen.
Der andere Mann, Thomas Fielding, deutete auf seine Ohren und
schüttelte den Kopf. Sie blieben noch einige Minuten auf dem Deck,
bevor sie wieder in den geheizten Innenraum des Schiffes zurück
kehrten. Doch trotz der Heizung ließen sie auch hier ihre Jacken an.
„Wenn
morgen der Sturm nachlässt, werden wir sie sehen“, versprach
Fielding.
Der
Rest der Besatzung, Alexander inklusive, war weniger davon überzeugt.
„Sie
sind komplett aus Eis gebaut“, erzählte Fielding. „Churchill hat
sie gebaut, er wollte damit... Nein, das erzähle ich lieber nicht.
Die Schiffe sind so stabil, als wären sie aus Stahl und das dritte,
was gebaut hätte werden sollen, wäre so groß gewesen, dass
Flugzeuge darauf hätten landen können.“ Fielding behauptete
Zugang zu geheimen Dokumenten der britischen Regierung erlangt zu
haben, aber auch diese Behauptung konnte er nicht beweisen.
Doch
am nächsten Tag änderte sich alles. Als Alexander an Deck kam, war
die gesamte restliche Besatzung des Eisbrechers dort bereits
versammelt. Niemand schien auf seinem Posten geblieben zu sein. Und
Alexander sah auch sofort warum: Nicht weit vor dem Eisbrecher befand
sich eine riesige Eiswand, mindestens vierzig Meter hoch. Und davor
schwammen zwei weiße Schiffe. Schiffe, komplett aus Eis und Schnee
gebaut, als hätten die Kinder von Riesen genug von Schneemänner
gehabt und sich stattdessen anderen Formen zugewandt hatten. Beide
Schiffe waren teilweise mit der Eiswand verschmolzen, aber es gab
trotzdem keinen Zweifel daran, dass es sich hier nicht um ein
natürliches Phänomen handeln konnte. Das waren keine zufällig
geformten Eisberge. Alexander war so fasziniert, dass er fast auf
seinen Photoapparat vergaß.
„Wir
kletterten sogar in eines der Schiffe hinein“, erzählte Herr
Tuniak. „Die Gänge im Inneren waren größtenteils eingestürzt,
die Schiffe waren seit mindestens zwanzig Jahren verlassen gewesen.“
„Und
woher kamen sie wirklich?“, fragte ich.
„Wahrscheinlich
hat sie wirklich Churchill in Auftrag gegeben“, sagte Herr Tuniak.
„Es ist bekannt, dass er mit dem Gedanken an solche Schiffe
gespielt hat, er wollte damit für einen Krieg gegen die Sowjetunion
gerüstet sein, aber man dachte für lange Zeit, dass sie nie aus der
Planungsphase heraus kamen. Und seine Nachfolger haben das Projekt
ganz sicher nicht weiter verfolgt.“
„Und
dieser Thomas Fielding hatte wirklich Zugang zu geheimen
Dokumenten?“, fragte ich.
„Es
scheint so, ja“, sagte Herr Tuniak. „Fielding war... nun, ich
werde ihnen sicherlich noch ein anderes Mal von ihm erzählen. Heute
muss ich ihnen noch von unserer Heimreise erzählen.“
Es
hatte einen starken Sturm gegeben und sie waren vom Kurs abgekommen.
Der Kapitän hatte einige Zeit gebraucht, um ihre neuen Koordinaten
zu bestimmen und einen Kurs zu ihrem Heimathafen zu finden. Doch sie
hatten gerade erst wieder Fahrt aufgenommen, als eine Sirene an Bord
ertönte.
„Was
ist das?“, fragte Fielding. Er und Alexander teilten sich eine
Kabine und sie beide stürmten hinaus.
„Ein
Warnsignal“, sagte Alexander. „Es muss etwas passiert sein.“
Sie
gelangten an Deck.
„Was
ist passiert?“, fragte Alexander einen vorbei laufenden Matrosen.
„Schiff
ist gekentert“, antwortete dieser in gebrochenem Englisch.
„Aber
nicht wir, oder?“, fragte Fielding, aber der Matrose war schon
wieder weiter gelaufen.
„Nein,
die dort!“, sagte Alexander und deutete mit ausgestreckter Hand auf
das Schiff. Es war ein seltsamer Anblick. Das Heck des Schiffes ragte
senkrecht aus dem Wasser, als würde es in der Erde stecken. Als sie
näher kamen, konnten sie die Mannschaft von dem anderen Schiff
sehen. Aber diese schien von ihrer Notlage nicht sonderlich berührt
zu sein.
Alexander
wartete gespannt, was als nächstes passieren würde, als der Kapitän
schließlich Entwarnung gab. Ein Boot wurde zu Wasser gelassen und
Alexander wurde erlaubt, den Kapitän und zwei seiner Offiziere zu
dem anderen Schiff zu begleiten.
„Willkommen
an Bord der RP Flip“,
begrüßte sie der andere Kapitän.
„Was
ist mit ihrem Schiff passiert?“, fragte Alexander.
„Gar
nichts“, sagte der Kapitän der Flip. „Wir sind ein
Forschungsschiff, unterwegs im Auftrag der Gemini Foundation.“
„Ihr
Schiff ist in Ordnung?“, fragte der Kapitän des Eisbrechers
ungläubig.
„Aber
ja“, versicherte der Kapitän der Flip.
„Wir kippen die Flip
nur, um besser Messungen unter der Wasseroberfläche durchführen zu
können. Ich muss sie übrigens bitten, so bald wie möglich weiter
zu fahren. Unsere Instrumente sind sehr empfindlich und der Lärm
ihrer Maschinen stört sie.“
„Die
Flip
war ein Schiff, das absichtlich versenkt wurde?“, fragte ich.
„Versenkt
ist das falsche Wort“, sagte Herr Tuniak. „Sie wurde praktisch
auf den Kopf gestellt. Stellen sie sich ein Schiff um neunzig Grad
gedreht vor. Der Boden wird dabei zur Wand, eine Wand zum Boden, eine
andere zur Decke und die Decke wird auch zu einer Wand.“
„Und
so schwimmt sie dann?“
„Sehr
gut sogar, da nur etwa ein Sechstel des Schiffes über Wasser bleibt.
Sind die Untersuchungen abgeschlossen, wird Luft in den unter Wasser
liegenden Teil gepumpt und das Schiff wieder aufgerichtet.“
„Und
wer war die Gemini Foundation?“
„Oh,
Gemini sind...“ Er stoppte und warf einen Blick auf seine Uhr. „Es
ist heute schon spät, aber wir können Gemini, einen Teil davon,
nächste Woche besuchen. Was halten sie davon?“
NÄCHSTE
WOCHE:
La
mer n'est que le véhicule d'une surnaturelle et prodigieuse
existence; elle n'est que mouvement et amour. c'est l'infini vivant,
comme l'a dit un de vos poètes.