Sonntag, 29. April 2012

Once more upon the waters! Yet once more!


(Noch einmal zur See! Noch einmal!)
- Lord Byron "Childe Harold's Pilgrimage"

Während der letzten Wochen, als Herr Tuniak über seine Zeit auf der Insel Leviathan und in der Villa Atterton erzählte, habe ich ihn mehrmals gefragt, zu welcher Zeit dieses oder jenes Ereignis stattgefunden hat. Seine Antworten waren meistens vage, wie zum Beispiel „Ende der 60er“ oder „Mitte des 19. Jahrhunderts“.
Können sie sich genau erinnern, wann sie etwas in ihrer Jugend getan haben?“, fragte er mich.
Ich protestierte, dass meine Jugend noch lange nicht vorbei sei, aber er hatte Recht. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, dann kann ich auch nur ungefähre Angaben machen, wann etwas passiert ist.
Und sie sind noch keine hundert Jahre alt“, sagte Herr Tuniak. „Außerdem haben sie den Vorteil, dass für sie die Jahre linear vergangen sind. Das trifft bei mir auch nicht zu.“
Wenn er sich also an ein genaues Datum erinnerte, dann hatte das meistens mit äußeren Umständen zu tun.
Ich weiß zum Beispiel ganz genau, wann ich meinen ersten Auftrag als Photograph bekommen habe“, sagte er heute. „Es war 1978. Der Grund, warum ich das so genau weiß, ist, dass es das Jahr war, in dem Thor Heyerdahl zu seiner Tigris-Expedition aufgebrochen ist.“
Ich war überrascht. Ich hatte gedacht, dass er seine Ausbildung zum Photographen bereits Mitte der 1970er abgeschlossen hätte.
Das hatte ich damals auch erwartet“, sagte Herr Tuniak. „Aber tatsächlich habe ich länger gebraucht, als wenn ich nur einen Kurs besucht hätte. Ich habe schließlich nicht nur Zeit für meine Ausbildung gebraucht. Ich musste nachher auch noch mein Portfolio zusammenstellen und das hat auch mindestens sechs Monate gedauert.“
Er wollte auch genau so schnell altern wie seine Freunde. Deswegen war er, wenn er etwa zwei Tage in der Vergangenheit war, erst zwei Tage nach seiner Abreise wieder in die Gegenwart zurück gekehrt.
Fast immer, zumindest“, fügte er dann noch hinzu. „Ich habe ein wenig geschummelt.“

Ich habe Thor Heyerdahl nie persönlich getroffen, aber er hatte trotzdem einen großen Einfluss auf mein Leben“, erzählte Herr Tuniak. „Als ich nämlich endlich mein Portfolio fertig hatte, setzte sich O'Jack mit mehreren Magazinen in Verbindung und verschaffte mir Vorstellungsgespräche. Diese verliefen nicht sonderlich gut.“
Trotz ihrer Photos?“, fragte ich.
Wahrscheinlich sogar wegen ihnen“, sagte Herr Tuniak. „Ich habe bei der Zusammenstellung ein wenig übertrieben. Ich bin mir sicher, die meisten Verleger glaubten mir nicht, wenn ich sagte, dass ich die Bilder alle selbst geschossen hatte.“
Warum nicht?“
Weil es ihnen unmöglich schien, dass ich so viele seltene Motive gefunden haben sollte“, sagte Herr Tuniak. „Und ohne die Zeitmaschine wäre es ja auch praktisch unmöglich gewesen. Ich hätte zumindest sehr viel mehr Zeit dafür gebraucht.“
Und sie wollten nicht als Freelancer arbeiten?“
Nein, weil ich wollte nicht einen großen Teil meiner Zeit damit verbringen, meine Photos verschiedenen Herausgebern anzubieten und diese zu überzeugen, dass sie sie mir abkaufen sollten“, sagte Herr Tuniak. „Aber zu meinem Glück beschloss Heyerdahl 1978 die Tigris zu bauen. Eine Zeitschrift wollte aus diesem Grund eine Photoserie über ungewöhnliche Schiffe veröffentlichen. In der ersten Ausgabe ging es um Heyerdahls Reisen, in der zweiten um die Geschichte der U-Boote.“

Und was ist das?“, fragte der Verleger.
Das erste steuerbare U-Boot, gebaut um 1620 von Cornelis Drebbel in London“, sagte Alexander. „Kennen sie es nicht?“
Der Verleger sah von den fünf auf seinem Schreibtisch liegenden Photos auf und zu dem jungen Mann.
Eine Rekonstruktion dieses Bootes, natürlich“, fügte Alexander schnell hinzu. „Aber wie sie sehen können, kann es schwimmen. Es wurde im Mississippi getestet.“ Das war natürlich gelogen. Er war in die Vergangenheit gereist und hatte dort Hunderte Bilder des U-Bootes geschossen, aber nur die wenigstens konnte er verwenden. Auf den meisten konnte man die riesige Menschenmenge sehen, die sich am Ufer der Themse versammelt hatte, um die Fahrt des Bootes zu beobachten. Alexander war besonders stolz auf die Bilder, die zeigten, wie König James I. das Boot bestieg und nach einer Fahrt von einigen Minuten wieder verließ. Aber dieser Bilder konnte er unmöglich dem Verleger zeigen, ohne zu erklären, woher er sie hatte.
Mhm“, machte der Verleger. Er schien nicht überzeugt zu sein. Alexander hatte ihm erzählt, dass er einen amerikanischen Multi-Millionär besucht hatte, der als Hobby alte Schiffstypen nachbauen ließ. „Was haben sie sonst noch?“
Noch eine Rekonstruktion“, log Alexander und legte sieben weitere Bilder auf den Schreibtisch. „Das ist die Nautilus von Robert Fulton, gebaut um 1800.“
Die Nautilus?“, fragte der Verleger zweifelnd.
Wussten sie, dass Jules Verne hat ihm zu Ehren das Boot von Kapitän Nemo so genannt hat“, erklärte Alexander. Es war ihm nicht gelungen Bilder von der Nautilus im Wasser zu schießen und so hatte er das Ein-Mann-Boot nur heimlich in der Werkstätte photographieren können.
Die Nautilus-Bilder kaufe ich ihnen ab“, sagte der Verleger schließlich. „Und ich habe auch einen Auftrag für sie, wenn sie einen haben wollen.“

Wissen sie, warum er ihnen nicht alle Bilder abgekauft hat?“, fragte ich.
Ich glaube, er hielt sie für Fälschungen“, sagte Herr Tuniak. „Er wird schon von der Nautilus gehört haben, aber nicht von Cornelius Drebbel. Wahrscheinlich hat er gedacht, ich wollte ihm eine Lügengeschichte verkaufen. Zumindest ließ sein Auftrag darauf schließen.“
Was war der Auftrag?“
Ich sollte Schiffe in der Arktis photographieren“, sagte Herr Tuniak. „Schiffe, die angeblich nur aus Eis gebaut worden waren. Der Verleger glaubte seinen Quellen offenbar nicht und wollte deswegen einen Photographen schicken, den er entbehren konnte. Da kam ich gerade richtig. Und außerdem war ich auch viel billiger, als seine anderen Angestellten.“

Es war eisig kalt. Alexander stand am Deck des Eisbrechers in einen dicken Mantel gekleidet. Er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen und den Schal bis zur Nase hinauf um seinen Kopf gewickelt. Er trug eine Schutzbrille, weil er sonst in dem wilden Schneetreiben nichts hätte sehen können. Außedem hatte er dicke Stiefel und Handschuhe an. Und er fror immer noch.
Sind wir da?“, fragte er die ebenso vermummte Gestalt, die neben ihm stand. Aber es war unmöglich jemanden hier draußen zu verstehen. Der andere Mann, Thomas Fielding, deutete auf seine Ohren und schüttelte den Kopf. Sie blieben noch einige Minuten auf dem Deck, bevor sie wieder in den geheizten Innenraum des Schiffes zurück kehrten. Doch trotz der Heizung ließen sie auch hier ihre Jacken an.
Wenn morgen der Sturm nachlässt, werden wir sie sehen“, versprach Fielding.
Der Rest der Besatzung, Alexander inklusive, war weniger davon überzeugt.
Sie sind komplett aus Eis gebaut“, erzählte Fielding. „Churchill hat sie gebaut, er wollte damit... Nein, das erzähle ich lieber nicht. Die Schiffe sind so stabil, als wären sie aus Stahl und das dritte, was gebaut hätte werden sollen, wäre so groß gewesen, dass Flugzeuge darauf hätten landen können.“ Fielding behauptete Zugang zu geheimen Dokumenten der britischen Regierung erlangt zu haben, aber auch diese Behauptung konnte er nicht beweisen.
Doch am nächsten Tag änderte sich alles. Als Alexander an Deck kam, war die gesamte restliche Besatzung des Eisbrechers dort bereits versammelt. Niemand schien auf seinem Posten geblieben zu sein. Und Alexander sah auch sofort warum: Nicht weit vor dem Eisbrecher befand sich eine riesige Eiswand, mindestens vierzig Meter hoch. Und davor schwammen zwei weiße Schiffe. Schiffe, komplett aus Eis und Schnee gebaut, als hätten die Kinder von Riesen genug von Schneemänner gehabt und sich stattdessen anderen Formen zugewandt hatten. Beide Schiffe waren teilweise mit der Eiswand verschmolzen, aber es gab trotzdem keinen Zweifel daran, dass es sich hier nicht um ein natürliches Phänomen handeln konnte. Das waren keine zufällig geformten Eisberge. Alexander war so fasziniert, dass er fast auf seinen Photoapparat vergaß.

Wir kletterten sogar in eines der Schiffe hinein“, erzählte Herr Tuniak. „Die Gänge im Inneren waren größtenteils eingestürzt, die Schiffe waren seit mindestens zwanzig Jahren verlassen gewesen.“
Und woher kamen sie wirklich?“, fragte ich.
Wahrscheinlich hat sie wirklich Churchill in Auftrag gegeben“, sagte Herr Tuniak. „Es ist bekannt, dass er mit dem Gedanken an solche Schiffe gespielt hat, er wollte damit für einen Krieg gegen die Sowjetunion gerüstet sein, aber man dachte für lange Zeit, dass sie nie aus der Planungsphase heraus kamen. Und seine Nachfolger haben das Projekt ganz sicher nicht weiter verfolgt.“
Und dieser Thomas Fielding hatte wirklich Zugang zu geheimen Dokumenten?“, fragte ich.
Es scheint so, ja“, sagte Herr Tuniak. „Fielding war... nun, ich werde ihnen sicherlich noch ein anderes Mal von ihm erzählen. Heute muss ich ihnen noch von unserer Heimreise erzählen.“

Es hatte einen starken Sturm gegeben und sie waren vom Kurs abgekommen. Der Kapitän hatte einige Zeit gebraucht, um ihre neuen Koordinaten zu bestimmen und einen Kurs zu ihrem Heimathafen zu finden. Doch sie hatten gerade erst wieder Fahrt aufgenommen, als eine Sirene an Bord ertönte.
Was ist das?“, fragte Fielding. Er und Alexander teilten sich eine Kabine und sie beide stürmten hinaus.
Ein Warnsignal“, sagte Alexander. „Es muss etwas passiert sein.“
Sie gelangten an Deck.
Was ist passiert?“, fragte Alexander einen vorbei laufenden Matrosen.
Schiff ist gekentert“, antwortete dieser in gebrochenem Englisch.
Aber nicht wir, oder?“, fragte Fielding, aber der Matrose war schon wieder weiter gelaufen.
Nein, die dort!“, sagte Alexander und deutete mit ausgestreckter Hand auf das Schiff. Es war ein seltsamer Anblick. Das Heck des Schiffes ragte senkrecht aus dem Wasser, als würde es in der Erde stecken. Als sie näher kamen, konnten sie die Mannschaft von dem anderen Schiff sehen. Aber diese schien von ihrer Notlage nicht sonderlich berührt zu sein.
Alexander wartete gespannt, was als nächstes passieren würde, als der Kapitän schließlich Entwarnung gab. Ein Boot wurde zu Wasser gelassen und Alexander wurde erlaubt, den Kapitän und zwei seiner Offiziere zu dem anderen Schiff zu begleiten.
Willkommen an Bord der RP Flip“, begrüßte sie der andere Kapitän.
Was ist mit ihrem Schiff passiert?“, fragte Alexander.
Gar nichts“, sagte der Kapitän der Flip. „Wir sind ein Forschungsschiff, unterwegs im Auftrag der Gemini Foundation.“
Ihr Schiff ist in Ordnung?“, fragte der Kapitän des Eisbrechers ungläubig.
Aber ja“, versicherte der Kapitän der Flip. „Wir kippen die Flip nur, um besser Messungen unter der Wasseroberfläche durchführen zu können. Ich muss sie übrigens bitten, so bald wie möglich weiter zu fahren. Unsere Instrumente sind sehr empfindlich und der Lärm ihrer Maschinen stört sie.“

Die Flip war ein Schiff, das absichtlich versenkt wurde?“, fragte ich.
Versenkt ist das falsche Wort“, sagte Herr Tuniak. „Sie wurde praktisch auf den Kopf gestellt. Stellen sie sich ein Schiff um neunzig Grad gedreht vor. Der Boden wird dabei zur Wand, eine Wand zum Boden, eine andere zur Decke und die Decke wird auch zu einer Wand.“
Und so schwimmt sie dann?“
Sehr gut sogar, da nur etwa ein Sechstel des Schiffes über Wasser bleibt. Sind die Untersuchungen abgeschlossen, wird Luft in den unter Wasser liegenden Teil gepumpt und das Schiff wieder aufgerichtet.“
Und wer war die Gemini Foundation?“
Oh, Gemini sind...“ Er stoppte und warf einen Blick auf seine Uhr. „Es ist heute schon spät, aber wir können Gemini, einen Teil davon, nächste Woche besuchen. Was halten sie davon?“



NÄCHSTE WOCHE:
La mer n'est que le véhicule d'une surnaturelle et prodigieuse existence; elle n'est que mouvement et amour. c'est l'infini vivant, comme l'a dit un de vos poètes.

Sonntag, 22. April 2012

Une photographie, c'est un fragment de temps qui ne reviendra pas.


(Ein Photo ist ein Abbild einer Zeit, die nicht wieder kommen wird.)
- Martine Franck


„Da O'Jack der einzige Photograph war, den ich kannte, wollte ich natürlich von ihm alles über Photographie lernen“, erzählte Herr Tuniak. „O'Jack war auch gerne bereit zu helfen, aber er hatte natürlich nicht unbegrenzt Zeit. Er empfahl mir aber einige Schulen und Kurse, die mir eine gute Ausbildung bieten würden.“
„Und die haben sie dann besucht?“, fragte ich.

Alexander kam nach Hause und warf seinen Rucksack auf den Boden. Dieser schlitterte fast bis in den Kamin, wo Mowgli gerade ein Feuer anzündete.
„Möchtest du, dass ich den gleich mitverbrenne?“, fragte Mowgli.
„Ich nehme an, sie haben dich auf der Schule nicht genommen“, sagte Sarina, die ebenfalls im Wohnzimmer war und auf der Couch eine Zeitung las.
„Doch haben sie“, sagte Alexander, aber er war offensichtlich nicht glücklich über diese Nachricht.
„Warum dann das lange Gesicht?“, fragte Mowgli.
„Weiß du, wie lange so eine Ausbildung dauert?“, fragte Alexander. „Da könnte ich ja gleich wieder zurück auf die Uni gehen. Wie soll man lernen zu photographieren, wenn man die ganze Zeit in einem Zimmer sitzt und auf eine Tafel starrt.“
„Ich bezweifle, dass der Unterricht so ablaufen wird“, meinte Sarina. „Wenn du nicht lernen willst, dann such dir am besten einen Beruf für den du keine Ausbildung brauchst.“
„Ich habe nichts gegen lernen“, protestierte Alexander. „Ich mag nur nicht die Art und Weise, wie unterrichtet wird.“
„Unterrichten sie in der Zukunft anders?“, fragte Mowgli.
„Keine Ahnung“, sagte Alexander. „Aber ab Beginn des 21. Jahrhunderts verwenden fast alle nur mehr Digitalkameras, also was bringt mir der Unterricht dort? Oh!“
„Was?“, fragte Mowgli.
„Ich könnte in die Vergangenheit reisen und dort die ersten Photographen besuchen“, sagte Alexander. „Ich lerne dort alle ihre Techniken, an den Prinzipien wird sich bis heute ja nicht all zu viel geändert haben. Und die Verbesserungen kann ich sicher schnell nachlernen. Ohne eine jahrelange Ausbildung. Sarina!“
„Ich weiß, ich weiß“, seufzte Sarina. „Ich soll dir in der Uni-Bibliothek helfen, alles über die Pioniere der Photographie herauszufinden. Übermorgen, ok?“

„Damals bin ich auf eine Lern-Methode gestoßen, die ich für den Rest meines Lebens beibehalten habe“, erzählte Herr Tuniak.
„Sie reisen zu den Anfängen des Berufs, der sie interessiert und lernen alles von Grund auf?“, fragte ich.
„Nicht nur Berufe“, sagte Herr Tuniak. „Als ich später, viel später, Auto fahren lernte, habe ich es genau so gemacht. Trotz sich verändernder Technologien haben sich die Prinzipien hinter den meisten Dingen wenig verändert.“
„Das heißt, sie haben sich immer das Basis-Wissen in der Vergangenheit angeeignet?“, fragte ich.
„Genau. Es war auch oft sehr hilfreich. Um noch kurz beim Auto fahren zu bleiben: Die meisten kleinen Pannen, die ich hatte, konnte ich selbst reparieren.“
„Und in welche Zeit sind sie gereist, um Photograph zu werden?“
„Nun, die ersten Photos wurden um 1830 in Frankreich geschossen, also war das mein erstes Ziel“, sagte Herr Tuniak. „Ich blieb allerdings nicht lange dort. Der damalige Prozess für die Bildentwicklung war dann doch zu unterschiedlich. Erst zwanzig Jahre später war dann die Technik ähnlich der damaligen.“
„Mit 'damalig' meinen sie die 70er Jahre, oder?“, vergewisserte ich mich.
„Genau“, sagte Herr Tuniak. Er legte ein Photoalbum auf den Tisch und öffnete es. „Wollen sie einige meiner ersten Bilder sehen?“ Er öffnete das Album. Gleich auf der ersten Seite war ein Photo von ihm, als er ungefähr 25 Jahre alt war. Es war ein bisschen kleiner als eine Spielkarte und darunter stand der Name 'Alexander Khanna'. „Das war der Name, den ich damals verwendete“, erklärte Herr Tuniak. „Ich gab mich als indischer Adeliger aus und das war meine carte de visite. Als Adeliger konnte ich verschiedene Entwickler fördern, ohne, dass es Aufsehen erregte.“
„Woher nahmen sie das Geld?“
„Ich bin Zeitreisender, es war einfach. Und ich hatte die Hilfe der Spinne und Philip gehörte immer schon zu den reichsten Menschen der Welt.“ Er lachte kurz. „Wobei keiner der Erfinder je gefragt hat, woher ich mein Geld nahm. Die meisten waren froh über die finanzielle Unterstützung und als Gegenleistung durfte ich ihre Erfindungen testen.
„Heißt das, dass die moderne Photographie ist ihnen zu verdanken?“, fragte ich.
„Ja, ein wenig, aber das realisierte ich erst später“, sagte Herr Tuniak. Für einen kurzen Moment glaubte ich einen Anflug von Bedauern und Schuld in seinem Gesicht zu sehen. Dann blätterte er im Album weiter. Zu jedem Bild hatte er eine Geschichte zu erzählen.

„Was ist das?“, fragte Alice, als Alexander aus der Zeitmaschine kam. In seinen Händen hielt er etwas, dass sie auf den ersten Blick für ein Gewehr gehalten hatte. Aber der Lauf war zu kurz dafür und außerdem befand sich eine große Trommel am hinteren Ende des Laufs.
„Das hat mir mein guter Freund Jules geborgt“, sagte Alexander mit einem Lächeln. „Zumindest hätte er es mir sicher geborgt, wenn ich ihn gefragt hätte.“
„Du hast es gestohlen?“, fragte Alice.
„Ich habe dafür bezahlt... mehr oder weniger“, sagte Alexander. „Und außerdem werde ich es wieder zurück bringen.“ Er deutete auf die Zeitmaschine hinter sich. „Er wird nicht einmal merken, dass es weg gewesen ist.“
„Und was ist es?“
„Ein fusil photographique“, sagte Alexander. „Ein Photogewehr.“
Gemeinsam gingen sie in die Villa zurück, wo sie auf Mowgli stießen.
„Gehst du auf die Jagd?“, fragte Mowgli und verzog dabei das Gesicht.
„Keine Sorge, das Gewehr hier schießt nur Photos“, erklärte Alexander. „Zwölf Bilder in der Sekunde! Wo sind deine Hunde, ich möchte es testen?“

Er blätterte um.

Einige Tage später kehrte Alexander von seiner Reise wieder mit einer neuen Kamera zurück. Diese sah aus als hätte man zwei Kameras miteinander verschmolzen.
„Wo warst du diesmal?“, fragte Bill beim gemeinsamen Abendessen.
„1902 oder 1903, glaube ich“, sagte Alexander.
„Und was ist das für eine Kamera?“
„Eine 3D-Kamera“, erklärte Alexander. „Sie schießt zwei Bilder gleichzeitig aus leicht unterschiedlichen Winkeln und damit kann man nachher ein 3D-Bild entwickeln.“
„So wie der Film der vor einiger Zeit im Kino war?“, fragte Mowgli. „Der Frankenstein-Film?“
„Oh, der war entsetzlich“, sagte Alice. Sie schüttelte sich. „Das sind 90 Minuten meines Lebens, die ich gerne vergessen würde.“

Er blätterte um.

Alexander hatte beim Abendessen gefragt, ob ihn jemand am nächsten Tag begleiten wolle. Er würde, so sagte er, einen Kameramann begleiten, der sich auf Kriegsaufnahmen spezialisiert hatte. Aber die Art und Weise, wie er das sagte, ließ die Anderen stutzig werden. Er fragte sie mit einem Lächeln und nicht wie jemand, der am nächsten Tag ein Schlachtfeld mit hunderten Toten aufsuchen würden.
Mowgli und Sarina entschieden sich schließlich ihn zu begleiten.
„Wir sind da“, sagte Alexander. „England, 1897.“
„Da war kein Krieg in England“, sagte Sarina.
„Nicht in England, nein. Aber es ist die Zeit des Türkisch-Griechischen Krieges.“
Sie stiegen aus der Zeitmaschine aus und Alexander führte sie eine Straße entlang, die zu einem kleinen Dorf führte. Sie durchquerten auch das Dorf, bis sie schließlich zu einem Schützengraben kamen. Soldaten saßen an seinem Rand, tranken Tee und plauderten ruhig miteinander. In einiger Entfernung waren weitere Befestigungsanlagen aufgestellt und mehrere Reiter exerzierten ihre Pferde.
„Was ist das hier für ein Krieg?“, fragte Mowgli. Dann sah er die Kameras und Scheinwerfer. „Das ist ein Filmset! Hier wird ein Film gedreht!“
„Eine Reportage“, sagte einer der Kameramänner. Er begrüßte Alexander, den er schon kannte und führte die drei dann auf dem Set herum.
„Sie stellen hier die Schlachten mit Schauspielern nach und zeigen sie dann als 'echte' Schlachten in den Nachrichten im Kino?“, fragte Sarina. Die Idee, dass Reporter so dreist falsche Tatsachen vorspielen würden, schien sie persönlich zu beleidigen.
„Natürlich“, sagte der Kameramann. „Viel sicherer hier als auf einem echten Schlachtfeld. Und das Licht ist auch besser.“ Er zündete sich eine Zigarre an. „Ich hatte einen Freund, hat in Mexiko Rebellen bei ihren Angriffen gefilmt. Er hatte echte Schwierigkeiten brauchbare Bilder zu schießen... musste die Rebellen schließlich dazu überreden, nur mehr bei gutem Licht, Sonnenlicht, anzugreifen. Zum Glück haben sie ihm den Gefallen getan. Villiers wird es im Moment wahrscheinlich ähnlich ergehen.“

Einen Nachteil hatte meine... Ausbildung natürlich“, sagte Herr Tuniak. „Ich lernte zwar alles, was ein professioneller Photograph wissen musste, aber ich bekam kein Zeugnis.“
Sie hatten nichts, was sie bei einer Bewerbung vorweisen konnten“, sagte ich. „Hätten sie die nicht wieder fälschen können?“
Das wäre eine Lösung gewesen, aber ich tat etwas anderes. Ich fragte O'Jack um Rat und er schlug vor, dass ich ein Portfolio mit meinen Photos zusammen stellte. Wenn ich wirklich gute Photos hatte, dann könnte ich mich damit bewerben und niemand würde nach meiner Ausbildung fragen.“
Was haben sie photographiert?“

Die Australische Speerblume!“ Alexander legte das Lexikon auf den Tisch und zeigte auf die Zeichnung. „Die will ich auch noch photographieren.“
Du warst noch nicht in der Londoner Kanalisation“, meinte Mowgli. „Vielleicht findest du dort Krokodile.“
Alexander ließ das Gelächter der Anderen über sich ergehen. Als Teil seines Portfolios hatte er die Pariser Kanalisation aufgesucht, um den äußerst seltenen Rattenkönig zu photographieren, den er einige Jahre zuvor zufällig gesehen hatte. Dann hatte er von Gerüchten gehört, dass Krokodile in der New Yorker Kanalisation lebten und drei Tage lang versucht, diese zu finden. Er hatte nicht die geringste Spur der Tiere gefunden und schließlich zugeben müssen, dass es sie nicht gab.
Sie blüht nur etwa alle zehn Jahre“, sagte Sarina, die den Eintrag im Lexikon schnell überflogen hatte. „Das wäre ein seltenes Photo.“
Und sie kann einen Buschbrand überstehen“, sagte Alexander. „Ich kann mir das Photo schon vorstellen. Komplett verbrannte Erde, überall Asche und in der Mitte die blühende Speerblume.“
Kann ich mitkommen?“, fragte Alice und Bill schloss sich ihm auch an.
Die nächsten Tage verbrachten sie in Australien und fanden heraus, wo sie Speerblumen finden konnten. In alten Zeitungsberichten lasen sie dann nach, wann es die letzten großen Buschfeuer gegeben hatte und konnten so mit großer Sicherheit einen Ort und ein Datum fixieren, zu dem sie ihr Photo machen konnten.
Das wird einzigartig, das verspreche ich euch“, sagte Alexander, als die Zeitmaschine an ihrem Ziel angekommen waren. „Wir werden die einzigen sein, die so ein Photo machen.“
Doch als Alexander ausstieg, sah er, dass die Speerblume nicht alleine war. Um sie herum standen rund ein Dutzend Doppelgänger von ihm selbst.
Was mache ich hier?“, fragte Alexander, aber seine Doppelgänger winkten ihm nur zu und grinsten.
Alice wiederholte die Frage und einer der Alexanders führte sie schließlich ein wenig zur Seite und erklärte ihr mit leiser Stimme: „Das erste Photo, das er – also ich - schieße, wird mir nicht gefallen und auch nach dem zweiten werde ich immer noch glauben, es besser zu können. Ich werde noch ein paar Mal herkommen, bis ich das perfekte Photo habe.“

Das Bild der Speerblume war auf der letzten Seite im Album. Es war wirklich perfekt.



NÄCHSTE WOCHE:
Once more upon the waters! Yet once more!

Sonntag, 15. April 2012

Jeder hat in tiefstem Dank derer zu gedenken, die Flammen in ihm entzündet haben.


- Albert Schweitzer

„In dem Ort, in dem die Villa Atterton stand, gab es ein Pub“, erzählte Herr Tuniak. „Es war am Ortsrand, direkt bei der Einfahrtstraße und hieß Little World. Wir gingen dort regelmäßig hin, alle zwei Wochen ungefähr.“
„Sie alle, die in der Villa wohnten?“, fragte ich.
„Nein, hauptsächlich Mowgli und ich“, sagte Herr Tuniak. „Sarina kam ein, zwei Mal mit, aber sie hatte ein anderes Stammlokal im Ort, das sie bevorzugte. Außerdem konnten wir sie nie davon überzeugen, dass es in der Little World das beste Bier auf der ganzen Welt gab.“

Bill war zu Besuch. Er spielte mit dem Gedanken die Insel Leviathan ebenfalls zu verlassen und in die Villa zu ziehen, aber er war sich noch nicht sicher. Er hatte deswegen gebeten zuerst einmal für eine Woche in die Villa ziehen zu dürfen, um zu sehen, wie es ihm dabei ging.
Bill war freudig von den Anderen empfangen worden. Er hatte seine Konzentrationsprobleme besser im Griff und konnte sich länger auf ein Thema konzentrieren als früher. Aber er verließ niemals alleine das Haus. Alexander vermutete, dass er besorgt war unterwegs zu vergessen, was er eigentlich hatte tun wollen, Mowgli meinte, dass Bill paranoid war und glaubte von Geheimdiensten verfolgt zu werden. Die Wahrheit lag irgendwo dazwischen.
Als Mowgli und Alexander deswegen eines Abends in das Pub Little World gehen wollten, bedurfte es einiges an Überredungskünsten, um Bill davon zu überzeugen mitzugehen.
Es war Mittwoch Abend und das Pub war nur mäßig gut besucht. Etwa die Hälfte der Tische war frei. Sie setzten sich an einen Tisch, wobei Mowgli flüsternd zu Alexander bemerkte, dass Bill sich so hingesetzt hatte, dass er eine Wand hinter sich hatte und die Eingangstür und die Küchentür gleichzeitig im Auge behalten konnte.
Der Besitzer des Pubs hatte sicherlich einen Nachnamen, wurde von allen im Ort aber nur Old Jack oder (wegen seiner irischen Wurzeln) O'Jack genannt. Er begrüßte die drei jungen Männer beim Eintreten mit einem scherzhaften: „Die Prinzen von Indien beehren mich wieder einmal. Und sie sind?“
„Bill“, sagte Mowgli, als Bill nicht antwortete. Er legte Bill eine Hand auf die Schulter und rüttelte ihn leicht, als ein Zeichen, dass er etwas sagen sollte.
„Ein... sehr schönes Lokal haben sie hier“, sagte Bill.
„Oh, Amerikaner“, erkannte O'Jack sofort. „Aus Florida?“
„Ja“, sagte Bill alarmiert. „Woher wissen sie das?“
„Ich habe ein Ohr für so etwas“, erklärte O'Jack. „Sie könnten mich Professor Higgins nennen.“
„Kann er wirklich am Dialekt erkennen, wo jemand herkommt?“, fragte Bill besorgt, nachdem O'Jack sie zu ihrem Tisch geführt und ihre Bestellung aufgenommen hatte.
„Ja“, sagte Alexander. „Er ist angeblich um die ganze Welt gereist, bevor er dieses Pub hier gekauft hat. Manchmal erzählt er Geschichten von seinen verrückten Abenteuern, aber du darfst ihm nur die Hälfte glauben, wenn überhaupt.“
„Aber das wirkliche Rätsel ist: Hat er ein Holzbein oder nicht?“, sagte Mowgli.
Als O'Jack mit ihren Getränken zurück kam, versuchten sie alle drei so unauffällig wie möglich auf seine Beine zu schauen. Er hielt das rechte Bein die ganze Zeit gestreckt, als könnte er sein Knie nicht abbiegen.

„Hat er wirklich an Paranoia gelitten?“, fragte ich. „Bill, meine ich.“
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Er hat uns ja nie gesagt, was er in seiner Kindheit erlebt hatte, aber in den letzten Jahren hat er einige Andeutungen gemacht... Ich kann verstehen, warum er solche Schwierigkeiten hatte, Leviathan zu verlassen. Er hatte Probleme fremden Menschen zu vertrauen.“
„Eine Großstadt wie London muss für ihn dann... ein Alptraum gewesen sein.“
„Auf alle Fälle“, sagte Herr Tuniak. „Und als er Leviathan verließ, hielt ich es für eines der mutigsten Dinge, die je ein Mensch gemacht hat. Und alles fing an jedem Abend im Pub an.“

„Warum heißt das Pub eigentlich Little World?“, fragte Bill.
„Wenn du dich umdrehen würdest, würdest du es sehen“, antwortete Mowgli.
„Die Photos auf der Wand?“, fragte Bill. „Die habe ich schon beim Hinsetzten gesehen.“
Aber nicht nur auf der Wand hinter ihm gingen Bilder. Auf jeder freien Stelle im Pub hingen Photos und auf den Tischplatten waren Landkarten eingraviert.
„O'Jack behauptet, dass er die Photos alle selbst gemacht hat“, erzählte Alexander.
„Behauptet? Glaubt ihr ihm nicht?“, fragte Bill.
„Wir haben ihn nie direkt gefragt“, gestand Mowgli. „Es wäre zu enttäuschend, wenn es nicht stimmen würde.“
Bill nickte. Dann trank er in einem Zug sein noch volles Bierglas leer und stand auf. Mowgli und Alexander sahen ihm überrascht nach, wie er zur Theke ging und mit O'Jack zu reden anfing. Sie konnten nicht hören, was er sagte, aber O'Jack brach plötzlich in schallendes Gelächter aus. Dann verschwand er für einen Moment durch die Küchentür. Als er zurück kam, hielt er einen Stapel Magazine in der Hand. Er begleitete Bill zurück an den Tisch und setzte sich auf einen freien Sessel.
„So, ihr Prinzen seid nicht sicher, ob ihr mir glauben sollt“, sagte O'Jack, immer noch lachend. „Alles ist wahr. Wirklich alles.“
„Auch der See mit kochendem Wasser, das sie direkt für Tee verwendet haben?“, fragte Mowgli und zeigte auf ein Photo. Es schien einen See bei sehr starkem Nebel zu zeigen, aber O'Jack bestand darauf, dass es heißer Dampf war, der vom See aufstieg.
„Wieso konnten sie um die Welt reisen?“, fragte Alexander. „Woher nahmen sie das Geld dafür?“
„Habe ich euch das nie erzählt? Ich war Photograph“, sagte O'Jack. „Ich wurde bezahlt für meine Reisen. Und hier ist der Beweis.“ Er breitete die Magazine auf dem Tisch aus die er mitgebracht hatte. Bei vielen der dort abgedruckten Photos war sein Name als Photograph angegeben.

„War sein Holzbein echt?“, fragte ich.
„Ja“, sagte Herr Tuniak. „Aber es war natürlich kein Holzbein, wie man es sich bei Piraten gerne vorstellt, sondern eine moderne Prothese. Für die damalige Zeit modern.“
„Hat er bei einer seiner Reisen sein Bein verloren? Musste er deswegen seinen Beruf aufgeben und hat sich stattdessen das Pub gekauft?“
„Nein, sein Bein verlor er bereits als junger Mann“, sagte Herr Tuniak. „O'Jack war am D-Day in der Normandie. Seine ganze Karriere als Photograph hatte er erst danach. Trotz seines fehlenden Beines.“

O'Jack hatte sein falsches linkes Bein abmontiert. Zur freudigen Überraschung von Alexander, Bill und Mowgli war es nicht nur eine einfache Prothese, sondern hatte sogar eine versteckte Klappe hinter der sich ein Geheimfach befand.
„Ideal zum Schmuggeln“, erklärte O'Jack.
„Was haben sie geschmuggelt?“, fragte Mowgli.
„Filmrollen“, sagte O'Jack. „Ich war einmal bei einer Gruppe, die Erlaubnis bekommen hatte bestimmte Orte in Nicaragua zu photographieren. Allerdings wollten wir auch Dinge photographieren, die uns nicht genehmigt worden waren und diese Filme musste ich dann hinaus schmuggeln.“ Er klopfte mit der Hand auf die Prothese. „Es ist auch ideal, wenn man ein paar Snacks bei sich haben will. Macht alle anderen nur neidisch.“ Er montierte die Prothese wieder an seinem Bein. „Man muss aber auch aufpassen. Ich habe einmal einen Vulkan photographiert, nachdem er ausgebrochen war. Wir machten Photos in der Nacht von der glühenden Lava – dort drüben hängen sie – und ich war so damit beschäftigt, dass mir nicht auffiel, wie meine Prothese hier zu schmelzen begann.“

„Er erzählte uns auch von einem gefährlichen Fluss in Yorkshire, wahrscheinlich weil er dachte, dass das eine der wenigen Orte war, die wir selbst auch besuchen konnten“, sagte Herr Tuniak.
„Ich dachte, er hielt sie für indische Prinzen?“, sagte ich.
„Nein, das war nur sein Spitzname für uns“, sagte Herr Tuniak. „Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten im Ort, glaubte er nicht, dass wir indische Adelige waren. Ihm war zum Beispiel aufgefallen, dass wir keine Diener oder andere Angestellten hatten. Und außerdem hatte er während seiner Reisen indische Adelige kennen gelernt und wusste, dass wir uns nicht so verhielten, wie diese.“

Sie standen am Rand des Flusses und sahen zu, wie das Wasser an ihnen vorbei floss. Mowgli und Alexander hatten Sarina und Alice überzeugen können, sie für ein Wochenende nach Yorkshire zu begleiten. Bill war wieder nach Leviathan zurück gekehrt, hatte sich aber fest vorgenommen in den nächsten Monaten ebenfalls in die Villa Atterton zu ziehen.
„Das ist euer großer, gefährlicher Fluss?“, fragte Alice.
„Keine hat was von groß gesagt“, antwortete Mowgli, aber auch in seiner Stimme war Enttäuschung zu hören. Der Wharfe war an dieser Stelle nur ungefähr zwei Meter breit. „Soll ich versuchen auf das andere Ufer zu springen?“
„Lieber nicht“, sagte Alexander. Er lag auf dem Bauch auf einem der Steine, die das Flussufer bildeten. „Es ist rutschig hier und du weiß, was O'Jack gesagt hat.“
Der ehemalige Photograph hatte ihnen erzählt, dass der Fluss, auch wenn er wie ein flacher Bach wirkte, an dieser Stelle mindestens zehn Meter tief war. Seine Strömung war so stark, dass jeder, der das Pech hatte hinein zu fallen, sofort unter Wasser gezogen wurde und ertrank. Viele Menschen hatte den Fluss schon unterschätzt, weswegen auch in regelmäßigen Abständen Warnschilder aufgestellt worden waren.
„Wir sollten O'Jack vertrauen. Wenn jemand, der so viel gesehen hat wie er, diesen Fluss als gefährlich bezeichnet, dann hat er sicher Recht“, sagte Sarina, die insgeheim hoffte, dass ihre zukünftige Karriere als Archäologin ihr ähnliche Reisen um die Welt ermöglichen würde.
„Ja, er ist nicht nur im Vorzimmer eines Professors gesessen“, sagte Alexander und stand auf. „Ich will auch Photograph werden.“

„Ich hatte das eigentlich nur so dahin gesagt, aber auf der Heimfahrt begann ich mich ernsthaft mit der Idee auseinander zu setzen“, sagte Herr Tuniak. „Und als wir wieder in die Villa Atterton zurück gekehrt waren, hatte ich mich entschieden. Ich kündigte meine Stelle auf der Universität und beschloss eine Ausbildung zum Photographen zu beginnen.“



NÄCHSTE WOCHE:
Une photographie, c'est un fragment de temps qui ne reviendra pas.

Sonntag, 8. April 2012

Machine. Unexpectedly I'd invented a time

(Zeitmaschine. Zufällig erfand ich eine) 
- Alan Moore

Heute funktionierte die Zeitmaschine wieder perfekt und Herr Tuniak nahm mich auch wieder zu einer Reise mit. Er sagte mir aber nicht, wohin es ging.
Als sich also die Türen der Zeitmaschine öffnete, hatte ich keine Ahnung, wo wir uns befanden. Es war warm, aber nicht erdrückend so. Ich sah einige Bäume und Sträucher, aber sie kamen mir nicht sonderlich fremd vor, als konnten wir uns nicht weit in der Vergangenheit befinden. Tiere sah ich leider keine. Aber ich hörte das Rauschen von großen, sich schnell bewegenden Wassermassen.
Wir verließen die Zeitmaschine und gingen in die Richtung des Geräusches. Was ich sah, kann ich nur als ein Mittelding zwischen einem gewaltigen Fluss und einem Wasserfall beschreiben. Es war eindeutig klar, dass das Wasser bergab floss, steiler als alle Flüsse oder Bäche, die ich bis jetzt gesehen habe, aber eben nicht steil genug, um wirklich ein Wasserfall zu sein. Auf beiden Seiten befanden sich riesige Seen, so groß, dass ich die gegenüberliegende Küsten nicht sehen konnte.
Vor uns befand sich außerdem eine etwa drei Meter Hohe Maschine, von der ein Kabel in den Fluss führte.
Haben sie das gebaut?“, fragte ich Herrn Tuniak.
Nein“, antwortete er. „Meine Mütter. Dazu kommen wir noch.“ Er deutete auf eine Bank, die sich neben der Maschine befand und wir setzten uns dort hin. „Wenn sie ein Paket von einem unbekannten Absender bekommen, was würden sie als erstes tun, um diesen Absender zu finden?“
Ich wusste sofort, dass es jetzt um die Suche nach der geheimnisvollen Frau ging, die die Formeln für die Zeitmaschine entwickelt hatte. „Das Paket, das ihr Professor bekommen hat, war mit der Post zugestellt worden?“, fragte ich.
Ja.“
Dann würde ich als erstes zum Postamt gehen“, sagte ich. „Dort könnte ich versuchen herauszufinden, wer oder zumindest von wo das Paket aufgegeben wurde.“
Herr Tuniak nickte zustimmend. „Das haben meine Mütter und ich auch als erstes getan. Wir fanden auch schnell heraus, von wo das Paket aufgegeben wurde, aber als wir die dortigen Postbeamten fragten, konnte sich keiner mehr genau erinnern, wer das Paket abgeliefert hatte. Sie waren sich nur einig, dass es sicher keine Stammkundin gewesen war.“
Eine Sackgasse.“
Ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Was würden sie weiter unternehmen?“
Mir fiel keine weitere gute Möglichkeit ein. „Vielleicht Leute in der Gegend fragen, ob sie sich an etwas erinnern können?“, sagte ich mit wenig Überzeugung. „Oder vielleicht die Zettel alle durchlesen und hoffen, dort auf weitere Hinweise zu stoßen.“
Ganz genau“, sagte Herr Tuniak. „Und damit hatten wir auch Glück. Wir fanden mehrere Zetteln mit Briefkopf einer Universität in Paris und Datum. Das Datum lag allerdings bereits einige Jahre zurück. Sie wissen ja: Zu dem Zeitpunkt lebte ich Mitte der 70er und die Zetteln kamen aus den 60ern.“
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für sie ein Problem gewesen ist.“

Es herrschte das totale Chaos in den Straßen. Die Studentendemonstration war in Gewalt ausgeartet und es kam immer wieder zu Konfrontationen mit der Polizei.
Alexander hatte sich in die Kanalisation zurück gezogen. Mit einem Funkgerät im Ohr stand er mit seinen Müttern in Kontakt, die in einem anderen Teil der Stadt waren. Sie hatten die Universität zu dem Datum aufgesucht, dass auf den Zetteln gestanden hatte, aber es hatte sie dann weitere drei Tage gekostet, um aus der Masse der Studenten, diejenigen zu finden, die als Verfasser infrage kamen. Leider war gleichzeitig auch die Hölle auf den Pariser Straßen ausgebrochen, was ihre Arbeit erschwerte. Aber sie mussten bleiben, denn das war der einzige Zeitpunkt, zu dem sie sicher wussten, wo sich die Verfasserin befand.
„Wo bin ich gerade?“, fragte Alexander. Er hatte kurz nach Betreten der Kanalisation die Orientierung vollständig verloren.
„Geh einfach weiter gerade aus“, antwortete ihm Miriam, die in der Zeitmaschine sein Funkgerät orten konnte.
Alexander folgte ihrer Angabe. Immer wieder passierte er Kanaldeckel und konnte hören, wie über ihm der Kampf tobte.
„Ah“, schrie er plötzlich auf.
„Was ist passiert?“, fragte Miriam besorgt.
„Nur eine Ratte“, antwortete Alexander und sah ihr verwundert nach. „Oder zehn Ratten, die am Schwanz zusammen gewachsen sind, ich bin mir nicht sicher.“
Er ging einige Meter weiter und erschrak dann noch einmal.
„Was ist jetzt?“, fragte Miriam sofort wieder.
„Nur... ich selbst“, antwortete Alexander. Er stand sich selbst gegenüber. Der andere Alexander wirkte nicht viel älter als er selbst und hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt.
„Wo ist der Rattenkönig hin?“, fragte der Zukünftige-Alexander.
„Dort den Gang entlang“, sagte Alexander.
„Danke“, sagte sein Gegenüber. „Du bist gleich da. Bei der nächsten Gabelung rechts und dann bist du bei ihrem Wohnblock.“ Dann lief er weiter.

Wir hatten zwei Namen von der Universität bekommen und wir suchten deshalb beide Frauen auf“, erklärte Herr Tuniak. „Es stellte sich dann schnell heraus, wer von den beiden die Gesuchte Physik-Studentin war.“
Können sie mir sagen, wie sie hieß?“
Natürlich. Juliette Balloq.“
Und sie hatte wirklich die Ansätze für eine Theorie für Alles entwickelt?“, fragte ich. „Warum kennt sie niemand?“
Als wir sie fanden, hatte sie bereits alles entdeckt, was meine Mütter wussten“, erzählte Herr Tuniak. „Die ganzen Berechnungen, die sie in der Zukunft gefunden hatte, hatte sie bereits aufgeschrieben. Aber dann hat sie plötzlich aufgehört.“
Warum?“

Es hatte eine kurze Diskussion zwischen Miriam, Helena und Alexander gegeben, ob sie Juliette verraten sollten, wer sie waren. Aber die Entscheidung war schließlich einstimmig gefallen. Juliette hatte ein Recht darauf zu erfahren, was ihre Arbeit bewirkt hatte.
Sie hatten Paris verlassen und waren mit der Zeitmaschine in den Orient des sechzehnten Jahrhunderts gereist. Juliette hatte sich den Ort und die Zeit gewünscht, weil ihre Vorfahren aus der Gegend kamen. Sie saßen am Rand einer Handelsstraße, auf der immer wieder kleinere Gruppen von Menschen und Händler mit ihren Kamelen vorbei kamen. Sie saßen im Schatten und Palmen schützten sie vor neugierigen Blicken.
„Wir haben nie weitere Schriften von ihnen gefunden“, sagte Miriam. „Wir haben überhaupt nichts von ihnen gefunden. Warum haben sie ihre Arbeit nicht fortgesetzt?“
„Sie kennen doch die Welt, zu meiner Zeit und wahrscheinlich wird es zu ihrer nicht viel anders sein“, antwortete Juliette. „Sie wissen doch, was Einstein mit seinen Formeln bewirkt hat. Er hat, ohne es zu wollen, die Atombombe erschaffen und jetzt droht unserer Welt jeden Augenblick die Vernichtung.“
„Ich kann ihnen versichern, die Welt wird in den nächsten dreihundert Jahren nicht untergehen“, sagte Helena.
„Dreihundert Jahre? Und danach?“, fragte Juliette.
„Wir waren nie weiter in der Zukunft“, gestand Helena. Alexander sah sie überrascht an. Das war auch eine Neuigkeit für ihn.
„Oder denken sie an Oppenheimer“, sagte Juliette. „Ich weiß, was meine Theorien und Formeln besagen. Ich weiß, wie ich sie fortführen könnte. Aber ich weiß auch, was für ein zerstörerisches Potential in ihnen steckt. Ich könnte nicht damit leben, zu wissen, was ich auch die Welt losgelassen habe.“
Helena nickte verständnisvoll. Sie hatte ähnliche Bedenken gehabt, als sie die Zeitmaschine mit Miriam gebaut hatte und es war einer der Gründe gewesen, warum sie ihre Entdeckung geheim gehalten hatten.
Sie verbrachten noch einige Tage im Orient bevor sie wieder nach Paris zurück kehrten. Alexander und seine Mütter fiel diese Entscheidung schwer, denn sie wussten, dass Juliette keine weiteren Spuren hinterlassen würde und sie fürchteten sich davor, was das bedeutete.

Sie haben über ihr restliches Leben nie etwas gefunden. Heißt das, dass sie während der Studenten-Proteste gestorben ist?“, fragte ich.
Herr Tuniak schmunzelte ein wenig. „Sie sollten ihre Fragen erst stellen, wenn ich am Ende angel...“ Aber er stoppte, denn in diesem Moment erschien eine weitere Zeitmaschine neben seiner. Ich erwartete, dass seine Mütter gekommen waren, aber stattdessen stieg nur eine einzelne Frau aus. Sie war ungefähr vierzig und hatte dunkles, gewelltes Haar.
Wer ist...?“, begann ich zu fragen.
Das ist Juliette Belloq“, antwortete Herr Tuniak.

Sie landeten die Zeitmaschine in einem Feld etwas außerhalb von Paris. Sie verabschiedeten sich von Juliette und sahen ihr nach, als sie ging. Doch sie war gerade erst hundert Meter gegangen, als plötzlich eine weitere Zeitmaschine vor ihr erschien und ein alter Mann ausstieg.

Sie waren der alte Mann, nicht?“, fragte ich Herrn Tuniak.
Ich werde es sein“, korrigierte er mich. „Wenn ich einmal die Zeitmaschine nicht mehr brauche, werde ich sie ihr übergeben.“
Und darum war sie auch so schwer zu finden“, erkannte ich. „Sie existierte danach praktisch nicht mehr.“
Außer hier“, sagte Juliette mit einem starken französischen Akzent.
Wieso?“, fragte ich. „Was ist hier?“
Juliette und Herr Tuniak führten mich auf die andere Seite der Maschine, wo sich fünf Metallboxen befanden. In jeder Box befand sich ein dicker Buch mit rotem Ledereinband, sowie eine Feder und Tinte. „Hier tragen wir ein, wo wir zu finden sind“, erklärte sie und öffnete eines der Bücher. Die Seiten waren voll mit Ortsangaben und jeweils einem Datum daneben. Juliette fügte einen weiteren Eintrag hinzu.
Dieser Ort hier ist unser Fixpunkt“, erklärte Herr Tuniak. „Man braucht als Zeitreisender einen Fixpunkt, sonst ist es praktisch unmöglich andere Zeitreisende zu finden.“
Und warum gerade hier?“
Weil hier sonst niemand unsere Bücher lesen kann“, erklärte Juliette und legte ihr Buch wieder zurück in die Box.
Und außerdem: Haben sie sich nie gefragt, woher die Zeitmaschine ihre Energie nimmt?“, fragte Herr Tuniak. „Sie braucht zwar erstaunlich wenig Energie, aber sie braucht sie trotzdem.“
Ein kleiner Atomreaktor?“, fragte ich. „Kernfusion?“
Nein, einfache Wasserkraft“, sagte Herr Tuniak. „Der Fluss, den sie dort sehen, ist kein Fluss. Wir sind bei Gibraltar und das dort ist der Atlantische Ozean, der gerade eine Salzwüste überschwemmt und das Mittelmeer bildet. Zwei Jahre wird er dafür brauchen und meine Mütter haben deswegen hier die Ladestation für die Zeitmaschine gebaut. Selbst bei komplett leerer Batterie muss sie nur für ein paar Stunden hier stehen, dann ist sie wieder aufgeladen.“ Seine Zeitmaschine gab einen kurzen Ton von sich, als würde sie ihm zustimmen. „Ah, sie ist fertig. Kommen sie, wir können wieder zurück reisen.“



NÄCHSTE WOCHE:
Jeder hat in tiefstem Dank derer zu gedenken, die Flammen in ihm entzündet haben.