Sonntag, 29. April 2012

Once more upon the waters! Yet once more!


(Noch einmal zur See! Noch einmal!)
- Lord Byron "Childe Harold's Pilgrimage"

Während der letzten Wochen, als Herr Tuniak über seine Zeit auf der Insel Leviathan und in der Villa Atterton erzählte, habe ich ihn mehrmals gefragt, zu welcher Zeit dieses oder jenes Ereignis stattgefunden hat. Seine Antworten waren meistens vage, wie zum Beispiel „Ende der 60er“ oder „Mitte des 19. Jahrhunderts“.
Können sie sich genau erinnern, wann sie etwas in ihrer Jugend getan haben?“, fragte er mich.
Ich protestierte, dass meine Jugend noch lange nicht vorbei sei, aber er hatte Recht. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, dann kann ich auch nur ungefähre Angaben machen, wann etwas passiert ist.
Und sie sind noch keine hundert Jahre alt“, sagte Herr Tuniak. „Außerdem haben sie den Vorteil, dass für sie die Jahre linear vergangen sind. Das trifft bei mir auch nicht zu.“
Wenn er sich also an ein genaues Datum erinnerte, dann hatte das meistens mit äußeren Umständen zu tun.
Ich weiß zum Beispiel ganz genau, wann ich meinen ersten Auftrag als Photograph bekommen habe“, sagte er heute. „Es war 1978. Der Grund, warum ich das so genau weiß, ist, dass es das Jahr war, in dem Thor Heyerdahl zu seiner Tigris-Expedition aufgebrochen ist.“
Ich war überrascht. Ich hatte gedacht, dass er seine Ausbildung zum Photographen bereits Mitte der 1970er abgeschlossen hätte.
Das hatte ich damals auch erwartet“, sagte Herr Tuniak. „Aber tatsächlich habe ich länger gebraucht, als wenn ich nur einen Kurs besucht hätte. Ich habe schließlich nicht nur Zeit für meine Ausbildung gebraucht. Ich musste nachher auch noch mein Portfolio zusammenstellen und das hat auch mindestens sechs Monate gedauert.“
Er wollte auch genau so schnell altern wie seine Freunde. Deswegen war er, wenn er etwa zwei Tage in der Vergangenheit war, erst zwei Tage nach seiner Abreise wieder in die Gegenwart zurück gekehrt.
Fast immer, zumindest“, fügte er dann noch hinzu. „Ich habe ein wenig geschummelt.“

Ich habe Thor Heyerdahl nie persönlich getroffen, aber er hatte trotzdem einen großen Einfluss auf mein Leben“, erzählte Herr Tuniak. „Als ich nämlich endlich mein Portfolio fertig hatte, setzte sich O'Jack mit mehreren Magazinen in Verbindung und verschaffte mir Vorstellungsgespräche. Diese verliefen nicht sonderlich gut.“
Trotz ihrer Photos?“, fragte ich.
Wahrscheinlich sogar wegen ihnen“, sagte Herr Tuniak. „Ich habe bei der Zusammenstellung ein wenig übertrieben. Ich bin mir sicher, die meisten Verleger glaubten mir nicht, wenn ich sagte, dass ich die Bilder alle selbst geschossen hatte.“
Warum nicht?“
Weil es ihnen unmöglich schien, dass ich so viele seltene Motive gefunden haben sollte“, sagte Herr Tuniak. „Und ohne die Zeitmaschine wäre es ja auch praktisch unmöglich gewesen. Ich hätte zumindest sehr viel mehr Zeit dafür gebraucht.“
Und sie wollten nicht als Freelancer arbeiten?“
Nein, weil ich wollte nicht einen großen Teil meiner Zeit damit verbringen, meine Photos verschiedenen Herausgebern anzubieten und diese zu überzeugen, dass sie sie mir abkaufen sollten“, sagte Herr Tuniak. „Aber zu meinem Glück beschloss Heyerdahl 1978 die Tigris zu bauen. Eine Zeitschrift wollte aus diesem Grund eine Photoserie über ungewöhnliche Schiffe veröffentlichen. In der ersten Ausgabe ging es um Heyerdahls Reisen, in der zweiten um die Geschichte der U-Boote.“

Und was ist das?“, fragte der Verleger.
Das erste steuerbare U-Boot, gebaut um 1620 von Cornelis Drebbel in London“, sagte Alexander. „Kennen sie es nicht?“
Der Verleger sah von den fünf auf seinem Schreibtisch liegenden Photos auf und zu dem jungen Mann.
Eine Rekonstruktion dieses Bootes, natürlich“, fügte Alexander schnell hinzu. „Aber wie sie sehen können, kann es schwimmen. Es wurde im Mississippi getestet.“ Das war natürlich gelogen. Er war in die Vergangenheit gereist und hatte dort Hunderte Bilder des U-Bootes geschossen, aber nur die wenigstens konnte er verwenden. Auf den meisten konnte man die riesige Menschenmenge sehen, die sich am Ufer der Themse versammelt hatte, um die Fahrt des Bootes zu beobachten. Alexander war besonders stolz auf die Bilder, die zeigten, wie König James I. das Boot bestieg und nach einer Fahrt von einigen Minuten wieder verließ. Aber dieser Bilder konnte er unmöglich dem Verleger zeigen, ohne zu erklären, woher er sie hatte.
Mhm“, machte der Verleger. Er schien nicht überzeugt zu sein. Alexander hatte ihm erzählt, dass er einen amerikanischen Multi-Millionär besucht hatte, der als Hobby alte Schiffstypen nachbauen ließ. „Was haben sie sonst noch?“
Noch eine Rekonstruktion“, log Alexander und legte sieben weitere Bilder auf den Schreibtisch. „Das ist die Nautilus von Robert Fulton, gebaut um 1800.“
Die Nautilus?“, fragte der Verleger zweifelnd.
Wussten sie, dass Jules Verne hat ihm zu Ehren das Boot von Kapitän Nemo so genannt hat“, erklärte Alexander. Es war ihm nicht gelungen Bilder von der Nautilus im Wasser zu schießen und so hatte er das Ein-Mann-Boot nur heimlich in der Werkstätte photographieren können.
Die Nautilus-Bilder kaufe ich ihnen ab“, sagte der Verleger schließlich. „Und ich habe auch einen Auftrag für sie, wenn sie einen haben wollen.“

Wissen sie, warum er ihnen nicht alle Bilder abgekauft hat?“, fragte ich.
Ich glaube, er hielt sie für Fälschungen“, sagte Herr Tuniak. „Er wird schon von der Nautilus gehört haben, aber nicht von Cornelius Drebbel. Wahrscheinlich hat er gedacht, ich wollte ihm eine Lügengeschichte verkaufen. Zumindest ließ sein Auftrag darauf schließen.“
Was war der Auftrag?“
Ich sollte Schiffe in der Arktis photographieren“, sagte Herr Tuniak. „Schiffe, die angeblich nur aus Eis gebaut worden waren. Der Verleger glaubte seinen Quellen offenbar nicht und wollte deswegen einen Photographen schicken, den er entbehren konnte. Da kam ich gerade richtig. Und außerdem war ich auch viel billiger, als seine anderen Angestellten.“

Es war eisig kalt. Alexander stand am Deck des Eisbrechers in einen dicken Mantel gekleidet. Er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen und den Schal bis zur Nase hinauf um seinen Kopf gewickelt. Er trug eine Schutzbrille, weil er sonst in dem wilden Schneetreiben nichts hätte sehen können. Außedem hatte er dicke Stiefel und Handschuhe an. Und er fror immer noch.
Sind wir da?“, fragte er die ebenso vermummte Gestalt, die neben ihm stand. Aber es war unmöglich jemanden hier draußen zu verstehen. Der andere Mann, Thomas Fielding, deutete auf seine Ohren und schüttelte den Kopf. Sie blieben noch einige Minuten auf dem Deck, bevor sie wieder in den geheizten Innenraum des Schiffes zurück kehrten. Doch trotz der Heizung ließen sie auch hier ihre Jacken an.
Wenn morgen der Sturm nachlässt, werden wir sie sehen“, versprach Fielding.
Der Rest der Besatzung, Alexander inklusive, war weniger davon überzeugt.
Sie sind komplett aus Eis gebaut“, erzählte Fielding. „Churchill hat sie gebaut, er wollte damit... Nein, das erzähle ich lieber nicht. Die Schiffe sind so stabil, als wären sie aus Stahl und das dritte, was gebaut hätte werden sollen, wäre so groß gewesen, dass Flugzeuge darauf hätten landen können.“ Fielding behauptete Zugang zu geheimen Dokumenten der britischen Regierung erlangt zu haben, aber auch diese Behauptung konnte er nicht beweisen.
Doch am nächsten Tag änderte sich alles. Als Alexander an Deck kam, war die gesamte restliche Besatzung des Eisbrechers dort bereits versammelt. Niemand schien auf seinem Posten geblieben zu sein. Und Alexander sah auch sofort warum: Nicht weit vor dem Eisbrecher befand sich eine riesige Eiswand, mindestens vierzig Meter hoch. Und davor schwammen zwei weiße Schiffe. Schiffe, komplett aus Eis und Schnee gebaut, als hätten die Kinder von Riesen genug von Schneemänner gehabt und sich stattdessen anderen Formen zugewandt hatten. Beide Schiffe waren teilweise mit der Eiswand verschmolzen, aber es gab trotzdem keinen Zweifel daran, dass es sich hier nicht um ein natürliches Phänomen handeln konnte. Das waren keine zufällig geformten Eisberge. Alexander war so fasziniert, dass er fast auf seinen Photoapparat vergaß.

Wir kletterten sogar in eines der Schiffe hinein“, erzählte Herr Tuniak. „Die Gänge im Inneren waren größtenteils eingestürzt, die Schiffe waren seit mindestens zwanzig Jahren verlassen gewesen.“
Und woher kamen sie wirklich?“, fragte ich.
Wahrscheinlich hat sie wirklich Churchill in Auftrag gegeben“, sagte Herr Tuniak. „Es ist bekannt, dass er mit dem Gedanken an solche Schiffe gespielt hat, er wollte damit für einen Krieg gegen die Sowjetunion gerüstet sein, aber man dachte für lange Zeit, dass sie nie aus der Planungsphase heraus kamen. Und seine Nachfolger haben das Projekt ganz sicher nicht weiter verfolgt.“
Und dieser Thomas Fielding hatte wirklich Zugang zu geheimen Dokumenten?“, fragte ich.
Es scheint so, ja“, sagte Herr Tuniak. „Fielding war... nun, ich werde ihnen sicherlich noch ein anderes Mal von ihm erzählen. Heute muss ich ihnen noch von unserer Heimreise erzählen.“

Es hatte einen starken Sturm gegeben und sie waren vom Kurs abgekommen. Der Kapitän hatte einige Zeit gebraucht, um ihre neuen Koordinaten zu bestimmen und einen Kurs zu ihrem Heimathafen zu finden. Doch sie hatten gerade erst wieder Fahrt aufgenommen, als eine Sirene an Bord ertönte.
Was ist das?“, fragte Fielding. Er und Alexander teilten sich eine Kabine und sie beide stürmten hinaus.
Ein Warnsignal“, sagte Alexander. „Es muss etwas passiert sein.“
Sie gelangten an Deck.
Was ist passiert?“, fragte Alexander einen vorbei laufenden Matrosen.
Schiff ist gekentert“, antwortete dieser in gebrochenem Englisch.
Aber nicht wir, oder?“, fragte Fielding, aber der Matrose war schon wieder weiter gelaufen.
Nein, die dort!“, sagte Alexander und deutete mit ausgestreckter Hand auf das Schiff. Es war ein seltsamer Anblick. Das Heck des Schiffes ragte senkrecht aus dem Wasser, als würde es in der Erde stecken. Als sie näher kamen, konnten sie die Mannschaft von dem anderen Schiff sehen. Aber diese schien von ihrer Notlage nicht sonderlich berührt zu sein.
Alexander wartete gespannt, was als nächstes passieren würde, als der Kapitän schließlich Entwarnung gab. Ein Boot wurde zu Wasser gelassen und Alexander wurde erlaubt, den Kapitän und zwei seiner Offiziere zu dem anderen Schiff zu begleiten.
Willkommen an Bord der RP Flip“, begrüßte sie der andere Kapitän.
Was ist mit ihrem Schiff passiert?“, fragte Alexander.
Gar nichts“, sagte der Kapitän der Flip. „Wir sind ein Forschungsschiff, unterwegs im Auftrag der Gemini Foundation.“
Ihr Schiff ist in Ordnung?“, fragte der Kapitän des Eisbrechers ungläubig.
Aber ja“, versicherte der Kapitän der Flip. „Wir kippen die Flip nur, um besser Messungen unter der Wasseroberfläche durchführen zu können. Ich muss sie übrigens bitten, so bald wie möglich weiter zu fahren. Unsere Instrumente sind sehr empfindlich und der Lärm ihrer Maschinen stört sie.“

Die Flip war ein Schiff, das absichtlich versenkt wurde?“, fragte ich.
Versenkt ist das falsche Wort“, sagte Herr Tuniak. „Sie wurde praktisch auf den Kopf gestellt. Stellen sie sich ein Schiff um neunzig Grad gedreht vor. Der Boden wird dabei zur Wand, eine Wand zum Boden, eine andere zur Decke und die Decke wird auch zu einer Wand.“
Und so schwimmt sie dann?“
Sehr gut sogar, da nur etwa ein Sechstel des Schiffes über Wasser bleibt. Sind die Untersuchungen abgeschlossen, wird Luft in den unter Wasser liegenden Teil gepumpt und das Schiff wieder aufgerichtet.“
Und wer war die Gemini Foundation?“
Oh, Gemini sind...“ Er stoppte und warf einen Blick auf seine Uhr. „Es ist heute schon spät, aber wir können Gemini, einen Teil davon, nächste Woche besuchen. Was halten sie davon?“



NÄCHSTE WOCHE:
La mer n'est que le véhicule d'une surnaturelle et prodigieuse existence; elle n'est que mouvement et amour. c'est l'infini vivant, comme l'a dit un de vos poètes.

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