Sonntag, 8. April 2012

Machine. Unexpectedly I'd invented a time

(Zeitmaschine. Zufällig erfand ich eine) 
- Alan Moore

Heute funktionierte die Zeitmaschine wieder perfekt und Herr Tuniak nahm mich auch wieder zu einer Reise mit. Er sagte mir aber nicht, wohin es ging.
Als sich also die Türen der Zeitmaschine öffnete, hatte ich keine Ahnung, wo wir uns befanden. Es war warm, aber nicht erdrückend so. Ich sah einige Bäume und Sträucher, aber sie kamen mir nicht sonderlich fremd vor, als konnten wir uns nicht weit in der Vergangenheit befinden. Tiere sah ich leider keine. Aber ich hörte das Rauschen von großen, sich schnell bewegenden Wassermassen.
Wir verließen die Zeitmaschine und gingen in die Richtung des Geräusches. Was ich sah, kann ich nur als ein Mittelding zwischen einem gewaltigen Fluss und einem Wasserfall beschreiben. Es war eindeutig klar, dass das Wasser bergab floss, steiler als alle Flüsse oder Bäche, die ich bis jetzt gesehen habe, aber eben nicht steil genug, um wirklich ein Wasserfall zu sein. Auf beiden Seiten befanden sich riesige Seen, so groß, dass ich die gegenüberliegende Küsten nicht sehen konnte.
Vor uns befand sich außerdem eine etwa drei Meter Hohe Maschine, von der ein Kabel in den Fluss führte.
Haben sie das gebaut?“, fragte ich Herrn Tuniak.
Nein“, antwortete er. „Meine Mütter. Dazu kommen wir noch.“ Er deutete auf eine Bank, die sich neben der Maschine befand und wir setzten uns dort hin. „Wenn sie ein Paket von einem unbekannten Absender bekommen, was würden sie als erstes tun, um diesen Absender zu finden?“
Ich wusste sofort, dass es jetzt um die Suche nach der geheimnisvollen Frau ging, die die Formeln für die Zeitmaschine entwickelt hatte. „Das Paket, das ihr Professor bekommen hat, war mit der Post zugestellt worden?“, fragte ich.
Ja.“
Dann würde ich als erstes zum Postamt gehen“, sagte ich. „Dort könnte ich versuchen herauszufinden, wer oder zumindest von wo das Paket aufgegeben wurde.“
Herr Tuniak nickte zustimmend. „Das haben meine Mütter und ich auch als erstes getan. Wir fanden auch schnell heraus, von wo das Paket aufgegeben wurde, aber als wir die dortigen Postbeamten fragten, konnte sich keiner mehr genau erinnern, wer das Paket abgeliefert hatte. Sie waren sich nur einig, dass es sicher keine Stammkundin gewesen war.“
Eine Sackgasse.“
Ja“, bestätigte Herr Tuniak. „Was würden sie weiter unternehmen?“
Mir fiel keine weitere gute Möglichkeit ein. „Vielleicht Leute in der Gegend fragen, ob sie sich an etwas erinnern können?“, sagte ich mit wenig Überzeugung. „Oder vielleicht die Zettel alle durchlesen und hoffen, dort auf weitere Hinweise zu stoßen.“
Ganz genau“, sagte Herr Tuniak. „Und damit hatten wir auch Glück. Wir fanden mehrere Zetteln mit Briefkopf einer Universität in Paris und Datum. Das Datum lag allerdings bereits einige Jahre zurück. Sie wissen ja: Zu dem Zeitpunkt lebte ich Mitte der 70er und die Zetteln kamen aus den 60ern.“
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für sie ein Problem gewesen ist.“

Es herrschte das totale Chaos in den Straßen. Die Studentendemonstration war in Gewalt ausgeartet und es kam immer wieder zu Konfrontationen mit der Polizei.
Alexander hatte sich in die Kanalisation zurück gezogen. Mit einem Funkgerät im Ohr stand er mit seinen Müttern in Kontakt, die in einem anderen Teil der Stadt waren. Sie hatten die Universität zu dem Datum aufgesucht, dass auf den Zetteln gestanden hatte, aber es hatte sie dann weitere drei Tage gekostet, um aus der Masse der Studenten, diejenigen zu finden, die als Verfasser infrage kamen. Leider war gleichzeitig auch die Hölle auf den Pariser Straßen ausgebrochen, was ihre Arbeit erschwerte. Aber sie mussten bleiben, denn das war der einzige Zeitpunkt, zu dem sie sicher wussten, wo sich die Verfasserin befand.
„Wo bin ich gerade?“, fragte Alexander. Er hatte kurz nach Betreten der Kanalisation die Orientierung vollständig verloren.
„Geh einfach weiter gerade aus“, antwortete ihm Miriam, die in der Zeitmaschine sein Funkgerät orten konnte.
Alexander folgte ihrer Angabe. Immer wieder passierte er Kanaldeckel und konnte hören, wie über ihm der Kampf tobte.
„Ah“, schrie er plötzlich auf.
„Was ist passiert?“, fragte Miriam besorgt.
„Nur eine Ratte“, antwortete Alexander und sah ihr verwundert nach. „Oder zehn Ratten, die am Schwanz zusammen gewachsen sind, ich bin mir nicht sicher.“
Er ging einige Meter weiter und erschrak dann noch einmal.
„Was ist jetzt?“, fragte Miriam sofort wieder.
„Nur... ich selbst“, antwortete Alexander. Er stand sich selbst gegenüber. Der andere Alexander wirkte nicht viel älter als er selbst und hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt.
„Wo ist der Rattenkönig hin?“, fragte der Zukünftige-Alexander.
„Dort den Gang entlang“, sagte Alexander.
„Danke“, sagte sein Gegenüber. „Du bist gleich da. Bei der nächsten Gabelung rechts und dann bist du bei ihrem Wohnblock.“ Dann lief er weiter.

Wir hatten zwei Namen von der Universität bekommen und wir suchten deshalb beide Frauen auf“, erklärte Herr Tuniak. „Es stellte sich dann schnell heraus, wer von den beiden die Gesuchte Physik-Studentin war.“
Können sie mir sagen, wie sie hieß?“
Natürlich. Juliette Balloq.“
Und sie hatte wirklich die Ansätze für eine Theorie für Alles entwickelt?“, fragte ich. „Warum kennt sie niemand?“
Als wir sie fanden, hatte sie bereits alles entdeckt, was meine Mütter wussten“, erzählte Herr Tuniak. „Die ganzen Berechnungen, die sie in der Zukunft gefunden hatte, hatte sie bereits aufgeschrieben. Aber dann hat sie plötzlich aufgehört.“
Warum?“

Es hatte eine kurze Diskussion zwischen Miriam, Helena und Alexander gegeben, ob sie Juliette verraten sollten, wer sie waren. Aber die Entscheidung war schließlich einstimmig gefallen. Juliette hatte ein Recht darauf zu erfahren, was ihre Arbeit bewirkt hatte.
Sie hatten Paris verlassen und waren mit der Zeitmaschine in den Orient des sechzehnten Jahrhunderts gereist. Juliette hatte sich den Ort und die Zeit gewünscht, weil ihre Vorfahren aus der Gegend kamen. Sie saßen am Rand einer Handelsstraße, auf der immer wieder kleinere Gruppen von Menschen und Händler mit ihren Kamelen vorbei kamen. Sie saßen im Schatten und Palmen schützten sie vor neugierigen Blicken.
„Wir haben nie weitere Schriften von ihnen gefunden“, sagte Miriam. „Wir haben überhaupt nichts von ihnen gefunden. Warum haben sie ihre Arbeit nicht fortgesetzt?“
„Sie kennen doch die Welt, zu meiner Zeit und wahrscheinlich wird es zu ihrer nicht viel anders sein“, antwortete Juliette. „Sie wissen doch, was Einstein mit seinen Formeln bewirkt hat. Er hat, ohne es zu wollen, die Atombombe erschaffen und jetzt droht unserer Welt jeden Augenblick die Vernichtung.“
„Ich kann ihnen versichern, die Welt wird in den nächsten dreihundert Jahren nicht untergehen“, sagte Helena.
„Dreihundert Jahre? Und danach?“, fragte Juliette.
„Wir waren nie weiter in der Zukunft“, gestand Helena. Alexander sah sie überrascht an. Das war auch eine Neuigkeit für ihn.
„Oder denken sie an Oppenheimer“, sagte Juliette. „Ich weiß, was meine Theorien und Formeln besagen. Ich weiß, wie ich sie fortführen könnte. Aber ich weiß auch, was für ein zerstörerisches Potential in ihnen steckt. Ich könnte nicht damit leben, zu wissen, was ich auch die Welt losgelassen habe.“
Helena nickte verständnisvoll. Sie hatte ähnliche Bedenken gehabt, als sie die Zeitmaschine mit Miriam gebaut hatte und es war einer der Gründe gewesen, warum sie ihre Entdeckung geheim gehalten hatten.
Sie verbrachten noch einige Tage im Orient bevor sie wieder nach Paris zurück kehrten. Alexander und seine Mütter fiel diese Entscheidung schwer, denn sie wussten, dass Juliette keine weiteren Spuren hinterlassen würde und sie fürchteten sich davor, was das bedeutete.

Sie haben über ihr restliches Leben nie etwas gefunden. Heißt das, dass sie während der Studenten-Proteste gestorben ist?“, fragte ich.
Herr Tuniak schmunzelte ein wenig. „Sie sollten ihre Fragen erst stellen, wenn ich am Ende angel...“ Aber er stoppte, denn in diesem Moment erschien eine weitere Zeitmaschine neben seiner. Ich erwartete, dass seine Mütter gekommen waren, aber stattdessen stieg nur eine einzelne Frau aus. Sie war ungefähr vierzig und hatte dunkles, gewelltes Haar.
Wer ist...?“, begann ich zu fragen.
Das ist Juliette Belloq“, antwortete Herr Tuniak.

Sie landeten die Zeitmaschine in einem Feld etwas außerhalb von Paris. Sie verabschiedeten sich von Juliette und sahen ihr nach, als sie ging. Doch sie war gerade erst hundert Meter gegangen, als plötzlich eine weitere Zeitmaschine vor ihr erschien und ein alter Mann ausstieg.

Sie waren der alte Mann, nicht?“, fragte ich Herrn Tuniak.
Ich werde es sein“, korrigierte er mich. „Wenn ich einmal die Zeitmaschine nicht mehr brauche, werde ich sie ihr übergeben.“
Und darum war sie auch so schwer zu finden“, erkannte ich. „Sie existierte danach praktisch nicht mehr.“
Außer hier“, sagte Juliette mit einem starken französischen Akzent.
Wieso?“, fragte ich. „Was ist hier?“
Juliette und Herr Tuniak führten mich auf die andere Seite der Maschine, wo sich fünf Metallboxen befanden. In jeder Box befand sich ein dicker Buch mit rotem Ledereinband, sowie eine Feder und Tinte. „Hier tragen wir ein, wo wir zu finden sind“, erklärte sie und öffnete eines der Bücher. Die Seiten waren voll mit Ortsangaben und jeweils einem Datum daneben. Juliette fügte einen weiteren Eintrag hinzu.
Dieser Ort hier ist unser Fixpunkt“, erklärte Herr Tuniak. „Man braucht als Zeitreisender einen Fixpunkt, sonst ist es praktisch unmöglich andere Zeitreisende zu finden.“
Und warum gerade hier?“
Weil hier sonst niemand unsere Bücher lesen kann“, erklärte Juliette und legte ihr Buch wieder zurück in die Box.
Und außerdem: Haben sie sich nie gefragt, woher die Zeitmaschine ihre Energie nimmt?“, fragte Herr Tuniak. „Sie braucht zwar erstaunlich wenig Energie, aber sie braucht sie trotzdem.“
Ein kleiner Atomreaktor?“, fragte ich. „Kernfusion?“
Nein, einfache Wasserkraft“, sagte Herr Tuniak. „Der Fluss, den sie dort sehen, ist kein Fluss. Wir sind bei Gibraltar und das dort ist der Atlantische Ozean, der gerade eine Salzwüste überschwemmt und das Mittelmeer bildet. Zwei Jahre wird er dafür brauchen und meine Mütter haben deswegen hier die Ladestation für die Zeitmaschine gebaut. Selbst bei komplett leerer Batterie muss sie nur für ein paar Stunden hier stehen, dann ist sie wieder aufgeladen.“ Seine Zeitmaschine gab einen kurzen Ton von sich, als würde sie ihm zustimmen. „Ah, sie ist fertig. Kommen sie, wir können wieder zurück reisen.“



NÄCHSTE WOCHE:
Jeder hat in tiefstem Dank derer zu gedenken, die Flammen in ihm entzündet haben.

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