Sonntag, 22. April 2012

Une photographie, c'est un fragment de temps qui ne reviendra pas.


(Ein Photo ist ein Abbild einer Zeit, die nicht wieder kommen wird.)
- Martine Franck


„Da O'Jack der einzige Photograph war, den ich kannte, wollte ich natürlich von ihm alles über Photographie lernen“, erzählte Herr Tuniak. „O'Jack war auch gerne bereit zu helfen, aber er hatte natürlich nicht unbegrenzt Zeit. Er empfahl mir aber einige Schulen und Kurse, die mir eine gute Ausbildung bieten würden.“
„Und die haben sie dann besucht?“, fragte ich.

Alexander kam nach Hause und warf seinen Rucksack auf den Boden. Dieser schlitterte fast bis in den Kamin, wo Mowgli gerade ein Feuer anzündete.
„Möchtest du, dass ich den gleich mitverbrenne?“, fragte Mowgli.
„Ich nehme an, sie haben dich auf der Schule nicht genommen“, sagte Sarina, die ebenfalls im Wohnzimmer war und auf der Couch eine Zeitung las.
„Doch haben sie“, sagte Alexander, aber er war offensichtlich nicht glücklich über diese Nachricht.
„Warum dann das lange Gesicht?“, fragte Mowgli.
„Weiß du, wie lange so eine Ausbildung dauert?“, fragte Alexander. „Da könnte ich ja gleich wieder zurück auf die Uni gehen. Wie soll man lernen zu photographieren, wenn man die ganze Zeit in einem Zimmer sitzt und auf eine Tafel starrt.“
„Ich bezweifle, dass der Unterricht so ablaufen wird“, meinte Sarina. „Wenn du nicht lernen willst, dann such dir am besten einen Beruf für den du keine Ausbildung brauchst.“
„Ich habe nichts gegen lernen“, protestierte Alexander. „Ich mag nur nicht die Art und Weise, wie unterrichtet wird.“
„Unterrichten sie in der Zukunft anders?“, fragte Mowgli.
„Keine Ahnung“, sagte Alexander. „Aber ab Beginn des 21. Jahrhunderts verwenden fast alle nur mehr Digitalkameras, also was bringt mir der Unterricht dort? Oh!“
„Was?“, fragte Mowgli.
„Ich könnte in die Vergangenheit reisen und dort die ersten Photographen besuchen“, sagte Alexander. „Ich lerne dort alle ihre Techniken, an den Prinzipien wird sich bis heute ja nicht all zu viel geändert haben. Und die Verbesserungen kann ich sicher schnell nachlernen. Ohne eine jahrelange Ausbildung. Sarina!“
„Ich weiß, ich weiß“, seufzte Sarina. „Ich soll dir in der Uni-Bibliothek helfen, alles über die Pioniere der Photographie herauszufinden. Übermorgen, ok?“

„Damals bin ich auf eine Lern-Methode gestoßen, die ich für den Rest meines Lebens beibehalten habe“, erzählte Herr Tuniak.
„Sie reisen zu den Anfängen des Berufs, der sie interessiert und lernen alles von Grund auf?“, fragte ich.
„Nicht nur Berufe“, sagte Herr Tuniak. „Als ich später, viel später, Auto fahren lernte, habe ich es genau so gemacht. Trotz sich verändernder Technologien haben sich die Prinzipien hinter den meisten Dingen wenig verändert.“
„Das heißt, sie haben sich immer das Basis-Wissen in der Vergangenheit angeeignet?“, fragte ich.
„Genau. Es war auch oft sehr hilfreich. Um noch kurz beim Auto fahren zu bleiben: Die meisten kleinen Pannen, die ich hatte, konnte ich selbst reparieren.“
„Und in welche Zeit sind sie gereist, um Photograph zu werden?“
„Nun, die ersten Photos wurden um 1830 in Frankreich geschossen, also war das mein erstes Ziel“, sagte Herr Tuniak. „Ich blieb allerdings nicht lange dort. Der damalige Prozess für die Bildentwicklung war dann doch zu unterschiedlich. Erst zwanzig Jahre später war dann die Technik ähnlich der damaligen.“
„Mit 'damalig' meinen sie die 70er Jahre, oder?“, vergewisserte ich mich.
„Genau“, sagte Herr Tuniak. Er legte ein Photoalbum auf den Tisch und öffnete es. „Wollen sie einige meiner ersten Bilder sehen?“ Er öffnete das Album. Gleich auf der ersten Seite war ein Photo von ihm, als er ungefähr 25 Jahre alt war. Es war ein bisschen kleiner als eine Spielkarte und darunter stand der Name 'Alexander Khanna'. „Das war der Name, den ich damals verwendete“, erklärte Herr Tuniak. „Ich gab mich als indischer Adeliger aus und das war meine carte de visite. Als Adeliger konnte ich verschiedene Entwickler fördern, ohne, dass es Aufsehen erregte.“
„Woher nahmen sie das Geld?“
„Ich bin Zeitreisender, es war einfach. Und ich hatte die Hilfe der Spinne und Philip gehörte immer schon zu den reichsten Menschen der Welt.“ Er lachte kurz. „Wobei keiner der Erfinder je gefragt hat, woher ich mein Geld nahm. Die meisten waren froh über die finanzielle Unterstützung und als Gegenleistung durfte ich ihre Erfindungen testen.
„Heißt das, dass die moderne Photographie ist ihnen zu verdanken?“, fragte ich.
„Ja, ein wenig, aber das realisierte ich erst später“, sagte Herr Tuniak. Für einen kurzen Moment glaubte ich einen Anflug von Bedauern und Schuld in seinem Gesicht zu sehen. Dann blätterte er im Album weiter. Zu jedem Bild hatte er eine Geschichte zu erzählen.

„Was ist das?“, fragte Alice, als Alexander aus der Zeitmaschine kam. In seinen Händen hielt er etwas, dass sie auf den ersten Blick für ein Gewehr gehalten hatte. Aber der Lauf war zu kurz dafür und außerdem befand sich eine große Trommel am hinteren Ende des Laufs.
„Das hat mir mein guter Freund Jules geborgt“, sagte Alexander mit einem Lächeln. „Zumindest hätte er es mir sicher geborgt, wenn ich ihn gefragt hätte.“
„Du hast es gestohlen?“, fragte Alice.
„Ich habe dafür bezahlt... mehr oder weniger“, sagte Alexander. „Und außerdem werde ich es wieder zurück bringen.“ Er deutete auf die Zeitmaschine hinter sich. „Er wird nicht einmal merken, dass es weg gewesen ist.“
„Und was ist es?“
„Ein fusil photographique“, sagte Alexander. „Ein Photogewehr.“
Gemeinsam gingen sie in die Villa zurück, wo sie auf Mowgli stießen.
„Gehst du auf die Jagd?“, fragte Mowgli und verzog dabei das Gesicht.
„Keine Sorge, das Gewehr hier schießt nur Photos“, erklärte Alexander. „Zwölf Bilder in der Sekunde! Wo sind deine Hunde, ich möchte es testen?“

Er blätterte um.

Einige Tage später kehrte Alexander von seiner Reise wieder mit einer neuen Kamera zurück. Diese sah aus als hätte man zwei Kameras miteinander verschmolzen.
„Wo warst du diesmal?“, fragte Bill beim gemeinsamen Abendessen.
„1902 oder 1903, glaube ich“, sagte Alexander.
„Und was ist das für eine Kamera?“
„Eine 3D-Kamera“, erklärte Alexander. „Sie schießt zwei Bilder gleichzeitig aus leicht unterschiedlichen Winkeln und damit kann man nachher ein 3D-Bild entwickeln.“
„So wie der Film der vor einiger Zeit im Kino war?“, fragte Mowgli. „Der Frankenstein-Film?“
„Oh, der war entsetzlich“, sagte Alice. Sie schüttelte sich. „Das sind 90 Minuten meines Lebens, die ich gerne vergessen würde.“

Er blätterte um.

Alexander hatte beim Abendessen gefragt, ob ihn jemand am nächsten Tag begleiten wolle. Er würde, so sagte er, einen Kameramann begleiten, der sich auf Kriegsaufnahmen spezialisiert hatte. Aber die Art und Weise, wie er das sagte, ließ die Anderen stutzig werden. Er fragte sie mit einem Lächeln und nicht wie jemand, der am nächsten Tag ein Schlachtfeld mit hunderten Toten aufsuchen würden.
Mowgli und Sarina entschieden sich schließlich ihn zu begleiten.
„Wir sind da“, sagte Alexander. „England, 1897.“
„Da war kein Krieg in England“, sagte Sarina.
„Nicht in England, nein. Aber es ist die Zeit des Türkisch-Griechischen Krieges.“
Sie stiegen aus der Zeitmaschine aus und Alexander führte sie eine Straße entlang, die zu einem kleinen Dorf führte. Sie durchquerten auch das Dorf, bis sie schließlich zu einem Schützengraben kamen. Soldaten saßen an seinem Rand, tranken Tee und plauderten ruhig miteinander. In einiger Entfernung waren weitere Befestigungsanlagen aufgestellt und mehrere Reiter exerzierten ihre Pferde.
„Was ist das hier für ein Krieg?“, fragte Mowgli. Dann sah er die Kameras und Scheinwerfer. „Das ist ein Filmset! Hier wird ein Film gedreht!“
„Eine Reportage“, sagte einer der Kameramänner. Er begrüßte Alexander, den er schon kannte und führte die drei dann auf dem Set herum.
„Sie stellen hier die Schlachten mit Schauspielern nach und zeigen sie dann als 'echte' Schlachten in den Nachrichten im Kino?“, fragte Sarina. Die Idee, dass Reporter so dreist falsche Tatsachen vorspielen würden, schien sie persönlich zu beleidigen.
„Natürlich“, sagte der Kameramann. „Viel sicherer hier als auf einem echten Schlachtfeld. Und das Licht ist auch besser.“ Er zündete sich eine Zigarre an. „Ich hatte einen Freund, hat in Mexiko Rebellen bei ihren Angriffen gefilmt. Er hatte echte Schwierigkeiten brauchbare Bilder zu schießen... musste die Rebellen schließlich dazu überreden, nur mehr bei gutem Licht, Sonnenlicht, anzugreifen. Zum Glück haben sie ihm den Gefallen getan. Villiers wird es im Moment wahrscheinlich ähnlich ergehen.“

Einen Nachteil hatte meine... Ausbildung natürlich“, sagte Herr Tuniak. „Ich lernte zwar alles, was ein professioneller Photograph wissen musste, aber ich bekam kein Zeugnis.“
Sie hatten nichts, was sie bei einer Bewerbung vorweisen konnten“, sagte ich. „Hätten sie die nicht wieder fälschen können?“
Das wäre eine Lösung gewesen, aber ich tat etwas anderes. Ich fragte O'Jack um Rat und er schlug vor, dass ich ein Portfolio mit meinen Photos zusammen stellte. Wenn ich wirklich gute Photos hatte, dann könnte ich mich damit bewerben und niemand würde nach meiner Ausbildung fragen.“
Was haben sie photographiert?“

Die Australische Speerblume!“ Alexander legte das Lexikon auf den Tisch und zeigte auf die Zeichnung. „Die will ich auch noch photographieren.“
Du warst noch nicht in der Londoner Kanalisation“, meinte Mowgli. „Vielleicht findest du dort Krokodile.“
Alexander ließ das Gelächter der Anderen über sich ergehen. Als Teil seines Portfolios hatte er die Pariser Kanalisation aufgesucht, um den äußerst seltenen Rattenkönig zu photographieren, den er einige Jahre zuvor zufällig gesehen hatte. Dann hatte er von Gerüchten gehört, dass Krokodile in der New Yorker Kanalisation lebten und drei Tage lang versucht, diese zu finden. Er hatte nicht die geringste Spur der Tiere gefunden und schließlich zugeben müssen, dass es sie nicht gab.
Sie blüht nur etwa alle zehn Jahre“, sagte Sarina, die den Eintrag im Lexikon schnell überflogen hatte. „Das wäre ein seltenes Photo.“
Und sie kann einen Buschbrand überstehen“, sagte Alexander. „Ich kann mir das Photo schon vorstellen. Komplett verbrannte Erde, überall Asche und in der Mitte die blühende Speerblume.“
Kann ich mitkommen?“, fragte Alice und Bill schloss sich ihm auch an.
Die nächsten Tage verbrachten sie in Australien und fanden heraus, wo sie Speerblumen finden konnten. In alten Zeitungsberichten lasen sie dann nach, wann es die letzten großen Buschfeuer gegeben hatte und konnten so mit großer Sicherheit einen Ort und ein Datum fixieren, zu dem sie ihr Photo machen konnten.
Das wird einzigartig, das verspreche ich euch“, sagte Alexander, als die Zeitmaschine an ihrem Ziel angekommen waren. „Wir werden die einzigen sein, die so ein Photo machen.“
Doch als Alexander ausstieg, sah er, dass die Speerblume nicht alleine war. Um sie herum standen rund ein Dutzend Doppelgänger von ihm selbst.
Was mache ich hier?“, fragte Alexander, aber seine Doppelgänger winkten ihm nur zu und grinsten.
Alice wiederholte die Frage und einer der Alexanders führte sie schließlich ein wenig zur Seite und erklärte ihr mit leiser Stimme: „Das erste Photo, das er – also ich - schieße, wird mir nicht gefallen und auch nach dem zweiten werde ich immer noch glauben, es besser zu können. Ich werde noch ein paar Mal herkommen, bis ich das perfekte Photo habe.“

Das Bild der Speerblume war auf der letzten Seite im Album. Es war wirklich perfekt.



NÄCHSTE WOCHE:
Once more upon the waters! Yet once more!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen