(Ein
Photo ist ein Abbild einer Zeit, die nicht wieder kommen wird.)
- Martine
Franck
„Da O'Jack der einzige
Photograph war, den ich kannte, wollte ich natürlich von ihm alles
über Photographie lernen“, erzählte Herr Tuniak. „O'Jack war
auch gerne bereit zu helfen, aber er hatte natürlich nicht
unbegrenzt Zeit. Er empfahl mir aber einige Schulen und Kurse, die
mir eine gute Ausbildung bieten würden.“
„Und die haben sie dann
besucht?“, fragte ich.
Alexander kam nach Hause
und warf seinen Rucksack auf den Boden. Dieser schlitterte fast bis
in den Kamin, wo Mowgli gerade ein Feuer anzündete.
„Möchtest du, dass ich
den gleich mitverbrenne?“, fragte Mowgli.
„Ich nehme an, sie
haben dich auf der Schule nicht genommen“, sagte Sarina, die
ebenfalls im Wohnzimmer war und auf der Couch eine Zeitung las.
„Doch haben sie“,
sagte Alexander, aber er war offensichtlich nicht glücklich über
diese Nachricht.
„Warum dann das lange
Gesicht?“, fragte Mowgli.
„Weiß du, wie lange so
eine Ausbildung dauert?“, fragte Alexander. „Da könnte ich ja
gleich wieder zurück auf die Uni gehen. Wie soll man lernen zu
photographieren, wenn man die ganze Zeit in einem Zimmer sitzt und
auf eine Tafel starrt.“
„Ich bezweifle, dass
der Unterricht so ablaufen wird“, meinte Sarina. „Wenn du nicht
lernen willst, dann such dir am besten einen Beruf für den du keine
Ausbildung brauchst.“
„Ich habe nichts gegen
lernen“, protestierte Alexander. „Ich mag nur nicht die Art und
Weise, wie unterrichtet wird.“
„Unterrichten sie in
der Zukunft anders?“, fragte Mowgli.
„Keine Ahnung“, sagte
Alexander. „Aber ab Beginn des 21. Jahrhunderts verwenden fast alle
nur mehr Digitalkameras, also was bringt mir der Unterricht dort?
Oh!“
„Was?“, fragte
Mowgli.
„Ich könnte in die
Vergangenheit reisen und dort die ersten Photographen besuchen“,
sagte Alexander. „Ich lerne dort alle ihre Techniken, an den
Prinzipien wird sich bis heute ja nicht all zu viel geändert haben.
Und die Verbesserungen kann ich sicher schnell nachlernen. Ohne eine
jahrelange Ausbildung. Sarina!“
„Ich weiß, ich weiß“,
seufzte Sarina. „Ich soll dir in der Uni-Bibliothek helfen, alles
über die Pioniere der Photographie herauszufinden. Übermorgen, ok?“
„Damals bin ich auf
eine Lern-Methode gestoßen, die ich für den Rest meines Lebens
beibehalten habe“, erzählte Herr Tuniak.
„Sie reisen zu den
Anfängen des Berufs, der sie interessiert und lernen alles von Grund
auf?“, fragte ich.
„Nicht nur Berufe“,
sagte Herr Tuniak. „Als ich später, viel später, Auto fahren
lernte, habe ich es genau so gemacht. Trotz sich verändernder
Technologien haben sich die Prinzipien hinter den meisten Dingen
wenig verändert.“
„Das heißt, sie haben
sich immer das Basis-Wissen in der Vergangenheit angeeignet?“,
fragte ich.
„Genau. Es war auch oft
sehr hilfreich. Um noch kurz beim Auto fahren zu bleiben: Die meisten
kleinen Pannen, die ich hatte, konnte ich selbst reparieren.“
„Und in welche Zeit
sind sie gereist, um Photograph zu werden?“
„Nun, die ersten Photos
wurden um 1830 in Frankreich geschossen, also war das mein erstes
Ziel“, sagte Herr Tuniak. „Ich blieb allerdings nicht lange dort.
Der damalige Prozess für die Bildentwicklung war dann doch zu
unterschiedlich. Erst zwanzig Jahre später war dann die Technik
ähnlich der damaligen.“
„Mit 'damalig' meinen
sie die 70er Jahre, oder?“, vergewisserte ich mich.
„Genau“, sagte Herr
Tuniak. Er legte ein Photoalbum auf den Tisch und öffnete es.
„Wollen sie einige meiner ersten Bilder sehen?“ Er öffnete das
Album. Gleich auf der ersten Seite war ein Photo von ihm, als er
ungefähr 25 Jahre alt war. Es war ein bisschen kleiner als eine
Spielkarte und darunter stand der Name 'Alexander Khanna'. „Das war
der Name, den ich damals verwendete“, erklärte Herr Tuniak. „Ich
gab mich als indischer Adeliger aus und das war meine carte de
visite. Als Adeliger
konnte ich verschiedene Entwickler fördern, ohne, dass es Aufsehen
erregte.“
„Woher nahmen sie das
Geld?“
„Ich bin Zeitreisender,
es war einfach. Und ich hatte die Hilfe der Spinne und Philip gehörte
immer schon zu den reichsten Menschen der Welt.“ Er lachte kurz.
„Wobei keiner der Erfinder je gefragt hat, woher ich mein Geld
nahm. Die meisten waren froh über die finanzielle Unterstützung und
als Gegenleistung durfte ich ihre Erfindungen testen.
„Heißt das, dass die
moderne Photographie ist ihnen zu verdanken?“, fragte ich.
„Ja, ein wenig, aber
das realisierte ich erst später“, sagte Herr Tuniak. Für einen
kurzen Moment glaubte ich einen Anflug von Bedauern und Schuld in
seinem Gesicht zu sehen. Dann blätterte er im Album weiter. Zu jedem
Bild hatte er eine Geschichte zu erzählen.
„Was ist das?“,
fragte Alice, als Alexander aus der Zeitmaschine kam. In seinen
Händen hielt er etwas, dass sie auf den ersten Blick für ein Gewehr
gehalten hatte. Aber der Lauf war zu kurz dafür und außerdem befand
sich eine große Trommel am hinteren Ende des Laufs.
„Das hat mir mein guter
Freund Jules geborgt“, sagte Alexander mit einem Lächeln.
„Zumindest hätte er es mir sicher geborgt, wenn ich ihn gefragt
hätte.“
„Du hast es
gestohlen?“, fragte Alice.
„Ich habe dafür
bezahlt... mehr oder weniger“, sagte Alexander. „Und außerdem
werde ich es wieder zurück bringen.“ Er deutete auf die
Zeitmaschine hinter sich. „Er wird nicht einmal merken, dass es weg
gewesen ist.“
„Und was ist es?“
„Ein fusil
photographique“, sagte Alexander. „Ein Photogewehr.“
Gemeinsam gingen sie in
die Villa zurück, wo sie auf Mowgli stießen.
„Gehst du auf die
Jagd?“, fragte Mowgli und verzog dabei das Gesicht.
„Keine Sorge, das
Gewehr hier schießt nur Photos“, erklärte Alexander. „Zwölf
Bilder in der Sekunde! Wo sind deine Hunde, ich möchte es testen?“
Er blätterte um.
Einige Tage später
kehrte Alexander von seiner Reise wieder mit einer neuen Kamera
zurück. Diese sah aus als hätte man zwei Kameras miteinander
verschmolzen.
„Wo warst du diesmal?“,
fragte Bill beim gemeinsamen Abendessen.
„1902 oder 1903, glaube
ich“, sagte Alexander.
„Und was ist das für
eine Kamera?“
„Eine 3D-Kamera“,
erklärte Alexander. „Sie schießt zwei Bilder gleichzeitig aus
leicht unterschiedlichen Winkeln und damit kann man nachher ein
3D-Bild entwickeln.“
„So wie der Film der
vor einiger Zeit im Kino war?“, fragte Mowgli. „Der
Frankenstein-Film?“
„Oh, der war
entsetzlich“, sagte Alice. Sie schüttelte sich. „Das sind 90
Minuten meines Lebens, die ich gerne vergessen würde.“
Er blätterte um.
Alexander hatte beim
Abendessen gefragt, ob ihn jemand am nächsten Tag begleiten wolle.
Er würde, so sagte er, einen Kameramann begleiten, der sich auf
Kriegsaufnahmen spezialisiert hatte. Aber die Art und Weise, wie er
das sagte, ließ die Anderen stutzig werden. Er fragte sie mit einem
Lächeln und nicht wie jemand, der am nächsten Tag ein Schlachtfeld
mit hunderten Toten aufsuchen würden.
Mowgli und Sarina
entschieden sich schließlich ihn zu begleiten.
„Wir sind da“, sagte
Alexander. „England, 1897.“
„Da war kein Krieg in
England“, sagte Sarina.
„Nicht in England,
nein. Aber es ist die Zeit des Türkisch-Griechischen Krieges.“
Sie stiegen aus der
Zeitmaschine aus und Alexander führte sie eine Straße entlang, die
zu einem kleinen Dorf führte. Sie durchquerten auch das Dorf, bis
sie schließlich zu einem Schützengraben kamen. Soldaten saßen an
seinem Rand, tranken Tee und plauderten ruhig miteinander. In einiger
Entfernung waren weitere Befestigungsanlagen aufgestellt und mehrere
Reiter exerzierten ihre Pferde.
„Was ist das hier für
ein Krieg?“, fragte Mowgli. Dann sah er die Kameras und
Scheinwerfer. „Das ist ein Filmset! Hier wird ein Film gedreht!“
„Eine Reportage“,
sagte einer der Kameramänner. Er begrüßte Alexander, den er schon
kannte und führte die drei dann auf dem Set herum.
„Sie stellen hier die
Schlachten mit Schauspielern nach und zeigen sie dann als 'echte'
Schlachten in den Nachrichten im Kino?“, fragte Sarina. Die Idee,
dass Reporter so dreist falsche Tatsachen vorspielen würden, schien
sie persönlich zu beleidigen.
„Natürlich“, sagte
der Kameramann. „Viel sicherer hier als auf einem echten
Schlachtfeld. Und das Licht ist auch besser.“ Er zündete sich eine
Zigarre an. „Ich hatte einen Freund, hat in Mexiko Rebellen bei
ihren Angriffen gefilmt. Er hatte echte Schwierigkeiten brauchbare
Bilder zu schießen... musste die Rebellen schließlich dazu
überreden, nur mehr bei gutem Licht, Sonnenlicht, anzugreifen. Zum
Glück haben sie ihm den Gefallen getan. Villiers wird es im Moment
wahrscheinlich ähnlich ergehen.“
„Einen
Nachteil hatte meine... Ausbildung natürlich“, sagte Herr Tuniak.
„Ich lernte zwar alles, was ein professioneller Photograph wissen
musste, aber ich bekam kein Zeugnis.“
„Sie
hatten nichts, was sie bei einer Bewerbung vorweisen konnten“,
sagte ich. „Hätten sie die nicht wieder fälschen können?“
„Das
wäre eine Lösung gewesen, aber ich tat etwas anderes. Ich fragte
O'Jack um Rat und er schlug vor, dass ich ein Portfolio mit meinen
Photos zusammen stellte. Wenn ich wirklich gute Photos hatte, dann
könnte ich mich damit bewerben und niemand würde nach meiner
Ausbildung fragen.“
„Was
haben sie photographiert?“
„Die
Australische Speerblume!“ Alexander legte das Lexikon auf den Tisch
und zeigte auf die Zeichnung. „Die will ich auch noch
photographieren.“
„Du
warst noch nicht in der Londoner Kanalisation“, meinte Mowgli.
„Vielleicht findest du dort Krokodile.“
Alexander
ließ das Gelächter der Anderen über sich ergehen. Als Teil seines
Portfolios hatte er die Pariser Kanalisation aufgesucht, um den
äußerst seltenen Rattenkönig zu photographieren, den er einige
Jahre zuvor zufällig gesehen hatte. Dann hatte er von Gerüchten
gehört, dass Krokodile in der New Yorker Kanalisation lebten und
drei Tage lang versucht, diese zu finden. Er hatte nicht die
geringste Spur der Tiere gefunden und schließlich zugeben müssen,
dass es sie nicht gab.
„Sie
blüht nur etwa alle zehn Jahre“, sagte Sarina, die den Eintrag im
Lexikon schnell überflogen hatte. „Das wäre ein seltenes Photo.“
„Und
sie kann einen Buschbrand überstehen“, sagte Alexander. „Ich
kann mir das Photo schon vorstellen. Komplett verbrannte Erde,
überall Asche und in der Mitte die blühende Speerblume.“
„Kann
ich mitkommen?“, fragte Alice und Bill schloss sich ihm auch an.
Die
nächsten Tage verbrachten sie in Australien und fanden heraus, wo
sie Speerblumen finden konnten. In alten Zeitungsberichten lasen sie
dann nach, wann es die letzten großen Buschfeuer gegeben hatte und
konnten so mit großer Sicherheit einen Ort und ein Datum fixieren,
zu dem sie ihr Photo machen konnten.
„Das
wird einzigartig, das verspreche ich euch“, sagte Alexander, als
die Zeitmaschine an ihrem Ziel angekommen waren. „Wir werden die
einzigen sein, die so ein Photo machen.“
Doch
als Alexander ausstieg, sah er, dass die Speerblume nicht alleine
war. Um sie herum standen rund ein Dutzend Doppelgänger von ihm
selbst.
„Was
mache ich hier?“, fragte Alexander, aber seine Doppelgänger winkten ihm nur zu und grinsten.
Alice
wiederholte die Frage und einer der Alexanders führte sie
schließlich ein wenig zur Seite und erklärte ihr mit leiser Stimme:
„Das erste Photo, das er – also ich - schieße, wird mir nicht
gefallen und auch nach dem zweiten werde ich immer noch glauben, es
besser zu können. Ich werde noch ein paar Mal herkommen, bis ich das
perfekte Photo habe.“
Das
Bild der Speerblume war auf der letzten Seite im Album. Es war
wirklich perfekt.
NÄCHSTE WOCHE:
Once
more upon the waters! Yet once more!
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