Sonntag, 29. Juli 2012

There's more to this world than just people, you know.


(Es gibt mehr als nur Menschen auf dieser Welt, weißt du.)
- Hobbes
“Calvin & Hobbes”


„Als Zweiten wollte ich Mowgli besuchen“, erzählte Herr Tuniak. „Juan hatte mir auf Leviathan seine genaue Adresse gegeben... Eigentlich hatte er mir die Koordinaten gegeben, wo ich Mowgli finden konnte.“
„Warum die Koordinaten?“, fragte ich.
„Weil Mowgli zwar nach Indien gezogen war, aber nicht in eine Stadt“, erklärte Herr Tuniak. „Er hatte sich ein Grundstück am Meer gekauft, dass...“ Er stoppte in seiner Erzählung und ich sah, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. „Wissen sie, es wäre eigentlich einfacher, wenn ich es ihnen zeige. Haben sie Lust auf einen Ausflug?“

Wir reisten also mit der Zeitmaschine nach Indien. Als wir dort an einem Strand landeten, konnte ich sehen, wie die Sonne knapp über dem Horizont stand.f
„Ist das der Sonnenaufgang oder der Sonnenuntergang?“, fragte ich.
„Sonnenaufgang“, sagte Herr Tuniak. „Ich bin ein paar Stunden in die Vergangenheit gereist, sonst wäre hier schon Abend gewesen.“
Es gab einen Steg, ausschließlich gebaut aus großen Steinen, von dem ein gepflasterter Weg in den Wald führte, der den Strand eingrenzte. Während wir darauf zugingen, musste ich daran denken, dass ich gleichzeitig in Europa in meinem Bett lag und schlief. Ein seltsamer Gedanke, aber sicherlich einer, der für Herrn Tuniak ganz selbstverständlich sein musste.
Wir hatten den Weg noch nicht erreicht, als plötzlich zwei Tiere aus dem Dickicht hervor kamen. Ich blieb abrupt stehen und mein Herz begann schneller zu schlagen. Zwei große Raubkatzen starrten mich an. Ich wusste nicht, ob es sich dabei um Tiger oder Löwen handelte, aber in diesem Moment war es mir auch egal. Ich spürte, wie meine Hände feucht wurden und meine Knie zu zittern begannen. Die beiden Tiere waren nicht angekettet und auch sonst schien es nichts zu geben, dass verhindern könnte, dass sie sich auf uns stürzten.
Herr Tuniak ging mit ruhigen Schritten weiter.

Alexander landete die Zeitmaschine auf einem Strand. Er stieg aus und wurde von dem Schreien von Möwen begrüßt. Er sah den einfachen Holzsteg, den ihm Juan beschrieben hatte, und den Trampelpfad, der von dem Steg in den Wald führte. Mit schnellen Schritten ging er darauf zu.
Er war aber noch nicht weit gekommen, als ein Tier ihm den Weg versperrte. Alexander blieb erschrocken stehen. Das Tier war eindeutig eine Raubkatze, aber was für eine konnte Alexander nicht sagen. Ihr Fell war gestreift, wie das eines Tigers, aber sie hatte auch eine dünne Mähne, ähnlich die eines Löwens. Die Raubkatze erwiderte seinen Blick und für einen Moment rührte sich keiner der beiden. Dann drehte sich Alexander blitzschnell um und rannte so schnell er konnte zurück zur Zeitmaschine. Er sah nicht zurück und wusste deswegen nicht, ob ihm die Raubkatze folgte.
Zurück in der Zeitmaschine (und sicher hinter ihrer geschlossenen Tür) schaltete er die Bildschirme und Kameras ein, um zu sehen, was die Raubkatze tat. Das Tier trottete langsam zum Steg hinunter, als würde es auf ein Schiff warten. Als das Schiff aber nicht kam, wandte sie sich der Zeitmaschine zu. Der weiße Block war etwas, was sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Raubkatze schnüffelte an den Ecken und am Boden vor der Zeitmaschine. Dann schüttelte sie sich und legte sich direkt vor der Zeitmaschine auf den Strand.
„Das ist aber nicht ihr Ernst“, murmelte Alexander. Er setzte sich an den Hauptcomputer und aktivierte die Zeitmaschine. Er wollte eine Stunde in die Zukunft reisen, in der Hoffnung, dass die Raubkatze dann weiter gegangen wäre, aber er zögerte. Woher konnte er wissen, dass sie ihn nicht in dem Wald überraschen würde? Gleichzeitig wollte er aber auch nicht näher an Mowglis Haus landen, weil er nicht wusste, wer sonst noch aller dort sein und seine Ankunft beobachten könnte.
So beschloss er zu warten.
Es verging eine halbe Stunde, bis jemand über den Pfad aus dem Wald kam. Es war Mowgli selbst. Als er die Zeitmaschine und die davor liegende Raubkatze sah, brach er in schallendes Gelächter aus.

„Bleiben sie ganz ruhig, die beiden sind nicht gefährlich“, sagte Herr Tuniak zu mir. Er streckte seine Hände aus und die beiden Raubkatzen begannen sie, wie normale Hauskatzen, abzulecken. Dann kamen sie zu mir und der Blick, den mit dem sie mich ansahen, war wie der eines kleinen Kindes, das von einem Gast ein Geschenk erwartete.
„Sie können sie ruhig streicheln“, sagte Herr Tuniak.
„Was sind das für Tiere?“, fragte ich. Ich streckte vorsichtig meine Hand aus, zog sie aber sofort wieder zurück, als einer der Raubkatzen daran schnüffelte.
„Das sind zwei Liger“, erklärte Herr Tuniak. „Ihr Vater war ein Löwe, ihre Mutter ein Tiger. Und keine Sorge: Die beiden sind Vegetarier.“
Wir gingen den Weg durch den Wald. Die beiden Liger begleiteten, einer vor uns und einer hinter uns, als wären sie zwei Führer, die darauf zu achten hatten, dass wir uns nicht verirrten.
Der Wald war, ähnlich dem auf der Insel Leviathan, nur ein dünner Streifen, der hauptsächlich verhindern sollte, dass man vom Meer aus auf das eigentliche Grundstück sehen konnte. Nachdem wir ihn durchquerten hatten, kamen wir zu einer großen Wiese, in deren Mitte ein großes Haus stand, umgeben von vielen kleineren Hütten und Käfigen, die alle eines gemeinsam hatten: Nirgends gab es eine verschlossene Türe und die unzähligen verschiedenen Tiere konnten ein und aus gehen, wo und wann immer sie wollten.

Mowgli und Alexander verließen den Strand, während der Liger, wie ein Wachhund, vor der Zeitmaschine blieb. Hinter dem Wald befand sich eine riesige Baustelle, unzählige kleine Hütten und ein großes Haus wurden errichtet.
„Was baust du hier?“, fragte Alexander erstaunt.
„So genau weiß ich das auch noch nicht“, gab Mowgli zu. „Meiner Bank habe ich gesagt, es wird ein Safari-Park, damit sie mir den Kredit geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich will, dass fremde Leute hier herumgehen dürfen. Vielleicht nur kleine private Gruppen.“
Ein Schimpanse kam auf die beiden zugelaufen. In seinen Händen hielt er eine Bananenschale, die er Mowgli zeigte.
„Was will er?“, fragte Alexander.
„Das ist Charlie“, antwortete Mowgli. „Und er zeigt mir, dass er seine Bananen aufgegessen hat und jetzt seine Nachspeise will. Komm, gehen wir ins Haus.“ Er nahm dem Schimpansen die Schale ab und zu dritt gingen sie zu einer bereits fertig gestellten Hütte. Auf einer Seitenwand der Hütte waren unzählige Symbole aufgemalt. Charlie deutete auf eines der Symbole und dann auf Alexander. Er wiederholte die Bewegung mehrere Male.
„Er will wissen, wer du bist“, erklärte Mowgli. „Ein Freund“, sagte er zu Charlie. Der Affe zeigte auf ein anderes Symbol. „Ja, genau“, sagte Mowgli. Er holte aus der Hütte mehrere Kekse und gab sie Charlie. Der Affe aß zwei davon, gab ein drittes Mowgli zurück. Das vierte Keks bot er Alexander an.
„Das ist sein Freundschaftsangebot“, erklärte Mowgli. „Ich fürchte, du musst es annehmen, wenn du ihn nicht beleidigen willst.“

Wir kamen an einem Tisch vorbei, auf dem mehrere Hämmer lagen. Die Hämmer waren mit einer Kette an der Tischplatte befestigt, damit sie von dort nicht entfernt werden konnten.
„Nehmen sie einen der Hämmer und passen sie auf, was passiert“, forderte mich Herr Tuniak auf.
Ich nahm einen Hammer in die Hand und wartete. Es dauerte nicht lange, wahrscheinlich weniger als zehn Sekunden, bis eine Krähe auf dem Tisch landete. Sie hatte eine Nuss in ihrem Schnabel und legte sie auf den Tisch. Als ich darauf nicht reagierte, rollte sie die Nuss näher zu mir hin und sah mich erwartungsvoll an.
„Will sie...?“, begann ich zu fragen, als eine zweite Krähe neben der ersten landete. Auch sie legte eine Nuss auf den Tisch. Sie schien weniger Geduld zu haben als der erste Vogel und begann sofort zu krähen. „Wollen sie, dass ich ihnen die Nüsse aufschlage?“, fragte ich, woraufhin Herr Tuniak nickte. Ich schlug also mit dem Hammer auf die Nüsse und die beiden Vögel begannen sofort die Teile heraus zu suchen, die sie essen konnten. Eine dritte Krähe landete und brachte ebenfalls eine Nuss.
„Schlagen sie die auch noch auf und legen sie den Hammer dann schnell wieder zurück, sonst werden noch viel mehr Vögel kommen“, meinte Herr Tuniak.

Sie wanderten an der Grenze des Grundstückes entlang. Alexander konnte nur ungefähr abschätzen, wie groß es sein musste, aber es war mit Sicherheit riesig. Mowgli musste in den vergangenen zehn Jahren ein kleines Vermögen angehäuft haben, damit er das alles finanzieren konnte.
„Gibt es hinter dieser Hecke einen Zaun?“, fragte Alexander. „Oder wie verhinderst du sonst, dass dir die Tiere davon laufen?“
„Wenn sie davon laufen wollen, dann habe ich etwas falsch gemacht“, meine Mowgli mit einem Lächeln. „Aber zur Sicherheit gibt es auch diese Hecke.“
„Nur diese Sträucher hier?“, fragte Alexander skeptisch und deutete auf die mehrere Meter hohen Pflanzen.
„Du kannst ja versuchen, ob du hinaus kommst.“
Alexander nahm die Herausforderung an, musste aber nach einigen Versuchen zugeben, dass die Sträucher der Hecke so dicht ineinander verwachsen waren, dass es unmöglich war, durch sie hindurch zu kommen.
„Ich hatte die Idee zu diesem... Zaun, als ich von der Großen Hecke von Indien erfuhr“, erzählte Mowgli. „Ich nenne sie deswegen auch die Kleine Hecke von Indien.“ Sie wandten sich von der Hecke ab und kehrten zu dem Haus zurück.

Vor dem Haupteingang des großen Hauses – wahrscheinlich wäre Villa hier wieder eine passendere Bezeichnung – kniete eine Frau auf dem Boden und fertigte mit weißem Pulver ein Muster an. Für mich sah es aus wie eine Mischung aus einem Labyrinth und einem Mandala, aber wie ich später erfuhr, war es ein Kolam-Muster und das weiße Pulver war Reismehl. Wir warteten schweigend, bis sie damit fertig war und ich bemerkte, dass zwei Schimpansen zu ihr kamen, aber ebenfalls warteten, bis sie fertig war.
„Hallo, Kunjana“, sagte Herr Tuniak schließlich. Kunjana war Mowglis Frau und nachdem ich ihr vorgestellt worden war und die beiden Affen bekommen hatten, was sie wollten (zwei dicke Schnüre – ich weiß leider nicht, wozu sie sie brauchten), gingen wir in das Haus hinein.
Wir betraten eine große Halle, in der mehrere Buffet-Tische von Kellnern hergerichtet wurden. Sämtliche Speißen wurden von Glasdeckel geschützt.
„Ich hoffe, es stört euch nicht, aber ich habe heute noch nichts gegessen“, entschuldigte sich Kunjana. Sie nahm sich einen Teller und begann Früchte und Brotstücke darauf zu legen. Um nicht unhöflich zu erscheinen, nahmen Herr Tuniak und ich und ebenfalls uns ebenfalls je einen Teller. „Die erste Gruppe kommt erst in einer halben Stunde, wir haben also ein bisschen Zeit“; erklärte Kunjana.
„Läuft der Park immer noch gut?“, fragte Herr Tuniak und als Kunjana nickte, setzte er fort: „Wir wollten Mowgli besuchen. Glaubst du, dass er heute Zeit für uns hat?“
„Ich weiß nicht“, sagte Kunjana. „Er ist gestern in die Stadt gefahren, um... Hat er dir von dem Ausbau der Bucht der erzählt?“
Herr Tuniak nickte und sagte zu mir: „Mowgli will eine Art offenes Aquarium im Meer bauen.“
Ich wollte mir gerade eine Weintraube von meinem Teller nehmen, als ein Papagei neben mir auf dem Tisch landete. „Hello, how do you do?“, fragte mich der Vogel.
Ich war so überrascht von der Frage, dass ich das Tier nur anstarrte. Der Papagei nützte den Moment meiner Überraschung – er hatte ihn ziemlich sicher sogar vorausgesehen – schnappte sich die Weintrauben von meinem Teller und flog damit auf einen Kasten. Dort begann er sie in Ruhe zu essen.
„He, Maina, wie sagt man?“, rief ihm Kunjana lachend zu.
Der Papagei blieb auf dem Kasten, sah sie für einen Moment an und wandte sich dann mir zu. „Thank you!“, rief er und begann dann weiter zu essen.
„Wir können ihr nicht abgewöhnen zu stehlen, aber zumindest bedankt sie sich jetzt immer“, sagte Kunjana. „Mowgli ist mit Neela in der Stadt und ich weiß nicht genau, wann sie zurück kommen werden. Vielleicht erst am Abend, vielleicht auch gar nicht.“
Wir beschlossen trotzdem zu warten. Die Zeit verging wie im Fluge und als es Abend wurde, waren Mowgli und seine Tochter immer noch nicht zurück.
„Dann müssen wir nächste Woche eben wieder kommen“, meinte Herr Tuniak.



NÄCHSTE WOCHE
Sports is the toy department of human life.

Sonntag, 22. Juli 2012

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.


- Albert Einstein


„Die einfachste Art herauszufinden, was meine Freunde taten, war nach Leviathan zurück zukehren“, erklärte Herr Tuniak. „Praktisch alle Schüler bleiben ihr Leben lang in Kontakt mit der Insel, viele kommen sie auch immer wieder besuchen.“
„Begleitete Alice sie dabei?“, fragte ich.
Herr Tuniak zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Ja, wir gingen gemeinsam nach Leviathan, aber dort trennten wir uns. Sie blieb für einige Jahre dort und begann selbst zu unterrichten.“

Juan und Alexander gingen gemeinsam am Strand der Insel entlang. Am Horizont konnten sie große Wolkentürme sehen, in der Nacht würde es wahrscheinlich ein Gewitter geben.
„Du bist alt geworden, was hast du all die Jahre gemacht?“, wollte Juan wissen.
Alexander sah ihn überrascht an. „Haben meine Mütter es dir nicht erzählt? Oder Sarina?“
„Nein, hätten sie das?“, fragte Juan.
Alexander schüttelte den Kopf. Für kurze Zeit überlegte er, ob er lügen und verheimlichen sollte, was Alice und er in den letzten Jahren gemacht hatten. Aber gleichzeitig wusste er auch, dass Juan ihn nie deswegen verurteilen würde und erzählte ihm alles. Das einzige, was er nicht erwähnte, war, dass Alice ihm dabei geholfen hatte, als er versucht hatte die Geschichte zu verändern. Wenn sie wollte, würde sie es Juan erzählen, aber Alexander hatte kein Recht dazu, ihr diese Entscheidung abzunehmen. Vor allem nicht, weil ihm die gleiche Möglichkeit gegeben worden war.
„Und was jetzt?“, fragte Juan, nachdem Alexander geendet hatte.
„Ich weiß nicht“, gab Alexander zu. „Ich dachte ich besuche... meine alte Klasse wieder. Weißt du, was sie alle machen?“
„Ali ist noch hier, du hast ihn ja schon gesehen. Bill kommt morgen zurück, er erledigt einige Einkäufe für mich“, begann Juan. „Mowgli hat sich ein ziemlich großes Grundstück in Indien gekauft. Er leitet dort eine Art Zoo oder etwas Ähnliches. Sarina ist in London auf der Universität... nein, warte! Sie ist dieses Monat bei einer Ausgrabung. In Kreta, glaube ich.“
„Und Cate?“
„Sie ist am Südpol.“
„Was macht sie dort?“
„Sie arbeitet jetzt für die Gemini Foundation und hilft bei einer Expedition mit, die vor sieben Monaten aufgebrochen ist, die ganze Antarktis zu durchqueren. Sie ist nicht selbst mitgereist, aber sie organisiert die Basis-Lager.“
Alexander war beeindruckt, dass Juan wirklich von jedem seiner Schüler genau wusste, wo er oder sie sich gerade befanden und was sie taten oder getan hatten. Es war einer der Gründe, warum er Leviathan immer als sein Zuhause bezeichnen würde.

„Ich muss an dieser Stelle auch noch erwähnen, dass ich Sarina nach dem Treffen in der Wüste besucht habe“, sagte Herr Tuniak.
„Sie haben sie getroffen, während sie zurück in der Villa waren?“, fragte ich.
„Nein, später“, korrigierte er mich. „Nachdem ich Alice in New York abgesetzt hatte, aber bevor ich zu dem Tempel reiste. Sarina arbeitete damals an der Universität. Sie war gerade... ich glaube Assistenz-Professorin geworden. So etwas in der Art.“

Alexander wusste nicht genau, zu welchem Zeitpunkt Sarina herausgefunden hatte, dass er versucht hatte die Zeit zu verändern. Er wusste deswegen auch nicht genau, wann sie mit seinen Müttern ihn gesucht hatte. Aber als er im Stiegenhaus der Universität hinauf in den dritten Stock ging, wo sich ihr Büro befand, schätzte er, dass – von ihrer Perspektive aus – ungefähr ein Jahr vergangen sein musste.
Er klopfte an ihre Tür. „Einen Moment bitte“, erklang es von der anderen Seite.
„Ich bin es, Alexander“, sagte er. „Du brauchst dein Kopftuch nicht aufsetzten.“
Die Tür wurde aufgesperrt und Sarina öffnete sie. „Komm herein“, sagte sie und versperrte die Tür hinter ihm wieder. Sie musste ihm nicht erklären warum. Es war klar, dass sie verhindern wollte, dass Studenten herein platzten und sie ohne ihre Kopftuch, aber dafür mit ihrem dritten Auge sahen. Ihr Büro war relativ klein, aber es bot Platz genug, für einen Schreibtisch, drei Sesseln, zwei Regale und ein Fenster.
„Wie geht es dir?“, fragte Alexander, nachdem sich beide hingesetzt hatten.
Sarina deutete auf die vielen Zetteln, die auf dem Schreibtisch lagen. „Test korrigieren. Das ist leider momentan meine Hauptaufgabe. Weißt du, als sie mir die Stelle angeboten haben, haben sie mich damit geködert, dass ich ihn Ruhe arbeiten und versuchen könnte, Linear A zu entschlüsseln.“ Linear A war eine alte Schrift, die man hauptsächlich auf der Insel Kreta verwendet hatte und über die Sarina ihre Diplomarbeit geschrieben hatte. Sie war außerdem noch nicht entschlüsselt. Niemand konnte sie lesen. „Aber wenn man den Job dann einmal hat, wird man mit tausenden administrativen Aufgaben überschwemmt. Ehrlich, ich würde die Uni besser mögen, wenn es hier keine Studenten gab.“
„Dabei warst du doch selbst noch vor kurzem eine Studentin“, sagte Alexander.
„Schon seit über zwei Jahren nicht mehr“, sagte Sarina.
„Ich könnte dir helfen“, meinte Alexander. „Mit Linear A, meine ich. Ich kann in die Vergangenheit reisen und herausfinden, was die Schriftzeichen bedeuten.“
„Nein!“, sagte Sarina sofort.
„Warum nicht?“, fragte Alexander überrascht. „Ich würde es auch niemanden sagen.“
„Neben anderen Dingen, weil ich nicht Lorbeeren für etwas bekommen will, was ich nicht getan habe“, sagte Sarina. „Was ich erreiche, will ich mir selbst verdient haben. Es gibt auch noch einen anderen Grund, aber den wirst du wahrscheinlich nicht verstehen.“ Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie hinzufügte: „Außerdem: Würdest du damit nicht wieder die Geschichte ändern?“
„Ich bin sicher, Juliette überwacht mich im Moment ganz genau und würde so etwas nicht zulassen“, sagte Alexander. „Wir können es ausprobieren.“
Sarina schüttelte den Kopf. „Ich würde Juliette nicht weiter verärgern“, sagte sie. „Weißt du, was sie tun wollte, als sie von deinen Änderungen erfuhr? Sie wollte sie nicht nur rückgängig machen, sondern deine Vergangenheit selbst ändern.“
„Sie wollte verhindern, dass ich die Änderungen überhaupt mache?“
„Ja, aber deine Mütter waren dagegen“, sagte Sarina. „Sie haben argumentiert, dass, wenn die Menschheit Fehler machen muss, aus denen sie lernen kann, dann muss das für einzelne Menschen auch gelten. Juliette hat das eingesehen, aber ich würde sie nicht provozieren.“
„Das habe ich nicht vor.“
Für einige Minuten saßen sie schweigend nebeneinander.
„Warum bist du hier?“, fragte Sarina schließlich.
„Ich... ich wollte mich verabschieden“, sagte Alexander. „Ich werde für einige Zeit weg sein... ungefähr zehn Jahre.“
„Du willst, dass wir alle wieder gleich alt sind?“, fragte Sarina lächelnd. „Damit du nicht als erster eine Brille brauchst, was?“ Sie schob einige Zetteln zur Seite und Alexander sah, dass sie eine Lesebrille verdeckt hatten. „Ich fürchte, da habe ich dich sowieso bereits geschlagen.“

„Nachdem ich auf Leviathan war, wollte ich als erstes Sarina wieder besuchen“, sagte Herr Tuniak. „Sie war mittlerweile bereits eine Professorin geworden und arbeitete bei einer Ausgrabungsstätte auf Kreta mit.“
„Kreta? Hatte sie mittlerweile schon diese alte Schrift und Sprache entschlüsselt?“, fragte ich.
„Nein, das hat bis heute noch niemand“, sagte Herr Tuniak. „Obwohl es zahlreiche Ansätze gibt und einzelne Wörter schon identifiziert wurden.“
„Können sie sie lesen?“
„Nein. Die Sprache hat man vor über dreitausend Jahren auf der Insel gesprochen. Ich war zu der Zeit nie dort.“

Sarina war mittlerweile keine Assistentin mehr, sondern beschäftigte selbst eine. Sie hieß Filipa, hatte ebenfalls auf der Insel Leviathan gelebt und sie vor drei Jahren verlassen. Gemeinsam saßen sie in einem großen Zelt und studierten alte Tonscherben. Filipa hielt las die Schriftzeichen, die sie auf den Scherben fand, vor und Sarian notierte sie auf einem ihrer Blöcke. Die Ausgrabungen waren für diesen Tag beendet und die Arbeiter waren alle nach Hause oder in ihre Zelte gegangen, weswegen es die beiden Frauen überrascht, als plötzlich jemand im Eingang ihres Zeltes erschien.
„Alexander!“, erkannte Sarina den Neuankömmling sofort.
Alexander betrat das Zelt und sie umarmten sich. Dann trat Sarina einen Schritt zurück und musterte ihn genau. „Nein“, sagte sie schließlich. „Ich sehe immer noch jünger aus. Darf ich dir Filipa vorstellen?“
Alexander wollte Filipa zur Begrüßung die Hand geben, aber Sarina schüttelte den Kopf. „Komm, lass uns draußen eine Runde spazieren gehen“, sagte sie und band sich ihr Kopftuch um. „Filipa, ich bin bald zurück, mache in der Zwischenzeit auch eine Pause.“
Als sie vor das Zelt getreten und einige Schritte gegangen waren, fragte Alexander: „Kommt sie auch von Leviathan? Ich frage, weil du dein Kopftuch nicht getragen hast.“
„Ja, tut sie“, bestätigte Sarina.
„Und warum durfte ich ihr nicht die Hand geben?“
„Sie kann keine Bewegungen sehen“, erklärte Sarina. An Alexanders Gesichtsausdruck erkannte sie, dass er nicht wusste, was er darunter verstehen sollte und deswegen sagte sie: „Stell dir vor, du siehst die Welt nur in Standbildern. Jedes Mal wenn du blinzelst, siehst du ein neues Bild. Deswegen sind Dinge wie Hände schütteln sehr schwierig für Filipa. In dem Moment, in dem sie deine Hand sieht, hast du sie ja schon wieder ein Stück weiter bewegt. Schreiben ist auch sehr schwer, aber wir machen Fortschritte.“
„Und wie geht es dir?“, fragte Alexander und deutete auf ihre Stirn. „Behauptest du immer noch, dass du in die Zukunft sehen kannst?“
„Nein, mittlerweile sehe ich in die Vergangenheit“, sagte Sarina schmunzelnd.
„Und versuchst du immer noch Linear A zu lesen?“
„Ja, und ich glaube ich mache Fortschritte“, antwortete sie. „Was hast du gemacht, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“
Alexander erzählte ihr von dem Jahr, das er gemeinsam mit Philip in einem Tempel verbracht hatte. Dann kehrten sie ins Zelt zurück, aber an Arbeit war an diesem Abend nicht mehr zu denken. Sie erinnerten sich an ihre gemeinsame Zeit auf der Insel Leviathan und Filipa begann schließlich ebenfalls zu erzählen, was sie auf der Insel alles erlebt hatte. Sie tauschten Erinnerungen aus: über Lehrer, die auf der Insel unterrichtet hatten, über Juan, über die anderen Schüler und was sich an der Schule im Laufe der Jahre alles geändert hatte. Es wurde noch eine lange Nacht.

„Sie haben ihr nicht mehr angeboten, die alte Schrift zu übersetzen“, sagte ich. „Warum nicht?“
„Weil ich inzwischen begriffen hatte, dass die Schrift nur Nebensache ist“, erklärte Herr Tuniak. „Ich weiß nicht, wie gut ich es erklären kann, aber... Sarina betrachtete Forschung, jede Art von Forschung, nicht nur als ein Weg, um neue Entdeckungen zu machen, sondern um... um das Gehirn zu trainieren. Sie argumentierte, dass das menschliche Gehirn nur deswegen zu so phantastischen Leistungen fähig ist, weil es im Laufe der Geschichte immer gefordert wurde. Wenn jemand den ersten Menschen ein Flugzeug gegeben hätte und ihnen gezeigt hätte, wie man es fliegt, hätte sie sich nie weiterentwickelt. Wir Menschen brauchen Rätsel und Aufgaben, die uns fordern, sonst stehen wir still.“
„Und wenn sie ihr diese Aufgabe weggenommen hätten, hätten sie ihr nicht einen Gefallen getan, sondern ihr eigentlich geschadet, verstehe ich das richtig?“, fragte ich. „Aber sie haben auch gesagt, dass die Schrift immer noch nicht entziffert wurde. Was also, wenn es einen unlösbare Aufgabe ist?“
„Oh, an denen wächst man am meisten.“



NÄCHSTE WOCHE
There's more to this world than just people, you know.

Sonntag, 15. Juli 2012

You can't go home again.


- Titel eines Romans von Thomas Wolfe
(dt. Titel: „Es führt kein Weg zurück“)


Sie standen im Garten der Villa Atterton und blickten stumm auf das große Haus. Fast zehn Jahre waren für sie vergangen, seit sie es das letzte Mal gesehen hatten. Zehn Jahre für sie, aber nur ein Jahr für die Villa. Und trotzdem konnten sie kleine Unterschiede ausmachen: Änderungen bei den Fenstern, Reparaturen am Dach, ein neues Blumenbeet im Garten.
Eine Balkontür öffnete sich und Bill trat heraus. Er sah die beiden sofort, brauchte aber einige Sekunden, bis er sie erkannte. „Alice? Alex?“, rief er überrascht. „Ihr seid... alt geworden.“
„Du siehst auch gut aus“, antwortete Alexander nach kurzem Zögern. „Wie geht es dir?“
„Gut, gut“, meinte Bill.
„Ist Mowgli hier?“, fragte Alexander.
„Mowgli? Nein, der ist... momentan müsste er noch in London sein, aber vielleicht ist er auch schon auf dem Boot“, erzählte Bill. „Er will nach Indien reisen.“
„Und Sarina?“, fragte Alice.
„Sie hat eine Stelle bei einer Ausgrabungsstätte gefunden... irgendwo in Frankreich, glaube ich“, sagte Bill.
„Was machst du dann noch hier?“, fragte Alexander.
Bill zuckte mit den Schultern. „Kommt herein, die Küchentür ist offen“, sagte er anstatt zu antworten.

„Wir waren für die Anderen nur ungefähr ein Jahr weg gewesen, aber in diesem Jahr hatte sich viel verändert“, erklärte Herr Tuniak. „In der Villa wohnten jetzt andere Schülerinnen und Schüler und auch auf Leviathan hatte die nächste Generation unsere alten Räume übernommen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht wieder dorthin zurück gehen hätten können, dafür hätte es immer noch genug Platz gegeben.“
„Aber sie wollten nicht?“, fragte ich.
„Ja... nein“, antwortete Herr Tuniak. „Zuerst wollten wir einfach wieder zurück gehen. Wir, Alice und ich, wir hatten geglaubt wir könnten unsere Leben einfach dort fortsetzten, wo wir sie unterbrochen hatten. Aber das war... das ist nicht so einfach.“
„Weil ihnen ein ganzes Jahr fehlte... Hätten sie nicht einfach früher zurück kehren können?“
„Das Problem war nicht, das fehlende Jahr“, erklärte Herr Tuniak. „Das Problem war, dass für uns viel mehr Zeit vergangen war. Wir waren nicht nur zehn Jahre älter als alle unsere Freunde, wir hatten in diesen zehn Jahren auch viel mehr erlebt.“ Er sah mich an. „Sie sind noch nicht alt genug, aber sie werden es sicher auch noch erleben. Wenn sie einen Freund für lange Zeit nicht sehen und dann begegnen sie sich plötzlich wieder... es wird nicht mehr das Gleich sein. Sie haben unterschiedliche Dinge erlebt, sich weiterentwickelt... im besten Fall können sie sich gegenseitig erzählen, was sie getan haben, im schlimmsten Fall stellen sie fest, dass sie auf einmal nichts mehr gemeinsam haben.“
„Und so ging es ihnen?“
„Ja.“
„Wusste.. Bill und Mowgli und die anderen... wussten sie, was sie in den zehn Jahren getan hatten?“
„Nein, nur Sarina wusste das genau“, sagte Herr Tuniak. „Die Anderen dachten, wir wären einfach durch die Zeit gereist. Ohne Ziel. Einfach, um Spaß zu haben.“
„Was taten sie dann?“

„Wir sind da“, verkündete Alexander, als die Zeitmaschine ihre Reise beendet hatte.
„Und wo ist da?“, fragte Alice. Zwei Wochen war vergangen, seit sie zur Villa Atterton zurück gekehrt waren. Vierzehn Tage, in denen sie erfolglos versucht hatten, sich dort wieder einzuleben. Sie hatten schließlich einsehen müssen, dass zu viel Zeit für sie vergangen war und deswegen beschlossen, wieder in die Zeitmaschine zu steigen.
„Wohin?“, hatte Alice gefragt.
„Lass dich überraschen“, hatte Alexander geantwortet.
Und so waren sie am nächsten Tag wieder in die Zeitmaschine gestiegen und waren abgereist. Der Abschied von der Villa und ihren Bewohner war ihnen überraschend leicht gefallen.
„Schau hinaus“, schlug Alexander vor und öffnete die Tür der Zeitmaschine.
Alice trat hinaus. Sie waren in der Nähe einer Großstadt gelandet. Geschult von ihren zahlreichen Zeitreisen konnte Alice innerhalb kürzester Zeit anhand vieler kleiner Details (wie Architektur, Pflanzen, Geräusche…) feststellen wo und wann sie sich befanden.
„Anfang, nein Mitte zwanzigstes Jahrhundert... Amerika“, murmelte sie, während sie überlegte. „Oh! Das dort ist New York!“
„Ja, New York, im Jahr 1946“, bestätigte Alexander. „Ich dachte mir, du willst vielleicht jemanden hier besuchen.“
„Wen kenne ich, der...“, begann Alice, aber dann fiel es ihr ein. „Meine Eltern“, sagte sie, kaum hörbar.
„Ich habe Louis gefragt“, erzählte Alexander. „Sie haben sich vor etwa einem Jahr kennen gelernt und es wird noch ungefähr zwei Jahre dauern, bis sie nach England ziehen.“
Alice drehte sich zu ihm herum. „Warum?“, fragte sie nur.
„Als du mich das erste Mal gefragt hast, warum ich nicht die Geschichte verändere, habe ich mir gedacht, dass du nur wegen deinen Eltern fragst“, erzählte er. „Dass du sie sehen und vielleicht sogar in die Zukunft bringen willst. Aber du hast sie nie erwähnt. Kein einziges Mal.“
Alice schwieg für einige Minuten, bevor sie antwortete. „Ich kann mich nicht an sie erinnern. Aber ich habe oft an sie gedacht. Ich habe mir vorgestellt, wer sie sind... wie sie sind. Louis hat mir natürlich von ihnen erzählt. Mit der Zeit sind sie in meinen Vorstellungen immer deutlicher geworden, aber ich weiß, dass es nur meine Vorstellung von ihnen ist. Das es nicht wirklich sie sind. Dass sie in Wirklichkeit auch ganz anders gewesen sein könnten...“
Alexander nickte. „Das habe ich mir gedacht. Vor allem, wie du von Kingsleigh erzählt hast, dachte ich mir, du kennst dieses Gefühl.“
Alice musste lächeln. „Oh, das ist gut. Du verwendest meine eigenen Worte gegen mich.“
„Nicht gegen dich“, sagte Alexander. Er hielt ein Kuvert in der Hand. „Ich habe hier die Adresse, wo deine Eltern arbeiten. Es ist ein kleiner Zirkus, der momentan in der Stadt gastiert. Wir können hingehen oder auch nicht. Ich überlasse es ganz dir.“
Alice nahm das Kuvert in die Hand. „Gehen wir“, sagte sie ohne zu zögern.

„Alice blieb dann beim Zirkus“, erzählte Herr Tuniak. „Für zwei Jahre, bis ihre Eltern Amerika verließen. Es war natürlich kein Ersatz für die Kindheit, die sie nie gehabt hatte, aber zumindest lernte sie so ihre Eltern kennen. Sie hat es auch nie bedauert.“
„Sie hat ihnen aber nicht gesagt, dass sie ihre Tochter ist, oder?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht“, sagte Herr Tuniak.
„Waren sie auch die ganze Zeit bei ihr?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak. „Ich bin weiter gereist. Wir hatten ausgemacht, dass Alice, wenn sie abgeholt werden wollte, einen Brief an eine bestimmte Adresse schrieb – eine Wohnung, die Philip gehörte – und ich sie dann wieder abholen kommen würde. Sie dachte, sie würde nur ein paar Monate bleiben, aber wie gesagt, es wurden dann zwei Jahre.“
„Und sie sind die zwei Jahre einfach in die Zukunft gereist?“
„Das wollte ich, aber dann stellte ich fest – und das überraschte mich selbst am meisten – das ich für einige Zeit allein sein wollte“, sagte Herr Tuniak. „Heute würde man wahrscheinlich sagen: Ich wollte mich selbst finden.“ Er machte eine abfällige Handbewegung. „Tatsächlich brauchte ich einfach Zeit zum Nachdenken. Ich konnte die Geschichte nicht ändern und wollte es auch nicht mehr. Aber damit verlor ich auch, was mich die Jahre davor angetrieben hatte. Ich suchte eine neue Aufgabe.“

Philip ging mit gleichmäßigen Schritten den Pfad entlang. Hin und wieder stütze er sich aus Müdigkeit auf seinen Wanderstock. Er hatte einen langen Weg hinter sich und die dünne Luft machte ihm zusätzlich zu schaffen. Aber vor ihm lag sein Ziel, ein altes Kloster, das er regelmäßig besuchte. Eines Tages, so dachte er sich, würde er sich selbst einen Ort des Rückzuges bauen.
Er durchquerte die Felder, die das Gebäude umgaben und auf denen Mönche arbeiteten. Es waren viele Jahre vergangen, seit er das letzte Mal hier war, aber trotzdem schien es so, als hätte die Zeit hier angehalten.
Einer der Männer auf dem Feld hörte mit seiner Arbeit auf und kaum zu ihm.
„Alexander?“, fragte Philip überrascht.
Der Mann nickte. „Hallo, Philip“, begrüßte er ihn.
„Was machst du hier?“, wollte Philip wissen.
„Ich habe einen ruhigen Platz gesucht an dem ich nachdenken kann“, erzählte Alexander. „Und jemand hat mir dieses Kloster hier empfohlen.“
Philip wusste sofort, dass er selbst dieser jemand in der Zukunft sein würde. „Habe ich dir auch gesagt, dass es kein leichtes Leben hier ist?“, fragte er.
„Das habe ich selbst schon mitbekommen“, sagte Alexander. „Und ich bin mir nicht sicher, wie lange mein alter Körper das hier noch mithält.“
„Wenn mein alter Körper es aushält, dann wird das doch für dich eine Kleinigkeit sein“, sagte Philip. „Wie alt bist du?“
„Ein wenig über vierzig, glaube ich“, sagte Alexander. „Die Feldarbeit schaffe ich. Es ist anstrengend, aber machbar. Und wenn es Dinge zum Reparieren gibt, ist das auch kein Problem. Aber das Fitness-Programm, das es hier gibt...“ Er schüttelte den Kopf. „Jeden Tag machen wir neue Übungen. Ich bin der schlechteste in meiner Gruppe, aber ich weiß nicht warum. Ehrlich, ich habe manchmal das Gefühl, die Anderen lernen auch im Schlaf, anders kann ich es mir nicht vorstellen.“
„Sie lernen im Schlaf“, sagte Philip. „Sie können ihre Träume kontrollieren und führen dort ihre Übungen fort. Deswegen können sie so schnell lernen. Sie trainieren auch im Schlaf.“
„Wirklich?“
„Ja“, bestätigte Philip. „Hat dir das keiner gesagt?“
„Ich bin seit drei Wochen hier und habe noch Probleme mit der Sprache“, gab Alexander zu.
„Und wie lange wirst du hier bleiben?“

„Ich blieb fast ein Jahr dort“, erzählte Herr Tuniak. „Es war das ruhigste Jahr, das ich je erlebt habe. Während der ganzen Zeit, die ich dort war, habe ich kein einziges Mal die Zeitmaschine benutzt.“
„Sie haben nicht gesagt, wo genau dieses Kloster lag“, sagte ich. „Nicht einmal den Kontinent.“
„Ich war vor ungefähr zweihundert Jahren dort, es existiert heute nicht mehr“, antwortete er.
Da er offenbar nicht gewillt war, weitere Informationen zu dem Kloster zu enthüllen, fragte ich stattdessen: „Und was haben sie am Ende dieses Jahres getan?“
„Ich beschloss meine Familie... meine Freunde wieder zu besuchen“, sagte Herr Tuniak. „Als ich das letzte Mal zur Villa Atterton zurück gegangen war, hatte ich erwartet, alles so vorzufinden, wie zuvor. Das war ein Fehler gewesen. Wir alle hatten uns verändert und manche Orte kann man auch mit einer Zeitmaschine nicht besuchen. Aber es war ein Fehler gewesen, nicht zu versuchen, etwas Neues anzufangen. Ein Fehler, den ich jetzt korrigieren wollte.“



NÄCHSTE WOCHE
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.

Sonntag, 8. Juli 2012

Vous interdisez les erreurs vous empêchez ainsi la victoire.


(Wenn Sie Niederlagen nicht zulassen, verhindern Sie auch Siege.)
- Antoine de Saint-Exupéry
„Citadelle“

„Nach dem Gespräch in der Wüste mit meinen Müttern war mir klar geworden, dass ich nicht länger mit der Geschichte herumspielen durfte“, sagte Herr Tuniak.
„Ein Gespräch?“, fragte ich. „Es gab nur dieses eine Gespräch – von dem ich immer noch nicht weiß, was genau dort gesagt wurde – und sie haben komplett ihre Meinung geändert?“ Ich blätterte durch meine Notizen. „All die Veränderungen, für die sie verantwortlich sind, all das... Von ihrer Perspektive aus müssen mehrere Jahre vergangen sein, bis ihre Mütter sie fanden. Jahre, in denen sie von der Richtigkeit ihres Vorhabens überzeugt waren. Und sie haben selbst gesagt und Madame Debarou hierher eingeladen, um es zu bezeugen, dass sie damals sehr von sich selbst und der Richtigkeit ihrer Meinungen überzeugt waren. Und jetzt sagen sie, dass es nur dieses einen Gesprächs bedurfte, um sie vom Gegenteil zu überzeugen?“
„Erstens: Ich konnte sehr überheblich sein damals, das weiß ich. Aber nie gegenüber meinen Müttern oder Juliette“, sagte Herr Tuniak. „Oder Philip. Diesen vier Personen vertraute ich in allen Dingen... was die Natur der Zeit und den Verlauf der Geschichte sogar mehr als mir selbst.“
„Und zweitens?“
„Zweitens war es nicht ganz so einfach und schnell, wie sie vielleicht glauben“, sagte Herr Tuniak. „Vor allem Alice wollte nicht damit aufhören.“

„Glaubst du das alles, was sie gesagt haben?“, fragte Alice ruhig.
„Ich muss es nicht glauben, ich weiß es“, antwortete Alexander.
„Oh ja, die geheimnisvolle Zukunft“, sagte Alice. „Wieso hast du sie mir nie gezeigt?“
Alexander zuckte mit den Schultern. Sie saßen auf der Spitze einer Sanddüne und sahen nach Osten, wo der Himmel langsam begann rötlich zu leuchten. Der Sonnenaufgang war nicht mehr fern. Hinter ihnen standen die drei Zeitmaschinen. Alice und Alexander hatten sich etwas Privatsphäre erbeten, damit sie miteinander reden konnten. Juliette hatte ablehnen wollen, war aber von Helena und Miriam überstimmt worden. Sarina hatte sich aus der ganzen Diskussion heraus gehalten. Sie war nur eine stille Beobachterin und schien mit dieser Rolle auch zufrieden zu sein.
„Ich kann sie dir gerne zeigen, aber es könnte dich... erschrecken“, sagte er schließlich.
„Nach all den Reisen, die wir gemacht haben?“, fragte Alice.
„Die wenigsten gingen weiter als das einundzwanzigste Jahrhundert“, erinnerte sie Alexander. „Meine Mütter haben Recht. Wenn wir einen Fehler machen... und wir haben bereits Fehler gemacht...“
„...aber sie stets wieder korrigieren können“, warf Alice ein.
„Ja, aber wie oft können wir das noch machen?“, fragte Alexander. „Falls es dir nicht aufgefallen ist: Nur weil wir durch die Zeit reisen können, heißt das nicht, dass wir nicht altern.“
„Oh, ich weiß, ich habe schon meine ersten grauen Haare entdeckt“, scherzte sie, aber keinen von beiden war nach Lachen zu Mute.
„Auch wir werden irgend wann zu alt sein, um zu reisen“, nahm Alexander den Gedanken wieder auf. „Irgend wann werden wir zu alt sein, um unsere Fehler zu korrigieren und was dann?“
„Bis es so weit ist wird noch viel Zeit vergehen“, sagte Alice. „Das ist nicht der Grund.“
„Meine Mütter könnten uns jederzeit aufhalten.“
„Auch das würde dich nicht wirklich stoppen. Ich bin sogar überzeugt, wenn du es gewollt hättest, hätten sie uns nie gefunden“, sagte Alice. „Wolltest du gestoppt werden, weil du Angst hast zu scheitern?“
„Wir sind gescheitert“, sagte Alexander. „Wir wollten die Geschichte umschreiben und haben nicht mehr als ein paar Details verändert.“
„Aber wenn du jetzt aufhörst, kannst du immer noch sagen, dass du Erfolg gehabt hättest, wenn dich deine Mütter nicht aufgehalten hätten“, sagte Alice.
„Was bringt es mir diese... Idee... Illusion zu haben?“
Alice musterte ihn nachdenklich. „Habe ich dir je von Sean Kingsleigh erzählt?“
„Ich glaube... War er Sekretär bei der Hörbuch-Firma, bei der du gearbeitet hast?“
„Ja“, bestätigte Alice. „Ich habe ihn nicht gut gekannt, aber ich bin ein paar Mal mit ihm ins Gespräch gekommen. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er, weil er jeden Tag mit Autoren in Kontakt kommt, nicht Lust hat auch ein Buch zu schreiben. Er hat gesagt, dass er das schon getan hat und es bei ihm zu Hause in der Schublade liegt. Er hat ein fertiges Manuskript, aber es nie jemanden gezeigt. Ich habe ihn gefragt, warum nicht. Er hat gesagt, dass, so lange das Manuskript bei ihm ist, könnte es das beste Buch sein, dass je geschrieben wurde. Wenn er es aber jemand zeigt, dann wird aus der Möglichkeit plötzlich Gewissheit. Und es ist viel wahrscheinlicher, dass sich dann herausstellt, dass er nur ein durchschnittliches Buch geschrieben hat. Aber so lange es niemand gesehen hat, ist noch alles möglich.“
„Warum hat er es dann geschrieben?“
„Vielleicht hofft er, dass er, wie Kafka, posthum zum Genie erklärt wird“, sagte Alice.
„Ein potentielles Genie“, schmunzelte Alexander. „Dann sind wir potentielle...“ Ihm fiel kein passendes Wort ein.
„Warum nur potentiell?“, fragte Alice. „Wir können...“
„Wir haben es versucht“, sagte Alexander und legte seine Hand auf ihre. „Es hat nicht funktioniert. Schon bevor meine Mütter uns gefunden haben. Wie oft waren wir schon davor Glas nach China zu bringen? Ich stimme dir zu, manche Menschen riskieren nichts, weil sie enttäuscht werden könnten, aber ich glaube nicht, dass das auf uns zutrifft. Man muss auch zugeben können, wenn man verloren hat.“
Sie drückte seine Hand. „Ok“, sagte sie schließlich.

„Haben sie wirklich gewollt, dass ihre Mütter sie finden?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht mehr“, sagte Herr Tuniak ausweichend. „Ich habe gewusst, dass die Zeitmaschine alle Reisen aufzeichnet, aber weiter, glaube ich, habe ich nicht gedacht.“
„Mussten sie dann alle Änderungen, für die sie verantwortlich waren, rückgängig machen?“
„Nein, nein, das meiste konnten wir einfach dem Lauf der Zeit überlassen“, erklärte Herr Tuniak. „Die meisten Dinge verliefen sich einfach, wir mussten uns nur um wenige Sachen kümmern. Die Firmen, zum Beispiel, die wir gegründet hatten.“
„Haben sie sie nicht einfach aufgelöst?“, fragte ich, bevor mir selbst die Antwort einfiel. „Nein, haben sie nicht, sonst hätte ich sie nicht in Alaska besuchen können. Sie haben sie versteckt.“
„So kann man es sagen, ja“, sagte Herr Tuniak. „Wir wollten sie nicht einfach auflösen. Viele Leute arbeiteten für uns und wir hätten es als unfair empfunden, wenn sie ohne ihre Schuld plötzlich auf der Straße gestanden wären. Wir haben ihnen also angeboten bei der Firma zu bleiben unter der Bedingungen, dass alles, was sie entwickeln würden, geheim bleiben müsste. Es war keine ideale Lösung, aber ich denke, es war das Beste, was wir machen konnten. Aber nicht alles war so vergleichsweise einfach.“

Das Archiv war komplett aufgeräumt. Die Schränke und Kästen waren leer, in den Schubladen und Regalen befanden sich keine Aufzeichnungen mehr. Das ganze Haus war, bis auf die Möbelstücke ausgeräumt worden.
Mme Debarou stand bei der Eingangstür und blickte noch einmal die große Holzstiege hinauf. Hier hatte sie die letzten Jahre gearbeitet und nun war keine Spur mehr von ihrer Präsenz zu finden.
„Ich frage mich, ob es je bekannt wird, was in diesem Haus hier passiert ist“, sagte sie zu Alexander, der neben ihr stand. „Woran ich hier gearbeitet habe...“
„Wie alle Geheimnisse wird auch dieses sicher irgend wann enthüllt werden“, sagte Alexander. Sie verließen das Haus und er sperrte die Haustür zu.
„Eine Sache noch“, sagte Mme Debarou. „Du wolltest doch, dass ich die Lebensläufe von allen Personen überprüfe, mit denen ihr in direkten Kontakt getreten seid. Ich habe das hier gefunden.“ Sie gab ihm mehrere Zettel. „Es ist die Biographie von Henry Cavendish.“
„Er ist verrückt geworden?“, fragte Alexander. „Wegen uns?“ Es gab nur eine Möglichkeit, das heraus zu finden.

Die Zeitmaschine landete nicht weit von Cavendishs Haus entfernt. Sie befand sich im achtzehnten Jahrhundert, es war ein warmer Sommerabend und Alexander wusste, dass er den Erfinder und Wissenschafter, um diese Uhrzeit in seinem Arbeitszimmer antreffen würde. Er betrat das Haus über eine Treppe beim Hintereingang, die Cavendish speziell für solche heimlichen Besuche bauen hatte lassen.
„Henry, wie geht es dir?“ fragte Alexander besorgt.
Cavendish, der gerade in einem Buch gelesen hatte, begrüßte ihn freundlich und schüttelte ihm die Hand. „Danke, gut“, sagte er. „Wieso bist du so besorgt?“
Alexander war in diesem Moment froh, dass Cavendish einer der wenigen Leute war, denen er seine wahre Herkunft enthüllt hatte und er deswegen offen mit ihm sprechen konnte. „Ich habe gerade deine Biographie gelesen“, sagte er. „Da steht, du wärst verrückt geworden.“
„Ach das“, meinte Cavendish mit einem Lächeln. „Das ist nur Theater.“
„Du stellst dich verrückt? Wieso?“
„Ich dachte mir, das wäre die einfachste Möglichkeit, damit die Leute vergessen, was ich entdeckt habe“, sagte Cavendish. „Sie werden meiner Arbeit keine Beachtung schenken, weil sie denken, es ist nur das Hirngespinst eines Verrückten. Und so bleibt die Geschichte unverändert.“
Alexander war wie vom Blitz getroffen. „Ich weiß nicht, was ich sagen...“, stammelte er. Dann: „Es tut mir Leid. Es tut mir furchtbar Leid. Wenn ich nicht gewesen wäre, hättest du das größte Genie dieses Jahrhunderts sein können.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagte Cavendish. „Tatsache ist, dass ich dank dir Dinge gesehen habe, die sonst noch niemand gesehen hat. Was kümmert es mich, ob man sich in hundert Jahren noch an mich erinnert. Ich habe nichts mehr davon.“
Alexander wusste nicht, was er sagen sollte. „Wenn ich irgend etwas für dich tun kann...“, begann er.
„Komm mich besuchen“, sagte Cavendish.
„So oft ich kann“, versprach Alexander.

„Was ist mit Mme Debarou passiert?“, fragte ich. „Was hat sie gemacht, nachdem sie ihr Archiv aufgelöst haben?“
„Ich habe ihr angeboten in der Gegenwart zu bleiben, aber sie wollte in ihre Zeit zurück“, sagte Herr Tuniak. „Sie war natürlich einige Jahre gealtert, also erzählte sie all ihren Freunden und Bekannten, dass sie für einige Zeit in Amerika gelebt und gearbeitet hatte. Anfang der 1930er zog sie dann nach London. Zum Glück, kann man sagen.“
„Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt? Sie wollte ihn nicht überspringen?“, fragte ich.
„Nein, ganz im Gegenteil“, sagte Herr Tuniak. „Sie war sogar aktiv daran beteiligt, auch wenn das Jahrzehnte lang geheim bleiben musste. Sie hat im Bletchley Park gearbeitet. Haben sie davon gehört?“
„Nein.“
„Der britische Geheimdienst hatte dort eine Basis“, erzählte Herr Tuniak. „Sie war eine von mehreren Kryptoanalytikern, denen es gelang den Enigma-Code zu knacken.“
„Treffen sie sie auch noch regelmäßig?“, fragte ich.
Herr Tuniak nickte. „Ja. Ich besuche alle, deren Leben ich versucht habe zu ändern. Das ist das mindeste, was ich tun kann.“



NÄCHSTE WOCHE
You can't go home again.

Sonntag, 1. Juli 2012

Irrtümer entspringen nicht allein daher, weil man gewisse Dinge nicht weiß, sondern weil man sich zu urteilen unternimmt, obgleich man doch nicht alles weiß, was dazu erfordert wird.


- Immanuel Kant


Sarina hatte es natürlich nicht leicht, meine Mütter zu finden“, erzählte Herr Tuniak. „Seit ich von Leviathan weggezogen war, war auch ihre Anwesenheit dort seltener geworden. Aber es war immer noch der wahrscheinlichste Ort, an dem sie sie finden konnte, also kehrte sie zurück zu der Insel.“
Sie haben bereits erklärt, dass es sehr schwierig ist einen Zeitreisenden zu finden“, sagte ich. „Wie haben ihre Mütter schließlich sie gefunden?“
Eines nach dem anderen“, sagte er. „Sarina verbrachte die Zeit natürlich nicht untätig auf der Insel. Sie hatte sich so viele Bücher über Geschichte, vergangene Kulturen und Erfindungen mitgenommen, dass sie die ganze Zeit – sie musste etwa drei Wochen auf meine Mütter warten – mit Lesen verbrachte.“
Wozu?“
Sie wollte versuchen herauszufinden, was ich noch alles verändert hatte“, erklärte Herr Tuniak.
Ist das überhaupt möglich?“, fragte ich. „Außer diesem einen Buch über Polynesien hatte sie doch keine anderen Informationen über... die ursprüngliche Geschichte, oder?“
Nein, hatte sie nicht“, stimmte Herr Tuniak zu. „Aber sie suchte nach Ereignisse oder Entwicklungen, die scheinbar spontan oder mit wenig Vorarbeit entstanden waren. Erfindungen, die sich nicht wirklich erklären ließen oder ihrer Zeit scheinbar weit voraus waren.“
Wissen sie, ob sie ihre Veränderungen entdeckt hat?“
Einige. Nicht alle und mit manche Erfindungen, für die sie mich verantwortlich machte, hatte ich nichts zu tun, aber sie fand einige Veränderungen heraus. Schließlich kamen meine Mütter zurück nach Leviathan und Sarina zeigte ihnen alles, was sie herausgefunden hatte. Meine Mütter waren schnell davon überzeugt, dass jemand mit der Zeit herum gespielt hatte, auch wenn sie zuerst nicht glauben wollten, dass ich es gewesen sein sollte. Aber sonst hatte niemand einen Zeitmaschine und...“
Doch, Juliette“, warf ich ein. „Sie hätte doch auch für die Veränderungen verantwortlich sein können.“
Juliette ist für Veränderungen in der Geschichte verantwortlich, aber... für ganz andere“, sagte Herr Tuniak.
Juliette hat auch die Geschichte verändert?!“
Ich weiß, im Moment scheint es so, als würde jeder mit einer Zeitmaschine mit der Geschichte spielen“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie versuchte nur Änderungen rückgängig zu machen.“

Warum treffen wir uns hier?“, fragte Sarina, als sie die Bar betreten hatte. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie mit einem Schritt eine Reise von tausenden Kilometern gemacht. Draußen, vor der Tür, war Melbourne, das gerade unter einer typisch australischen Hitzewelle litt. Hier drinnen war sie in der Antarktis. Die Bar war komplett aus Eisblöcken gebaut. Die Tische, die Sessel, die Wände... alles Eis.
Warum nicht?“, fragte Miriam.
Wir treffen uns regelmäßig mit Juliette“, sagte Helena. „Und am Ende machen wir uns einen Ort und einen Zeitpunkt für unser nächstes Treffen aus.“
Zwischen den Treffen vergeht für uns deswegen immer unterschiedlich viel Zeit“, fuhr Miriam fort. „Von unserer Perspektive aus gesehen, haben wir Juliette vor zehn Tagen getroffen. Für sie werden wahrscheinlich einige Monate vergangen sein.“
Sarina sah, wie ihnen eine Frau, die alleine bei einem der Eistische saß, zuwinkte. Sie hatte Juliette noch nie zuvor gesehen, wusste aber sofort, dass es sich bei ihr um diese Frau handeln musste. Sie hatte eigentlich erwartet jemanden zu treffen, der so alt war wie sie selbst. Alexander hatte zumindest erzählt, dass sie ungefähr in seinem Alter war. Aber die Frau, die sie jetzt begrüßte, war sicherlich zehn bis fünfzehn Jahre älter als Sarina selbst.
Ihr seht ernst aus“, sagte Juliette, nachdem sie Sarina vorgestellt und Getränke bestellt hatten.
Sarina hat etwas... Beunruhigendes entdeckt“, sagte Helena.
Sarina berichtete von der Entdeckung der zwei Bücher und ihrem Verdacht. Sie erzählte auch von all den anderen möglichen Diskrepanzen, die sie in der Geschichte entdeckt zu haben glaubte. Nachdem sie geendet hatte, schwiegen die anderen drei Frauen für eine Weile.
Es ist noch kein großer Schaden geschehen“, sagte Miriam schließlich. „Wenn wir ihn finden, werden sich seine Änderungen im Lauf der Geschichte verlieren.“
Juliette antwortete mit einer langen Erklärung auf Französisch, die Sarina leider nicht verstand. Juliette fiel das auch auf, aber sie stockte, als sie versuchte, das eben Gesagte auf Englisch zu übersetzen, weswegen Helena einsprang.
Stell dir die Zeit wie eine... sagen wir, wie eine Straße vor“, sagte sie. „Was Alexander momentan macht, ist, auf dieser Straße mehrere Umleitungen einzubauen. Diese Wege führen von dem ursprünglichen Zeitlinie weg, aber kommen nach einiger Zeit wieder zurück. Im Endeffekt hat sich also kaum etwas geändert. Wenn es aber zu viele Umleitungen gibt, dann fährt man plötzlich nicht mehr auf der eigentlichen Straße, sondern eben nur mehr auf diesen Umleitungen und dann hat sich die Geschichte geändert.“
Würden wir das merken?“, fragte Sarina.
Ja, würden wir... ungefähr...“, begann Juliette, bevor sie stoppte und einen komplett neuen Satz anfing. „Wir sollte aber so handeln, als würden wir es nicht tun und ausgelöscht werden.“
Wir werden ausgelöscht?“, fragte Sarina entsetzt.
Nein, werden wir nicht“, sagte Miriam beruhigend. „Juliette sieht nur die Zeitlinie etwas strenger als wir. Aber trotzdem, wir müssen Alexander finden und ihm klarmachen, dass er die Zeit nicht verändern darf.“
Wir müssen ihm die Zeitmaschine wegnehmen“, sagte Juliette bestimmt.
Das hängt von ihm ab“, sagte Helena. Die beiden Frauen sahen sich für einige Momente stumm an, bevor Juliette den Blick senkte und fast unmerklich nickte.
Und wie finden wir ihn, wenn er überall und über... und zu jeder Zeit sein kann?“, fragte Sarina.
Gibraltar?“, schlug Juliette vor, aber Miriam schüttelte den Kopf. „Wir waren schon dort“, sagte sie. „Aber es gibt noch einen anderen Ort, wo alle Reisen aufgezeichnet werden.“

Wie, glauben sie, haben mich meine Mütter gefunden?“, fragte Herr Tuniak. Er stellte die Frage mit einem Lächeln, das mich überzeugte, dass die Antwort viel einfacher war, als sämtliche komplizierte Lösungen, die mir durch den Kopf gingen.
Mit Hilfe der Änderungen, die Sarina gefunden hat?“, fragte ich.
Nein, viel einfacher“, sagte Herr Tuniak. „Die Zeitmaschine speichert alle Daten zu jeder Reise, die sie je gemacht hat. Wie ein Internet-Browser kann man genau nachsehen, wann sie wo gewesen ist.“
Oh, und deswegen mussten ihre Mütter auch Juliette treffen“, erkannte ich. „Weil sie die Zeitmaschine von ihnen bekommen hatte und all ihre Reisen damit bereits in der Vergangenheit lagen.“ Es war wirklich viel einfacher, als ich erwartet hatte.
Meine Mütter und Juliette... und Sarina, Sarina war auch dabei... sie fanden Alice und mich in der Nähe eines Dorfes in Persien.“

Die Sonne war bereits vor einiger Zeit untergegangen und Alexander registrierte wieder einmal mit Verwunderung wie schnell die Luft in der Wüste sich in der Nacht abkühlte. Aber seine Aufmerksamkeit war auf die beiden Zeitmaschinen gerichtet, die nur wenige Meter vor ihm und Alice aus dem Nichts erschienen waren. Er bemerkte auch sofort, dass sie ihren Weg zu ihrer Zeitmaschine blockierten. Weglaufen war unmöglich, aber das wollte er auch nicht. Er hatte gewusst, dass er früher oder später auf seine Mütter treffen würde. Vielleicht nicht bewusst, aber sicherlich unbewusst.
Die Zeitmaschinen öffneten sich und Helena, Miriam und Sarina stiegen aus der einen, Juliette aus der anderen. Niemand sagte etwas. Keiner wusste so recht, was er oder sie sagen sollte.
Was denkst du, was du machst?“, fragte Juliette schließlich scharf.
Die Welt verbessern“, antwortete Alice in genau dem gleichen Tonfall. „Etwas, das ihr eigentlich auch tun solltet.“
Ihr riskiert genau das Gegenteil“, sagte Juliette. Sie wollte noch mehr sagen, aber Miriam legte ihr eine Hand auf die Schulter und fragte stattdessen: „Was ist euer Ziel?“
Den technologischen Fortschritt zu beschleunigen“, sagte Alexander. „Dinge, wie das Mittelalter in Europa haben die Menschen aufgehalten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde das elektrische Licht eingeführt, es hätte schon Jahrhunderte vorher geschehen können.“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Wo liegt die Gefahr darin?“
Warst du je in der Zukunft?“, fragte Helena. „Im vierundzwanzigsten Jahrhundert?“
Alexander nickte. Als er erfahren hatte, dass seine Mütter nie weiter gereist waren, als zu dieser Zeit, hatte er sofort erfahren wollen, was sie dort gefunden hatten. Was hatten sie dazu gebracht, Reisen in die entferntere Zukunft zu unterlassen?
Weißt du auch, was du gesehen hast?“, fragte Miriam.
Ich glaube schon“, sagte Alexander. „Aber es ist nichts, was unsere Veränderungen gefährden würden. Im Gegenteil: Wir beschleunigen...“
Es darf nichts beschleunigt werden!“, fuhr Juliette dazwischen.
Worum geht es?“, fragte Alice verwirrt.
Helena sah sie nachdenklich an, bevor sie sagte: „Es gibt Dinge, die werden im Lauf der Geschichte immer passieren.“ Sie deutete auf den zunehmenden Mond, der am Himmel zu sehen war. „Menschen werden immer zum Mond reisen. Egal, wie sehr sich die Geschichte verändert. Sie werden immer den Mond am Himmel sehen, sie werden sich immer Geschichten über den Mond erzählen und sie werden deswegen auch immer so lange versuchen ihn zu erreichen, bis sie es geschafft haben.“
Die erste Geschichte über eine Reise zu den Sternen wurde schon im alten Rom geschrieben“, fuhr Miriam fort. „Es hat danach fast zweitausend Jahre gedauert, aber schließlich landeten Menschen am Mond. Gerade du musst doch wissen, was für eine Macht Geschichten haben.“
Alice nickte. „Sobald einmal etwas erzählt ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Realität wird“, sagte sie. Es klang, als würde sie ein Zitat wiederholen, das sie vor langer Zeit einmal gehört hatte.
Manche Dinge werden immer passieren, das Einzige, was sich ändert, ist, warum sie passieren“, nahm Helena die Erklärung wieder auf. „In deiner Zukunft wird es wieder so ein Ereignis geben. Ein Ereignis, das die ganze Welt für immer verändern wird. Wenn es aus den falschen Gründen passiert, werden die Menschen danach wie in der Hölle leben. Wenn es aus den richtigen Gründen passiert, wie im Paradies. Im Moment passiert es noch aus den richtigen Gründen.“
Aber wenn du der Menschheit hilfst und ihr nicht erlaubst Fehler zu machen, wird sie gewisse Dinge nie lernen... und manche Dinge nie fürchten“, sagte Miriam.
Alexander wollte etwas erwidern, aber Zweifel waren in ihm geweckt worden. „Aber ich habe schon früher Dinge verändert“, sagte er. „Als ich Photograph wurde, habe ich...“
Wir haben damals genau aufgepasst, was du getan hast“, sagte Helena.


Ich sitze vor meinem Computer und lese diesen Eintrag noch einmal durch. Ich bin unzufrieden. Ich weiß, dass das Gespräch in der Wüste anders verlaufen sein muss, dass ich nur einen Teil davon wiedergegeben habe. Ich weiß auch, was fehlt. Um zu verstehen, warum Herr Tuniak schließlich aufgehört hat die Zeit zu verändern, muss ich wissen, was er in der Zukunft gesehen hat.
Das liegt auch in ihrer Zukunft“, hat Herr Tuniak geantwortet, als ich ihn um mehr Informationen gefragt habe. „Ich bin mir nicht sicher, dass ich es ihnen sagen soll.“
Aber es scheint ein wichtiger Teil ihrer Geschichte zu sein“, habe ich gesagt.
Herr Tuniak hat zugegeben, dass ich damit Recht habe. „Vielleicht werde ich es ihnen doch noch sagen“, hat er dann gesagt. „Aber nicht heute. Ich muss darüber nachdenken.“
Als ich schon bei der Tür war und fast sein Büro verlassen hatte, rief er mir nach: „Wenn ich ihnen erzähle, was in der Zukunft geschehen wird – und ich verspreche nicht, dass ich es tun werde – aber wenn ich es tue, werde ich erst sagen, wenn wir uns das letzte Mal sehen.“



NÄCHSTE WOCHE
Vous interdisez les erreurs vous empêchez ainsi la victoire.