(Es
gibt mehr als nur Menschen auf dieser Welt, weißt du.)
-
Hobbes
“Calvin & Hobbes”
„Als Zweiten wollte ich
Mowgli besuchen“, erzählte Herr Tuniak. „Juan hatte mir auf
Leviathan seine genaue Adresse gegeben... Eigentlich hatte er mir die
Koordinaten gegeben, wo ich Mowgli finden konnte.“
„Warum die
Koordinaten?“, fragte ich.
„Weil Mowgli zwar nach
Indien gezogen war, aber nicht in eine Stadt“, erklärte Herr
Tuniak. „Er hatte sich ein Grundstück am Meer gekauft, dass...“
Er stoppte in seiner Erzählung und ich sah, wie sich ein Lächeln
auf seinem Gesicht ausbreitete. „Wissen sie, es wäre eigentlich
einfacher, wenn ich es ihnen zeige. Haben sie Lust auf einen
Ausflug?“
Wir reisten also mit der
Zeitmaschine nach Indien. Als wir dort an einem Strand landeten,
konnte ich sehen, wie die Sonne knapp über dem Horizont stand.f
„Ist das der
Sonnenaufgang oder der Sonnenuntergang?“, fragte ich.
„Sonnenaufgang“,
sagte Herr Tuniak. „Ich bin ein paar Stunden in die Vergangenheit
gereist, sonst wäre hier schon Abend gewesen.“
Es gab einen Steg,
ausschließlich gebaut aus großen Steinen, von dem ein gepflasterter
Weg in den Wald führte, der den Strand eingrenzte. Während wir
darauf zugingen, musste ich daran denken, dass ich gleichzeitig in
Europa in meinem Bett lag und schlief. Ein seltsamer Gedanke, aber
sicherlich einer, der für Herrn Tuniak ganz selbstverständlich sein
musste.
Wir hatten den Weg noch
nicht erreicht, als plötzlich zwei Tiere aus dem Dickicht hervor
kamen. Ich blieb abrupt stehen und mein Herz begann schneller zu
schlagen. Zwei große Raubkatzen starrten mich an. Ich wusste nicht,
ob es sich dabei um Tiger oder Löwen handelte, aber in diesem Moment
war es mir auch egal. Ich spürte, wie meine Hände feucht wurden und
meine Knie zu zittern begannen. Die beiden Tiere waren nicht
angekettet und auch sonst schien es nichts zu geben, dass verhindern
könnte, dass sie sich auf uns stürzten.
Herr Tuniak ging mit
ruhigen Schritten weiter.
Alexander landete die
Zeitmaschine auf einem Strand. Er stieg aus und wurde von dem Schreien
von Möwen begrüßt. Er sah den einfachen Holzsteg, den ihm Juan
beschrieben hatte, und den Trampelpfad, der von dem Steg in den Wald
führte. Mit schnellen Schritten ging er darauf zu.
Er war aber noch nicht
weit gekommen, als ein Tier ihm den Weg versperrte. Alexander blieb
erschrocken stehen. Das Tier war eindeutig eine Raubkatze, aber was
für eine konnte Alexander nicht sagen. Ihr Fell war gestreift, wie
das eines Tigers, aber sie hatte auch eine dünne Mähne, ähnlich
die eines Löwens. Die Raubkatze erwiderte seinen Blick und für
einen Moment rührte sich keiner der beiden. Dann drehte sich
Alexander blitzschnell um und rannte so schnell er konnte zurück zur
Zeitmaschine. Er sah nicht zurück und wusste deswegen nicht, ob ihm
die Raubkatze folgte.
Zurück in der
Zeitmaschine (und sicher hinter ihrer geschlossenen Tür) schaltete
er die Bildschirme und Kameras ein, um zu sehen, was die Raubkatze
tat. Das Tier trottete langsam zum Steg hinunter, als würde es auf
ein Schiff warten. Als das Schiff aber nicht kam, wandte sie sich der
Zeitmaschine zu. Der weiße Block war etwas, was sie noch nie zuvor
gesehen hatte. Die Raubkatze schnüffelte an den Ecken und am Boden
vor der Zeitmaschine. Dann schüttelte sie sich und legte sich direkt
vor der Zeitmaschine auf den Strand.
„Das ist aber nicht ihr
Ernst“, murmelte Alexander. Er setzte sich an den Hauptcomputer und
aktivierte die Zeitmaschine. Er wollte eine Stunde in die Zukunft
reisen, in der Hoffnung, dass die Raubkatze dann weiter gegangen
wäre, aber er zögerte. Woher konnte er wissen, dass sie ihn nicht
in dem Wald überraschen würde? Gleichzeitig wollte er aber auch
nicht näher an Mowglis Haus landen, weil er nicht wusste, wer sonst
noch aller dort sein und seine Ankunft beobachten könnte.
So beschloss er zu
warten.
Es verging eine halbe
Stunde, bis jemand über den Pfad aus dem Wald kam. Es war Mowgli
selbst. Als er die Zeitmaschine und die davor liegende Raubkatze sah,
brach er in schallendes Gelächter aus.
„Bleiben sie ganz
ruhig, die beiden sind nicht gefährlich“, sagte Herr Tuniak zu
mir. Er streckte seine Hände aus und die beiden Raubkatzen begannen
sie, wie normale Hauskatzen, abzulecken. Dann kamen sie zu mir und
der Blick, den mit dem sie mich ansahen, war wie der eines kleinen
Kindes, das von einem Gast ein Geschenk erwartete.
„Sie können sie ruhig
streicheln“, sagte Herr Tuniak.
„Was sind das für
Tiere?“, fragte ich. Ich streckte vorsichtig meine Hand aus, zog
sie aber sofort wieder zurück, als einer der Raubkatzen daran
schnüffelte.
„Das sind zwei Liger“,
erklärte Herr Tuniak. „Ihr Vater war ein Löwe, ihre Mutter ein
Tiger. Und keine Sorge: Die beiden sind Vegetarier.“
Wir gingen den Weg durch
den Wald. Die beiden Liger begleiteten, einer vor uns und einer
hinter uns, als wären sie zwei Führer, die darauf zu achten hatten,
dass wir uns nicht verirrten.
Der Wald war, ähnlich
dem auf der Insel Leviathan, nur ein dünner Streifen, der
hauptsächlich verhindern sollte, dass man vom Meer aus auf das
eigentliche Grundstück sehen konnte. Nachdem wir ihn durchquerten
hatten, kamen wir zu einer großen Wiese, in deren Mitte ein großes
Haus stand, umgeben von vielen kleineren Hütten und Käfigen, die
alle eines gemeinsam hatten: Nirgends gab es eine verschlossene Türe
und die unzähligen verschiedenen Tiere konnten ein und aus gehen, wo
und wann immer sie wollten.
Mowgli und Alexander
verließen den Strand, während der Liger, wie ein Wachhund, vor der
Zeitmaschine blieb. Hinter dem Wald befand sich eine riesige
Baustelle, unzählige kleine Hütten und ein großes Haus wurden
errichtet.
„Was baust du hier?“,
fragte Alexander erstaunt.
„So genau weiß ich das
auch noch nicht“, gab Mowgli zu. „Meiner Bank habe ich gesagt, es
wird ein Safari-Park, damit sie mir den Kredit geben, aber ich bin
mir nicht sicher, ob ich wirklich will, dass fremde Leute hier
herumgehen dürfen. Vielleicht nur kleine private Gruppen.“
Ein Schimpanse kam auf
die beiden zugelaufen. In seinen Händen hielt er eine Bananenschale,
die er Mowgli zeigte.
„Was will er?“,
fragte Alexander.
„Das ist Charlie“,
antwortete Mowgli. „Und er zeigt mir, dass er seine Bananen
aufgegessen hat und jetzt seine Nachspeise will. Komm, gehen wir ins
Haus.“ Er nahm dem Schimpansen die Schale ab und zu dritt gingen
sie zu einer bereits fertig gestellten Hütte. Auf einer Seitenwand
der Hütte waren unzählige Symbole aufgemalt. Charlie deutete auf
eines der Symbole und dann auf Alexander. Er wiederholte die Bewegung
mehrere Male.
„Er will wissen, wer du
bist“, erklärte Mowgli. „Ein Freund“, sagte er zu Charlie. Der
Affe zeigte auf ein anderes Symbol. „Ja, genau“, sagte Mowgli. Er
holte aus der Hütte mehrere Kekse und gab sie Charlie. Der Affe aß
zwei davon, gab ein drittes Mowgli zurück. Das vierte Keks bot er
Alexander an.
„Das ist sein
Freundschaftsangebot“, erklärte Mowgli. „Ich fürchte, du musst
es annehmen, wenn du ihn nicht beleidigen willst.“
Wir kamen an einem Tisch
vorbei, auf dem mehrere Hämmer lagen. Die Hämmer waren mit einer
Kette an der Tischplatte befestigt, damit sie von dort nicht entfernt
werden konnten.
„Nehmen sie einen der
Hämmer und passen sie auf, was passiert“, forderte mich Herr
Tuniak auf.
Ich nahm einen Hammer in
die Hand und wartete. Es dauerte nicht lange, wahrscheinlich weniger
als zehn Sekunden, bis eine Krähe auf dem Tisch landete. Sie hatte
eine Nuss in ihrem Schnabel und legte sie auf den Tisch. Als ich
darauf nicht reagierte, rollte sie die Nuss näher zu mir hin und sah
mich erwartungsvoll an.
„Will sie...?“,
begann ich zu fragen, als eine zweite Krähe neben der ersten
landete. Auch sie legte eine Nuss auf den Tisch. Sie schien weniger
Geduld zu haben als der erste Vogel und begann sofort zu krähen.
„Wollen sie, dass ich ihnen die Nüsse aufschlage?“, fragte ich,
woraufhin Herr Tuniak nickte. Ich schlug also mit dem Hammer auf die
Nüsse und die beiden Vögel begannen sofort die Teile heraus zu
suchen, die sie essen konnten. Eine dritte Krähe landete und brachte
ebenfalls eine Nuss.
„Schlagen sie die auch
noch auf und legen sie den Hammer dann schnell wieder zurück, sonst
werden noch viel mehr Vögel kommen“, meinte Herr Tuniak.
Sie wanderten an der
Grenze des Grundstückes entlang. Alexander konnte nur ungefähr
abschätzen, wie groß es sein musste, aber es war mit Sicherheit
riesig. Mowgli musste in den vergangenen zehn Jahren ein kleines
Vermögen angehäuft haben, damit er das alles finanzieren konnte.
„Gibt es hinter dieser
Hecke einen Zaun?“, fragte Alexander. „Oder wie verhinderst du
sonst, dass dir die Tiere davon laufen?“
„Wenn sie davon laufen
wollen, dann habe ich etwas falsch gemacht“, meine Mowgli mit einem
Lächeln. „Aber zur Sicherheit gibt es auch diese Hecke.“
„Nur diese Sträucher
hier?“, fragte Alexander skeptisch und deutete auf die mehrere
Meter hohen Pflanzen.
„Du kannst ja
versuchen, ob du hinaus kommst.“
Alexander nahm die
Herausforderung an, musste aber nach einigen Versuchen zugeben, dass
die Sträucher der Hecke so dicht ineinander verwachsen waren, dass
es unmöglich war, durch sie hindurch zu kommen.
„Ich hatte die Idee zu
diesem... Zaun, als ich von der Großen Hecke von Indien erfuhr“,
erzählte Mowgli. „Ich nenne sie deswegen auch die Kleine Hecke von
Indien.“ Sie wandten sich von der Hecke ab und kehrten zu dem Haus
zurück.
Vor dem Haupteingang des
großen Hauses – wahrscheinlich wäre Villa hier wieder eine
passendere Bezeichnung – kniete eine Frau auf dem Boden und
fertigte mit weißem Pulver ein Muster an. Für mich sah es aus wie
eine Mischung aus einem Labyrinth und einem Mandala, aber wie ich
später erfuhr, war es ein Kolam-Muster und das weiße Pulver war
Reismehl. Wir warteten schweigend, bis sie damit fertig war und ich
bemerkte, dass zwei Schimpansen zu ihr kamen, aber ebenfalls
warteten, bis sie fertig war.
„Hallo, Kunjana“,
sagte Herr Tuniak schließlich. Kunjana war Mowglis Frau und nachdem
ich ihr vorgestellt worden war und die beiden Affen bekommen hatten,
was sie wollten (zwei dicke Schnüre – ich weiß leider nicht, wozu
sie sie brauchten), gingen wir in das Haus hinein.
Wir betraten eine große
Halle, in der mehrere Buffet-Tische von Kellnern hergerichtet wurden.
Sämtliche Speißen wurden von Glasdeckel geschützt.
„Ich hoffe, es stört
euch nicht, aber ich habe heute noch nichts gegessen“,
entschuldigte sich Kunjana. Sie nahm sich einen Teller und begann
Früchte und Brotstücke darauf zu legen. Um nicht unhöflich zu
erscheinen, nahmen Herr Tuniak und ich und ebenfalls uns ebenfalls je
einen Teller. „Die erste Gruppe kommt erst in einer halben Stunde,
wir haben also ein bisschen Zeit“; erklärte Kunjana.
„Läuft der Park immer
noch gut?“, fragte Herr Tuniak und als Kunjana nickte, setzte er
fort: „Wir wollten Mowgli besuchen. Glaubst du, dass er heute Zeit
für uns hat?“
„Ich weiß nicht“,
sagte Kunjana. „Er ist gestern in die Stadt gefahren, um... Hat er
dir von dem Ausbau der Bucht der erzählt?“
Herr Tuniak nickte und
sagte zu mir: „Mowgli will eine Art offenes Aquarium im Meer
bauen.“
Ich wollte mir gerade
eine Weintraube von meinem Teller nehmen, als ein Papagei neben mir
auf dem Tisch landete. „Hello, how do you do?“, fragte mich der
Vogel.
Ich war so überrascht
von der Frage, dass ich das Tier nur anstarrte. Der Papagei nützte
den Moment meiner Überraschung – er hatte ihn ziemlich sicher
sogar vorausgesehen – schnappte sich die Weintrauben von meinem
Teller und flog damit auf einen Kasten. Dort begann er sie in Ruhe zu
essen.
„He, Maina, wie sagt
man?“, rief ihm Kunjana lachend zu.
Der Papagei blieb auf dem
Kasten, sah sie für einen Moment an und wandte sich dann mir zu.
„Thank you!“, rief er und begann dann weiter zu essen.
„Wir können ihr nicht
abgewöhnen zu stehlen, aber zumindest bedankt sie sich jetzt immer“,
sagte Kunjana. „Mowgli ist mit Neela in der Stadt und ich weiß
nicht genau, wann sie zurück kommen werden. Vielleicht erst am
Abend, vielleicht auch gar nicht.“
Wir beschlossen trotzdem
zu warten. Die Zeit verging wie im Fluge und als es Abend wurde,
waren Mowgli und seine Tochter immer noch nicht zurück.
„Dann müssen wir
nächste Woche eben wieder kommen“, meinte Herr Tuniak.
NÄCHSTE WOCHE
Sports is the toy
department of human life.