Sonntag, 1. Juli 2012

Irrtümer entspringen nicht allein daher, weil man gewisse Dinge nicht weiß, sondern weil man sich zu urteilen unternimmt, obgleich man doch nicht alles weiß, was dazu erfordert wird.


- Immanuel Kant


Sarina hatte es natürlich nicht leicht, meine Mütter zu finden“, erzählte Herr Tuniak. „Seit ich von Leviathan weggezogen war, war auch ihre Anwesenheit dort seltener geworden. Aber es war immer noch der wahrscheinlichste Ort, an dem sie sie finden konnte, also kehrte sie zurück zu der Insel.“
Sie haben bereits erklärt, dass es sehr schwierig ist einen Zeitreisenden zu finden“, sagte ich. „Wie haben ihre Mütter schließlich sie gefunden?“
Eines nach dem anderen“, sagte er. „Sarina verbrachte die Zeit natürlich nicht untätig auf der Insel. Sie hatte sich so viele Bücher über Geschichte, vergangene Kulturen und Erfindungen mitgenommen, dass sie die ganze Zeit – sie musste etwa drei Wochen auf meine Mütter warten – mit Lesen verbrachte.“
Wozu?“
Sie wollte versuchen herauszufinden, was ich noch alles verändert hatte“, erklärte Herr Tuniak.
Ist das überhaupt möglich?“, fragte ich. „Außer diesem einen Buch über Polynesien hatte sie doch keine anderen Informationen über... die ursprüngliche Geschichte, oder?“
Nein, hatte sie nicht“, stimmte Herr Tuniak zu. „Aber sie suchte nach Ereignisse oder Entwicklungen, die scheinbar spontan oder mit wenig Vorarbeit entstanden waren. Erfindungen, die sich nicht wirklich erklären ließen oder ihrer Zeit scheinbar weit voraus waren.“
Wissen sie, ob sie ihre Veränderungen entdeckt hat?“
Einige. Nicht alle und mit manche Erfindungen, für die sie mich verantwortlich machte, hatte ich nichts zu tun, aber sie fand einige Veränderungen heraus. Schließlich kamen meine Mütter zurück nach Leviathan und Sarina zeigte ihnen alles, was sie herausgefunden hatte. Meine Mütter waren schnell davon überzeugt, dass jemand mit der Zeit herum gespielt hatte, auch wenn sie zuerst nicht glauben wollten, dass ich es gewesen sein sollte. Aber sonst hatte niemand einen Zeitmaschine und...“
Doch, Juliette“, warf ich ein. „Sie hätte doch auch für die Veränderungen verantwortlich sein können.“
Juliette ist für Veränderungen in der Geschichte verantwortlich, aber... für ganz andere“, sagte Herr Tuniak.
Juliette hat auch die Geschichte verändert?!“
Ich weiß, im Moment scheint es so, als würde jeder mit einer Zeitmaschine mit der Geschichte spielen“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie versuchte nur Änderungen rückgängig zu machen.“

Warum treffen wir uns hier?“, fragte Sarina, als sie die Bar betreten hatte. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie mit einem Schritt eine Reise von tausenden Kilometern gemacht. Draußen, vor der Tür, war Melbourne, das gerade unter einer typisch australischen Hitzewelle litt. Hier drinnen war sie in der Antarktis. Die Bar war komplett aus Eisblöcken gebaut. Die Tische, die Sessel, die Wände... alles Eis.
Warum nicht?“, fragte Miriam.
Wir treffen uns regelmäßig mit Juliette“, sagte Helena. „Und am Ende machen wir uns einen Ort und einen Zeitpunkt für unser nächstes Treffen aus.“
Zwischen den Treffen vergeht für uns deswegen immer unterschiedlich viel Zeit“, fuhr Miriam fort. „Von unserer Perspektive aus gesehen, haben wir Juliette vor zehn Tagen getroffen. Für sie werden wahrscheinlich einige Monate vergangen sein.“
Sarina sah, wie ihnen eine Frau, die alleine bei einem der Eistische saß, zuwinkte. Sie hatte Juliette noch nie zuvor gesehen, wusste aber sofort, dass es sich bei ihr um diese Frau handeln musste. Sie hatte eigentlich erwartet jemanden zu treffen, der so alt war wie sie selbst. Alexander hatte zumindest erzählt, dass sie ungefähr in seinem Alter war. Aber die Frau, die sie jetzt begrüßte, war sicherlich zehn bis fünfzehn Jahre älter als Sarina selbst.
Ihr seht ernst aus“, sagte Juliette, nachdem sie Sarina vorgestellt und Getränke bestellt hatten.
Sarina hat etwas... Beunruhigendes entdeckt“, sagte Helena.
Sarina berichtete von der Entdeckung der zwei Bücher und ihrem Verdacht. Sie erzählte auch von all den anderen möglichen Diskrepanzen, die sie in der Geschichte entdeckt zu haben glaubte. Nachdem sie geendet hatte, schwiegen die anderen drei Frauen für eine Weile.
Es ist noch kein großer Schaden geschehen“, sagte Miriam schließlich. „Wenn wir ihn finden, werden sich seine Änderungen im Lauf der Geschichte verlieren.“
Juliette antwortete mit einer langen Erklärung auf Französisch, die Sarina leider nicht verstand. Juliette fiel das auch auf, aber sie stockte, als sie versuchte, das eben Gesagte auf Englisch zu übersetzen, weswegen Helena einsprang.
Stell dir die Zeit wie eine... sagen wir, wie eine Straße vor“, sagte sie. „Was Alexander momentan macht, ist, auf dieser Straße mehrere Umleitungen einzubauen. Diese Wege führen von dem ursprünglichen Zeitlinie weg, aber kommen nach einiger Zeit wieder zurück. Im Endeffekt hat sich also kaum etwas geändert. Wenn es aber zu viele Umleitungen gibt, dann fährt man plötzlich nicht mehr auf der eigentlichen Straße, sondern eben nur mehr auf diesen Umleitungen und dann hat sich die Geschichte geändert.“
Würden wir das merken?“, fragte Sarina.
Ja, würden wir... ungefähr...“, begann Juliette, bevor sie stoppte und einen komplett neuen Satz anfing. „Wir sollte aber so handeln, als würden wir es nicht tun und ausgelöscht werden.“
Wir werden ausgelöscht?“, fragte Sarina entsetzt.
Nein, werden wir nicht“, sagte Miriam beruhigend. „Juliette sieht nur die Zeitlinie etwas strenger als wir. Aber trotzdem, wir müssen Alexander finden und ihm klarmachen, dass er die Zeit nicht verändern darf.“
Wir müssen ihm die Zeitmaschine wegnehmen“, sagte Juliette bestimmt.
Das hängt von ihm ab“, sagte Helena. Die beiden Frauen sahen sich für einige Momente stumm an, bevor Juliette den Blick senkte und fast unmerklich nickte.
Und wie finden wir ihn, wenn er überall und über... und zu jeder Zeit sein kann?“, fragte Sarina.
Gibraltar?“, schlug Juliette vor, aber Miriam schüttelte den Kopf. „Wir waren schon dort“, sagte sie. „Aber es gibt noch einen anderen Ort, wo alle Reisen aufgezeichnet werden.“

Wie, glauben sie, haben mich meine Mütter gefunden?“, fragte Herr Tuniak. Er stellte die Frage mit einem Lächeln, das mich überzeugte, dass die Antwort viel einfacher war, als sämtliche komplizierte Lösungen, die mir durch den Kopf gingen.
Mit Hilfe der Änderungen, die Sarina gefunden hat?“, fragte ich.
Nein, viel einfacher“, sagte Herr Tuniak. „Die Zeitmaschine speichert alle Daten zu jeder Reise, die sie je gemacht hat. Wie ein Internet-Browser kann man genau nachsehen, wann sie wo gewesen ist.“
Oh, und deswegen mussten ihre Mütter auch Juliette treffen“, erkannte ich. „Weil sie die Zeitmaschine von ihnen bekommen hatte und all ihre Reisen damit bereits in der Vergangenheit lagen.“ Es war wirklich viel einfacher, als ich erwartet hatte.
Meine Mütter und Juliette... und Sarina, Sarina war auch dabei... sie fanden Alice und mich in der Nähe eines Dorfes in Persien.“

Die Sonne war bereits vor einiger Zeit untergegangen und Alexander registrierte wieder einmal mit Verwunderung wie schnell die Luft in der Wüste sich in der Nacht abkühlte. Aber seine Aufmerksamkeit war auf die beiden Zeitmaschinen gerichtet, die nur wenige Meter vor ihm und Alice aus dem Nichts erschienen waren. Er bemerkte auch sofort, dass sie ihren Weg zu ihrer Zeitmaschine blockierten. Weglaufen war unmöglich, aber das wollte er auch nicht. Er hatte gewusst, dass er früher oder später auf seine Mütter treffen würde. Vielleicht nicht bewusst, aber sicherlich unbewusst.
Die Zeitmaschinen öffneten sich und Helena, Miriam und Sarina stiegen aus der einen, Juliette aus der anderen. Niemand sagte etwas. Keiner wusste so recht, was er oder sie sagen sollte.
Was denkst du, was du machst?“, fragte Juliette schließlich scharf.
Die Welt verbessern“, antwortete Alice in genau dem gleichen Tonfall. „Etwas, das ihr eigentlich auch tun solltet.“
Ihr riskiert genau das Gegenteil“, sagte Juliette. Sie wollte noch mehr sagen, aber Miriam legte ihr eine Hand auf die Schulter und fragte stattdessen: „Was ist euer Ziel?“
Den technologischen Fortschritt zu beschleunigen“, sagte Alexander. „Dinge, wie das Mittelalter in Europa haben die Menschen aufgehalten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde das elektrische Licht eingeführt, es hätte schon Jahrhunderte vorher geschehen können.“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Wo liegt die Gefahr darin?“
Warst du je in der Zukunft?“, fragte Helena. „Im vierundzwanzigsten Jahrhundert?“
Alexander nickte. Als er erfahren hatte, dass seine Mütter nie weiter gereist waren, als zu dieser Zeit, hatte er sofort erfahren wollen, was sie dort gefunden hatten. Was hatten sie dazu gebracht, Reisen in die entferntere Zukunft zu unterlassen?
Weißt du auch, was du gesehen hast?“, fragte Miriam.
Ich glaube schon“, sagte Alexander. „Aber es ist nichts, was unsere Veränderungen gefährden würden. Im Gegenteil: Wir beschleunigen...“
Es darf nichts beschleunigt werden!“, fuhr Juliette dazwischen.
Worum geht es?“, fragte Alice verwirrt.
Helena sah sie nachdenklich an, bevor sie sagte: „Es gibt Dinge, die werden im Lauf der Geschichte immer passieren.“ Sie deutete auf den zunehmenden Mond, der am Himmel zu sehen war. „Menschen werden immer zum Mond reisen. Egal, wie sehr sich die Geschichte verändert. Sie werden immer den Mond am Himmel sehen, sie werden sich immer Geschichten über den Mond erzählen und sie werden deswegen auch immer so lange versuchen ihn zu erreichen, bis sie es geschafft haben.“
Die erste Geschichte über eine Reise zu den Sternen wurde schon im alten Rom geschrieben“, fuhr Miriam fort. „Es hat danach fast zweitausend Jahre gedauert, aber schließlich landeten Menschen am Mond. Gerade du musst doch wissen, was für eine Macht Geschichten haben.“
Alice nickte. „Sobald einmal etwas erzählt ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Realität wird“, sagte sie. Es klang, als würde sie ein Zitat wiederholen, das sie vor langer Zeit einmal gehört hatte.
Manche Dinge werden immer passieren, das Einzige, was sich ändert, ist, warum sie passieren“, nahm Helena die Erklärung wieder auf. „In deiner Zukunft wird es wieder so ein Ereignis geben. Ein Ereignis, das die ganze Welt für immer verändern wird. Wenn es aus den falschen Gründen passiert, werden die Menschen danach wie in der Hölle leben. Wenn es aus den richtigen Gründen passiert, wie im Paradies. Im Moment passiert es noch aus den richtigen Gründen.“
Aber wenn du der Menschheit hilfst und ihr nicht erlaubst Fehler zu machen, wird sie gewisse Dinge nie lernen... und manche Dinge nie fürchten“, sagte Miriam.
Alexander wollte etwas erwidern, aber Zweifel waren in ihm geweckt worden. „Aber ich habe schon früher Dinge verändert“, sagte er. „Als ich Photograph wurde, habe ich...“
Wir haben damals genau aufgepasst, was du getan hast“, sagte Helena.


Ich sitze vor meinem Computer und lese diesen Eintrag noch einmal durch. Ich bin unzufrieden. Ich weiß, dass das Gespräch in der Wüste anders verlaufen sein muss, dass ich nur einen Teil davon wiedergegeben habe. Ich weiß auch, was fehlt. Um zu verstehen, warum Herr Tuniak schließlich aufgehört hat die Zeit zu verändern, muss ich wissen, was er in der Zukunft gesehen hat.
Das liegt auch in ihrer Zukunft“, hat Herr Tuniak geantwortet, als ich ihn um mehr Informationen gefragt habe. „Ich bin mir nicht sicher, dass ich es ihnen sagen soll.“
Aber es scheint ein wichtiger Teil ihrer Geschichte zu sein“, habe ich gesagt.
Herr Tuniak hat zugegeben, dass ich damit Recht habe. „Vielleicht werde ich es ihnen doch noch sagen“, hat er dann gesagt. „Aber nicht heute. Ich muss darüber nachdenken.“
Als ich schon bei der Tür war und fast sein Büro verlassen hatte, rief er mir nach: „Wenn ich ihnen erzähle, was in der Zukunft geschehen wird – und ich verspreche nicht, dass ich es tun werde – aber wenn ich es tue, werde ich erst sagen, wenn wir uns das letzte Mal sehen.“



NÄCHSTE WOCHE
Vous interdisez les erreurs vous empêchez ainsi la victoire.

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