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Immanuel Kant
„Sarina
hatte es natürlich nicht leicht, meine Mütter zu finden“,
erzählte Herr Tuniak. „Seit ich von Leviathan weggezogen war, war
auch ihre Anwesenheit dort seltener geworden. Aber es war immer noch
der wahrscheinlichste Ort, an dem sie sie finden konnte, also kehrte
sie zurück zu der Insel.“
„Sie
haben bereits erklärt, dass es sehr schwierig ist einen
Zeitreisenden zu finden“, sagte ich. „Wie haben ihre Mütter
schließlich sie gefunden?“
„Eines
nach dem anderen“, sagte er. „Sarina verbrachte die Zeit
natürlich nicht untätig auf der Insel. Sie hatte sich so viele
Bücher über Geschichte, vergangene Kulturen und Erfindungen
mitgenommen, dass sie die ganze Zeit – sie musste etwa drei Wochen
auf meine Mütter warten – mit Lesen verbrachte.“
„Wozu?“
„Sie
wollte versuchen herauszufinden, was ich noch alles verändert
hatte“, erklärte Herr Tuniak.
„Ist
das überhaupt möglich?“, fragte ich. „Außer diesem einen Buch
über Polynesien hatte sie doch keine anderen Informationen über...
die ursprüngliche Geschichte, oder?“
„Nein,
hatte sie nicht“, stimmte Herr Tuniak zu. „Aber sie suchte nach
Ereignisse oder Entwicklungen, die scheinbar spontan oder mit wenig
Vorarbeit entstanden waren. Erfindungen, die sich nicht wirklich
erklären ließen oder ihrer Zeit scheinbar weit voraus waren.“
„Wissen
sie, ob sie ihre Veränderungen entdeckt hat?“
„Einige.
Nicht alle und mit manche Erfindungen, für die sie mich
verantwortlich machte, hatte ich nichts zu tun, aber sie fand einige
Veränderungen heraus. Schließlich kamen meine Mütter zurück nach
Leviathan und Sarina zeigte ihnen alles, was sie herausgefunden
hatte. Meine Mütter waren schnell davon überzeugt, dass jemand mit
der Zeit herum gespielt hatte, auch wenn sie zuerst nicht glauben
wollten, dass ich es gewesen sein sollte. Aber sonst hatte niemand
einen Zeitmaschine und...“
„Doch,
Juliette“, warf ich ein. „Sie hätte doch auch für die
Veränderungen verantwortlich sein können.“
„Juliette
ist für Veränderungen in der Geschichte verantwortlich, aber... für
ganz andere“, sagte Herr Tuniak.
„Juliette
hat auch die Geschichte verändert?!“
„Ich
weiß, im Moment scheint es so, als würde jeder mit einer
Zeitmaschine mit der Geschichte spielen“, sagte Herr Tuniak. „Aber
sie versuchte nur Änderungen rückgängig zu machen.“
„Warum
treffen wir uns hier?“, fragte Sarina, als sie die Bar betreten
hatte. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie mit einem Schritt eine
Reise von tausenden Kilometern gemacht. Draußen, vor der Tür, war
Melbourne, das gerade unter einer typisch australischen Hitzewelle
litt. Hier drinnen war sie in der Antarktis. Die Bar war komplett aus
Eisblöcken gebaut. Die Tische, die Sessel, die Wände... alles Eis.
„Warum
nicht?“, fragte Miriam.
„Wir
treffen uns regelmäßig mit Juliette“, sagte Helena. „Und am
Ende machen wir uns einen Ort und einen Zeitpunkt für unser nächstes
Treffen aus.“
„Zwischen
den Treffen vergeht für uns deswegen immer unterschiedlich viel
Zeit“, fuhr Miriam fort. „Von unserer Perspektive aus gesehen,
haben wir Juliette vor zehn Tagen getroffen. Für sie werden
wahrscheinlich einige Monate vergangen sein.“
Sarina
sah, wie ihnen eine Frau, die alleine bei einem der Eistische saß,
zuwinkte. Sie hatte Juliette noch nie zuvor gesehen, wusste aber
sofort, dass es sich bei ihr um diese Frau handeln musste. Sie hatte
eigentlich erwartet jemanden zu treffen, der so alt war wie sie
selbst. Alexander hatte zumindest erzählt, dass sie ungefähr in
seinem Alter war. Aber die Frau, die sie jetzt begrüßte, war
sicherlich zehn bis fünfzehn Jahre älter als Sarina selbst.
„Ihr
seht ernst aus“, sagte Juliette, nachdem sie Sarina vorgestellt und
Getränke bestellt hatten.
„Sarina
hat etwas... Beunruhigendes entdeckt“, sagte Helena.
Sarina
berichtete von der Entdeckung der zwei Bücher und ihrem Verdacht.
Sie erzählte auch von all den anderen möglichen Diskrepanzen, die
sie in der Geschichte entdeckt zu haben glaubte. Nachdem sie geendet
hatte, schwiegen die anderen drei Frauen für eine Weile.
„Es
ist noch kein großer Schaden geschehen“, sagte Miriam schließlich.
„Wenn wir ihn finden, werden sich seine Änderungen im Lauf der
Geschichte verlieren.“
Juliette
antwortete mit einer langen Erklärung auf Französisch, die Sarina
leider nicht verstand. Juliette fiel das auch auf, aber sie stockte,
als sie versuchte, das eben Gesagte auf Englisch zu übersetzen,
weswegen Helena einsprang.
„Stell
dir die Zeit wie eine... sagen wir, wie eine Straße vor“, sagte
sie. „Was Alexander momentan macht, ist, auf dieser Straße mehrere
Umleitungen einzubauen. Diese Wege führen von dem ursprünglichen
Zeitlinie weg, aber kommen nach einiger Zeit wieder zurück. Im
Endeffekt hat sich also kaum etwas geändert. Wenn es aber zu viele
Umleitungen gibt, dann fährt man plötzlich nicht mehr auf der
eigentlichen Straße, sondern eben nur mehr auf diesen Umleitungen
und dann hat sich die Geschichte geändert.“
„Würden
wir das merken?“, fragte Sarina.
„Ja,
würden wir... ungefähr...“, begann Juliette, bevor sie stoppte
und einen komplett neuen Satz anfing. „Wir sollte aber so handeln,
als würden wir es nicht tun und ausgelöscht werden.“
„Wir
werden ausgelöscht?“, fragte Sarina entsetzt.
„Nein,
werden wir nicht“, sagte Miriam beruhigend. „Juliette sieht nur
die Zeitlinie etwas strenger als wir. Aber trotzdem, wir müssen
Alexander finden und ihm klarmachen, dass er die Zeit nicht verändern
darf.“
„Wir
müssen ihm die Zeitmaschine wegnehmen“, sagte Juliette bestimmt.
„Das
hängt von ihm ab“, sagte Helena. Die beiden Frauen sahen sich für
einige Momente stumm an, bevor Juliette den Blick senkte und fast
unmerklich nickte.
„Und
wie finden wir ihn, wenn er überall und über... und zu jeder Zeit
sein kann?“, fragte Sarina.
„Gibraltar?“,
schlug Juliette vor, aber Miriam schüttelte den Kopf. „Wir waren
schon dort“, sagte sie. „Aber es gibt noch einen anderen Ort, wo
alle Reisen aufgezeichnet werden.“
„Wie,
glauben sie, haben mich meine Mütter gefunden?“, fragte Herr
Tuniak. Er stellte die Frage mit einem Lächeln, das mich überzeugte,
dass die Antwort viel einfacher war, als sämtliche komplizierte
Lösungen, die mir durch den Kopf gingen.
„Mit
Hilfe der Änderungen, die Sarina gefunden hat?“, fragte ich.
„Nein,
viel einfacher“, sagte Herr Tuniak. „Die Zeitmaschine speichert
alle Daten zu jeder Reise, die sie je gemacht hat. Wie ein
Internet-Browser kann man genau nachsehen, wann sie wo gewesen ist.“
„Oh,
und deswegen mussten ihre Mütter auch Juliette treffen“, erkannte
ich. „Weil sie die Zeitmaschine von ihnen bekommen hatte und all
ihre Reisen damit bereits in der Vergangenheit lagen.“ Es war
wirklich viel einfacher, als ich erwartet hatte.
„Meine
Mütter und Juliette... und Sarina, Sarina war auch dabei... sie
fanden Alice und mich in der Nähe eines Dorfes in Persien.“
Die
Sonne war bereits vor einiger Zeit untergegangen und Alexander
registrierte wieder einmal mit Verwunderung wie schnell die Luft in
der Wüste sich in der Nacht abkühlte. Aber seine Aufmerksamkeit war
auf die beiden Zeitmaschinen gerichtet, die nur wenige Meter vor ihm
und Alice aus dem Nichts erschienen waren. Er bemerkte auch sofort,
dass sie ihren Weg zu ihrer Zeitmaschine blockierten. Weglaufen war
unmöglich, aber das wollte er auch nicht. Er hatte gewusst, dass er
früher oder später auf seine Mütter treffen würde. Vielleicht
nicht bewusst, aber sicherlich unbewusst.
Die
Zeitmaschinen öffneten sich und Helena, Miriam und Sarina stiegen
aus der einen, Juliette aus der anderen. Niemand sagte etwas. Keiner
wusste so recht, was er oder sie sagen sollte.
„Was
denkst du, was du machst?“, fragte Juliette schließlich scharf.
„Die
Welt verbessern“, antwortete Alice in genau dem gleichen Tonfall.
„Etwas, das ihr eigentlich auch tun solltet.“
„Ihr
riskiert genau das Gegenteil“, sagte Juliette. Sie wollte noch mehr
sagen, aber Miriam legte ihr eine Hand auf die Schulter und fragte
stattdessen: „Was ist euer Ziel?“
„Den
technologischen Fortschritt zu beschleunigen“, sagte Alexander.
„Dinge, wie das Mittelalter in Europa haben die Menschen
aufgehalten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde das elektrische Licht
eingeführt, es hätte schon Jahrhunderte vorher geschehen können.“
Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Wo liegt die Gefahr
darin?“
„Warst
du je in der Zukunft?“, fragte Helena. „Im vierundzwanzigsten
Jahrhundert?“
Alexander
nickte. Als er erfahren hatte, dass seine Mütter nie weiter gereist
waren, als zu dieser Zeit, hatte er sofort erfahren wollen, was sie
dort gefunden hatten. Was hatten sie dazu gebracht, Reisen in die
entferntere Zukunft zu unterlassen?
„Weißt
du auch, was du gesehen hast?“, fragte Miriam.
„Ich
glaube schon“, sagte Alexander. „Aber es ist nichts, was unsere
Veränderungen gefährden würden. Im Gegenteil: Wir
beschleunigen...“
„Es
darf nichts beschleunigt werden!“, fuhr Juliette dazwischen.
„Worum
geht es?“, fragte Alice verwirrt.
Helena
sah sie nachdenklich an, bevor sie sagte: „Es gibt Dinge, die
werden im Lauf der Geschichte immer passieren.“ Sie deutete auf den
zunehmenden Mond, der am Himmel zu sehen war. „Menschen werden
immer zum Mond reisen. Egal, wie sehr sich die Geschichte verändert.
Sie werden immer den Mond am Himmel sehen, sie werden sich immer
Geschichten über den Mond erzählen und sie werden deswegen auch
immer so lange versuchen ihn zu erreichen, bis sie es geschafft
haben.“
„Die
erste Geschichte über eine Reise zu den Sternen wurde schon im alten
Rom geschrieben“, fuhr Miriam fort. „Es hat danach fast
zweitausend Jahre gedauert, aber schließlich landeten Menschen am
Mond. Gerade du musst doch wissen, was für eine Macht Geschichten
haben.“
Alice
nickte. „Sobald einmal etwas erzählt ist, ist es nur eine Frage
der Zeit, bis es Realität wird“, sagte sie. Es klang, als würde
sie ein Zitat wiederholen, das sie vor langer Zeit einmal gehört
hatte.
„Manche
Dinge werden immer passieren, das Einzige, was sich ändert, ist,
warum sie passieren“, nahm Helena die Erklärung wieder auf. „In
deiner Zukunft wird es wieder so ein Ereignis geben. Ein Ereignis,
das die ganze Welt für immer verändern wird. Wenn es aus den
falschen Gründen passiert, werden die Menschen danach wie in der
Hölle leben. Wenn es aus den richtigen Gründen passiert, wie im
Paradies. Im Moment passiert es noch aus den richtigen Gründen.“
„Aber
wenn du der Menschheit hilfst und ihr nicht erlaubst Fehler zu
machen, wird sie gewisse Dinge nie lernen... und manche Dinge nie
fürchten“, sagte Miriam.
Alexander
wollte etwas erwidern, aber Zweifel waren in ihm geweckt worden.
„Aber ich habe schon früher Dinge verändert“, sagte er. „Als
ich Photograph wurde, habe ich...“
„Wir
haben damals genau aufgepasst, was du getan hast“, sagte Helena.
Ich
sitze vor meinem Computer und lese diesen Eintrag noch einmal durch.
Ich bin unzufrieden. Ich weiß, dass das Gespräch in der Wüste
anders verlaufen sein muss, dass ich nur einen Teil davon
wiedergegeben habe. Ich weiß auch, was fehlt. Um zu verstehen, warum
Herr Tuniak schließlich aufgehört hat die Zeit zu verändern, muss
ich wissen, was er in der Zukunft gesehen hat.
„Das
liegt auch in ihrer Zukunft“, hat Herr Tuniak geantwortet, als ich
ihn um mehr Informationen gefragt habe. „Ich bin mir nicht sicher,
dass ich es ihnen sagen soll.“
„Aber
es scheint ein wichtiger Teil ihrer Geschichte zu sein“, habe ich
gesagt.
Herr
Tuniak hat zugegeben, dass ich damit Recht habe. „Vielleicht werde
ich es ihnen doch noch sagen“, hat er dann gesagt. „Aber nicht
heute. Ich muss darüber nachdenken.“
Als
ich schon bei der Tür war und fast sein Büro verlassen hatte, rief
er mir nach: „Wenn ich ihnen erzähle, was in der Zukunft geschehen
wird – und ich verspreche nicht, dass ich es tun werde – aber
wenn ich es tue, werde ich erst sagen, wenn wir uns das letzte Mal
sehen.“
NÄCHSTE
WOCHE
Vous
interdisez les erreurs vous empêchez ainsi la victoire.
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