(Wenn Sie Niederlagen nicht zulassen, verhindern Sie auch Siege.)
- Antoine de
Saint-Exupéry
„Citadelle“
„Nach dem Gespräch in
der Wüste mit meinen Müttern war mir klar geworden, dass ich nicht
länger mit der Geschichte herumspielen durfte“, sagte Herr Tuniak.
„Ein Gespräch?“,
fragte ich. „Es gab nur dieses eine Gespräch – von dem ich immer
noch nicht weiß, was genau dort gesagt wurde – und sie haben
komplett ihre Meinung geändert?“ Ich blätterte durch meine
Notizen. „All die Veränderungen, für die sie verantwortlich sind,
all das... Von ihrer Perspektive aus müssen mehrere Jahre vergangen
sein, bis ihre Mütter sie fanden. Jahre, in denen sie von der
Richtigkeit ihres Vorhabens überzeugt waren. Und sie haben selbst
gesagt und Madame Debarou hierher eingeladen, um es zu bezeugen, dass
sie damals sehr von sich selbst und der Richtigkeit ihrer Meinungen
überzeugt waren. Und jetzt sagen sie, dass es nur dieses einen
Gesprächs bedurfte, um sie vom Gegenteil zu überzeugen?“
„Erstens: Ich konnte
sehr überheblich sein damals, das weiß ich. Aber nie gegenüber
meinen Müttern oder Juliette“, sagte Herr Tuniak. „Oder Philip.
Diesen vier Personen vertraute ich in allen Dingen... was die Natur
der Zeit und den Verlauf der Geschichte sogar mehr als mir selbst.“
„Und zweitens?“
„Zweitens war es nicht
ganz so einfach und schnell, wie sie vielleicht glauben“, sagte
Herr Tuniak. „Vor allem Alice wollte nicht damit aufhören.“
„Glaubst du das alles,
was sie gesagt haben?“, fragte Alice ruhig.
„Ich muss es nicht
glauben, ich weiß es“, antwortete Alexander.
„Oh ja, die
geheimnisvolle Zukunft“, sagte Alice. „Wieso hast du sie mir nie
gezeigt?“
Alexander zuckte mit den
Schultern. Sie saßen auf der Spitze einer Sanddüne und sahen nach
Osten, wo der Himmel langsam begann rötlich zu leuchten. Der
Sonnenaufgang war nicht mehr fern. Hinter ihnen standen die drei
Zeitmaschinen. Alice und Alexander hatten sich etwas Privatsphäre
erbeten, damit sie miteinander reden konnten. Juliette hatte ablehnen
wollen, war aber von Helena und Miriam überstimmt worden. Sarina
hatte sich aus der ganzen Diskussion heraus gehalten. Sie war nur
eine stille Beobachterin und schien mit dieser Rolle auch zufrieden
zu sein.
„Ich kann sie dir gerne
zeigen, aber es könnte dich... erschrecken“, sagte er schließlich.
„Nach all den Reisen,
die wir gemacht haben?“, fragte Alice.
„Die wenigsten gingen
weiter als das einundzwanzigste Jahrhundert“, erinnerte sie
Alexander. „Meine Mütter haben Recht. Wenn wir einen Fehler
machen... und wir haben bereits Fehler gemacht...“
„...aber sie stets
wieder korrigieren können“, warf Alice ein.
„Ja, aber wie oft
können wir das noch machen?“, fragte Alexander. „Falls es dir
nicht aufgefallen ist: Nur weil wir durch die Zeit reisen können,
heißt das nicht, dass wir nicht altern.“
„Oh, ich weiß, ich
habe schon meine ersten grauen Haare entdeckt“, scherzte sie, aber
keinen von beiden war nach Lachen zu Mute.
„Auch wir werden irgend
wann zu alt sein, um zu reisen“, nahm Alexander den Gedanken wieder
auf. „Irgend wann werden wir zu alt sein, um unsere Fehler zu
korrigieren und was dann?“
„Bis es so weit ist
wird noch viel Zeit vergehen“, sagte Alice. „Das ist nicht der
Grund.“
„Meine Mütter könnten
uns jederzeit aufhalten.“
„Auch das würde dich
nicht wirklich stoppen. Ich bin sogar überzeugt, wenn du es gewollt
hättest, hätten sie uns nie gefunden“, sagte Alice. „Wolltest
du gestoppt werden, weil du Angst hast zu scheitern?“
„Wir sind gescheitert“,
sagte Alexander. „Wir wollten die Geschichte umschreiben und haben
nicht mehr als ein paar Details verändert.“
„Aber wenn du jetzt
aufhörst, kannst du immer noch sagen, dass du Erfolg gehabt hättest,
wenn dich deine Mütter nicht aufgehalten hätten“, sagte Alice.
„Was bringt es mir
diese... Idee... Illusion zu haben?“
Alice musterte ihn
nachdenklich. „Habe ich dir je von Sean Kingsleigh erzählt?“
„Ich glaube... War er
Sekretär bei der Hörbuch-Firma, bei der du gearbeitet hast?“
„Ja“, bestätigte
Alice. „Ich habe ihn nicht gut gekannt, aber ich bin ein paar Mal
mit ihm ins Gespräch gekommen. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er,
weil er jeden Tag mit Autoren in Kontakt kommt, nicht Lust hat auch
ein Buch zu schreiben. Er hat gesagt, dass er das schon getan hat und
es bei ihm zu Hause in der Schublade liegt. Er hat ein fertiges
Manuskript, aber es nie jemanden gezeigt. Ich habe ihn gefragt, warum
nicht. Er hat gesagt, dass, so lange das Manuskript bei ihm ist,
könnte es das beste Buch sein, dass je geschrieben wurde. Wenn er es
aber jemand zeigt, dann wird aus der Möglichkeit plötzlich
Gewissheit. Und es ist viel wahrscheinlicher, dass sich dann
herausstellt, dass er nur ein durchschnittliches Buch geschrieben
hat. Aber so lange es niemand gesehen hat, ist noch alles möglich.“
„Warum hat er es dann
geschrieben?“
„Vielleicht hofft er,
dass er, wie Kafka, posthum zum Genie erklärt wird“, sagte Alice.
„Ein potentielles
Genie“, schmunzelte Alexander. „Dann sind wir potentielle...“
Ihm fiel kein passendes Wort ein.
„Warum nur
potentiell?“, fragte Alice. „Wir können...“
„Wir haben es
versucht“, sagte Alexander und legte seine Hand auf ihre. „Es hat
nicht funktioniert. Schon bevor meine Mütter uns gefunden haben. Wie
oft waren wir schon davor Glas nach China zu bringen? Ich stimme dir
zu, manche Menschen riskieren nichts, weil sie enttäuscht werden
könnten, aber ich glaube nicht, dass das auf uns zutrifft. Man muss
auch zugeben können, wenn man verloren hat.“
Sie drückte seine Hand.
„Ok“, sagte sie schließlich.
„Haben sie wirklich
gewollt, dass ihre Mütter sie finden?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht mehr“,
sagte Herr Tuniak ausweichend. „Ich habe gewusst, dass die
Zeitmaschine alle Reisen aufzeichnet, aber weiter, glaube ich, habe
ich nicht gedacht.“
„Mussten sie dann alle
Änderungen, für die sie verantwortlich waren, rückgängig machen?“
„Nein, nein, das meiste
konnten wir einfach dem Lauf der Zeit überlassen“, erklärte Herr
Tuniak. „Die meisten Dinge verliefen sich einfach, wir mussten uns
nur um wenige Sachen kümmern. Die Firmen, zum Beispiel, die wir
gegründet hatten.“
„Haben sie sie nicht
einfach aufgelöst?“, fragte ich, bevor mir selbst die Antwort
einfiel. „Nein, haben sie nicht, sonst hätte ich sie nicht in
Alaska besuchen können. Sie haben sie versteckt.“
„So kann man es sagen,
ja“, sagte Herr Tuniak. „Wir wollten sie nicht einfach auflösen.
Viele Leute arbeiteten für uns und wir hätten es als unfair
empfunden, wenn sie ohne ihre Schuld plötzlich auf der Straße
gestanden wären. Wir haben ihnen also angeboten bei der Firma zu
bleiben unter der Bedingungen, dass alles, was sie entwickeln würden,
geheim bleiben müsste. Es war keine ideale Lösung, aber ich denke,
es war das Beste, was wir machen konnten. Aber nicht alles war so
vergleichsweise einfach.“
Das Archiv war komplett
aufgeräumt. Die Schränke und Kästen waren leer, in den Schubladen
und Regalen befanden sich keine Aufzeichnungen mehr. Das ganze Haus
war, bis auf die Möbelstücke ausgeräumt worden.
Mme Debarou stand bei der
Eingangstür und blickte noch einmal die große Holzstiege hinauf.
Hier hatte sie die letzten Jahre gearbeitet und nun war keine Spur
mehr von ihrer Präsenz zu finden.
„Ich frage mich, ob es
je bekannt wird, was in diesem Haus hier passiert ist“, sagte sie
zu Alexander, der neben ihr stand. „Woran ich hier gearbeitet
habe...“
„Wie alle Geheimnisse
wird auch dieses sicher irgend wann enthüllt werden“, sagte
Alexander. Sie verließen das Haus und er sperrte die Haustür zu.
„Eine Sache noch“,
sagte Mme Debarou. „Du wolltest doch, dass ich die Lebensläufe von
allen Personen überprüfe, mit denen ihr in direkten Kontakt
getreten seid. Ich habe das hier gefunden.“ Sie gab ihm mehrere
Zettel. „Es ist die Biographie von Henry Cavendish.“
„Er ist verrückt
geworden?“, fragte Alexander. „Wegen uns?“ Es gab nur eine
Möglichkeit, das heraus zu finden.
Die Zeitmaschine landete
nicht weit von Cavendishs Haus entfernt. Sie befand sich im
achtzehnten Jahrhundert, es war ein warmer Sommerabend und Alexander
wusste, dass er den Erfinder und Wissenschafter, um diese Uhrzeit in
seinem Arbeitszimmer antreffen würde. Er betrat das Haus über eine
Treppe beim Hintereingang, die Cavendish speziell für solche
heimlichen Besuche bauen hatte lassen.
„Henry, wie geht es
dir?“ fragte Alexander besorgt.
Cavendish, der gerade in
einem Buch gelesen hatte, begrüßte ihn freundlich und schüttelte
ihm die Hand. „Danke, gut“, sagte er. „Wieso bist du so
besorgt?“
Alexander war in diesem
Moment froh, dass Cavendish einer der wenigen Leute war, denen er
seine wahre Herkunft enthüllt hatte und er deswegen offen mit ihm
sprechen konnte. „Ich habe gerade deine Biographie gelesen“,
sagte er. „Da steht, du wärst verrückt geworden.“
„Ach das“, meinte
Cavendish mit einem Lächeln. „Das ist nur Theater.“
„Du stellst dich
verrückt? Wieso?“
„Ich dachte mir, das
wäre die einfachste Möglichkeit, damit die Leute vergessen, was ich
entdeckt habe“, sagte Cavendish. „Sie werden meiner Arbeit keine
Beachtung schenken, weil sie denken, es ist nur das Hirngespinst
eines Verrückten. Und so bleibt die Geschichte unverändert.“
Alexander war wie vom
Blitz getroffen. „Ich weiß nicht, was ich sagen...“, stammelte
er. Dann: „Es tut mir Leid. Es tut mir furchtbar Leid. Wenn ich
nicht gewesen wäre, hättest du das größte Genie dieses
Jahrhunderts sein können.“
„Vielleicht, vielleicht
auch nicht“, sagte Cavendish. „Tatsache ist, dass ich dank dir
Dinge gesehen habe, die sonst noch niemand gesehen hat. Was kümmert
es mich, ob man sich in hundert Jahren noch an mich erinnert. Ich
habe nichts mehr davon.“
Alexander wusste nicht,
was er sagen sollte. „Wenn ich irgend etwas für dich tun kann...“,
begann er.
„Komm mich besuchen“,
sagte Cavendish.
„So oft ich kann“,
versprach Alexander.
„Was ist mit Mme
Debarou passiert?“, fragte ich. „Was hat sie gemacht, nachdem sie
ihr Archiv aufgelöst haben?“
„Ich habe ihr angeboten
in der Gegenwart zu bleiben, aber sie wollte in ihre Zeit zurück“,
sagte Herr Tuniak. „Sie war natürlich einige Jahre gealtert, also
erzählte sie all ihren Freunden und Bekannten, dass sie für einige
Zeit in Amerika gelebt und gearbeitet hatte. Anfang der 1930er zog
sie dann nach London. Zum Glück, kann man sagen.“
„Sie hat den Zweiten
Weltkrieg miterlebt? Sie wollte ihn nicht überspringen?“, fragte
ich.
„Nein, ganz im
Gegenteil“, sagte Herr Tuniak. „Sie war sogar aktiv daran
beteiligt, auch wenn das Jahrzehnte lang geheim bleiben musste. Sie
hat im Bletchley Park gearbeitet. Haben sie davon gehört?“
„Nein.“
„Der britische
Geheimdienst hatte dort eine Basis“, erzählte Herr Tuniak. „Sie
war eine von mehreren Kryptoanalytikern, denen es gelang den
Enigma-Code zu knacken.“
„Treffen sie sie auch
noch regelmäßig?“, fragte ich.
Herr Tuniak nickte. „Ja.
Ich besuche alle, deren Leben ich versucht habe zu ändern. Das ist
das mindeste, was ich tun kann.“
NÄCHSTE WOCHE
You can't go home
again.
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