Sonntag, 8. Juli 2012

Vous interdisez les erreurs vous empêchez ainsi la victoire.


(Wenn Sie Niederlagen nicht zulassen, verhindern Sie auch Siege.)
- Antoine de Saint-Exupéry
„Citadelle“

„Nach dem Gespräch in der Wüste mit meinen Müttern war mir klar geworden, dass ich nicht länger mit der Geschichte herumspielen durfte“, sagte Herr Tuniak.
„Ein Gespräch?“, fragte ich. „Es gab nur dieses eine Gespräch – von dem ich immer noch nicht weiß, was genau dort gesagt wurde – und sie haben komplett ihre Meinung geändert?“ Ich blätterte durch meine Notizen. „All die Veränderungen, für die sie verantwortlich sind, all das... Von ihrer Perspektive aus müssen mehrere Jahre vergangen sein, bis ihre Mütter sie fanden. Jahre, in denen sie von der Richtigkeit ihres Vorhabens überzeugt waren. Und sie haben selbst gesagt und Madame Debarou hierher eingeladen, um es zu bezeugen, dass sie damals sehr von sich selbst und der Richtigkeit ihrer Meinungen überzeugt waren. Und jetzt sagen sie, dass es nur dieses einen Gesprächs bedurfte, um sie vom Gegenteil zu überzeugen?“
„Erstens: Ich konnte sehr überheblich sein damals, das weiß ich. Aber nie gegenüber meinen Müttern oder Juliette“, sagte Herr Tuniak. „Oder Philip. Diesen vier Personen vertraute ich in allen Dingen... was die Natur der Zeit und den Verlauf der Geschichte sogar mehr als mir selbst.“
„Und zweitens?“
„Zweitens war es nicht ganz so einfach und schnell, wie sie vielleicht glauben“, sagte Herr Tuniak. „Vor allem Alice wollte nicht damit aufhören.“

„Glaubst du das alles, was sie gesagt haben?“, fragte Alice ruhig.
„Ich muss es nicht glauben, ich weiß es“, antwortete Alexander.
„Oh ja, die geheimnisvolle Zukunft“, sagte Alice. „Wieso hast du sie mir nie gezeigt?“
Alexander zuckte mit den Schultern. Sie saßen auf der Spitze einer Sanddüne und sahen nach Osten, wo der Himmel langsam begann rötlich zu leuchten. Der Sonnenaufgang war nicht mehr fern. Hinter ihnen standen die drei Zeitmaschinen. Alice und Alexander hatten sich etwas Privatsphäre erbeten, damit sie miteinander reden konnten. Juliette hatte ablehnen wollen, war aber von Helena und Miriam überstimmt worden. Sarina hatte sich aus der ganzen Diskussion heraus gehalten. Sie war nur eine stille Beobachterin und schien mit dieser Rolle auch zufrieden zu sein.
„Ich kann sie dir gerne zeigen, aber es könnte dich... erschrecken“, sagte er schließlich.
„Nach all den Reisen, die wir gemacht haben?“, fragte Alice.
„Die wenigsten gingen weiter als das einundzwanzigste Jahrhundert“, erinnerte sie Alexander. „Meine Mütter haben Recht. Wenn wir einen Fehler machen... und wir haben bereits Fehler gemacht...“
„...aber sie stets wieder korrigieren können“, warf Alice ein.
„Ja, aber wie oft können wir das noch machen?“, fragte Alexander. „Falls es dir nicht aufgefallen ist: Nur weil wir durch die Zeit reisen können, heißt das nicht, dass wir nicht altern.“
„Oh, ich weiß, ich habe schon meine ersten grauen Haare entdeckt“, scherzte sie, aber keinen von beiden war nach Lachen zu Mute.
„Auch wir werden irgend wann zu alt sein, um zu reisen“, nahm Alexander den Gedanken wieder auf. „Irgend wann werden wir zu alt sein, um unsere Fehler zu korrigieren und was dann?“
„Bis es so weit ist wird noch viel Zeit vergehen“, sagte Alice. „Das ist nicht der Grund.“
„Meine Mütter könnten uns jederzeit aufhalten.“
„Auch das würde dich nicht wirklich stoppen. Ich bin sogar überzeugt, wenn du es gewollt hättest, hätten sie uns nie gefunden“, sagte Alice. „Wolltest du gestoppt werden, weil du Angst hast zu scheitern?“
„Wir sind gescheitert“, sagte Alexander. „Wir wollten die Geschichte umschreiben und haben nicht mehr als ein paar Details verändert.“
„Aber wenn du jetzt aufhörst, kannst du immer noch sagen, dass du Erfolg gehabt hättest, wenn dich deine Mütter nicht aufgehalten hätten“, sagte Alice.
„Was bringt es mir diese... Idee... Illusion zu haben?“
Alice musterte ihn nachdenklich. „Habe ich dir je von Sean Kingsleigh erzählt?“
„Ich glaube... War er Sekretär bei der Hörbuch-Firma, bei der du gearbeitet hast?“
„Ja“, bestätigte Alice. „Ich habe ihn nicht gut gekannt, aber ich bin ein paar Mal mit ihm ins Gespräch gekommen. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er, weil er jeden Tag mit Autoren in Kontakt kommt, nicht Lust hat auch ein Buch zu schreiben. Er hat gesagt, dass er das schon getan hat und es bei ihm zu Hause in der Schublade liegt. Er hat ein fertiges Manuskript, aber es nie jemanden gezeigt. Ich habe ihn gefragt, warum nicht. Er hat gesagt, dass, so lange das Manuskript bei ihm ist, könnte es das beste Buch sein, dass je geschrieben wurde. Wenn er es aber jemand zeigt, dann wird aus der Möglichkeit plötzlich Gewissheit. Und es ist viel wahrscheinlicher, dass sich dann herausstellt, dass er nur ein durchschnittliches Buch geschrieben hat. Aber so lange es niemand gesehen hat, ist noch alles möglich.“
„Warum hat er es dann geschrieben?“
„Vielleicht hofft er, dass er, wie Kafka, posthum zum Genie erklärt wird“, sagte Alice.
„Ein potentielles Genie“, schmunzelte Alexander. „Dann sind wir potentielle...“ Ihm fiel kein passendes Wort ein.
„Warum nur potentiell?“, fragte Alice. „Wir können...“
„Wir haben es versucht“, sagte Alexander und legte seine Hand auf ihre. „Es hat nicht funktioniert. Schon bevor meine Mütter uns gefunden haben. Wie oft waren wir schon davor Glas nach China zu bringen? Ich stimme dir zu, manche Menschen riskieren nichts, weil sie enttäuscht werden könnten, aber ich glaube nicht, dass das auf uns zutrifft. Man muss auch zugeben können, wenn man verloren hat.“
Sie drückte seine Hand. „Ok“, sagte sie schließlich.

„Haben sie wirklich gewollt, dass ihre Mütter sie finden?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht mehr“, sagte Herr Tuniak ausweichend. „Ich habe gewusst, dass die Zeitmaschine alle Reisen aufzeichnet, aber weiter, glaube ich, habe ich nicht gedacht.“
„Mussten sie dann alle Änderungen, für die sie verantwortlich waren, rückgängig machen?“
„Nein, nein, das meiste konnten wir einfach dem Lauf der Zeit überlassen“, erklärte Herr Tuniak. „Die meisten Dinge verliefen sich einfach, wir mussten uns nur um wenige Sachen kümmern. Die Firmen, zum Beispiel, die wir gegründet hatten.“
„Haben sie sie nicht einfach aufgelöst?“, fragte ich, bevor mir selbst die Antwort einfiel. „Nein, haben sie nicht, sonst hätte ich sie nicht in Alaska besuchen können. Sie haben sie versteckt.“
„So kann man es sagen, ja“, sagte Herr Tuniak. „Wir wollten sie nicht einfach auflösen. Viele Leute arbeiteten für uns und wir hätten es als unfair empfunden, wenn sie ohne ihre Schuld plötzlich auf der Straße gestanden wären. Wir haben ihnen also angeboten bei der Firma zu bleiben unter der Bedingungen, dass alles, was sie entwickeln würden, geheim bleiben müsste. Es war keine ideale Lösung, aber ich denke, es war das Beste, was wir machen konnten. Aber nicht alles war so vergleichsweise einfach.“

Das Archiv war komplett aufgeräumt. Die Schränke und Kästen waren leer, in den Schubladen und Regalen befanden sich keine Aufzeichnungen mehr. Das ganze Haus war, bis auf die Möbelstücke ausgeräumt worden.
Mme Debarou stand bei der Eingangstür und blickte noch einmal die große Holzstiege hinauf. Hier hatte sie die letzten Jahre gearbeitet und nun war keine Spur mehr von ihrer Präsenz zu finden.
„Ich frage mich, ob es je bekannt wird, was in diesem Haus hier passiert ist“, sagte sie zu Alexander, der neben ihr stand. „Woran ich hier gearbeitet habe...“
„Wie alle Geheimnisse wird auch dieses sicher irgend wann enthüllt werden“, sagte Alexander. Sie verließen das Haus und er sperrte die Haustür zu.
„Eine Sache noch“, sagte Mme Debarou. „Du wolltest doch, dass ich die Lebensläufe von allen Personen überprüfe, mit denen ihr in direkten Kontakt getreten seid. Ich habe das hier gefunden.“ Sie gab ihm mehrere Zettel. „Es ist die Biographie von Henry Cavendish.“
„Er ist verrückt geworden?“, fragte Alexander. „Wegen uns?“ Es gab nur eine Möglichkeit, das heraus zu finden.

Die Zeitmaschine landete nicht weit von Cavendishs Haus entfernt. Sie befand sich im achtzehnten Jahrhundert, es war ein warmer Sommerabend und Alexander wusste, dass er den Erfinder und Wissenschafter, um diese Uhrzeit in seinem Arbeitszimmer antreffen würde. Er betrat das Haus über eine Treppe beim Hintereingang, die Cavendish speziell für solche heimlichen Besuche bauen hatte lassen.
„Henry, wie geht es dir?“ fragte Alexander besorgt.
Cavendish, der gerade in einem Buch gelesen hatte, begrüßte ihn freundlich und schüttelte ihm die Hand. „Danke, gut“, sagte er. „Wieso bist du so besorgt?“
Alexander war in diesem Moment froh, dass Cavendish einer der wenigen Leute war, denen er seine wahre Herkunft enthüllt hatte und er deswegen offen mit ihm sprechen konnte. „Ich habe gerade deine Biographie gelesen“, sagte er. „Da steht, du wärst verrückt geworden.“
„Ach das“, meinte Cavendish mit einem Lächeln. „Das ist nur Theater.“
„Du stellst dich verrückt? Wieso?“
„Ich dachte mir, das wäre die einfachste Möglichkeit, damit die Leute vergessen, was ich entdeckt habe“, sagte Cavendish. „Sie werden meiner Arbeit keine Beachtung schenken, weil sie denken, es ist nur das Hirngespinst eines Verrückten. Und so bleibt die Geschichte unverändert.“
Alexander war wie vom Blitz getroffen. „Ich weiß nicht, was ich sagen...“, stammelte er. Dann: „Es tut mir Leid. Es tut mir furchtbar Leid. Wenn ich nicht gewesen wäre, hättest du das größte Genie dieses Jahrhunderts sein können.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagte Cavendish. „Tatsache ist, dass ich dank dir Dinge gesehen habe, die sonst noch niemand gesehen hat. Was kümmert es mich, ob man sich in hundert Jahren noch an mich erinnert. Ich habe nichts mehr davon.“
Alexander wusste nicht, was er sagen sollte. „Wenn ich irgend etwas für dich tun kann...“, begann er.
„Komm mich besuchen“, sagte Cavendish.
„So oft ich kann“, versprach Alexander.

„Was ist mit Mme Debarou passiert?“, fragte ich. „Was hat sie gemacht, nachdem sie ihr Archiv aufgelöst haben?“
„Ich habe ihr angeboten in der Gegenwart zu bleiben, aber sie wollte in ihre Zeit zurück“, sagte Herr Tuniak. „Sie war natürlich einige Jahre gealtert, also erzählte sie all ihren Freunden und Bekannten, dass sie für einige Zeit in Amerika gelebt und gearbeitet hatte. Anfang der 1930er zog sie dann nach London. Zum Glück, kann man sagen.“
„Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt? Sie wollte ihn nicht überspringen?“, fragte ich.
„Nein, ganz im Gegenteil“, sagte Herr Tuniak. „Sie war sogar aktiv daran beteiligt, auch wenn das Jahrzehnte lang geheim bleiben musste. Sie hat im Bletchley Park gearbeitet. Haben sie davon gehört?“
„Nein.“
„Der britische Geheimdienst hatte dort eine Basis“, erzählte Herr Tuniak. „Sie war eine von mehreren Kryptoanalytikern, denen es gelang den Enigma-Code zu knacken.“
„Treffen sie sie auch noch regelmäßig?“, fragte ich.
Herr Tuniak nickte. „Ja. Ich besuche alle, deren Leben ich versucht habe zu ändern. Das ist das mindeste, was ich tun kann.“



NÄCHSTE WOCHE
You can't go home again.

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