Sonntag, 22. Juli 2012

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.


- Albert Einstein


„Die einfachste Art herauszufinden, was meine Freunde taten, war nach Leviathan zurück zukehren“, erklärte Herr Tuniak. „Praktisch alle Schüler bleiben ihr Leben lang in Kontakt mit der Insel, viele kommen sie auch immer wieder besuchen.“
„Begleitete Alice sie dabei?“, fragte ich.
Herr Tuniak zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Ja, wir gingen gemeinsam nach Leviathan, aber dort trennten wir uns. Sie blieb für einige Jahre dort und begann selbst zu unterrichten.“

Juan und Alexander gingen gemeinsam am Strand der Insel entlang. Am Horizont konnten sie große Wolkentürme sehen, in der Nacht würde es wahrscheinlich ein Gewitter geben.
„Du bist alt geworden, was hast du all die Jahre gemacht?“, wollte Juan wissen.
Alexander sah ihn überrascht an. „Haben meine Mütter es dir nicht erzählt? Oder Sarina?“
„Nein, hätten sie das?“, fragte Juan.
Alexander schüttelte den Kopf. Für kurze Zeit überlegte er, ob er lügen und verheimlichen sollte, was Alice und er in den letzten Jahren gemacht hatten. Aber gleichzeitig wusste er auch, dass Juan ihn nie deswegen verurteilen würde und erzählte ihm alles. Das einzige, was er nicht erwähnte, war, dass Alice ihm dabei geholfen hatte, als er versucht hatte die Geschichte zu verändern. Wenn sie wollte, würde sie es Juan erzählen, aber Alexander hatte kein Recht dazu, ihr diese Entscheidung abzunehmen. Vor allem nicht, weil ihm die gleiche Möglichkeit gegeben worden war.
„Und was jetzt?“, fragte Juan, nachdem Alexander geendet hatte.
„Ich weiß nicht“, gab Alexander zu. „Ich dachte ich besuche... meine alte Klasse wieder. Weißt du, was sie alle machen?“
„Ali ist noch hier, du hast ihn ja schon gesehen. Bill kommt morgen zurück, er erledigt einige Einkäufe für mich“, begann Juan. „Mowgli hat sich ein ziemlich großes Grundstück in Indien gekauft. Er leitet dort eine Art Zoo oder etwas Ähnliches. Sarina ist in London auf der Universität... nein, warte! Sie ist dieses Monat bei einer Ausgrabung. In Kreta, glaube ich.“
„Und Cate?“
„Sie ist am Südpol.“
„Was macht sie dort?“
„Sie arbeitet jetzt für die Gemini Foundation und hilft bei einer Expedition mit, die vor sieben Monaten aufgebrochen ist, die ganze Antarktis zu durchqueren. Sie ist nicht selbst mitgereist, aber sie organisiert die Basis-Lager.“
Alexander war beeindruckt, dass Juan wirklich von jedem seiner Schüler genau wusste, wo er oder sie sich gerade befanden und was sie taten oder getan hatten. Es war einer der Gründe, warum er Leviathan immer als sein Zuhause bezeichnen würde.

„Ich muss an dieser Stelle auch noch erwähnen, dass ich Sarina nach dem Treffen in der Wüste besucht habe“, sagte Herr Tuniak.
„Sie haben sie getroffen, während sie zurück in der Villa waren?“, fragte ich.
„Nein, später“, korrigierte er mich. „Nachdem ich Alice in New York abgesetzt hatte, aber bevor ich zu dem Tempel reiste. Sarina arbeitete damals an der Universität. Sie war gerade... ich glaube Assistenz-Professorin geworden. So etwas in der Art.“

Alexander wusste nicht genau, zu welchem Zeitpunkt Sarina herausgefunden hatte, dass er versucht hatte die Zeit zu verändern. Er wusste deswegen auch nicht genau, wann sie mit seinen Müttern ihn gesucht hatte. Aber als er im Stiegenhaus der Universität hinauf in den dritten Stock ging, wo sich ihr Büro befand, schätzte er, dass – von ihrer Perspektive aus – ungefähr ein Jahr vergangen sein musste.
Er klopfte an ihre Tür. „Einen Moment bitte“, erklang es von der anderen Seite.
„Ich bin es, Alexander“, sagte er. „Du brauchst dein Kopftuch nicht aufsetzten.“
Die Tür wurde aufgesperrt und Sarina öffnete sie. „Komm herein“, sagte sie und versperrte die Tür hinter ihm wieder. Sie musste ihm nicht erklären warum. Es war klar, dass sie verhindern wollte, dass Studenten herein platzten und sie ohne ihre Kopftuch, aber dafür mit ihrem dritten Auge sahen. Ihr Büro war relativ klein, aber es bot Platz genug, für einen Schreibtisch, drei Sesseln, zwei Regale und ein Fenster.
„Wie geht es dir?“, fragte Alexander, nachdem sich beide hingesetzt hatten.
Sarina deutete auf die vielen Zetteln, die auf dem Schreibtisch lagen. „Test korrigieren. Das ist leider momentan meine Hauptaufgabe. Weißt du, als sie mir die Stelle angeboten haben, haben sie mich damit geködert, dass ich ihn Ruhe arbeiten und versuchen könnte, Linear A zu entschlüsseln.“ Linear A war eine alte Schrift, die man hauptsächlich auf der Insel Kreta verwendet hatte und über die Sarina ihre Diplomarbeit geschrieben hatte. Sie war außerdem noch nicht entschlüsselt. Niemand konnte sie lesen. „Aber wenn man den Job dann einmal hat, wird man mit tausenden administrativen Aufgaben überschwemmt. Ehrlich, ich würde die Uni besser mögen, wenn es hier keine Studenten gab.“
„Dabei warst du doch selbst noch vor kurzem eine Studentin“, sagte Alexander.
„Schon seit über zwei Jahren nicht mehr“, sagte Sarina.
„Ich könnte dir helfen“, meinte Alexander. „Mit Linear A, meine ich. Ich kann in die Vergangenheit reisen und herausfinden, was die Schriftzeichen bedeuten.“
„Nein!“, sagte Sarina sofort.
„Warum nicht?“, fragte Alexander überrascht. „Ich würde es auch niemanden sagen.“
„Neben anderen Dingen, weil ich nicht Lorbeeren für etwas bekommen will, was ich nicht getan habe“, sagte Sarina. „Was ich erreiche, will ich mir selbst verdient haben. Es gibt auch noch einen anderen Grund, aber den wirst du wahrscheinlich nicht verstehen.“ Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie hinzufügte: „Außerdem: Würdest du damit nicht wieder die Geschichte ändern?“
„Ich bin sicher, Juliette überwacht mich im Moment ganz genau und würde so etwas nicht zulassen“, sagte Alexander. „Wir können es ausprobieren.“
Sarina schüttelte den Kopf. „Ich würde Juliette nicht weiter verärgern“, sagte sie. „Weißt du, was sie tun wollte, als sie von deinen Änderungen erfuhr? Sie wollte sie nicht nur rückgängig machen, sondern deine Vergangenheit selbst ändern.“
„Sie wollte verhindern, dass ich die Änderungen überhaupt mache?“
„Ja, aber deine Mütter waren dagegen“, sagte Sarina. „Sie haben argumentiert, dass, wenn die Menschheit Fehler machen muss, aus denen sie lernen kann, dann muss das für einzelne Menschen auch gelten. Juliette hat das eingesehen, aber ich würde sie nicht provozieren.“
„Das habe ich nicht vor.“
Für einige Minuten saßen sie schweigend nebeneinander.
„Warum bist du hier?“, fragte Sarina schließlich.
„Ich... ich wollte mich verabschieden“, sagte Alexander. „Ich werde für einige Zeit weg sein... ungefähr zehn Jahre.“
„Du willst, dass wir alle wieder gleich alt sind?“, fragte Sarina lächelnd. „Damit du nicht als erster eine Brille brauchst, was?“ Sie schob einige Zetteln zur Seite und Alexander sah, dass sie eine Lesebrille verdeckt hatten. „Ich fürchte, da habe ich dich sowieso bereits geschlagen.“

„Nachdem ich auf Leviathan war, wollte ich als erstes Sarina wieder besuchen“, sagte Herr Tuniak. „Sie war mittlerweile bereits eine Professorin geworden und arbeitete bei einer Ausgrabungsstätte auf Kreta mit.“
„Kreta? Hatte sie mittlerweile schon diese alte Schrift und Sprache entschlüsselt?“, fragte ich.
„Nein, das hat bis heute noch niemand“, sagte Herr Tuniak. „Obwohl es zahlreiche Ansätze gibt und einzelne Wörter schon identifiziert wurden.“
„Können sie sie lesen?“
„Nein. Die Sprache hat man vor über dreitausend Jahren auf der Insel gesprochen. Ich war zu der Zeit nie dort.“

Sarina war mittlerweile keine Assistentin mehr, sondern beschäftigte selbst eine. Sie hieß Filipa, hatte ebenfalls auf der Insel Leviathan gelebt und sie vor drei Jahren verlassen. Gemeinsam saßen sie in einem großen Zelt und studierten alte Tonscherben. Filipa hielt las die Schriftzeichen, die sie auf den Scherben fand, vor und Sarian notierte sie auf einem ihrer Blöcke. Die Ausgrabungen waren für diesen Tag beendet und die Arbeiter waren alle nach Hause oder in ihre Zelte gegangen, weswegen es die beiden Frauen überrascht, als plötzlich jemand im Eingang ihres Zeltes erschien.
„Alexander!“, erkannte Sarina den Neuankömmling sofort.
Alexander betrat das Zelt und sie umarmten sich. Dann trat Sarina einen Schritt zurück und musterte ihn genau. „Nein“, sagte sie schließlich. „Ich sehe immer noch jünger aus. Darf ich dir Filipa vorstellen?“
Alexander wollte Filipa zur Begrüßung die Hand geben, aber Sarina schüttelte den Kopf. „Komm, lass uns draußen eine Runde spazieren gehen“, sagte sie und band sich ihr Kopftuch um. „Filipa, ich bin bald zurück, mache in der Zwischenzeit auch eine Pause.“
Als sie vor das Zelt getreten und einige Schritte gegangen waren, fragte Alexander: „Kommt sie auch von Leviathan? Ich frage, weil du dein Kopftuch nicht getragen hast.“
„Ja, tut sie“, bestätigte Sarina.
„Und warum durfte ich ihr nicht die Hand geben?“
„Sie kann keine Bewegungen sehen“, erklärte Sarina. An Alexanders Gesichtsausdruck erkannte sie, dass er nicht wusste, was er darunter verstehen sollte und deswegen sagte sie: „Stell dir vor, du siehst die Welt nur in Standbildern. Jedes Mal wenn du blinzelst, siehst du ein neues Bild. Deswegen sind Dinge wie Hände schütteln sehr schwierig für Filipa. In dem Moment, in dem sie deine Hand sieht, hast du sie ja schon wieder ein Stück weiter bewegt. Schreiben ist auch sehr schwer, aber wir machen Fortschritte.“
„Und wie geht es dir?“, fragte Alexander und deutete auf ihre Stirn. „Behauptest du immer noch, dass du in die Zukunft sehen kannst?“
„Nein, mittlerweile sehe ich in die Vergangenheit“, sagte Sarina schmunzelnd.
„Und versuchst du immer noch Linear A zu lesen?“
„Ja, und ich glaube ich mache Fortschritte“, antwortete sie. „Was hast du gemacht, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“
Alexander erzählte ihr von dem Jahr, das er gemeinsam mit Philip in einem Tempel verbracht hatte. Dann kehrten sie ins Zelt zurück, aber an Arbeit war an diesem Abend nicht mehr zu denken. Sie erinnerten sich an ihre gemeinsame Zeit auf der Insel Leviathan und Filipa begann schließlich ebenfalls zu erzählen, was sie auf der Insel alles erlebt hatte. Sie tauschten Erinnerungen aus: über Lehrer, die auf der Insel unterrichtet hatten, über Juan, über die anderen Schüler und was sich an der Schule im Laufe der Jahre alles geändert hatte. Es wurde noch eine lange Nacht.

„Sie haben ihr nicht mehr angeboten, die alte Schrift zu übersetzen“, sagte ich. „Warum nicht?“
„Weil ich inzwischen begriffen hatte, dass die Schrift nur Nebensache ist“, erklärte Herr Tuniak. „Ich weiß nicht, wie gut ich es erklären kann, aber... Sarina betrachtete Forschung, jede Art von Forschung, nicht nur als ein Weg, um neue Entdeckungen zu machen, sondern um... um das Gehirn zu trainieren. Sie argumentierte, dass das menschliche Gehirn nur deswegen zu so phantastischen Leistungen fähig ist, weil es im Laufe der Geschichte immer gefordert wurde. Wenn jemand den ersten Menschen ein Flugzeug gegeben hätte und ihnen gezeigt hätte, wie man es fliegt, hätte sie sich nie weiterentwickelt. Wir Menschen brauchen Rätsel und Aufgaben, die uns fordern, sonst stehen wir still.“
„Und wenn sie ihr diese Aufgabe weggenommen hätten, hätten sie ihr nicht einen Gefallen getan, sondern ihr eigentlich geschadet, verstehe ich das richtig?“, fragte ich. „Aber sie haben auch gesagt, dass die Schrift immer noch nicht entziffert wurde. Was also, wenn es einen unlösbare Aufgabe ist?“
„Oh, an denen wächst man am meisten.“



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