- Albert Einstein
„Die einfachste Art
herauszufinden, was meine Freunde taten, war nach Leviathan zurück
zukehren“, erklärte Herr Tuniak. „Praktisch alle Schüler
bleiben ihr Leben lang in Kontakt mit der Insel, viele kommen sie
auch immer wieder besuchen.“
„Begleitete Alice sie
dabei?“, fragte ich.
Herr Tuniak zögerte
einen Moment, bevor er antwortete. „Ja, wir gingen gemeinsam nach
Leviathan, aber dort trennten wir uns. Sie blieb für einige Jahre
dort und begann selbst zu unterrichten.“
Juan und Alexander gingen
gemeinsam am Strand der Insel entlang. Am Horizont konnten sie große
Wolkentürme sehen, in der Nacht würde es wahrscheinlich ein
Gewitter geben.
„Du bist alt geworden,
was hast du all die Jahre gemacht?“, wollte Juan wissen.
Alexander sah ihn
überrascht an. „Haben meine Mütter es dir nicht erzählt? Oder
Sarina?“
„Nein, hätten sie
das?“, fragte Juan.
Alexander schüttelte den
Kopf. Für kurze Zeit überlegte er, ob er lügen und verheimlichen
sollte, was Alice und er in den letzten Jahren gemacht hatten. Aber
gleichzeitig wusste er auch, dass Juan ihn nie deswegen verurteilen
würde und erzählte ihm alles. Das einzige, was er nicht erwähnte,
war, dass Alice ihm dabei geholfen hatte, als er versucht hatte die
Geschichte zu verändern. Wenn sie wollte, würde sie es Juan
erzählen, aber Alexander hatte kein Recht dazu, ihr diese
Entscheidung abzunehmen. Vor allem nicht, weil ihm die gleiche
Möglichkeit gegeben worden war.
„Und was jetzt?“,
fragte Juan, nachdem Alexander geendet hatte.
„Ich weiß nicht“,
gab Alexander zu. „Ich dachte ich besuche... meine alte Klasse
wieder. Weißt du, was sie alle machen?“
„Ali ist noch hier, du
hast ihn ja schon gesehen. Bill kommt morgen zurück, er erledigt
einige Einkäufe für mich“, begann Juan. „Mowgli hat sich ein
ziemlich großes Grundstück in Indien gekauft. Er leitet dort eine
Art Zoo oder etwas Ähnliches. Sarina ist in London auf der
Universität... nein, warte! Sie ist dieses Monat bei einer
Ausgrabung. In Kreta, glaube ich.“
„Und Cate?“
„Sie ist am Südpol.“
„Was macht sie dort?“
„Sie arbeitet jetzt für
die Gemini Foundation und hilft bei einer Expedition mit, die vor
sieben Monaten aufgebrochen ist, die ganze Antarktis zu durchqueren.
Sie ist nicht selbst mitgereist, aber sie organisiert die
Basis-Lager.“
Alexander war
beeindruckt, dass Juan wirklich von jedem seiner Schüler genau
wusste, wo er oder sie sich gerade befanden und was sie taten oder
getan hatten. Es war einer der Gründe, warum er Leviathan immer als
sein Zuhause bezeichnen würde.
„Ich muss an dieser
Stelle auch noch erwähnen, dass ich Sarina nach dem Treffen in der
Wüste besucht habe“, sagte Herr Tuniak.
„Sie haben sie
getroffen, während sie zurück in der Villa waren?“, fragte ich.
„Nein, später“,
korrigierte er mich. „Nachdem ich Alice in New York abgesetzt
hatte, aber bevor ich zu dem Tempel reiste. Sarina arbeitete damals
an der Universität. Sie war gerade... ich glaube
Assistenz-Professorin geworden. So etwas in der Art.“
Alexander wusste nicht
genau, zu welchem Zeitpunkt Sarina herausgefunden hatte, dass er
versucht hatte die Zeit zu verändern. Er wusste deswegen auch nicht
genau, wann sie mit seinen Müttern ihn gesucht hatte. Aber als er im
Stiegenhaus der Universität hinauf in den dritten Stock ging, wo
sich ihr Büro befand, schätzte er, dass – von ihrer Perspektive
aus – ungefähr ein Jahr vergangen sein musste.
Er klopfte an ihre Tür.
„Einen Moment bitte“, erklang es von der anderen Seite.
„Ich bin es,
Alexander“, sagte er. „Du brauchst dein Kopftuch nicht
aufsetzten.“
Die Tür wurde
aufgesperrt und Sarina öffnete sie. „Komm herein“, sagte sie und
versperrte die Tür hinter ihm wieder. Sie musste ihm nicht erklären
warum. Es war klar, dass sie verhindern wollte, dass Studenten herein
platzten und sie ohne ihre Kopftuch, aber dafür mit ihrem dritten
Auge sahen. Ihr Büro war relativ klein, aber es bot Platz genug, für
einen Schreibtisch, drei Sesseln, zwei Regale und ein Fenster.
„Wie geht es dir?“,
fragte Alexander, nachdem sich beide hingesetzt hatten.
Sarina deutete auf die
vielen Zetteln, die auf dem Schreibtisch lagen. „Test korrigieren.
Das ist leider momentan meine Hauptaufgabe. Weißt du, als sie mir
die Stelle angeboten haben, haben sie mich damit geködert, dass ich
ihn Ruhe arbeiten und versuchen könnte, Linear A zu entschlüsseln.“
Linear A war eine alte Schrift, die man hauptsächlich auf der Insel
Kreta verwendet hatte und über die Sarina ihre Diplomarbeit
geschrieben hatte. Sie war außerdem noch nicht entschlüsselt.
Niemand konnte sie lesen. „Aber wenn man den Job dann einmal hat,
wird man mit tausenden administrativen Aufgaben überschwemmt.
Ehrlich, ich würde die Uni besser mögen, wenn es hier keine
Studenten gab.“
„Dabei warst du doch
selbst noch vor kurzem eine Studentin“, sagte Alexander.
„Schon seit über zwei
Jahren nicht mehr“, sagte Sarina.
„Ich könnte dir
helfen“, meinte Alexander. „Mit Linear A, meine ich. Ich kann in
die Vergangenheit reisen und herausfinden, was die Schriftzeichen
bedeuten.“
„Nein!“, sagte Sarina
sofort.
„Warum nicht?“,
fragte Alexander überrascht. „Ich würde es auch niemanden sagen.“
„Neben anderen Dingen,
weil ich nicht Lorbeeren für etwas bekommen will, was ich nicht
getan habe“, sagte Sarina. „Was ich erreiche, will ich mir selbst
verdient haben. Es gibt auch noch einen anderen Grund, aber den wirst
du wahrscheinlich nicht verstehen.“ Sie zögerte einen Augenblick,
bevor sie hinzufügte: „Außerdem: Würdest du damit nicht wieder
die Geschichte ändern?“
„Ich bin sicher,
Juliette überwacht mich im Moment ganz genau und würde so etwas
nicht zulassen“, sagte Alexander. „Wir können es ausprobieren.“
Sarina schüttelte den
Kopf. „Ich würde Juliette nicht weiter verärgern“, sagte sie.
„Weißt du, was sie tun wollte, als sie von deinen Änderungen
erfuhr? Sie wollte sie nicht nur rückgängig machen, sondern deine
Vergangenheit selbst ändern.“
„Sie wollte verhindern,
dass ich die Änderungen überhaupt mache?“
„Ja, aber deine Mütter
waren dagegen“, sagte Sarina. „Sie haben argumentiert, dass, wenn
die Menschheit Fehler machen muss, aus denen sie lernen kann, dann
muss das für einzelne Menschen auch gelten. Juliette hat das
eingesehen, aber ich würde sie nicht provozieren.“
„Das habe ich nicht
vor.“
Für einige Minuten saßen
sie schweigend nebeneinander.
„Warum bist du hier?“,
fragte Sarina schließlich.
„Ich... ich wollte mich
verabschieden“, sagte Alexander. „Ich werde für einige Zeit weg
sein... ungefähr zehn Jahre.“
„Du willst, dass wir
alle wieder gleich alt sind?“, fragte Sarina lächelnd. „Damit du
nicht als erster eine Brille brauchst, was?“ Sie schob einige
Zetteln zur Seite und Alexander sah, dass sie eine Lesebrille
verdeckt hatten. „Ich fürchte, da habe ich dich sowieso bereits
geschlagen.“
„Nachdem ich auf
Leviathan war, wollte ich als erstes Sarina wieder besuchen“, sagte
Herr Tuniak. „Sie war mittlerweile bereits eine Professorin
geworden und arbeitete bei einer Ausgrabungsstätte auf Kreta mit.“
„Kreta? Hatte sie
mittlerweile schon diese alte Schrift und Sprache entschlüsselt?“,
fragte ich.
„Nein, das hat bis
heute noch niemand“, sagte Herr Tuniak. „Obwohl es zahlreiche
Ansätze gibt und einzelne Wörter schon identifiziert wurden.“
„Können sie sie
lesen?“
„Nein. Die Sprache hat
man vor über dreitausend Jahren auf der Insel gesprochen. Ich war zu
der Zeit nie dort.“
Sarina war mittlerweile
keine Assistentin mehr, sondern beschäftigte selbst eine. Sie hieß
Filipa, hatte ebenfalls auf der Insel Leviathan gelebt und sie vor
drei Jahren verlassen. Gemeinsam saßen sie in einem großen Zelt und
studierten alte Tonscherben. Filipa hielt las die Schriftzeichen, die
sie auf den Scherben fand, vor und Sarian notierte sie auf einem
ihrer Blöcke. Die Ausgrabungen waren für diesen Tag beendet und die
Arbeiter waren alle nach Hause oder in ihre Zelte gegangen, weswegen
es die beiden Frauen überrascht, als plötzlich jemand im Eingang
ihres Zeltes erschien.
„Alexander!“,
erkannte Sarina den Neuankömmling sofort.
Alexander betrat das Zelt
und sie umarmten sich. Dann trat Sarina einen Schritt zurück und
musterte ihn genau. „Nein“, sagte sie schließlich. „Ich sehe
immer noch jünger aus. Darf ich dir Filipa vorstellen?“
Alexander wollte Filipa
zur Begrüßung die Hand geben, aber Sarina schüttelte den Kopf.
„Komm, lass uns draußen eine Runde spazieren gehen“, sagte sie
und band sich ihr Kopftuch um. „Filipa, ich bin bald zurück, mache
in der Zwischenzeit auch eine Pause.“
Als sie vor das Zelt
getreten und einige Schritte gegangen waren, fragte Alexander: „Kommt
sie auch von Leviathan? Ich frage, weil du dein Kopftuch nicht
getragen hast.“
„Ja, tut sie“,
bestätigte Sarina.
„Und warum durfte ich
ihr nicht die Hand geben?“
„Sie kann keine
Bewegungen sehen“, erklärte Sarina. An Alexanders Gesichtsausdruck
erkannte sie, dass er nicht wusste, was er darunter verstehen sollte
und deswegen sagte sie: „Stell dir vor, du siehst die Welt nur in
Standbildern. Jedes Mal wenn du blinzelst, siehst du ein neues Bild.
Deswegen sind Dinge wie Hände schütteln sehr schwierig für Filipa.
In dem Moment, in dem sie deine Hand sieht, hast du sie ja schon
wieder ein Stück weiter bewegt. Schreiben ist auch sehr schwer, aber
wir machen Fortschritte.“
„Und wie geht es dir?“,
fragte Alexander und deutete auf ihre Stirn. „Behauptest du immer
noch, dass du in die Zukunft sehen kannst?“
„Nein, mittlerweile
sehe ich in die Vergangenheit“, sagte Sarina schmunzelnd.
„Und versuchst du immer
noch Linear A zu lesen?“
„Ja, und ich glaube ich
mache Fortschritte“, antwortete sie. „Was hast du gemacht, seit
wir uns das letzte Mal gesehen haben?“
Alexander erzählte ihr
von dem Jahr, das er gemeinsam mit Philip in einem Tempel verbracht
hatte. Dann kehrten sie ins Zelt zurück, aber an Arbeit war an
diesem Abend nicht mehr zu denken. Sie erinnerten sich an ihre
gemeinsame Zeit auf der Insel Leviathan und Filipa begann schließlich
ebenfalls zu erzählen, was sie auf der Insel alles erlebt hatte. Sie
tauschten Erinnerungen aus: über Lehrer, die auf der Insel
unterrichtet hatten, über Juan, über die anderen Schüler und was
sich an der Schule im Laufe der Jahre alles geändert hatte. Es wurde
noch eine lange Nacht.
„Sie haben ihr nicht
mehr angeboten, die alte Schrift zu übersetzen“, sagte ich. „Warum
nicht?“
„Weil ich inzwischen
begriffen hatte, dass die Schrift nur Nebensache ist“, erklärte
Herr Tuniak. „Ich weiß nicht, wie gut ich es erklären kann,
aber... Sarina betrachtete Forschung, jede Art von Forschung, nicht
nur als ein Weg, um neue Entdeckungen zu machen, sondern um... um das
Gehirn zu trainieren. Sie argumentierte, dass das menschliche Gehirn
nur deswegen zu so phantastischen Leistungen fähig ist, weil es im
Laufe der Geschichte immer gefordert wurde. Wenn jemand den ersten
Menschen ein Flugzeug gegeben hätte und ihnen gezeigt hätte, wie
man es fliegt, hätte sie sich nie weiterentwickelt. Wir Menschen
brauchen Rätsel und Aufgaben, die uns fordern, sonst stehen wir
still.“
„Und wenn sie ihr diese
Aufgabe weggenommen hätten, hätten sie ihr nicht einen Gefallen
getan, sondern ihr eigentlich geschadet, verstehe ich das richtig?“,
fragte ich. „Aber sie haben auch gesagt, dass die Schrift immer
noch nicht entziffert wurde. Was also, wenn es einen unlösbare
Aufgabe ist?“
„Oh, an denen wächst
man am meisten.“
NÄCHSTE WOCHE
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