- Titel eines Romans von
Thomas Wolfe
(dt. Titel: „Es führt
kein Weg zurück“)
Sie standen im Garten der
Villa Atterton und blickten stumm auf das große Haus. Fast zehn
Jahre waren für sie vergangen, seit sie es das letzte Mal gesehen
hatten. Zehn Jahre für sie, aber nur ein Jahr für die Villa. Und
trotzdem konnten sie kleine Unterschiede ausmachen: Änderungen bei
den Fenstern, Reparaturen am Dach, ein neues Blumenbeet im Garten.
Eine Balkontür öffnete
sich und Bill trat heraus. Er sah die beiden sofort, brauchte aber
einige Sekunden, bis er sie erkannte. „Alice? Alex?“, rief er
überrascht. „Ihr seid... alt geworden.“
„Du siehst auch gut
aus“, antwortete Alexander nach kurzem Zögern. „Wie geht es
dir?“
„Gut, gut“, meinte
Bill.
„Ist Mowgli hier?“,
fragte Alexander.
„Mowgli? Nein, der
ist... momentan müsste er noch in London sein, aber vielleicht ist
er auch schon auf dem Boot“, erzählte Bill. „Er will nach Indien
reisen.“
„Und Sarina?“, fragte
Alice.
„Sie hat eine Stelle
bei einer Ausgrabungsstätte gefunden... irgendwo in Frankreich,
glaube ich“, sagte Bill.
„Was machst du dann
noch hier?“, fragte Alexander.
Bill zuckte mit den
Schultern. „Kommt herein, die Küchentür ist offen“, sagte er
anstatt zu antworten.
„Wir waren für die
Anderen nur ungefähr ein Jahr weg gewesen, aber in diesem Jahr hatte
sich viel verändert“, erklärte Herr Tuniak. „In der Villa
wohnten jetzt andere Schülerinnen und Schüler und auch auf
Leviathan hatte die nächste Generation unsere alten Räume
übernommen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht wieder
dorthin zurück gehen hätten können, dafür hätte es immer noch
genug Platz gegeben.“
„Aber sie wollten
nicht?“, fragte ich.
„Ja... nein“,
antwortete Herr Tuniak. „Zuerst wollten wir einfach wieder zurück
gehen. Wir, Alice und ich, wir hatten geglaubt wir könnten unsere
Leben einfach dort fortsetzten, wo wir sie unterbrochen hatten. Aber
das war... das ist nicht so einfach.“
„Weil ihnen ein ganzes
Jahr fehlte... Hätten sie nicht einfach früher zurück kehren
können?“
„Das Problem war nicht,
das fehlende Jahr“, erklärte Herr Tuniak. „Das Problem war, dass
für uns viel mehr Zeit vergangen war. Wir waren nicht nur zehn Jahre
älter als alle unsere Freunde, wir hatten in diesen zehn Jahren auch
viel mehr erlebt.“ Er sah mich an. „Sie sind noch nicht alt
genug, aber sie werden es sicher auch noch erleben. Wenn sie einen
Freund für lange Zeit nicht sehen und dann begegnen sie sich
plötzlich wieder... es wird nicht mehr das Gleich sein. Sie haben
unterschiedliche Dinge erlebt, sich weiterentwickelt... im besten
Fall können sie sich gegenseitig erzählen, was sie getan haben, im
schlimmsten Fall stellen sie fest, dass sie auf einmal nichts mehr
gemeinsam haben.“
„Und so ging es ihnen?“
„Ja.“
„Wusste.. Bill und
Mowgli und die anderen... wussten sie, was sie in den zehn Jahren
getan hatten?“
„Nein, nur Sarina
wusste das genau“, sagte Herr Tuniak. „Die Anderen dachten, wir
wären einfach durch die Zeit gereist. Ohne Ziel. Einfach, um Spaß
zu haben.“
„Was taten sie dann?“
„Wir sind da“,
verkündete Alexander, als die Zeitmaschine ihre Reise beendet hatte.
„Und wo ist da?“,
fragte Alice. Zwei Wochen war vergangen, seit sie zur Villa Atterton
zurück gekehrt waren. Vierzehn Tage, in denen sie erfolglos versucht
hatten, sich dort wieder einzuleben. Sie hatten schließlich einsehen
müssen, dass zu viel Zeit für sie vergangen war und deswegen
beschlossen, wieder in die Zeitmaschine zu steigen.
„Wohin?“, hatte Alice
gefragt.
„Lass dich
überraschen“, hatte Alexander geantwortet.
Und so waren sie am
nächsten Tag wieder in die Zeitmaschine gestiegen und waren
abgereist. Der Abschied von der Villa und ihren Bewohner war ihnen
überraschend leicht gefallen.
„Schau hinaus“,
schlug Alexander vor und öffnete die Tür der Zeitmaschine.
Alice trat hinaus. Sie
waren in der Nähe einer Großstadt gelandet. Geschult von ihren
zahlreichen Zeitreisen konnte Alice innerhalb kürzester Zeit anhand
vieler kleiner Details (wie Architektur, Pflanzen, Geräusche…)
feststellen wo und wann sie sich befanden.
„Anfang, nein Mitte
zwanzigstes Jahrhundert... Amerika“, murmelte sie, während sie
überlegte. „Oh! Das dort ist New York!“
„Ja, New York, im Jahr
1946“, bestätigte Alexander. „Ich dachte mir, du willst
vielleicht jemanden hier besuchen.“
„Wen kenne ich,
der...“, begann Alice, aber dann fiel es ihr ein. „Meine Eltern“,
sagte sie, kaum hörbar.
„Ich habe Louis
gefragt“, erzählte Alexander. „Sie haben sich vor etwa einem
Jahr kennen gelernt und es wird noch ungefähr zwei Jahre dauern, bis
sie nach England ziehen.“
Alice drehte sich zu ihm
herum. „Warum?“, fragte sie nur.
„Als du mich das erste
Mal gefragt hast, warum ich nicht die Geschichte verändere, habe ich
mir gedacht, dass du nur wegen deinen Eltern fragst“, erzählte er.
„Dass du sie sehen und vielleicht sogar in die Zukunft bringen
willst. Aber du hast sie nie erwähnt. Kein einziges Mal.“
Alice schwieg für einige
Minuten, bevor sie antwortete. „Ich kann mich nicht an sie
erinnern. Aber ich habe oft an sie gedacht. Ich habe mir vorgestellt,
wer sie sind... wie sie sind. Louis hat mir natürlich von ihnen
erzählt. Mit der Zeit sind sie in meinen Vorstellungen immer
deutlicher geworden, aber ich weiß, dass es nur meine Vorstellung
von ihnen ist. Das es nicht wirklich sie sind. Dass sie in
Wirklichkeit auch ganz anders gewesen sein könnten...“
Alexander nickte. „Das
habe ich mir gedacht. Vor allem, wie du von Kingsleigh erzählt hast,
dachte ich mir, du kennst dieses Gefühl.“
Alice musste lächeln.
„Oh, das ist gut. Du verwendest meine eigenen Worte gegen mich.“
„Nicht gegen dich“,
sagte Alexander. Er hielt ein Kuvert in der Hand. „Ich habe hier
die Adresse, wo deine Eltern arbeiten. Es ist ein kleiner Zirkus, der
momentan in der Stadt gastiert. Wir können hingehen oder auch nicht.
Ich überlasse es ganz dir.“
Alice nahm das Kuvert in
die Hand. „Gehen wir“, sagte sie ohne zu zögern.
„Alice blieb dann beim
Zirkus“, erzählte Herr Tuniak. „Für zwei Jahre, bis ihre Eltern
Amerika verließen. Es war natürlich kein Ersatz für die Kindheit,
die sie nie gehabt hatte, aber zumindest lernte sie so ihre Eltern
kennen. Sie hat es auch nie bedauert.“
„Sie hat ihnen aber
nicht gesagt, dass sie ihre Tochter ist, oder?“, fragte ich.
„Nein, natürlich
nicht“, sagte Herr Tuniak.
„Waren sie auch die
ganze Zeit bei ihr?“
„Nein“, sagte Herr
Tuniak. „Ich bin weiter gereist. Wir hatten ausgemacht, dass Alice,
wenn sie abgeholt werden wollte, einen Brief an eine bestimmte
Adresse schrieb – eine Wohnung, die Philip gehörte – und ich sie
dann wieder abholen kommen würde. Sie dachte, sie würde nur ein
paar Monate bleiben, aber wie gesagt, es wurden dann zwei Jahre.“
„Und sie sind die zwei
Jahre einfach in die Zukunft gereist?“
„Das wollte ich, aber
dann stellte ich fest – und das überraschte mich selbst am meisten
– das ich für einige Zeit allein sein wollte“, sagte Herr
Tuniak. „Heute würde man wahrscheinlich sagen: Ich wollte mich
selbst finden.“ Er machte eine abfällige Handbewegung.
„Tatsächlich brauchte ich einfach Zeit zum Nachdenken. Ich konnte
die Geschichte nicht ändern und wollte es auch nicht mehr. Aber
damit verlor ich auch, was mich die Jahre davor angetrieben hatte.
Ich suchte eine neue Aufgabe.“
Philip ging mit
gleichmäßigen Schritten den Pfad entlang. Hin und wieder stütze er
sich aus Müdigkeit auf seinen Wanderstock. Er hatte einen langen Weg
hinter sich und die dünne Luft machte ihm zusätzlich zu schaffen.
Aber vor ihm lag sein Ziel, ein altes Kloster, das er regelmäßig
besuchte. Eines Tages, so dachte er sich, würde er sich selbst einen
Ort des Rückzuges bauen.
Er durchquerte die
Felder, die das Gebäude umgaben und auf denen Mönche arbeiteten. Es
waren viele Jahre vergangen, seit er das letzte Mal hier war, aber
trotzdem schien es so, als hätte die Zeit hier angehalten.
Einer der Männer auf dem
Feld hörte mit seiner Arbeit auf und kaum zu ihm.
„Alexander?“, fragte
Philip überrascht.
Der Mann nickte. „Hallo,
Philip“, begrüßte er ihn.
„Was machst du hier?“,
wollte Philip wissen.
„Ich habe einen ruhigen
Platz gesucht an dem ich nachdenken kann“, erzählte Alexander.
„Und jemand hat mir dieses Kloster hier empfohlen.“
Philip wusste sofort,
dass er selbst dieser jemand in der Zukunft sein würde. „Habe ich
dir auch gesagt, dass es kein leichtes Leben hier ist?“, fragte er.
„Das habe ich selbst
schon mitbekommen“, sagte Alexander. „Und ich bin mir nicht
sicher, wie lange mein alter Körper das hier noch mithält.“
„Wenn mein alter Körper
es aushält, dann wird das doch für dich eine Kleinigkeit sein“,
sagte Philip. „Wie alt bist du?“
„Ein wenig über
vierzig, glaube ich“, sagte Alexander. „Die Feldarbeit schaffe
ich. Es ist anstrengend, aber machbar. Und wenn es Dinge zum
Reparieren gibt, ist das auch kein Problem. Aber das
Fitness-Programm, das es hier gibt...“ Er schüttelte den Kopf.
„Jeden Tag machen wir neue Übungen. Ich bin der schlechteste in
meiner Gruppe, aber ich weiß nicht warum. Ehrlich, ich habe manchmal
das Gefühl, die Anderen lernen auch im Schlaf, anders kann ich es
mir nicht vorstellen.“
„Sie lernen im Schlaf“,
sagte Philip. „Sie können ihre Träume kontrollieren und führen
dort ihre Übungen fort. Deswegen können sie so schnell lernen. Sie
trainieren auch im Schlaf.“
„Wirklich?“
„Ja“, bestätigte
Philip. „Hat dir das keiner gesagt?“
„Ich bin seit drei
Wochen hier und habe noch Probleme mit der Sprache“, gab Alexander
zu.
„Und wie lange wirst du
hier bleiben?“
„Ich blieb fast ein
Jahr dort“, erzählte Herr Tuniak. „Es war das ruhigste Jahr, das
ich je erlebt habe. Während der ganzen Zeit, die ich dort war, habe
ich kein einziges Mal die Zeitmaschine benutzt.“
„Sie haben nicht
gesagt, wo genau dieses Kloster lag“, sagte ich. „Nicht einmal
den Kontinent.“
„Ich war vor ungefähr
zweihundert Jahren dort, es existiert heute nicht mehr“, antwortete
er.
Da er offenbar nicht
gewillt war, weitere Informationen zu dem Kloster zu enthüllen,
fragte ich stattdessen: „Und was haben sie am Ende dieses Jahres
getan?“
„Ich beschloss meine
Familie... meine Freunde wieder zu besuchen“, sagte Herr Tuniak.
„Als ich das letzte Mal zur Villa Atterton zurück gegangen war,
hatte ich erwartet, alles so vorzufinden, wie zuvor. Das war ein
Fehler gewesen. Wir alle hatten uns verändert und manche Orte kann
man auch mit einer Zeitmaschine nicht besuchen. Aber es war ein
Fehler gewesen, nicht zu versuchen, etwas Neues anzufangen. Ein
Fehler, den ich jetzt korrigieren wollte.“
NÄCHSTE WOCHE
Das Schönste, was wir
erleben können, ist das Geheimnisvolle.
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