Sonntag, 15. Juli 2012

You can't go home again.


- Titel eines Romans von Thomas Wolfe
(dt. Titel: „Es führt kein Weg zurück“)


Sie standen im Garten der Villa Atterton und blickten stumm auf das große Haus. Fast zehn Jahre waren für sie vergangen, seit sie es das letzte Mal gesehen hatten. Zehn Jahre für sie, aber nur ein Jahr für die Villa. Und trotzdem konnten sie kleine Unterschiede ausmachen: Änderungen bei den Fenstern, Reparaturen am Dach, ein neues Blumenbeet im Garten.
Eine Balkontür öffnete sich und Bill trat heraus. Er sah die beiden sofort, brauchte aber einige Sekunden, bis er sie erkannte. „Alice? Alex?“, rief er überrascht. „Ihr seid... alt geworden.“
„Du siehst auch gut aus“, antwortete Alexander nach kurzem Zögern. „Wie geht es dir?“
„Gut, gut“, meinte Bill.
„Ist Mowgli hier?“, fragte Alexander.
„Mowgli? Nein, der ist... momentan müsste er noch in London sein, aber vielleicht ist er auch schon auf dem Boot“, erzählte Bill. „Er will nach Indien reisen.“
„Und Sarina?“, fragte Alice.
„Sie hat eine Stelle bei einer Ausgrabungsstätte gefunden... irgendwo in Frankreich, glaube ich“, sagte Bill.
„Was machst du dann noch hier?“, fragte Alexander.
Bill zuckte mit den Schultern. „Kommt herein, die Küchentür ist offen“, sagte er anstatt zu antworten.

„Wir waren für die Anderen nur ungefähr ein Jahr weg gewesen, aber in diesem Jahr hatte sich viel verändert“, erklärte Herr Tuniak. „In der Villa wohnten jetzt andere Schülerinnen und Schüler und auch auf Leviathan hatte die nächste Generation unsere alten Räume übernommen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht wieder dorthin zurück gehen hätten können, dafür hätte es immer noch genug Platz gegeben.“
„Aber sie wollten nicht?“, fragte ich.
„Ja... nein“, antwortete Herr Tuniak. „Zuerst wollten wir einfach wieder zurück gehen. Wir, Alice und ich, wir hatten geglaubt wir könnten unsere Leben einfach dort fortsetzten, wo wir sie unterbrochen hatten. Aber das war... das ist nicht so einfach.“
„Weil ihnen ein ganzes Jahr fehlte... Hätten sie nicht einfach früher zurück kehren können?“
„Das Problem war nicht, das fehlende Jahr“, erklärte Herr Tuniak. „Das Problem war, dass für uns viel mehr Zeit vergangen war. Wir waren nicht nur zehn Jahre älter als alle unsere Freunde, wir hatten in diesen zehn Jahren auch viel mehr erlebt.“ Er sah mich an. „Sie sind noch nicht alt genug, aber sie werden es sicher auch noch erleben. Wenn sie einen Freund für lange Zeit nicht sehen und dann begegnen sie sich plötzlich wieder... es wird nicht mehr das Gleich sein. Sie haben unterschiedliche Dinge erlebt, sich weiterentwickelt... im besten Fall können sie sich gegenseitig erzählen, was sie getan haben, im schlimmsten Fall stellen sie fest, dass sie auf einmal nichts mehr gemeinsam haben.“
„Und so ging es ihnen?“
„Ja.“
„Wusste.. Bill und Mowgli und die anderen... wussten sie, was sie in den zehn Jahren getan hatten?“
„Nein, nur Sarina wusste das genau“, sagte Herr Tuniak. „Die Anderen dachten, wir wären einfach durch die Zeit gereist. Ohne Ziel. Einfach, um Spaß zu haben.“
„Was taten sie dann?“

„Wir sind da“, verkündete Alexander, als die Zeitmaschine ihre Reise beendet hatte.
„Und wo ist da?“, fragte Alice. Zwei Wochen war vergangen, seit sie zur Villa Atterton zurück gekehrt waren. Vierzehn Tage, in denen sie erfolglos versucht hatten, sich dort wieder einzuleben. Sie hatten schließlich einsehen müssen, dass zu viel Zeit für sie vergangen war und deswegen beschlossen, wieder in die Zeitmaschine zu steigen.
„Wohin?“, hatte Alice gefragt.
„Lass dich überraschen“, hatte Alexander geantwortet.
Und so waren sie am nächsten Tag wieder in die Zeitmaschine gestiegen und waren abgereist. Der Abschied von der Villa und ihren Bewohner war ihnen überraschend leicht gefallen.
„Schau hinaus“, schlug Alexander vor und öffnete die Tür der Zeitmaschine.
Alice trat hinaus. Sie waren in der Nähe einer Großstadt gelandet. Geschult von ihren zahlreichen Zeitreisen konnte Alice innerhalb kürzester Zeit anhand vieler kleiner Details (wie Architektur, Pflanzen, Geräusche…) feststellen wo und wann sie sich befanden.
„Anfang, nein Mitte zwanzigstes Jahrhundert... Amerika“, murmelte sie, während sie überlegte. „Oh! Das dort ist New York!“
„Ja, New York, im Jahr 1946“, bestätigte Alexander. „Ich dachte mir, du willst vielleicht jemanden hier besuchen.“
„Wen kenne ich, der...“, begann Alice, aber dann fiel es ihr ein. „Meine Eltern“, sagte sie, kaum hörbar.
„Ich habe Louis gefragt“, erzählte Alexander. „Sie haben sich vor etwa einem Jahr kennen gelernt und es wird noch ungefähr zwei Jahre dauern, bis sie nach England ziehen.“
Alice drehte sich zu ihm herum. „Warum?“, fragte sie nur.
„Als du mich das erste Mal gefragt hast, warum ich nicht die Geschichte verändere, habe ich mir gedacht, dass du nur wegen deinen Eltern fragst“, erzählte er. „Dass du sie sehen und vielleicht sogar in die Zukunft bringen willst. Aber du hast sie nie erwähnt. Kein einziges Mal.“
Alice schwieg für einige Minuten, bevor sie antwortete. „Ich kann mich nicht an sie erinnern. Aber ich habe oft an sie gedacht. Ich habe mir vorgestellt, wer sie sind... wie sie sind. Louis hat mir natürlich von ihnen erzählt. Mit der Zeit sind sie in meinen Vorstellungen immer deutlicher geworden, aber ich weiß, dass es nur meine Vorstellung von ihnen ist. Das es nicht wirklich sie sind. Dass sie in Wirklichkeit auch ganz anders gewesen sein könnten...“
Alexander nickte. „Das habe ich mir gedacht. Vor allem, wie du von Kingsleigh erzählt hast, dachte ich mir, du kennst dieses Gefühl.“
Alice musste lächeln. „Oh, das ist gut. Du verwendest meine eigenen Worte gegen mich.“
„Nicht gegen dich“, sagte Alexander. Er hielt ein Kuvert in der Hand. „Ich habe hier die Adresse, wo deine Eltern arbeiten. Es ist ein kleiner Zirkus, der momentan in der Stadt gastiert. Wir können hingehen oder auch nicht. Ich überlasse es ganz dir.“
Alice nahm das Kuvert in die Hand. „Gehen wir“, sagte sie ohne zu zögern.

„Alice blieb dann beim Zirkus“, erzählte Herr Tuniak. „Für zwei Jahre, bis ihre Eltern Amerika verließen. Es war natürlich kein Ersatz für die Kindheit, die sie nie gehabt hatte, aber zumindest lernte sie so ihre Eltern kennen. Sie hat es auch nie bedauert.“
„Sie hat ihnen aber nicht gesagt, dass sie ihre Tochter ist, oder?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht“, sagte Herr Tuniak.
„Waren sie auch die ganze Zeit bei ihr?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak. „Ich bin weiter gereist. Wir hatten ausgemacht, dass Alice, wenn sie abgeholt werden wollte, einen Brief an eine bestimmte Adresse schrieb – eine Wohnung, die Philip gehörte – und ich sie dann wieder abholen kommen würde. Sie dachte, sie würde nur ein paar Monate bleiben, aber wie gesagt, es wurden dann zwei Jahre.“
„Und sie sind die zwei Jahre einfach in die Zukunft gereist?“
„Das wollte ich, aber dann stellte ich fest – und das überraschte mich selbst am meisten – das ich für einige Zeit allein sein wollte“, sagte Herr Tuniak. „Heute würde man wahrscheinlich sagen: Ich wollte mich selbst finden.“ Er machte eine abfällige Handbewegung. „Tatsächlich brauchte ich einfach Zeit zum Nachdenken. Ich konnte die Geschichte nicht ändern und wollte es auch nicht mehr. Aber damit verlor ich auch, was mich die Jahre davor angetrieben hatte. Ich suchte eine neue Aufgabe.“

Philip ging mit gleichmäßigen Schritten den Pfad entlang. Hin und wieder stütze er sich aus Müdigkeit auf seinen Wanderstock. Er hatte einen langen Weg hinter sich und die dünne Luft machte ihm zusätzlich zu schaffen. Aber vor ihm lag sein Ziel, ein altes Kloster, das er regelmäßig besuchte. Eines Tages, so dachte er sich, würde er sich selbst einen Ort des Rückzuges bauen.
Er durchquerte die Felder, die das Gebäude umgaben und auf denen Mönche arbeiteten. Es waren viele Jahre vergangen, seit er das letzte Mal hier war, aber trotzdem schien es so, als hätte die Zeit hier angehalten.
Einer der Männer auf dem Feld hörte mit seiner Arbeit auf und kaum zu ihm.
„Alexander?“, fragte Philip überrascht.
Der Mann nickte. „Hallo, Philip“, begrüßte er ihn.
„Was machst du hier?“, wollte Philip wissen.
„Ich habe einen ruhigen Platz gesucht an dem ich nachdenken kann“, erzählte Alexander. „Und jemand hat mir dieses Kloster hier empfohlen.“
Philip wusste sofort, dass er selbst dieser jemand in der Zukunft sein würde. „Habe ich dir auch gesagt, dass es kein leichtes Leben hier ist?“, fragte er.
„Das habe ich selbst schon mitbekommen“, sagte Alexander. „Und ich bin mir nicht sicher, wie lange mein alter Körper das hier noch mithält.“
„Wenn mein alter Körper es aushält, dann wird das doch für dich eine Kleinigkeit sein“, sagte Philip. „Wie alt bist du?“
„Ein wenig über vierzig, glaube ich“, sagte Alexander. „Die Feldarbeit schaffe ich. Es ist anstrengend, aber machbar. Und wenn es Dinge zum Reparieren gibt, ist das auch kein Problem. Aber das Fitness-Programm, das es hier gibt...“ Er schüttelte den Kopf. „Jeden Tag machen wir neue Übungen. Ich bin der schlechteste in meiner Gruppe, aber ich weiß nicht warum. Ehrlich, ich habe manchmal das Gefühl, die Anderen lernen auch im Schlaf, anders kann ich es mir nicht vorstellen.“
„Sie lernen im Schlaf“, sagte Philip. „Sie können ihre Träume kontrollieren und führen dort ihre Übungen fort. Deswegen können sie so schnell lernen. Sie trainieren auch im Schlaf.“
„Wirklich?“
„Ja“, bestätigte Philip. „Hat dir das keiner gesagt?“
„Ich bin seit drei Wochen hier und habe noch Probleme mit der Sprache“, gab Alexander zu.
„Und wie lange wirst du hier bleiben?“

„Ich blieb fast ein Jahr dort“, erzählte Herr Tuniak. „Es war das ruhigste Jahr, das ich je erlebt habe. Während der ganzen Zeit, die ich dort war, habe ich kein einziges Mal die Zeitmaschine benutzt.“
„Sie haben nicht gesagt, wo genau dieses Kloster lag“, sagte ich. „Nicht einmal den Kontinent.“
„Ich war vor ungefähr zweihundert Jahren dort, es existiert heute nicht mehr“, antwortete er.
Da er offenbar nicht gewillt war, weitere Informationen zu dem Kloster zu enthüllen, fragte ich stattdessen: „Und was haben sie am Ende dieses Jahres getan?“
„Ich beschloss meine Familie... meine Freunde wieder zu besuchen“, sagte Herr Tuniak. „Als ich das letzte Mal zur Villa Atterton zurück gegangen war, hatte ich erwartet, alles so vorzufinden, wie zuvor. Das war ein Fehler gewesen. Wir alle hatten uns verändert und manche Orte kann man auch mit einer Zeitmaschine nicht besuchen. Aber es war ein Fehler gewesen, nicht zu versuchen, etwas Neues anzufangen. Ein Fehler, den ich jetzt korrigieren wollte.“



NÄCHSTE WOCHE
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.

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