(Das
Meer ist nur ein Bereich für übernatürliche und außergewöhnliche
Existenz; es ist nur Bewegung und Liebe. Es ist die lebendes
Unendlichkeit, wie einer ihrer Dichter sagte.)
-
Jules Verne
Als
ich Herrn Tuniak heute vor dem Gebäude der Raben Consulting traf,
sah ich ihn das erste Mal mit einem Stock. Er stützte sich ein wenig
darauf ab, aber es war klar, dass er auch ohne Stock hätte stehen
können.
Wir
stiegen in seine Limousine und fuhren zur Zeitmaschine.
„Haben
sie gute Schuhe angezogen?“, fragte er mich.
Ich
bejahte. Er hatte mir gestern eine SMS geschickt in der er mir
wasserfestes Schuhwerk für heute empfohlen hatte.
„Wir
bleiben in der Gegenwart, ihrer Gegenwart“, erklärte Herr Tuniak
als wir die Zeitmaschine betraten. „Die Gemini Foundation mietete
sich die RP Flip
nämlich, um einen geeigneten Ort für ihre Forschungsstation zu
finden.“
„Eine
Station wie eine Bohrinsel?“, fragte ich.
„Nein...
obwohl, Gemini besitzt so eine auch. Nein, heute besuchen wir ihre
Unterwasser-Station.“
Als
wir allerdings aus der Zeitmaschine wieder ausstiegen, waren wir
immer noch über Wasser. Wir waren auf einer großen Plattform
gelandet, die mitten im Ozean schwamm. Sie war groß genug, dass zehn
Zeitmaschinen nebeneinander auf ihr Platz gehabt hätten. Aber man
spürte trotzdem noch die Bewegung der Wellen und über ihre Rändern
schwappte immer wieder Wasser. Jetzt sah ich auch, warum Herr Tuniak
einen Stock mitgenommen hatte. Hier auf der Plattform musste er sich
auf ihn stützen, sonst wäre er mit Sicherheit umgefallen. Ich
hoffe, er verzeiht mir, wenn ich das hier schreibe, aber: Heute
wirkte er zum ersten Mal alt. Neben der Zeitmaschine stehend, über
uns der graue, bewölkte Himmel, um uns herum das ebenso graue Meer,
sah er aus wie ein Mann an dem ein Jahrhundert vorbeigegangen war.
„Wo
sind wir hier?“, fragte ich.
„Im
nördlichen Atlantik“, erklärte Herr Tuniak. Er deutete mit einer
Hand hinaus aufs Meer. „Dort geht es zum Nordpol.“ Dann warf er
einen Blick auf die Uhr. „Keine Sorge, wir werden gleich abgeholt.
Ich habe unser Kommen angekündigt. Ah, da!“
Das
Wasser neben der Plattform schien für einen Moment zu kochen.
Luftblasen strömten in großen Mengen an die Oberfläche und
plötzlich tauchte ein kleines U-Boot auf. Auf seiner Oberseite
öffnete sich eine Klappe und Carla schaute heraus. Ich hatte sie das
letzte Mal auf der Insel Leviathan gesehen und erkannte sie sofort.
„Ahoi!“,
rief sie fröhlich. Mit zwei Schnüren befestigte sie das U-Boot an
der Plattform. Dann halfen wir gemeinsam Herrn Tuniak in das U-Boot
hinein. Es war ein modernes U-Boot, aber sehr klein. Offiziell war es
für vier Personen ausgelegt, aber selbst zu dritt hatten wir kaum
Platz uns darin zu bewegen. „Dad hat das große Boot“, sagte sie
entschuldigend. „Nehmen wir die kurze Route oder die schöne
Route?“
„Die
schöne, natürlich“, sagte Herr Tuniak und deutete auf mich. „Wir
wollen unseren Gast doch beeindrucken.“
Wir
tauchten ab.
Das
U-Boot hatte vier Bullaugen, durch die ich ins Meer hinaus sehen
konnte. Aber das Licht wurde rasch immer schwächer und bald waren
wir von absoluter Dunkelheit umgeben. Carla steuerte das Boot, als
hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Ich glaube, während
der gesamten Fahrt, hat sie nicht ein einziges Mal auf ihre
Instrumente geschaut.
„Fünfhundert
Meter“, sagte Herr Tuniak zu mir. „Wir haben die Hälfte.“
Ich
hatte keine Ahnung wie schnell wir uns bewegten. Ohne
Orientierungspunkt und bei gleich bleibender Geschwindigkeit ist es
unmöglich abzuschätzen, wie schnell man sich bewegt.
Carla
schaltete die Lichter im Boot ab. Sie waren zuvor schon stark gedimmt
gewesen, aber jetzt herrschte wirklich absolute Dunkelheit.
„Schaut
links raus“, sagte Carla. „Ihr habt Glück. Long John Silver ist
zu Besuch.“
Aus
dem Bullauge blickend, sah ich zu meiner Überraschung ein Licht. Es
war nur schwach, aber je näher wir kamen, umso stärker wurde es und
um so deutlicher konnte ich es erkennen. Es war ein Qualle mit
scheinbar unendlich langen Tentakeln. Ich wusste zuerst nicht, wie
groß das Tier war, da mir ein Referenzpunkt fehlte. Aber das Tier
war so freundlich diesen zu bieten. Es schwamm nämlich knapp über
dem Boden und plötzlich konnte ich, schwach aber doch, in seinem
Licht ein Schiffswrack sehen. Ich zuckte erschrocken zurück. Die
Tentakeln mussten über dreißig Meter lang gewesen sein.
„Das
ist Long John Silver?“, fragte ich.
„Ja“,
sagte Carla. „Er kommt uns manchmal besuchen.“
Die
Qualle schwamm weiter, uns komplett ignorierend.
„Wir
sind gleich da“, versprach Carla.
Wir
waren etwas über eintausend Meter unter der Meeresoberfläche, als
wir die Station schließlich erreichten. Carla steuerte das kleine
U-Boot auf eine Rampe, die uns in die Station brachte. Dann mussten
wir warten, bis das Wasser abgepumpt worden war.
Als
wir das U-Boot verließen, wurden wir von einer Frau begrüßt, die
Herr Tuniak als Cate vorstellte. Sie war Anfang sechzig und wie ihre
Tochter, war auch ihre Haut komplett blass.
„Meine
Tochter hat mir schon von ihnen und Xanders Projekt erzählt“,
sagte Cate. Sie wandte sich an Herrn Tuniak. „Obwohl ich immer noch
nicht weiß, warum du dich schließlich doch dazu entschlossen hast.
Als Kind hättest du nicht einmal lange genug still sitzen können,
um zu erzählen, was du an einem Nachmittag gemacht hast.“
„Ich
werde eben auch alt“, sagte Herr Tuniak.
Die
Station selbst wirkte, als wäre sie dem Kopf von Jules Verne
entsprungen. Nur die Luftschleuse für die U-Boote sah so aus, wie
ich es erwartet hatte, mit Wänden aus Metall, Balken aus Stahl an
der Decke und einigen Touchscreens. Aber als wir die Türen zur
eigentlichen Station durchschritten, änderte sich das Bild. Der
Boden war ein dunkelroter Teppich (wir mussten deswegen auch unsere
Schuhe ausziehen), die Gänge rund und mit Holz ausgekleidet. Es gab
elektrisches Licht, aber die Armleuchter waren aus einem goldenen
Metall geformt und hätten ebenso gut für Gaslampen verwendet werden
können.
Wir
kamen in den Gemeinschaftsraum. Er war wie die Kapitänskajüte auf
einem Schiff um 1800, nur viel größer. Durch die Decke konnte man
in das Meer hinaus sehen. Ich konnte bunte Fische und Korallen
erkennen. Ich stutzte. Draußen war es doch eigentlich viel zu
dunkel, um auch nur die Hand vor Augen sehen können.
„Das
ist nur eine Projektion“, erklärte Herr Tuniak.
„Heute
haben wir das Meer, an anderen Tagen einen normalen Himmel, manchmal
einen Dschungel... was immer wir wollen“, sagte Carla.
In
einer Ecke gab es zwei Bücherregale, davor waren zwei Sofas und
mehrere Stühle, die auch Königsthrone hätte sein können.
Ich
sah auch zwei Computer, obwohl ich sie nicht sofort erkannte. Ihre
Bildschirme waren mit Holz eingerahmt, ihre Tastatur war die einer
Schreibmaschine und statt einer Maus gab es eine Marmorkugel, die in
der Tischplatte steckte (sie war natürlich nicht wirklich aus
Marmor, aber so sah sie aus).
„Steampunk
nennt sich dieser Stil“, erklärte mir Herr Tuniak.
An
einer Wand hing ein großes Medallion. Es war aus zwei Marmorplatten
gefertigt (diesmal war es wirklich Marmor), einer hellen und einer
dunklen und zuerst hielt ich es für das bekannte Yin-Yang-Symbol.
Aber dann sah ich, dass die beiden Hälften Gesichter waren; die
helle Seite eine Frau, die dunkle ein Mann.
„Was
ist das?“, fragte ich.
„Das
ist das Symbol der Gemini Foundation“, erklärte Herr Tuniak.
„Gehören
sie ihr an?“, fragte ich.
„Nein“,
sagte Herr Tuniak. „Man kann nur zu zweit beitreten.“
„Sie
haben dir die Mitgliedschaft angeboten, du hättest nur jemand
zweiten nominieren müssen“, sagte Cate. Zu mir gewandt fuhr sie
fort: „Seine Mütter sind etwa Ehrenmitglieder. Ich und Kim gehören
ebenfalls dazu.“ Kim war ihr Ehemann und Carlas Vater.
„Und
was machen sie?“, fragte ich. „Die Gemini Foundation, meine ich?“
„Was
macht sie nicht, wäre wahrscheinlich leichter zu beantworten“,
sagte Cate. „Sie finanziert unzählige Forschungsprojekte auf der
ganzen Welt. Das ist wohl die einfachste Beschreibung, auch wenn sie
nicht alle Aktivitäten umfasst.“
„Das
Ziel von Gemini ist der wissenschaftliche Fortschritt“, fügte Herr
Tuniak hinzu. „Und dabei geht es nicht immer um praktische
Anwendungen von Theorien. Es geht zu aller erst nur um die Ansammlung
von Wissen, der praktische Nutzen ergibt sich dabei meist ganz von
selbst.“
„Und
woran wird hier geforscht?“, fragte ich. „Meeresbiologie?“
„Auch“,
sagte Carla. „Das ist mein Projekt, meines und Henriks. Mum und Dad
interessieren sich mehr für das Weltall.“
„Hier
unten?“
„Oh,
nicht hier“, sagte Cate lächelnd. „Dafür müssen sie noch
tiefer gehen.“
Ein
Aufzug führte uns in die unteren Bereiche. Hier wandelte sich der
Charakter der Station ein weiteres Mal, hier wirkte sie wie eine
Fabrik. Es gab unzählige Rohre, die kreuz und quer verliefen und
dicke Kabelbündel gleich daneben. Wir gelangten zu einer
Kontrollstation, die ich am besten als mehrere Computer auf einem
Balkon beschreiben kann. Unter diesem Balkon – und damit auch unter
uns – schien sich ein riesiger Tresortür zu befinden, der
senkrecht in die Erde gebaut worden war.
„Was
ist das unten?“, fragte ich. Es war scheinbar das Einzige, was ich
sagen konnte.
„Ein
Wassertank“, sagte Cate. „Unser Neutrino-Detektor.“
Neutrinos,
so wurde mir erklärt, waren Teilchen, die kleiner waren als Atome.
Sie konnten praktisch alles durchdringen – Sterne, Planeten, Monde
– und so gigantische Strecken durchs All zurücklegen. Jede Sekunde
durchdringen Milliarden dieser Teilchen unsere Körper, ohne dass wir
es merken. Auch nur ein einziges davon aufzuspüren ist extrem
schwierig, aber es funktioniert, wenn man Geduld hat, mit riesigen
Wassertänken.
„Wenn
wir wieder genug Geld zusammen haben, planen wir Sensoren auch auf
der Außenseite der Station anzubringen“, erklärte Cate. „Dann
könnten wir das Meer selbst als Neutrino-Fänger verwenden.“
„Und
wozu suchen sie nach diesen Neutrinos?“, fragte ich.
„Das
hängt davon ab, wen sie fragen“, meinte Cate. „Ich,
hauptsächlich, weil sie uns Informationen über das Innere von
Sternen, wie unserer Sonne und Supernovae liefern.“
„Und
Dad weil er glaubt, dass er damit mit Außerirdischen in Kontakt
treten kann“, fügte Carla hinzu. „Sehen sie hier!“ Sie drückte
einige Tasten auf dem Computer, woraufhin eine lange Liste aus Zahlen
erschien.
„Was
ist das?“, fragte ich, wie eine Schallplatte mit Rillensprung.
„Das
weiß keiner genau“, erklärte Cate.
„Aber
es ist zu regelmäßig, als dass es ein natürliches Phänomen sein
könnte“, sagte Carla. Ich hatte keine Ahnung, was an der
Zahlenkolonne regelmäßig war, aber ich glaubte ihr.
„Ich
muss zugeben, dass, wenn man über interstellare Distanzen
kommunizieren will, Neutrinos das ideale Kommunikationsmittel wären“,
sagte Cate.
„Aber
in bester Gemini-Tradition würdest du das nie vor Dad zugeben,
oder?“, fragte ihre Tochter lachend.
„Davon
wusste ich auch noch nichts“, sagte Herr Tuniak und sah
interessiert auf den Bildschirm. „Habt ihr es schon Fedor schon zur
Analyse gegeben?“
„Nein,
wir wissen im Moment nicht, wo er ist“, sagte Cate. „Deswegen
wollte ich dich sowieso schon anrufen. Aber wir empfangen diese
Signale erst seit sieben Monaten und hielten sie zuerst für ein
natürliches Phänomen.“ Sie musste nicht hinzufügen, dass sich
ihre Meinung noch nicht geändert hatte.
„Und
selbst wenn Dad Recht hat: Das Signal muss vor einigen tausend Jahren
gesendet worden sein, unsere Antwort würde viel zu spät kommen“,
meinte Carla.
„Ja,
wahrscheinlich“, sagte Herr Tuniak. „Aber solche Nachrichten
müssen nicht unbedingt der Kontaktaufnahme dienen. Sie könnten auch
nur heißen: Wir waren hier.“
NÄCHSTE
WOCHE:
The universe is one big coincidence. Cosmically improbable coincidences happen all the time. We just don't notice them all.
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