Sonntag, 6. Mai 2012

La mer n'est que le véhicule d'une surnaturelle et prodigieuse existence; elle n'est que mouvement et amour. c'est l'infini vivant, comme l'a dit un de vos poètes.


(Das Meer ist nur ein Bereich für übernatürliche und außergewöhnliche Existenz; es ist nur Bewegung und Liebe. Es ist die lebendes Unendlichkeit, wie einer ihrer Dichter sagte.)
- Jules Verne
Vingt mille lieues sous les mers“


Als ich Herrn Tuniak heute vor dem Gebäude der Raben Consulting traf, sah ich ihn das erste Mal mit einem Stock. Er stützte sich ein wenig darauf ab, aber es war klar, dass er auch ohne Stock hätte stehen können.
Wir stiegen in seine Limousine und fuhren zur Zeitmaschine.
Haben sie gute Schuhe angezogen?“, fragte er mich.
Ich bejahte. Er hatte mir gestern eine SMS geschickt in der er mir wasserfestes Schuhwerk für heute empfohlen hatte.
Wir bleiben in der Gegenwart, ihrer Gegenwart“, erklärte Herr Tuniak als wir die Zeitmaschine betraten. „Die Gemini Foundation mietete sich die RP Flip nämlich, um einen geeigneten Ort für ihre Forschungsstation zu finden.“
Eine Station wie eine Bohrinsel?“, fragte ich.
Nein... obwohl, Gemini besitzt so eine auch. Nein, heute besuchen wir ihre Unterwasser-Station.“
Als wir allerdings aus der Zeitmaschine wieder ausstiegen, waren wir immer noch über Wasser. Wir waren auf einer großen Plattform gelandet, die mitten im Ozean schwamm. Sie war groß genug, dass zehn Zeitmaschinen nebeneinander auf ihr Platz gehabt hätten. Aber man spürte trotzdem noch die Bewegung der Wellen und über ihre Rändern schwappte immer wieder Wasser. Jetzt sah ich auch, warum Herr Tuniak einen Stock mitgenommen hatte. Hier auf der Plattform musste er sich auf ihn stützen, sonst wäre er mit Sicherheit umgefallen. Ich hoffe, er verzeiht mir, wenn ich das hier schreibe, aber: Heute wirkte er zum ersten Mal alt. Neben der Zeitmaschine stehend, über uns der graue, bewölkte Himmel, um uns herum das ebenso graue Meer, sah er aus wie ein Mann an dem ein Jahrhundert vorbeigegangen war.
Wo sind wir hier?“, fragte ich.
Im nördlichen Atlantik“, erklärte Herr Tuniak. Er deutete mit einer Hand hinaus aufs Meer. „Dort geht es zum Nordpol.“ Dann warf er einen Blick auf die Uhr. „Keine Sorge, wir werden gleich abgeholt. Ich habe unser Kommen angekündigt. Ah, da!“
Das Wasser neben der Plattform schien für einen Moment zu kochen. Luftblasen strömten in großen Mengen an die Oberfläche und plötzlich tauchte ein kleines U-Boot auf. Auf seiner Oberseite öffnete sich eine Klappe und Carla schaute heraus. Ich hatte sie das letzte Mal auf der Insel Leviathan gesehen und erkannte sie sofort.
Ahoi!“, rief sie fröhlich. Mit zwei Schnüren befestigte sie das U-Boot an der Plattform. Dann halfen wir gemeinsam Herrn Tuniak in das U-Boot hinein. Es war ein modernes U-Boot, aber sehr klein. Offiziell war es für vier Personen ausgelegt, aber selbst zu dritt hatten wir kaum Platz uns darin zu bewegen. „Dad hat das große Boot“, sagte sie entschuldigend. „Nehmen wir die kurze Route oder die schöne Route?“
Die schöne, natürlich“, sagte Herr Tuniak und deutete auf mich. „Wir wollen unseren Gast doch beeindrucken.“
Wir tauchten ab.

Das U-Boot hatte vier Bullaugen, durch die ich ins Meer hinaus sehen konnte. Aber das Licht wurde rasch immer schwächer und bald waren wir von absoluter Dunkelheit umgeben. Carla steuerte das Boot, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Ich glaube, während der gesamten Fahrt, hat sie nicht ein einziges Mal auf ihre Instrumente geschaut.
Fünfhundert Meter“, sagte Herr Tuniak zu mir. „Wir haben die Hälfte.“
Ich hatte keine Ahnung wie schnell wir uns bewegten. Ohne Orientierungspunkt und bei gleich bleibender Geschwindigkeit ist es unmöglich abzuschätzen, wie schnell man sich bewegt.
Carla schaltete die Lichter im Boot ab. Sie waren zuvor schon stark gedimmt gewesen, aber jetzt herrschte wirklich absolute Dunkelheit.
Schaut links raus“, sagte Carla. „Ihr habt Glück. Long John Silver ist zu Besuch.“
Aus dem Bullauge blickend, sah ich zu meiner Überraschung ein Licht. Es war nur schwach, aber je näher wir kamen, umso stärker wurde es und um so deutlicher konnte ich es erkennen. Es war ein Qualle mit scheinbar unendlich langen Tentakeln. Ich wusste zuerst nicht, wie groß das Tier war, da mir ein Referenzpunkt fehlte. Aber das Tier war so freundlich diesen zu bieten. Es schwamm nämlich knapp über dem Boden und plötzlich konnte ich, schwach aber doch, in seinem Licht ein Schiffswrack sehen. Ich zuckte erschrocken zurück. Die Tentakeln mussten über dreißig Meter lang gewesen sein.
Das ist Long John Silver?“, fragte ich.
Ja“, sagte Carla. „Er kommt uns manchmal besuchen.“
Die Qualle schwamm weiter, uns komplett ignorierend.
Wir sind gleich da“, versprach Carla.

Wir waren etwas über eintausend Meter unter der Meeresoberfläche, als wir die Station schließlich erreichten. Carla steuerte das kleine U-Boot auf eine Rampe, die uns in die Station brachte. Dann mussten wir warten, bis das Wasser abgepumpt worden war.
Als wir das U-Boot verließen, wurden wir von einer Frau begrüßt, die Herr Tuniak als Cate vorstellte. Sie war Anfang sechzig und wie ihre Tochter, war auch ihre Haut komplett blass.
Meine Tochter hat mir schon von ihnen und Xanders Projekt erzählt“, sagte Cate. Sie wandte sich an Herrn Tuniak. „Obwohl ich immer noch nicht weiß, warum du dich schließlich doch dazu entschlossen hast. Als Kind hättest du nicht einmal lange genug still sitzen können, um zu erzählen, was du an einem Nachmittag gemacht hast.“
Ich werde eben auch alt“, sagte Herr Tuniak.

Die Station selbst wirkte, als wäre sie dem Kopf von Jules Verne entsprungen. Nur die Luftschleuse für die U-Boote sah so aus, wie ich es erwartet hatte, mit Wänden aus Metall, Balken aus Stahl an der Decke und einigen Touchscreens. Aber als wir die Türen zur eigentlichen Station durchschritten, änderte sich das Bild. Der Boden war ein dunkelroter Teppich (wir mussten deswegen auch unsere Schuhe ausziehen), die Gänge rund und mit Holz ausgekleidet. Es gab elektrisches Licht, aber die Armleuchter waren aus einem goldenen Metall geformt und hätten ebenso gut für Gaslampen verwendet werden können.
Wir kamen in den Gemeinschaftsraum. Er war wie die Kapitänskajüte auf einem Schiff um 1800, nur viel größer. Durch die Decke konnte man in das Meer hinaus sehen. Ich konnte bunte Fische und Korallen erkennen. Ich stutzte. Draußen war es doch eigentlich viel zu dunkel, um auch nur die Hand vor Augen sehen können.
Das ist nur eine Projektion“, erklärte Herr Tuniak.
Heute haben wir das Meer, an anderen Tagen einen normalen Himmel, manchmal einen Dschungel... was immer wir wollen“, sagte Carla.
In einer Ecke gab es zwei Bücherregale, davor waren zwei Sofas und mehrere Stühle, die auch Königsthrone hätte sein können.
Ich sah auch zwei Computer, obwohl ich sie nicht sofort erkannte. Ihre Bildschirme waren mit Holz eingerahmt, ihre Tastatur war die einer Schreibmaschine und statt einer Maus gab es eine Marmorkugel, die in der Tischplatte steckte (sie war natürlich nicht wirklich aus Marmor, aber so sah sie aus).
Steampunk nennt sich dieser Stil“, erklärte mir Herr Tuniak.
An einer Wand hing ein großes Medallion. Es war aus zwei Marmorplatten gefertigt (diesmal war es wirklich Marmor), einer hellen und einer dunklen und zuerst hielt ich es für das bekannte Yin-Yang-Symbol. Aber dann sah ich, dass die beiden Hälften Gesichter waren; die helle Seite eine Frau, die dunkle ein Mann.
Was ist das?“, fragte ich.
Das ist das Symbol der Gemini Foundation“, erklärte Herr Tuniak.
Gehören sie ihr an?“, fragte ich.
Nein“, sagte Herr Tuniak. „Man kann nur zu zweit beitreten.“
Sie haben dir die Mitgliedschaft angeboten, du hättest nur jemand zweiten nominieren müssen“, sagte Cate. Zu mir gewandt fuhr sie fort: „Seine Mütter sind etwa Ehrenmitglieder. Ich und Kim gehören ebenfalls dazu.“ Kim war ihr Ehemann und Carlas Vater.
Und was machen sie?“, fragte ich. „Die Gemini Foundation, meine ich?“
Was macht sie nicht, wäre wahrscheinlich leichter zu beantworten“, sagte Cate. „Sie finanziert unzählige Forschungsprojekte auf der ganzen Welt. Das ist wohl die einfachste Beschreibung, auch wenn sie nicht alle Aktivitäten umfasst.“
Das Ziel von Gemini ist der wissenschaftliche Fortschritt“, fügte Herr Tuniak hinzu. „Und dabei geht es nicht immer um praktische Anwendungen von Theorien. Es geht zu aller erst nur um die Ansammlung von Wissen, der praktische Nutzen ergibt sich dabei meist ganz von selbst.“
Und woran wird hier geforscht?“, fragte ich. „Meeresbiologie?“
Auch“, sagte Carla. „Das ist mein Projekt, meines und Henriks. Mum und Dad interessieren sich mehr für das Weltall.“
Hier unten?“
Oh, nicht hier“, sagte Cate lächelnd. „Dafür müssen sie noch tiefer gehen.“

Ein Aufzug führte uns in die unteren Bereiche. Hier wandelte sich der Charakter der Station ein weiteres Mal, hier wirkte sie wie eine Fabrik. Es gab unzählige Rohre, die kreuz und quer verliefen und dicke Kabelbündel gleich daneben. Wir gelangten zu einer Kontrollstation, die ich am besten als mehrere Computer auf einem Balkon beschreiben kann. Unter diesem Balkon – und damit auch unter uns – schien sich ein riesiger Tresortür zu befinden, der senkrecht in die Erde gebaut worden war.
Was ist das unten?“, fragte ich. Es war scheinbar das Einzige, was ich sagen konnte.
Ein Wassertank“, sagte Cate. „Unser Neutrino-Detektor.“
Neutrinos, so wurde mir erklärt, waren Teilchen, die kleiner waren als Atome. Sie konnten praktisch alles durchdringen – Sterne, Planeten, Monde – und so gigantische Strecken durchs All zurücklegen. Jede Sekunde durchdringen Milliarden dieser Teilchen unsere Körper, ohne dass wir es merken. Auch nur ein einziges davon aufzuspüren ist extrem schwierig, aber es funktioniert, wenn man Geduld hat, mit riesigen Wassertänken.
Wenn wir wieder genug Geld zusammen haben, planen wir Sensoren auch auf der Außenseite der Station anzubringen“, erklärte Cate. „Dann könnten wir das Meer selbst als Neutrino-Fänger verwenden.“
Und wozu suchen sie nach diesen Neutrinos?“, fragte ich.
Das hängt davon ab, wen sie fragen“, meinte Cate. „Ich, hauptsächlich, weil sie uns Informationen über das Innere von Sternen, wie unserer Sonne und Supernovae liefern.“
Und Dad weil er glaubt, dass er damit mit Außerirdischen in Kontakt treten kann“, fügte Carla hinzu. „Sehen sie hier!“ Sie drückte einige Tasten auf dem Computer, woraufhin eine lange Liste aus Zahlen erschien.
Was ist das?“, fragte ich, wie eine Schallplatte mit Rillensprung.
Das weiß keiner genau“, erklärte Cate.
Aber es ist zu regelmäßig, als dass es ein natürliches Phänomen sein könnte“, sagte Carla. Ich hatte keine Ahnung, was an der Zahlenkolonne regelmäßig war, aber ich glaubte ihr.
Ich muss zugeben, dass, wenn man über interstellare Distanzen kommunizieren will, Neutrinos das ideale Kommunikationsmittel wären“, sagte Cate.
Aber in bester Gemini-Tradition würdest du das nie vor Dad zugeben, oder?“, fragte ihre Tochter lachend.
Davon wusste ich auch noch nichts“, sagte Herr Tuniak und sah interessiert auf den Bildschirm. „Habt ihr es schon Fedor schon zur Analyse gegeben?“
Nein, wir wissen im Moment nicht, wo er ist“, sagte Cate. „Deswegen wollte ich dich sowieso schon anrufen. Aber wir empfangen diese Signale erst seit sieben Monaten und hielten sie zuerst für ein natürliches Phänomen.“ Sie musste nicht hinzufügen, dass sich ihre Meinung noch nicht geändert hatte.
Und selbst wenn Dad Recht hat: Das Signal muss vor einigen tausend Jahren gesendet worden sein, unsere Antwort würde viel zu spät kommen“, meinte Carla.
Ja, wahrscheinlich“, sagte Herr Tuniak. „Aber solche Nachrichten müssen nicht unbedingt der Kontaktaufnahme dienen. Sie könnten auch nur heißen: Wir waren hier.“



NÄCHSTE WOCHE: 
The universe is one big coincidence. Cosmically improbable coincidences happen all the time. We just don't notice them all.

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