Sonntag, 18. März 2012

Har du sett min villa, min Villa Villekullavilla? Vill å vill du veta, varför villan heter så?

(Hast du meine Villa gesehen, meine Villa Kunterbunt? Willst du wissen, warum sie so genannt wird?) 
- „Här kommer Pippi Långstrump“, Astrid Lindgren


Gestern hat Herr Tuniak überraschend auf meinem Handy angerufen. „Können sie photographieren?“, hat er mich gefragt.
Ein wenig“, habe ich geantwortet. Ich habe ein Semester lang einen Kurs über Photographie besucht, aber das ist mittlerweile auch schon wieder einige Jahre her.
Das reicht“, meinte Herr Tuniak, als ich ihm das gesagt hatte. „Und Kamera brauchen sie auch keine mitnehmen, dafür sorge ich schon.“

Mehr hat er nicht gesagt. Aber ich ahnte bereits, dass wir wieder eine Reise unternehmen würden. Und wirklich: Herr Tuniak und sein Chauffeur erwarteten mich bereits vor dem Bürohaus und wir stiegen wieder in die Limousine. Ich bemerkte einen braunen Koffer auf der Rückbank und als ich danach fragte, bestätigte Herr Tuniak, dass sich der Photoapparat darin befand.
Wohin fahren wir?“, fragte ich neugierig.
Zu dem Haus, in das ich gezogen bin, als ich von Leviathan wegging“, erklärte Herr Tuniak. „Es war nicht leicht es zu finden. Wir wussten zuerst nicht einmal, in welches Land wir gehen wollten. Wir“ - Alice, Sarina, Mowgli und er - „hatten alle unterschiedliche Vorstellungen. Wir hatten uns zuerst auf die Vereinigten Staaten geeinigt, als Philip die Villa Atterton in England einfiel. Sie lag, nein, sie liegt ein wenig außerhalb Londons und ist von einem großen Grundstück mit Wald umgeben. Der ideale Platz für uns eigentlich. Mit Hilfe von Sarinas Eltern war es auch gar nicht so schwierig Ausweise für uns zu bekommen und die Villa zu erwerben.“
Ausweise?“, fragte ich. „Hatten sie keine?“
Woher denn?“, fragte Herr Tuniak. „Nein, das stimmt nicht ganz. Sarina hatte ganz sicher einen, aber wir anderen... Wir hatten ja praktisch unser ganzes Leben auf Leviathan verbracht. Wir waren in keinem Staat gemeldet und hatten keine Staatsbürgerschaft.“
Und sie bekamen dann die britische?“
Nein, zuerst die indische“, korrigierte mich Herr Tuniak. „Wir gaben uns als Inder aus, die nach England wollten. Viele Inder kamen zu der Zeit nach Großbritannien, wir fielen also nicht weiter auf. Philip kaufte die Villa und überschrieb sie dann einer Stiftung oder so... Ich weiß es nicht genau, aber mittlerweile gehört sie offiziell der Leviathan-Schule und viele Kinder von dort ziehen als erstes in die Villa, wenn sie die Insel verlassen.“

Die Zeitmaschine landete an ihrem Bestimmungsort und wir stiegen aus. Wir waren so gelandet, dass die Villa hinter uns lag und von der Zeitmaschine verdeckt wurde. Das erste, was ich deswegen sah, war die Mauer, die das Grundstück umgab und das große Eingangstor bei der Einfahrt. Es war aus dunkelgrünem Metall angefertigt und in der Mitte, wo normalerweise der Name des Gebäudes oder der ansässigen Familie steht, konnte ich „Here there be Munsters“ (Hier gibt es Munster) lesen.
Das haben wir gemacht“, sagte Herr Tuniak schmunzelnd. „Wir waren Fans der Serie und... The Munsters war eine Fernsehserie in den 60ern. Sie kennen sie nicht? Wir haben sie auf Leviathan immer geschaut.“
Wir umrundeten die Zeitmaschine und ich konnte die Villa schließlich sehen. Es war ein riesiges Haus. Es schien aus Dutzenden Fenster, Türmen und Dächern zu bestehen. Es hatte mehr Ecken und Kanten, als ich es je von einem Haus für möglich gehalten hätte. Es gab den großen Haupteingang, aber daneben mindestens zwei weitere und ich konnte auch eine Veranda und zwei Balkone sehen.
Die Villa war ursprünglich viel kleiner, aber vor etwa hundert Jahren wurde sie von Sir Atterton ausgebaut“, erklärte Herr Tuniak. Mit seiner Hilfe konnte ich auch genau erkennen, welche Teile noch von dem ursprünglichen Gebäude stammten und welche erst später dazu gebaut worden waren.
Wir gingen zum Haupteingang und läuteten an. Als die Tür geöffnet wurde, stockte ich. Herr Tuniak stand uns gegenüber. Gute zwanzig oder dreißig Jahre jünger, aber dennoch eindeutig Herr Tuniak. Es war, als stünden neben mir zwei eineiige Zwillinge, die unterschiedlich schnell gealtert waren.
Hallo“, sagte der jüngere Herr Tuniak und schüttelte dem Älteren die Hand. „Kommt herein.“ Er fragte nicht, wer ich war, obwohl ich erkennen konnte, dass er nicht mit mir gerechnet hatte. „Es sind noch nicht alle da, aber ihr könnt in den Salon gehen. Dort gibt es Getränke und Snacks...“
Wir gingen in den Salon. Was ich dort sah...
Genau genommen waren nur vier Personen im Raum: Miriam, Helena (Herr Tuniak stellte sie mir vor), Herr Tuniak und ich. Aber ich war der Einzige, der nur einmal anwesend war. Von allen anderen schien es Dutzende Vertreter zu geben, die sich nur in ihrem Alter voneinander unterschieden.
Wir haben ein kleines Familientreffen hier“, sagte Herr Tuniak. „Wir haben nur eines.“ Aber da sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben herkommen würden, war es so, als hätten sie mehrere.
Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Es hatten sich, wie bei allen Parties, mehrere kleine Gruppen gebildet und immer wieder wanderten Mitglieder von einer Gruppe zur anderen. Über Persönliches wurde nur gesprochen, wenn es von der oder dem Ältesten angesprochen wurde. „Auf diese Weise kann es nicht passieren, dass einer von uns etwas aus seiner eigenen Zukunft erfährt“, erklärte Herr Tuniak. „Die älteren Vertreter wissen schließlich schon genau, was passiert ist und wer was weiß.“
Aber jedes andere Thema war scheinbar möglich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mindestens von zwei Ereignissen erfahren habe, die erst in hundert Jahren passieren werden.
Ich hätte, glaube ich, stundenlang in dem Raum bleiben können, einfach nur am Rand stehen und die Menschen beobachten. Was sich an ihnen verändert hatte, was gleich geblieben war.

Philip erreichte die Baustelle in einer Droschke. Er bezahlte den Fahrer und durchquerte dann den Garten. Ein Teil des Hauses war bereits fertig. Nein, korrigierte sich Philip, das stimmte nicht. Das war einfach nur der alte Teil, den Sir Atterton behalten wollte.
Er fand den Hausherrn mit zwei Architekten über einen Plan gebeugt. Die Architekten hatten sicherlich ihr Bestes gegeben den ungewöhnlichen Wünschen Sir Attertons zu entsprechen, aber nur er kannte seine eigenen Vorstellungen wirklich. Mit einem roten Stift besserte er ihre Pläne aus, ohne auf so grundsätzliche Dinge wie Statik zu achten. Darum würden sich die Architekten später kümmern müssen.
„Und hier eine Treppe, die zu dieser Tür hier führt“, sagte Sir Atterton, während er zeichnete. „Und die Tür kann nur von Innen geöffnet werden. Ach, und die Tür hier muss weg.“
„Aber dann kommt man nicht auf den Balkon hinaus!“, protestierte einer der Architekten vergeblich.
Philip genoss das Spektakel und wartete, bis sich die Architekten verabschiedet hatten. Er beneidete sie nicht um ihren Job.
„Philip!“, grüßte Sir Atterton. „Sehr erfreut! Was halten sie von meinem Haus?“
„Ich kann ehrlich sagen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie ein ähnliches gesehen habe“, erklärte Philip. „Aber sie haben mir nie gesagt, warum.“
„Nein?“, fragte Sir Atterton überrascht, während er begann sich eine Pfeife zu stopfen. „Haben sie von dem Winchester-Haus in den Vereinigten Staaten gehört?“
Philip schüttelte den Kopf.
„Es wird gebaut, um Geister fern zu halten“, erklärte Sir Atterton und zündete sich seine Pfeife an. „Dabei müssen wir doch das genaue Gegenteil erreichen. Wir müssen die Geister anlocken. Stellen sie sich vor, wenn wir mit ihnen kommunizieren können. Längst verlorenes Wissen stünde wieder zu unserer Verfügung.“
„Haben sie mit Sir Arthur darüber geredet?“, fragte Philip.
„Ja, und er ist ganz begeistert von der Idee“, erklärte Sir Atterton. „Ich habe mir auch schon Gedanken über die Einrichtung gemacht. Ich möchte jedes Zimmer im Stil einer anderen Kultur eingerichtet haben. Damit sich Geister aus der ganzen Welt wohl fühlen können.“
„Haben sie mich deswegen eingeladen?“, fragte Philip.
„Genau. Ich habe gehört, dass sie sehr viel reisen und ich hatte gehofft, dass sie mir bei der Einrichtung helfen können. Hier drüben zum Beispiel soll ein afrikanisches Zimmer hinkommen. Was für Masken soll ich dort aufhängen?“

Ich hatte mich in ein Nachbarzimmer zurück gezogen. An der Wand hingen Masken, die ich dem südostasiatischen Raum zuordnen würde und dazwischen weiße Bilder.
Herr Tuniak betrat den Raum. Ich erkannte an der Kleidung, dass es der Herr Tuniak aus meiner Zeit war.
Wie geht es ihnen?“, fragte er.
Danke, es geht wieder“, sagte ich. „Es ist nur ein wenig überwältigend. Ein wenig wie, als ich zum ersten Mal einen Dinosaurier gesehen habe.“
Herr Tuniak nickte verständnisvoll.
Was hat es mit den weißen Bildern auf sich?“, fragte ich.
Die hat ein Schüler vor einigen Jahren angefertigt“, sagte Herr Tuniak. „Jeder Schüler, der hier lebt, verändert einen kleinen Teil des Hauses. Das ist so etwas wie Tradition. Ein Zeichen, dass man hier war.“
Er hat weiße Bilder aufgehängt?“
Sie sind nicht weiß“, sagte Herr Tuniak. „Sie sind mit Rotgrün und Blaugelb gemalt worden. Das sind Farben, die unsere Augen nicht sehen können. Sie befinden sich zwar im sichtbaren Spektrum des Lichtes, aber wegen der Art und Weiße, wie unsere Augen funktionieren, können sie diese beiden Farben nicht wahrnehmen.“
Was haben sie verändert?“
Deswegen sind wir heute hier. Kommen sie in den Garten.“

Wir gingen hinaus in den Garten hinter der Villa. Dort hatten sich bereits alle anderen ebenfalls versammelt. Sie hatten den Photoapparat auf ein Stativ gestellt und stellten sich nun zu einem Gruppenphoto auf. Die Jüngsten saßen auf der Wiese ganz vorne, die Ältesten saßen auf Sesseln direkt hinter ihnen. Alle anderen standen dahinter.
Ich war als Photograph mitgekommen. Wir machten mehrere Photos, zuerst in ordentlicher Aufstellung, dann wollten einige auch noch einzelne Photos oder Photos von kleineren Gruppen haben.
Ein Herr Tuniak, ich schätze er muss ungefähr vierzig Jahre alt gewesen sein, nahm die Aufnahmen zu seiner Zeitmaschine (sämtliche Zeitmaschinen waren am Rand des Gartens direkt vor dem Wald aufgestellt) und verschwand für eine Minute. Als er zurück kehrte, brachte er die entwickelten Photos mit.
Eines war besonders groß und bereits in einem Rahmen. Dieses gab er einem Herrn Tuniak der ungefähr zwanzig Jahre alt sein musste.
Hänge das hier im Haus auf, wenn du eingezogen bist“, sagte er dabei. Und damit würde auch Herr Tuniak etwas in der Villa hinterlassen.



NÄCHSTE WOCHE:
Nous arrivons tout nouveaux aux divers âges de la vie, et nous y manquons souvent d'expérience malgré le nombre des années.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen