Sonntag, 12. Februar 2012

Lebe so, wie wenn Du nochmals leben könntest - dies ist Deine Pflicht. Denn Du wirst in jedem Falle nochmals leben!

- Friedrich Nietzsche


Es war fast schon ungewohnt heute wieder in das Büro zu gehen. Herr Tuniak wartete natürlich bereits auf mich und sagte, kaum das ich mich hingesetzt hatte: „Ich habe ihre letzten Post auf dem Blog gelesen. Ich fürchte, sie haben etwas falsch verstanden.“
Er gab mir ein Photo von einem Mann, den ich auf Ende fünfzig, Anfang sechzig schätzte. Er hatte einen Vollbart, schwarze Haare und eine Zigarre im Mund.
„Das ist Estevan Tomez“, erklärte Herr Tuniak. „Er hat die Leviathan-Schule gegründet.“
„Aber haben sie nicht gesagt, dass Juan sie gegründet hat?“, fragte ich.
„Das meinte ich mit, sie haben etwas falsch verstanden“, sagte Herr Tuniak. „Oder vielleicht habe ich es auch nicht erklärt.“ Er schmunzelte. „Wissen sie, ich bereite mich auf diese Treffen ein wenig vor. Ich überlege mir, was ich erzählen will... Und wenn sie dann hier sind vergesse ich doch wieder die Hälfte und erzähle möglicherweise etwas ganz Anderes.“
Ich antwortete, dass es auch möglich wäre, dass ich einfach etwas vergessen hatte. Ich habe auf der Insel so viel gesehen, dass ich damit ein eigenes Buch füllen könnte, musste alles aber auf einen Post zusammen kürzen. Wobei: Wenn Herr Tuniak weiter von seiner Kindheit erzählt, werde ich sicher noch auf einige Dinge zu sprechen kommen, für die ich bis jetzt noch keinen passenden Platz gefunden habe.
„Juan ist also kein Unsterblicher?“, fragte ich.
„Nun, noch ist er nicht gestorben, also wer weiß...“, sagte Herr Tuniak lachend. „Aber nein, er ist in den 1990ern geboren worden. Das ist sicher.“ Ich gab ihm das Photo wieder zurück. „Estevan lernten meine Mütter über Philip kennen. Ich weiß nicht, woher er Philip kennt, er hat nie viel darüber gesprochen. Aber ich glaube, sie haben sich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs kennen gelernt.“
„Und ihre Mütter lernten ihn kennen, bevor sie geboren wurden?“
„Ja.“

„Du siehst schwanger aus“, meinte Philip, als er Miriam sah. „Weißt du, was es wird?“
„Nein“, sagte Miriam und sie und Helena setzten sich zu ihm an den Tisch. „Aber du, oder?“
Philip lächelte geheimnisvoll. Sticheleien darüber, wer was wusste, gab es bei jedem Treffen, aber keiner nahm sie ernst. Niemand wollte wissen, was in der Zukunft auf ihn wartete und so stellte niemand direkte Fragen oder erwartete direkte Antworten.
„Hast du gestern die Mondlandung gesehen?“, fragte Helena.
„Ja, ja“, sagte Philip. „Selbst in Shangri-La konnte ich dem Jubiläum nicht entkommen. Seid ihr deswegen hier?“
„Nein, wir haben sie uns vor hundert Jahren angeschaut“, antwortete Helena.
„Mehrmals“, fügte Miriam dazu. „Wir wollten dich fragen, ob du eine gute Schule kennst.“ Dabei legte sie ihre Hand auf den bereits sichtbar angewachsenen Bauch. „Möglichst abgeschieden. Ah, du weiß ja, was wir bevorzugen.“
Philip nickte. „Ich weiß ganz genau, was ihr sucht“, versprach er.

„Estevan gründete die Schule Anfang der 1960er und meine Mütter stießen kurz darauf zu ihm“, erzählte Herr Tuniak. „Zu Beginn gab es nur eine Handvoll Schüler, vielleicht zwei Dutzend. Die Ausrüstung war zwar gut, aber meine Mütter wünschten sich besseres. Sie halfen deswegen bei der Ausstattung kräftig mit.“
„Sie brachten auch Dinge aus der Zukunft?“, fragte ich.
„Ein paar“, gab Herr Tuniak zu. „Aber nicht viel. Und die modernsten Technologien, die sie brachten, stammten... nun, aus der heutigen Zeit.“ Er verstummte für einen Moment. „Da haben sie es: Ich habe ihnen zu Beginn gesagt, wie leicht es ist abzuschweifen und siehe! Ich schweife ab.“
„Sie wollten eigentlich über Estevan Tomez erzählen?“, fragte ich.
„Genau“, bestätigte Herr Tuniak. „Was würden sie sagen, wenn ich behaupte, dass Estevan genau genommen ein gewaltiger Egoist war?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Bis jetzt haben sie noch nichts gesagt, was darauf schließen lässt. Ich nehme an, dahinter liegt noch eine Geschichte?“
„Es hängt mit seinem Glauben zusammen“, erklärte Herr Tuniak. „Er glaubte an Reinkarnation.“
„Und sie meinen, er tat nur Gutes, damit es ihm in seinem nächsten Leben besser gehen würde?“, fragte ich.
„Ja und nein“, sagte er. „Wenn ich sagte, er war ein Egoist, dann meine ich das natürlich nicht ernst. Aber er glaubte an eine Art... Super-Reinkarnation. Er hat nicht oft darüber gesprochen, aber er hat es Philip einmal erklärt.“

„Hast du die Rede von Feynman vor dem Nobelpreis-Komitee gehört?“, fragte Estevan seinen Freund. Er und Philip saßen in Liegestühlen auf dem Dach der Schule. Ein Teleskop stand neben ihnen, durch das sie einige Stunden zuvor den Mond beobachtet hatten. Die Schüler, für die sie das Teleskop aufgebaut hatten, waren mittlerweile bereits zu Bett gegangen.
„Nein, was hat er gesagt?“, fragte Philip.
„Er hat von einer Idee seines Doktorvaters erzählt“, sagte Estevan. „Ein Doktor John Wheeler.“
„Nie von ihm gehört“, sagte Philip nach kurzem Nachdenken.
„Er hat folgendes postuliert“, fuhr Estevan fort. „Er sagte, es gibt nur ein einziges Elektron im ganzen Universum. Was sagst du dazu?“
„Er hat sicher noch mehr gesagt“, sagte Philip. „Was weiter?“
„Es gibt ein einziges Elektron und es reist vom Anbeginn des Universums bis zu seinem Ende. Und wenn es am Ende angelangt ist, dann reist es wieder zurück an den Anfang. Durch die Zeit! Es reist vor und zurück und vor und zurück... Und auf diese Art und Weise ist es jedes Elektron im Universum. Wir glauben, dass wir mehrere Elektronen sehen, aber dabei ist es immer das Gleiche auf einer langen, langen Reise. Was hältst du davon?“
Philip deutete auf die Zeitmaschine, die in der Dunkelheit vor der Schule stand. „Wir wissen zumindest, dass Zeitreisen möglich sind“, sagte er.
„Habe ich dir davon erzählt, dass ich an Reinkarnation glaube?“, fragte Estevan.
Philip nickte. „Seit du in den 50ern in Asien warst...“
„Aber es ist mehr als das“, unterbrach ihn Estevan. „Was, wenn es nicht nur ein einziges Elektron gibt, das das ganze Universum erschafft? Was, wenn es auch nur eine einzige Seele gibt, die hin und her durch die Zeit reist? Was, wenn wir alle die gleiche Person sind?“

„Glauben sie daran?“, fragte ich Herrn Tuniak.
„Nein“, antwortete dieser. „Aber es ist ein netter Gedanke. Ein guter Glaube, besser als manche andere. Und Estevan war absolut davon überzeugt.“
„Und die Sache mit den Elektronen?“, fragte ich. „Stimmt die?“
„Genau kann das keiner überprüfen“, sagte Herr Tuniak. „Aber es gibt einige Dinge, die dagegen sprechen. Und Wheeler hat es auch nie als ernsthafte Theorie präsentiert, sondern mehr als Gedankenexperiment angesehen.“
„Und wieso wusste Juan davon?“
„Oh, der Teil hat mich selbst überrascht“, erklärte Herr Tuniak. „Als Estevan merkte, dass sein Leben dem Ende näherte, verließ er Leviathan für einige Monate und begab sich auf die Suche nach seinem Nachfolger.“
„War keiner von den anderen Lehrern bereit, die Leitung zu übernehmen?“, fragte ich.
„Wenn er sie gefragt hätte, hätte wahrscheinlich jemand akzeptiert, ja“, sagte Herr Tuniak. „Aber unbedingt haben wollte seine Stelle niemand. Und als er nach einigen Monaten zurück kehrte, war das Problem gelöst: Er hatte Juan gefunden. Juan war damals noch sehr jung, vier oder fünf Jahre. Er lebte in einem Waisenhaus und – das ist der Teil, der mich wirklich überraschte – er glaubte genau das Gleiche wie Estevan. Eine Seele für alle Menschen. Er hatte diesen Glauben bereist bevor er Estevan das erste Mal begegnete.“
Ich musste nicht nachfragen, warum er sich deswegen so sicher war. Es war klar, dass er sich selbst davon überzeugt hatte.
„Manche Schüler behaupten, er weiß wirklich Dinge aus einem früheren Leben“, fuhr Herr Tuniak fort. „Und mit der Zeit haben wir alle ihn und Estevan wirklich nur mehr als eine Person betrachtet, vor allem nach Estevans Tod.“

Juan verließ als erster den Strand und kehrte zurück in die Schule. Obwohl er das Gebäude schon unzählige Male betreten hatte, fühlte es sich an, als wäre es das erste Mal. Für einen Moment ging er in sein Büro. Es war jetzt seines. Nur mehr seines. Dann suchte er Alexander Tuniak auf.
Alexander hatte dem Begräbnis nicht beigewohnt. Er lag mit zwei gebrochenen Beinen in seinem Bett. Juan wusste nicht genau, wie alt Alexander war. Er sah jünger aus, als er tatsächlich war, aber er musste trotzdem schon über fünfzig sein.
Für lange Zeit schwiegen beide.
„Ich bin zwölf Jahre alt und soll eine Schule leiten“, sagte Juan schließlich.
„Nicht alleine“, antwortete Alexander. Es war das erste Mal, dass ihm Juan wirklich wie ein Kind erschien. Normalerweise wirkte er wie ein Erwachsener, distanziert von den anderen Kindern, freundlich aber zurück gezogen.
„Werde ich es schaffen?“, fragte Juan.
Alexander zögerte mit der Antwort. „Du hast doch sicher auch meine Mütter gefragt, oder?“, sagte er dann. Juan nickte. Die beiden Frauen, die nur wenig älter als ihr Sohn wirkten, waren ebenfalls bei Estevans Bestattung dabei gewesen. „Und sie haben dir gesagt, dass alles gut gehen wird, richtig? Nun, von mir wirst du die gleiche Antwort bekommen: Es wird alles gut gehen. Du zweifelst? Aber würde ich mich anlügen?“ Es war das erste Mal, dass er Juan direkt auf seinen Glauben ansprach.
Der Junge schmunzelte. „Glaubst du es nur oder weißt du es?“
„Beides“, versprach Alexander. „Denn wenn ich es nicht glauben würde, würde ich in der Früh nicht aus dem Bett kommen.“
Juan warf einen Blick auf Alexanders Beine.
„Nicht wörtlich gemeint!“

„Haben sie gewusst, wie es mit der Schule weitergehen wird?“, fragte ich. „Wird er sie bis in sein hohes Alter leiten?“
„Ah, ah!“ Herr Tuniak hob einen warnenden Finger. „Das betrifft auch ihre Zukunft. Nicht sie direkt, aber Dinge, die erst passieren werden.“
„Und dazu wollen sie nichts sagen.“
„Nur so viel: Es wird alles gut gehen.“



NÄCHSTE WOCHE:
'Normal' is a dryer setting.

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