Sonntag, 5. Februar 2012

Per aiutare un bambino, dobbiamo fornirgli un ambiente che gli consenta di svilupparsi liberamente.


(Um einem Kind zu helfen, muss man ihm eine Umgebung bieten, in der es sich frei entfalten kann.)
- Maria Montessori


Als ich aus der Zeitmaschine ausstieg, hatte ich für einen Moment das Gefühl, dass wir wieder in der Kreidezeit gelandet wären. Heiße Luft, strahlender Sonnenschein und ein dunkler Wald direkt vor uns. Doch diesmal kam auch noch das Rauschen von Wellen dazu, denn wir waren auf einem Sandstrand gelandet.
Willkommen auf der Insel Leviathan“, sagte Herr Tuniak und führte mich einen Trampelpfad entlang, der in den Wald führte. Der Pfad wurde schnell breiter und schließlich hörte der Wald so abrupt auf, als hätte jemand mit dem Lineal eine Grenze gezogen.
Die Bäume sind wie ein Zaun rund um die Insel gepflanzt“, erklärte Herr Tuniak. „Damit vorbei fahrende Schiffe die Schule nicht sehen können.“
Das ist die Schule?“, fragte ich ungläubig.
Vor mir stand ein Maya-Tempel. Eine Stufenpyramide mit sechs Stufen. Doch der Eindruck eines Maya-Tempels hielt nur für einen Moment. Bei genauerem Hinsehen, konnte ich sehen, dass einige Stufen Balkone waren auf denen Liegestühle standen. Es gab Glasfenster an mehreren Stellen, zwei Satellitenschüsseln und vor dem Haupteingang lagen mehrere Fahrräder auf dem Boden.
Alex, wie schön, dass du uns wieder besuchst!“ Wir drehten uns in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Zwei alte Männer mit Schaufeln und Gartenschere in den Händen kamen auf uns zu. Dann stutzte ich. Es waren nicht zwei Männer. Es war ein Mann mit zwei Köpfen.
Das sind Manh und Minh, sie sind sozusagen die Schulwarte hier“, stellte Herr Tuniak die beiden vor. Und es waren zwei Männer, wie ich später erfuhr. Sie waren eine besondere Form von siamesischen Zwillingen, die sich den ganzen Körper teilten und nur eigene Köpfe hatten.
Warum ist es so still hier?“, fragte Herr Tuniak.
Die meisten sind diese Woche auf Segelausflug“, erklärte Manh. „Sie werden erst in ein paar Tagen zurück kommen. Aber Juan ist in seinem Büro. Und Alice müsste auch irgendwo sein.“
Herr Tuniak bedankte sich (obwohl der Name „Alice“ bei ihm sichtlich wenig angenehme Erinnerungen hervor rief) und wir gingen in die Schule. Auch im Inneren war der ursprüngliche Zweck des Gebäudes nicht zu übersehen. Obwohl es elektrisches Licht gab, auf dem Boden Teppiche Lagen und an einigen Stellen Bilder an den Wänden hingen, konnte man doch überall die alten Maya-Reliefe sehen, die direkt in die Steinmauern gehauen worden waren.
War das wirklich einmal ein Tempel?“, fragte ich.
Soweit wir wissen, ja“, sagte Herr Tuniak. „Aber wir wissen leider nicht genau, wo er herkommt.“

Wir gingen eine breite Wendeltreppe hinauf, die genau in der Mitte der Pyramide vom untersten bis zum obersten Stockwerk führte. Oben angelangt öffnete Herr Tuniak eine Luke und wir stiegen auf das Dach hinauf. Ein großer Kompass befand sich dort, etwa einen Meter hoch und mit einer – wie Herr Tuniak erklärte – kardanischen Aufhängung befestigt.
Der Tempel befand sich genau in der Mitte der Insel. Er war umgeben von einer großen Wiese, die wiederum von einem Wald mit hohen Bäumen begrenzt wurde. Die Bäume waren fast so hoch wie der Tempel selbst, weswegen wir das Meer fast gar nicht und den Horizont nur stellenweise sehen konnten.
Herr Tuniak stützte sich am Gelände ab, dass am Rand des Daches montiert worden war und deutete der Reihe nach in alle Himmelsrichtungen. „Dieser Teil ist der Sportplatz“, sagte er. „Sie können die kleine Laufbahn sehen. Die dunkle Erde dort sind Beete, unersetzlich für den Biologie-Unterricht. Die Wiese wird für alles mögliche verwendet, meistens für Feste im Freien. Und sehen sie die Statuen auf der vierten Seite? Die sind alle von Schülern angefertigt worden.“
Während wir auf dem Dach der Schule standen, wurde mir leicht schwindelig. Obwohl wir still standen, hatte ich das Gefühl als würden wir uns bewegen.

Als nächstes suchten wir das Büro des Leiters der Schule auf.
Die ganze Idee für diese Schule stammt von ihm“, erzählte Herr Tuniak. „Er hatte Hilfe bei der Umsetzung, hauptsächlich von Philip, aber ohne ihn, wäre das alles nicht möglich gewesen.“
Wir klopften an der Tür an und traten ein.
Hinter einem Schreibtisch saß ein Teenager, sicher nicht älter als siebzehn Jahre. Ich dachte zuerst, das wäre vielleicht der Sohn des Leiters, bevor Herr Tuniak ihn mit „Das ist Juan Tomez, der Gründer“ vorstellte.
Freut mich sehr“, sagte ich.
Wir plauderten kurz, das heißt Herr Tuniak fragte, wie es mehreren Schülerinnen und Schülern ging. Er erzählte auch, warum ich gekommen war, aber wir blieben nicht lange.
Er hat immer viel zu tun“, erklärte Herr Tuniak, als wir das Büro verlassen hatten. „Er ist nicht nur Leiter, sondern eigentlich auch der gesamte administrative Stab hier. Wir alle helfen aus, wenn wir können, aber das reicht oft nicht.“
Ich dachte, sie wären in den 60ern hier gewesen“, sagte ich.
Oh, das war ich auch“, sagte Herr Tuniak.
Aber wie...“, begann ich zu fragen, bevor ich mich selber stoppte. Die Erklärung lag plötzlich offen auf der Hand: Juan Tomez musste ein weiterer Unsterblicher sein. Darum hatte mich Herr Tuniak letzte Woche auch nach „Shangri-La“ mitgenommen. Und im Gegensatz zu Eshe oder Philip hatte Juan bereits in seiner Jugend aufgehört zu altern.

Herr Tuniak führte mich dann durch die anderen Stockwerke der Schule. Er zeigte mir die Klassenzimmer, die wie gewöhnliche Klassenzimmer aussahen: Tafel, Computer, Tische und Stühle. Auch die kleinen Schlafzimmer, von denen jeder Schüler ein eigenes hatte, wirkten wie in jedem anderem Studentenheim. Einige wenige hatte Balkone und bei manchen waren die Steinwände durch Poster verdeckt, aber im Grunde genommen, wirkte hier alles recht normal – so normal ein Maya-Tempel der zu einer Schule umgebaut worden war wirken kann. Es gab sogar ein Arztzimmer, wo kleine Verletzungen behandelt werden konnten. „Der Arzt ist ein ehemliger Schüler“, erzählte Herr Tuniak. „Aber er wird wahrscheinlich auf den Segelausflug mitgegangen sein.“
Ist die ganze Schule mitgefahren?“, fragte ich.
Sieht so aus. Früher, als es nur ein Boot gab, wäre das nicht möglich gewesen, aber heute besitzt die Schule glaube ich drei Boote.“
Wir begegneten einer weiteren Schülerin, ein Mädchen namens Carla. Sie zeigte uns ihr Zimmer. Es hatte kein Fenster und auch sonst schien Carla nicht oft ins Freie zu gehen, so blass war ihre Haut.
Michel müsste im Labor sein, er wollte noch seine Chemie-Aufgaben machen“, erklärte sie, nachdem Herr Tuniak sie gefragt hatte, wer von den anderen Schülern noch anwesend war. „Mrs Alice hilft ihm dabei. Sue ist wahrscheinlich in der Küche... und Ari ist natürlich am Strand unten.“
Das trifft sich hervorragend, danke“, verabschiedete er sich von ihr. Dann wandte er sich mir zu. „Können sie tauchen?“

Herr Tuniak suchte Manh und Minh auf und gemeinsam trugen wir eine Taucherausrüstung – bestehend aus Brille, Jacket, Naßtauchanzug, Flossen und Pressluftflaschen – zum Strand hinunter. Ari – er war fünfzehn Jahre alt und sein eigentlicher Name war Arturo – war bereits im Wasser. Er winkte uns zu, als er Herrn Tuniak sah.
Arturo wird ihnen das Geheimnis der Insel zeigen“, versprach Herr Tuniak. „Aber dazu müssen sie unter Wasser gehen. Keine Sorge, er wird auf sie aufpassen, er ist ein exzellenter Tauchlehrer.“
Sie kommen nicht mit?“, fragte ich, während ich in den Taucheranzug schlüpfte und mit Hilfe von Manh und Minh zuerst das Jacket anzog und mir dann die Taucherflaschen umschnallte.
Ich bin leider schon zu alt dafür“, sagte Herr Tuniak und ein tiefes Bedauern klang in seiner Stimme mit. „Früher... Ich bin gerne getaucht. Im Meer, in Höhlen. Einmal bin ich mitten in einer Gruppe Blauwale geschwommen. Man glaubt gar nicht, was für eine Eleganz so große Tiere besitzen können.“
Die Flossen auf den Füßen und die Flasche auf dem Rücken – sie war so schwer, dass ich mehrmals fast hingefallen wäre – ging ich ins Wasser, wo Arturo bereit auf mich wartete.
Brauchst du keine Flasche?“, fragte ich ihn.
Er spricht nur Spanisch“, rief mir Herr Tuniak zu.
Aber die Sprachbarriere war kein Problem. Unter Wasser konnte ich auch nicht reden und Arturos Gesten waren eindeutig zu verstehen. Der Tauchgang begann.

Wir waren noch nicht weit geschwommen, vielleicht zehn Meter, da hörte der Sandboden auf und wurde durch alte, abgestorbene Korallen und dunklen Stein ersetzt. Und dann hörte der Boden überhaupt auf.
Im ersten Moment wusste ich nicht, was passiert war. Es war, als wäre ich plötzlich zu einer Schlucht gekommen, deren Boden ich nicht sehen konnte. Arturo zeigte auf den Meeresboden hinter mir. Tatsächlich: Er fiel komplett steil ab. Ich hatte das Gefühl neben einer Steinwand zu schweben. Wir tauchten tiefer, die Wand immer zu unserer Rechten. Dabei merkte ich, dass sie nicht komplett senkrecht abfiel, sondern leicht rückläufig war. Sie bestand immer noch hauptsächlich aus toten Korallen, aber an einigen Stellen sah ich auch große Luftballons, die im Stein verankert waren.
Und dann plötzlich war die Wand über mir. Unter mir, links und rechts von mir, überall war offenes Meer. Und direkt über mir befand sich... die Insel!
Ich verschluckte mich fast, als ich realisierte, dass ich mich direkt unter der Insel befand. Es gab keine Verbindung zum Meeresboden, der noch hunderte Meter oder mehr unter uns war. Die Insel schwamm.

Wir blieben bis zum Abendessen, das in einem langen Raum im Tempel serviert wurde. Eine Schülerin, Sue, hatte es zubereitet und präsentierte es stolz. Sie hatte im Latein-Unterricht ein altes Rezept übersetzt und es auch gleich zum Kochen verwendet. „So machen Übersetzungen mehr Spaß“, erklärte mir Alice, eine Lehrering der Schule, lächelnd.
Besser als im alten Rom“, erklärte Herr Tuniak nach dem Essen.
Bis auf das Eis“, warf Michel ein. „Wer von dir ist dafür verantwortlich gewesen?“ Aber Sue streckte ihm als Antwort nur die Zunge entgegen.
Und wissen sie schon, warum das hier die Insel Leviathan genannt wird?“, fragte mich Juan, um das Thema zu wechseln.
Weil sie wie ein riesiger Fisch schwimmt“, sagte ich. „Aber wie?“
Bimsstein“, erklärte Clara. „In Bimsstein sind so viele kleine Löcher, die Luft enthalten, dass es schwimmen kann. Genau so wie die abgestorbenen Korallen.“
Wie konnte das entstehen?“, fragte ich. „Und wie kommt ein Tempel auf so eine Insel?“
Herr Tuniak zuckte mit den Schultern. „Trotz Zeitmaschine haben wir nie heraus gefunden, wo die Insel ursprünglich hergekommen ist.“
Und wozu dienen die Luftballons?“
Als Sicherheit“, sagte Juan. „Die Insel schwimmt von alleine, aber wir haben zur Absicherung vor einigen Jahren einige Luftkissen an der Unterseite angebracht.“
Das war ich“, warf Arturo ein. Um den Kopf trug er etwas, dass wie ein Stirnband aussah und dafür sorgte, dass seine Kiemen immer feucht blieben. Der Grund warum er keine Taucherausrüstung brauchte war, dass er noch Kiemen hinter den Ohren hatte. Herr Tuniak hat es mir erklärt, als wir zum Abendessen gingen. „Wir alle haben Kiemen als Embryos. Nur wir verlieren sie auch als Embryos wieder. Außer Arturo.“
Und darum war auch die Leviathan-Schule der perfekte Ort für ihn. Und ich konnte nun auch verstehen, wieso sie so geeignet für Herrn Tuniak gewesen war. Juan, der uns zurück zur Zeitmaschine begleitete, formulierte es am besten: „Als ich die Schule gründete, wollte ich ein zu Hause für all jene bieten, die sonst nirgendwo eines finden konnten.“



NÄCHSTE WOCHE
Lebe so, wie wenn Du nochmals leben könntest - dies ist Deine Pflicht. Denn Du wirst in jedem Falle nochmals leben!

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