(Ewiges Leben ist unwahrscheinlich, das gebe ich zu. Aber jemand muss damit anfangen.)
- Bill Cosby
Ich habe gestern eine SMS von Herrn Tuniak bekommen. Sie lautete: „Ich hoffe, sie haben nichts dagegen, morgen wieder einen kleinen Ausflug zu machen.“
Natürlich nicht!
Wir trafen uns also nicht im Büro, sondern auf einem Parkplatz und fuhren zu der Hütte im Wald, wo sich die Zeitmaschine befand.
„Ich habe schon ein paar Mal einen Mann namens Philip erwähnt, glaube ich“, sagte Herr Tuniak während der Fahrt. „Sie haben sicher Fragen...“
„Ist er auch ein Zeitreisender wie sie?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak. „Er lebt bloß schon sehr lange. Und wenn wir ihn heute treffen, können sie ruhig Philip zu ihm sagen. Er ändert seinen Nachnamen alle fünfzig Jahre und ich weiß gar nicht, wie er sich aktuell nennt.“
Und damit erreichten wir die Hütte.
Zu meiner anfänglichen Enttäuschung reisten wir diesmal nicht durch die Zeit. Warum man mit einer Zeitmaschine nicht durch die Zeit, sondern auch zu jedem Punkt auf der Erde reisen kann ist hier nicht wichtig, aber für eine genauere Erklärung habe ich diesem Post eine Fußnote angefügt.
Herr Tuniak verriet nicht, wohin die Reise gehen würde. Er sagte nur, dass wir in der Gegenwart bleiben würden und so wartete ich gespannt auf den Augenblick in dem sich die Tür der Zeitmaschine wieder öffnen würde.
Auch diesmal merkte ich zuerst an der herein strömenden Luft, dass wir unsere Position geändert hatten. Aber es war keine angenehm warme Luft, sondern ein eiskalter Wind, der von draußen herein bließ. Ich knöpfte sofort meine Jacke zu, aber das half nur begrenzt. Herr Tuniak nahm zwei dicke Mäntel aus einem Kasten und gab mir einen davon.
„Kommen sie, es sind nur ein paar Schritte“, sagte er und wir stiegen aus.
Wir waren am Rande eines Gebirges gelandet. Schnee wehte die Hänge herunter, der Himmel war dicht bewölkt und weit hinter der Zeitmaschine konnte ich die Lichter einer Stadt ausmachen. Wir steuerten auf ein Steinhaus zu, das zuerst nicht viel größer wirkte als eine Gartenhütte. Anstatt einer normalen Eingangstür hatte es ein großes Holztor auf dem der Name „Shangri-La“ eingeritzt war. Wenn man näher kam, sah man jedoch, dass es sich bei den Buchstaben in Wirklichkeit um Männer und Frauen handelte. Sie trugen Kleidung aus verschiedenen Jahrhunderten und Symbole unterschiedlichster Art umrahmten sie.
„Was ist das hier?“, fragte ich.
„Ein Klubhaus“, schmunzelte Herr Tuniak.
Er öffnete das Tor und wir traten in einen großen Vorraum. Dieser war praktisch eine Schleuse zwischen der kalten Außenwelt und dem geheiztem Inneren. Hier legten wir unsere Mäntel ab und wechselten unsere Schuhe gegen Filzpantoffeln aus. Eine Tür, die weiter in das Haus hinein führte wurde von einem kleinen Mann mit dunklen Haaren und Vollbart geöffnet.
„Lex, da bist du ja!“, rief er. Dann schüttelte er mir die Hand: „Ich bin Philip.“
Unser Gastgeber führte uns in den nächsten... nun, es war ein Zimmer, ein Raum, aber größer, als jeder andere Raum in dem ich je gewesen bin. Er war viel zu groß, um in das kleine Haus zu passen, die wir betreten hatten. Für einen Moment wusste ich nicht, wie das möglich war, bevor ich mich erinnerte, dass die Hütte direkt an der Felswand gestanden hatte. Wir mussten eine Höhle betreten hatten, obwohl nichts hier drinnen darauf schließen ließ.
Der Raum war hell erleuchtet und keine zwei Lampen oder Luster glichen einander. Es gab keine Wände. Regale, die vom Boden bis zur Decke reichten, teilten den Raum in mehrere Bereiche auf. Wie viele Bereiche weiß ich nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass wir ein endloses Labyrinth betreten hatten.
Doch die Regale waren nicht die einzigen Ersatz-Wände. Es gab auch Aquarien. Teilweise waren sie wie Wände aufgestellt, teilweise waren sie ein Teil des Fußbodens, teilweise der Decke. Die Bodenaquarien, in denen bunte tropische Fische schwammen, waren alle mit Warmwasser gefüllt und waren somit gleichzeitig eine Fußbodenheizung.
„Der große Vorteil von Island“, erklärte Philip, als ich fragte, wie sie für die Wärme sorgten. „Thermalquellen.“ Er führte uns zu einem Sitzbereich, der auf zwei Seiten von Aquarien und an der dritten von einem Regal begrenzt war. Er fragte, ob wir Tee oder Kaffee wollten und verschwand dann.
Während wir warteten, konnte ich nicht ruhig auf dem Sofa sitzen, sondern ging zu dem nächsten Regal hin. Es hätte wunderbar in ein Museum gepasst. Ein chaotisches Museum. Eine Münze aus dem viktorianischen England, lag neben einem Feuerstein aus der Steinzeit, daneben war ein Taschenbuch aus den 1950ern, eine Porzellanfigur aus China... Und so ging es weiter. Gegenstände aus allen Epochen und Ländern waren vertreten.
„Was ist das alles?“, fragte ich Herrn Tuniak.
„Souvenirs“, antwortete er. „Sie sind viel herum gekommen.“ Er hatte zuvor die Hütte als Clubhaus bezeichnet, als musste er mit dem „sie“ die anderen Leuten meinen, die hierher kamen.
Ich ging weiter zu dem Wandaquarium. Darin gab es keine Fische, sondern nur kleine Quallen, kleiner als einen Zentimeter im Durchmesser.
„Turritopsis nutricula, die unsterbliche Qualle“, sagte jemand. Ich drehte mich um und sah, dass sich eine Frau zu uns gesellt hatte. Genau so wie Philip konnte ich auch ihr Alter nicht gut einschätzen, aber sie wirkte nicht über vierzig. „Sie entsteht aus einem Polyp und kann sich wieder zu einem Polypen zurück entwickeln. Ein ewiger Zyklus. Unsterblichkeit. Das perfekte Symbol für unseren kleinen Club hier. Ich bin Eshe.“ Sie setzte sich neben Herrn Tuniak auf das Sofa. „Hallo, Lex.“
Philip kehrte mit Tee, Kaffee und Keksen zurück. Dann kamen wir zum eigentlichen Thema unseres Besuchs.
„Lex hat mir erzählt, dass sie seine Biographie schreiben“, sagte Philip. „Ich nehme an, sie wollen von mir hören, wie ich das erste Mal seinen Müttern begegnet bin, oder?“
„Schön langsam könnten sie mit der Pyramide fertig sein“, meinte Miriam zu Helena. „Sie arbeiten jetzt schon... achtzehn Jahre daran? Neunzehn?“
Sie saßen auf Klappstühlen auf einer Sanddüne, die sie mitgebracht hatten. Sie waren weit genug von der Baustelle der Pyramide entfernt, dass sie von dort nicht gesehen werden konnten, aber sie selbst hatten Feldstecher und konnten so in aller Ruhe die Arbeiten beobachten.
„Sie sind fast wie Ameisen“, sagte Helena, die Beschwerde ignorierend. Sie hatten die letzten Tage damit verbracht dem Bau der Pyramide zu verfolgen. Immer wieder sprangen sie einige Jahre weiter, um einen weiteren Bauabschnitt zu sehen. Wie im Zeitraffer. „Also gut: Ein letztes Mal noch und dann darfst du dir wieder ein Ziel aussuchen“, sagte Helena.
Doch als sie zur Zeitmaschine zurück kehrten, erwartete sie eine Überraschung. Ein Mann stand direkt davor. „Was ist das?“, fragte er mit großen Augen.
„Ich hatte die beiden schon einige Zeit beobachtet“, erklärte Philip. „Ich sah sie alle paar Jahre beim Bau der Pyramiden und dabei fiel mir auf, dass sie sich nicht veränderten. Ich dachte zuerst, ich hätte jemanden gefunden, der genau so wie ich war.“
„Jemand so wie sie?“, fragte ich. Ich hatte natürlich schon eine Vermutung, was er damit meinte, aber ich wagte es nicht, sie auszusprechen.
„Hast du ihm nicht erzählt...?“, sagte Philip zu Herrn Tuniak.
„Nein, nur Andeutungen“, erklärte Herr Tuniak.
Philip stieß einen kurzen Lacher aus. „Du hättest wirklich zum Theater gehen soll“, meinte er, bevor er sich wieder mir zu wandte. „Ich bin unsterblich. Meine frühesten Erinnerungen sind, wie ich in einer Höhle Wände bemale.“
Mein Blick wanderte von ihm zu Herrn Tuniak, der zustimmend nickte. Dann sah ich zu Eshe hinüber. „Das Erste, an das ich mich erinnern kann, ist wie ich einem Mammut hinterher laufe“, sagte sie.
„Wie ist das möglich?“, fragte ich schließlich. Es kam mir nicht in den Sinn an ihren Aussagen zu zweifeln.
Philip antwortete: „Genau weiß ich es auch nicht, aber ich habe eine Theorie.“
„Was hältst du davon?“, fragte Philip.
Doktor Blackburn studierte die Ergebnisse der Tests. „Die Zellen stammen wahrscheinlich von einem Kind“, sagte sie. „Siehst du das hier? Das sind Telomere. Und jedes Mal, wenn sich eine Zelle teilt, wird ein Stück davon abgeschnitten.“
„Je älter ein Mensch ist, umso weniger von diesem Telo... Telomer hat er?“, fragte Philip. „Und eine Zelle ohne Telomer kann sich nicht teilen.“
„Mehr oder weniger“, bestätigte sie. Es war klar, dass die Erklärung nicht ganz so einfach war, für einen Laien aber ausreichen würde. „Sie sind der Grund warum wir altern. Würden sie nicht kürzer werden, könnten wir alle unendlich lang leben.“
„Und weil die Telomere hier noch vollständig vorhanden sind, müssen sie von einem Kind stammen. Ich danke ihnen.“ Philip würde Doktor Blackburn nie verraten, dass er ihr seine eigenen Zellen zur Untersuchung gegeben hatte.
„Zuerst dachte ich, ich wäre einzigartig“, erzählte Philip. „Dann traf ich Esh'. Und später andere Unsterbliche.“
„Und all die Gegenstände, diese ganzen alten Sachen in den Regalen... die haben früher ihnen gehört?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte Eshe. „Hier ist unser Ort des Rückzuges. Hier haben wir Ruhe. Wenn wir zwischen Identitäten sind, kommen wir hierher zum... Entspannen.“
„Zwischen Identitäten?“
„Wenn man so lange lebt wie wir, muss man von Zeit zu Zeit seine Identität ändern“, erklärte Philip. „Das war früher leichter als heute im Computer-Zeitalter. Damals bin ich einfach in die nächste Ortschaft gezogen, heute muss ich mich um neue Papiere und den ganzen Kram kümmern.“
„Als ob dir das nicht Spaß machen würde“, warf Herr Tuniak ein. „Du hättest im Theater auftreten sollen.“
„Das habe ich im alten Rom gemacht“, gab Philip zu.
„Philip verändert sich teilweise radikal. Neuer Haarschnitt, eine andere Körperhaltung, eine neue Diät, damit er anders aussieht... Manchmal erkenne ich ihn gar nicht wieder, wenn er sich verändert hat.“
„Übung macht den Meister“, versuchte Philip bescheiden zu klingen, was ihm aber nicht gelang.
Auf der Heimfahrt erklärte Herr Tuniak: „Philip hat meinen Müttern viel geholfen. Mir auch. Er war die einzige Konstante in unserem Leben. Egal wohin wir reisten, er war immer da.“
„Aber wie können sie ihn finden?“, fragte ich.
„In etwa fünfzig Jahren wird er meinen Müttern eine Liste geben“, erklärte Herr Tuniak. „Eine Liste auf der steht, wann und wo er sich aufgehalten hat.“
„Wie viele Unsterbliche gibt es?“, fragte ich.
„Wer weiß“, sagte Herr Tuniak. „Das Haus gehört Philip gemeinsam mit acht anderen. Ist ihnen noch kalt?“
„Ein bisschen.“
„Dann reisen wir nächste Woche in die Tropen“, versprach Herr Tuniak.
Warum kann man mit einer Zeitmaschine um die Welt reisen? Weil sonst jede Zeitreise im Nichts enden würde. Man stelle sich vor man will vierundzwanzig Stunden in die Vergangenheit reisen. Würde die Zeitmaschine nur durch die Zeit, nicht aber durch den Raum reisen, würde man im All ankommen. Denn vor vierundzwanzig Stunden befand sich die Erde noch woanders. Aber nicht nur die Erde bewegt sich. Auch das gesamte Sonnensystem und die Milchstraße und so weiter... Ein Trip von einem Punkt auf der Erde zu einem anderen ist somit eine Kleinigkeit für jede Zeitmaschine.
Herr Tuniak hat auch noch erklärt, dass man auf Winkelgeschwindigkeit, unterschiedliche Impulse, und ähnliches aufpassen muss, aber diese Aufgabe übernimmt zum Glück der Computer der Zeitmaschine.
NÄCHSTE WOCHE
Per aiutare un bambino, dobbiamo fornirgli un ambiente che gli consenta di svilupparsi liberamente.
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