Sonntag, 15. Januar 2012

Il y a une femme à l'origine de toutes les grandes choses.

(Am Beginn aller großen Dinge steht eine Frau.)
- Alphonse de Lamartine


„Was habe ich ihnen das letzte Mal schon alles über meine Mütter erzählt?“, fragte mich Herr Tuniak, nachdem ich auf dem Sofa platz genommen hatte.
„Sie sagten, dass Miriam eine Physikerin gewesen wäre... ständig auf Reisen... Vorlesungen auf vier Universitäten“, antwortete ich, meine Notizen lesend. „Und Helena... eine Archivarin... Digitalisierung von privaten Texten und ähnlichem... ebenfalls viel auf Reisen deswegen...“
„Ich habe nicht gesagt, dass das nicht ihre echten Namen sind?“
„Nein“, sagte ich überrascht.
„Mittlerweile sind sie es wahrscheinlich, aber es sind nicht die Namen, die sie bei ihrer Geburt bekommen haben“, erklärte Herr Tuniak. „Sie änderten sie, als sie begannen durch die Zeit zu reisen.“
„Sie haben alte Namen gewählt, die sie zu jeder Zeit verwenden konnten?“, fragte ich und Herr Tuniak nickte als Antwort. Dann schloss er die Augen, um sich besser erinnern zu können. Ich fragte mich, ob für ihn mehr als eine Woche seit unserem letzten Gespräch vergangen war. „Ich hätte vielleicht noch allgemeiner anfangen sollen“, sagte er schließlich und öffnete wieder die Augen. „Lassen sie mich von der Zukunft erzählen.“

„Es wird ja diese Zeit schon“ - und hierbei warf er einen schnellen Blick auf den Kalender, als müsste er sich vergewissern welches Jahr wir gerade hatten - „als Informationszeitalter bezeichnet. Das wird in der Zukunft noch viel treffender sein. Es wird praktisch keinen Flecken auf der Welt geben, wo man keinen Zugriff auf das... Internet haben wird.“ Ich merkte, dass er vor dem Wort „Internet“ kurz stockte. Aber er ging nicht näher darauf ein und so kann ich nur vermuten, dass es einen Nachfolger des Computernetzwerkes geben wird. Aber ich weiß nicht, wie dieser aussehen wird.
„Und wenn man von überall auf alle Informationen zugreifen kann, dann hat man zwei Möglichkeiten, wie man sein Leben lebt“, sagte er und blickte mich erwartungsvoll an. Anscheinend wollte er, dass ich ihm die zwei Möglichkeiten auflistete und nach kurzem Überlegen sagte ich: „Entweder man bleibt zu Hause, weil man sowieso auf alles zugreifen kann. Oder man geht auf Reisen, weil... ja, aus genau den gleichen Gründen.“
„Sehr richtig“, sagte Herr Tuniak, sichtlich zufrieden. Aber hätte ich nicht gewusst, dass seine Mütter scheinbar keinen festen Wohnsitz hatten, wäre ich nicht auf die Antwort gekommen.
„Miriam hielt Vorlesungen über Theoretische Physik an mehreren Universitäten. Diese Vorlesungen wurden im... Internet übertragen. Es war also egal, wo sie sich befand und so reiste sie um die Welt. Helena musste aus beruflichen Gründen reisen. Da sie Daten digitalisierte, die es noch nicht im Internet gab, musste sie klarerweise dorthin reisen, wo sich diese Daten befanden. Und es war einer dieser Aufträge, der sie mit Miriam zusammen brachte.“

Sie sahen sich das erste Mal im Eingangsfoyer eines Hotels. Miriam war gerade beim Einchecken, als Helena aus dem Speisesaal kam. Sie erkannte sie sofort. Sie hatten bis dahin nur mehrere Mails ausgetauscht und einen Video-Chat abgehalten. Und trotzdem erkannten sie sich sofort.
In einer Zeit, in der alle geschäftlichen Kontakte über das Internet abgewickelt wurden, hatten sich die Menschen daran gewöhnt, dass die Photos, die man sah, nicht mit der Realität überein stimmten. Im Internet konnte sich jeder präsentieren, wie er wollte. Operationen am eigenen Körper waren nicht mehr nötig, wenn man seinem Avatar – sein Gesicht, das man der Welt zeigte – mit wenigen Befehlen jede Form geben konnte.
Aber Miriam und Helena hatten ihre Bilder nicht verändert. Sie waren nicht perfekt. Helena hätte ihre Nase, die nach einem Unfall in ihrer Jugend leicht schief war, ausbessern können. Miriam hätte die hellen Flecken auf ihrer dunklen Haut, Zeugnis ihres gemischten Erbguts, verdecken können. Aber sie hatten es nicht getan. Und als sie sich zum ersten Mal gegenüber standen, wussten sie deswegen sofort, dass sie etwas gemeinsam hatten.

„Helena wurde von einer Familie gebeten, die Hinterlassenschaft einer Ururur-Großmutter – oder so ähnlich – zu digitalisieren. Diese Frau war eine Physik-Studentin in Paris Ende der 1960ern, mehr war über sie nicht bekannt. Damit sie die Texte auch korrekt katalogisieren konnte, stellte Helena eine Anzeige ins Internet, in der sie einen Physiker/eine Physikerin um Unterstützung bat. Miriam war gerade zufällig in der Nähe und so begann ihre Zusammenarbeit.“
Herr Tuniak gab mir einen Zettel. Auf diesem waren – in kaum lesbarer Schrift – mehrere Formeln und Rechnungen zu sehen. „Sie haben eine Kopie von dem Zettel, der Miriam innehalten ließ“, sagte er dabei.
Die Formeln verstand ich natürlich nicht, aber ich konnte erraten, worum es dabei ging. „Das Geheimnis von Zeitreisen?“, fragte ich.
„Fast“, bestätigte Herr Tuniak. „Es ist mehr ein Ansatz einer... nun, einer Theorie von Allem. Einer Weltformel. Einer Theorie, die das gesamte Universum erklären kann. Meine Mütter konnten die Theorie nicht vervollständigen, aber sie fanden einen Teil, der Zeitreisen ermöglichte.“
„Und sie bauten eine Zeitmaschine. Haben sie anderen von ihrer Entdeckung erzählt?“
„Nein“, sagte Herr Tuniak.

„Wenn wir das veröffentlichen, dann werden hunderte, tausende Menschen Zeitmaschinen bauen“, sagte Helena.
Sie und Miriam saßen in der Bar des Hotels, in dem sie beide ein Zimmer gemietet hatten. Sie flüsterten und warfen immer wieder heimliche Blicke über ihre Schultern. Aber natürlich belauschte sie niemand. Die wenigen anderen Gäste in der Bar ahnten schließlich nichts von ihrer Entdeckung.
„Vielleicht habe ich mich auch geirrt“, sagte Miriam. „Vielleicht funktioniert es nicht. Wenn Zeitreisen möglich sind, wo sind dann die Zeitreisenden? Wir müssten doch hunderte Besucher aus der Zukunft haben.“
„Nun, es gibt wohl nur eine Möglichkeit die Theorie zu testen, nicht?“, fragte Helena und die beiden Frauen begannen laut zu lachen. Jetzt drehten sich einige der anwesenden Gäste zu ihnen herum, aber jetzt kümmerte es sie auch nicht mehr.

„Wo sind alle Zeitreisenden?“, fragte ich Herrn Tuniak. „Zeitreisen sind möglich, also...?“
„Alles zu seiner Zeit“, versprach er. „Es gibt einen guten Grund, aber wollen sie nicht lieber hören, wohin die erste Reise meiner Mütter ging?“
„Zu den Dinosauriern“, antwortete ich sofort.
“Stimmt. Es war auch das Ziel ihrer zweiten und dritten Reise...“

„Ich habe meine Kamera vergessen“, sagte Helena, als die Herde von Edmontosauriern an ihnen vorbeizog. „Schon wieder!“
„Es hätte dir sowieso niemand geglaubt“, meinte Miriam. „Möchtest du noch etwas Unglaubliches sehen?“ Sie deutete Helena, dass sie ihr folgen sollte. Sie führte sie zu einer Grube im Boden, in der sich Asche befand.
„Was ist das?“, fragte Helena und kniete sich auf den Boden. „Eine Feuerstelle?“
„Ja“, bestätigte Miriam. „Und siehst du die kleinen Steine in der Asche? Ich glaube, das sind Splitter, die von Feuersteinen abgebrochen sind, als diese zusammengeschlagen wurden.“
„Dinosaurier kannten Feuer...“, staunte Helena. „Wie lange noch, bis der Meteorit einschlägt?“
„Ein paar tausend Jahre“, sagte Miriam. „Sie haben es zu spät entdeckt.“

„Ich glaube, es war die Entdeckung der Feuerstelle, die meine Mütter dazu brachte, weiterhin durch die Zeit zu reisen“, meinte Herr Tuniak. „Es ist sicherlich nicht der einzige Grund, aber wahrscheinlich der wichtigste.“
„Wie meinen sie das?“, fragte ich.
„Die Feuerstelle zeigte ihnen, dass die Vergangenheit noch Geheimnisse enthielt, die sie nicht erwartet hätten“, erklärte er. „Das sprach vor allem Helena an. Miriam wollte hauptsächlich... in Bewegung bleiben. Zumindest hat sie mir das einmal so gesagt.“
„Sie kehrten danach nie wieder in ihre Zeit zurück?“
„Nur noch ein einziges Mal. Und dann nicht für lange“, sagte Herr Tuniak.
„Stammt ihr Vater auch aus der Zukunft?“
„Sie meinen einen biologischen Vater?“
„Ja“, antwortete ich verwirrt. „Gibt es eine andere Variante?“
„Dutzende“, meinte Herr Tuniak. „Aber ich habe keinen biologischen Vater. Und bevor sie sagen, dass ist unmöglich, bevor sie Einwände bezüglich X- und Y-Chromosomen einbringen, bedenken sie, dass meine Mütter aus der Zukunft kommen. Dort wäre eine Familie wie unsere keineswegs etwas Besonders.“
Ich wusste nicht, worauf er mit der Bemerkung über die Chromosomen anspielte und konzentrierte mich lieber auf den Teil seiner Antwort, den ich verstand. „Was wäre denn eine außergewöhnliche Familie in der Zukunft?“
Herr Tuniak überlegte kurz und schmunzelte dann. „Ich weiß nicht“, sagte er. „Es gibt Familien, die sich nur über das Internet kennen, Familien, deren Mitglieder teilweise nur im virtuellen Raum existieren, Familien, die nur aus Klonen bestehen,...“
„Ich ziehe meine Frage zurück“, unterbrach ich ihn lachend. „Wen oder was würden sie als ihre Familie bezeichnen?“
„Abgesehen von meinen Müttern? Jeden in der Uno-Schule“, antwortete er sofort.
„Und außer mit ihren Müttern sind sie mit keinem in ihrer Familie genetisch verwandt?“
„Mit keinem“, bestätigte er. „Aber was hat Genetik mit Familie zu tun? Ihre Eltern sind doch auch nicht genetisch miteinander verwandt und trotzdem würden sie nicht zögern, sie als eine Familie zu bezeichnen.“
„Wie würden sie Familie definieren?“
„Wie einst die Steinzeitmenschen“, meinte Herr Tuniak. „Jetzt würde man den damaligen Familienbegriff aber wohl eher mit Clan oder... Rudel übersetzen. Was nur wieder beweist, dass man nicht zu viel Wert auf Namen und Definitionen legen soll, weil sich beides im Laufe der Zeit ändert. Wie sagte schon Shakespeare? 'Was ist ein Name; Das Ding das wir eine Rose nennen, würde unter jedem andern Namen eben so lieblich riechen'.“
„Sie springen auch gedanklich gerne durch die Zeit, oder?“, scherzte ich.
„Oh, das ist der Vorteil eines Zeitreisenden“, sagte Herr Tuniak. „Man kann sich aus allen Zeiten das Beste heraussuchen und den ganzen Rest ignorieren. Was glauben sie, wo ich meine Schulbildung bekommen habe? Nein, antworten sie nicht! Darüber sprechen wir nächste Woche.“



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Saps què ets? Ets una meravella. Ets únic. Mai abans no hi havia hagut cap altre infant com tu.

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