Sonntag, 1. Januar 2012

Meine Mutter wird in 102 Jahren geboren werden.

- Alexander Tuniak

Wie bitte?
„Der Anfang ist immer am schwierigsten“, fuhr er fort. „Ich habe lange nachgedacht, was ein guter Anfang wäre und ich denke, dieser Satz erfüllt alle Kriterien.“
Und die wären?
„Er ist ungewöhnlich. Er macht – hoffentlich – neugierig. Er enthält bereits eine wichtige Information, vielleicht sogar zwei. Und – das ist das Wichtigste – er ist wahr.“

Also gut. Stelle ich den Satz also an den Anfang. Aber nachdem Alexander Tuniak seine Biographie nicht selber schreiben will, habe ich gewisse Freiheiten, wie ich fortfahre (aber nur gewisse, ich werde schließlich von ihm bezahlt).
Es ist vielleicht nützlich dort anzufangen, wo es auch für mich angefangen hat. Das war letzte Woche.

Ich bin Student. Was ich studiere ist nicht wichtig, es geht schließlich nicht um mich. Aber dass ich Student bin ist wichtig. Denn wie viele Studenten habe ich mich nach einem Job umgesehen. Nichts Großes. Etwas, wobei ich Erfahrung sammeln kann, was sich ja gut für den Lebenslauf macht. Es sollte außerdem nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. 16-Stunden-Schichten als Taxifahrer kann ich nach meinem Abschluss immer noch machen.
Es gibt auf der Universität ein Board auf dem Jobs angeboten werden. Dort fand ich auch die Anzeige von Herrn Tuniak. Sie lautete:

„Gesucht: Für die Verfassung meiner Biographie ein Schreiber – einmal die Woche für einige Stunden – kreative Freiheit in gewissem Rahmen – für mehr Informationen, melden sie sich unter der Nummer...“

Warum nicht?, habe ich mir gedacht und angerufen. Ich wurde auch prompt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Gespräch fand in einem Büro statt, im obersten Stockwerk eines Gebäudes der Firma Raben Consulting. Die meisten anderen Treffen werden ebenfalls dort stattfinden, hat mir Herr Tuniak versichert. Das Büro ist nichts Besonderes. Es gibt (natürlich) einen Schreibtisch, allerdings (und das hat mich überrascht) ohne Computer. Wenn ich zurückdenke, ich glaube auch nicht, dass ich ein Telephon dort gesehen habe. Vor drei Wänden waren Bücherregale, aber ich habe nicht erkennen können, was für Bücher es waren. Die vierte Wand – hinter dem Schreibtisch – war ein riesiges Glasfenster mit Ausblick über die Stadt. Es gab dann auch noch einen niedrigen Tisch mit Sofa dabei, einige Pflanzen (Farne, glaube ich), Lampen natürlich auch. Aber es wirkte nicht wie ein Büro in dem gearbeitet wird. Es wirkte viel mehr wie die Kulisse eines Büros. Als hätte jemand den Raum nur deswegen eingerichtet, damit wir uns nicht auf der Straße unterhalten mussten.
Das Vorstellungsgespräch war das leichteste, zu dem ich je gegangen bin.
So lief es ab:

Ich betrete den Raum.
Herr Tuniak: „Sie haben den Job.“

Das war es. Er wollte nichts von mir wissen. Nicht, ob ich schon einmal etwas Ähnliches gemacht hätte. Nicht, ob ich besondere Qualifikationen hätte, die mich für den Job besonders eignen würden. Nicht, ob ich irgend welche Verwandte hätte, denen er einen Gefallen schuldete. Keine Gehaltsvorstellungen und auch nichts über die Zeiteinteilung. Ich hatte den Job.

Was also ist mein Job?
Jeden Sonntag werde ich zu Herrn Tuniak ins Büro gehen und er wird mir über sein Leben erzählen. Meine Aufgabe wird es sein, Notizen zu machen und im Nachhinein seine Gedanken in eine halbwegs lesbare Form zu bringen. Und dann soll ich das Ganze – Stück für Stück, Woche für Woche – im Internet veröffentlichen.
Warum?
„Das erkläre ich ihnen später einmal.“
Ach ja, und den Job werde ich für genau ein Jahr haben. Ein Jahr lang wird er mir über sein Leben erzählen, nicht länger.
„Wenn man Erzählungen beginnt, sollte man immer ein Ende vor Augen haben“, erklärte er mir. „Sonst beginnt man abzuschweifen, sich in Details zu verlieren und den eigentlichen Kern zu vergessen. Das kann zwar auch interessant sein, aber das will ich nicht. Also: genau ein Jahr. Wir werden nächste Woche anfangen.“

Aber so ganz ohne erste Details wollte er mich dann doch nicht gehen lassen. Deswegen hat er mir auch den ersten Satz oben mitgegeben.
„Für den Heimweg“, meinte er dabei.
„102 Jahre“, notierte ich mir in meinem kleinen Notizblock und versuchte ein Lachen zu unterdrücken. „Und wann sind sie geboren worden?“, fragte ich.
„1996“, antwortete er. Er merkte, dass ich das Datum nicht sofort aufschrieb, sondern kurz inne hielt. „Ich sehe nicht so jung aus, nicht war?“, fragte er.
Eine kurze physische Beschreibung von Herrn Tuniak ist an dieser Stelle angebracht: Er ist groß, etwa zwei Meter. Seine Haare sind fast weiß, aber man kann noch an einigen Stellen erkennen, dass sie früher einmal schwarz gewesen sein müssen. Sein Name klingt zwar griechisch, aber vom Aussehen her, würde er auch in den Nahen Osten ohne Probleme passen. Es ist überhaupt schwer zu sagen, aus welchem Land er kommt. Ich habe ihn nach seiner Nationalität gefragt und er antwortete: „Keine. Oder Terra, wie sie wollen.“
Terra. Erde. Von mir aus. Und wie alt ist er?
„Das weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Aber ich schätze, dass ich um die hundert Jahre alte bin.“ Für einen hundertjährigen hat er sich extrem gut gehalten. Er wirkt nicht einen Tag älter als siebzig.
Ich besserte sein Geburtsjahr auf 1896 aus. Ich war der Überzeugung, dass ich ihn einfach falsch verstanden hatte. Aber er bemerkte das sofort und ich musste die Verbesserung ausbessern.
„Ich bin wirklich 1996 geboren worden“, versicherte er mir. „Und ich bin auch wirklich hundert Jahre alt. Und das, obwohl ich 1998 nie erlebt habe. 2003 glaube ich auch nicht.“
Er ist der Boss. Ich muss keinen Sinn in seinen Aussagen finden, ich muss sie nur möglichst originalgetreu wiedergeben.
Ich fragte ihn, vorsichtig, wie das alles möglich sei.
„Ah, das ist doch ganz logisch“, erklärte er mir. „Aber wenn sie es nicht verstehen, dann müssen sie, wie Mr. Gently, ein Kind fragen.
„Eines noch, bevor sie gehen“, sagte er dann. „Ich möchte ihnen noch eine alte Legende vorlesen, die vielleicht erklärt, warum ich das alles mache.“ Er nahm ein bedrucktes Blatt vom Schreibtisch. „Manche sagen, sie ist unvollständig, dass das Ende fehlt, aber ich denke, sie hört genau an der richtigen Stelle auf.“

Das ist die Legende:
Es war einmal ein alter Mann, der hatte drei Söhne. Und es kam, wie es kommen musste: der alte Mann starb. Er wurde begraben und auf sein Grab stellten die Söhne einen großen Grabstein auf dem sein Name stand, damit er nie vergessen werden würde. Die Jahre vergingen. Eines Tages trafen sich die drei Söhne wieder bei dem Grab und sie mussten mit Entsetzen feststellen, das Wind, Wetter und Witterung dem Grabstein so zugesetzt hatten, dass der Name kaum noch lesbar war. Sie beauftragten natürlich einen Steinmetz, der ihn neu eingravieren sollte, aber als der neue Grabstein aufgestellt wurde, wussten alle drei, dass auch hier der Name mit der Zeit ausgewaschen werden würde. Und sie standen vor dem Grab und dachten nicht nur an ihren Vater, sondern auch an sich selbst. Würden sie eines Tages vergessen werden? Würden ihre Nachkommen dafür sorgen, dass ihr Grabstein niemals blank sein würde?
Der erste Sohn sagte: „Ich will nicht vergessen werden. Ich werde Kinder haben, viele Kinder und die werden Kinder haben und diese werden wieder Kinder haben. Meine Nachkommen werden eine ganze Dynastie bilden und ich werde nie vergessen werden, weil ich der Begründer dieser Dynastie bin. Und jedes Mal, wenn ein Stammbaum gezeichnet wird, werde ich die Spitze davon bilden.“
Darauf antwortete der zweite Sohn: „Auch ich will nicht vergessen werden. Ich werde ein Kunstwerk erschaffen. Einen Palast, so groß und mächtig, dass selbst die Zeit ihm nichts anhaben kann. Und Könige und Kaiser werden in diesem Palast wohnen und er wird das bekannteste Gebäude der Welt sein. Und die Leute werden fragen, wer dieses Wunderwerk erbaut hat und man wird ihnen meinen Namen nennen.“
Der dritte Sohn sagte: „Vergessen werden, will ich auch nicht. Deswegen werde ich jedem, dem ich begegne, meine Geschichte erzählen. Wer ich bin, was ich erlebt habe. Manches davon wird wahr sein, anderes werde ich nur erfunden habe. Aber das macht nichts. Denn die Leute, die mir zuhören, werden die Geschichte weitererzählen und sie werden Dinge auslassen, die ich gesagt habe, und Dinge hinzufügen, die ich nicht gesagt habe. Aber sie werden mich nie vergessen.“

Herr Tuniak gab mir eine Kopie dieses Textes und fügte dazu: „Ich habe die Geschichte einigen Freunden von mir vorgelesen. Wissen sie, was sie gesagt haben? Sie meinten, die einzige Möglichkeit nicht vergessen zu werden, ist, einfach nicht zu sterben. Und dann haben sie gelacht.“ Er schmunzelte selbst, als er das sagte. „Dabei kennt niemand ihre Namen.“
Und damit verabschiedete er sich.


NÄCHSTE WOCHE:
Credo, quia impossibile est.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen