Sonntag, 8. Januar 2012

Credo, quia impossibile est.


(Ich glaube es, weil es unmöglich ist.)
- fälschlicherweise Tertullian zugesprochen


Bevor ich diese Zeilen begonnen habe zu schreiben, habe ich mir noch einmal den Post von letzter Woche durchgelesen. In einigen Stellen ist er mir furchtbar peinlich. Ich habe mich geirrt. Komplett geirrt.

Durchatmen. Tief durchatmen. Ich sollte chronologisch vorgehen.

Folgendes ist passiert:
Ich bin heute in das Büro von Herrn Tuniak gegangen. So, wie wir es letzte Woche vereinbart hatten und soweit war noch alles normal. Dann begann er mir von seinen Müttern (Mehrzahl!) zu erzählen. Woher sie kamen, was sie taten.... „Hintergrund“, nannte er es. Ich machte mir Notizen und versuchte dabei so zu tun, als würde ich auch alles glauben, was er mir erzählte.
Es war nicht leicht.
Ich war auch nicht erfolgreich.

Wir sind etwa eine halbe Stunde in dem Büro gesessen. Dann stoppte er plötzlich.
„Sie glauben mir natürlich nicht“, sagte er dann.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
„Ich habe ihren ersten Eintrag in dem Blog gelesen“, fuhr er dann fort. „Ich hätte mir denken müssen, dass so etwas passieren würde.“ Er öffnete eine Aktentasche, die neben seinem Sessel stand, nahm ein Handy heraus und wählte eine Nummer. „Komm bitte zum Haupteingang“, sagte er. „Jetzt gleich. Danke.“
Dann ging er zur Bürotür. „Kommen sie!“, rief er mir zu. „Wir werden einen kleinen Ausflug machen!“
Ich packte überrascht meine wenigen Sachen zusammen und folgte ihm.

Vor dem Haupteingang des Hauses wartete eine Limousine auf uns. Als wir einstiegen, konnte ich am Kennzeichen erkennen, dass der Wagen, genau so wie das Gebäude, das wir eben verlassen hatten, ebenfalls zur Raben Consulting Firma gehörte.
Der hintere Teil der Limousine war komplett von der Fahrerkabine getrennt. Herr Tuniak musste über ein kleines Telephon dem Fahrer das Ziel unserer Fahrt bekannt geben. „Zur Hütte“, sagte er nur und dann fuhr der Wagen los.
Die Fahrt war äußerst angenehm. Ich mag Autofahrten normalerweise nicht, aber ich bin bis heute auch noch nie in einer Limousine gesessen. Herr Tuniak und ich hatten jeweils eine ganze Sitzbank für uns alleine, es gab eine Mini-Bar und einen Fernseher (wir machten von keinem von beiden Gebrauch) und durch die (von außen verspiegelten) Fenster konnte ich sehen, wohin wir fuhren.
Wir verließen die Stadt. Es dauerte nicht lange und anstatt von Häusern waren links und rechts von uns nur mehr Bäume zu sehen. Der Wald um uns herum wurde immer dichter, die Straße immer enger.
Herr Tuniak öffnete die Mini-Bar, aber anstatt einer der Flaschen, nahm er ein Album heraus.
„Was glauben sie ist das?“, fragte er mich.
Ich öffnete das Album. Darin waren, wie Briefmarken, Federn gesammelt. Im ersten Moment dachte ich, es wären Vogelfedern, aber dafür waren sie zu groß. Vielleicht passend für einen Vogelstrauß...
„Von welchen Vögeln sind die?“, fragte ich, als der Wagen stehen blieb.
„Die sind von keinen Vögeln“, sagte Herr Tuniak und stellte das Album wieder zurück. „Das sind Dinosaurier-Federn.“
Und damit stieg er aus.

Ich war überrascht von der Antwort und deswegen dauerte es einige Sekunden, bis ich ihm folgte. Als ich aus der Limousine ausstieg, sah ich, dass wir bei einer Lichtung im Wald angehalten hatten. Mitten auf der Lichtung befand sich eine längliche Hütte aus Holz, ohne Fenster und mit nur einer Türe, die durch mehrere Vorhängeschlösser gesichert war. Herr Tuniak war gerade dabei diese Schlösser der Reihe nach zu öffnen, wobei er offensichtlich Schwierigkeiten hatten die einzelnen Schlüssel den richtigen Schlössern zuzuordnen.
Ich sah, dass der Fahrer ebenfalls ausgestiegen war und mit verschränkten Armen an das Auto gelehnt stand.
„Sie haben einen... ungewöhnlichen Chef“, versuchte ich eine Konversation zu beginnen.
„Ja, das ist er“, sagte der Fahrer.
„War er immer schon so?“, fragte ich. „Seit wann arbeiten sie für ihn?“
„Seit ich gestorben bin.“
Ich nickte nur als Antwort. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass ich begriff, wie sich Alice im Wunderland gefühlt haben musste.
Herr Tuniak hatte inzwischen die Tür der Hütte geöffnet.
„Glaubt ihr Chauffeur wirklich, dass er tot ist?“, fragte ich ihn, als wir eintraten.
Herr Tuniak nickte ein wenig betrübt. „Ja. Er hat das Cotard-Syndrom. Aber es hat sich in den letzten Jahren stark gebessert.“
„Und sie lassen ihn fahren?“, fragte ich besorgt. Mir war alles andere als Wohl bei dem Gedanken, dass er mich auch wieder zurück in die Stadt führen würde. „Ist das nicht gefährlich?“
„Absolut nicht“, antwortete Herr Tuniak. „Er glaubt ja nicht, dass ich tot bin. Oder sie.“ Und damit schaltete er das Licht in der Hütte ein.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber sicherlich nicht das, was ich vor mir sah. Ein langer grauer Quader. Mehr nicht. Etwa drei Meter hoch, wahrscheinlich genau so breit und fast zehn Meter lang. Bei genauerem Hinsehen konnte ich erkennen, dass eine dünne Schicht Glas den ganzen Block einhüllte.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Meine Zeitmaschine“, antwortete Herr Tuniak.
„Waren die DeLoreans ausverkauft?“ Ich biss mir in Gedanken auf die Zunge, weil mir der Satz über die Lippen gerutscht war. Aber Herr Tuniak lachte nur kurz und zog dann eine kleine Fernbedienung aus seiner Hosentasche. Er drückte einen Knopf und eine Tür, deren Umrisse im geschlossenen Zustand absolut nicht zu erkennen gewesen waren, öffnete sich auf der Seite des Quaders.
„Kommen sie herein“, sagte Herr Tuniak.
„Wenigstens anmalen hätten sie sie können“, dachte ich, als ich ihm hinein folgte. Aber diesmal achtete ich darauf, dass ich meine Gedanken nicht laut aussprach.
Das Innere des Quaders wirkte wie ein Wohnmobil. Es gab einen Küche, ein großes Bett, einen Badebereich und einen Tisch. Flachbildschirme an der Wand ersetzten die Fenster. Und die „Fahrerkabine“ glich einem Flugzeugcockpit.
„Wohin soll ich sie bringen?“, fragte Herr Tuniak, schloss die Tür und setzte sich in das Cockpit.
Ich glaubte natürlich keine Sekunde lang, dass die Zeitmaschine funktionieren würde, ging aber trotzdem in Gedanken historische Ereignisse und berühmte Persönlichkeiten durch. Wenn ich eine funktionierende Zeitmaschine hätte, wo würde ich mit dieser hinreisen? Mir wurde klar, dass es nur eine Antwort geben konnte.
„Zu den Dinosauriern“, sagte ich.
„Richtig“, sagte Herr Tuniak. Ich konnte nicht genau sehen, was er im Cockpit machte, aber der ganze Quader zitterte für einen Moment leicht. „Wissen sie, dass alle die Dinosaurier für ihren ersten Trip nehmen.“
Er drückte einen Knopf und die Tür an der Seite öffnete sich wieder.
In diesem Moment war ich verunsichert. Ich hatte fest damit gerechnet, dass er jeden Augenblick eine Ausrede erfinden würde, warum die Zeitmaschine gerade heute nicht funktionierte und er sie mir ein anderes Mal demonstrieren würde. Aber durch die geöffnete Tür drang warme Luft, viel wärmer als sie im Wald gewesen war und ein mir völlig unbekannter Duft breitete sich aus.
Ich stieg aus und...

Vor mir lag die prähistorische Erde.
Es hat sicher Bäume und Sträucher damals gegeben, aber diese ignorierte ich vollkommen. Wir waren auf einem kleinen Hügel und zweihundert Meter von uns entfernt wanderte eine Herde Dinosaurier. Die einzelnen Tiere waren dreimal so groß wie ein Mensch, gingen auf den Hinterbeinen, hatten „Arme“, die in grotesk langen Krallen endeten, einen langen Hals und einen kleinen Kopf. Ihre Rücken, die Schwänze und die Seiten der Beine waren mit Federn bedeckt. Ich vermute (ich habe, nachdem ich wieder zu Hause war, im Internet recherchiert), dass es sich um Therizinosaurier handelte oder zumindest nahe Verwandte. Aber das Faszinierendste an diesen Tieren war die Wirkung, die sie auf mich hatten. Trotz ihrer Größe und trotz ihrer Klauen hatte ich keine Angst. Ich war einfach zu überwältigt, um irgendetwas fühlen zu können. Ich merkte nur, wie meine Knie weich wurden und ich mich auf den Boden setzen musste.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort gesessen bin und einfach nur starrte. Irgendwann wurde mir bewusst, dass Herr Tuniak sich neben mich gesetzt hatte.
„Faszinierende Tiere, nicht?“, fragte er. „Ich war schon oft hier, aber jedes Mal fühle ich mich, als würde ich sie zum ersten Mal sehen.“
Mein Mund war so trocken, dass ich nicht antworten konnte. Er reichte mir einen Feldstecher und deutete mit der ausgestreckten Hand hinter die Herde.
Ich sah durch den Feldstecher und fand rasch, was er mir zeigen wollte: Zwei Frauen, beide in graue Overalls gekleidet. Sie waren offensichtlich ebenfalls gerade erst hier angekommen und ihr Gesichtsausdruck war sicher mit dem meinigen ident.
„Meine Mütter bei ihrer ersten Reise durch die Zeit“, sagte Herr Tuniak.
Sie sahen uns nicht.

Wir blieben noch bis Sonnenuntergang dort. Die Herde wanderte immer näher zu uns und plötzlich - zumindest kam es mir plötzlich vor – waren wir von ihnen umringt. Aber immer noch hatte ich keine Angst. Ein achtloser Schritt, eine unbedachte Schwanzbewegung der Dinosaurier hätte uns schwer verletzen können, aber solche Gedanken kamen mir nicht. Im Gegenteil: Ich streckte meine Hand aus und berührte das Federkleid von einem von ihnen.
„Dinosaurier“ bedeutet übersetzt „schreckliche Echse“. Sir Richard Owen wusste nicht, was für ein Unrecht er diesen majestätischen Tieren damit antat.

Auf der Heimfahrt in der Limousine versuchte ich meine Gedanken in Worte zu fassen. Aber es gelang mir nicht. Auch jetzt noch, wenn ich die Zeilen oben lese, muss ich mit Bedauern zugeben, dass sie nur ein Schatten von dem sind, was ich erlebt und gefühlt habe.
„Fehlen ihnen die Worte?“, fragte mich Herr Tuniak, als er sah, dass ich während der gesamten Fahrt auf einen leeren Block starrte.
„Ja“, musste ich zugeben. „Atemberaubend, beeindruckend, faszinierend, unglaublich... Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Kennen sie ein Wort, das all das bedeutet?“
„Ja“, sagte Herr Tuniak, nachdem er kurz überlegt hatte. „Natur.“




NÄCHSTE WOCHE
Il y a une femme à l'origine de toutes les grandes choses.

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