Sonntag, 3. Juni 2012

星星之火可以燎原


(Ein Funke kann ein Feuer entfachen, das die ganze Prärie in Brand setzt.)
- Chinesisches Sprichwort


Wie verändert man die Welt?“ Es war einen rhetorische Frage, die Herr Tuniak stellte, weswegen ich nicht antwortete. „Haben sie schon einmal von Sulla gehört?“ Diese Frage war nun eindeutig an mich gerichtet.
Nein, ich glaube nicht“, sagte ich.
Sulla war ein römischer Politiker“, erzählte Herr Tuniak. „Er war auch ein äußerst erfolgreicher Feldherr, weswegen er sich zum Diktator erklären ließ. Aber mit all der Macht, die er angesammelt hatte, tat er hauptsächlich eines: Er erließ Gesetze, die es unmöglich machen sollten, dass jemand wie er je wieder die Macht ergreifen konnte. Und sobald er das getan hatte, gab er sämtliche seiner Ämter auf und zog sich ins Privatleben zurück.“
Wann hat er gelebt?“
Etwa vierzig Jahre bevor Julius Caesar, die Macht ergriff“, sagte Herr Tuniak. „Ich erzähle ihnen das, um ihnen etwas klar zu machen: Änderungen kann man nicht erzwingen. Und wenn man es tut, dann bleiben sie nicht lange erhalten.“
Haben sie das damals schon gewusst?“, fragte ich.
Nicht so gut wie heute“, sagte Herr Tuniak. „Alice und ich wussten, dass wir viele kleine Änderungen durchführen mussten, wenn wir etwas erreichen wollten. Wir konnten nicht einfach in die Vergangenheit reisen und ihnen Pläne für einen Computer geben.“
Was hätten sie auch damit anfangen sollen?“
Nein, sie missverstehen mich. Ich meine damit, dass wir nicht einfach den Leuten in der Vergangenheit alles lehren konnten, was wir wussten. Sie mussten von selbst auf dieses Wissen kommen. Sie mussten es verstehen, damit sie es auch anwenden konnten.“ Er stand von seinem Platz auf und ging langsam vor dem Fenster auf und ab. „Ich kann für jemanden in der Steinzeit eine Mühle bauen und ihm zeigen, wie er sie verwendet. Und er wird das dann auch tun. Man darf die Menschen nicht unterschätzen, nur weil sie früher gelebt haben. Aber was macht er, wenn ein Teil der Mühle kaputt ist? Wenn er sie nicht selbst gebaut hat, weiß er nicht, wie er sie reparieren kann.“ Er blieb kurz stehen. „Vereinfacht gesprochen, natürlich.“
Natürlich.“

„Lässt du die Zeitmaschine einfach hier stehen?“, fragte Alice. Sie war gerade ausgestiegen und ein paar Schritte gegangen, bevor sie sich umgedreht hatte. Der große, graue Quader der Zeitmaschine war direkt am Waldrand in der Nähe eines Moores gelandet. Sie war davon überzeugt, dass er selbst von weit weg noch gut zu erkennen war.
„Ja“, sagte Alexander. „Pass auf.“
Er hatte eine kleine Fernbedienung in der Hand und drückte einen Knopf darauf. Die Tür der Zeitmaschine schloss sich. Für einen Moment tat sich nichts weiter. Dann schien die Zeitmaschine plötzlich vor Alices Augen zu verschwinden. Nein, sie stand immer noch da, aber es war als wäre sie aus Glas gebaut und man konnte durch sie hindurch und auf der anderen Seite wieder hinaus sehen. Wenn man direkt vor ihr stand oder wusste, wo man nach ihr suchen musste, konnte man ihre Umrisse erkennen. Aber von weiter weg war sie praktisch unsichtbar geworden.
„Wow, wie geht das?“, fragte Alice.
„Habe ich dir das nie gezeigt?“, fragte Alexander überrascht. „Die ganze Außenwand der Maschine ist... ein großer Bildschirm. Wenn ich ihn aktiviere, zeigt er, was auf der anderen Seite der Maschine zu sehen ist.“
„Cool“, sagte Alice.
„Es funktioniert am besten bei einem einheitlichen Hintergrund, nicht so wie der Wald hier“, erklärte Alexander weiter. „Wenn sich Dinge bewegen, wie die Blätter im Wind, schaut es an den Rändern ein bisschen komisch aus.“
„Hoffentlich finden wir sie wieder.“
„Keine Sorge.“ Alexander zeigte ihr den kleinen Bildschirm, der sich auf der Fernbedienung befand. „Damit kann ich die Maschine auch orten.“
„Kannst du sie auch damit steuern?“, fragte Alice.
„Leider nicht“, sagte Alexander. „Aber ich arbeite daran.“ Er sah sich um, fand aber keinen Orientierungspunkt in der Landschaft. „In welche Richtung liegt Hackney?“

Wie wählten sie die Punkte aus, die sie verändern wollten?“, fragte ich.
Mit Feodors Formel und... Zufall“, gab Herr Tuniak zu. „Wir suchten Orte und Zeitpunkte, bei denen die Formel schlechte Ergebnisse lieferte.“
Wo sie die Zukunft nicht vorhersagen konnte?“, fragte ich. „Wieso das?“
Weil wir davon ausgingen, dass diese Momente sich am besten verändern ließen“, erklärte Herr Tuniak. „Die Formel sagt ja nur Trends voraus. Wenn sie ein sehr wahrscheinliches Ergebnis liefert, dann bedeutet das, dass mehrere Faktoren für eine bestimmte Richtung sprechen. Um die Richtung zu ändern, müsste man auch alle diese Faktoren ändern, was schwierig, aufwendig und meistens unmöglich ist. Wenn die Formel aber keinen Trend finden konnte, bedeutete das, dass der Lauf der Geschichte an einem Punkt angekommen war, wo er sich in mehrere Richtungen weiterentwickeln konnte. Zumindest interpretierten wir die Ergebnisse so.“
Und dann verwendeten sie die Formel aber wieder, um die Folgen von ihren Veränderungen vorherzusagen? Ist das nicht... ein wenig widersprüchlich?“
Es war keine exakte Wissenschaft und das haben wir auch gewusst“, sagte Herr Tuniak. „In manchen Situationen wussten wir oft nicht, wie wir die Formel verwenden sollten und sind dann stattdessen einfach ein Stück in die Zukunft gereist, um die Auswirkungen direkt zu beobachten.“
Ich spürte, wie sich auf meinen Armen eine Gänsehaut bildete, wenn ich daran dachte, wie locker Herr Tuniak mit der Geschichte umgegangen war.

Der Sandsturm hatte nachgelassen, war aber immer noch stark genug, um die Sicht auf weniger als fünf Meter zu beschränken. Alexander wartete, an einen Brunnen gelehnt, darauf, dass Alice zurück kehrte. Immer wieder warf er einen Blick auf seine Uhr. Alice hatte sich verspätet, was zwar wegen des Sturms zu erwarten war, aber trotzdem für Unruhe sorgte.
Eine Gestalt näherte sich dem Brunnen. Sie war fast komplett schwarz angezogen und ging, gebückt und auf einen Stock gestützt, mit langsamen Schritten voran. Ein alter Bettler, dachte Alexander zuerst und beachtete sie nicht weiter.
„Was stehen sie hier so herum, junger Mann?“, fragte die Gestalt mit tiefer Stimme.
Alexander wollte darauf antworten und stockte. Die Gestalt hatte ihn auf Englisch angesprochen, modernes Englisch, dass sich noch gar nicht entwickelt hatte.
„Alice?“, fragte Alexander ungläubig.
Alice nahm die Tücher, mit denen sie ihr Gesicht vor dem Sand geschützt hatte, ab und grinste. „Nein, nur ein alter Mann der Kindern gerne Geschichten erzählt“, sagte sie, ihre Stimme immer noch unerwartet tief.
„Seit wann kannst du deine Stimme so gut verstellen?“, fragte Alexander.
„Hast du dir nie meine Hörbücher angehört?“, fragte sie.
„Doch, aber... das war immer deine Stimme? Ich dachte, sie hätte sie im Nachhinein verändert.“ Er machte eine kleine Verbeugung vor ihr. „Ich bin beeindruckt. Du hättest Schauspielerin werden sollen.“
„Ja, einen alten Mann kann ich mittlerweile schon sehr gut spielen“, sagte Alice. „Ich habe übrigens gemerkt, dass, wenn ich meine Haare im Gesicht nicht rasiere, die Leute sie für meinen Bart halten. Darauf hätten wir eigentlich selbst kommen müssen.“
„Wie war Djasirat?“
„Recht nett. Mir haben insgesamt sicher über hundert Kinder zugehört“, sagte Alice, während sie zurück zur Zeitmaschine gingen. „Du bist immer noch nicht überzeugt, dass es etwas bringen wird?“
„Sagen wir, ich bin noch ein wenig skeptisch“, sagte Alexander. „Ich finde, wir sollten direkter vorgehen.“
„Du unterschätzt die Macht von Geschichten“, meinte Alice. „Glaub mir, wenn du willst, dass Menschen ein Schiff erfinden, zeigst du ihnen nicht, dass Holz schwimmt. Du erzählst ihnen von einer Insel auf der alle ihre Träume in Erfüllung gehen.“

Alice hatte die Idee, nicht nur Erwachsene zu inspirieren, sondern auch Kinder“, erzählte Herr Tuniak. „Wir erfanden zu diesem Zweck mehrere Geschichten, die wir in die jeweiligen Landessprachen übersetzten und dann erzählten.“
War es nicht schwierig, die verschiedenen Sprachen zu lernen?“, fragte ich.
Oh, wir konnten sie nie perfekt. Ich konnte mich meistens zumindest ein bisschen unterhalten, aber Alice lernte viele Dinge nur nach Gehör. Wenn sie eine Geschichte erzählte, hatte sie die Wörter oft nur nach ihrem Klang gelernt. Sie konnte ihre Sätze sagen und wusste auch, was diese bedeuteten, aber nicht mehr.“
Ist das nicht schnell aufgefallen?“
Deswegen hat sie sich oft als alter Mann verkleidete.“ Herr Tuniak schmunzelte. „Sie war ein alter schwerhöriger Mann, dem die Kinder gerne zuhörten. Aber er hörte eben sehr schlecht und konnte deswegen nicht verstehen, was er gefragt wurde. Manchmal war sie alleine unterwegs, manchmal gingen wir zusammen. Wenn wir zusammen waren, spielte ich oft das Enkelkind und sie meinen Großvater. Ich muss zugeben, wir hatten auch sehr viel Spaß dabei. Das alles war aber nur die erste Phase unseres Plans.“

Wir verbrachten mehrere Jahre damit, viele Kleinigkeiten in der Geschichte zu ändern“, erzählte Herr Tuniak weiter. „Allerdings durfte sich der grobe Verlauf der Geschichte nicht ändern, zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine Mütter zum ersten Mal die Zeitmaschine aktivierten.“
Weil sonst die Gefahr bestand, dass sie die Geschichte so stark veränderten, dass sie nicht geboren werden würden“, sagte ich. „Das läuft auf ein Paradoxon hinaus, oder? Sie verändern die Geschichte und existieren nicht mehr, aber wenn sie nicht mehr existieren, wer verändert dann die Geschichte?“
Juliette hat eine Theorie, wie dieses Paradoxon aufgelöst wird, aber wir haben es nie getestet“, sagte Herr Tuniak. „Das war uns zu riskant.“
Was ist ihre Theorie?“
Sie besagt, dass, sobald ein Paradoxon eingetreten ist, die Geschichte einen komplett neuen Weg einschlägt, einen Weg, in dem das Paradoxon gar nicht entstehen kann.“
Ich bin mir nicht sicher, dass ich das verstehe.“
Ich auch nicht.“ Für einen Moment sagte er nichts weiter, vielleicht, weil er versuchte das Paradoxon doch zu lösen. Dann aber nahm er seine Erzählung wieder auf. „Alice und ich hatten also unsere Änderungen durchgeführt. Das ist jetzt zwar nur ein Satz, aber für uns sind dabei mehrere Jahre vergangen.“
Kehrten sie zwischendurch auch in die Villa oder nach Leviathan zurück?“
Nein“, sagte Herr Tuniak. „Den Andern wäre aufgefallen, dass wir viel schneller alterten als sie und sie hätten Fragen gestellt. Das wollten wir vermeiden.“
Und was brachten die Änderungen?“
Jede für sich genommen, wenig. Historiker würden sagen, dass Wissen, das wir brachten, ging wieder verloren. Wir sahen es anders.“ Er stockte einen Moment. „Sie stellen es sich am besten so vor: Wir sorgten dafür, dass Wissen angesammelt und dann versteckt wurde. Es wurde natürlich nicht absichtlich versteckt, sondern geriet in Vergessenheit, wenn man nicht genau wusste, wo man danach suchen musste. Aber das wussten wir ja und deswegen war er so, als... als wären wir Eichhörnchen, die unsere Nüsse vergraben, damit wir sie später wieder finden würden. Ende des 19. Jahrhunderts gründeten wir dann mehrere Firmen, deren Aufgabe es war, dieses Wissen wieder auszugraben und anzuwenden.“
Das klingt... übertrieben kompliziert“, sagte ich. „Bringt so altes Wissen nach so langer Zeit überhaupt noch etwas?“
Mehr als sie sich vorstellen können“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie müssen es sich nicht vorstellen. Ich werde es ihnen zeigen.“



NÄCHSTE WOCHE:
The computer is incredibly fast, accurate, and stupid. Man is unbelievably slow, inaccurate, and brilliant. The marriage of the two is a force beyond calculation.

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