(Ein
Funke kann ein Feuer entfachen, das die ganze Prärie in Brand
setzt.)
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Chinesisches Sprichwort
„Wie
verändert man die Welt?“ Es war einen rhetorische Frage, die Herr
Tuniak stellte, weswegen ich nicht antwortete. „Haben sie schon
einmal von Sulla gehört?“ Diese Frage war nun eindeutig an mich
gerichtet.
„Nein,
ich glaube nicht“, sagte ich.
„Sulla
war ein römischer Politiker“, erzählte Herr Tuniak. „Er war
auch ein äußerst erfolgreicher Feldherr, weswegen er sich zum
Diktator erklären ließ. Aber mit all der Macht, die er angesammelt
hatte, tat er hauptsächlich eines: Er erließ Gesetze, die es
unmöglich machen sollten, dass jemand wie er je wieder die Macht
ergreifen konnte. Und sobald er das getan hatte, gab er sämtliche
seiner Ämter auf und zog sich ins Privatleben zurück.“
„Wann
hat er gelebt?“
„Etwa
vierzig Jahre bevor Julius Caesar, die Macht ergriff“, sagte Herr
Tuniak. „Ich erzähle ihnen das, um ihnen etwas klar zu machen:
Änderungen kann man nicht erzwingen. Und wenn man es tut, dann
bleiben sie nicht lange erhalten.“
„Haben
sie das damals schon gewusst?“, fragte ich.
„Nicht
so gut wie heute“, sagte Herr Tuniak. „Alice und ich wussten,
dass wir viele kleine Änderungen durchführen mussten, wenn wir
etwas erreichen wollten. Wir konnten nicht einfach in die
Vergangenheit reisen und ihnen Pläne für einen Computer geben.“
„Was
hätten sie auch damit anfangen sollen?“
„Nein,
sie missverstehen mich. Ich meine damit, dass wir nicht einfach den
Leuten in der Vergangenheit alles lehren konnten, was wir wussten.
Sie mussten von selbst auf dieses Wissen kommen. Sie mussten es
verstehen, damit sie es auch anwenden konnten.“ Er stand von seinem
Platz auf und ging langsam vor dem Fenster auf und ab. „Ich kann
für jemanden in der Steinzeit eine Mühle bauen und ihm zeigen, wie
er sie verwendet. Und er wird das dann auch tun. Man darf die
Menschen nicht unterschätzen, nur weil sie früher gelebt haben.
Aber was macht er, wenn ein Teil der Mühle kaputt ist? Wenn er sie
nicht selbst gebaut hat, weiß er nicht, wie er sie reparieren kann.“
Er blieb kurz stehen. „Vereinfacht gesprochen, natürlich.“
„Natürlich.“
„Lässt
du die Zeitmaschine einfach hier stehen?“, fragte Alice. Sie war
gerade ausgestiegen und ein paar Schritte gegangen, bevor sie sich
umgedreht hatte. Der große, graue Quader der Zeitmaschine war direkt
am Waldrand in der Nähe eines Moores gelandet. Sie war davon
überzeugt, dass er selbst von weit weg noch gut zu erkennen war.
„Ja“,
sagte Alexander. „Pass auf.“
Er
hatte eine kleine Fernbedienung in der Hand und drückte einen Knopf
darauf. Die Tür der Zeitmaschine schloss sich. Für einen Moment tat
sich nichts weiter. Dann schien die Zeitmaschine plötzlich vor
Alices Augen zu verschwinden. Nein, sie stand immer noch da, aber es
war als wäre sie aus Glas gebaut und man konnte durch sie hindurch
und auf der anderen Seite wieder hinaus sehen. Wenn man direkt vor
ihr stand oder wusste, wo man nach ihr suchen musste, konnte man ihre
Umrisse erkennen. Aber von weiter weg war sie praktisch unsichtbar
geworden.
„Wow,
wie geht das?“, fragte Alice.
„Habe
ich dir das nie gezeigt?“, fragte Alexander überrascht. „Die
ganze Außenwand der Maschine ist... ein großer Bildschirm. Wenn ich
ihn aktiviere, zeigt er, was auf der anderen Seite der Maschine zu
sehen ist.“
„Cool“,
sagte Alice.
„Es
funktioniert am besten bei einem einheitlichen Hintergrund, nicht so
wie der Wald hier“, erklärte Alexander weiter. „Wenn sich Dinge
bewegen, wie die Blätter im Wind, schaut es an den Rändern ein
bisschen komisch aus.“
„Hoffentlich
finden wir sie wieder.“
„Keine
Sorge.“ Alexander zeigte ihr den kleinen Bildschirm, der sich auf
der Fernbedienung befand. „Damit kann ich die Maschine auch orten.“
„Kannst
du sie auch damit steuern?“, fragte Alice.
„Leider
nicht“, sagte Alexander. „Aber ich arbeite daran.“ Er sah sich
um, fand aber keinen Orientierungspunkt in der Landschaft. „In
welche Richtung liegt Hackney?“
„Wie
wählten sie die Punkte aus, die sie verändern wollten?“, fragte
ich.
„Mit
Feodors Formel und... Zufall“, gab Herr Tuniak zu. „Wir suchten
Orte und Zeitpunkte, bei denen die Formel schlechte Ergebnisse
lieferte.“
„Wo
sie die Zukunft nicht vorhersagen konnte?“, fragte ich. „Wieso
das?“
„Weil
wir davon ausgingen, dass diese Momente sich am besten verändern
ließen“, erklärte Herr Tuniak. „Die Formel sagt ja nur Trends
voraus. Wenn sie ein sehr wahrscheinliches Ergebnis liefert, dann
bedeutet das, dass mehrere Faktoren für eine bestimmte Richtung
sprechen. Um die Richtung zu ändern, müsste man auch alle diese
Faktoren ändern, was schwierig, aufwendig und meistens unmöglich
ist. Wenn die Formel aber keinen Trend finden konnte, bedeutete das,
dass der Lauf der Geschichte an einem Punkt angekommen war, wo er
sich in mehrere Richtungen weiterentwickeln konnte. Zumindest
interpretierten wir die Ergebnisse so.“
„Und
dann verwendeten sie die Formel aber wieder, um die Folgen von ihren
Veränderungen vorherzusagen? Ist das nicht... ein wenig
widersprüchlich?“
„Es
war keine exakte Wissenschaft und das haben wir auch gewusst“,
sagte Herr Tuniak. „In manchen Situationen wussten wir oft nicht,
wie wir die Formel verwenden sollten und sind dann stattdessen
einfach ein Stück in die Zukunft gereist, um die Auswirkungen direkt
zu beobachten.“
Ich
spürte, wie sich auf meinen Armen eine Gänsehaut bildete, wenn ich
daran dachte, wie locker Herr Tuniak mit der Geschichte umgegangen
war.
Der
Sandsturm hatte nachgelassen, war aber immer noch stark genug, um die
Sicht auf weniger als fünf Meter zu beschränken. Alexander wartete,
an einen Brunnen gelehnt, darauf, dass Alice zurück kehrte. Immer
wieder warf er einen Blick auf seine Uhr. Alice hatte sich verspätet,
was zwar wegen des Sturms zu erwarten war, aber trotzdem für Unruhe
sorgte.
Eine
Gestalt näherte sich dem Brunnen. Sie war fast komplett schwarz
angezogen und ging, gebückt und auf einen Stock gestützt, mit
langsamen Schritten voran. Ein alter Bettler, dachte Alexander zuerst
und beachtete sie nicht weiter.
„Was
stehen sie hier so herum, junger Mann?“, fragte die Gestalt mit
tiefer Stimme.
Alexander
wollte darauf antworten und stockte. Die Gestalt hatte ihn auf
Englisch angesprochen, modernes Englisch, dass sich noch gar nicht
entwickelt hatte.
„Alice?“,
fragte Alexander ungläubig.
Alice
nahm die Tücher, mit denen sie ihr Gesicht vor dem Sand geschützt
hatte, ab und grinste. „Nein, nur ein alter Mann der Kindern gerne
Geschichten erzählt“, sagte sie, ihre Stimme immer noch unerwartet
tief.
„Seit
wann kannst du deine Stimme so gut verstellen?“, fragte Alexander.
„Hast
du dir nie meine Hörbücher angehört?“, fragte sie.
„Doch,
aber... das war immer deine Stimme? Ich dachte, sie hätte sie im
Nachhinein verändert.“ Er machte eine kleine Verbeugung vor ihr.
„Ich bin beeindruckt. Du hättest Schauspielerin werden sollen.“
„Ja,
einen alten Mann kann ich mittlerweile schon sehr gut spielen“,
sagte Alice. „Ich habe übrigens gemerkt, dass, wenn ich meine
Haare im Gesicht nicht rasiere, die Leute sie für meinen Bart
halten. Darauf hätten wir eigentlich selbst kommen müssen.“
„Wie
war Djasirat?“
„Recht
nett. Mir haben insgesamt sicher über hundert Kinder zugehört“,
sagte Alice, während sie zurück zur Zeitmaschine gingen. „Du bist
immer noch nicht überzeugt, dass es etwas bringen wird?“
„Sagen
wir, ich bin noch ein wenig skeptisch“, sagte Alexander. „Ich
finde, wir sollten direkter vorgehen.“
„Du
unterschätzt die Macht von Geschichten“, meinte Alice. „Glaub
mir, wenn du willst, dass Menschen ein Schiff erfinden, zeigst du
ihnen nicht, dass Holz schwimmt. Du erzählst ihnen von einer Insel
auf der alle ihre Träume in Erfüllung gehen.“
„Alice
hatte die Idee, nicht nur Erwachsene zu inspirieren, sondern auch
Kinder“, erzählte Herr Tuniak. „Wir erfanden zu diesem Zweck
mehrere Geschichten, die wir in die jeweiligen Landessprachen
übersetzten und dann erzählten.“
„War
es nicht schwierig, die verschiedenen Sprachen zu lernen?“, fragte
ich.
„Oh,
wir konnten sie nie perfekt. Ich konnte mich meistens zumindest ein
bisschen unterhalten, aber Alice lernte viele Dinge nur nach Gehör.
Wenn sie eine Geschichte erzählte, hatte sie die Wörter oft nur
nach ihrem Klang gelernt. Sie konnte ihre Sätze sagen und wusste
auch, was diese bedeuteten, aber nicht mehr.“
„Ist
das nicht schnell aufgefallen?“
„Deswegen
hat sie sich oft als alter Mann verkleidete.“ Herr Tuniak
schmunzelte. „Sie war ein alter schwerhöriger Mann, dem die Kinder
gerne zuhörten. Aber er hörte eben sehr schlecht und konnte
deswegen nicht verstehen, was er gefragt wurde. Manchmal war sie
alleine unterwegs, manchmal gingen wir zusammen. Wenn wir zusammen
waren, spielte ich oft das Enkelkind und sie meinen Großvater. Ich
muss zugeben, wir hatten auch sehr viel Spaß dabei. Das alles war
aber nur die erste Phase unseres Plans.“
„Wir
verbrachten mehrere Jahre damit, viele Kleinigkeiten in der
Geschichte zu ändern“, erzählte Herr Tuniak weiter. „Allerdings
durfte sich der grobe Verlauf der Geschichte nicht ändern, zumindest
nicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine Mütter zum ersten Mal die
Zeitmaschine aktivierten.“
„Weil
sonst die Gefahr bestand, dass sie die Geschichte so stark
veränderten, dass sie nicht geboren werden würden“, sagte ich.
„Das läuft auf ein Paradoxon hinaus, oder? Sie verändern die
Geschichte und existieren nicht mehr, aber wenn sie nicht mehr
existieren, wer verändert dann die Geschichte?“
„Juliette
hat eine Theorie, wie dieses Paradoxon aufgelöst wird, aber wir
haben es nie getestet“, sagte Herr Tuniak. „Das war uns zu
riskant.“
„Was
ist ihre Theorie?“
„Sie
besagt, dass, sobald ein Paradoxon eingetreten ist, die Geschichte
einen komplett neuen Weg einschlägt, einen Weg, in dem das Paradoxon
gar nicht entstehen kann.“
„Ich
bin mir nicht sicher, dass ich das verstehe.“
„Ich
auch nicht.“ Für einen Moment sagte er nichts weiter, vielleicht,
weil er versuchte das Paradoxon doch zu lösen. Dann aber nahm er
seine Erzählung wieder auf. „Alice und ich hatten also unsere
Änderungen durchgeführt. Das ist jetzt zwar nur ein Satz, aber für
uns sind dabei mehrere Jahre vergangen.“
„Kehrten
sie zwischendurch auch in die Villa oder nach Leviathan zurück?“
„Nein“,
sagte Herr Tuniak. „Den Andern wäre aufgefallen, dass wir viel
schneller alterten als sie und sie hätten Fragen gestellt. Das
wollten wir vermeiden.“
„Und
was brachten die Änderungen?“
„Jede
für sich genommen, wenig. Historiker würden sagen, dass Wissen, das
wir brachten, ging wieder verloren. Wir sahen es anders.“ Er
stockte einen Moment. „Sie stellen es sich am besten so vor: Wir
sorgten dafür, dass Wissen angesammelt und dann versteckt wurde. Es
wurde natürlich nicht absichtlich versteckt, sondern geriet in
Vergessenheit, wenn man nicht genau wusste, wo man danach suchen
musste. Aber das wussten wir ja und deswegen war er so, als... als
wären wir Eichhörnchen, die unsere Nüsse vergraben, damit wir sie
später wieder finden würden. Ende des 19. Jahrhunderts gründeten
wir dann mehrere Firmen, deren Aufgabe es war, dieses Wissen wieder
auszugraben und anzuwenden.“
„Das
klingt... übertrieben kompliziert“, sagte ich. „Bringt so altes
Wissen nach so langer Zeit überhaupt noch etwas?“
„Mehr
als sie sich vorstellen können“, sagte Herr Tuniak. „Aber sie
müssen es sich nicht vorstellen. Ich werde es ihnen zeigen.“
NÄCHSTE
WOCHE:
The
computer is incredibly fast, accurate, and stupid. Man is
unbelievably slow, inaccurate, and brilliant. The marriage of the two
is a force beyond calculation.
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