- Gotthold Ephraim
Lessing
Nachdem ich – neben
anderen Dingen – eine Zeitreise gemacht, auf dem Grund des Ozeans
eine Forschungsstation besucht und einen unsterblichen Mann gesehen
habe, dass mich Kleinigkeiten nicht mehr überraschen könnten. Ich
habe mich natürlich geirrt. Daran sollte ich mich schon langsam
gewöhnen.
Als ich in Herrn Tuniaks
Büro kam, war die große Überraschung die einfache Tatsache, dass
er nicht alleine war. Er saß, wie üblich, bei seinem Schreibtisch,
aber auf dem Sofa, wo schon oft gesessen bin, war eine Frau. Sie war
ungefähr vierzig Jahre alt, hatte dunkles, schulterlanges Haar und
ihr Gewand stammte aus den 1950ern. Sie selbst auch, wie Herr Tuniak
erklärte.
„Das ist Elisa
Debarou“, stellte er sie vor.
„Sehr erfreut“, sagte
ich. Ich sah, dass vor ihr auf dem kleinen Tisch mehrere Zetteln
lagen. Es waren Ausdrucke der Einträge dieses Blogs, wie ich an den
Überschriften sofort erkennen konnte.
„Mein ganzes Leben
haben sie bis jetzt eigentlich nur aus meiner Perspektive erzählt
bekommen“, sagte Herr Tuniak. „Ich dachte mir, dass es gut wäre,
auch einmal eine andere Version zu hören. Vor allem in der Zeit, die
wir gerade behandeln... meine Versuche die Geschichte zu verändern...
Ich will nicht sagen, dass ich Ereignisse beschönigt habe, aber...
Es ist eine Tatsache, dass wir Menschen uns auf unsere Erinnerungen
nicht hundertprozentig verlassen können. Unbewusst, verändern wir
Ereignisse, vor allem, wenn es sich um Dinge handelt, die uns
unangenehm sind.“
„M. Tuniak ist besorgt,
dass seine dunklen Seiten übergangen werden“, warf Madame Debarou
ein. Sie deutete auf die Zetteln auf dem Tisch. „Und ich soll ihnen
heute die schmutzigen Geheimnisse enthüllen, die er selbst schon
verdrängt hat.“ Sie lachte dabei, wahrscheinlich weil sie es nicht
so ernst meinte.
„Wann und wo haben sie
Herrn Tuniak kennen gelernt?“, fragte ich.
„In Belgien, zwei Jahre
nach dem Ersten Weltkrieg“, antwortete sie.
„Ich sollte ihnen
zuerst vielleicht noch kurz etwas erklären“, meinte Herr Tuniak.
„Als Alice und ich anfingen, die Geschichte zu verändern, haben
wir uns natürlich genaue Aufzeichnungen gemacht, was wir wo
verändert hatten, welche Konsequenzen die Änderung hatte, was
vorher passiert war... Es sammelt sich relativ rasch eine ziemlich
große Datenmenge an, die trotz des Computers in der Zeitmaschine
sehr schnell sehr unübersichtlich wurde. Wir brauchten jemanden, der
uns helfen konnte, alle Daten zu sichten, zu ordnen... Manchmal auch
einfach nach Notizen zu suchen, die wir nicht mehr finden konnten.“
„Das war meine
Aufgabe“, sagte Mme Debarou. „Ich machte sozusagen ihre
Buchhaltung.“
Herr Tuniak stand von
seinem Platz auf und ging zur Tür. „Gut, dann lasse ich sie beide
jetzt alleine.“
Nachdem Herr Tuniak uns
verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, schmunzelte Mme
Debarou. „Dann auf zu den Schattenseiten seines Lebens“, sagte
sie. „Ich habe alles gelesen, was sie bis jetzt über Alexander
geschrieben haben und ich kann ihnen versichern, er hat ihnen
praktisch nichts verheimlicht. Ich glaube, er denkt schlechter von
seinem jüngeren Ich, als er es eigentlich sollte. Sie stellen ihn
recht gut dar, vielleicht ein bisschen... milder und ruhiger, als er
es eigentlich war. Aber das ist verständlich, sie kannten ihn damals
ja nicht. Sie projizieren sein jetziges Ich... sein jetziges Wesen in
die vergangenen Ereignisse.“
Sie hat wahrscheinlich
Recht. Herr Tuniak hat mehrmals angemerkt, dass er sich früher oft
als viel klüger hielt, als er eigentlich war und andere Meinungen
viel seltener akzeptierte. Und da er als Zeitreisender oft auch
tatsächlich mehr wusste, als seine Gesprächspartner, wurde es
schwieriger für ihn, zuzugeben, dass er selbst auch nicht alle
Antworten besaß.
„Erzählen sie mir von
ihrem ersten Treffen mit Herrn Tuniak“, bat ich. „Was war ihr
erster Eindruck von ihm?“
„Das erste Mal sah ich
ihn, wie gesagt, in Belgien, als ich im Mundaneum arbeitete“,
erzählte Mme Debarou.
„Was ist das?“
„Das Mundaneum? Man
könnte es als den Vorläufer der Internet-Suchmaschinen bezeichnen“,
sagte sie. „Es wurde von Paul Otlet und Henri La Fontaine
gegründet, mit dem Ziel, alles Wissen der Menschheit zu sammeln, zu
katalogisieren und allen zugänglich zu machen. Leute aus der ganzen
Welt konnten Anfragen zu jedem Thema an uns schicken.“
„Kurz nach dem Ersten
Weltkrieg?“, unterbrach ich sie. „Wie war das möglich?“
„Mit Telegrammen oder
Briefen“, sagte Mme Debarou, sichtlich belustigt von meiner
Überraschung. „Sie hätten Otlets Pläne für die Zukunft des
Mondaneums sehen sollen, er hat praktisch Internet-Lexika
vorhergesehen.“
„Und was war ihr Job in
diesem Mondaneum?“
„Ich bearbeitete die
Anfragen. Stellen sie es sich am besten wie ein riesiges Archiv vor,
in dem alle Informationen auf kleinen Karteikarten aufgeschrieben
sind. Meine Aufgabe war es, die richtigen Karten zu finden und die
Antwort zu formulieren.“
Ihre Schicht war zu Ende. Elisa Debarou schaltete die Lampe bei ihrem Schreibtisch aus
und stand auf. Wie üblich, war sie fast die letzte im Haus. Aber im
Gegensatz zu ihren Kolleginnen hatte sie kein zu Hause, auf dass sie
sich freuen konnte. Während die Anderen zu ihren Ehemännern oder
ihren Familien gingen, bewohnte Elisa allein eine kleine Wohnung, die
nur aus einem Zimmer bestand. Allein, abgesehen von ihren Alpträumen,
die sie jede Nacht erneut heimsuchten.
Elisa war mit einem
perfekten Gedächtnis geboren worden. Sie konnte sich an Details noch
Jahre später erinnern. In ihrem Beruf war das von großem Nutzen.
Schon mehrmals hatte sie M. Otlet für ihre Arbeit gelobt und sie
konnte Informationen schneller finden als sonst jemand. Aber
gleichzeitig war ihr Gedächtnis auch ein Fluch, denn es ließ sie
die Schrecken des Großen Krieges nicht vergessen.
„Mademoiselle Debarou,
würden sie bitte kurz zu mir kommen!“, rief M. Otlet.
Als Elisa das Büro
betrat, wartete nicht nur M. Otlet auf sie, sondern auch ein junger
Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.
„Mademoiselle Debarou,
das ist Monsieur Tuniak“, stellte M. Otlet den Neuankömmling vor,
der sie höflich begrüßte. Elisa fiel sofort die stark
unterschiedliche Körpersprache der beiden Männer auf. M. Otlet war
sichtlich nicht erfreut über den Besuch. Er sah den jungen Mann
immer nur kurz an und verhielt sich so, als würde er sich am
liebsten in Luft auflösen. M. Tuniak hingegen, wirkte so, als würde
ihm dieses Büro gehören. Vielleicht nicht nur dieses Büro,
vielleicht sogar die ganze Welt.
„M. Tuniak möchte sie
von hier abwerben“, erklärte M. Otlet.
„Ich möchte, dass sie
für mein Archiv arbeiten“, sagte M. Tuniak. „Aber das besprechen
wir besser nicht hier. Ich weiß, dass sie heute Abend noch nichts
vor haben, also würde ich vorschlagen sie begleiten meine...
Kollegin und mich zum Dinner.“
„Ich... ich weiß
nicht, ob...“ Elisa war so überrascht, dass sie stammelte.
„M. Otlet hat nichts
dagegen“, versicherte M. Tuniak. „Sie werden hier natürlich sehr
vermisst werden, aber wenn sie nicht die Beste wären, würde ich
nicht hier sein. Kommen sie!“
„Jetzt sofort?“
„Natürlich.“ M.
Tuniak wandte sich an M. Otlet. „Ich werde dafür sorgen, dass sie
die Spende morgen erhalten.“
„Herr Tuniak hat dem
Mundaneum eine Spende gegeben, damit er sie von dort abwerben
konnte?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte Mme
Debarou. „Und M. Otlet musste annehmen, weil das Mundaneum
praktisch ständig Geld brauchte.“
„Wissen sie, was die
treibende Kraft in der Wissenschaft ist?“, fragte M. Tuniak.
„Kommunikation. Je besser Forscher und Wissenschafter untereinander
kommunizieren können, umso mehr Entdeckungen werden gemacht.
Unbeschränkte Kommunikation und unbeschränkter Zugriff auf Wissen
ist eine wichtige Bedingung für Fortschritt. Deswegen haben wir
Otlet und La Fontaine zu ihrer kleinen Sammlung inspiriert. Glauben
sie mir, dass die Idee ursprünglich von uns stammt?“
Elisa nickte. Sie hatte
gerade Dinosaurier gesehen. Sie saßen jetzt auf der Dachterrasse
eines Hauses in Madrid. Im Jahr 1999. Egal, was er behauptete, sie
würde es ihm glauben.
„Sie haben unser...
Archiv gesehen und die Unordnung, die dort herrscht“, sagte die
bärtige Frau, die sich als „Alice“ vorgestellt hatte. „Ihre
erste Aufgabe würde darin bestehen, Ordnung in das Chaos zu bringen
und Informationen für uns zu finden. Sie würden alleine arbeiten.
Können sie sich das vorstellen?“
„Natürlich kann sie
das“, antwortete M. Tuniak. „Sie kann dafür in der Zukunft leben
und einige... sehr dunkle Perioden der Geschichte überspringen.“
Es schien für ihn überhaupt kein Zweifel daran zu bestehen, dass
sie das Angebot annehmen würde. Im Gegenteil. Seine Gedanken waren
schon beim nächsten Thema. „Was ist ihr Geheimnis?“
„Wie bitte?“, fragte
Elisa verwirrt.
„So wie Paul ihre
Arbeit beschrieben hat müssen sie mehr als nur ein extrem gutes
Gedächtnis besitzen“, sagte M. Tuniak. „Was ist es?“
Elisa hatte das Gefühl,
dass er die Antwort kannte, aber sie hatte noch nie mit einem anderen
Menschen darüber gesprochen und würde jetzt nicht damit anfangen.
„Es ist nicht wichtig“,
sagte Mme Alice. „Wir waren nur neugierig, aber sie müssen es uns
nicht sagen.“
M. Tuniak schien anderer
Meinung zu sein, aber ein Blick von Alice genügte und er sagte
nichts.
„Ich habe
Graphem-Farb-Synästhesie“, erklärte Mme Debarou.
„Was ist das?“,
fragte ich.
Anstatt direkt zu
antworten, bat sie mich auf einem Zettel so oft ich konnte den
Buchstaben E aufzuschreiben. Während ich das tat, stand sie auf und
ging zum Fenster, den Rücken zu mir gewandt. Ohne sich umzudrehen,
forderte sie mich dann oft beliebig viele F zwischen den Es zu
verstecken. Als ich damit fertig war, kehrte sie zu mir zurück. Sie
nahm den Zettel und sah ihn höchstens eine Sekunde lang an, bevor
sie sagte: „Es gibt sieben F hier.“
„Wie haben sie das so
schnell gemacht?“
„Wenn ich einen
Buchstaben, dann sehe ich nicht das, was sie sehen, sondern jeder
Buchstabe hat auch eine Farbe“, sagte Mme Debarou. „F ist grün,
während E blau ist. Wenn ich also auf ihren Zettel schaue, dann sehe
ich praktisch sieben grüne Flecken auf einem blauen Hintergrund.“
„Das heißt sie können
die normalen Farben nicht sehen?“
„Nein, die sehe ich
auch“, sagte sie. „Es ist, als könnte ich zwei Farben auf einer
Stelle gleichzeitig sehen. Und ich weiß auch immer, welche Farbe
alle anderen sehen und welche Farbe nur ich sehe. Genau das Gleiche
gilt auch für Ziffern. Auch jede Ziffer hat eine eigene Farbe für
mich.“
Sie musste nicht weiter
erklären, warum so eine Fähigkeit für einen Archivar von
unschätzbarem Wert war. Aber ich verstand nicht, warum sie sie
verheimlicht hatte.
„Ich dachte, die Leute
würden mich für verrückt halten, deswegen“, sagte sie. „Ich
hätte es auch Alexander nicht gesagt, wenn er mich eines Tages nicht
plötzlich während eines Gespräches gefragt hätte, ob R gelb oder
rot ist. Ich antwortete ganz automatisch rot und erst nachdem ich das
gesagt hatte, wurde mir bewusst, warum er die Frage gestellt hatte.
Damals musste er einfach alles wissen. Das und sein Unwillen eine
Niederlage einzugestehen, führten schließlich zu – wie er es
nennt – seiner Großen Schande.“
NÄCHSTE WOCHE
Toutes les activités
humaines ... sont vouées par principe à l'échec.
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