Sonntag, 17. Juni 2012

Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas besseres.


- Gotthold Ephraim Lessing


Nachdem ich – neben anderen Dingen – eine Zeitreise gemacht, auf dem Grund des Ozeans eine Forschungsstation besucht und einen unsterblichen Mann gesehen habe, dass mich Kleinigkeiten nicht mehr überraschen könnten. Ich habe mich natürlich geirrt. Daran sollte ich mich schon langsam gewöhnen.

Als ich in Herrn Tuniaks Büro kam, war die große Überraschung die einfache Tatsache, dass er nicht alleine war. Er saß, wie üblich, bei seinem Schreibtisch, aber auf dem Sofa, wo schon oft gesessen bin, war eine Frau. Sie war ungefähr vierzig Jahre alt, hatte dunkles, schulterlanges Haar und ihr Gewand stammte aus den 1950ern. Sie selbst auch, wie Herr Tuniak erklärte.
„Das ist Elisa Debarou“, stellte er sie vor.
„Sehr erfreut“, sagte ich. Ich sah, dass vor ihr auf dem kleinen Tisch mehrere Zetteln lagen. Es waren Ausdrucke der Einträge dieses Blogs, wie ich an den Überschriften sofort erkennen konnte.
„Mein ganzes Leben haben sie bis jetzt eigentlich nur aus meiner Perspektive erzählt bekommen“, sagte Herr Tuniak. „Ich dachte mir, dass es gut wäre, auch einmal eine andere Version zu hören. Vor allem in der Zeit, die wir gerade behandeln... meine Versuche die Geschichte zu verändern... Ich will nicht sagen, dass ich Ereignisse beschönigt habe, aber... Es ist eine Tatsache, dass wir Menschen uns auf unsere Erinnerungen nicht hundertprozentig verlassen können. Unbewusst, verändern wir Ereignisse, vor allem, wenn es sich um Dinge handelt, die uns unangenehm sind.“
„M. Tuniak ist besorgt, dass seine dunklen Seiten übergangen werden“, warf Madame Debarou ein. Sie deutete auf die Zetteln auf dem Tisch. „Und ich soll ihnen heute die schmutzigen Geheimnisse enthüllen, die er selbst schon verdrängt hat.“ Sie lachte dabei, wahrscheinlich weil sie es nicht so ernst meinte.
„Wann und wo haben sie Herrn Tuniak kennen gelernt?“, fragte ich.
„In Belgien, zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg“, antwortete sie.
„Ich sollte ihnen zuerst vielleicht noch kurz etwas erklären“, meinte Herr Tuniak. „Als Alice und ich anfingen, die Geschichte zu verändern, haben wir uns natürlich genaue Aufzeichnungen gemacht, was wir wo verändert hatten, welche Konsequenzen die Änderung hatte, was vorher passiert war... Es sammelt sich relativ rasch eine ziemlich große Datenmenge an, die trotz des Computers in der Zeitmaschine sehr schnell sehr unübersichtlich wurde. Wir brauchten jemanden, der uns helfen konnte, alle Daten zu sichten, zu ordnen... Manchmal auch einfach nach Notizen zu suchen, die wir nicht mehr finden konnten.“
„Das war meine Aufgabe“, sagte Mme Debarou. „Ich machte sozusagen ihre Buchhaltung.“
Herr Tuniak stand von seinem Platz auf und ging zur Tür. „Gut, dann lasse ich sie beide jetzt alleine.“

Nachdem Herr Tuniak uns verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, schmunzelte Mme Debarou. „Dann auf zu den Schattenseiten seines Lebens“, sagte sie. „Ich habe alles gelesen, was sie bis jetzt über Alexander geschrieben haben und ich kann ihnen versichern, er hat ihnen praktisch nichts verheimlicht. Ich glaube, er denkt schlechter von seinem jüngeren Ich, als er es eigentlich sollte. Sie stellen ihn recht gut dar, vielleicht ein bisschen... milder und ruhiger, als er es eigentlich war. Aber das ist verständlich, sie kannten ihn damals ja nicht. Sie projizieren sein jetziges Ich... sein jetziges Wesen in die vergangenen Ereignisse.“
Sie hat wahrscheinlich Recht. Herr Tuniak hat mehrmals angemerkt, dass er sich früher oft als viel klüger hielt, als er eigentlich war und andere Meinungen viel seltener akzeptierte. Und da er als Zeitreisender oft auch tatsächlich mehr wusste, als seine Gesprächspartner, wurde es schwieriger für ihn, zuzugeben, dass er selbst auch nicht alle Antworten besaß.
„Erzählen sie mir von ihrem ersten Treffen mit Herrn Tuniak“, bat ich. „Was war ihr erster Eindruck von ihm?“
„Das erste Mal sah ich ihn, wie gesagt, in Belgien, als ich im Mundaneum arbeitete“, erzählte Mme Debarou.
„Was ist das?“
„Das Mundaneum? Man könnte es als den Vorläufer der Internet-Suchmaschinen bezeichnen“, sagte sie. „Es wurde von Paul Otlet und Henri La Fontaine gegründet, mit dem Ziel, alles Wissen der Menschheit zu sammeln, zu katalogisieren und allen zugänglich zu machen. Leute aus der ganzen Welt konnten Anfragen zu jedem Thema an uns schicken.“
„Kurz nach dem Ersten Weltkrieg?“, unterbrach ich sie. „Wie war das möglich?“
„Mit Telegrammen oder Briefen“, sagte Mme Debarou, sichtlich belustigt von meiner Überraschung. „Sie hätten Otlets Pläne für die Zukunft des Mondaneums sehen sollen, er hat praktisch Internet-Lexika vorhergesehen.“
„Und was war ihr Job in diesem Mondaneum?“
„Ich bearbeitete die Anfragen. Stellen sie es sich am besten wie ein riesiges Archiv vor, in dem alle Informationen auf kleinen Karteikarten aufgeschrieben sind. Meine Aufgabe war es, die richtigen Karten zu finden und die Antwort zu formulieren.“

Ihre Schicht war zu Ende. Elisa Debarou schaltete die Lampe bei ihrem Schreibtisch aus und stand auf. Wie üblich, war sie fast die letzte im Haus. Aber im Gegensatz zu ihren Kolleginnen hatte sie kein zu Hause, auf dass sie sich freuen konnte. Während die Anderen zu ihren Ehemännern oder ihren Familien gingen, bewohnte Elisa allein eine kleine Wohnung, die nur aus einem Zimmer bestand. Allein, abgesehen von ihren Alpträumen, die sie jede Nacht erneut heimsuchten.
Elisa war mit einem perfekten Gedächtnis geboren worden. Sie konnte sich an Details noch Jahre später erinnern. In ihrem Beruf war das von großem Nutzen. Schon mehrmals hatte sie M. Otlet für ihre Arbeit gelobt und sie konnte Informationen schneller finden als sonst jemand. Aber gleichzeitig war ihr Gedächtnis auch ein Fluch, denn es ließ sie die Schrecken des Großen Krieges nicht vergessen.
„Mademoiselle Debarou, würden sie bitte kurz zu mir kommen!“, rief M. Otlet.
Als Elisa das Büro betrat, wartete nicht nur M. Otlet auf sie, sondern auch ein junger Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.
„Mademoiselle Debarou, das ist Monsieur Tuniak“, stellte M. Otlet den Neuankömmling vor, der sie höflich begrüßte. Elisa fiel sofort die stark unterschiedliche Körpersprache der beiden Männer auf. M. Otlet war sichtlich nicht erfreut über den Besuch. Er sah den jungen Mann immer nur kurz an und verhielt sich so, als würde er sich am liebsten in Luft auflösen. M. Tuniak hingegen, wirkte so, als würde ihm dieses Büro gehören. Vielleicht nicht nur dieses Büro, vielleicht sogar die ganze Welt.
„M. Tuniak möchte sie von hier abwerben“, erklärte M. Otlet.
„Ich möchte, dass sie für mein Archiv arbeiten“, sagte M. Tuniak. „Aber das besprechen wir besser nicht hier. Ich weiß, dass sie heute Abend noch nichts vor haben, also würde ich vorschlagen sie begleiten meine... Kollegin und mich zum Dinner.“
„Ich... ich weiß nicht, ob...“ Elisa war so überrascht, dass sie stammelte.
„M. Otlet hat nichts dagegen“, versicherte M. Tuniak. „Sie werden hier natürlich sehr vermisst werden, aber wenn sie nicht die Beste wären, würde ich nicht hier sein. Kommen sie!“
„Jetzt sofort?“
„Natürlich.“ M. Tuniak wandte sich an M. Otlet. „Ich werde dafür sorgen, dass sie die Spende morgen erhalten.“

„Herr Tuniak hat dem Mundaneum eine Spende gegeben, damit er sie von dort abwerben konnte?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte Mme Debarou. „Und M. Otlet musste annehmen, weil das Mundaneum praktisch ständig Geld brauchte.“

„Wissen sie, was die treibende Kraft in der Wissenschaft ist?“, fragte M. Tuniak. „Kommunikation. Je besser Forscher und Wissenschafter untereinander kommunizieren können, umso mehr Entdeckungen werden gemacht. Unbeschränkte Kommunikation und unbeschränkter Zugriff auf Wissen ist eine wichtige Bedingung für Fortschritt. Deswegen haben wir Otlet und La Fontaine zu ihrer kleinen Sammlung inspiriert. Glauben sie mir, dass die Idee ursprünglich von uns stammt?“
Elisa nickte. Sie hatte gerade Dinosaurier gesehen. Sie saßen jetzt auf der Dachterrasse eines Hauses in Madrid. Im Jahr 1999. Egal, was er behauptete, sie würde es ihm glauben.
„Sie haben unser... Archiv gesehen und die Unordnung, die dort herrscht“, sagte die bärtige Frau, die sich als „Alice“ vorgestellt hatte. „Ihre erste Aufgabe würde darin bestehen, Ordnung in das Chaos zu bringen und Informationen für uns zu finden. Sie würden alleine arbeiten. Können sie sich das vorstellen?“
„Natürlich kann sie das“, antwortete M. Tuniak. „Sie kann dafür in der Zukunft leben und einige... sehr dunkle Perioden der Geschichte überspringen.“ Es schien für ihn überhaupt kein Zweifel daran zu bestehen, dass sie das Angebot annehmen würde. Im Gegenteil. Seine Gedanken waren schon beim nächsten Thema. „Was ist ihr Geheimnis?“
„Wie bitte?“, fragte Elisa verwirrt.
„So wie Paul ihre Arbeit beschrieben hat müssen sie mehr als nur ein extrem gutes Gedächtnis besitzen“, sagte M. Tuniak. „Was ist es?“
Elisa hatte das Gefühl, dass er die Antwort kannte, aber sie hatte noch nie mit einem anderen Menschen darüber gesprochen und würde jetzt nicht damit anfangen.
„Es ist nicht wichtig“, sagte Mme Alice. „Wir waren nur neugierig, aber sie müssen es uns nicht sagen.“
M. Tuniak schien anderer Meinung zu sein, aber ein Blick von Alice genügte und er sagte nichts.

„Ich habe Graphem-Farb-Synästhesie“, erklärte Mme Debarou.
„Was ist das?“, fragte ich.
Anstatt direkt zu antworten, bat sie mich auf einem Zettel so oft ich konnte den Buchstaben E aufzuschreiben. Während ich das tat, stand sie auf und ging zum Fenster, den Rücken zu mir gewandt. Ohne sich umzudrehen, forderte sie mich dann oft beliebig viele F zwischen den Es zu verstecken. Als ich damit fertig war, kehrte sie zu mir zurück. Sie nahm den Zettel und sah ihn höchstens eine Sekunde lang an, bevor sie sagte: „Es gibt sieben F hier.“
„Wie haben sie das so schnell gemacht?“
„Wenn ich einen Buchstaben, dann sehe ich nicht das, was sie sehen, sondern jeder Buchstabe hat auch eine Farbe“, sagte Mme Debarou. „F ist grün, während E blau ist. Wenn ich also auf ihren Zettel schaue, dann sehe ich praktisch sieben grüne Flecken auf einem blauen Hintergrund.“
„Das heißt sie können die normalen Farben nicht sehen?“
„Nein, die sehe ich auch“, sagte sie. „Es ist, als könnte ich zwei Farben auf einer Stelle gleichzeitig sehen. Und ich weiß auch immer, welche Farbe alle anderen sehen und welche Farbe nur ich sehe. Genau das Gleiche gilt auch für Ziffern. Auch jede Ziffer hat eine eigene Farbe für mich.“
Sie musste nicht weiter erklären, warum so eine Fähigkeit für einen Archivar von unschätzbarem Wert war. Aber ich verstand nicht, warum sie sie verheimlicht hatte.
„Ich dachte, die Leute würden mich für verrückt halten, deswegen“, sagte sie. „Ich hätte es auch Alexander nicht gesagt, wenn er mich eines Tages nicht plötzlich während eines Gespräches gefragt hätte, ob R gelb oder rot ist. Ich antwortete ganz automatisch rot und erst nachdem ich das gesagt hatte, wurde mir bewusst, warum er die Frage gestellt hatte. Damals musste er einfach alles wissen. Das und sein Unwillen eine Niederlage einzugestehen, führten schließlich zu – wie er es nennt – seiner Großen Schande.“



NÄCHSTE WOCHE
Toutes les activités humaines ... sont vouées par principe à l'échec.

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