Sonntag, 10. Juni 2012

The computer is incredibly fast, accurate, and stupid. Man is unbelievably slow, inaccurate, and brilliant. The marriage of the two is a force beyond calculation.


(Der Computer ist unglaublich schnell, genau und dumm. Der Mensch ist unglaublich langsam, ungenau und brilliant. Zusammen haben sie eine Macht, die unberechenbar ist.)
- Leo Cherne


Die Reise mit der Zeitmaschine führte uns heute von einem Schuppen in einen anderen. Der einzige Unterschied, den ich sofort bemerkte, war, dass wir uns in einer sehr viel kälteren Gegend befinden mussten. Aber zum Glück hatte Herr Tuniak mich vorgewarnt und ich hatte mich dementsprechend angezogen.
Als wir aus dem neuen Schuppen kamen, stellte ich fest, dass sich dieser an einem Waldrand befand, ziemlich genau auf der Spitze eines Berges. Unter uns befand sich ein längliches Tal, durch das sich ein Fluss schlängelte. In dem Tal befand sich eine Stadt. Und was für eine! Als hätte man das Zentrum einer Großstadt ausgeschnitten und in die Wildnis verlegt. Ich kann nicht genau sagen, was mich an den Häusern gestört hat, aber es war sofort klar, dass hier nicht eine Stadt natürlich gewachsen, sondern künstlich geschaffen worden war. Und es gab auch keine Außenbezirke, wo die Häuser weniger dicht stehen und die Stadt langsam endet. Als hätte jemand mit dem Lineal eine Grenze gezogen, hörte die Stadt nach einer Häuserreihe plötzlich auf.
„Wo sind wir gelandet?“, fragte ich.
„In Alaska, ihre Gegenwart“, sagte Herr Tuniak. „Unser Auto steht dort drüben.“
Neben dem Schuppen war ein kleiner Parkplatz von dem eine Straße hinunter ins Tal führte. Auf dem Parkplatz stand ein kleines Auto, nicht viel größer als ein Smart, aber von keiner Firma, die ich kannte. Auf einem kleinen Sticker, der auf der Beifahrertür angebracht war, konnte ich lesen, dass das Auto Raben Consulting gehörte. Wir stiegen ein und ich erwartete, dass Herr Tuniak fahren würde. Aber das Auto hatte kein Lenkrad. Stattdessen war vor dem Fahrersitz ein Bildschirm auf dem Herr Tuniak unser Ziel - „Zentrum“ - anwählte. Und dann fuhr der Wagen alleine los.
Es war extrem unangenehm in einem Auto zu sitzen und zu wissen, dass man dem Computer hilflos ausgeliefert war (später erfuhr ich, dass man mit einem Joystick – ein Hebel, den ich zuerst für die Gangschaltung gehalten hatte – im Notfall das Steuer übernehmen konnte). So lange wir noch nicht in der Stadt waren, ging es noch einigermaßen, aber in der Stadt waren unzählige andere Autos unterwegs. Und alle schienen von einem Computer gesteuert zu werden. Auch Radfahrer und Fußgänger gab es, Menschen mit Rollschuhen und Wheelies und jedes andere Fortbewegungsmittel, das man sich nur vorstellen kann. Sogar eine Rikscha sah ich, die von einem Roboter gesteuert wurde. Und es kam zu keinem Unfall!
Als ich mich halbwegs an das Auto gewöhnt hatte, konnte ich mich ein wenig besser auf meine Umgebung konzentrieren. Obwohl wir uns in Alaska befanden, waren die wenigsten Straßenschilder auf Englisch geschrieben. Auch die Plakate, die an manchen Wänden klebten oder die Schilder in den Schaufenster der Geschäfte verwendeten kaum Englisch. Stattdessen herrschten Russisch (die große Mehrheit), Arabisch und Chinesisch vor. Und die Menschen, die ich auf den Gehsteigen sah, schienen ebenso aus sämtlichen Teilen der Erde zu kommen.

Im Zentrum der Stadt war ein großer Brunnen. Eine Plakette auf der Seite erklärte auf Russisch, was die verschiedenen Figuren des Brunnens darstellen sollten.
„Im Handschuhfach vor ihnen sollte sich eine Brille befinden“, sagte Herr Tuniak. „Nehmen sie sie mit.“
Ich nahm das dunkelblaue Brillenetui heraus und wir stiegen aus. Herr Tuniak ging zu der Plakette und deutete mir, dass ich ihm folgen solle. „Setzen sie sich die Brille auf“, sagte er.
Ich nahm die Brille aus dem Etui. Sie war ein wenig schwerer als ich erwartet hatte und hatte dicke schwarze Bügel und Ränder. Nachdem ich sie aufgesetzt hatte, bemerkte ich, dass sich meine Sicht nicht verbessert oder verschlechtert hatte, die Brille also nur ganz normale Gläser hatte.
„Auf dem rechten Bügel ist eine kleine Einbuchtung“, erklärte Herr Tuniak. „Wenn sie mit dem Finger darauf drücken, aktivieren sie die Brille.“
Ich tat, wie er gesagt hatte. Und die Brille erwachte zum Leben! Als ich auf die Plakette sah, schwebte plötzlich in grüner Schrift die Übersetzung des russischen Textes vor meinen Augen. Ich drehte mich um und visierte ein Plakat mit chinesischer Schrift an. Auch hier blendete die Brille eine Übersetzung des Textes ein.
„Das ist phantastisch“, sagte ich. „Was ist das hier?“
„Wie sie vor fünfzig Jahren gegründet wurde hatte sie noch keinen Namen“, erzählte Herr Tuniak. Wir gingen auf eines der moderner wirkenden Hochhäuser mit Glasfassade zu. „Sie wurde von westlichen Geheimdiensten dazu verwendet, um Spione auszubilden. Alles hier war ursprünglich einer russischen Großstadt nachempfunden.“
„Agenten sollten hier ein Leben wie in der Sowjetunion nachspielen?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte Herr Tuniak. „In der Sowjetunion gab es übrigens ganz ähnliche Trainingsstädte, nur waren die dort natürlich amerikanischen Städten nachempfunden. Das Projekt hier wurde allerdings Anfang der 1980er aufgegeben und dann stand die Stadt für ein Jahrzehnt leer. Bis Feodor Alice und mir davon erzählt hat..“
„Diese Stadt ist eine dieser Firmen, die sie gegründet haben, um altes Wissen wieder zu entdecken und zu verwenden?“, fragte ich.
„Wir übernahmen sie Anfang der 1990er. Damals bekam sie auch einen Namen, Lagua's Dwelling“, sagte Herr Tuniak. „Und es war nicht nur eine Firma, sondern eigentlich der Zusammenschluss von mehreren unter der Aufsicht von Raben Consulting. Es gab... verschiedene Gründe, warum diese Firmen in den Hintergrund treten mussten.“
Wir blieben vor der Eingangstür stehen. „Bevor wir hineingehen, muss ich ihnen noch eines sagen“, wandte sich Herr Tuniak an mich und senkte seine Stimme in einen Flüsterton. „Die Leute hier kennen mich als Alexander Mueller, ein Mitglied im Aufsichtsrat von Raben Consulting. Einige wenige hier kennen die Wahrheit, aber wenn sie mit jemanden sprechen, gehen sie davon aus, dass er es nicht tut.“
Ich nickte und wir betraten das Haus.
„Das hier ist die Zentrale der ganzen Stadt“, sagte Herr Tuniak, nun wieder in normaler Lautstärke.
„Sie haben mir noch nicht wirklich gesagt, was hier überhaupt gemacht wird“, sagte ich.
„Alles, was sie sich vorstellen können“, sagte eine blonde Frau mit Sonnenkappe. Sie saß in einem elektrischen Rollstuhl und hatte im Vorbeifahren scheinbar meine Frage gehört. „Wir entwickelnd, erfinden und testen alles, was uns einfällt.“ Sie deutete auf die Brille, die ich immer noch trug. „Was glauben sie, warum sie sämtliche Sprachen der Welt dort draußen finden?“
„Nur um die Brille zu testen?“, fragte ich.
„Nicht nur wegen der Brille, aber ja“, sagte die Frau. Ihr Handy läutete und sie entschuldigte sich. Ich sah ihr kurz nach und es dauerte einige Momente bis ich bemerkte, dass ihr Rollstuhl losgefahren war, ohne dass die Frau irgend etwas gesagt oder getan hatte. Der Stuhl schien von selbst zu wissen, wohin er fahren sollte. Als ich Herrn Tuniak darauf ansprach, antwortete er: „Ihre Sonnenkappe misst ihre Hirnströme und ist mit dem Computer des Rollstuhls verbunden. Sie steuert ihn praktisch mit ihren Gedanken.“
Die Rezeptionistin, bei der wir unsere Besucherausweise bekamen, war ein Androide. Der Liftboy, der uns in den fünften Stock hinauf führte, war ein Hologramm. Die Leute, denen wir begegneten, trugen Gewand, dass seine Farbe wechselte oder gar ganze Filme abzuspielen schien.
„Soll das hier eine Stadt der Zukunft sein?“, fragte ich.
Herr Tuniak überlegte für einen Moment, bevor er sagte: „Ich glaube, ich kann verraten, dass die Zukunft nicht genau so aussehen wird. Alles, was sie hier sehen, wird es zwar geben, aber in einer anderen Form als hier.“ Er lächelte kurz. „Aus meiner Perspektive wirkt Lagua's Dwelling als hätte man Kindern die Technologien der Zukunft zum Spielen gegeben. Schauen sie sich das hier etwa an.“ Wir kamen gerade bei einer offenen Tür vorbei und Herr Tuniak deutete mir, dass ich leise hinein schauen sollte. In dem Zimmer saßen mehrere Frauen und Männer vor großen Bildschirmen und schienen ein Computerspiel zu spielen. Scheinbar ging es darum, Roboter durch dunkle Kanäle zu steuern.
„Sehen sie die Kekse auf dem Tisch?“, fragte mich Herr Tuniak leise. „In einigen Keksen befinden sich Nano-Bots, Roboter, kleiner sind als eine menschliche Zelle. Sie haben die Kekse gegessen und versuchen nun herauszufinden, wer von ihnen die Nano-Bots geschluckt hat.“
„Ist das nicht gefährlich?“, fragte ich entsetzt.
„Nein, überhaupt nicht“, sagte Herr Tuniak. „Aber das meine ich, wenn ich sage, dass hier Kinder spielen. Sie haben die Nano-Bots entwickelt und in der Zukunft werden sie für medizinische Zwecke eingesetzt. Bei Operationen wird man die Menschen nicht mehr aufschneiden müssen, sondern man injiziert ihnen nur einige dieser Nano-Bots und die erledigen die Arbeit. Aber noch werden sie für ein... dummes Spiel verwendet.“
Am Ende des Ganges betraten wir den Vorraum eines Büros. Ein blinder Sekretär saß an einem Computer und begrüßte uns. Der Bildschirm seines Computers war in die Oberfläche des Schreibtisches integriert und der Sekretär hatte seine Hände, Handflächen nach unten, darauf gelegt. Ich erfuhr, dass die Oberfläche des Bildschirms sich verändern konnte. Sie war nicht fest, sondern konnte einzelne, nur Quadratmillimeter große, Flächen heben und senken und so Braille-Schrift simulieren. Somit konnte der Sekretär den Bildschirm mit seinen Händen sehen. Er vertraute uns aber an, dass das System noch nicht wirklich ausgereift war und noch viele Änderungen vorgenommen werden mussten.
„Ist Doktor Cumshewa im Haus?“, fragte Herr Tuniak.
„Sie ist unten im AI-Labor“, antwortete der Sekretär. „Es hat dort heute in der Früh ein Problem gegeben. Ich fürchte, sie wird heute nicht Zeit für sie haben.“
Herr Tuniak bedankte sich und wir kehrten zum Lift zurück. Trotz der Warnung des Sekretärs fuhren wir in den dritten Stock, wo sich die AI-Labore befanden. Dort herrschte große Aufregung. Die Leute dort riefen wild hin und her, sie rannten und allgemein hatte man fast das Gefühl, als wäre das Ende der Welt eingetreten. Herr Tuniak sprach eine ältere Frau – ich nehme an Doktor Cumshewa – an, aber sie ignorierte ihn. Vor uns gab es mehrere Computerstationen, bei denen hektisch gearbeitet wurde und sie rannte von einer zur nächsten, erteilte Befehle und gab Tipps. Sie kam noch einmal kurz zu uns zurück und sagte zu Herrn Tuniak: „Alexander, ich kann heute nicht. Uns ist eine Künstliche Intelligenz ins Internet entkommen.“ Und dann war sie schon wieder weg. Als Herr Tuniak das gehört hatte, murmelte er: „Und so fängt es an.“ Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.
Wir verließen das AI-Labor schnell wieder, weil wir nur im Weg herum standen.
„Mit einer Führung durch die Stadt wird heute wohl nichts mehr“, sagte Herr Tuniak, als wir vor das Gebäude getreten waren. „Aber ich glaube, sie haben trotzdem einen Eindruck von dem bekommen, was wieder entdecktes altes Wissen für Konsequenzen haben kann.“
Oh ja, einen Eindruck hatte ich bekommen. Aber ich bin mir gleichzeitig auch sicher, dass ich nur die Hälfte von dem verstanden habe, was ich gesehen habe. Wie muss erst die Zukunft aussehen...



NÄCHSTE WOCHE
Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas besseres.

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