(Der Computer ist unglaublich schnell, genau und dumm. Der Mensch ist
unglaublich langsam, ungenau und brilliant. Zusammen haben sie eine
Macht, die unberechenbar ist.)
- Leo Cherne
Die Reise mit der
Zeitmaschine führte uns heute von einem Schuppen in einen anderen.
Der einzige Unterschied, den ich sofort bemerkte, war, dass wir uns
in einer sehr viel kälteren Gegend befinden mussten. Aber zum Glück
hatte Herr Tuniak mich vorgewarnt und ich hatte mich dementsprechend
angezogen.
Als wir aus dem neuen
Schuppen kamen, stellte ich fest, dass sich dieser an einem Waldrand
befand, ziemlich genau auf der Spitze eines Berges. Unter uns befand
sich ein längliches Tal, durch das sich ein Fluss schlängelte. In
dem Tal befand sich eine Stadt. Und was für eine! Als hätte man das
Zentrum einer Großstadt ausgeschnitten und in die Wildnis verlegt.
Ich kann nicht genau sagen, was mich an den Häusern gestört hat,
aber es war sofort klar, dass hier nicht eine Stadt natürlich
gewachsen, sondern künstlich geschaffen worden war. Und es gab auch
keine Außenbezirke, wo die Häuser weniger dicht stehen und die
Stadt langsam endet. Als hätte jemand mit dem Lineal eine Grenze
gezogen, hörte die Stadt nach einer Häuserreihe plötzlich auf.
„Wo sind wir
gelandet?“, fragte ich.
„In Alaska, ihre
Gegenwart“, sagte Herr Tuniak. „Unser Auto steht dort drüben.“
Neben dem Schuppen war
ein kleiner Parkplatz von dem eine Straße hinunter ins Tal führte.
Auf dem Parkplatz stand ein kleines Auto, nicht viel größer als ein
Smart, aber von keiner Firma, die ich kannte. Auf einem kleinen
Sticker, der auf der Beifahrertür angebracht war, konnte ich lesen,
dass das Auto Raben Consulting gehörte. Wir stiegen ein und ich
erwartete, dass Herr Tuniak fahren würde. Aber das Auto hatte kein
Lenkrad. Stattdessen war vor dem Fahrersitz ein Bildschirm auf dem
Herr Tuniak unser Ziel - „Zentrum“ - anwählte. Und dann fuhr der
Wagen alleine los.
Es war extrem unangenehm
in einem Auto zu sitzen und zu wissen, dass man dem Computer hilflos
ausgeliefert war (später erfuhr ich, dass man mit einem Joystick –
ein Hebel, den ich zuerst für die Gangschaltung gehalten hatte –
im Notfall das Steuer übernehmen konnte). So lange wir noch nicht in
der Stadt waren, ging es noch einigermaßen, aber in der Stadt waren
unzählige andere Autos unterwegs. Und alle schienen von einem
Computer gesteuert zu werden. Auch Radfahrer und Fußgänger gab es,
Menschen mit Rollschuhen und Wheelies und jedes andere
Fortbewegungsmittel, das man sich nur vorstellen kann. Sogar eine
Rikscha sah ich, die von einem Roboter gesteuert wurde. Und es kam zu
keinem Unfall!
Als ich mich halbwegs an
das Auto gewöhnt hatte, konnte ich mich ein wenig besser auf meine
Umgebung konzentrieren. Obwohl wir uns in Alaska befanden, waren die
wenigsten Straßenschilder auf Englisch geschrieben. Auch die
Plakate, die an manchen Wänden klebten oder die Schilder in den
Schaufenster der Geschäfte verwendeten kaum Englisch. Stattdessen
herrschten Russisch (die große Mehrheit), Arabisch und Chinesisch
vor. Und die Menschen, die ich auf den Gehsteigen sah, schienen
ebenso aus sämtlichen Teilen der Erde zu kommen.
Im Zentrum der Stadt war
ein großer Brunnen. Eine Plakette auf der Seite erklärte auf
Russisch, was die verschiedenen Figuren des Brunnens darstellen
sollten.
„Im Handschuhfach vor
ihnen sollte sich eine Brille befinden“, sagte Herr Tuniak. „Nehmen
sie sie mit.“
Ich nahm das dunkelblaue
Brillenetui heraus und wir stiegen aus. Herr Tuniak ging zu der
Plakette und deutete mir, dass ich ihm folgen solle. „Setzen sie
sich die Brille auf“, sagte er.
Ich nahm die Brille aus
dem Etui. Sie war ein wenig schwerer als ich erwartet hatte und hatte
dicke schwarze Bügel und Ränder. Nachdem ich sie aufgesetzt hatte,
bemerkte ich, dass sich meine Sicht nicht verbessert oder
verschlechtert hatte, die Brille also nur ganz normale Gläser hatte.
„Auf dem rechten Bügel
ist eine kleine Einbuchtung“, erklärte Herr Tuniak. „Wenn sie
mit dem Finger darauf drücken, aktivieren sie die Brille.“
Ich tat, wie er gesagt
hatte. Und die Brille erwachte zum Leben! Als ich auf die Plakette
sah, schwebte plötzlich in grüner Schrift die Übersetzung des
russischen Textes vor meinen Augen. Ich drehte mich um und visierte
ein Plakat mit chinesischer Schrift an. Auch hier blendete die Brille
eine Übersetzung des Textes ein.
„Das ist phantastisch“,
sagte ich. „Was ist das hier?“
„Wie sie vor fünfzig
Jahren gegründet wurde hatte sie noch keinen Namen“, erzählte
Herr Tuniak. Wir gingen auf eines der moderner wirkenden Hochhäuser
mit Glasfassade zu. „Sie wurde von westlichen Geheimdiensten dazu
verwendet, um Spione auszubilden. Alles hier war ursprünglich einer
russischen Großstadt nachempfunden.“
„Agenten sollten hier
ein Leben wie in der Sowjetunion nachspielen?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte
Herr Tuniak. „In der Sowjetunion gab es übrigens ganz ähnliche
Trainingsstädte, nur waren die dort natürlich amerikanischen
Städten nachempfunden. Das Projekt hier wurde allerdings Anfang der
1980er aufgegeben und dann stand die Stadt für ein Jahrzehnt leer.
Bis Feodor Alice und mir davon erzählt hat..“
„Diese Stadt ist eine
dieser Firmen, die sie gegründet haben, um altes Wissen wieder zu
entdecken und zu verwenden?“, fragte ich.
„Wir übernahmen sie
Anfang der 1990er. Damals bekam sie auch einen Namen, Lagua's
Dwelling“, sagte Herr Tuniak. „Und es war nicht nur eine Firma,
sondern eigentlich der Zusammenschluss von mehreren unter der
Aufsicht von Raben Consulting. Es gab... verschiedene Gründe, warum
diese Firmen in den Hintergrund treten mussten.“
Wir blieben vor der
Eingangstür stehen. „Bevor wir hineingehen, muss ich ihnen noch
eines sagen“, wandte sich Herr Tuniak an mich und senkte seine
Stimme in einen Flüsterton. „Die Leute hier kennen mich als
Alexander Mueller, ein Mitglied im Aufsichtsrat von Raben Consulting.
Einige wenige hier kennen die Wahrheit, aber wenn sie mit jemanden
sprechen, gehen sie davon aus, dass er es nicht tut.“
Ich nickte und wir
betraten das Haus.
„Das hier ist die
Zentrale der ganzen Stadt“, sagte Herr Tuniak, nun wieder in
normaler Lautstärke.
„Sie haben mir noch
nicht wirklich gesagt, was hier überhaupt gemacht wird“, sagte
ich.
„Alles, was sie sich
vorstellen können“, sagte eine blonde Frau mit Sonnenkappe. Sie
saß in einem elektrischen Rollstuhl und hatte im Vorbeifahren
scheinbar meine Frage gehört. „Wir entwickelnd, erfinden und
testen alles, was uns einfällt.“ Sie deutete auf die Brille, die
ich immer noch trug. „Was glauben sie, warum sie sämtliche
Sprachen der Welt dort draußen finden?“
„Nur um die Brille zu
testen?“, fragte ich.
„Nicht nur wegen der
Brille, aber ja“, sagte die Frau. Ihr Handy läutete und sie
entschuldigte sich. Ich sah ihr kurz nach und es dauerte einige
Momente bis ich bemerkte, dass ihr Rollstuhl losgefahren war, ohne
dass die Frau irgend etwas gesagt oder getan hatte. Der Stuhl schien
von selbst zu wissen, wohin er fahren sollte. Als ich Herrn Tuniak
darauf ansprach, antwortete er: „Ihre Sonnenkappe misst ihre
Hirnströme und ist mit dem Computer des Rollstuhls verbunden. Sie
steuert ihn praktisch mit ihren Gedanken.“
Die Rezeptionistin, bei
der wir unsere Besucherausweise bekamen, war ein Androide. Der
Liftboy, der uns in den fünften Stock hinauf führte, war ein
Hologramm. Die Leute, denen wir begegneten, trugen Gewand, dass seine
Farbe wechselte oder gar ganze Filme abzuspielen schien.
„Soll das hier eine
Stadt der Zukunft sein?“, fragte ich.
Herr Tuniak überlegte
für einen Moment, bevor er sagte: „Ich glaube, ich kann verraten,
dass die Zukunft nicht genau so aussehen wird. Alles, was sie hier
sehen, wird es zwar geben, aber in einer anderen Form als hier.“ Er
lächelte kurz. „Aus meiner Perspektive wirkt Lagua's Dwelling als
hätte man Kindern die Technologien der Zukunft zum Spielen gegeben.
Schauen sie sich das hier etwa an.“ Wir kamen gerade bei einer
offenen Tür vorbei und Herr Tuniak deutete mir, dass ich leise
hinein schauen sollte. In dem Zimmer saßen mehrere Frauen und Männer
vor großen Bildschirmen und schienen ein Computerspiel zu spielen.
Scheinbar ging es darum, Roboter durch dunkle Kanäle zu steuern.
„Sehen sie die Kekse
auf dem Tisch?“, fragte mich Herr Tuniak leise. „In einigen
Keksen befinden sich Nano-Bots, Roboter, kleiner sind als eine
menschliche Zelle. Sie haben die Kekse gegessen und versuchen nun
herauszufinden, wer von ihnen die Nano-Bots geschluckt hat.“
„Ist das nicht
gefährlich?“, fragte ich entsetzt.
„Nein, überhaupt
nicht“, sagte Herr Tuniak. „Aber das meine ich, wenn ich sage,
dass hier Kinder spielen. Sie haben die Nano-Bots entwickelt und in
der Zukunft werden sie für medizinische Zwecke eingesetzt. Bei
Operationen wird man die Menschen nicht mehr aufschneiden müssen,
sondern man injiziert ihnen nur einige dieser Nano-Bots und die
erledigen die Arbeit. Aber noch werden sie für ein... dummes Spiel
verwendet.“
Am Ende des Ganges
betraten wir den Vorraum eines Büros. Ein blinder Sekretär saß an
einem Computer und begrüßte uns. Der Bildschirm seines Computers
war in die Oberfläche des Schreibtisches integriert und der Sekretär
hatte seine Hände, Handflächen nach unten, darauf gelegt. Ich
erfuhr, dass die Oberfläche des Bildschirms sich verändern konnte.
Sie war nicht fest, sondern konnte einzelne, nur Quadratmillimeter
große, Flächen heben und senken und so Braille-Schrift simulieren.
Somit konnte der Sekretär den Bildschirm mit seinen Händen sehen.
Er vertraute uns aber an, dass das System noch nicht wirklich
ausgereift war und noch viele Änderungen vorgenommen werden mussten.
„Ist Doktor Cumshewa im
Haus?“, fragte Herr Tuniak.
„Sie ist unten im
AI-Labor“, antwortete der Sekretär. „Es hat dort heute in der
Früh ein Problem gegeben. Ich fürchte, sie wird heute nicht Zeit
für sie haben.“
Herr Tuniak bedankte sich
und wir kehrten zum Lift zurück. Trotz der Warnung des Sekretärs
fuhren wir in den dritten Stock, wo sich die AI-Labore befanden. Dort
herrschte große Aufregung. Die Leute dort riefen wild hin und her,
sie rannten und allgemein hatte man fast das Gefühl, als wäre das
Ende der Welt eingetreten. Herr Tuniak sprach eine ältere Frau –
ich nehme an Doktor Cumshewa – an, aber sie ignorierte ihn. Vor uns
gab es mehrere Computerstationen, bei denen hektisch gearbeitet wurde
und sie rannte von einer zur nächsten, erteilte Befehle und gab
Tipps. Sie kam noch einmal kurz zu uns zurück und sagte zu Herrn
Tuniak: „Alexander, ich kann heute nicht. Uns ist eine Künstliche
Intelligenz ins Internet entkommen.“ Und dann war sie schon wieder
weg. Als Herr Tuniak das gehört hatte, murmelte er: „Und so fängt
es an.“ Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.
Wir verließen das
AI-Labor schnell wieder, weil wir nur im Weg herum standen.
„Mit einer Führung
durch die Stadt wird heute wohl nichts mehr“, sagte Herr Tuniak,
als wir vor das Gebäude getreten waren. „Aber ich glaube, sie
haben trotzdem einen Eindruck von dem bekommen, was wieder entdecktes
altes Wissen für Konsequenzen haben kann.“
Oh ja, einen Eindruck
hatte ich bekommen. Aber ich bin mir gleichzeitig auch sicher, dass
ich nur die Hälfte von dem verstanden habe, was ich gesehen habe.
Wie muss erst die Zukunft aussehen...
NÄCHSTE WOCHE
Die Menschen sind nicht
immer, was sie scheinen, aber selten etwas besseres.
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