(Sport bildet die
Spielzeugabteilung im menschlichen Leben.)
-
Howard Cosell
Wie
letzte Woche ausgemacht, kehrten wir heute wieder zu Mowglis „Zoo“
zurück und diesmal wartete der Eigentümer bereits zusammen mit
einem Liger auf uns am Strand.
„Du
solltest dir wirklich angewöhnen, vorher anzurufen“, sagte er zu
Herrn Tuniak als Begrüßung.
„Das
würde ich machen, wenn ich selber immer genau wüsste, wo ich
hingehe“, gab Herr Tuniak zurück. „Du warst früher auch viel
spontaner.“
„Für
jemanden mit Zeitmaschine gilt diese Ausrede nicht“, sagte Mowgli.
„Außerdem habe ich damals nicht meinen Park hier gehabt. Oder eine
Familie.“
Ich
nützte die Gelegenheit, um eine Frage unterzubringen, die ich mir
schon letzte Woche kurz nach unserer Ankunft gestellt hatte. „Was
ist diese Anlage hier eigentlich genau? Sie ist kein öffentlicher
Zoo, aber... Was ist sie?“
„Mein
privater Garten“, sagte Mowgli ohne zu Zögern. „Und ab und zu
lade ich Leute ein. Rein Zufälligerweise spenden diese Leute dann
auch Geld, damit ich das alles hier weiter erhalten kann, aber ich
verlange keinen Eintritt.“
„Und
warum nennen sie es nicht offiziell einen Zoo?“
„Weil
ich dann unzählige Standards und Sicherheitsvorschriften erfüllen
müsste“, erklärte Mowgli. „Ich dürfte die Tiere“ - und dabei
streichelte er den Liger, der ihn zum Strand begleitet hatte - „nicht
frei herum laufen lassen. Ich habe mehrere... private Vereinbarungen
mit der Verwaltung hier. Ich darf nicht zu viel Gewinn machen und
muss ab und zu Tiere aufnehmen, die sonst niemand haben will“ -
dabei deutete er auf das Zorse (das Kind eines männlichen Zebras und
einer Pferdestute), das am Waldrand graste - „und dafür werde ich
nicht so genau kontrolliert. Natürlich... das alles funktioniert
nur, weil es hier noch nie einen Unfall gegeben hat. Sollte irgend
jemand einmal während seines Besuches hier verletzt werden...“ Er
schüttelte den Kopf, als könnte allein der Gedanke an ein solches
Unglück dieses heraufbeschwören. „Aber ihr seid ja nicht hier, um
über die Zukunft zu reden, sondern über die Vergangenheit.“
Wir
kamen zum Haupthaus, wo wir uns in einer Bibliothek, wo wir uns alle
in große Sesseln setzten. Die Sesseln waren so gestellt, dass sie
aus einem großen Fenster hinaus in den Garten schauten.
„Also,
was wollen sie von mir hören?“, fragte Mowgli.
„Ich
habe ihm letzte Woche davon erzählt, wie ich das erste Mal hierher
gekommen bin“, sagte Herr Tuniak.
Mowgli
lehnte sich in seinem Sessel zurück, schloss die Augen und lächelte.
„Oh ja, das waren gute Zeiten“, sagte er und sah mich an. „Ich
war damals Ende dreißig, Lex vielleicht ein bisschen älter und wir
beide hatten eine wahnsinnig Midlife-Crisis.“ Er lachte laut auf.
„Nein, hatten wir nicht, aber man hätte es denken können, bei den
verrückten Sachen, die wir gemacht haben.“
Alexander
ließ sich rückwärts ins Gras fallen. Mowgli setzte sich neben
ihm auf den Boden. Sie beide spürten jeden Muskel ihres Körpers und
sie alle schmerzten.
„Warum
habe ich mich dazu überreden lassen?“, fragte Alexander laut.
„Es
war doch lustig, oder?“, meinte Mowgli. „Aber ich werde die ganze
nächste Woche nicht sitzen können.“
„Wie
hast du diese Leute überhaupt gefunden?“, wollte Alexander wissen.
Er setzte sich auf und sah zu den Männern hinüber, die die
Vogelsträuße in ihren Gehegen versorgten.
Als
Alexander auf Besuch gekommen war, hatte Mowgli ihn sofort dazu
überredet, bei einem Rennen mitzumachen. Was er nicht gesagt hatte,
war, dass sie nicht auf Pferden, sondern auf Vogelsträußen reiten
würden. Alexander hatte über eine Woche jeden Tag damit verbracht
zu lernen, nicht von dem Tier hinunter zu fallen und hatte das gerade
beendete Rennen als Letzter abgeschlossen.
„Mich
wunder überhaupt, dass du bei so etwas mitmachst“, fuhr Alexander
fort.
„Ich
brauche Aufmerksamkeit und Geld für meinen Park“, sagte Mowgli.
„Und die anderen Reiter waren alles sehr reiche, sehr
einflussreiche Geschäftsmänner. Mit drei von ihnen habe ich nächste
Woche bereits ein Treffen vereinbart. Der Tag ist also ein voller
Erfolg.“
„Das
sagst du nur, weil du gewonnen hast“, meine Alexander. „Kannst du
jetzt einen von deinen Elephanten holen, damit er mich zurück tragen
kann?“
„Tut
mir Leid, das Elephanten-Rennen findet erst in zwei Wochen statt.
Jetzt schau nicht so entsetzt, das war nur ein Scherz.“
„Wie
Lex ihnen vielleicht schon gesagt hat, war es ziemlich schwer, diese
ganze Anlage hier auf die Beine zu stellen“, erzählte Mowgli.
„Geld war natürlich ein Problem, aber es war das kleinste Problem.
Ich musste viele Beziehungen aufbauen und ständig pflegen, damit das
alles hier Wirklichkeit werden konnte.“
„Und
seltsamerweise lief es immer darauf hinaus, dass wir bei irgend
welchen Wettrennen mitmachen mussten“, meinte Alexander. „Ich
behaupte immer noch, dass du die Hälfte dieser Rennen selbst
erfunden hast, um mich zu quälen.“
Es
war interessant zu beobachten, wie Herr Tuniak auf unterschiedliche
Menschen reagierte. Mowgli schien ihn zu verjüngen oder er wollte
vor ihm nicht alt und gebrechlich wirken, wie er es zum Beispiel in
der Unterwasserstation gewesen war.
„Du
hättest jederzeit aufhören können“, sagte Mowgli.
„Ich
brauchte die Ablenkung“, gestand Herr Tuniak. „Ich wollte nicht
daran denken, was ich in den Jahren zuvor getan hatte. Jedes Mal,
wenn ich eine ruhige Minute hatte, wanderten meine Gedanken...“
„Wann
habe ich dir je eine ruhige Minute gegönnt?“, unterbrach ihn
Mowgli.
Alexander
lag auf einer Bank und aß Nüsse, die ihm ein Affe als
Freundschaftsangebot gebracht hatte.
„Wie
fühlst du dich?“, fragte Mowgli.
„Älter
als ich wirklich bin“, antwortete Alexander. „Ein Monat bei dir
und ich fühle mich wie sechzig. Dabei fehlen mir noch mindestens
zwanzig Jahre bis dahin.“
Mowgli
warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
„Gut,
vielleicht auch nur fünfzehn“, korrigierte sich Alexander. „Was
hast du jetzt für eine neue Verrücktheit gefunden?“
„Ein
neues Rennen“, sagte Mowgli. „Und es gibt eine gute und eine
schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass wir mit einem Auto
fahren können. Die schlechte Nachricht ist, dass die Rennstrecke
über fünfundzwanzigtausend Kilometer lang ist.“
„Was?“,
fragte Alexander überrascht. „Wo hast du so eine lange Straße
gefunden?“
„In
Amerika“, erklärte Mowgli. „Sie führt vom nördlichsten Punkt
Nordamerikas bis zur Südküste Südamerikas. Es ist die längste
Straße der Welt.“
„Dafür
werden wir mindestens zwei Wochen brauchen“, überlegte Alexander.
„Wieso willst du, dass ich mit dir fahre? Warum fährst du nicht
mit deiner Verlobten?“
„Weil
einer von uns beiden hier bleiben und auf die Tiere aufpassen
sollte“, erklärte Alexander. „Außerdem... weißt du noch nicht,
dass sie schwanger ist?“
Alexander
schüttelte den Kopf. „Ich komme gerne mit, aber ich muss
dir gleich sagen, dass ich noch nie mit einem Auto gefahren bin.“
„Noch
nie?“
„Nein.
Ich habe es noch nie gebraucht“, erklärte Alexander. „Für den
Großteil der Geschichte reitet man auf Pferden, erst in den letzten
hundert Jahren verwendet man Autos.“
„Ja,
natürlich“, sagte Mowgli. „Nun, du hast noch etwa ein Monat Zeit
Auto fahren zu lernen.“
„Tatsächlich
hatte er natürlich mehr Zeit, denn er hatte ja eine Zeitmaschine“,
sagte Mowgli. „Und damit ist er auch gleich einmal hundert Jahre in
die Vergangenheit gereist und hat bei den ersten Autos gelernt, wie
man sie fährt.“
„Du
hast mich deswegen für verrückt erklärt, aber wenn ich mich
richtig erinnere, hat es uns dann doch sehr geholfen“, meinte Herr
Tuniak.
„Ohne
Zweifel“, gab Mowgli zu. Zu mir gewandt erklärte er: „Wir hätten
mehrere Pannen während der Fahrt. Die Panamericana-Straße ist
nämlich nicht eine komplett asphaltierte Straße. Es gibt hunderte
von Kilometern, wo sie nicht viel mehr als ein breiter Trampelpfad
mitten durch den Urwald ist. Wir hatten in Südamerika auch für zwei
Tage das Glück durch strömenden Regen zu fahren... eigentlich sind
wir mehr geschwommen, was dem Motor überhaupt nicht gefallen hat.“
Er stand auf und ging zu einem der vielen Bücherschränke. „Es hat
natürlich auch Nachteile gegeben.“
„Nun,
wie sieht es aus?“, fragte Mowgli. „Bist du bereit für das große
Rennen?“
„Ja,
ich weiß alles, was es über Autos zu wissen gibt“, sagte
Alexander zuversichtlich. „Wusstest du, dass es die ersten
elektrischen Autos bereits 1881...“
„Hast
du auch praktisches Wissen oder nur theoretisches?“, unterbrach ihn
Mowgli. „Zeig mir deinen Führerschein.“
„Meinen
Führerschein?“, wiederholte Alexander. „Ich habe keinen
Führerschein.“
„Aber
einen Pass hast du, oder?“, fragte Mowgli.
Alexander
schüttelte den Kopf. „Nicht seit meiner Kindheit, nein“, sagte
er.
„Und
wie glaubst du dann, dass wir über die Grenzen kommen werden?“,
wollte Mowgli wissen. „Ganz abgesehen davon, dass dich keiner
hinter ein Lenkrad lassen wird, wenn du keinen Führerschein
vorweisen kannst?“ Mowgli ging unruhig auf und ab. „Du hast
vielleicht die gesamte Geschichte miterlebt, aber vom alltäglichen
Leben hast du nicht viel Ahnung, oder?“
„Beruhige
dich, wann müssen wir in Prudhoe Bay sein?“, fragte Alexander.
„Nächste
Woche.“
„Mehr
als genug Zeit. Ich rufe Philip an.“
„Philip
war wie immer unsere Rettung“, erzählte Herr Tuniak. „Mit seiner
Hilfe gelang es uns alle Dokumente, die ich brauchte, zu fälschen.
Wobei ich für einige dieser Fälschung ein Stück in die
Vergangenheit gereist bin, weil es dort einfacher war.“
„Ah,
hier ist es“, sagte Mowgli und nahm ein Album aus dem Schrank.
„Sämtliche Photos, die wir während der Reise gemacht haben.“
Die
Photos, die sie mir zeigten, hätten unterschiedlicher nicht sein
können. Die ersten Bilder zeigten eine vereiste Landschaft im Norden
Alaskas, doch mit jeder Seite, die umgeblättert wurde, änderte sich
das Klima. Es wurde wärmer und wärmer, vermehrt waren Pflanzen und
Wälder zu sehen, es gab Berge, Täler und Seen. Dann gab es
Straßenabschnitte, die durch Wüsten führten, wo weit und breit
kein Tropfen Wasser zu finden war. Es ging durch dichte
Dschungelgebiete, entlang an Meeresstränden und über die hohen
Pässe der Anden.
„An
diesen Halt kann ich mich noch gut erinnern“, meinte Mowgli und
deutete auf ein Photo, dass mehrere Berggipfel zeigte. „Es war das
erste Mal seit unserer Kindheit, dass wir wieder Gletschereis
gegessen haben.“
„Ja“,
stimmte Herr Tuniak zu. „Wir sind so lange dort geblieben, dass wir
nur als dritte im Ziel ankamen, aber das war es wert.“
„Ohne
Zweifel. Zu gewinnen war bei all diesen Rennen nur Nebensache.“
„Warum
haben sie dann mitgemacht?“, fragte ich. „Nur um Leute zu finden,
die ihren Park unterstützen?“
„Auch,
aber ich gebe zu, dass ich das auch mit anderen Mitteln hätte
erreichen können“, sagte Mowgli. „Man sollte überhaupt gar
nicht einen Sport betreiben, wenn man nur gewinnen will. Man würde
meistens enttäuscht nach Hause gehen, weil nur einer kann gewinnen
und alle anderen verlieren.“
„Warum
sollet man dann einen Sport machen?“
„Um
Spaß zu haben, natürlich.“
NÄCHSTE
WOCHE
Das
Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen sehr erschwert.
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