Sonntag, 5. August 2012

Sports is the toy department of human life.


(Sport bildet die Spielzeugabteilung im menschlichen Leben.)
- Howard Cosell


Wie letzte Woche ausgemacht, kehrten wir heute wieder zu Mowglis „Zoo“ zurück und diesmal wartete der Eigentümer bereits zusammen mit einem Liger auf uns am Strand.
Du solltest dir wirklich angewöhnen, vorher anzurufen“, sagte er zu Herrn Tuniak als Begrüßung.
Das würde ich machen, wenn ich selber immer genau wüsste, wo ich hingehe“, gab Herr Tuniak zurück. „Du warst früher auch viel spontaner.“
Für jemanden mit Zeitmaschine gilt diese Ausrede nicht“, sagte Mowgli. „Außerdem habe ich damals nicht meinen Park hier gehabt. Oder eine Familie.“
Ich nützte die Gelegenheit, um eine Frage unterzubringen, die ich mir schon letzte Woche kurz nach unserer Ankunft gestellt hatte. „Was ist diese Anlage hier eigentlich genau? Sie ist kein öffentlicher Zoo, aber... Was ist sie?“
Mein privater Garten“, sagte Mowgli ohne zu Zögern. „Und ab und zu lade ich Leute ein. Rein Zufälligerweise spenden diese Leute dann auch Geld, damit ich das alles hier weiter erhalten kann, aber ich verlange keinen Eintritt.“
Und warum nennen sie es nicht offiziell einen Zoo?“
Weil ich dann unzählige Standards und Sicherheitsvorschriften erfüllen müsste“, erklärte Mowgli. „Ich dürfte die Tiere“ - und dabei streichelte er den Liger, der ihn zum Strand begleitet hatte - „nicht frei herum laufen lassen. Ich habe mehrere... private Vereinbarungen mit der Verwaltung hier. Ich darf nicht zu viel Gewinn machen und muss ab und zu Tiere aufnehmen, die sonst niemand haben will“ - dabei deutete er auf das Zorse (das Kind eines männlichen Zebras und einer Pferdestute), das am Waldrand graste - „und dafür werde ich nicht so genau kontrolliert. Natürlich... das alles funktioniert nur, weil es hier noch nie einen Unfall gegeben hat. Sollte irgend jemand einmal während seines Besuches hier verletzt werden...“ Er schüttelte den Kopf, als könnte allein der Gedanke an ein solches Unglück dieses heraufbeschwören. „Aber ihr seid ja nicht hier, um über die Zukunft zu reden, sondern über die Vergangenheit.“

Wir kamen zum Haupthaus, wo wir uns in einer Bibliothek, wo wir uns alle in große Sesseln setzten. Die Sesseln waren so gestellt, dass sie aus einem großen Fenster hinaus in den Garten schauten.
Also, was wollen sie von mir hören?“, fragte Mowgli.
Ich habe ihm letzte Woche davon erzählt, wie ich das erste Mal hierher gekommen bin“, sagte Herr Tuniak.
Mowgli lehnte sich in seinem Sessel zurück, schloss die Augen und lächelte. „Oh ja, das waren gute Zeiten“, sagte er und sah mich an. „Ich war damals Ende dreißig, Lex vielleicht ein bisschen älter und wir beide hatten eine wahnsinnig Midlife-Crisis.“ Er lachte laut auf. „Nein, hatten wir nicht, aber man hätte es denken können, bei den verrückten Sachen, die wir gemacht haben.“

Alexander ließ sich rückwärts ins Gras fallen. Mowgli setzte sich neben ihm auf den Boden. Sie beide spürten jeden Muskel ihres Körpers und sie alle schmerzten.
Warum habe ich mich dazu überreden lassen?“, fragte Alexander laut.
Es war doch lustig, oder?“, meinte Mowgli. „Aber ich werde die ganze nächste Woche nicht sitzen können.“
Wie hast du diese Leute überhaupt gefunden?“, wollte Alexander wissen. Er setzte sich auf und sah zu den Männern hinüber, die die Vogelsträuße in ihren Gehegen versorgten.
Als Alexander auf Besuch gekommen war, hatte Mowgli ihn sofort dazu überredet, bei einem Rennen mitzumachen. Was er nicht gesagt hatte, war, dass sie nicht auf Pferden, sondern auf Vogelsträußen reiten würden. Alexander hatte über eine Woche jeden Tag damit verbracht zu lernen, nicht von dem Tier hinunter zu fallen und hatte das gerade beendete Rennen als Letzter abgeschlossen.
Mich wunder überhaupt, dass du bei so etwas mitmachst“, fuhr Alexander fort.
Ich brauche Aufmerksamkeit und Geld für meinen Park“, sagte Mowgli. „Und die anderen Reiter waren alles sehr reiche, sehr einflussreiche Geschäftsmänner. Mit drei von ihnen habe ich nächste Woche bereits ein Treffen vereinbart. Der Tag ist also ein voller Erfolg.“
Das sagst du nur, weil du gewonnen hast“, meine Alexander. „Kannst du jetzt einen von deinen Elephanten holen, damit er mich zurück tragen kann?“
Tut mir Leid, das Elephanten-Rennen findet erst in zwei Wochen statt. Jetzt schau nicht so entsetzt, das war nur ein Scherz.“

Wie Lex ihnen vielleicht schon gesagt hat, war es ziemlich schwer, diese ganze Anlage hier auf die Beine zu stellen“, erzählte Mowgli. „Geld war natürlich ein Problem, aber es war das kleinste Problem. Ich musste viele Beziehungen aufbauen und ständig pflegen, damit das alles hier Wirklichkeit werden konnte.“
Und seltsamerweise lief es immer darauf hinaus, dass wir bei irgend welchen Wettrennen mitmachen mussten“, meinte Alexander. „Ich behaupte immer noch, dass du die Hälfte dieser Rennen selbst erfunden hast, um mich zu quälen.“
Es war interessant zu beobachten, wie Herr Tuniak auf unterschiedliche Menschen reagierte. Mowgli schien ihn zu verjüngen oder er wollte vor ihm nicht alt und gebrechlich wirken, wie er es zum Beispiel in der Unterwasserstation gewesen war.
Du hättest jederzeit aufhören können“, sagte Mowgli.
Ich brauchte die Ablenkung“, gestand Herr Tuniak. „Ich wollte nicht daran denken, was ich in den Jahren zuvor getan hatte. Jedes Mal, wenn ich eine ruhige Minute hatte, wanderten meine Gedanken...“
Wann habe ich dir je eine ruhige Minute gegönnt?“, unterbrach ihn Mowgli.

Alexander lag auf einer Bank und aß Nüsse, die ihm ein Affe als Freundschaftsangebot gebracht hatte.
Wie fühlst du dich?“, fragte Mowgli.
Älter als ich wirklich bin“, antwortete Alexander. „Ein Monat bei dir und ich fühle mich wie sechzig. Dabei fehlen mir noch mindestens zwanzig Jahre bis dahin.“
Mowgli warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
Gut, vielleicht auch nur fünfzehn“, korrigierte sich Alexander. „Was hast du jetzt für eine neue Verrücktheit gefunden?“
Ein neues Rennen“, sagte Mowgli. „Und es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass wir mit einem Auto fahren können. Die schlechte Nachricht ist, dass die Rennstrecke über fünfundzwanzigtausend Kilometer lang ist.“
Was?“, fragte Alexander überrascht. „Wo hast du so eine lange Straße gefunden?“
In Amerika“, erklärte Mowgli. „Sie führt vom nördlichsten Punkt Nordamerikas bis zur Südküste Südamerikas. Es ist die längste Straße der Welt.“
Dafür werden wir mindestens zwei Wochen brauchen“, überlegte Alexander. „Wieso willst du, dass ich mit dir fahre? Warum fährst du nicht mit deiner Verlobten?“
Weil einer von uns beiden hier bleiben und auf die Tiere aufpassen sollte“, erklärte Alexander. „Außerdem... weißt du noch nicht, dass sie schwanger ist?“
Alexander schüttelte den Kopf. „Ich komme gerne mit, aber ich muss dir gleich sagen, dass ich noch nie mit einem Auto gefahren bin.“
Noch nie?“
Nein. Ich habe es noch nie gebraucht“, erklärte Alexander. „Für den Großteil der Geschichte reitet man auf Pferden, erst in den letzten hundert Jahren verwendet man Autos.“
Ja, natürlich“, sagte Mowgli. „Nun, du hast noch etwa ein Monat Zeit Auto fahren zu lernen.“

Tatsächlich hatte er natürlich mehr Zeit, denn er hatte ja eine Zeitmaschine“, sagte Mowgli. „Und damit ist er auch gleich einmal hundert Jahre in die Vergangenheit gereist und hat bei den ersten Autos gelernt, wie man sie fährt.“
Du hast mich deswegen für verrückt erklärt, aber wenn ich mich richtig erinnere, hat es uns dann doch sehr geholfen“, meinte Herr Tuniak.
Ohne Zweifel“, gab Mowgli zu. Zu mir gewandt erklärte er: „Wir hätten mehrere Pannen während der Fahrt. Die Panamericana-Straße ist nämlich nicht eine komplett asphaltierte Straße. Es gibt hunderte von Kilometern, wo sie nicht viel mehr als ein breiter Trampelpfad mitten durch den Urwald ist. Wir hatten in Südamerika auch für zwei Tage das Glück durch strömenden Regen zu fahren... eigentlich sind wir mehr geschwommen, was dem Motor überhaupt nicht gefallen hat.“ Er stand auf und ging zu einem der vielen Bücherschränke. „Es hat natürlich auch Nachteile gegeben.“

Nun, wie sieht es aus?“, fragte Mowgli. „Bist du bereit für das große Rennen?“
Ja, ich weiß alles, was es über Autos zu wissen gibt“, sagte Alexander zuversichtlich. „Wusstest du, dass es die ersten elektrischen Autos bereits 1881...“
Hast du auch praktisches Wissen oder nur theoretisches?“, unterbrach ihn Mowgli. „Zeig mir deinen Führerschein.“
Meinen Führerschein?“, wiederholte Alexander. „Ich habe keinen Führerschein.“
Aber einen Pass hast du, oder?“, fragte Mowgli.
Alexander schüttelte den Kopf. „Nicht seit meiner Kindheit, nein“, sagte er.
Und wie glaubst du dann, dass wir über die Grenzen kommen werden?“, wollte Mowgli wissen. „Ganz abgesehen davon, dass dich keiner hinter ein Lenkrad lassen wird, wenn du keinen Führerschein vorweisen kannst?“ Mowgli ging unruhig auf und ab. „Du hast vielleicht die gesamte Geschichte miterlebt, aber vom alltäglichen Leben hast du nicht viel Ahnung, oder?“
Beruhige dich, wann müssen wir in Prudhoe Bay sein?“, fragte Alexander.
Nächste Woche.“
Mehr als genug Zeit. Ich rufe Philip an.“

Philip war wie immer unsere Rettung“, erzählte Herr Tuniak. „Mit seiner Hilfe gelang es uns alle Dokumente, die ich brauchte, zu fälschen. Wobei ich für einige dieser Fälschung ein Stück in die Vergangenheit gereist bin, weil es dort einfacher war.“
Ah, hier ist es“, sagte Mowgli und nahm ein Album aus dem Schrank. „Sämtliche Photos, die wir während der Reise gemacht haben.“
Die Photos, die sie mir zeigten, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die ersten Bilder zeigten eine vereiste Landschaft im Norden Alaskas, doch mit jeder Seite, die umgeblättert wurde, änderte sich das Klima. Es wurde wärmer und wärmer, vermehrt waren Pflanzen und Wälder zu sehen, es gab Berge, Täler und Seen. Dann gab es Straßenabschnitte, die durch Wüsten führten, wo weit und breit kein Tropfen Wasser zu finden war. Es ging durch dichte Dschungelgebiete, entlang an Meeresstränden und über die hohen Pässe der Anden.
An diesen Halt kann ich mich noch gut erinnern“, meinte Mowgli und deutete auf ein Photo, dass mehrere Berggipfel zeigte. „Es war das erste Mal seit unserer Kindheit, dass wir wieder Gletschereis gegessen haben.“
Ja“, stimmte Herr Tuniak zu. „Wir sind so lange dort geblieben, dass wir nur als dritte im Ziel ankamen, aber das war es wert.“
Ohne Zweifel. Zu gewinnen war bei all diesen Rennen nur Nebensache.“
Warum haben sie dann mitgemacht?“, fragte ich. „Nur um Leute zu finden, die ihren Park unterstützen?“
Auch, aber ich gebe zu, dass ich das auch mit anderen Mitteln hätte erreichen können“, sagte Mowgli. „Man sollte überhaupt gar nicht einen Sport betreiben, wenn man nur gewinnen will. Man würde meistens enttäuscht nach Hause gehen, weil nur einer kann gewinnen und alle anderen verlieren.“
Warum sollet man dann einen Sport machen?“
Um Spaß zu haben, natürlich.“



NÄCHSTE WOCHE
Das Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen sehr erschwert.

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