Sonntag, 19. August 2012

Time is the school in which we learn, Time is the fire in which we burn.


(Zeit ist die Schule in der wir lernen, Zeit ist das Feuer in dem wir verbrennen.)
- Delmore Schwartz
"Calmly We Walk Through This April's Day"


Yuuto war völlig anders im Vergleich zu Philip“, erzählte Herr Tuniak. „Während Philip sich die meiste Zeit seines Lebens bemüht hatte im Hintergrund zu bleiben und nicht entdeckt zu werden, kümmerte es Yuuto wenig, ob andere Leute wussten oder ahnten, dass er älter war als er aussah.“
Wissen sie, wie alt er ungefähr ist?“, fragte ich.
Nicht genau“, sagte Herr Tuniak. „Einigen seiner Bemerkungen nach zu urteilen, ungefähr zweitausend Jahre.“
Hat er nie die Mammuts aus seiner Jugend erwähnt?“
Herr Tuniak lachte kurz. „Selbst wenn er in der Steinzeit geboren worden wäre, glaube ich nicht, dass es in Japan Mammuts gegeben hat.“ Er wurde wieder ernster. „Es gab noch einen Unterschied zwischen ihm und Philip. Philip hatte andere Unsterbliche gesucht und gefunden und sich so eine Art Familie geschaffen. Leute, die nicht nach achtzig, neunzig Jahren sterben würden. Yuuto hatte nie feste Freundschaften geschlossen. Zumindest behauptet er das immer. Und abgesehen von dem Hoshi Ryokan hatte er auch nie einen festen Wohnsitz. Er wanderte durch die Welt und tat es fast immer zu Fuß. Er kann reiten und vielleicht auch Auto fahren, aber er tut es nicht.“
Auch wenn er von einem Land in ein anderes geht?“
Auch dann“, bestätigte Herr Tuniak. „Er hat schließlich alle Zeit der Welt, so sagt er immer, warum sollte er sich also beeilen? Er erzählt, dass er in seiner Jugend sich oft gehetzt hat, aber als er dreihundert Jahre alt war, hat er begriffen, dass er sich nie wieder beeilen werden musste. Wenn er es in einem Jahr nicht wohin schaffte, würde er es eben im nächsten schaffen.“
Auch über die Ozeane? Oder überhaupt von Japan zum Festland?“
Natürlich nicht, er reiste auf Schiffen und, manchmal, mit Flugzeugen.“
Ich habe mich letzte Woche noch etwas anderes gefragt“, sagte ich. „Die Art und Weise, wie Yuuto mit ihnen in Kontakt trat. Hat er sie vorher schon gekannt?“
Sie fangen langsam wirklich an wie ein Zeitreisender zu denken“, sagte Herr Tuniak. „Ja, das tat er.“
Im achten Jahrhundert, als sie das Hotel besuchten?“
Nein, ich habe ihn nur gesehen, aber nicht angesprochen. Er hat mich nicht gesehen“, sagte Herr Tuniak. „Aber wir hatten bereits in den 80ern ein gemeinsames Abenteuer.“
Wie kam es dazu?“
Durch eine... Unachtsamkeit“, sagte Herr Tuniak. „Wobei ich glaube, dass er es Absichtlich getan hat. Als wir in Madagaskar durch den Nationalpark kletterten und Mowgli und ich uns über die Gefahren dort unterhielten, warf er ein, dass hier zumindest die Luft besser sei, nicht wahr? Als ich wissen wollte, besser als wo, sagte er in Centralia und ich erwiderte, dass ich noch nie dort war. An seinem Blick konnte ich erkennen, dass er etwas anderes dachte.“
Ok, sie wussten also, wo sie ihn treffen würden. Haben sie ihn dann gefragt wann?“

Alexander brachte Mowgli mit der Zeitmaschine nach Indien und kehrte dann nach Madagaskar zurück. Für Yuuto waren gerade einmal fünf Minuten vergangen.
Sie waren schnell“, meinte er lächelnd.
Und ich bin mir sicher, sie wissen auch warum“, antwortete Alexander. „Wir haben uns schon früher einmal getroffen, oder?“
Wie kommen sie darauf?“
Ehrlich gesagt, habe ich es mir schon gedacht, als sie uns das erste Mal angesprochen haben“, erklärte Alexander. „Und ihre Bemerkungen gestern über die bessere Luft. Wo haben wir uns schon einmal gesehen? Beim Großen Feuer von London?“
Yuuto sah ihn einige Zeit nachdenklich an. „Dann sind sie wirklich ein Zeitreisender? Nein, antworten sie nicht, ich weiß alles, was ich wissen will. Centralia in Pennsylvania, am 22. Oktober 1988. Dort habe ich sie zum ersten Mal gesehen.“
Ich habe noch nie von der Stadt gehört.“
Dort befindet sich das Tor zu Hölle.“
Müssen sie so kryptisch reden?“
Und ihnen die Überraschung nehmen? Ich als Unsterblicher habe schon so viel erlebt, mich kann kaum noch etwas überraschen. Sie als Zeitreisender wissen, was passieren wird, ich denke, bei ihnen ist es also genau so. Sie sehen alt genug aus, um Überraschungen wieder schätzen gelernt zu haben.“
Alexander warf ihm einen kritischen Blick zu.
Sie machen folgendes: Reisen sie nach San Francisco im Jahr 1987. Das genaue Datum ist egal. Sie schicken einen Brief an diese Adresse hier, ich diktiere ihnen noch, was sie schreiben sollen. Dann reisen sie am 22. August 1984 zur Zufahrtsstraße von Centralia. Und suchen sie die Stadt nur auf einer Landkarte. Schauen sie nicht in Büchern nach, denn das würde ihnen die Überraschung nehmen.“

Haben sie es getan?“, fragte ich. „Haben sie seine Anweisungen befolgt?“
Nach kurzem Zögern, ja“, sagte Herr Tuniak. „Denn in einem hatte er Recht. Es war wirklich schwer mich zu überraschen.“

Es war der Morgen des 22. Oktober und Alexander stand am Rand der Zufahrtsstraße nach Centralia. Er hatte bereits über eine Stunde gewartet, als er in der Ferne ein Auto auf sich zukommen sah. Er warf einen Blick über seine Schulter. Die Zeitmaschine stand getarnt einige hundert Meter entfernt und selbst obwohl er wusste, wo sie war, konnte er sie nur schwer erkennen. So weit, so gut. Er stellte sich mitten auf die Straße und wartete.
Das Auto hielt einige Meter vor ihm an und Yuuto stieg aus. Er hatten einen Brief in der Hand und musterte Alexander von oben bis unten.
Haben sie mir diesen Brief geschickt?“, fragte er.
Ja“, bestätigte Alexander. „Ich heiße Alexander.“
Yuuto, aber das wissen sie sicher schon“, sagte Yuuto und schüttelte ihm die Hand. „Woher wissen sie über das Graffiti?“
Das werden sie in fünf Jahren erfahren“, erwiderte Alexander.
Ein Lächeln breitete sich auf Yuutos Gesicht aus. „Ich mag Überraschungen.“ Dann deutete er die Straße entlang. „Wissen sie, was uns dort vorne erwartet?“
Alexander folgte seinem Blick. Er hatte sich schon den ganzen Morgen gefragt, was Centralia so besonders machte. Aus der Ferne konnte er nicht viel mehr erkennen, als dass sie in Nebel gehüllt zu sein schien. „Das Tor zur Hölle?“, fragte er.
So kann man es nennen. Steigen sie ein.“
Sie fuhren noch einige Kilometer mit dem Wagen, bevor sie ihn an der Seite der Straße abstellten. Alexander konnte auch sofort erkennen, warum sie den Wagen hier stehlen ließen. Nicht weit von ihnen, hatte die Straße einen gewaltigen Riss genau in der Mitte, als hätten zwei Riesen die Ränder der Straße gepackt und an ihnen gezerrt.
Yuuto öffnete den Kofferraum. „Ich hoffe sie haben bei ihren Maßen nicht gelogen“, sagte er dabei.
Alexander trat neben ihn, damit er sehen konnte, was Yuuto mitgebracht hatte. Im Kofferraum waren zwei Schutzbrillen, zwei Atemmasken und zwei Sauerstoffflaschen. Außerdem nahm er noch einen Rucksack heraus.
Die brauchen wir hier noch nicht“, meinte Yuuto, als Alexander eine Schutzmaske aufsetzen wollte. „Ich sage ihnen, wann sie sie brauchen.“
Selbst jetzt, wo sie Centralia schon fast erreicht hatten, wusste Alexander immer noch nicht, was so besonders an ihr war. Vielleicht war es die Tatsache, dass es keine Bewohner zu geben schien. Aber vielleicht waren auch alle nur vor dem dichten Nebel in ihre Häuser geflüchtet.
Und dann roch er es. Die Stadt war nicht nur in Nebel gehüllt. Er roch Rauch. Etwas Großes musste in der Stadt brennen.
Wissen sie schon, was uns erwartet?“, fragte Yuuto, der Alexanders Gesichtsausdruck gesehen hatte. „Legen sie eine Hand auf die Straße.“
Alexander ging vorsichtig in die Knie und legte eine Hand auf den Boden. Er war warm, viel wärmer als er es erwartet hätte.
Wir sollten jetzt glaube ich die Schutzmasken aufsetzen“, schlug Yuuto vor.

In den 1960ern hatte es in den Minen von Centralia einen Zwischenfall gegeben“, erzählte Herr Tuniak. „Ein Feuer brach aus, ein Feuer, das nicht gelöscht werden konnte. Es wurde zuerst unterschätzt und Leute lebten noch in ihren Häusern, aber als Yuuto und ich dort waren, kamen wir praktisch in eine Geisterstadt.“
Und das Feuer ist unter der Stadt?“
Mehr oder weniger. Aus zahlreichen Kanaldeckeln kommt Rauch und man kann zwar für einige Zeit auch ohne Schutzmaske überleben, aber gesund ist es nicht.“
Was wollte Yuuto an diesem Ort?“

Sie hatten Centralia durchquert und waren in die Nähe des ehemaligen Eingangs zur Mine gekommen. Yuuto klopfte mit einem langen Ast vor sich auf den Boden, um zu überprüfen, ob er fest war oder einstürzen würde, wenn er einen Fuß darauf setzte. Alexander folgte dicht hinter ihm.
Sie fanden ein Loch in der Erde. Die Hitze, die aus dem Loch strömte, war so stark, dass keiner von beiden direkt hinein schauen konnte.
Wussten sie, dass Experten schätzen, dass das Feuer noch mindestens tausend Jahre brennen wird?“, fragte Yuuto.
Nein“, antwortete Alexander. „Was machen wir hier?“
Was sie hier machen, weiß ich nicht, aber ich...“ Yuuto nahm seinen Rucksack, öffnete ihn und nahm eine weiße Box heraus. Sie war nicht besonders groß, er konnte sie in einer Hand halten und Alexander konnte auch nicht erkennen, aus welchem Material sie gemacht war. „Wissen sie, was eine Zeitkapsel ist?“, fragte Yuuto.
Alexander nickte. Zeitkapseln waren Behälter in denen Photos, Texte und andere Sachen gesammelt wurde. Sie wurden fest verschlossen und in der Erde vergraben. Erst nach langer Zeit – meistens fünfzig Jahre oder mehr – wurden sie wieder ausgegraben und boten so zukünftigen Generationen einen Blick auf die Vergangenheit.
Wenn in tausend Jahren das Feuer erlischt, wird man sicher Leute da hinunter schicken“, meinte Yuuto. „Und ich will, dass sie dann diese Zeitkapsel finden. Können sie sich das vorstellen? Das wäre dann, als würden wir eine Zeitkapsel aus dem Mittelalter finden.“
Sie werden wahrscheinlich auch live dabei sein“, sagte Alexander.
Wenn ich es nicht wieder vergesse, ja“, stimmte Yuuto zu. Dann ließ er die Box in das Loch fallen.
Wieder? Haben sie das schon einmal gemacht?“
Schon mehrmals. Wissen geht so leicht verloren. Ich bin sehr alt, aber ich kann mich bei Weitem nicht mehr an alles erinnern, was ich gesehen oder erlebt habe. Das gleiche gilt, glaube ich, auch für die Menschheit. Und meinte Zeitkapseln, wenn ich sie wieder finde, sind so etwas wie... Schummelzettel. Erinnerungen an Dinge, die wir einmal gewusst haben.“ Yuuto wandte sich um und begann zurück zu gehen. „Aber vielleicht ist es auch nur die Dummheit eines alten Mannes, der trotz seines langen Lebens auf nichts zeigen und sagen kann: Ich habe das bewirkt.“
Ich weiß, was sie meinen“, murmelte Alexander.



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