(Zeit
ist die Schule in der wir lernen, Zeit ist das Feuer in dem wir
verbrennen.)
-
Delmore Schwartz
"Calmly
We Walk Through This April's Day"
„Yuuto
war völlig anders im Vergleich zu Philip“, erzählte Herr Tuniak.
„Während Philip sich die meiste Zeit seines Lebens bemüht hatte
im Hintergrund zu bleiben und nicht entdeckt zu werden, kümmerte es
Yuuto wenig, ob andere Leute wussten oder ahnten, dass er älter war
als er aussah.“
„Wissen
sie, wie alt er ungefähr ist?“, fragte ich.
„Nicht
genau“, sagte Herr Tuniak. „Einigen seiner Bemerkungen nach zu
urteilen, ungefähr zweitausend Jahre.“
„Hat
er nie die Mammuts aus seiner Jugend erwähnt?“
Herr
Tuniak lachte kurz. „Selbst wenn er in der Steinzeit geboren worden
wäre, glaube ich nicht, dass es in Japan Mammuts gegeben hat.“ Er
wurde wieder ernster. „Es gab noch einen Unterschied zwischen ihm
und Philip. Philip hatte andere Unsterbliche gesucht und gefunden und
sich so eine Art Familie geschaffen. Leute, die nicht nach achtzig,
neunzig Jahren sterben würden. Yuuto hatte nie feste Freundschaften
geschlossen. Zumindest behauptet er das immer. Und abgesehen von dem
Hoshi
Ryokan
hatte er auch nie einen festen Wohnsitz. Er wanderte durch die Welt
und tat es fast immer zu Fuß. Er kann reiten und vielleicht auch
Auto fahren, aber er tut es nicht.“
„Auch
wenn er von einem Land in ein anderes geht?“
„Auch
dann“, bestätigte Herr Tuniak. „Er hat schließlich alle Zeit
der Welt, so sagt er immer, warum sollte er sich also beeilen? Er
erzählt, dass er in seiner Jugend sich oft gehetzt hat, aber als er
dreihundert Jahre alt war, hat er begriffen, dass er sich nie wieder
beeilen werden musste. Wenn er es in einem Jahr nicht wohin schaffte,
würde er es eben im nächsten schaffen.“
„Auch
über die Ozeane? Oder überhaupt von Japan zum Festland?“
„Natürlich
nicht, er reiste auf Schiffen und, manchmal, mit Flugzeugen.“
„Ich
habe mich letzte Woche noch etwas anderes gefragt“, sagte ich. „Die
Art und Weise, wie Yuuto mit ihnen in Kontakt trat. Hat er sie vorher
schon gekannt?“
„Sie
fangen langsam wirklich an wie ein Zeitreisender zu denken“, sagte
Herr Tuniak. „Ja, das tat er.“
„Im
achten Jahrhundert, als sie das Hotel besuchten?“
„Nein,
ich habe ihn nur gesehen, aber nicht angesprochen. Er hat mich nicht
gesehen“, sagte Herr Tuniak. „Aber wir hatten bereits in den
80ern ein gemeinsames Abenteuer.“
„Wie
kam es dazu?“
„Durch
eine... Unachtsamkeit“, sagte Herr Tuniak. „Wobei ich glaube,
dass er es Absichtlich getan hat. Als wir in Madagaskar durch den
Nationalpark kletterten und Mowgli und ich uns über die Gefahren
dort unterhielten, warf er ein, dass hier zumindest die Luft besser
sei, nicht wahr? Als ich wissen wollte, besser als wo, sagte er in
Centralia und ich erwiderte, dass ich noch nie dort war. An seinem
Blick konnte ich erkennen, dass er etwas anderes dachte.“
„Ok,
sie wussten also, wo sie ihn treffen würden. Haben sie ihn dann
gefragt wann?“
Alexander
brachte Mowgli mit der Zeitmaschine nach Indien und kehrte
dann nach Madagaskar zurück. Für Yuuto waren gerade einmal fünf
Minuten vergangen.
„Sie
waren schnell“, meinte er lächelnd.
„Und
ich bin mir sicher, sie wissen auch warum“, antwortete Alexander.
„Wir haben uns schon früher einmal getroffen, oder?“
„Wie
kommen sie darauf?“
„Ehrlich
gesagt, habe ich es mir schon gedacht, als sie uns das erste Mal
angesprochen haben“, erklärte Alexander. „Und ihre Bemerkungen
gestern über die bessere Luft. Wo haben wir uns schon einmal
gesehen? Beim Großen Feuer von London?“
Yuuto
sah ihn einige Zeit nachdenklich an. „Dann sind sie wirklich ein
Zeitreisender? Nein, antworten sie nicht, ich weiß alles, was ich
wissen will. Centralia in Pennsylvania, am 22. Oktober 1988. Dort
habe ich sie zum ersten Mal gesehen.“
„Ich
habe noch nie von der Stadt gehört.“
„Dort
befindet sich das Tor zu Hölle.“
„Müssen
sie so kryptisch reden?“
„Und
ihnen die Überraschung nehmen? Ich als Unsterblicher habe schon so
viel erlebt, mich kann kaum noch etwas überraschen. Sie als
Zeitreisender wissen, was passieren wird, ich denke, bei ihnen ist es
also genau so. Sie sehen alt genug aus, um Überraschungen wieder
schätzen gelernt zu haben.“
Alexander
warf ihm einen kritischen Blick zu.
„Sie
machen folgendes: Reisen sie nach San Francisco im Jahr 1987. Das
genaue Datum ist egal. Sie schicken einen Brief an diese Adresse
hier, ich diktiere ihnen noch, was sie schreiben sollen. Dann reisen
sie am 22. August 1984 zur Zufahrtsstraße von Centralia. Und suchen
sie die Stadt nur auf einer Landkarte. Schauen sie nicht in Büchern
nach, denn das würde ihnen die Überraschung nehmen.“
„Haben
sie es getan?“, fragte ich. „Haben sie seine Anweisungen
befolgt?“
„Nach
kurzem Zögern, ja“, sagte Herr Tuniak. „Denn in einem hatte er
Recht. Es war wirklich schwer mich zu überraschen.“
Es
war der Morgen des 22. Oktober und Alexander stand am Rand der
Zufahrtsstraße nach Centralia. Er hatte bereits über eine Stunde
gewartet, als er in der Ferne ein Auto auf sich zukommen sah. Er warf
einen Blick über seine Schulter. Die Zeitmaschine stand getarnt
einige hundert Meter entfernt und selbst obwohl er wusste, wo sie
war, konnte er sie nur schwer erkennen. So weit, so gut. Er stellte
sich mitten auf die Straße und wartete.
Das
Auto hielt einige Meter vor ihm an und Yuuto stieg aus. Er hatten
einen Brief in der Hand und musterte Alexander von oben bis unten.
„Haben
sie mir diesen Brief geschickt?“, fragte er.
„Ja“,
bestätigte Alexander. „Ich heiße Alexander.“
„Yuuto,
aber das wissen sie sicher schon“, sagte Yuuto und schüttelte ihm
die Hand. „Woher wissen sie über das Graffiti?“
„Das
werden sie in fünf Jahren erfahren“, erwiderte Alexander.
Ein
Lächeln breitete sich auf Yuutos Gesicht aus. „Ich mag
Überraschungen.“ Dann deutete er die Straße entlang. „Wissen
sie, was uns dort vorne erwartet?“
Alexander
folgte seinem Blick. Er hatte sich schon den ganzen Morgen gefragt,
was Centralia so besonders machte. Aus der Ferne konnte er nicht viel
mehr erkennen, als dass sie in Nebel gehüllt zu sein schien. „Das
Tor zur Hölle?“, fragte er.
„So
kann man es nennen. Steigen sie ein.“
Sie
fuhren noch einige Kilometer mit dem Wagen, bevor sie ihn an der
Seite der Straße abstellten. Alexander konnte auch sofort erkennen,
warum sie den Wagen hier stehlen ließen. Nicht weit von ihnen, hatte
die Straße einen gewaltigen Riss genau in der Mitte, als hätten
zwei Riesen die Ränder der Straße gepackt und an ihnen gezerrt.
Yuuto
öffnete den Kofferraum. „Ich hoffe sie haben bei ihren Maßen
nicht gelogen“, sagte er dabei.
Alexander
trat neben ihn, damit er sehen konnte, was Yuuto mitgebracht hatte.
Im Kofferraum waren zwei Schutzbrillen, zwei Atemmasken und zwei
Sauerstoffflaschen. Außerdem nahm er noch einen Rucksack heraus.
„Die
brauchen wir hier noch nicht“, meinte Yuuto, als Alexander eine
Schutzmaske aufsetzen wollte. „Ich sage ihnen, wann sie sie
brauchen.“
Selbst
jetzt, wo sie Centralia schon fast erreicht hatten, wusste Alexander
immer noch nicht, was so besonders an ihr war. Vielleicht war es die
Tatsache, dass es keine Bewohner zu geben schien. Aber vielleicht
waren auch alle nur vor dem dichten Nebel in ihre Häuser geflüchtet.
Und
dann roch er es. Die Stadt war nicht nur in Nebel gehüllt. Er roch
Rauch. Etwas Großes musste in der Stadt brennen.
„Wissen
sie schon, was uns erwartet?“, fragte Yuuto, der Alexanders
Gesichtsausdruck gesehen hatte. „Legen sie eine Hand auf die
Straße.“
Alexander
ging vorsichtig in die Knie und legte eine Hand auf den Boden. Er war
warm, viel wärmer als er es erwartet hätte.
„Wir
sollten jetzt glaube ich die Schutzmasken aufsetzen“, schlug Yuuto
vor.
„In
den 1960ern hatte es in den Minen von Centralia einen Zwischenfall
gegeben“, erzählte Herr Tuniak. „Ein Feuer brach aus, ein Feuer,
das nicht gelöscht werden konnte. Es wurde zuerst unterschätzt und
Leute lebten noch in ihren Häusern, aber als Yuuto und ich dort
waren, kamen wir praktisch in eine Geisterstadt.“
„Und
das Feuer ist unter der Stadt?“
„Mehr
oder weniger. Aus zahlreichen Kanaldeckeln kommt Rauch und man kann
zwar für einige Zeit auch ohne Schutzmaske überleben, aber gesund
ist es nicht.“
„Was
wollte Yuuto an diesem Ort?“
Sie
hatten Centralia durchquert und waren in die Nähe des ehemaligen
Eingangs zur Mine gekommen. Yuuto klopfte mit einem langen Ast vor
sich auf den Boden, um zu überprüfen, ob er fest war oder
einstürzen würde, wenn er einen Fuß darauf setzte. Alexander
folgte dicht hinter ihm.
Sie
fanden ein Loch in der Erde. Die Hitze, die aus dem Loch strömte,
war so stark, dass keiner von beiden direkt hinein schauen konnte.
„Wussten
sie, dass Experten schätzen, dass das Feuer noch mindestens tausend
Jahre brennen wird?“, fragte Yuuto.
„Nein“,
antwortete Alexander. „Was machen wir hier?“
„Was
sie hier machen, weiß ich nicht, aber ich...“ Yuuto nahm seinen
Rucksack, öffnete ihn und nahm eine weiße Box heraus. Sie war nicht
besonders groß, er konnte sie in einer Hand halten und Alexander
konnte auch nicht erkennen, aus welchem Material sie gemacht war.
„Wissen sie, was eine Zeitkapsel ist?“, fragte Yuuto.
Alexander
nickte. Zeitkapseln waren Behälter in denen Photos, Texte und andere
Sachen gesammelt wurde. Sie wurden fest verschlossen und in der Erde
vergraben. Erst nach langer Zeit – meistens fünfzig Jahre oder
mehr – wurden sie wieder ausgegraben und boten so zukünftigen
Generationen einen Blick auf die Vergangenheit.
„Wenn
in tausend Jahren das Feuer erlischt, wird man sicher Leute da
hinunter schicken“, meinte Yuuto. „Und ich will, dass sie dann
diese Zeitkapsel finden. Können sie sich das vorstellen? Das wäre
dann, als würden wir eine Zeitkapsel aus dem Mittelalter finden.“
„Sie
werden wahrscheinlich auch live dabei sein“, sagte Alexander.
„Wenn
ich es nicht wieder vergesse, ja“, stimmte Yuuto zu. Dann ließ er
die Box in das Loch fallen.
„Wieder?
Haben sie das schon einmal gemacht?“
„Schon
mehrmals. Wissen geht so leicht verloren. Ich bin sehr alt, aber ich
kann mich bei Weitem nicht mehr an alles erinnern, was ich gesehen
oder erlebt habe. Das gleiche gilt, glaube ich, auch für die
Menschheit. Und meinte Zeitkapseln, wenn ich sie wieder finde, sind
so etwas wie... Schummelzettel. Erinnerungen an Dinge, die wir einmal
gewusst haben.“ Yuuto wandte sich um und begann zurück zu gehen.
„Aber vielleicht ist es auch nur die Dummheit eines alten Mannes,
der trotz seines langen Lebens auf nichts zeigen und sagen kann: Ich
habe das bewirkt.“
„Ich
weiß, was sie meinen“, murmelte Alexander.
NÄCHSTE
WOCHE
Бери́сь
дру́жно, не бу́дет гру́зно.
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