(Wenn
wir es alle zusammen heben, wird es leichter sein.)
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russisches Sprichwort
„Zwei
Tage nach der Geburt ihrer Tochter, besuchte ich Kunjana und Mowgli“,
erzählte Herr Tuniak. „Kunjana musste über Nacht noch im Spital
bleiben, aber Mowgli kehrte zurück zu seinem Park und ich begleitete
ihn.“
„War
der Park damals schon offen?“, fragte ich.
„Ja.
Es gab weniger Tiere als heute, aber im Großen und Ganzen konnte man
ihn als eröffnet bezeichnen“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich
wollte nicht den Park sehen, so viel hatte sich in den paar Monaten,
seit ich das letzte Mal dort war nicht verändert, sondern weil
Mowgli einen Brief für mich hatte.“
„Oh.“
Ich wollte fragen, warum Briefe an Herrn Tuniak zu seinem Freund
geschickt wurden, aber die Antwort war offensichtlich: Er selbst
hatte keinen festen Wohnsitz, wo man ihm Post zustellen konnte. Er
zählte die Insel Leviathan zwar als sein zu Hause, aber sie war auch
kein Ort, wo die Post leicht hinkommen konnte. „Lassen sie sich
alle ihre Briefe zu Mowgli schicken?“, fragte ich.
„Nein,
das habe ich nie“, erklärte Herr Tuniak. „Ich war selbst
überrascht. Heute gibt es zum Glück eMails, die kann ich von
überall abrufen. Und wenn ich doch einmal einen Brief erwarte, dann
gebe ich diese Adresse hier an.“ Damit deutete er auf das Büro, in
dem wir uns befanden.
„Wer
hat ihnen einen Brief geschrieben?“
Sie
waren von dem Krankenhaus zurück gekehrt und aus dem Auto
ausgestiegen. Als Mowgli die Haustür aufsperrte, sagte er: „Ich
werde dir den Brief jetzt gleich geben, sonst vergessen wir noch
darauf.“
„Weißt
du von wem er ist?“, fragte Alexander.
„Weiß
ich nicht, es steht kein Absender darauf“, sagte Mowgli. „Wem
hast du denn die Adresse hier gegeben?“
„Niemanden.“
Sie
gingen in die Küche, wo der Brief auf dem Tisch lag. Alexander nahm
ihn sofort in die Hand und öffnete ihn. Ein Zettel fiel heraus. Es
waren nur wenige Zeilen mit Handschrift darauf. Alexander runzelte
die Stirn als er sie las.
„Und?
Wer schreibt dir?“, fragte Mowgli. Er hatte sich eine Bierflasche
aus dem Kühlschrank genommen und bot Alexander ebenfalls eine an.
„Yuuto“,
sagte Alexander und nahm die Flasche. Dann erzählte er Mowgli von
ihrem Treffen in Centralia in den 80ern.
„Und
was schreibt er jetzt?“
„Werde
kommendes Jahr in Moskau nach der geheimen U-Bahn-Linie Metro-2
suchen. Wollen sie mitkommen?“, las Alexander vor. „Und danach
die Adresse von einem Hotel und ein Datum.“
Mowgli
trank einen Schluck aus seiner Flasche. „Klingt seltsam. Hast du
schon einmal etwas von dieser Metro-2 gehört?“
Alexander
schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“
„Die
Metro-2 ist nicht eine einzige U-Bahn-Linie, sondern die Bezeichnung
für ein geheimes U-Bahn-Netz, das sich unterhalb Moskaus befinden
soll“, erzählte Herr Tuniak.
„Befinden
soll? Haben sie es nicht gefunden?“, wollte ich wissen.
Herr
Tuniak winkte ab. „Lassen sie mich die Geschichte der Reihe nach
erzählen. Was ich ihnen jetzt sage, habe ich herausgefunden, bevor
ich nach Moskau ging um Yuuto zu treffen. Die Metro-2 wurde angeblich
gebaut, nicht nur, damit die russische Führung ein eigenes
Transport-Netzwerk hatte, sondern auch damit sie im Notfall schnell
und heimlich evakuiert werden konnte.“
„Gibt
es solche U-Bahnen auch in anderen Städten? Washington, zum
Beispiel?“
„Vielleicht,
aber gehört habe ich davon nicht“, sagte Herr Tuniak.
„Evakuierungspläne gibt es sicher in allen Hauptstädten, aber das
besondere an der Metro-2 ist, dass sie größer sein soll, als das
öffentliche U-Bahn-Netz.“
Alexander
fand das Hotel am Rande der Stadt. Von außen wirkte es recht
unscheinbar und auch die Rezeption änderte nichts an diesem ersten
Eindruck. Das Haus war alt und musste bald renoviert werden, aber es
machte gleichzeitig auch einen gemütlichen Eindruck. Die
Rezeptionistin, eine alte Frau, der das Hotel gehörte, führte
Alexander zu Yuutos Zimmer.
„Schön,
dass sie gekommen sind“, sagte dieser, nachdem er ihn
hereingelassen und die Tür wieder geschlossen hatte.
„Gerne.
Ihr Brief war eine Überraschung, ich hatte ihn nicht erwartet“,
sagte Alexander.
„Aber
wir wissen ja beide, wie wichtig Überraschungen sind, nicht?“,
fragte Yuuto mit einem Augenzwinkern. Alexander nickte und gab so
ohne ein Wort zu verstehen, dass er sich jetzt an den gemeinsamen
Besuch von Centralia erinnerte.
„Ich
warte noch auf eine weitere Person“, erklärte Yuuto und deutete zu
Alexander, dass er sich auf das Bett setzen sollte. Das Hotelzimmer
war so klein, dass ein Stuhl, die einzige andere Sitzmöglichkeit
war.
Alexander
setzte sich auf das Bett. Neben ihm lag die Times.
„Ein
Artikel darin hat mich auf die Idee gebracht“, sagte Yuuto. „Es
soll nicht nur eine geheime U-Bahn in Moskau geben, sondern
praktische eine ganze unterirdische Stadt. Momentan leer und
verlassen, aber sollte ein Notfall eintreten, ein nuklearer Anschlag
auf Moskau etwa, können über hundertausend Leute dort überleben.
Ich habe schon früher Gerüchte darüber gehört, aber hatte bisher
keine Gelegenheit, diese zu überprüfen.“
„Wegen
des Eisernen Vorhangs?“
„Teilweise
deswegen. Und teilweise weil ich nicht wusste, wie ich so eine
Untersuchung heimlich vollziehen könnte. Denn auch wenn es die
Sowjetunion nicht mehr gibt, kann ich mir nicht vorstellen, dass die
russische Regierung glücklich darüber ist, dass wir hier... herum
schnüffeln.“
„Und
was ist ihre neue heimliche Methode?“
Als
ob es auf das Stichwort gewartet hätte, ertönte in diesem Moment
ein Klopfen an der Tür. Yuuto öffnete sie und ließ eine junge Frau
mit violettem Haar herein. Sie warf einen überraschten Blick auf
Alexander und wechselte dann schnell einige Worte mit Yuuto. Sie
sprach zu schnell für Alexander, aber auf Grund einiger Worte, die
er verstehen konnte, und ihrer Gesten schloss er, dass sie nicht mit
seiner Anwesenheit gerechnet hatte und nicht erfreut darüber war.
Aber Yuuto gelang es sie zu beruhigen.
„Das
ist Tatjana“, stellte er sie vor. „Sie kann Magnetfelder spüren.“
„Konnte
sie das wirklich?“, unterbrach ich Herrn Tuniaks Erzählung. „Ist
so etwas für einen Menschen überhaupt möglich?“
„Soweit
ich beurteilen konnte, ja“, sagte er. „Und warum sollte es nicht
möglich sein? Unzählige Tierarten können das Magnetfeld der Erde
spüren, vielleicht war bei Tatjana ein alter Atavismus wieder aktiv
geworden und sie hatte deswegen ihre Fähigkeit entwickelt. Ich habe
Menschen getroffen, die behaupteten, noch viel seltsamere Dinge tun
zu können.“
„Aber
das klingt schon fast wie aus einem Comicheft.“
„Ich
habe einmal einen Artikel über ein Mädchen gesehen, das angeblich
eine Art Röntgenblick hatte“, erzählte Herr Tuniak. „Ich habe
einen Mann getroffen, der Metall essen konnte und einen anderen, der
die Welt wie eine Biene sah.“
„Wie
eine Biene?“
„Er
sah teilweise Infrarot. Der Bereich des Lichtes, den er sehen konnte,
war im Vergleich zu den meisten anderen Menschen bei ihm verschoben.
Er konnte blau und violett nicht erkenne, dafür aber eben Infrarot“,
sagte Herr Tuniak. „Ich hatte also kein Problem zu glauben, dass
Tatjana Magnetfelder spürte.“
Die
ersten Tage verbrachten sie damit, durch Moskau zu wandern und die
angeblichen Einstiegspunkte zu dem geheimen U-Bahn-Netz
auszukundschaften.
„Wir
werden aber keinen davon benützen“, erklärte Yuuto.
„Warum?“,
fragte Alexander.
„Weil
sie möglicherweise überwacht werden.“
Sie
redeten auf Russisch, das Alexander zwar nur langsam und schlecht
sprach, aber Tatjana wäre sonst wieder misstrauisch geworden.
Nachdem
sie die möglichen Eingänge ausgekundschaftet hatten, erstellten sie
eine Karte, der möglichen Strecken. Yuuto hatte außerdem einige
Skizzen, die er angeblich in alten Archiven gefunden hatte und die
bei dem Bau der Metro-2 verwendet worden waren.
„Morgen
steigen wir in die Kanalisation“, verkündete Yuuto eines Abends,
als sie alle drei in seinem Zimmer beim Abendessen saßen.
„Warum
die Kanalisation?“, fragte Alexander.
„Weil
es bei der normalen U-Bahn so viele andere Stromleitungen gibt, dass
ich sie nicht auseinander halten kann“, erklärte Tatjana. „Wenn
ich in der Kanalisation etwas spüre, dann können wir recht einfach
bestimmen, ob es eine normale U-Bahn ist oder ein Teil der geheimen
Linie.“
„Warum
macht sie das?“, fragte Alexander an diesem Abend etwas später,
nachdem Tatjana nach Hause gegangen war.
„Sie
gehört einer Studentengruppe an“, antwortete Yuuto, als ob das
Erklärung genug wäre.
„Und?“
„Sie
wollen die Geheimnisse der Regierung aufdecken oder so“, fügte
Yuuto hinzu. „Wobei ich nicht weiß, was sie wirklich machen
werden, sollten wir die Metro-2 finden. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass das einen großen Skandal auslösen würde, den sie
sich so wünschen.“
Es
dauerte noch vier Tage, bis sie etwas fanden. Aber es war nicht das,
was sie erwartet hatten.
„Da
vorne ist etwas“, flüsterte Tatjana plötzlich. Sie waren wieder
in der Kanalisation. Neben ihnen floss schmutziges Wasser und immer
wieder kreuzten Ratten ihren Weg. Alexander sah ihnen jedes Mal nach,
in er Hoffnung, wieder einen Rattenkönig zu erspähen. Aber diesmal
hatte er kein Glück.
„Ich
sehe es“, antwortete Yuuto nach einer Weile. Und auch Alexander
konnte erkennen, was Tatjana gespürt hatte. Weit vor ihnen war ein
Lichtschein zu sehen. Sie schalteten ihre Taschenlampen aus und
tasteten sich langsam vorwärts.
Das
Licht wurde immer heller und heller und schließlich kamen sie in
einen großen Raum.
„Wow“,
entfuhr es Yuuto und Alexander musste ihm zustimmen.
Der
unterirdische Raum war fast schon eine Halle. Von der Decke hingen
Glühbirnen, die ohne Halterung oder Fassung direkt ans Stromnetz
angeschlossen worden waren. Am Boden standen Dutzende Betten in allen
Formen und Größen, dazwischen kleine Kästen, Einkaufswägen und
was sonst noch alles zum Lagern verwendet werden konnte.
Es
waren auch einige Menschen anwesend. Männer und Frauen, Alte und
Junge... außer ihrem ungewöhnlichen Wohnsitz hatten sie nichts
gemeinsam.
Tatjana
begann sofort ein Gespräch mit ihnen und vergaß völlig auf Yuuto
und Alexander.
„Wir
hatten eine Gruppe von Leute gefunden, die sich ihre Wohnungen nicht
mehr leisten konnten“, erzählte Herr Tuniak. „Sie waren in die
Kanalisation gezogen, weil sie dort vor dem Wetter geschützt waren
und weil es im Winter dort auch nicht so kalt wurde, wie in der
Stadt. Die meisten hatten sogar noch ihrer Jobs. Es war interessant
zu sehen, wie Männer in Anzügen dorthin kamen und dort lebten.“
„Haben
sie danach die Suche nach der Metro-2 aufgegeben?“, fragte ich.
„Ja“,
sagte Herr Tuniak. „Tatjana war nicht mehr daran interessiert und
veröffentlichte lieber Artikel in Zeitungen über das Schicksal der
Leute in der Kanalisation. Und Yuuto hatte schon wieder ein neues
Projekt gefunden.“
Ich
war ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir mehr erwartet. „Warum sind
sie überhaupt mitgegangen? Tatjana sollte die U-Bahn finden und
Yuuto hat alles organisiert. Wofür hat er sie gebraucht?“
„Als
Sicherheit“, erklärte Herr Tuniak. „Falls etwas schief gegangen
wäre. Falls die Regierung oder der Geheimdienst auf unsere
Tätigkeiten reagiert hätten.“
„Wie
das?“
„Ich
hätte Tatjana in die Vergangenheit in Sicherheit bringen sollen.
Vielleicht auch Yuuto selbst.“
„Zu
einem Zeitpunkt, bevor sie von den Behörden gesucht worden wäre“,
erkannte ich. „Sie waren eine Absicherung.“
„Das
bin ich immer noch.“ Aber er erklärte nicht weiter, was er damit
meinte.
NÄCHSTE
WOCHE
Só
percebemos o milagre da vida quando deixamos que o inesperado
aconteça.
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