Sonntag, 26. August 2012

Бери́сь дру́жно, не бу́дет гру́зно.


(Wenn wir es alle zusammen heben, wird es leichter sein.)
- russisches Sprichwort


Zwei Tage nach der Geburt ihrer Tochter, besuchte ich Kunjana und Mowgli“, erzählte Herr Tuniak. „Kunjana musste über Nacht noch im Spital bleiben, aber Mowgli kehrte zurück zu seinem Park und ich begleitete ihn.“
War der Park damals schon offen?“, fragte ich.
Ja. Es gab weniger Tiere als heute, aber im Großen und Ganzen konnte man ihn als eröffnet bezeichnen“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich wollte nicht den Park sehen, so viel hatte sich in den paar Monaten, seit ich das letzte Mal dort war nicht verändert, sondern weil Mowgli einen Brief für mich hatte.“
Oh.“ Ich wollte fragen, warum Briefe an Herrn Tuniak zu seinem Freund geschickt wurden, aber die Antwort war offensichtlich: Er selbst hatte keinen festen Wohnsitz, wo man ihm Post zustellen konnte. Er zählte die Insel Leviathan zwar als sein zu Hause, aber sie war auch kein Ort, wo die Post leicht hinkommen konnte. „Lassen sie sich alle ihre Briefe zu Mowgli schicken?“, fragte ich.
Nein, das habe ich nie“, erklärte Herr Tuniak. „Ich war selbst überrascht. Heute gibt es zum Glück eMails, die kann ich von überall abrufen. Und wenn ich doch einmal einen Brief erwarte, dann gebe ich diese Adresse hier an.“ Damit deutete er auf das Büro, in dem wir uns befanden.
Wer hat ihnen einen Brief geschrieben?“

Sie waren von dem Krankenhaus zurück gekehrt und aus dem Auto ausgestiegen. Als Mowgli die Haustür aufsperrte, sagte er: „Ich werde dir den Brief jetzt gleich geben, sonst vergessen wir noch darauf.“
Weißt du von wem er ist?“, fragte Alexander.
Weiß ich nicht, es steht kein Absender darauf“, sagte Mowgli. „Wem hast du denn die Adresse hier gegeben?“
Niemanden.“
Sie gingen in die Küche, wo der Brief auf dem Tisch lag. Alexander nahm ihn sofort in die Hand und öffnete ihn. Ein Zettel fiel heraus. Es waren nur wenige Zeilen mit Handschrift darauf. Alexander runzelte die Stirn als er sie las.
Und? Wer schreibt dir?“, fragte Mowgli. Er hatte sich eine Bierflasche aus dem Kühlschrank genommen und bot Alexander ebenfalls eine an.
Yuuto“, sagte Alexander und nahm die Flasche. Dann erzählte er Mowgli von ihrem Treffen in Centralia in den 80ern.
Und was schreibt er jetzt?“
Werde kommendes Jahr in Moskau nach der geheimen U-Bahn-Linie Metro-2 suchen. Wollen sie mitkommen?“, las Alexander vor. „Und danach die Adresse von einem Hotel und ein Datum.“
Mowgli trank einen Schluck aus seiner Flasche. „Klingt seltsam. Hast du schon einmal etwas von dieser Metro-2 gehört?“
Alexander schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“

Die Metro-2 ist nicht eine einzige U-Bahn-Linie, sondern die Bezeichnung für ein geheimes U-Bahn-Netz, das sich unterhalb Moskaus befinden soll“, erzählte Herr Tuniak.
Befinden soll? Haben sie es nicht gefunden?“, wollte ich wissen.
Herr Tuniak winkte ab. „Lassen sie mich die Geschichte der Reihe nach erzählen. Was ich ihnen jetzt sage, habe ich herausgefunden, bevor ich nach Moskau ging um Yuuto zu treffen. Die Metro-2 wurde angeblich gebaut, nicht nur, damit die russische Führung ein eigenes Transport-Netzwerk hatte, sondern auch damit sie im Notfall schnell und heimlich evakuiert werden konnte.“
Gibt es solche U-Bahnen auch in anderen Städten? Washington, zum Beispiel?“
Vielleicht, aber gehört habe ich davon nicht“, sagte Herr Tuniak. „Evakuierungspläne gibt es sicher in allen Hauptstädten, aber das besondere an der Metro-2 ist, dass sie größer sein soll, als das öffentliche U-Bahn-Netz.“

Alexander fand das Hotel am Rande der Stadt. Von außen wirkte es recht unscheinbar und auch die Rezeption änderte nichts an diesem ersten Eindruck. Das Haus war alt und musste bald renoviert werden, aber es machte gleichzeitig auch einen gemütlichen Eindruck. Die Rezeptionistin, eine alte Frau, der das Hotel gehörte, führte Alexander zu Yuutos Zimmer.
Schön, dass sie gekommen sind“, sagte dieser, nachdem er ihn hereingelassen und die Tür wieder geschlossen hatte.
Gerne. Ihr Brief war eine Überraschung, ich hatte ihn nicht erwartet“, sagte Alexander.
Aber wir wissen ja beide, wie wichtig Überraschungen sind, nicht?“, fragte Yuuto mit einem Augenzwinkern. Alexander nickte und gab so ohne ein Wort zu verstehen, dass er sich jetzt an den gemeinsamen Besuch von Centralia erinnerte.
Ich warte noch auf eine weitere Person“, erklärte Yuuto und deutete zu Alexander, dass er sich auf das Bett setzen sollte. Das Hotelzimmer war so klein, dass ein Stuhl, die einzige andere Sitzmöglichkeit war.
Alexander setzte sich auf das Bett. Neben ihm lag die Times.
Ein Artikel darin hat mich auf die Idee gebracht“, sagte Yuuto. „Es soll nicht nur eine geheime U-Bahn in Moskau geben, sondern praktische eine ganze unterirdische Stadt. Momentan leer und verlassen, aber sollte ein Notfall eintreten, ein nuklearer Anschlag auf Moskau etwa, können über hundertausend Leute dort überleben. Ich habe schon früher Gerüchte darüber gehört, aber hatte bisher keine Gelegenheit, diese zu überprüfen.“
Wegen des Eisernen Vorhangs?“
Teilweise deswegen. Und teilweise weil ich nicht wusste, wie ich so eine Untersuchung heimlich vollziehen könnte. Denn auch wenn es die Sowjetunion nicht mehr gibt, kann ich mir nicht vorstellen, dass die russische Regierung glücklich darüber ist, dass wir hier... herum schnüffeln.“
Und was ist ihre neue heimliche Methode?“
Als ob es auf das Stichwort gewartet hätte, ertönte in diesem Moment ein Klopfen an der Tür. Yuuto öffnete sie und ließ eine junge Frau mit violettem Haar herein. Sie warf einen überraschten Blick auf Alexander und wechselte dann schnell einige Worte mit Yuuto. Sie sprach zu schnell für Alexander, aber auf Grund einiger Worte, die er verstehen konnte, und ihrer Gesten schloss er, dass sie nicht mit seiner Anwesenheit gerechnet hatte und nicht erfreut darüber war. Aber Yuuto gelang es sie zu beruhigen.
Das ist Tatjana“, stellte er sie vor. „Sie kann Magnetfelder spüren.“

Konnte sie das wirklich?“, unterbrach ich Herrn Tuniaks Erzählung. „Ist so etwas für einen Menschen überhaupt möglich?“
Soweit ich beurteilen konnte, ja“, sagte er. „Und warum sollte es nicht möglich sein? Unzählige Tierarten können das Magnetfeld der Erde spüren, vielleicht war bei Tatjana ein alter Atavismus wieder aktiv geworden und sie hatte deswegen ihre Fähigkeit entwickelt. Ich habe Menschen getroffen, die behaupteten, noch viel seltsamere Dinge tun zu können.“
Aber das klingt schon fast wie aus einem Comicheft.“
Ich habe einmal einen Artikel über ein Mädchen gesehen, das angeblich eine Art Röntgenblick hatte“, erzählte Herr Tuniak. „Ich habe einen Mann getroffen, der Metall essen konnte und einen anderen, der die Welt wie eine Biene sah.“
Wie eine Biene?“
Er sah teilweise Infrarot. Der Bereich des Lichtes, den er sehen konnte, war im Vergleich zu den meisten anderen Menschen bei ihm verschoben. Er konnte blau und violett nicht erkenne, dafür aber eben Infrarot“, sagte Herr Tuniak. „Ich hatte also kein Problem zu glauben, dass Tatjana Magnetfelder spürte.“

Die ersten Tage verbrachten sie damit, durch Moskau zu wandern und die angeblichen Einstiegspunkte zu dem geheimen U-Bahn-Netz auszukundschaften.
Wir werden aber keinen davon benützen“, erklärte Yuuto.
Warum?“, fragte Alexander.
Weil sie möglicherweise überwacht werden.“
Sie redeten auf Russisch, das Alexander zwar nur langsam und schlecht sprach, aber Tatjana wäre sonst wieder misstrauisch geworden.
Nachdem sie die möglichen Eingänge ausgekundschaftet hatten, erstellten sie eine Karte, der möglichen Strecken. Yuuto hatte außerdem einige Skizzen, die er angeblich in alten Archiven gefunden hatte und die bei dem Bau der Metro-2 verwendet worden waren.
Morgen steigen wir in die Kanalisation“, verkündete Yuuto eines Abends, als sie alle drei in seinem Zimmer beim Abendessen saßen.
Warum die Kanalisation?“, fragte Alexander.
Weil es bei der normalen U-Bahn so viele andere Stromleitungen gibt, dass ich sie nicht auseinander halten kann“, erklärte Tatjana. „Wenn ich in der Kanalisation etwas spüre, dann können wir recht einfach bestimmen, ob es eine normale U-Bahn ist oder ein Teil der geheimen Linie.“
Warum macht sie das?“, fragte Alexander an diesem Abend etwas später, nachdem Tatjana nach Hause gegangen war.
Sie gehört einer Studentengruppe an“, antwortete Yuuto, als ob das Erklärung genug wäre.
Und?“
Sie wollen die Geheimnisse der Regierung aufdecken oder so“, fügte Yuuto hinzu. „Wobei ich nicht weiß, was sie wirklich machen werden, sollten wir die Metro-2 finden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das einen großen Skandal auslösen würde, den sie sich so wünschen.“

Es dauerte noch vier Tage, bis sie etwas fanden. Aber es war nicht das, was sie erwartet hatten.
Da vorne ist etwas“, flüsterte Tatjana plötzlich. Sie waren wieder in der Kanalisation. Neben ihnen floss schmutziges Wasser und immer wieder kreuzten Ratten ihren Weg. Alexander sah ihnen jedes Mal nach, in er Hoffnung, wieder einen Rattenkönig zu erspähen. Aber diesmal hatte er kein Glück.
Ich sehe es“, antwortete Yuuto nach einer Weile. Und auch Alexander konnte erkennen, was Tatjana gespürt hatte. Weit vor ihnen war ein Lichtschein zu sehen. Sie schalteten ihre Taschenlampen aus und tasteten sich langsam vorwärts.
Das Licht wurde immer heller und heller und schließlich kamen sie in einen großen Raum.
Wow“, entfuhr es Yuuto und Alexander musste ihm zustimmen.
Der unterirdische Raum war fast schon eine Halle. Von der Decke hingen Glühbirnen, die ohne Halterung oder Fassung direkt ans Stromnetz angeschlossen worden waren. Am Boden standen Dutzende Betten in allen Formen und Größen, dazwischen kleine Kästen, Einkaufswägen und was sonst noch alles zum Lagern verwendet werden konnte.
Es waren auch einige Menschen anwesend. Männer und Frauen, Alte und Junge... außer ihrem ungewöhnlichen Wohnsitz hatten sie nichts gemeinsam.
Tatjana begann sofort ein Gespräch mit ihnen und vergaß völlig auf Yuuto und Alexander.

Wir hatten eine Gruppe von Leute gefunden, die sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten konnten“, erzählte Herr Tuniak. „Sie waren in die Kanalisation gezogen, weil sie dort vor dem Wetter geschützt waren und weil es im Winter dort auch nicht so kalt wurde, wie in der Stadt. Die meisten hatten sogar noch ihrer Jobs. Es war interessant zu sehen, wie Männer in Anzügen dorthin kamen und dort lebten.“
Haben sie danach die Suche nach der Metro-2 aufgegeben?“, fragte ich.
Ja“, sagte Herr Tuniak. „Tatjana war nicht mehr daran interessiert und veröffentlichte lieber Artikel in Zeitungen über das Schicksal der Leute in der Kanalisation. Und Yuuto hatte schon wieder ein neues Projekt gefunden.“
Ich war ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir mehr erwartet. „Warum sind sie überhaupt mitgegangen? Tatjana sollte die U-Bahn finden und Yuuto hat alles organisiert. Wofür hat er sie gebraucht?“
Als Sicherheit“, erklärte Herr Tuniak. „Falls etwas schief gegangen wäre. Falls die Regierung oder der Geheimdienst auf unsere Tätigkeiten reagiert hätten.“
Wie das?“
Ich hätte Tatjana in die Vergangenheit in Sicherheit bringen sollen. Vielleicht auch Yuuto selbst.“
Zu einem Zeitpunkt, bevor sie von den Behörden gesucht worden wäre“, erkannte ich. „Sie waren eine Absicherung.“
Das bin ich immer noch.“ Aber er erklärte nicht weiter, was er damit meinte.



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Só percebemos o milagre da vida quando deixamos que o inesperado aconteça.

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