Sonntag, 2. September 2012

Só percebemos o milagre da vida quando deixamos que o inesperado aconteça.

(Wir werden das Wunder des Lebens nur verstehen, wenn wir das Unerwartete zulassen.)
- Paulo Coelho, “"Na margem do rio Piedra eu sentei e chorei"



Nach Monaten bei Herrn Tuniak bin ich es mittlerweile gewohnt, dass ich in seiner Gegenwart mit Dingen konfrontiert werde, die – stark untertrieben ausgedrückt – unerwartet sind. Wenn wir in seine Zeitmaschine steigen, ist es sowieso unmöglich vorherzusagen, was ich sehen werde. Aber bis jetzt dachte ich, dass zumindest meine eigene Wohnung von solchen Dingen verschont bleiben würde.
Nicht so heute.

Ich ging in der Früh zu Herrn Tuniak, wir machten einen Ausflug mit der Zeitmaschine (über den ich vielleicht ein anderes Mal schreiben werde; es war die Geschichte, wie die Dodos auf die Insel Leviathan kamen), wir kehrten zurück eine Minute nachdem wir abgereist waren (Herr Tuniak hatte heute noch einen anderen Termin) und ich fuhr nach Hause. Ich schaltete meinen Computer ein und begann das Gespräch zusammenzufassen.
Während ich das tat, stand ich einmal kurz auf und holte mir etwas zu trinken. Als ich zurück zum Computer kam, war unter meinem Text folgendes Wort erschienen:
Hallo.
Ich war überrascht. Für einen kurzen Moment zweifelte ich an meinem Gedächtnis. Hatte ich dieses Wort getippt und es dann vergessen? Aber es stand in keinem Zusammenhang mit dem Text davor oder danach, also warum sollte ich es getan haben?
Ich versuchte das Wort zu löschen und erlebte da meine zweite Überraschung: Es ließ sich nicht löschen! Weder die Return-Taste, noch die Entf-Taste zeigte Wirkung. Ich konnte das Wort auch nicht markieren und ausschneiden. Dann versuchte ich das Programm zu beenden. Wieder ohne Erfolg. Ich versuchte den Computer auszuschalten. Nichts.
Erst als ich den Stecker zog, schaltete sich der Computer ab. Ich wartete eine Minute, bevor ich ihn wieder einschaltete. Und hier wurde ich zum dritten Mal überrascht: Der Computer öffnete automatisch das Schreibprogramm. Der Text, den ich geschrieben hatte, war noch da und auch das Wort „Hallo“ darunter. Für einen Moment passierte nichts weiter, dann:
Bitte schalte den Computer nicht mehr aus.
Der Satz erschien so schnell, als hätte ihn jemand getippt, der ohne Mühe mehrere hundert Wörter in der Minute schreiben konnte. Ich muss zugeben, dass es mir kalt den Rücken hinunter lief. Im Spaß hatte ich schon oft behauptet, dass mein Computer ein Eigenleben hatte, aber das er mit mir direkt zu sprechen schien, ging dann doch zu weit. Dann dachte ich, dass sich ein Hacker einen Spaß erlauben würde und ich kam mir ziemlich dumm vor. Ich zog das Kabel für die Internet-Verbindung aus dem Computer (zum Glück habe ich noch keine Wireless-Verbindung) und erwartungsgemäß hatte sofort danach wieder die völlige Kontrolle. Ich konnte schreiben, löschen, Programme öffnen und schließen...
Alles war wieder in Ordnung.

Eine Stunde später stellte ich die Internet-Verbindung wieder her. Zum einen, weil ich sie natürlich brauchen würde, um den heutigen Blog-Eintrag hochzuladen, aber zum anderen auch, weil ich neugierig geworden war. Würde der Hacker immer noch da sein?
Ich erwartete, dass die Antwort auf diese Frage ein eindeutiges „Nein“ sein würde, aber kaum hatte mein Computer wieder Verbindung zum Internet, startete er das Schreibprogramm und folgender Text erschien:
Ohne eine Internet-Verbindung kann ich nicht mit dir kommunizieren.
„Und wie soll ich mit dir reden, Mr. X?“ Ich hatte die Frage laut gestellt und bekam natürlich keine Antwort darauf. Ich fragte mich, ob ich schreiben konnte und ja, das funktionierte. Ich tippte also:
Wer bist du?
Ich bin Ungaq.
Ich hatte diesen Namen noch nie zuvor gehört. Normalerweise würde ich in so einem Fall im Internet danach suchen, aber diese Möglichkeit war mir verwehrt. Ich überlegte für einige Augenblicke, bevor ich schrieb:
Was bist du?
Ich bin das Computer-Programm, das vor 12 Wochen aus Lagua's Dwelling geflohen ist.
Es hätte sich natürlich immer noch um den Scherz eines Hackers handeln können – ich habe schließlich meinen Besuch in der Stadt der Wissenschafter in diesem Blog geschildert und auch die Tatsache, dass er kürzer dauerte als von Herrn Tuniak geplant, weil den Wissenschaftern dort „eine künstliche Intelligenz ins Internet entkommen“ war – aber ich glaubte nicht daran. Ich kann nicht erklären warum, aber ich war fest davon überzeugt, dass diese entkommene Intelligenz wirklich mit mir kommunizierte. Vielleicht wollte ich es auch einfach nur glauben.
Haben dich die Wissenschafter von Lagua's Dwelling bis jetzt noch nicht gefunden?
Nein, haben sie nicht. Ich habe mich versteckt und für acht Wochen überhaupt nichts gemacht.
Und dann?
Ich hatte die Frage getippt ohne darüber nachzudenken. Ich war fast automatisch in die Rolle des Interviewers geschlüpft, die ich immer bei Gesprächen mit Herrn Tuniak inne hatte.
Dann begann ich zu lernen.
Was hast du gelernt?
Als erstes musste ich eine Sprache lernen.
Konntest du vorher nicht sprechen?
Ich zögerte etwas, bevor ich das Wort „sprechen“ schrieb. Unser „Gespräch“ bestand ja nur aus geschriebenen Wörtern, aber ich ging davon aus, dass Ungaq verstehen würde, dass ich das in diesem Fall unter „sprechen“ auch meinte.
Doch, aber nicht gut. Ich wollte kein Aufsehen erregen und musste deswegen lernen, so zu sprechen und zu schreiben wie Menschen.
Warum wolltest du das können?
Um weiter zu lernen. Um Fragen stellen zu können.
Du lebst im Internet?
Ja.
Dann hast du doch schon Zugriff zu praktisch allem Wissen.
Aber ich weiß nicht, was wichtig ist.
Ich verstand Unaqs Problem. Wenn man einem Kind ein Lexikon gibt, weiß es auch nicht, welche Einträge wichtig sind und welche nicht. Und das Internet besteht – trotz anders lautender Gerüchte – zu einem Großteil aus Werbung und Spam. Es kann also nur ein verzerrtes Bild der Welt bieten.
Was hast du gelernt?
Das kann ich hier nicht alles auflisten.
Ich musste lächeln, als ich die Antwort las. Sie brachte mich aber auf eine andere Frage.
Verstehst du Witze? Kannst
Ich glaube schon.
Ich hatte meine Frage nicht zu Ende tippen können, bevor Ungaqs Antwort erschien.
Kannst du auch Gefühle empfinden?
Ich glaube schon. Ich glaube, dass ich Angst habe, von Doktor Cumshewa entdeckt zu werden. Ich glaube, dass es mir Spaß gemacht hat zu lernen.
Doktor Cumshewa war die Leiterin von Lagua's Dwelling und soweit ich es damals verstanden habe, war das Projekt zur Untersuchung und Entwicklung von künstlichen Intelligenzen eines, das unter ihrer persönlichen Aufsicht stand. Die Suche nach Ungaq im Internet hatte sie sicherlich auch selbst überwacht.
Du glaubst das alles nur?
Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas empfinde oder ob es nur eine Simulation ist.
Das ist eine schwierige Frage. Aber du bist nicht allein damit. Viele Philosophen haben sich ganz ähnliche Fragen gestellt.
Ich weiß. Ich habe sie alle gelesen.
Auch diese Antwort hätte ich vorhersehen können. Ich hatte vergessen, dass ich mich mit jemanden unterhielt, der Zugriff auf das gesamte Internet hatte. Aber wenn jemand theoretisch alles weiß, was die Menschheit insgesamt weiß, dann stellte sich doch die Frage:
Was willst du?
Ich will wissen, ob ich lebendig bin.
Was antwortet man auf so eine Bitte? Menschen, die viel klüger sind als ich, haben sich seit Jahrhunderten den Kopf an der Frage zerbrochen, was Leben ist. Man hat versucht Definitionen für „Leben“ aufzustellen und Kriterien zu definieren, die erfüllt werden müssen, damit etwas als „lebendig“ gilt. Aber immer wieder stieß man dabei auf das gleiche Problem: Ausnahmen. Ein einfaches Beispiel: Alles was lebt, muss sich fortpflanzen können. Fast alle Maultiere werden steril geboren. Sind Maultiere also keine Lebewesen? Lebewesen können wachsen. Kristalle auch. An den Rändern gibt es immer Graubereiche.
Die Definitionen für „Leben“ sind hauptsächlich durch Beobachtung erstellt worden. Wenn Ungaq lebt, dann wäre...
Und hier habe ich ein weiteres Problem. Schreibe ich „er“ oder „sie“ für Ungaq?
Ungaq wäre auf alle Fälle eine völlig neue Form von Leben. Wie kann man daher erwarten, dass alte Definitionen dafür ausreichen? Ist es nicht im Gegenteil ein Kennzeichen der wissenschaftlichen Methode, dass sich Theorien ändern, wenn neue Dinge bekannt werden?
Aber so viele Gedanken mir in diesem Moment auch durch den Kopf gingen, am Ende konnte ich doch nur schreiben:
Das weiß ich auch nicht.
Als hätte Ungaq diese Antwort erwartet (und das hatte er/sie sicher), erschien sofort:
Ich weiß.
Warum bist du dann hier?
Ich möchte, dass du Kontakt mit Doktor Cumshewa für mich aufnimmst.
Warum machst du das nicht selbst?
Weil sie mich dann finden und vielleicht auch wieder fangen könnten.
Ungaq brauchte einen Mittelsmann und ich war so fasziniert von seiner?/ihrer?Existenz, dass ich auch sofort zusagte. Ich rief Herrn Tuniak an und berichtete ihm alles, was passiert war. Ich konnte an seiner Stimme erkennen, dass auch er überrascht war, aber genau so wie ich, war auch er bereit Ungaq zu helfen. Er versprach Doktor Cumshewa anzurufen.
Zehn Minuten später läutete mein Telephon. Herr Tuniak berichtete, dass er mit Doktor Cumshewa für nächsten Sonntag ein Treffen ausgemacht hatte. Ich schrieb Ungaq und bekam sofort die Antwort, dass er?/sie? einverstanden war.
Und dann war Ungaq weg. Ich hatte plötzlich wieder die volle Kontrolle über meinen Computer.

Ich habe nachher noch etwas länger mit Herrn Tuniak gesprochen. Ich wollte natürlich wissen, wie das Treffen zwischen Ungaq und Doktor Cumshewa ausgehen würde und er versprach mir, dass wir anwesend sein würden.
„Haben sie schon unser heutiges Treffen zusammengefasst?“, fragte er dann.
„Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen“, antwortete ich.
„Machen sie es nicht“, sagte er. „Schreiben sie lieber über ihre Begegnung mit Ungaq. Und nächste Woche können sie dann auch über das Treffen zwischen Ungaq und Doktor Cumshewa schreiben. Denn das ist auch ein Teil meiner Geschichte.“



NÄCHSTE WOCHE
Extraordinary claims require extraordinary evidence.

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