Sonntag, 16. September 2012

He sits motionless, like a spider in the centre of its web, but that web has a thousand radiations, and he knows well every quiver of each of them.


(Er sitzt bewegungslos wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes, aber diese Netz hat tausend Fäden und er kennt das Zittern von jedem einzelnen.)
- Arthur Conan Doyle, „The Final Problem“


Sie haben letzte Woche geschrieben, dass sie immer noch nicht mehr über… die Spinne wissen, außer, dass er früher auf der Insel Leviathan gelebt hat“, sagte Herr Tuniak heute, nachdem wir uns im Büro hingesetzt hatten. „Habe ich ihnen wirklich sonst noch nichts über ihn erzählt?“
Ich durchsuchte meine Notizen und fand zu meiner Überraschung dann doch noch einige Details. „Die Spinne… heißt eigentlich Johannes“, sagte ich. „Und sie… Entschuldigung, er gründete Raben Consulting, die Firma der das Haus gehört, in dem wir uns gerade befinden. Und er scheint ein sehr guter Schachspieler zu sein.“
Nicht nur Schachspieler, er ist praktisch unschlagbar in jeder Form von Strategie-Spiel“, erklärte Herr Tuniak. „Und in der Schule haben wir gemunkelt, dass er zum Einschlafen nicht Gute-Nacht-Geschichten liest, sondern mathematische Rätsel löst.“ Er strich sich nachdenklich über das Kinn. „Sie müssen wissen, dass Johannes an einer Krankheit leidet. Sein Körper ist nie wirklich gewachsen. Sie haben vielleicht schon einmal Bilder gesehen, von alten Leuten, die aussehen wie Kinder.“
Ich nickte.
Johannes leidet an etwas ganz Ähnlichem. Aus irgendwelchen Gründen wuchs nur sein Kopf. Ohne Hilfe ist sein Kopf zu schwer, als dass ihn sein Hals halten könnte. Er braucht eine Stütze. Außerdem sind auch seine Knochen sehr gebrechlich, jede Art von Sport ist ihm deswegen versagt. Deswegen sitzt er auch in einem Rollstuhl, ist er immer schon. Und weil er an keinen physischen Aktivitäten teilnehmen konnte, konzentrierte er sich ganz auf seinen Geist. Er ist wahrscheinlich der intelligenteste Mensch, den ich kenne.“
Ich war beeindruckt. Von einem Zeitreisenden ausgesprochen, hatte dieses Lob besonderes Gewicht.
Warum nennen ihn immer alle die Spinne?“, fragte ich.
Ah, das ist kein besonders origineller Vergleich, aber als Kinder fanden wir zum einen, dass er wegen seines großen Kopfes und im Vergleich dazu kleinen Körpers, Ähnlichkeiten mit einer Spinne hatte und zum anderen weil er wie eine Spinne in einem Netz sitzt, Fäden zieht und alles kontrolliert. Wie Sherlock Holmes Beschreibung von Moriarty. Vor allem jetzt, wo er mehrere Firmen leitet, ist der Vergleich sehr passend. Und ich sollte auch dazu sagen, dass wir Spinne keineswegs abfällig meinten. Auf Leviathan wurde es fast eine Ehrenbezeichnung unter uns Kindern. Ein größeres Lob als ‚denken wie die Spinne’ wäre undenkbar gewesen.“ Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Nachdem er und ich Leviathan verlassen hatten, hatten wir nur mehr sporadisch Kontakt. Er besuchte uns einmal in der Villa Atterton, aber zu dem Zeitpunkt hatte er bereits das Geschäft seiner Eltern übernommen und war dabei es zu dem großen Konzern auszubauen, der es heute ist.“
Er gehörte nicht zu den Personen, die sie nach ihrem Sprung zehn Jahre in die Zukunft wieder aufgesucht haben?“, fragte ich.
Nein“, sagte Herr Tuniak. „Ich besuchte ihn erst später.“

Alexander war wieder zu Mowgli zu Besuch gekommen und zufälligerweise war Sarina ebenfalls anwesend. Sie plauderten bis spät in die Nacht und dabei kamen sie auf die anderen Kinder der Insel Leviathan zu sprechen. Sie stellten fest, dass sie von einigen schon lange nichts mehr gehört hatten, während andere immer noch engen Kontakt mit ihrer alten Schule pflegten.
Die Spinne hat sich seit dem Fall des Eisernen Vorhanges komplett zurück gezogen“, meinte Mowgli. „Zuletzt habe ich gehört, dass er sich ein Grundstück im entlegensten Teil Russlands gekauft hat und alle seine Geschäfte von dort aus leitet.“
Das habe ich auch gehört“, stimmte Sarina zu. „In der Schule gibt es sogar seine Telephonnummer. Er hat einmal gesagt, wir sollen ihn im Notfall anrufen.“
Im Notfall? Was für ein Notfall?“, fragte Alexander. „Außer bei einem finanziellen Problem wird er nicht viel helfen können.“
Wahrscheinlich hat er das gemeint“, sagte Sarina. „Wisst ihr wie viele Firmen er mittlerweile leitet?“
Das weiß er selbst nicht mehr“, meinte Mowgli. „Aber ich darf nicht schlecht über ihn reden: Er hat mir geholfen, dass Land hier zu kaufen und mir auch für die Organisation viele Tipps gegeben.“
Wir sollten ihn eigentlich einmal besuchen gehen“, schlug Sarina vor.
Nach Russland? Ich weiß nicht, ob ich so lange hier weg sein kann“, warf Mowgli ein.
Oh, es wäre sicher nur ein Tagesausflug“, sagte Alexander. „Ich kann uns schließlich hinbringen.“

Wir beschlossen also die Spinne zu besuchen“, erzählte Herr Tuniak. „Ich kehrte deswegen nach Leviathan zurück, um die Telephonnummer zu finden und sprach mit… Johannes. Er war auch sofort mit unserem Besuch einverstanden und gab mir die Koordinaten, wo wir ihn finden könnten.“ Er stand auf und nahm einen Atlas aus dem Bücherregal an der Wand. Er schwankte dabei ein wenig und ich hatte für einen Moment Angst, dass er hinfallen würde, aber es passierte zum Glück nicht. Er schlug die Russland-Karte auf. „Wir sollten ihn hier treffen“, sagte er. Sein Finger zeigte dabei auf Sibirien.

Die Zeitmaschine landete und die drei Reisenden stiegen aus. Sie alle hatten sich dickes Gewand angezogen, aber das Wetter war erstaunlich mild. Es gab nur wenige Wolken am Himmel und der Wind blies nur schwach. Sie sahen sich um und stellten fest, dass sie neben einem Holzturm gelandet waren.
Die Spinne wohnt in diesem Turm?“, fragte Mowgli ungläubig. Der Turm war zwanzig Meter hoch und sah nicht besonders gut isoliert aus. Es gab keinen Fenster und auch sonst keine Zeichen, dass jemand darin wohnte.
Sie fanden eine Tür an seiner Seite, die nicht verschlossen war. Besorgt darüber, dass Johannes etwas zugestoßen sein könnte, traten sie schnell ein. Doch im Inneren des Turmes gab es bloß eine Rampe, die die Mauer entlang bis auf das Dach führte.
Was ist das hier?“, fragte Sarina, als sie die Rampe hinauf gingen. Aber keiner konnte ihr antworten.
Sie erreichten das Ende der Rampe, wo eine Luke auf das Dach hinauf führte. Auf dem Dach fanden sie mehrere dicke Seile, sowie dicke Metallkreise.
Das sieht mehr aus wie ein Ankerplatz für ein Schiff“, murmelte Alexander, bevor sich seine Gesichtszüge aufhellten. „Ich weiß, was das ist!“ Er richtete sich auf und sein Blick wanderte suchend den Horizont entlang. „Dort!“
Sarina und Mowgli sahen sofort, worauf er zeigte. Aus dem Norden näherte sich ein großes Luftschiff. Der Zeppelin war fast geräuschlos unterwegs, viel leiser als man es für so ein großes Fluggerät für möglich gehalten hätte. Als er den Turm fast erreicht hatte, wurden von der Kabine auf der Unterseite des Zeppelins mehrere Seile herunter gelassen. Fasziniert sahen die drei Freunde zu, wie diese Seile scheinbar von selbst die Metallringe fanden. Als der Zeppelin so gesichert war, öffnete sich eine Rampe an der Seite der Kabine und senkte sich auf das Dach des Turms herab. Am oberen Ende der Rampe saß Johannes in seinem Rollstuhl.
Willkommen in meinem zu Hause!“, rief er ihnen zu.

Es ist schwierig genau zu sagen, wie viel Geld Johannes damals besaß… oder heute besitzt“, sagte Herr Tuniak. „Wenn man nur sein Geld zählen würde, hätte er nicht sonderlich viel.“
Kein verstecktes Bankkonto in der Schweiz?“, fragte ich.
Nein, er hat gerade so viel, wie er braucht“, erzählte Herr Tuniak. „Und normalerweise braucht er nicht viel. Er steckt all sein Geld in die unterschiedlichsten Projekte, denn es bringt ihm nichts, wenn es nur in einem Tresor versteckt liegt. Sollte er trotzdem unerwartet plötzlich viel Geld brauchen, kann er immer eine seiner Firmen oder Grundstücke verkaufen. Geld allein ist nichts wert. Wert habe nur die Dinge, die man für Geld bekommen kann.“
Sie haben mir einmal gesagt, dass Philip auch zu den reichsten Menschen der Welt gehört“, sagte ich. „Trifft das bei ihm auch zu?“
Nein, er hat sehr viel echtes Geld, weil er das leichter weiterverwenden kann, wenn er wieder eine neue Identität annimmt“, sagte Herr Tuniak.

Das Zeppelin war für Johannes Wohnung und Büro zugleich. Wände aus Papier, die verschoben werden konnten, trennten die einzelnen Bereiche. Einige Räume, diejenigen, die den Arbeitsbereich bildeten, waren sehr funktionell eingerichtet. Es gab dort alles, was man für die Leitung eines weltweiten wirtschaftlichen Imperiums brauchen konnte. Aber außer Johannes arbeitete dort niemand.
Ich habe festgestellt, dass ich im Alter weniger Schlaf brauche“, antwortete er auf die Frage, warum er keine Assistenten hatte. Er zeigte dabei auf Alexander. „Du wirst es wahrscheinlich auch schon merken. Und wenn ich Dinge selbst erledige, dann weiß ich auch sicher, dass sie erledigt werden und ich muss mich auf keinen anderen verlassen.“
Der Wohnbereich war viel freundlicher eingerichtet. Er war heller, es gab zahlreiche Fenster und Bilder verschiedenster Künstler und aus verschiedenen Epochen hingen an den Wänden.
Johannes fuhr mit seinem Rollstuhl zu einem großen Holztisch, der bereits gedeckt worden war. Es gab Kaffee und Tee, sowie Kuchen und Kekse.
Mowgli, der neben Johannes saß, flüsterte ihm zu: „Du bist nicht alleine hier, oder?“ Ihm war aufgefallen, dass es Dinge gab, die keinen Sinn machten für jemanden, der im Rollstuhl saß und nur sehr schwer aufstehen konnte.
Nein, Gaspar wohnt hier und hilft mir ab und zu“, sagte Johannes. „Und nehmt es nicht persönlich, dass er sich nicht zu uns setzt, aber er fühlt sich nicht wohl in der Gesellschaft anderer Menschen.“ Er blickte aus dem Fenster auf die verschneite Landschaft unter dem Zeppelin. „Einer der Gründe, warum wir hierher gezogen sind.“
Du hast nie von ihm erzählt“, sagte Sarina.
Johannes zögerte einige Momente, bevor er sagte: „Gaspar hat… eine dunkle Vergangenheit. Sein Gehirn… er konnte für lange Zeit richtig und falsch nicht unterscheiden. Wenn die meisten Kinder ein, sagen wir… ein verletztes Tier sehen, dann wollen sie ihm helfen. Ohne, dass man es ihnen sagt. Gaspar musste das erst lernen. Ihr könnt also verstehen, warum er oft mit dem Gesetz in Konflikt kam.“ Die Anderen nickten. „Auch heute noch muss er sich konzentrieren, um zu entscheiden, was andere Menschen als richtig und was sie als falsch bezeichnen würden. Deswegen bevorzugt er die Einsamkeit hier oben. Genau so wie ich, nur bei hat das natürlich andere Gründe.“ Er lächelte. „Und er ist wirklich eine große Hilfe. Er ist der beste Börsenmakler, den ich kenne.“
Hast du das nicht vor einiger Zeit noch über Affen gesagt?“, warf Mowgli ein.
Wo hast du ihn kennen gelernt?“, fragte Sarina.
Oh, Cate ist ihm bei einer ihrer Reisen begegnet“, erzählte Johannes. „Ihr wisst, dass Cate für die Gemini-Foundation arbeitet, oder?“
Ich habe nur gehört, dass sie für eine weltweite Forschungs-Organisation arbeitet“, sagte Mowgli.
Und dass sie sehr oft auf Reisen ist, was ich bei ihr nicht erwartet hätte“, fügte Alexander hinzu.
Ihr habt alle noch nie etwas von der Gemini-Foundation gehört?“, fragte Johannes überrascht. „Du auch nicht, Alexander?“
Ich kann mich erinnern, dass ich vor langer Zeit… es muss in den 1970ern gewesen sein… Ja, als ich die Eisschiffe von Winston Churchill photographiert habe, war jemand von Gemini an Bord“, sagte Alexander nachdem er kurz nachgedacht hatte.
Das überrascht mich aber“, sagte Johannes. „Kurz gesagt: Gemini sammelt Wissen. Weltweit. Jedes Wissen, wo immer sie es auch finden können. Sie haben vor kurzem bei mir nachgefragt, ob ich nicht eines ihrer Projekte unterstützen würde und... Aber nein, es ist besser, wenn sie es euch erzählen. Ihr müsst sie unbedingt kennenlernen, ich gebe euch ihre Adresse.“

Als sie wieder in der Zeitmaschine waren, lächelte Mowgli den anderen zu. „Er hat sich nicht verändert, oder? Er ist immer noch die Spinne, die alle Fäden kontrolliert und andere ausschickt, um Informationen zu sammeln.“
Was meinst du?“, fragte Sarina.
Wenn er gewollt hätte, hätte er uns sicher mehr über Gemini erzählen können“, sagte Mowgli. „Aber er ist sich noch nicht sicher, ob er mit ihnen zusammen arbeiten soll und will zuerst noch mehr über sie wissen. Also erzählt er uns gerade so viel, damit unsere Neugierde geweckt ist und schickt uns dann los, um mehr Informationen zu bekommen.“
Ich muss zugeben, dass es in meinem Fall funktioniert hat“, sagte Alexander. Er hielt die Visitenkarte der Gemini-Foundation in der Hand.



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