(Er
sitzt bewegungslos wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes, aber
diese Netz hat tausend Fäden und er kennt das Zittern von jedem
einzelnen.)
-
Arthur Conan Doyle, „The Final Problem“
„Sie
haben letzte Woche geschrieben, dass sie immer noch nicht mehr über…
die Spinne wissen, außer, dass er früher auf der Insel Leviathan
gelebt hat“, sagte Herr Tuniak heute, nachdem wir uns im Büro
hingesetzt hatten. „Habe ich ihnen wirklich sonst noch nichts über
ihn erzählt?“
Ich
durchsuchte meine Notizen und fand zu meiner Überraschung dann doch
noch einige Details. „Die Spinne… heißt eigentlich Johannes“,
sagte ich. „Und sie… Entschuldigung, er gründete Raben
Consulting, die Firma der das Haus gehört, in dem wir uns gerade
befinden. Und er scheint ein sehr guter Schachspieler zu sein.“
„Nicht
nur Schachspieler, er ist praktisch unschlagbar in jeder Form von
Strategie-Spiel“, erklärte Herr Tuniak. „Und in der Schule haben
wir gemunkelt, dass er zum Einschlafen nicht Gute-Nacht-Geschichten
liest, sondern mathematische Rätsel löst.“ Er strich sich
nachdenklich über das Kinn. „Sie müssen wissen, dass Johannes an
einer Krankheit leidet. Sein Körper ist nie wirklich gewachsen. Sie
haben vielleicht schon einmal Bilder gesehen, von alten Leuten, die
aussehen wie Kinder.“
Ich
nickte.
„Johannes
leidet an etwas ganz Ähnlichem. Aus irgendwelchen Gründen wuchs nur
sein Kopf. Ohne Hilfe ist sein Kopf zu schwer, als dass ihn sein Hals
halten könnte. Er braucht eine Stütze. Außerdem sind auch seine
Knochen sehr gebrechlich, jede Art von Sport ist ihm deswegen
versagt. Deswegen sitzt er auch in einem Rollstuhl, ist er immer
schon. Und weil er an keinen physischen Aktivitäten teilnehmen
konnte, konzentrierte er sich ganz auf seinen Geist. Er ist
wahrscheinlich der intelligenteste Mensch, den ich kenne.“
Ich
war beeindruckt. Von einem Zeitreisenden ausgesprochen, hatte dieses
Lob besonderes Gewicht.
„Warum
nennen ihn immer alle die Spinne?“, fragte ich.
„Ah,
das ist kein besonders origineller Vergleich, aber als Kinder fanden
wir zum einen, dass er wegen seines großen Kopfes und im Vergleich
dazu kleinen Körpers, Ähnlichkeiten mit einer Spinne hatte und zum
anderen weil er wie eine Spinne in einem Netz sitzt, Fäden zieht und
alles kontrolliert. Wie Sherlock Holmes Beschreibung von Moriarty.
Vor allem jetzt, wo er mehrere Firmen leitet, ist der Vergleich sehr
passend. Und ich sollte auch dazu sagen, dass wir Spinne keineswegs
abfällig meinten. Auf Leviathan wurde es fast eine Ehrenbezeichnung
unter uns Kindern. Ein größeres Lob als ‚denken wie die Spinne’
wäre undenkbar gewesen.“ Er lehnte sich in seinem Sessel zurück.
„Nachdem er und ich Leviathan verlassen hatten, hatten wir nur mehr
sporadisch Kontakt. Er besuchte uns einmal in der Villa Atterton,
aber zu dem Zeitpunkt hatte er bereits das Geschäft seiner Eltern
übernommen und war dabei es zu dem großen Konzern auszubauen, der
es heute ist.“
„Er
gehörte nicht zu den Personen, die sie nach ihrem Sprung zehn Jahre
in die Zukunft wieder aufgesucht haben?“, fragte ich.
„Nein“,
sagte Herr Tuniak. „Ich besuchte ihn erst später.“
Alexander
war wieder zu Mowgli zu Besuch gekommen und zufälligerweise war
Sarina ebenfalls anwesend. Sie plauderten bis spät in die Nacht und
dabei kamen sie auf die anderen Kinder der Insel Leviathan zu
sprechen. Sie stellten fest, dass sie von einigen schon lange nichts
mehr gehört hatten, während andere immer noch engen Kontakt mit
ihrer alten Schule pflegten.
„Die
Spinne hat sich seit dem Fall des Eisernen Vorhanges komplett zurück
gezogen“, meinte Mowgli. „Zuletzt habe ich gehört, dass er sich
ein Grundstück im entlegensten Teil Russlands gekauft hat und alle
seine Geschäfte von dort aus leitet.“
„Das
habe ich auch gehört“, stimmte Sarina zu. „In der Schule gibt es
sogar seine Telephonnummer. Er hat einmal gesagt, wir sollen ihn im
Notfall anrufen.“
„Im
Notfall? Was für ein Notfall?“, fragte Alexander. „Außer bei
einem finanziellen Problem wird er nicht viel helfen können.“
„Wahrscheinlich
hat er das gemeint“, sagte Sarina. „Wisst ihr wie viele Firmen er
mittlerweile leitet?“
„Das
weiß er selbst nicht mehr“, meinte Mowgli. „Aber ich darf nicht
schlecht über ihn reden: Er hat mir geholfen, dass Land hier zu
kaufen und mir auch für die Organisation viele Tipps gegeben.“
„Wir
sollten ihn eigentlich einmal besuchen gehen“, schlug Sarina vor.
„Nach
Russland? Ich weiß nicht, ob ich so lange hier weg sein kann“,
warf Mowgli ein.
„Oh,
es wäre sicher nur ein Tagesausflug“, sagte Alexander. „Ich kann
uns schließlich hinbringen.“
„Wir
beschlossen also die Spinne zu besuchen“, erzählte Herr Tuniak.
„Ich kehrte deswegen nach Leviathan zurück, um die Telephonnummer
zu finden und sprach mit… Johannes. Er war auch sofort mit unserem
Besuch einverstanden und gab mir die Koordinaten, wo wir ihn finden
könnten.“ Er stand auf und nahm einen Atlas aus dem Bücherregal
an der Wand. Er schwankte dabei ein wenig und ich hatte für einen
Moment Angst, dass er hinfallen würde, aber es passierte zum Glück
nicht. Er schlug die Russland-Karte auf. „Wir sollten ihn hier
treffen“, sagte er. Sein Finger zeigte dabei auf Sibirien.
Die
Zeitmaschine landete und die drei Reisenden stiegen aus. Sie alle
hatten sich dickes Gewand angezogen, aber das Wetter war erstaunlich
mild. Es gab nur wenige Wolken am Himmel und der Wind blies nur
schwach. Sie sahen sich um und stellten fest, dass sie neben einem
Holzturm gelandet waren.
„Die
Spinne wohnt in diesem Turm?“, fragte Mowgli ungläubig. Der Turm
war zwanzig Meter hoch und sah nicht besonders gut isoliert aus. Es
gab keinen Fenster und auch sonst keine Zeichen, dass jemand darin
wohnte.
Sie
fanden eine Tür an seiner Seite, die nicht verschlossen war. Besorgt
darüber, dass Johannes etwas zugestoßen sein könnte, traten sie
schnell ein. Doch im Inneren des Turmes gab es bloß eine Rampe, die
die Mauer entlang bis auf das Dach führte.
„Was
ist das hier?“, fragte Sarina, als sie die Rampe hinauf gingen.
Aber keiner konnte ihr antworten.
Sie
erreichten das Ende der Rampe, wo eine Luke auf das Dach hinauf
führte. Auf dem Dach fanden sie mehrere dicke Seile, sowie dicke
Metallkreise.
„Das
sieht mehr aus wie ein Ankerplatz für ein Schiff“, murmelte
Alexander, bevor sich seine Gesichtszüge aufhellten. „Ich weiß,
was das ist!“ Er richtete sich auf und sein Blick wanderte suchend
den Horizont entlang. „Dort!“
Sarina
und Mowgli sahen sofort, worauf er zeigte. Aus dem Norden näherte
sich ein großes Luftschiff. Der Zeppelin war fast geräuschlos
unterwegs, viel leiser als man es für so ein großes Fluggerät für
möglich gehalten hätte. Als er den Turm fast erreicht hatte, wurden
von der Kabine auf der Unterseite des Zeppelins mehrere Seile
herunter gelassen. Fasziniert sahen die drei Freunde zu, wie diese
Seile scheinbar von selbst die Metallringe fanden. Als der Zeppelin
so gesichert war, öffnete sich eine Rampe an der Seite der Kabine
und senkte sich auf das Dach des Turms herab. Am oberen Ende der
Rampe saß Johannes in seinem Rollstuhl.
„Willkommen
in meinem zu Hause!“, rief er ihnen zu.
„Es
ist schwierig genau zu sagen, wie viel Geld Johannes damals besaß…
oder heute besitzt“, sagte Herr Tuniak. „Wenn man nur sein Geld
zählen würde, hätte er nicht sonderlich viel.“
„Kein
verstecktes Bankkonto in der Schweiz?“, fragte ich.
„Nein,
er hat gerade so viel, wie er braucht“, erzählte Herr Tuniak. „Und
normalerweise braucht er nicht viel. Er steckt all sein Geld in die
unterschiedlichsten Projekte, denn es bringt ihm nichts, wenn es nur
in einem Tresor versteckt liegt. Sollte er trotzdem unerwartet
plötzlich viel Geld brauchen, kann er immer eine seiner Firmen oder
Grundstücke verkaufen. Geld allein ist nichts wert. Wert habe nur
die Dinge, die man für Geld bekommen kann.“
„Sie
haben mir einmal gesagt, dass Philip auch zu den reichsten Menschen
der Welt gehört“, sagte ich. „Trifft das bei ihm auch zu?“
„Nein,
er hat sehr viel echtes Geld, weil er das leichter weiterverwenden
kann, wenn er wieder eine neue Identität annimmt“, sagte Herr
Tuniak.
Das
Zeppelin war für Johannes Wohnung und Büro zugleich. Wände aus
Papier, die verschoben werden konnten, trennten die einzelnen
Bereiche. Einige Räume, diejenigen, die den Arbeitsbereich bildeten,
waren sehr funktionell eingerichtet. Es gab dort alles, was man für
die Leitung eines weltweiten wirtschaftlichen Imperiums brauchen
konnte. Aber außer Johannes arbeitete dort niemand.
„Ich
habe festgestellt, dass ich im Alter weniger Schlaf brauche“,
antwortete er auf die Frage, warum er keine Assistenten hatte. Er
zeigte dabei auf Alexander. „Du wirst es wahrscheinlich auch schon
merken. Und wenn ich Dinge selbst erledige, dann weiß ich auch
sicher, dass sie erledigt werden und ich muss mich auf keinen anderen
verlassen.“
Der
Wohnbereich war viel freundlicher eingerichtet. Er war heller, es gab
zahlreiche Fenster und Bilder verschiedenster Künstler und aus
verschiedenen Epochen hingen an den Wänden.
Johannes
fuhr mit seinem Rollstuhl zu einem großen Holztisch, der bereits
gedeckt worden war. Es gab Kaffee und Tee, sowie Kuchen und Kekse.
Mowgli,
der neben Johannes saß, flüsterte ihm zu: „Du bist nicht alleine
hier, oder?“ Ihm war aufgefallen, dass es Dinge gab, die keinen
Sinn machten für jemanden, der im Rollstuhl saß und nur sehr schwer
aufstehen konnte.
„Nein,
Gaspar wohnt hier und hilft mir ab und zu“, sagte Johannes. „Und
nehmt es nicht persönlich, dass er sich nicht zu uns setzt, aber er
fühlt sich nicht wohl in der Gesellschaft anderer Menschen.“ Er
blickte aus dem Fenster auf die verschneite Landschaft unter dem
Zeppelin. „Einer der Gründe, warum wir hierher gezogen sind.“
„Du
hast nie von ihm erzählt“, sagte Sarina.
Johannes
zögerte einige Momente, bevor er sagte: „Gaspar hat… eine dunkle
Vergangenheit. Sein Gehirn… er konnte für lange Zeit richtig und
falsch nicht unterscheiden. Wenn die meisten Kinder ein, sagen wir…
ein verletztes Tier sehen, dann wollen sie ihm helfen. Ohne, dass man
es ihnen sagt. Gaspar musste das erst lernen. Ihr könnt also
verstehen, warum er oft mit dem Gesetz in Konflikt kam.“ Die
Anderen nickten. „Auch heute noch muss er sich konzentrieren, um zu
entscheiden, was andere Menschen als richtig und was sie als falsch
bezeichnen würden. Deswegen bevorzugt er die Einsamkeit hier oben.
Genau so wie ich, nur bei hat das natürlich andere Gründe.“ Er
lächelte. „Und er ist wirklich eine große Hilfe. Er ist der beste
Börsenmakler, den ich kenne.“
„Hast
du das nicht vor einiger Zeit noch über Affen gesagt?“, warf
Mowgli ein.
„Wo
hast du ihn kennen gelernt?“, fragte Sarina.
„Oh,
Cate ist ihm bei einer ihrer Reisen begegnet“, erzählte Johannes.
„Ihr wisst, dass Cate für die Gemini-Foundation arbeitet, oder?“
„Ich
habe nur gehört, dass sie für eine weltweite
Forschungs-Organisation arbeitet“, sagte Mowgli.
„Und
dass sie sehr oft auf Reisen ist, was ich bei ihr nicht erwartet
hätte“, fügte Alexander hinzu.
„Ihr
habt alle noch nie etwas von der Gemini-Foundation gehört?“,
fragte Johannes überrascht. „Du auch nicht, Alexander?“
„Ich
kann mich erinnern, dass ich vor langer Zeit… es muss in den
1970ern gewesen sein… Ja, als ich die Eisschiffe von Winston
Churchill photographiert habe, war jemand von Gemini an Bord“,
sagte Alexander nachdem er kurz nachgedacht hatte.
„Das
überrascht mich aber“, sagte Johannes. „Kurz gesagt: Gemini
sammelt Wissen. Weltweit. Jedes Wissen, wo immer sie es auch finden
können. Sie haben vor kurzem bei mir nachgefragt, ob ich nicht eines
ihrer Projekte unterstützen würde und... Aber nein, es ist besser,
wenn sie es euch erzählen. Ihr müsst sie unbedingt kennenlernen,
ich gebe euch ihre Adresse.“
Als
sie wieder in der Zeitmaschine waren, lächelte Mowgli den anderen
zu. „Er hat sich nicht verändert, oder? Er ist immer noch die
Spinne, die alle Fäden kontrolliert und andere ausschickt, um
Informationen zu sammeln.“
„Was
meinst du?“, fragte Sarina.
„Wenn
er gewollt hätte, hätte er uns sicher mehr über Gemini erzählen
können“, sagte Mowgli. „Aber er ist sich noch nicht sicher, ob
er mit ihnen zusammen arbeiten soll und will zuerst noch mehr über
sie wissen. Also erzählt er uns gerade so viel, damit unsere
Neugierde geweckt ist und schickt uns dann los, um mehr Informationen
zu bekommen.“
„Ich
muss zugeben, dass es in meinem Fall funktioniert hat“, sagte
Alexander. Er hielt die Visitenkarte der Gemini-Foundation in der
Hand.
NÄCHSTE
WOCHE
Both
optimists and pessimists contribute to our society. The optimist
invents the airplane and the pessimist the parachute.
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