Sonntag, 30. September 2012

L'ennui est la grande maladie de la vie.


(Des Lebens große Krankheit ist die Langeweile.)
- Alfred de Vigny


„Nach meinem Sprung aus dem Flugzeug mit einem Fallschirm aus zu niedriger Höhe, wurde ich natürlich in ein Krankenhaus gebracht“, erzählte Herr Tuniak.
„Ich kann verstehen, dass sie in die Notaufnahme kamen“, sagte ich. „Aber danach? Sie hatten doch keinen Ausweis, Dokumente oder... Krankenversicherung?“
„Nein, aber die Spinne zahlte für alles.“

Die ersten Besucher, die Alexander in seinem Krankenzimmer empfing waren seine Mütter. Sie waren kurz nach seiner Einlieferung angekommen und hatten ihm versichert, dass er sich um nichts kümmern brauchte. Sie hätten alles unter Kontrolle.
„Danke“, sagte Alexander, auf seine beiden Beine blickend, die unter Gips versteckt waren. Miriam und Helena saßen auf zwei Sesseln neben dem Bett. Als er zu ihnen sah, musste Alexander kurz auflachen. „Ha, ich bin mittlerweile fast so alt wie ihr und ihr müsst immer noch auf mich aufpassen.“
„Du bist immer noch unser Kind“, meinte Miriam.
„Vor allem, wenn du so kindische Dummheiten anstellst, wie aus einem Flugzeug zu springen“, fügte Helena hinzu. „Wie fühlst du dich?“
„Recht gut, eigentlich“, sagte Alexander. „Ich habe keine Schmerzen, dass einzige Problem ist, dass es hier nichts zu tun gibt. Die ganzen Tage nur im Bett liegen und warten...“
„Die ganzen Tage? Du bist erst seit gestern hier“, sagte Helena.
„Ohne etwas zu tun! Ich habe nur den Fernseher und... Wer zahlt übrigens für das Zimmer hier?“
„Johannes“, sagte Miriam. „Er wartet draußen übrigens. Er will dich auch sehen.“
„Dann immer nur herein mit ihm.“
Johannes wurde von einer Schwester in das Zimmer gerollt. Helena und Miriam gingen hinaus, um Bücher für Alexander zu kaufen, damit er sich damit ein wenig ablenken konnte.
„Meine Mütter haben mir gesagt, dass du für die Kosten hier aufkommst“, sagte Alexander. „Danke.“
„Überhaupt kein Problem“, sagte Johannes. „Wenn ich es nicht täte, würde es Philip machen. Er hat sogar angeboten, einen Teil zu übernehmen, aber ich habe gesagt, dass es meine Schuld ist, dass du hier liegst. Ich habe dich schließlich auf Gemini angesetzt.“ Alexander wollte dagegen protestieren, aber Johannes hob eine Hand, um zu zeigen, dass er noch nicht fertig war. „Nein, ich habe es nicht so direkt gesagt, aber wir wissen beide, dass ich mit meinen... Bitten subtiler vorgehe, oder?“
Alexander nickte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das je zugeben würdest.“
„Werde ich auch nie wieder“, versprach Johannes. „Haben sie dir gesagt, wie lange die Heilung ungefähr dauern wird?“
„Vier Monate sicher, vielleicht sogar fünf oder sechs“, sagte Alexander.
„So lange?“
„Ich bin schon alt. Meine Knochen heilen nicht mehr so schnell.“
„Soll ich dir einen meiner Rollstühle borgen?“
„Damit ich von ihr entkommen kann? Jederzeit!“
Johannes schmunzelte. „Du bist einer der ungeduldigsten Patienten, die ich je gesehen habe und ich habe viel Zeit in Krankenhäusern verbracht.“
„Wie hast du dir die Zeit vertrieben? Es gibt absolut nichts zu tun“, wollte Alexander wissen.
„Oh, das erinnert mich: Dilara und Sean haben gefragt, ob sie dich besuchen können“, sagte Johannes.
„Unbedingt, ich bin über jeden Besuch dankbar.“

„Sie haben doch ein Jahr in einem Tempel verbracht, da war doch sicherlich auch nicht viel mehr los als in einem Krankenhaus“, sagte ich. „War es wirklich so schlimm oder...“
„...oder erinnere ich mich jetzt nur so daran?“, vollendete Herr Tuniak die Frage. „Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber nicht viel. Und im Tempel gab es sehr wohl Dinge zu tun: im Garten, Reparaturen, Training...“
„Sie hatten ja einen Fernseher, richtig?“
„Ja, aber ich habe nie viel geschaut“, sagte Herr Tuniak. Er zuckte mit den Schultern. „Aber zum Glück kamen mich viele meiner Freunde besuchen.“

Dilara und Sean betraten das Zimmer. Fünf Tage waren seit Alexanders Sturz vergangen und seitdem hatte er sie nur gesehen, als sie ihn in der Wüste gefunden und ins Krankenhaus gebracht hatten. Sie brachten ihm die entwickelten Photos mit, die sie alle drei während des Fluges geschossen hatten.
„Die Katze wollte dich auch besuchen kommen, aber sie lassen hier keine Tiere herein“, sagte Dilara. „Wieso bist du ihr eigentlich hinterher gesprungen? Weißt du nicht, dass Fallschirme nur ab einer gewissen Höhe funktionieren?“
„Warum hatten wir sie dann umgeschnallt?“, fragte Alexander lachend.
„Kennst du die Geschichte von dem Mann, es war ein Österreicher oder Franzose, der einen Fallschirm-Anzug erfunden hatte?“, fragte Sean. Alexander schüttelte den Kopf. „Er hat den gleichen Blödsinn gemacht, wie du.“
„Er wollte seinen Anzug testen und ist deswegen auf den Eiffelturm hinauf gestiegen“, nahm Dilara die Erzählung auf. „Er hätte den Anzug eigentlich zuerst mit Puppen testen sollen, aber er entschloss sich spontan, selbst zu springen.“
„Hat es funktioniert?“, fragte Alexander.
„Es hätte funktioniert, wenn der Eiffelturm höher gewesen wäre“, sagte Sean. „Aber so... Der Fall war zu kurz, als dass sich der Fallschirm voll entfalten hätte können. Bei ihm ging es aber nicht so glücklich aus, wie bei dir.“
„Wann war das?“
„Zu Beginn des Jahrhunderts, ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg“, antwortete Dilara.
„Habt ihr das extra für mich herausgefunden?“, fragte Alexander. „Damit ich nicht denke, ich wäre der Einzige, der solche Dummheiten macht?“
„Nein, es ist eine bekannte Geschichte bei Gemini“, erzählte Sean. „Unsere Gründerin war bei dem Experiment anwesend, deswegen haben wir es so gut dokumentiert. Wir könnten dir sogar eine Aufnahme davon zeigen...“
Alexander winkte ab. „Nein, danke. Aber ich würde gerne mehr über eure Gründerin erfahren.“
„Sammelst du immer noch Informationen für deinen Freund?“, fragte Dilara.
„Nein, ich interessiere mich wirklich für sie“, sagte Alexander ehrlich. „Und wie ihr sehen könnt, habe ich auch sonst nichts zu tun.“
Und so begannen Dilara und Sean zu erzählen.

„Blieben sie wirklich mehrere Monate in dem Krankenhaus?“, fragte ich.
„Nein, das wäre nicht nötig gewesen“, sagte Herr Tuniak. „Ich brauchte sehr bald keine intensive Behandlung mehr, sondern nur einen Ort, wo ich ruhig liegen und warten konnte, dass meine Knochen wieder verheilten.“

Miriam und Helena kamen in Alexanders Krankenzimmer.
„Falls eine der Schwestern fragt, wir sind deine beiden älteren Schwestern“, sagte Helena.
„Wieso das?“, fragte Alexander.
„Sie haben nicht geglaubt, dass wir alt genug sind, um deine Mütter zu sein“, erklärte Miriam. Alexander nahm seinen Rasierspiegel, der auf dem Kästchen neben seinem Bett lag und verglich sein Gesicht mit denen seiner Mütter. Ja, er konnte verstehen, dass ein Fremder ihn nur für wenige Jahre jünger als seine Mütter halten würde. Auch wenn keiner der drei genau mitgezählt hatte, wie viele subjektive Jahre für sie oder ihn vergangen waren, war es doch allen bewusst, dass sich der Abstand zwischen ihnen verringert hatte.
„Aber das macht auch nichts mehr, in drei Tagen kommst du hier heraus“, sagte Miriam.
„Zurück nach Leviathan?“, fragte Alexander. Es war der einzige Ort an den er denken konnte.
„Ja, Leviathan“, bestätigte Helena. „Allerdings nicht in diesem Jahr, sondern ein bisschen in der Zukunft. 2005, um genau zu sein.“
„Ich hatte eigentlich nicht vor noch einmal fast eine ganze Dekade zu überspringen“, sagte Alexander. „Warum passt diese Zeit nicht?“
Miriam und Helena wechselten schnell einen Blick untereinander, bevor Miriam sagte: „2005 gibt es auf Leviathan eine bessere medizinische Ausstattung. Estevan hat sie gebraucht?“
„Hat? Ist er gestorben?“, fragte Alexander.
Seine beiden Mütter nickten. „Wir werden dich einige Tage nach seinem Tod nach Leviathan bringen. Du wirst die ganzen Geräte wahrscheinlich sowieso nicht brauchen, aber es ist gut sie zur Sicherheit zu haben.“
Alexander war einverstanden. „Eine Frage noch: Woran ist Estevan gestorben?“
„Er war alt“, sagte Helena. Sie merkte, dass ihre Antwort eine Reaktion in Alexander auslöste und fragte deswegen: „Überrascht dich das?“
„Nein, nein“, antwortete Alexander. „Es ist nur... unser großes Familientreffen, wisst ihr?“
Seine Mütter wussten sofort, auf welches Treffen er anspielte. Es gab nur eigentlich nur dieses eine Treffen, der gesamten Familie. Es waren streng genommen nur drei Personen anwesend – Miriam, Helena und Alexander – aber sie kamen zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens dorthin, so dass Dutzende Versionen von jedem dort waren, die alle nur eines unterschied: ihr Alter.
„Als ich aus dem Flugzeug gesprungen bin, dauerte es einen Moment, bevor sich der Fallschirm öffnete“, fuhr Alexander fort. „Für diese eine Sekunde, dachte ich, er würde sich vielleicht doch nicht öffnen. Aber er tat es natürlich und ich erinnerte mich auch gleich daran, dass ich älteren Versionen von mir auf dem Treffen begegnet bin. Aber ich realisierte noch etwas: Ich bin mittlerweile einer der Ältesten dort. Es gibt nicht mehr viele, die älter sind.“
„Ich weiß, wie sich das anfühlt“, gestand Miriam und Helena stimmte ebenfalls zu. „Wir reisen zwar durch die Zeit, aber wir können ihr nicht entkommen.“
„Die letzten Jahre habe ich gelebt, als hätte ich unendlich viel Zeit“, erzählte Alexander. „Wenn ich sterbe, wird nichts von mir zurück bleiben, außer vielleicht ein paar Fußnoten zu seltsamen Ereignisse in der Geschichte.“
„Wir sind Zeitreisende. Wir sind nur Beobachter“, sagte Helena.
„Aber etwas müssen wir doch machen können“, sagte Alexander ärgerlich. Er beruhigte sich aber sofort wieder. „Entschuldigung. Ich weiß, dass wir die Zeit nicht verändern dürfen. Aber wenn ich den ganzen Tag nur hier im Bett liege und nichts tun kann, dann... dann kommen mir solche Gedanken.“
Miriam legte eine Hand auf seine Schulter. „Auf Leviathan wirst du Ablenkung finden“, versprach sie. „Und wenn es dir wieder besser geht, reden wir noch einmal darüber.“
Alexander nickte dankbar. Er sah vielleicht fast genau so alt aus, wie seine Mütter, aber er war immer noch ihr Kind. Und an Tagen wie diesen, war er sich sicher, dass er zwar alt, aber nicht erwachsen geworden war.

„Auf Leviathan ging es mir dann besser, als in dem Krankenhaus“, erzählte Herr Tuniak. „Dort fand ich genug Ablenkung und ich konnte auch mit einem Rollstuhl auf der Insel herum fahren. Oder geführt werden.“
„Unterrichteten sie auch?“, fragte ich.
„Natürlich“, bestätigte Herr Tuniak. „Und einer der Schüler fiel mir dabei besonders auf. Er hieß Ethan und war in Australien geboren worden. Er war besonders an Geschichte interessiert und wir unterhielten uns oft bis in die späte Nacht hinein. Er musste nämlich nicht schlafen.“
„Wie geht das?“, fragte ich. „Wird man nicht verrückt, wenn man mehr als eine Woche lang nicht schläft?“
„Nicht, wenn man schläft wie Delphine“, sagte Herr Tuniak. „Bei den meisten Menschen, sind die beiden Gehirnhälften mit einem Balken verbunden. Ethan fehlt dieser Balken. Das macht einiges für ihn schwieriger, aber er hat sich antrainiert, mit immer nur einer Gehirnhälfte zu schlafen. Wenn man ihn so 'schlafend' sieht, merkt man nur, dass er langsamer ist als normal und manche Dinge nicht tun kann. Aber er ist immer noch munter.“ Herr Tuniak seufzte. „Ich wusste damals aber noch nicht, dass sein Interesse an Geschichte aber einen ganz bestimmten Grund hatte.“



NÄCHSTE WOCHE
Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze...

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