(Des Lebens große
Krankheit ist die Langeweile.)
- Alfred de Vigny
„Nach meinem Sprung aus
dem Flugzeug mit einem Fallschirm aus zu niedriger Höhe, wurde ich
natürlich in ein Krankenhaus gebracht“, erzählte Herr Tuniak.
„Ich kann verstehen,
dass sie in die Notaufnahme kamen“, sagte ich. „Aber danach? Sie
hatten doch keinen Ausweis, Dokumente oder... Krankenversicherung?“
„Nein, aber die Spinne
zahlte für alles.“
Die ersten Besucher, die
Alexander in seinem Krankenzimmer empfing waren seine Mütter. Sie
waren kurz nach seiner Einlieferung angekommen und hatten ihm
versichert, dass er sich um nichts kümmern brauchte. Sie hätten
alles unter Kontrolle.
„Danke“, sagte
Alexander, auf seine beiden Beine blickend, die unter Gips versteckt
waren. Miriam und Helena saßen auf zwei Sesseln neben dem Bett. Als
er zu ihnen sah, musste Alexander kurz auflachen. „Ha, ich bin
mittlerweile fast so alt wie ihr und ihr müsst immer noch auf mich
aufpassen.“
„Du bist immer noch
unser Kind“, meinte Miriam.
„Vor allem, wenn du so
kindische Dummheiten anstellst, wie aus einem Flugzeug zu springen“,
fügte Helena hinzu. „Wie fühlst du dich?“
„Recht gut,
eigentlich“, sagte Alexander. „Ich habe keine Schmerzen, dass
einzige Problem ist, dass es hier nichts zu tun gibt. Die ganzen Tage
nur im Bett liegen und warten...“
„Die ganzen Tage? Du
bist erst seit gestern hier“, sagte Helena.
„Ohne etwas zu tun! Ich
habe nur den Fernseher und... Wer zahlt übrigens für das Zimmer
hier?“
„Johannes“, sagte
Miriam. „Er wartet draußen übrigens. Er will dich auch sehen.“
„Dann immer nur herein
mit ihm.“
Johannes wurde von einer
Schwester in das Zimmer gerollt. Helena und Miriam gingen hinaus, um
Bücher für Alexander zu kaufen, damit er sich damit ein wenig
ablenken konnte.
„Meine Mütter haben
mir gesagt, dass du für die Kosten hier aufkommst“, sagte
Alexander. „Danke.“
„Überhaupt kein
Problem“, sagte Johannes. „Wenn ich es nicht täte, würde es
Philip machen. Er hat sogar angeboten, einen Teil zu übernehmen,
aber ich habe gesagt, dass es meine Schuld ist, dass du hier liegst.
Ich habe dich schließlich auf Gemini angesetzt.“ Alexander wollte
dagegen protestieren, aber Johannes hob eine Hand, um zu zeigen, dass
er noch nicht fertig war. „Nein, ich habe es nicht so direkt
gesagt, aber wir wissen beide, dass ich mit meinen... Bitten subtiler
vorgehe, oder?“
Alexander nickte. „Ich
hätte nicht gedacht, dass du das je zugeben würdest.“
„Werde ich auch nie
wieder“, versprach Johannes. „Haben sie dir gesagt, wie lange die
Heilung ungefähr dauern wird?“
„Vier Monate sicher,
vielleicht sogar fünf oder sechs“, sagte Alexander.
„So lange?“
„Ich bin schon alt.
Meine Knochen heilen nicht mehr so schnell.“
„Soll ich dir einen
meiner Rollstühle borgen?“
„Damit ich von ihr
entkommen kann? Jederzeit!“
Johannes schmunzelte. „Du
bist einer der ungeduldigsten Patienten, die ich je gesehen habe und
ich habe viel Zeit in Krankenhäusern verbracht.“
„Wie hast du dir die
Zeit vertrieben? Es gibt absolut nichts zu tun“, wollte Alexander
wissen.
„Oh, das erinnert mich:
Dilara und Sean haben gefragt, ob sie dich besuchen können“, sagte
Johannes.
„Unbedingt, ich bin
über jeden Besuch dankbar.“
„Sie haben doch ein
Jahr in einem Tempel verbracht, da war doch sicherlich auch nicht
viel mehr los als in einem Krankenhaus“, sagte ich. „War es
wirklich so schlimm oder...“
„...oder erinnere ich
mich jetzt nur so daran?“, vollendete Herr Tuniak die Frage. „Ich
übertreibe vielleicht ein wenig, aber nicht viel. Und im Tempel gab
es sehr wohl Dinge zu tun: im Garten, Reparaturen, Training...“
„Sie hatten ja einen
Fernseher, richtig?“
„Ja, aber ich habe nie
viel geschaut“, sagte Herr Tuniak. Er zuckte mit den Schultern.
„Aber zum Glück kamen mich viele meiner Freunde besuchen.“
Dilara und Sean betraten
das Zimmer. Fünf Tage waren seit Alexanders Sturz vergangen und
seitdem hatte er sie nur gesehen, als sie ihn in der Wüste gefunden
und ins Krankenhaus gebracht hatten. Sie brachten ihm die
entwickelten Photos mit, die sie alle drei während des Fluges
geschossen hatten.
„Die Katze wollte dich
auch besuchen kommen, aber sie lassen hier keine Tiere herein“,
sagte Dilara. „Wieso bist du ihr eigentlich hinterher gesprungen?
Weißt du nicht, dass Fallschirme nur ab einer gewissen Höhe
funktionieren?“
„Warum hatten wir sie
dann umgeschnallt?“, fragte Alexander lachend.
„Kennst du die
Geschichte von dem Mann, es war ein Österreicher oder Franzose, der
einen Fallschirm-Anzug erfunden hatte?“, fragte Sean. Alexander
schüttelte den Kopf. „Er hat den gleichen Blödsinn gemacht, wie
du.“
„Er wollte seinen Anzug
testen und ist deswegen auf den Eiffelturm hinauf gestiegen“, nahm
Dilara die Erzählung auf. „Er hätte den Anzug eigentlich zuerst
mit Puppen testen sollen, aber er entschloss sich spontan, selbst zu
springen.“
„Hat es funktioniert?“,
fragte Alexander.
„Es hätte
funktioniert, wenn der Eiffelturm höher gewesen wäre“, sagte
Sean. „Aber so... Der Fall war zu kurz, als dass sich der
Fallschirm voll entfalten hätte können. Bei ihm ging es aber nicht
so glücklich aus, wie bei dir.“
„Wann war das?“
„Zu Beginn des
Jahrhunderts, ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg“, antwortete
Dilara.
„Habt ihr das extra für
mich herausgefunden?“, fragte Alexander. „Damit ich nicht denke,
ich wäre der Einzige, der solche Dummheiten macht?“
„Nein, es ist eine
bekannte Geschichte bei Gemini“, erzählte Sean. „Unsere
Gründerin war bei dem Experiment anwesend, deswegen haben wir es so
gut dokumentiert. Wir könnten dir sogar eine Aufnahme davon
zeigen...“
Alexander winkte ab.
„Nein, danke. Aber ich würde gerne mehr über eure Gründerin
erfahren.“
„Sammelst du immer noch
Informationen für deinen Freund?“, fragte Dilara.
„Nein, ich interessiere
mich wirklich für sie“, sagte Alexander ehrlich. „Und wie ihr
sehen könnt, habe ich auch sonst nichts zu tun.“
Und so begannen Dilara
und Sean zu erzählen.
„Blieben sie wirklich
mehrere Monate in dem Krankenhaus?“, fragte ich.
„Nein, das wäre nicht
nötig gewesen“, sagte Herr Tuniak. „Ich brauchte sehr bald keine
intensive Behandlung mehr, sondern nur einen Ort, wo ich ruhig liegen
und warten konnte, dass meine Knochen wieder verheilten.“
Miriam und Helena kamen
in Alexanders Krankenzimmer.
„Falls eine der
Schwestern fragt, wir sind deine beiden älteren Schwestern“, sagte
Helena.
„Wieso das?“, fragte
Alexander.
„Sie haben nicht
geglaubt, dass wir alt genug sind, um deine Mütter zu sein“,
erklärte Miriam. Alexander nahm seinen Rasierspiegel, der auf dem
Kästchen neben seinem Bett lag und verglich sein Gesicht mit denen
seiner Mütter. Ja, er konnte verstehen, dass ein Fremder ihn nur für
wenige Jahre jünger als seine Mütter halten würde. Auch wenn
keiner der drei genau mitgezählt hatte, wie viele subjektive Jahre
für sie oder ihn vergangen waren, war es doch allen bewusst, dass
sich der Abstand zwischen ihnen verringert hatte.
„Aber das macht auch
nichts mehr, in drei Tagen kommst du hier heraus“, sagte Miriam.
„Zurück nach
Leviathan?“, fragte Alexander. Es war der einzige Ort an den er
denken konnte.
„Ja, Leviathan“,
bestätigte Helena. „Allerdings nicht in diesem Jahr, sondern ein
bisschen in der Zukunft. 2005, um genau zu sein.“
„Ich hatte eigentlich
nicht vor noch einmal fast eine ganze Dekade zu überspringen“,
sagte Alexander. „Warum passt diese Zeit nicht?“
Miriam und Helena
wechselten schnell einen Blick untereinander, bevor Miriam sagte:
„2005 gibt es auf Leviathan eine bessere medizinische Ausstattung.
Estevan hat sie gebraucht?“
„Hat? Ist er
gestorben?“, fragte Alexander.
Seine beiden Mütter
nickten. „Wir werden dich einige Tage nach seinem Tod nach
Leviathan bringen. Du wirst die ganzen Geräte wahrscheinlich sowieso
nicht brauchen, aber es ist gut sie zur Sicherheit zu haben.“
Alexander war
einverstanden. „Eine Frage noch: Woran ist Estevan gestorben?“
„Er war alt“, sagte
Helena. Sie merkte, dass ihre Antwort eine Reaktion in Alexander
auslöste und fragte deswegen: „Überrascht dich das?“
„Nein, nein“,
antwortete Alexander. „Es ist nur... unser großes Familientreffen,
wisst ihr?“
Seine Mütter wussten
sofort, auf welches Treffen er anspielte. Es gab nur eigentlich nur
dieses eine Treffen, der gesamten Familie. Es waren streng genommen
nur drei Personen anwesend – Miriam, Helena und Alexander – aber
sie kamen zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens dorthin, so dass
Dutzende Versionen von jedem dort waren, die alle nur eines
unterschied: ihr Alter.
„Als ich aus dem
Flugzeug gesprungen bin, dauerte es einen Moment, bevor sich der
Fallschirm öffnete“, fuhr Alexander fort. „Für diese eine
Sekunde, dachte ich, er würde sich vielleicht doch nicht öffnen.
Aber er tat es natürlich und ich erinnerte mich auch gleich daran,
dass ich älteren Versionen von mir auf dem Treffen begegnet bin.
Aber ich realisierte noch etwas: Ich bin mittlerweile einer der
Ältesten dort. Es gibt nicht mehr viele, die älter sind.“
„Ich weiß, wie sich
das anfühlt“, gestand Miriam und Helena stimmte ebenfalls zu. „Wir
reisen zwar durch die Zeit, aber wir können ihr nicht entkommen.“
„Die letzten Jahre habe
ich gelebt, als hätte ich unendlich viel Zeit“, erzählte
Alexander. „Wenn ich sterbe, wird nichts von mir zurück bleiben,
außer vielleicht ein paar Fußnoten zu seltsamen Ereignisse in der
Geschichte.“
„Wir sind Zeitreisende.
Wir sind nur Beobachter“, sagte Helena.
„Aber etwas müssen wir
doch machen können“, sagte Alexander ärgerlich. Er beruhigte sich
aber sofort wieder. „Entschuldigung. Ich weiß, dass wir die Zeit
nicht verändern dürfen. Aber wenn ich den ganzen Tag nur hier im
Bett liege und nichts tun kann, dann... dann kommen mir solche
Gedanken.“
Miriam legte eine Hand
auf seine Schulter. „Auf Leviathan wirst du Ablenkung finden“,
versprach sie. „Und wenn es dir wieder besser geht, reden wir noch
einmal darüber.“
Alexander nickte dankbar.
Er sah vielleicht fast genau so alt aus, wie seine Mütter, aber er
war immer noch ihr Kind. Und an Tagen wie diesen, war er sich sicher,
dass er zwar alt, aber nicht erwachsen geworden war.
„Auf Leviathan ging es
mir dann besser, als in dem Krankenhaus“, erzählte Herr Tuniak.
„Dort fand ich genug Ablenkung und ich konnte auch mit einem
Rollstuhl auf der Insel herum fahren. Oder geführt werden.“
„Unterrichteten sie
auch?“, fragte ich.
„Natürlich“,
bestätigte Herr Tuniak. „Und einer der Schüler fiel mir dabei
besonders auf. Er hieß Ethan und war in Australien geboren worden.
Er war besonders an Geschichte interessiert und wir unterhielten uns
oft bis in die späte Nacht hinein. Er musste nämlich nicht
schlafen.“
„Wie geht das?“,
fragte ich. „Wird man nicht verrückt, wenn man mehr als eine Woche
lang nicht schläft?“
„Nicht, wenn man
schläft wie Delphine“, sagte Herr Tuniak. „Bei den meisten
Menschen, sind die beiden Gehirnhälften mit einem Balken verbunden.
Ethan fehlt dieser Balken. Das macht einiges für ihn schwieriger,
aber er hat sich antrainiert, mit immer nur einer Gehirnhälfte zu
schlafen. Wenn man ihn so 'schlafend' sieht, merkt man nur, dass er
langsamer ist als normal und manche Dinge nicht tun kann. Aber er ist
immer noch munter.“ Herr Tuniak seufzte. „Ich wusste damals aber
noch nicht, dass sein Interesse an Geschichte aber einen ganz
bestimmten Grund hatte.“
NÄCHSTE WOCHE
Seine Briefe sind das
schönste Andenken, das ich von ihm besitze...
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