Sonntag, 7. Oktober 2012

Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze...


- Johann Wolfgang von Goethe


„Sie können sich nach unserem Treffen letzte Woche sicher denken, dass ich es kaum erwarten konnte, das meine Beine wieder geheilt waren“, sagte Herr Tuniak. „Und kaum konnte ich wieder gehen, nahm ich gleich mehrere Projekte in Angriff.“
„Sie wollten die im Krankenbett verlorene Zeit wieder gut machen?“, fragte ich.
„So könnte man es sagen“, bestätigte Herr Tuniak. „Als erstes beschloss ich, wieder regelmäßiger nach Leviathan zurück zu kehren und dort auch zu unterrichten.“
„Sie haben das letzte Woche schon erwähnt“, erinnerte ich ihn. „Sie haben dabei auch einen Schüler besonders hervor gehoben... Ethan.“
„Ja, ich weiß“, sagte Herr Tuniak. „Über ihn... vielleicht komme ich heute noch dazu. Außerdem wollte ich anfangen mit Gemini zusammen zu arbeiten. Nur kurze Zeit nach meinem Unfall waren meine Mütter Gemini beigetreten und zu meiner Überraschung hatten sie von Anfang an zugegeben, dass sie Zeitreisende waren. Aber auch wenn ich wieder gehen konnte, musste ich noch aufpassen, also konnte ich niemanden von Gemini auf einer größeren Expedition begleiten. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht viel gereist bin.“
„Mit den Schülern der Leviathan-Schule?“, fragte ich.
„Ganz genau“, sagte Herr Tuniak. „Wie früher meine Mütter mit meinen Freunden und mir, nahm diesmal ich die Kinder mit der Zeitmaschien zu den verschiedensten Orten und zu den verschiedensten Zeiten mit. Ab und zu begleitete uns Alice oder einer der anderen Lehrer auch.“
„Alice war auch wieder nach Leviathan zurück gekehrt?“, fragte ich.
„Ja, sie hatte ihren Beruf als Sprecherin für Hörbücher aufgegeben und hatte begonnen selbst Bücher zu schreiben“, erzählte Herr Tuniak. „Teilweise Romane, teilweise Reisebücher. Es waren recht interessante Reisebücher, sie hat keine Fakten aufgezählt, sondern nur Geschichten, Legenden... Der Vorteil ihres neuen Jobs war, dass sie an keinen Ort gebunden war.“
Ich hatte schon als ich das Büro betreten hatte gesehen, dass Herr Tuniak einen Kartonbox vor sich auf dem Schreibtisch stehen hatte. Ich hatte mich natürlich gefragt, was sich in der Box befinden könnte, vor allem, weil sie nicht sonderlich groß war. Aber meine Neugierde sollte jetzt befriedigt werden. Herr Tuniak öffnete die Box und ich sah, dass sich mehrere Briefe darin befanden.
„Wenn wir mit den Kindern durch die Zeit reisten, dann hatten sie nach unserer Rückkehr die Aufgabe, einen Bericht über das Erlebte zu schreiben“, erzählte Herr Tuniak. „Eine der Schülerinnen war Carla. Sie erinnern sich noch an sie?“
„Die Tochter von Cate, oder?“, sagte ich. „Wir haben sie auf Leviathan getroffen und bei der Gemini Unterwasser-Station.“
„Sie hatte die Idee, Briefe über unsere Reisen zu schreiben“, erzählte Herr Tuniak.
„An wen?“, fragte ich. „An ihre Eltern?“
„Nein, ihre Eltern wussten, was wir taten und besuchten uns oft“, sagte Herr Tuniak. „Nein, sie schickte ihre Briefe an zufällig ausgewählte Personen. Sie suchte sich Namen und Adressen aus dem Internet und schickte Menschen, die sie nie zuvor getroffen hatte und die sie nicht kannte, diese Briefe.“ Er legte einige der Briefe aus der Box und auf den Schreibtisch vor sich. „Wenn ich daran gedacht habe, habe ich sie gebeten diese Briefe zu kopieren. Ich dachte, sie würden eine nette Erinnerung sein und sie werden normalerweise in der Schule selbst aufbewahrt.“ Er schob die Zettel auf dem Tisch zu mir herüber. „Ich war gestern auf Leviathan und habe einige Briefe ausgeborgt. Wollen sie welche lesen?“
Natürlich wollte ich das. Hier sind drei Auszüge:

Wir haben gestern ihre Stadt besucht. Haben sie immer so starke Gewitter? Es war fast so, als wären wir wieder in Catacumbo. Kennen sie das? Das liegt in Venezuela, in Südamerika. Dort gibt es seit Jahrhunderten ein Gewitter. Das einzige Mal, dass es aufgehört hat, war vor ungefähr hundert Jahren. Aber auch dann nur für drei Wochen und dann hat das Gewitter wieder angefangen.
Also, so ähnlich habe ich mich gestern in ihrer Stadt gefühlt.
Wir waren bei den Fabriken. In unserer Schule lernen wir gerade, wie sich Tiere und Pflanzen an neue Lebensräume anpassen. Wir haben letzte Woche Motten gesehen, die die Farbe ihrer Flügel geändert haben. Weil sie in der Nähe von Fabriken leben, haben ihre Flügel jetzt nicht mehr die Farbe von Baumrinden, sondern von Asche. Damit können sie von Vögeln nicht mehr so leicht gesehen werden. Vor allem in stark verschmutzen Gebieten mit viel Smog ist das nützlich.
Heute haben wir gelernt, wie Pflanzen selbst aus Mist noch gute Dinge machen können. Wir waren bei einer Metallfabrik, die ihr Abwasser nicht ordentlich gereinigt hat. Deswegen ist Metall in das Grundwasser gelangt und viele Leute musste ihre Häuser verlassen. Das wissen sie sicher.
Die meisten Pflanzen dort sind auch abgestorben, aber einige Bäume haben es geschafft zu überleben. Wir sind während eines Gewitters zu diesen Bäumen gefahren. Wir blieben natürlich die ganze Zeit im Auto, weil es sonst zu gefährlich gewesen war. Wir haben gesehen, wie Blitze mehrmals in die Bäume eingeschlagen haben. Wussten sie übrigens, dass die meisten Blitze in den Wolken bleiben und nur ganz wenige im Boden einschlagen?
Die Blitze haben in die Bäume eingeschlagen, aber die Bäume sind nicht zerbrochen oder in haben angefangen zu brennen. Wir haben gewartet, bis das Gewitter vorbei war und sind dann zu den Bäumen gegangen. Die Rinde der Bäume war nicht ganz braun, sondern es gab viele dünne graue Streifen dort. Das war Metall, das die Bäume aus dem Grundwasser bekommen haben. Sie haben mit dem Metall auf ihren Rinde so etwas wie Kabeln, wie Leitungen gelegt. Und immer wenn ein Blitz in den Baum jetzt einschlägt, wird die ganze Energie an der Rinde entlang in den Boden geleitet. Der Baum wird nur ganz wenig verletzt.
Sie müssen sich diese Bäume unbedingt einmal selbst anschauen.


Haben sie schon einmal einen Schutzanzug getragen?
Wir haben das heute bei unserem Ausflug machen müssen. Wir haben Anzüge getragen, fast wie Astronauten. Wir konnten nur langsam und vorsichtig damit gehen, denn sie waren schwer und der Anzug war auch über unseren Köpfen und wir haben nur durch ein Fenster sehen können.
Wir haben die Anzüge gebraucht, weil wir in einen gefährlichen See besucht haben. Er heißt Laguna Caliente. Er hat kein normales Wasser, sonder sein Wasser ist wie Säure! Es gibt keine Fische oder andere Tiere, die in dem See leben können. Und er ist auf einem Vulkan. Manchmal spuckt der See sein Wasser in die Luft und dann wird es ein gefährlicher Nebel. Obwohl sich der See im Urwald befindet, gibt um ihn herum nur Steine. Der saure Nebel hat nämlich alle Pflanzen rundherum getötet. Wenn man nur kurz dort bleibt und es keinen Nebel gibt, dann braucht man keinen Schutzanzug. Aber wir wollten länger dort bleiben.
Wir haben von dem See von einem Mann in einer Stadt dort gehört. Ich weiß nicht mehr, wie er geheißen hat, weil ich immer nur auf seine Fingernägel geschaut habe. Sie waren alle unterschiedlich lang. Ich habe unseren Lehrer gebeten zu fragen, warum. Der Mann hat geantwortet, dass seine Finger Werkzeuge sind und wenn er alle Nägel gleich lang haben würde, dann hätte er zehn Mal das gleiche Werkzeug und das braucht er nicht. Deswegen hat er sie unterschiedlich lang geschnitten.
Der Mann hat uns auch erzählt, dass der See seine Farbe wechseln kann. Deswegen sind wir so lange dort geblieben. Wir wollten sehen, ob er das wirklich kann. Als wir gekommen sind, war der See blau und grün. Wir ein normaler See fast. Wir haben gewartet. Es war einige Stunden gedauert, aber wir konnten sehen, wie sich die Farbe langsam wirklich geändert hat. Der See wurde grauer und grauer. Er hat auch zu brodeln angefangen.
Als er das gemacht hat, hat unser Lehrer gesagt, dass wir gehen müssen. Der See war nämlich wieder kurz davor Wasser in die Luft zu spucken. Und er kann sehr weit spucken, bis zu einem Kilometer in die Luft. Da wollten wir nicht mehr in der Nähe sein.


Ich möchte ihnen etwas erzählen, was wie ein Witz klingt:
In Australien gibt es jedes Jahr eine Regatta in einem Fluss. Es ist eine große Veranstaltung und viele Touristen kommen jedes Jahr dorthin. Einmal musste die Regatta aber abgesagt werden. „Warum?“, haben die Touristen den Bürgermeister gefragt. Der Bürgermeister hat geantwortet: „Weil Wasser im Fluss ist.“
Das ist kein Witz. Das passierte wirklich vor etwas mehr als zehn Jahren in Alice Springs. Das liegt in Australien. Ein Schulkollege hat vorgeschlagen, dass wir dieses Jahr dieses „Rennen“ besuchen sollen.
Es findet in einem ausgetrockneten Flussbett statt, dem Todd-Fluss. Und es findet nur statt, wenn der Fluss ausgetrocknet ist. An den „Ufern“ werden „Angeln verboten“-Schilde aufgestellt, es gibt Rettungsschwimmer und Schwimmreifen. Es ist alles wie bei einer echten Regatta, nur dass es kein Wasser gibt.
Jeder kann mitmachen, wenn er ein Boot hat. Das Boot kann man ganz wie man will bauen. Man muss es aber so leicht bauen, damit man es in dem trockenen Flussbett tragen kann. Denn bei dieser Regatta werden die Boote alle getragen. Deswegen haben sie auch alle keinen Boden. Manche Leute kommen aber gar nicht mit Booten. Ich habe einen Mann gesehen, der mit einer umgebauten Badewanne gekommen ist.
Bei den Rennen ist es auch erlaubt, den Gegner anzugreifen. Man darf nicht mit Fäusten schlagen, aber man darf mit Wasserpistolen spritzen und mit Wasserbomben werfen. Deswegen nennen sich manche Mannschaften auch „Piraten“ oder „Wikinger“. Leider treffen sie nicht immer genau. Wir sind am „Ufer“ ganz vorne gestanden, damit wir eine gute Sicht haben und zwei Wasserbomben haben uns getroffen. Wir waren ganz nass, aber zum Glück war es so heiß, dass unser Gewand schnell wieder getrocknet ist.


„Ich wünschte meine Schule hätte solche Ausflüge mit uns unternommen“, sagte ich und gab Herrn Tuniak die Briefe zurück. „Sie waren sicher ein sehr beliebter Lehrer.“
„Meistens“, sagte Herr Tuniak.
„Der Schüler, der diese Regatta in Australien besuchen wollte... war das Ethan?“, fragte ich.
„Ja. Er ist in Alice Springs geboren worden und kannte sie deswegen sehr gut. Mir hätte allerdings auffallen müssen, dass er bei allen unseren Reisen, das meiste Interesse an der Zeitmaschine selbst zeigte. Aber so etwas fällt einem immer nur im Nachhinein auf.“



NÄCHSTE WOCHE
There must have been a moment, at the beginning, were we could have said -- no. But somehow we missed it.

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