- Johann Wolfgang von
Goethe
„Sie können sich nach
unserem Treffen letzte Woche sicher denken, dass ich es kaum erwarten
konnte, das meine Beine wieder geheilt waren“, sagte Herr Tuniak.
„Und kaum konnte ich wieder gehen, nahm ich gleich mehrere Projekte
in Angriff.“
„Sie wollten die im
Krankenbett verlorene Zeit wieder gut machen?“, fragte ich.
„So könnte man es
sagen“, bestätigte Herr Tuniak. „Als erstes beschloss ich,
wieder regelmäßiger nach Leviathan zurück zu kehren und dort auch
zu unterrichten.“
„Sie haben das letzte
Woche schon erwähnt“, erinnerte ich ihn. „Sie haben dabei auch
einen Schüler besonders hervor gehoben... Ethan.“
„Ja, ich weiß“,
sagte Herr Tuniak. „Über ihn... vielleicht komme ich heute noch
dazu. Außerdem wollte ich anfangen mit Gemini zusammen zu arbeiten.
Nur kurze Zeit nach meinem Unfall waren meine Mütter Gemini
beigetreten und zu meiner Überraschung hatten sie von Anfang an
zugegeben, dass sie Zeitreisende waren. Aber auch wenn ich wieder
gehen konnte, musste ich noch aufpassen, also konnte ich niemanden
von Gemini auf einer größeren Expedition begleiten. Das heißt
natürlich nicht, dass ich nicht viel gereist bin.“
„Mit den Schülern der
Leviathan-Schule?“, fragte ich.
„Ganz genau“, sagte
Herr Tuniak. „Wie früher meine Mütter mit meinen Freunden und
mir, nahm diesmal ich die Kinder mit der Zeitmaschien zu den
verschiedensten Orten und zu den verschiedensten Zeiten mit. Ab und
zu begleitete uns Alice oder einer der anderen Lehrer auch.“
„Alice war auch wieder
nach Leviathan zurück gekehrt?“, fragte ich.
„Ja, sie hatte ihren
Beruf als Sprecherin für Hörbücher aufgegeben und hatte begonnen
selbst Bücher zu schreiben“, erzählte Herr Tuniak. „Teilweise
Romane, teilweise Reisebücher. Es waren recht interessante
Reisebücher, sie hat keine Fakten aufgezählt, sondern nur
Geschichten, Legenden... Der Vorteil ihres neuen Jobs war, dass sie
an keinen Ort gebunden war.“
Ich hatte schon als ich
das Büro betreten hatte gesehen, dass Herr Tuniak einen Kartonbox
vor sich auf dem Schreibtisch stehen hatte. Ich hatte mich natürlich
gefragt, was sich in der Box befinden könnte, vor allem, weil sie
nicht sonderlich groß war. Aber meine Neugierde sollte jetzt
befriedigt werden. Herr Tuniak öffnete die Box und ich sah, dass
sich mehrere Briefe darin befanden.
„Wenn wir mit den
Kindern durch die Zeit reisten, dann hatten sie nach unserer Rückkehr
die Aufgabe, einen Bericht über das Erlebte zu schreiben“,
erzählte Herr Tuniak. „Eine der Schülerinnen war Carla. Sie
erinnern sich noch an sie?“
„Die Tochter von Cate,
oder?“, sagte ich. „Wir haben sie auf Leviathan getroffen und bei
der Gemini Unterwasser-Station.“
„Sie hatte die Idee,
Briefe über unsere Reisen zu schreiben“, erzählte Herr Tuniak.
„An wen?“, fragte
ich. „An ihre Eltern?“
„Nein, ihre Eltern
wussten, was wir taten und besuchten uns oft“, sagte Herr Tuniak.
„Nein, sie schickte ihre Briefe an zufällig ausgewählte Personen.
Sie suchte sich Namen und Adressen aus dem Internet und schickte
Menschen, die sie nie zuvor getroffen hatte und die sie nicht kannte,
diese Briefe.“ Er legte einige der Briefe aus der Box und auf den
Schreibtisch vor sich. „Wenn ich daran gedacht habe, habe ich sie
gebeten diese Briefe zu kopieren. Ich dachte, sie würden eine nette
Erinnerung sein und sie werden normalerweise in der Schule selbst
aufbewahrt.“ Er schob die Zettel auf dem Tisch zu mir herüber.
„Ich war gestern auf Leviathan und habe einige Briefe ausgeborgt.
Wollen sie welche lesen?“
Natürlich wollte ich
das. Hier sind drei Auszüge:
Wir
haben gestern ihre Stadt besucht. Haben sie immer so starke Gewitter?
Es war fast so, als wären wir wieder in Catacumbo. Kennen sie das?
Das liegt in Venezuela, in Südamerika. Dort gibt es seit
Jahrhunderten ein Gewitter. Das einzige Mal, dass es aufgehört hat,
war vor ungefähr hundert Jahren. Aber auch dann nur für drei Wochen
und dann hat das Gewitter wieder angefangen.
Also,
so ähnlich habe ich mich gestern in ihrer Stadt gefühlt.
Wir
waren bei den Fabriken. In unserer Schule lernen wir gerade, wie sich
Tiere und Pflanzen an neue Lebensräume anpassen. Wir haben letzte
Woche Motten gesehen, die die Farbe ihrer Flügel geändert haben.
Weil sie in der Nähe von Fabriken leben, haben ihre Flügel jetzt
nicht mehr die Farbe von Baumrinden, sondern von Asche. Damit können
sie von Vögeln nicht mehr so leicht gesehen werden. Vor allem in
stark verschmutzen Gebieten mit viel Smog ist das nützlich.
Heute
haben wir gelernt, wie Pflanzen selbst aus Mist noch gute Dinge
machen können. Wir waren bei einer Metallfabrik, die ihr Abwasser
nicht ordentlich gereinigt hat. Deswegen ist Metall in das
Grundwasser gelangt und viele Leute musste ihre Häuser verlassen.
Das wissen sie sicher.
Die
meisten Pflanzen dort sind auch abgestorben, aber einige Bäume haben
es geschafft zu überleben. Wir sind während eines Gewitters zu
diesen Bäumen gefahren. Wir blieben natürlich die ganze Zeit im
Auto, weil es sonst zu gefährlich gewesen war. Wir haben gesehen,
wie Blitze mehrmals in die Bäume eingeschlagen haben. Wussten sie
übrigens, dass die meisten Blitze in den Wolken bleiben und nur ganz
wenige im Boden einschlagen?
Die
Blitze haben in die Bäume eingeschlagen, aber die Bäume sind nicht
zerbrochen oder in haben angefangen zu brennen. Wir haben gewartet,
bis das Gewitter vorbei war und sind dann zu den Bäumen gegangen.
Die Rinde der Bäume war nicht ganz braun, sondern es gab viele dünne
graue Streifen dort. Das war Metall, das die Bäume aus dem
Grundwasser bekommen haben. Sie haben mit dem Metall auf ihren Rinde
so etwas wie Kabeln, wie Leitungen gelegt. Und immer wenn ein Blitz
in den Baum jetzt einschlägt, wird die ganze Energie an der Rinde
entlang in den Boden geleitet. Der Baum wird nur ganz wenig verletzt.
Sie
müssen sich diese Bäume unbedingt einmal selbst anschauen.
Haben
sie schon einmal einen Schutzanzug getragen?
Wir
haben das heute bei unserem Ausflug machen müssen. Wir haben Anzüge
getragen, fast wie Astronauten. Wir konnten nur langsam und
vorsichtig damit gehen, denn sie waren schwer und der Anzug war auch
über unseren Köpfen und wir haben nur durch ein Fenster sehen
können.
Wir
haben die Anzüge gebraucht, weil wir in einen gefährlichen See
besucht haben. Er heißt Laguna Caliente. Er hat kein normales
Wasser, sonder sein Wasser ist wie Säure! Es gibt keine Fische oder
andere Tiere, die in dem See leben können. Und er ist auf einem
Vulkan. Manchmal spuckt der See sein Wasser in die Luft und dann wird
es ein gefährlicher Nebel. Obwohl sich der See im Urwald befindet,
gibt um ihn herum nur Steine. Der saure Nebel hat nämlich alle
Pflanzen rundherum getötet. Wenn man nur kurz dort bleibt und es
keinen Nebel gibt, dann braucht man keinen Schutzanzug. Aber wir
wollten länger dort bleiben.
Wir
haben von dem See von einem Mann in einer Stadt dort gehört. Ich
weiß nicht mehr, wie er geheißen hat, weil ich immer nur auf seine
Fingernägel geschaut habe. Sie waren alle unterschiedlich lang. Ich
habe unseren Lehrer gebeten zu fragen, warum. Der Mann hat
geantwortet, dass seine Finger Werkzeuge sind und wenn er alle Nägel
gleich lang haben würde, dann hätte er zehn Mal das gleiche
Werkzeug und das braucht er nicht. Deswegen hat er sie
unterschiedlich lang geschnitten.
Der
Mann hat uns auch erzählt, dass der See seine Farbe wechseln kann.
Deswegen sind wir so lange dort geblieben. Wir wollten sehen, ob er
das wirklich kann. Als wir gekommen sind, war der See blau und grün.
Wir ein normaler See fast. Wir haben gewartet. Es war einige Stunden
gedauert, aber wir konnten sehen, wie sich die Farbe langsam wirklich
geändert hat. Der See wurde grauer und grauer. Er hat auch zu
brodeln angefangen.
Als
er das gemacht hat, hat unser Lehrer gesagt, dass wir gehen müssen.
Der See war nämlich wieder kurz davor Wasser in die Luft zu spucken.
Und er kann sehr weit spucken, bis zu einem Kilometer in die Luft. Da
wollten wir nicht mehr in der Nähe sein.
Ich
möchte ihnen etwas erzählen, was wie ein Witz klingt:
In
Australien gibt es jedes Jahr eine Regatta in einem Fluss. Es ist
eine große Veranstaltung und viele Touristen kommen jedes Jahr
dorthin. Einmal musste die Regatta aber abgesagt werden. „Warum?“,
haben die Touristen den Bürgermeister gefragt. Der Bürgermeister
hat geantwortet: „Weil Wasser im Fluss ist.“
Das
ist kein Witz. Das passierte wirklich vor etwas mehr als zehn Jahren
in Alice Springs. Das liegt in Australien. Ein Schulkollege hat
vorgeschlagen, dass wir dieses Jahr dieses „Rennen“ besuchen
sollen.
Es
findet in einem ausgetrockneten Flussbett statt, dem Todd-Fluss. Und
es findet nur statt, wenn der Fluss ausgetrocknet ist. An den „Ufern“
werden „Angeln verboten“-Schilde aufgestellt, es gibt
Rettungsschwimmer und Schwimmreifen. Es ist alles wie bei einer
echten Regatta, nur dass es kein Wasser gibt.
Jeder
kann mitmachen, wenn er ein Boot hat. Das Boot kann man ganz wie man
will bauen. Man muss es aber so leicht bauen, damit man es in dem
trockenen Flussbett tragen kann. Denn bei dieser Regatta werden die
Boote alle getragen. Deswegen haben sie auch alle keinen Boden.
Manche Leute kommen aber gar nicht mit Booten. Ich habe einen Mann
gesehen, der mit einer umgebauten Badewanne gekommen ist.
Bei
den Rennen ist es auch erlaubt, den Gegner anzugreifen. Man darf
nicht mit Fäusten schlagen, aber man darf mit Wasserpistolen
spritzen und mit Wasserbomben werfen. Deswegen nennen sich manche
Mannschaften auch „Piraten“ oder „Wikinger“. Leider treffen
sie nicht immer genau. Wir sind am „Ufer“ ganz vorne gestanden,
damit wir eine gute Sicht haben und zwei Wasserbomben haben uns
getroffen. Wir waren ganz nass, aber zum Glück war es so heiß, dass
unser Gewand schnell wieder getrocknet ist.
„Ich wünschte meine
Schule hätte solche Ausflüge mit uns unternommen“, sagte ich und
gab Herrn Tuniak die Briefe zurück. „Sie waren sicher ein sehr
beliebter Lehrer.“
„Meistens“, sagte
Herr Tuniak.
„Der Schüler, der
diese Regatta in Australien besuchen wollte... war das Ethan?“,
fragte ich.
„Ja. Er ist in Alice
Springs geboren worden und kannte sie deswegen sehr gut. Mir hätte
allerdings auffallen müssen, dass er bei allen unseren Reisen, das
meiste Interesse an der Zeitmaschine selbst zeigte. Aber so etwas
fällt einem immer nur im Nachhinein auf.“
NÄCHSTE WOCHE
There must have been a
moment, at the beginning, were we could have said -- no. But somehow
we missed it.
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