(Es
muss einen Moment gegeben haben, am Anfang, in dem wir hätten sagen
können – nein. Aber wir haben ihn verpasst.)
-
Tom Stoppard
„Mit
Ausnahme von Bill, hat Ethan mehr als alle anderen Schülern auf
Leviathan mitbekommen, dass die Welt nicht perfekt ist“, erzählt
Herr Tuniak. „Er kam, wie gesagt, aus Australien und seine Mutter
war die Tochter von Aborigines. Wissen sie, was mit
Aborigines-Kindern für lange Zeit in Australien gemacht wurde?“
„Nein“,
sagte ich.
„Sie
wurden ihren Eltern weggenommen“, sagte Herr Tuniak. „Für etwa
hundert Jahre, von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis zur
Mitte des zwanzigsten, wurde Kindern von ihren eigentlichen Familien
weggenommen und Adoptiveltern gegeben. Man wollte sie damit in die
Zivilisation einführen.“ Er machte ein angewidertes Gesicht.
„Genaue Zahlen sind nicht bekannt und Ethans Mutter war eine der
letzten Kinder, die so ihren Familien entrissen wurden. Kurz nach der
Geburt, noch im Spital, wurde sie einer neuen Familie gegeben. Sie
hat ihre echten Eltern nie kennen gelernt.“
„Und
Ethan wollte seine Großeltern finden?“, fragte ich.
„Zu
Beginn vielleicht, für kurze Zeit, ja“, sagte Herr Tuniak. „Aber
er hatte etwas viel Größeres vor.“
Die
Kinder hatten nach dem Bootrennen einige Stunden frei bekommen und
erkundeten zu zweit oder zu dritt die Stadt Alice Springs. Alice war
in die Zeitmaschine gestiegen, weil es dort kühler war und Alexander
saß alleine in einem Café. Aber nicht für lange. Ethan setzte sich
zu ihm.
„Du
bist von dem Rennen weggegangen, noch bevor es zu Ende war“, sagte
Alexander. Es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung.
„Ich
habe schon früher mehrere Rennen gesehen“, sagte Ethan.
„Wo
warst du?“
„Ich
habe... Leute besucht, die Informationen über meine Großeltern
hätten haben sollen“, erzählte Ethan. „Ich habe nichts
Brauchbares gefunden.“
Alexander
trank einen Schluck seines kühlen Eistees und fragte dann: „Wieso
hast du mich nie gefragt, ob ich helfen kann? Wir könnten leicht zu
dem Krankenhaus gehen, in dem deine Mutter geboren wurde...“
„Wir
wissen nicht, in welchem Krankenhaus sie geboren wurde“, unterbrach
in Ethan. „Wir vermuten, dass es hier in der Gegend war, aber wir
wissen es nicht.“
„Aber
sie muss doch wissen, wo ihre Adoptiveltern gelebt haben, oder?“
„Ja,
aber sie wurde ganz sicher nicht in der gleichen Stadt geboren, das
haben wir überprüft.“ Ethan schüttelte den Kopf. „Wenn ich
gedacht hätte, dass sie helfen könnten, hätte ich sie schon längst
gefragt, aber ich weiß nicht wie. In der Nacht, wenn alle anderen in
der Schule schlafen, überlege ich mir hunderte, tausende
Möglichkeiten, um meine Großeltern zu finden, aber... Mittlerweile
glaube ich, dass es unmöglich ist. Falls es je Aufzeichnungen über
die Geburt meiner Mutter gegeben hat, dann sind sie mittlerweile
verloren gegangen.“
Alexander
nickte. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass Dokumente manchmal
verloren gingen. Seine eigene Geburt schließlich war in keinem
Krankenhaus verzeichnet.
„Sie
kennen sicher viele ähnliche Schicksale aus der ganzen Geschichte“,
fuhr Ethan fort.
„Ja“,
sagte Alexander zögernd, bereits ahnend, welche Richtung das
Gespräch nehmen würde.
„Waren
sie je in Versuchung, diese Schicksale zu ändern?“, fragte Ethan.
„Haben sie je versucht, die Geschichte zu ändern.“
Alexander
überlegte, bevor er antwortete. Er hatten den Schülern auf
Leviathan nie erzählt, was Alice und er getan hatten. Aber als er
Ethan ansah, wusste er, dass hier nur die Wahrheit helfen würde.
„Ja, das habe ich“, sagte er schließlich.
„Ich
habe Ethan erzählt, wie ich versucht habe, die Geschichte zu
beschleunigen“, sagte Herr Tuniak. „Ich habe nicht erwähnt, dass
Alice mir dabei geholfen hat und ich habe es ihm auch nicht in so
vielen Details erzählt wie ihnen, aber er wusste danach ungefähr,
was ich getan hatte und warum ich aufgehört hatte.“
„Sie
hatten gehofft, dass ihn das davon abhalten würde, ihren Fehler zu
wiederholen?“, fragte ich. „Aber im Gegensatz zu ihnen hatte er
doch keine Zeitmaschine, oder?“
„Er
hatte meine“, sagte Herr Tuniak. „Bei all den Reisen, die ich mit
den Schülern unternommen habe, hat er genau aufgepasst und gelernt,
wie die Zeitmaschine zu bedienen ist. Er war sicher kein Experte,
aber er kannte sich gut genug aus.“
„Und
was plante er?“, fragte ich. „Wollte er dieses Gesetz in
Australien verhindern?“
„Nein,
er wollte mehr.“
Philip
und Alexander trafen sich in Kapstadt, nachdem Philip einige Wochen
auf Leviathan verbracht hatte. Alexander war dort, um Informationen
für die Gemini Foundation zu sammeln und Philip hatte seine Hilfe
zugesagt. Er kannte einen der Museumsdirektoren in der Stadt und
hatte Alexander Zutritt zu ihren Sammlungen verschafft.
„Warum
reist du nicht einfach in die Steinzeit und photographierst die
Werkzeuge dort?“, fragte Philip, als er einen Stein, der früher
einmal als Messer gedient hatte, auf schwarzen Samt legte.
„Das
habe ich schon“, sagte Alexander und richtete die Lampen ein, um
den Stein bestmöglich auszuleuchten. „Aber hier geht es nicht um
das Werkzeug selbst, sondern wie sich Witterungsbedingungen darauf
auswirken. Hast du gefragt, ob ich einen kleinen Teil heraus schlagen
darf, um...“
„Darfst
du nicht“, antwortete Philip. „Und stelle die Frage lieber nicht
noch einmal. Der Direktor hätte dich fast nicht einmal mehr
photographieren lassen, als ich ihm von deiner Bitte erzählte.“
„Schade“,
sagte Alexander. „Eine chemische Analyse wäre hilfreich gewesen.“
„Weil
du gerade Chemie ansprichst: Hast du vor kurzem Molekularbiologie auf
Leviathan unterrichtet?“, fragte Philip.
„Ich
nicht. Wieso?“
„Ethan
hat mich ausgefragt über Genetik... Mitochondrien-DNS, Vererbung
über Y-Chromosomen und so... Ich dachte, es wäre für ein
Schulprojekt gewesen. Außerdem verbringt er seine Nächte neuerdings
immer im Labor.“
„Und
wieso fragt er dich... oh.“ Alexander hatte für einen Moment
vergessen, dass sein Freund für einige Jahre als Genetiker
gearbeitet hatte, weil er wissen wollte, warum er scheinbar
unsterblich war. „Ich weiß nicht, warum er dich gefragt hat.
Eigenes Interesse, wahrscheinlich.“
„Ich
dachte mir damals wirklich nicht viel dabei“, erzählte Herr
Tuniak. „Die Kinder auf Leviathan werden zur Eigenständigkeit
ermutigt und Neugierde wird immer gefördert.“
„Haben
sie ihn gefragt, warum er so viel Interesse an Genetik und
Vererbungslehre zeigte?“, fragte ich.
„Ich
wollte, aber ich habe vergessen“, sagte Herr Tuniak. „Sie müssen
wissen, dass ich damals nicht nur an der Schule tätig war, sondern
auch viel mit Gemini zusammen gearbeitet habe. Wenn ich ihnen nächste
oder übernächste Woche davon erzähle, dann nicht, weil es später
war. Meine Arbeit mit der Schule und mit Gemini lief parallel ab, es
ist nur einfacher, wenn ich es hintereinander erzähle... Für
mehrere Wochen dachte ich nicht mehr an das Gespräch mit Philip,
bis...“
Es
war Nacht auf Leviathan. Alexander saß in einem Liegestuhl im
Garten, in Decken gewickelt und betrachtete die Sterne. Er hörte,
wie sich Schritte näherten und wie jemand zwei Tassen auf den Tisch
neben ihn stellte. Dann setzte sich der Unbekannte auf den Stuhl
daneben.
„Ich
habe ihnen grünen Tee gebracht“, sagte Ethan.
„Danke“,
sagte Alexander und nahm eine Tasse. Er trank einen Schluck. Der Tee
schmeckte seltsam, bitter. „Was machst du hier draußen?“
„Warten“,
antwortete Ethan geheimnisvoll.
„Geht
es um eines deiner Experimente im Labor?“, wollte Alexander wissen.
„Fast“,
sagte Ethan. „Ich bin zu einem Ergebnis gekommen. Ich möchte es
ihnen zeigen. Ich...“
Aber
Alexander hörte den Rest nicht mehr. Er war eingeschlafen.
„...bis
er mir eines Nachts Schlafmittel in den Tee mixte und mich in der
Zeitmaschine entführte.“
Als
Alexander wieder zu sich kam, dauerte es einige Minuten, bis er seine
Umgebung erkennen konnte. Er befand sich in der Zeitmaschine, obwohl
er sich nicht erinnern konnte, sie betreten zu haben. Die Tür war
offen und von draußen kam kühle Luft herein. Er konnte einen Teil
eines rötlichen Himmels sehen. Es musste entweder Morgen oder Abend
sein.
Alexander
stand auf und stieg aus der Zeitmaschine. Er befand sich in einem
Wald und nicht weit von sich entfernt sah er Ethan stehen. Der Junge
hatte ein Messer und einen langen Stecken in der Hand.
„Es
tut mir Leid, dass ich das getan habe“, sagte er und trat näher.
Er steckte das Messer ein und hielt Alexander den Stecken hin. „Hier,
den habe ich geschnitzt. Stützen sie sich darauf ab.“
Alexander
nahm den Stecken in die Hand ohne etwas zu sagen.
„Kommen
sie, ich möchte ihnen etwas zeigen“, sagte Ethan.
Sie
gingen stumm nebeneinander her, bis sie den Waldrand erreicht hatten.
Dort konnte Alexander sehen, dass sie sich auf einem großen Hügel
befanden und vor ihnen fiel die Wiese weit ab. Weit unter ihnen
konnte er das Lager einer Familie sehen. Alexander schätzte auf
Grund der primitiven Zelte, dass sie sich in der Steinzeit befanden.
„Ich
habe Kain gefunden“, sagte Ethan und deutete auf die Menschen, die
sich bei den Zelten aufhielten.
„Kain?“,
fragte Alexander. Sein Mund war trocken.
„Ich
nenne ihn so. Sie kennen doch die Bibel, oder? Kain, der erste
Mörder“, sagte Ethan. „Als ich das erste Mal von ihrer
Zeitmaschine hörte, wollte ich, die Diskriminierung der Aborigines
in Australien verhindern. Aber dann dachte ich, dass ich damit nur
ein Leiden von vielen lindere. Was, wenn ich alle Leiden beenden
könnte? Sie haben mich auf die Idee gebracht.“
„Ich?“,
fragte Alexander und musterte den Jungen, der seinen Blick nicht
erwiderte, sonder nur gerade aus starrte.
„Sie
haben uns erzählt, dass die meisten Europäer von Karl dem Großen
abstammen und die meisten Asiaten von Dschingis Khan“, sagte Ethan.
„Ein Ursprung. Ich habe die letzten Monate, vielleicht auch Jahre
damit verbracht, die Abstammung von sämtlichen Diktatoren der Welt
zurück zu verfolgen. Auch die von Massenmördern, sofern ich sie
finden konnte. Sie alle haben mich zu diesem Mann dort unten
gebracht.“ Er deutete mit der Hand auf einen jungen Mann, der
gerade dabei war einem Hasen das Fell abzuziehen. „Wenn ich ihn
töte, verhindere ich die Geburt von jedem Diktator, den es je
gegeben hat.“ Ethan drehte sich zu Alexander um. In seinem Gesicht
konnte der Ältere miteinander kämpfende Emotionen erkennen: Furcht,
Hoffnung, Zweifel. „Sagen sie mir, dass ich mich irre.“
„Du
irrst dich“, sagte Alexander ruhig. „Wenn du einen Diktator
verhinderst, wird nur ein anderer seinen Platz einnehmen.“
„Vielleicht
auch nicht“, sagte Ethan. „Ich habe Kain dort unten beobachtet.
Er ist grausam. Vielleicht war er es, dessen Gene für alle
Grausamkeiten der Menschheit verantwortlich sind.“
„Du
kannst nicht Gene für alles verantwortlich machen“, widersprach
Alexander. „Und die Tatsache, dass du mich hierher gebracht hast,
zeigt, dass du dir auch nicht sicher bist.“ Er seufzte und setzte
sich auf einen Stein am Boden.
„Wenn
man die Möglichkeit hat einen Mörder zu stoppen, ist man dann nicht
dazu verpflichtet, das zu tun?“, fragte Ethan.
„Aber
der Mann dort unten ist kein Mörder, oder?“, widersprach
Alexander. „Aber angenommen er wäre es. Angenommen wir hätten mit
der Zeitmaschine gesehen, dass er morgen jemanden umbringen wird. Wir
töten ihn heute und verhindern somit den Mord. Aber wir hätten
damit einen Mann getötet, der noch unschuldig ist.“
„Wir
wissen aber sicher, was er morgen getan hätte.“
„Wissen
wir das? Wenn du behauptest, dass wir ihn aufhalten könnten, dass
wir die Zeit verändern können, dann gibst du zu, dass seine
Handlung morgen nicht vorher bestimmt ist. Sobald du erlaubst, dass
Zeitreisende die Zeit verändern können, ist der Verlauf der
Geschichte nicht mehr sicher. Vielleicht tötet er morgen jemanden,
vielleicht aber auch nicht.“
Ethan
nickte nach einiger Zeit. „Ich hätte es sowieso nicht gekonnt.“
Sie drehten sich um und begannen zurück zur Zeitmaschine zu gehen.
„Wie
hast du es eigentlich geschafft, alle diese Untersuchungen
anzustellen?“, fragte Alexander nach einer Weile.
„Meistens,
wenn sie geschlafen haben“, erzählte Ethan. „Wenn man nicht
schlafen muss, dann hat der Tag wirklich vierundzwanzig Stunden und
man kann eine Menge Dinge tun. Ich habe mit der Zeitmaschine in der
Nacht oft Proben gesammelt, bin in Labors gereist... was ich auf
Leviathan gemacht habe, war nur Vorbereitung dafür, die Ausrüstung
dort ist zu primitiv für wirkliche Gen-Analysen.“
„Was
ist aus Ethan geworden?“, fragte ich.
„Er
unterrichtet jetzt“, sagte Herr Tuniak. „Auf Leviathan und in
Schulen in Dutzenden Ländern. Er will immer noch die Welt
verbessern, wer will das nicht. Aber er hat begriffen, dass es keine
einfachen Lösungen für große Probleme gibt, sonst wären es ja
keine großen Probleme. Also verändert er sie jetzt langsamer, ein
Kind nach dem anderen.“
NÄCHSTE
WOCHE
Most
children are born with a wail. Rachel Estersdaughter was born with a
laugh.
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