(Die
meisten Kinder werden mit einem Schrei geboren. Rachel Estersdaughter
kam mit einem Lachen zur Welt.)
-
William Tenn, „Of Men and Monsters“
„Ich
habe ihnen erzählt, dass Dilara und Sean mich im Krankenhaus
besuchten und ich sie bat, mir alles über die Gründerin von Gemini
zu erzählen“, sagte Herr Tuniak.
„Sie
haben es erwähnt, ja“, sagte ich. „Aber sie haben mir noch nicht
erzählt, was sie damals erfahren haben.“
„Ich
weiß“, sagte Herr Tuniak. „Das will ich jetzt nachholen.“
Sie
waren zu dritt in dem Zimmer. Alexander lag in dem Krankenbett,
Dilara und Sean hatten sich auf Sesseln rechts neben ihm hingesetzt.
Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett lagen Weintrauben, die sie von
Zeit zu Zeit aßen.
„Caileen
wird von uns oft als Gründerin von Gemini bezeichnet, aber
eigentlich hat sie die Foundation gar nicht gegründet“, begann
Dilara. „Sie wurde erst nach ihrem Tod gegründet und sie wurde zum
Ehrenmitglied ernannt.“
„Wir
wissen nicht ganz genau, wann Caileen geboren wurde, aber es muss
1848 oder 1847 gewesen sein“, setzte Sean fort. „Im Nachhinein
betrachtet, wurde sie mindestens hundert Jahre zu früh geboren. Was
wir über sie wissen, zeigt eindeutig, dass sie ihrer Zeit weit
voraus war. Deswegen zerstritt sie sich auch sehr früh mit ihren
Eltern und verließ mit achtzehn Jahre ihre Familie.“
„Es
wäre eine Skandal gewesen, wenn ihr Vater nicht alles getan hätte,
um diese Tatsache zu vertuschen“, warf Dilara ein. „Sie nahm aus
diesem Grund auch den Namen Caileen Noneach an.“
„Sie
hatte aber noch einen Verbündeten in ihrer Verwandtschaft, ihre
Großeltern“, sagte Sean. „Diese waren in der Zeit der Scottish
Enlightenment aufgewachsen und waren, was ihre sozialen Ideen betraf,
ebenfalls ihrer Zeit voraus.“
„Angeblich
wollte Caileen eigentlich Polizistin werden, aber damals wurden
Frauen natürlich noch nicht zum Polizeidienst zugelassen“, sagte
Dilara. „Mit der Unterstützung ihrer Großeltern konnte sie die
Universität in Edinburgh besuchen. Sie bekam dort keinen Abschluss,
aber sie konnte mehrere Vorlesungen besuchen.“
„Dort
lernte sie auch Charles Babbage kennen, als er einen Gastvortrag
hielt“, sagte Sean. „Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete
sie mit ihm zusammen, was seiner Familie nicht sonderlich gefiel. Sie
wurde deswegen auch nicht zu seinem Begräbnis eingeladen, Babbages
ältester Sohn versuchte sie so weit wie möglich zu ignorieren.
Babbages Begräbnis wird aber auch gerne als Geburtsstunde Geminis
gesehen, denn dort fand sie den ersten Hinweis auf...“
„Nein!“,
unterbrach ihn Alexander. „Sagt es mir nicht!“
„Warum
wollten sie nicht wissen, was Caileen dort entdeckte?“, fragte ich.
„Weil
ich bereits damals den Entschluss gefasst hatte, Caileen zu
besuchen“, erklärte Herr Tuniak. „Und wie sie wissen, schätze
ich Überraschungen und ich wollte von dem, was sie entdecken würde,
überrascht werden. Über das Begräbnis von Charles Babbage wurde in
vielen Zeitungen berichtet, es war also ein leichtes für mich sie
dort zu finden. Was ich auch tat, sobald ich wieder ohne Probleme und
ohne Hilfe gehen konnte.“
Sie
war nicht beim Begräbnis selbst erschienen. Die Familie des
verstorbenen Charles Babbage hatte ihr ausdrücklich gesagt, dass
ihre Anwesenheit nicht erwünscht war. Also hatte sie draußen
gewartet, bis die Zeremonie beendet war. Sie hatte nachher versucht
mit dem Sohn in Kontakt zu treten, aber er hatte sie schroff
abgewiesen. Niemand interessierte sich für das, was sie zu sagen
hatte.
Alexander
hatte sie aus einiger Entfernung beobachtet. Er folgte ihr, als sie
die Versammlung endgültig verließ und in ein nahes Café ging. Sie
setzte sich alleine an einen Tisch, bestellte einen Tee und las die
Zeitung. Die anderen Gäste warfen ihr nur kurz kritische Blicke zu
und ignorierten sie dann.
Alexander
näherte sich ihr von hinten und wollte sie gerade ansprechen, als
sie sagte: „Nehmen sie doch bitte Platz.“ Sie drehte sich zu ihm
um. Alexander sah, dass sie in einer Hand einen Löffel gehalten und
ihn als Spiegel verwendet hatte. „Sie sind mir seit drei Straßen
gefolgt, es wäre nett, wenn sie sich vorstellen würden.“ In ihrer
Stimme klang ehrliche Neugierde mit.
„Alexander
Tuniak“, sagte Alexander und setzte sich ihr gegenüber an den
Tisch. „Und ich bin ihnen seit vier Straßen gefolgt.“
Caileen
lachte auf. „Waren sie einer der Gäste bei Babbages Begräbnis?“,
wollte sie wissen.
„Nein“,
sagte Alexander. „Ich kannte ihn nicht. Aber sie scheinen ihn
besser gekannt zu haben, als seine Familie.“
Caileen
schüttelte den Kopf. „Das würde ich nicht sagen.“
„Wieso
sind sie dann die einzige, die etwas über ein geheimes Haus weiß,
dass Babbage angeblich in Italien besitzt?“
„Ich
habe wirklich zu laut gesprochen, nicht? Vor allem für ein
Begräbnis... Aber nein, dass weiß ich nur, weil ich seine
Unterlagen genauer angeschaut habe, als alle anderen. Mit der Zeit
hätte jemand anderer die Verträge sicher auch gefunden.“ Sie
lehnte sich auf den Tisch vor. „Wieso interessiert sie das?“
„Ich
habe Babbage nicht persönlich gekannt, aber ich habe viel über
seine Arbeit gelesen“, erklärte Alexander. „Wenn er vor fünfzig
Jahren ein geheimes Projekt geleitet hat, würde mich das sehr
interessieren. Und wenn sie nach Italien reisen wollen, um mehr
herauszufinden... ich hätte die Mittel dafür.“
Caileen
musterte ihn kritisch. „Von wo kommen sie? Sie sind kein Italiener,
das erkenne ich am Akzent.“
„Ich
wurde auf Kreta geboren“, log Alexander.
„Nein,
wurde sie nicht“, sagte Caileen sofort. „Aber wenn sie mir
wirklich helfen wollen, wenn sie wirklich eine Reise nach Massa di
Somma finanzieren wollen, dann dürfen sie sicherlich ein paar
Geheimnisse haben. Ich komme schon noch dahinter.“ Und wieder
lachte sie. „Sie müssen wissen: Ich mag Rätsel.“ Sie hatte
einen Tasche neben ihrem Sessel stehen und öffnete diese. Sie legte
mehrere Dokumente auf den Tisch. „Das sind die Verträge für ein
Haus das Babbage 1827 gekauft hat. Er hat dort etwas Großes gebaut,
aber ich finde nirgends einen Hinweis darüber, was er gebaut hat.“
„Sie
haben mit ihm zusammen gearbeitet. Hat er nie etwas erwähnt?“
„Sie
kennen Babbage wirklich nicht. Wäre ich zu neugierig geworden, hätte
er mich ausgesperrt. Sie haben sicher gehört, wie viele Leute er
wegen Kleinigkeiten angeklagt hat.“
„Ich
hatte natürlich kein eigenes Geld in der Zeit, aber ich kontaktierte
Philip und er konnte mir glücklicherweise aushelfen“, erzählte
Herr Tuniak. „Leider war er zu der Zeit in Ostasien, es dauerte
also einige Monate, bis ich das Geld zur Verfügung hatte und wir
aufbrechen konnten.“
„Sie
blieben die ganze Zeit bei Caileen?“, fragte ich.
„Nein,
nicht während wir die Reise vorbereiteten“, sagte Herr Tuniak.
„Aber während der Zugreise, ja, da blieb ich bei ihr, sonst wäre
sie misstrauisch geworden. Für mich fühlte sich die Reise an, als
wäre es die längste gewesen, die ich je gemacht hätte.“
Sie
waren endlich in Massa di Somma angekommen. Ein neues Jahr hatte
mittlerweile angefangen und ein kalter Wind wehte durch die Gassen.
Sie mieten sich eine Kutsche, denn das Haus, das Babbage gekauft
hatte, befand sich außerhalb der Stadt, am Abhang des Vesuvs. Das
Haus war aus weißem Stein gebaut und die Fenster waren mit
Holzbrettern zugenagelt. Die Tür war verschlossen, aber Caileen
hatte das Schloss schnell geöffnet.
„Sie
fragen ja gar nicht, wieso ich das kann“, meinte sie, während sie
die Gaslampen anzündeten.
„Sie
lassen mir meine Geheimnisse, ich lasse ihnen ihre“, erwiderte
Alexander. Er fragte sich aber, was Caileen wirklich von ihm dachte.
Während der Reise waren ihm mehrere faux-pas passiert, das wusste
er. Er hatte Dinge getan oder gesagt, die nicht in diese Zeit passten
und er wusste auch, dass Caileen jeder seiner Fehltritte aufgefallen
war.
„Wer
bist denn du?“, fragte Caileen, als sie durch die Tür traten.
Alexander
folgte ihr in den Eingangsbereich und sah sofort, was sie entdeckt
hatte. Hinter der Tür stand eine menschenähnliche Gestalt. Sie
erinnerte Alexander an einen Roboter, aber er wusste, dass zu dieser
Zeit ein anderer Begriff verwendet wurde. „Ein Automat, der die Tür
öffnen kann“, sagte er.
„Hier
ist noch einer“, sagte Caileen und zeigte auf eine weitere Figur.
„Ich nehme an, er nimmt das Gewand und... ja, sehen sie! Er ist auf
Rädern! Er kann die Mäntel in die Garderobe bringen.“
Auf
dem Boden und auf den Figuren hatte sich eine dicke Schicht Staub
angesammelt. Es war offensichtlich schon lange niemand mehr hier
gewesen. Caileen und Alexander gingen einen Gang entlang und fanden
zuerst eine Küche, ein Wohnzimmer, einen Salon und schließlich auch
eine Bibliothek (allerdings ohne Bücher). Überall waren die Möbel
mit einer Decke geschützt und überall standen die Automaten in
Menschenform. Bei einigen war sofort klar, was ihre Funktion sein
sollte, bei anderen war es nicht zu erkennen.
„Es
muss sich etwas im Keller befinden, das die Automaten steuern kann“,
meinte Alexander, der sonst keine Möglichkeit dazu finden konnte.
„Wahrscheinlich“,
stimmte Caileen zu. „Schauen sie hier!“ Sie hatten das
Schlafzimmer gefunden und sie hatte bemerkt, dass sich unter dem Bett
ebenfalls ein Uhrwerk befand. „Was meinen sie? Kann man sich auf
das Bett legen und eine Massage bekommen?“
Auf
der Suche nach einem Abgang in den Keller, fanden sie ein
Arbeitszimmer. Ein weitere Automat saß an einem Schreibtisch, eine
Feder in der Hand. Vor ihm stand ein Glas mit eingetrockneter Tinte,
daneben war ein Schlitz im Tisch. Caileen betrachtete den massiven
Tisch einige Zeit lang nachdenklich, kniete sich dann auf den Boden
und öffnete dann etwas, dass sie zuerst für eine Lade gehalten
hatte, sich aber als Tür entpuppte. Im Schreibtisch waren unzählige
Zahnräder wie bei einer komplizierten Uhr zu sehen.
„In
den Schlitz kann man eine Datenkarte einführen und der Automat führt
dann Berechnungen aus“, vermutete Alexander. „Vielleicht kann er
sogar zeichnen.“
„Eine
von Babbages analytical
engines“,
stimmte Caileen zu.
Sie
fanden schließlich die Tür in den Keller. Es war ein einziger,
großer Raum, mehrere Stockwerke tief. Und wieder wurden sie an ein
Uhrwerk erinnert, aber eines mit gigantischen Ausmaßen.
„Ich
weiß nicht, wo er die Energie für dieses Maschinen hernehmen
wollte, aber mit diesem Aufbau hier... Das ganze Haus hätte
automatisch gesteuert werden können“, erkannte Caileen. „Warum
habe ich nur keinen Photoapparat mitgenommen? Abgesehen davon, dass
ich mir keinen leisten kann... Das ist phantastisch hier!“ Sie
hatte einen Zeichenblock und versuchte mehrere Skizzen von dem, was
sie sah, anzufertigen.
Alexander
hatte inzwischen einen angefangenen Tunnel entdeckt. „Wissen sie,
was sich in dieser Richtung befindet?“, fragte er Caileen und
deutete auf das Tunnelende.
„Hier
unten, nein“, sagte Caileen. „Über uns... Ich glaube Vesuv.“
„Dann
weiß ich, woher er die Energie nehmen wollte“; sagte Alexander und
deutete auf die Teile mehrerer großer Dampfmaschine. Sie waren nicht
zusammengebaut, aber ihr Zweck war doch eindeutig.
„Oh!“,
staunte Caileen. „Er wollte den Vulkan als Energiequelle benutzen.
Warten sie nur, bis ich der Welt davon erzähle!“
„Ein
vollautomatisches Haus?“, fragte ich. „Und das vor über
hundertfünfzig Jahren? Wieso hat sonst niemand davon gehört?“
„Es
wurde neben einem Vulkan gebaut“, sagte Herr Tuniak. „Was glauben
sie, was passierte?“
NÄCHSTE
WOCHE
All
that mankind has done, thought or been: it is lying as in magic
preservation in the pages of books.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen