Sonntag, 21. Oktober 2012

Most children are born with a wail. Rachel Estersdaughter was born with a laugh.


(Die meisten Kinder werden mit einem Schrei geboren. Rachel Estersdaughter kam mit einem Lachen zur Welt.)
- William Tenn, „Of Men and Monsters“


Ich habe ihnen erzählt, dass Dilara und Sean mich im Krankenhaus besuchten und ich sie bat, mir alles über die Gründerin von Gemini zu erzählen“, sagte Herr Tuniak.
Sie haben es erwähnt, ja“, sagte ich. „Aber sie haben mir noch nicht erzählt, was sie damals erfahren haben.“
Ich weiß“, sagte Herr Tuniak. „Das will ich jetzt nachholen.“

Sie waren zu dritt in dem Zimmer. Alexander lag in dem Krankenbett, Dilara und Sean hatten sich auf Sesseln rechts neben ihm hingesetzt. Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett lagen Weintrauben, die sie von Zeit zu Zeit aßen.
Caileen wird von uns oft als Gründerin von Gemini bezeichnet, aber eigentlich hat sie die Foundation gar nicht gegründet“, begann Dilara. „Sie wurde erst nach ihrem Tod gegründet und sie wurde zum Ehrenmitglied ernannt.“
Wir wissen nicht ganz genau, wann Caileen geboren wurde, aber es muss 1848 oder 1847 gewesen sein“, setzte Sean fort. „Im Nachhinein betrachtet, wurde sie mindestens hundert Jahre zu früh geboren. Was wir über sie wissen, zeigt eindeutig, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Deswegen zerstritt sie sich auch sehr früh mit ihren Eltern und verließ mit achtzehn Jahre ihre Familie.“
Es wäre eine Skandal gewesen, wenn ihr Vater nicht alles getan hätte, um diese Tatsache zu vertuschen“, warf Dilara ein. „Sie nahm aus diesem Grund auch den Namen Caileen Noneach an.“
Sie hatte aber noch einen Verbündeten in ihrer Verwandtschaft, ihre Großeltern“, sagte Sean. „Diese waren in der Zeit der Scottish Enlightenment aufgewachsen und waren, was ihre sozialen Ideen betraf, ebenfalls ihrer Zeit voraus.“
Angeblich wollte Caileen eigentlich Polizistin werden, aber damals wurden Frauen natürlich noch nicht zum Polizeidienst zugelassen“, sagte Dilara. „Mit der Unterstützung ihrer Großeltern konnte sie die Universität in Edinburgh besuchen. Sie bekam dort keinen Abschluss, aber sie konnte mehrere Vorlesungen besuchen.“
Dort lernte sie auch Charles Babbage kennen, als er einen Gastvortrag hielt“, sagte Sean. „Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete sie mit ihm zusammen, was seiner Familie nicht sonderlich gefiel. Sie wurde deswegen auch nicht zu seinem Begräbnis eingeladen, Babbages ältester Sohn versuchte sie so weit wie möglich zu ignorieren. Babbages Begräbnis wird aber auch gerne als Geburtsstunde Geminis gesehen, denn dort fand sie den ersten Hinweis auf...“
Nein!“, unterbrach ihn Alexander. „Sagt es mir nicht!“

Warum wollten sie nicht wissen, was Caileen dort entdeckte?“, fragte ich.
Weil ich bereits damals den Entschluss gefasst hatte, Caileen zu besuchen“, erklärte Herr Tuniak. „Und wie sie wissen, schätze ich Überraschungen und ich wollte von dem, was sie entdecken würde, überrascht werden. Über das Begräbnis von Charles Babbage wurde in vielen Zeitungen berichtet, es war also ein leichtes für mich sie dort zu finden. Was ich auch tat, sobald ich wieder ohne Probleme und ohne Hilfe gehen konnte.“

Sie war nicht beim Begräbnis selbst erschienen. Die Familie des verstorbenen Charles Babbage hatte ihr ausdrücklich gesagt, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht war. Also hatte sie draußen gewartet, bis die Zeremonie beendet war. Sie hatte nachher versucht mit dem Sohn in Kontakt zu treten, aber er hatte sie schroff abgewiesen. Niemand interessierte sich für das, was sie zu sagen hatte.
Alexander hatte sie aus einiger Entfernung beobachtet. Er folgte ihr, als sie die Versammlung endgültig verließ und in ein nahes Café ging. Sie setzte sich alleine an einen Tisch, bestellte einen Tee und las die Zeitung. Die anderen Gäste warfen ihr nur kurz kritische Blicke zu und ignorierten sie dann.
Alexander näherte sich ihr von hinten und wollte sie gerade ansprechen, als sie sagte: „Nehmen sie doch bitte Platz.“ Sie drehte sich zu ihm um. Alexander sah, dass sie in einer Hand einen Löffel gehalten und ihn als Spiegel verwendet hatte. „Sie sind mir seit drei Straßen gefolgt, es wäre nett, wenn sie sich vorstellen würden.“ In ihrer Stimme klang ehrliche Neugierde mit.
Alexander Tuniak“, sagte Alexander und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. „Und ich bin ihnen seit vier Straßen gefolgt.“
Caileen lachte auf. „Waren sie einer der Gäste bei Babbages Begräbnis?“, wollte sie wissen.
Nein“, sagte Alexander. „Ich kannte ihn nicht. Aber sie scheinen ihn besser gekannt zu haben, als seine Familie.“
Caileen schüttelte den Kopf. „Das würde ich nicht sagen.“
Wieso sind sie dann die einzige, die etwas über ein geheimes Haus weiß, dass Babbage angeblich in Italien besitzt?“
Ich habe wirklich zu laut gesprochen, nicht? Vor allem für ein Begräbnis... Aber nein, dass weiß ich nur, weil ich seine Unterlagen genauer angeschaut habe, als alle anderen. Mit der Zeit hätte jemand anderer die Verträge sicher auch gefunden.“ Sie lehnte sich auf den Tisch vor. „Wieso interessiert sie das?“
Ich habe Babbage nicht persönlich gekannt, aber ich habe viel über seine Arbeit gelesen“, erklärte Alexander. „Wenn er vor fünfzig Jahren ein geheimes Projekt geleitet hat, würde mich das sehr interessieren. Und wenn sie nach Italien reisen wollen, um mehr herauszufinden... ich hätte die Mittel dafür.“
Caileen musterte ihn kritisch. „Von wo kommen sie? Sie sind kein Italiener, das erkenne ich am Akzent.“
Ich wurde auf Kreta geboren“, log Alexander.
Nein, wurde sie nicht“, sagte Caileen sofort. „Aber wenn sie mir wirklich helfen wollen, wenn sie wirklich eine Reise nach Massa di Somma finanzieren wollen, dann dürfen sie sicherlich ein paar Geheimnisse haben. Ich komme schon noch dahinter.“ Und wieder lachte sie. „Sie müssen wissen: Ich mag Rätsel.“ Sie hatte einen Tasche neben ihrem Sessel stehen und öffnete diese. Sie legte mehrere Dokumente auf den Tisch. „Das sind die Verträge für ein Haus das Babbage 1827 gekauft hat. Er hat dort etwas Großes gebaut, aber ich finde nirgends einen Hinweis darüber, was er gebaut hat.“
Sie haben mit ihm zusammen gearbeitet. Hat er nie etwas erwähnt?“
Sie kennen Babbage wirklich nicht. Wäre ich zu neugierig geworden, hätte er mich ausgesperrt. Sie haben sicher gehört, wie viele Leute er wegen Kleinigkeiten angeklagt hat.“

Ich hatte natürlich kein eigenes Geld in der Zeit, aber ich kontaktierte Philip und er konnte mir glücklicherweise aushelfen“, erzählte Herr Tuniak. „Leider war er zu der Zeit in Ostasien, es dauerte also einige Monate, bis ich das Geld zur Verfügung hatte und wir aufbrechen konnten.“
Sie blieben die ganze Zeit bei Caileen?“, fragte ich.
Nein, nicht während wir die Reise vorbereiteten“, sagte Herr Tuniak. „Aber während der Zugreise, ja, da blieb ich bei ihr, sonst wäre sie misstrauisch geworden. Für mich fühlte sich die Reise an, als wäre es die längste gewesen, die ich je gemacht hätte.“

Sie waren endlich in Massa di Somma angekommen. Ein neues Jahr hatte mittlerweile angefangen und ein kalter Wind wehte durch die Gassen. Sie mieten sich eine Kutsche, denn das Haus, das Babbage gekauft hatte, befand sich außerhalb der Stadt, am Abhang des Vesuvs. Das Haus war aus weißem Stein gebaut und die Fenster waren mit Holzbrettern zugenagelt. Die Tür war verschlossen, aber Caileen hatte das Schloss schnell geöffnet.
Sie fragen ja gar nicht, wieso ich das kann“, meinte sie, während sie die Gaslampen anzündeten.
Sie lassen mir meine Geheimnisse, ich lasse ihnen ihre“, erwiderte Alexander. Er fragte sich aber, was Caileen wirklich von ihm dachte. Während der Reise waren ihm mehrere faux-pas passiert, das wusste er. Er hatte Dinge getan oder gesagt, die nicht in diese Zeit passten und er wusste auch, dass Caileen jeder seiner Fehltritte aufgefallen war.
Wer bist denn du?“, fragte Caileen, als sie durch die Tür traten.
Alexander folgte ihr in den Eingangsbereich und sah sofort, was sie entdeckt hatte. Hinter der Tür stand eine menschenähnliche Gestalt. Sie erinnerte Alexander an einen Roboter, aber er wusste, dass zu dieser Zeit ein anderer Begriff verwendet wurde. „Ein Automat, der die Tür öffnen kann“, sagte er.
Hier ist noch einer“, sagte Caileen und zeigte auf eine weitere Figur. „Ich nehme an, er nimmt das Gewand und... ja, sehen sie! Er ist auf Rädern! Er kann die Mäntel in die Garderobe bringen.“
Auf dem Boden und auf den Figuren hatte sich eine dicke Schicht Staub angesammelt. Es war offensichtlich schon lange niemand mehr hier gewesen. Caileen und Alexander gingen einen Gang entlang und fanden zuerst eine Küche, ein Wohnzimmer, einen Salon und schließlich auch eine Bibliothek (allerdings ohne Bücher). Überall waren die Möbel mit einer Decke geschützt und überall standen die Automaten in Menschenform. Bei einigen war sofort klar, was ihre Funktion sein sollte, bei anderen war es nicht zu erkennen.
Es muss sich etwas im Keller befinden, das die Automaten steuern kann“, meinte Alexander, der sonst keine Möglichkeit dazu finden konnte.
Wahrscheinlich“, stimmte Caileen zu. „Schauen sie hier!“ Sie hatten das Schlafzimmer gefunden und sie hatte bemerkt, dass sich unter dem Bett ebenfalls ein Uhrwerk befand. „Was meinen sie? Kann man sich auf das Bett legen und eine Massage bekommen?“
Auf der Suche nach einem Abgang in den Keller, fanden sie ein Arbeitszimmer. Ein weitere Automat saß an einem Schreibtisch, eine Feder in der Hand. Vor ihm stand ein Glas mit eingetrockneter Tinte, daneben war ein Schlitz im Tisch. Caileen betrachtete den massiven Tisch einige Zeit lang nachdenklich, kniete sich dann auf den Boden und öffnete dann etwas, dass sie zuerst für eine Lade gehalten hatte, sich aber als Tür entpuppte. Im Schreibtisch waren unzählige Zahnräder wie bei einer komplizierten Uhr zu sehen.
In den Schlitz kann man eine Datenkarte einführen und der Automat führt dann Berechnungen aus“, vermutete Alexander. „Vielleicht kann er sogar zeichnen.“
Eine von Babbages analytical engines“, stimmte Caileen zu.
Sie fanden schließlich die Tür in den Keller. Es war ein einziger, großer Raum, mehrere Stockwerke tief. Und wieder wurden sie an ein Uhrwerk erinnert, aber eines mit gigantischen Ausmaßen.
Ich weiß nicht, wo er die Energie für dieses Maschinen hernehmen wollte, aber mit diesem Aufbau hier... Das ganze Haus hätte automatisch gesteuert werden können“, erkannte Caileen. „Warum habe ich nur keinen Photoapparat mitgenommen? Abgesehen davon, dass ich mir keinen leisten kann... Das ist phantastisch hier!“ Sie hatte einen Zeichenblock und versuchte mehrere Skizzen von dem, was sie sah, anzufertigen.
Alexander hatte inzwischen einen angefangenen Tunnel entdeckt. „Wissen sie, was sich in dieser Richtung befindet?“, fragte er Caileen und deutete auf das Tunnelende.
Hier unten, nein“, sagte Caileen. „Über uns... Ich glaube Vesuv.“
Dann weiß ich, woher er die Energie nehmen wollte“; sagte Alexander und deutete auf die Teile mehrerer großer Dampfmaschine. Sie waren nicht zusammengebaut, aber ihr Zweck war doch eindeutig.
Oh!“, staunte Caileen. „Er wollte den Vulkan als Energiequelle benutzen. Warten sie nur, bis ich der Welt davon erzähle!“

Ein vollautomatisches Haus?“, fragte ich. „Und das vor über hundertfünfzig Jahren? Wieso hat sonst niemand davon gehört?“
Es wurde neben einem Vulkan gebaut“, sagte Herr Tuniak. „Was glauben sie, was passierte?“



NÄCHSTE WOCHE
All that mankind has done, thought or been: it is lying as in magic preservation in the pages of books.

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