Sonntag, 28. Oktober 2012

All that mankind has done, thought or been: it is lying as in magic preservation in the pages of books.


(Alles, was die Menschheit je getan oder gedacht hat, alles, was sie gewesen ist, wird, wie durch Zauberei, in den Seiten von Büchern aufbewahrt.)
- Thomas Carlyle


„Cailinn und ich studierten Babbages Haus für einige Tage, aber viel konnten wir nicht tun“, erzählte Herr Tuniak. „Cailinn beschloss nach England zurück zu reisen und so bald wie möglich wieder zurück zu kehren.“
„Sie kamen nicht mit ihr mit?“, fragte ich.
„Nein, ich behauptete, dass ich andere, geschäftliche Verpflichtungen hätte und unsere Wege trennten sich“, sagte Herr Tuniak.
„Was für Geschäfte?“, wollte ich wissen. „Was haben sie behauptet, dass sie zu tun hätten?“
„Ich weiß nicht mehr“, gestand Herr Tuniak. „Aber was auch immer ich gesagt habe, Cailinn akzeptierte es. Sie ahnte zu dem Zeitpunkt bereits mehr über meine eigentliche Herkunft, als ich vermutete. Vielleicht fragte sie deswegen nicht genauer nach... Wie dem auch sei, wir verabredeten uns für einige Monate später in London. Cailinn wollte zu diesem Zeitpunkt bereits eine zweite Reise zu Babbages Haus gemacht und dort alles dokumentiert haben.“
„Woher bekam sie das Geld für eine zweite Reise?“, fragte ich. „Sie haben ja die erste finanziert...“
„...und auch die zweite“, sagte Herr Tuniak. „Oder eigentlich kam das Geld beide Male von Philip. Cailinns zweite Reise war aber eine große Enttäuschung.“

Sie hatten keinen genauen Termin ausgemacht, aber als Alexander nach London zurück kehrte, wartete bereits ein Telegramm auf ihn. Er hatte die Adresse eines Freundes angegeben und der Freund berichtete ihm, dass das Telegramm vor einigen Tagen gekommen war. Alexander las es schnell. Cailinn schrieb, dass sie für die nächste Zeit in einem kleinen Hotel wohnen würde, bevor sie nach Schottland zurück kehren würde. Wie es ihr bei ihrer zweiten Reise ergangen war, darüber schrieb sie nichts.
Alexander suchte am nächsten Tag das Hotel auf. Es war wirklich nur ein kleiner Familienbetrieb, aber Cailinn konnte sich kein Zimmer in einem der großen Hotels leisten. Er klopfte an ihre Zimmertür an, die einen Moment später geöffnet wurde.
„Miss Noneach“, begrüßte Alexander sie.
„Ich habe ihnen doch gesagt, sie sollen Cailinn sagen, oder?“, erwiderte Cailinn und ließ ihn eintreten.
Alexander sah sofort, dass er sie im praktisch letzten Moment erwischt hatte. Zwei gepackte Koffer lagen auf dem Bett, ein Zugticket auf dem Tisch. Ein paar Stunden später und er hätte sie verpasst.
„Sie haben sich Zeit gelassen“, meinte Cailinn, schloss die Tür und setzte sich auf das Bett. Alexander blieb stehen. Er spürte, dass etwas vorgefallen war, aber er wusste nicht was. Etwas hatte sich in Cailinns Einstellung ihm gegenüber geändert.
„Wie erging es ihnen in Massa die Somma?“, fragte Alexander.
„Wie glauben sie?“, fragte Cailinn verärgert. Aber als sie merkte, dass Alexander nicht wusste, was passiert war, änderte sich ihre Stimmung sofort. „Oh, sie wissen wirklich nicht, was passiert ist.“
„Was ist passiert?“, fragte Alexander verwirrt.
„Der Vesuv ist ausgebrochen“, erzählte Cailinn. „Drei Wochen nachdem wir dort waren. Die ganze Stadt ist zerstört und von Babbages Haus ist auch nichts mehr übrig. Ich bin trotzdem hin gefahren, aber es gab nichts zu retten.“
„Das tut mir Leid“, sagte Alexander und erst jetzt setzte er sich auf einen der Sessel bei dem Tisch.
„Ah, sie können nichts dafür“, sagte Cailinn abwinkend. „Sie hätten ja nicht wissen können, dass das passieren würde, oder?“ Sie lächelte, aber Alexander konnte nicht erkennen, wie Ernst die letzte Frage wirklich gemeint war.
„Was werden sie jetzt machen?“, fragte er stattdessen, um das Thema zu wechseln.
„Vorerst gehe ich zurück zu meinem Großvater“, erklärte Cailinn. „Ich kann ihnen seine Adresse geben, sie sollten uns einmal besuchen kommen. Dann werde ich alles aufschreiben, woran ich mich erinnern kann. Ich habe ja einige Skizzen... Und danach...“ Sie blickte verträumt aus dem Fenster. „Ich möchte verhindern, dass so etwas wieder passieren kann. Aber ich weiß noch nicht, wie. Haben sie Vorschläge?“

„Ich beschloss zwei Jahre vergehen zu lassen, bevor ich Cailinn wieder besuchte“, erzählte Herr Tuniak.
„Zwei Jahre von Cailinns Perspektive aus, richtig?“, vergewisserte ich mich.
„Ja, für mich waren es nur ein paar Wochen oder Monate“, bestätigte Herr Tuniak. „Ich musste natürlich sicher gehen, dass Cailinn zu Hause war und deswegen landete ich die Zeitmaschine nicht bei ihrem Haus, sondern in Edinburgh. Dort zog ich mehrere Erkundigungen ein und erfuhr so, dass sie in den Süden Englands gereist war. Ich stieg also wieder in die Zeitmaschine, reiste einige Wochen in die Zukunft und wiederholte das Ganze. Diesmal wurde mir versichert, dass sie sich im Haus ihres Großvaters befand und so statte ich ihr einen Besuch ab.“

Da das Haus von weiten Feldern umgeben war, empfand es Alexander für zu riskant die Zeitmaschine dort zu lassen. Er versteckte sie deswegen in einem nahen Wald und mietete sich dann in der Stadt eine Kutsche mit der er vorfuhr.
Als er bei dem Haus angekommen war, dauerte es einige Minuten, bis ihm ein Diener die Tür öffnete.
„Wen darf ich melden?“, fragte der Diener, nachdem er Alexander wie einen Adeligen begrüßt hatte.
„Alexander Tuniak, ich bin hier um Miss Noneach zu sehen“, erklärte Alexander.
„Sie ist gerade in die Stadt zum Bahnhof gefahren, aber...“ Der Diener zögerte einige Momente, bevor er fortfuhr: „Sie können gerne in der Bibliothek auf sie warten.“
Alexander dankte ihm und ließ sich in die Bibliothek führen. Dort saß ein alter Mann, ungefähr so alt wie Alexander selbst, aber mit weniger Haaren auf dem Kopf und las eine Zeitung. Er stand auf und stellte sich als Lord Noneach, Cailinns Großvater, vor. Sie unterhielten sich miteinander, bis Cailinn zurück kam. Alexander fiel dabei auf, dass Lord Noneach oft zur Tür schaute und sichtlich erleichtert wirkte, als seine Enkelin schließlich das Zimmer betrat.
„Alexander, sie hätten schreiben sollen, dass sie kommen“, sagte Cailinn, nachdem sie ihn zur Begrüßung umarmt hatte. „Darf ich vorstellen: Hugo Delake.“ Der junge Mann, der sie begleitete, schüttelte Alexander die Hand. Er war Kriminalbeamter und es stellte sich heraus, dass Cailinn ihm bei zwei Fällen helfen konnte, die er für unlösbar gehalten hatte.
„Beim ersten Fall verwendete der Täter einen riesigen Spiegel, um Lagerhäuser in Brand zu setzten“, erzählte Cailinn. „Sie kennen doch sicher die Geschichten über Archimedes, oder? Nun, was wir fanden war...“
Sie wurde von einem Diener unterbrochen, der die Bibliothek betreten hatte und verkündete, dass das Abendessen angerichtet sei.

„Es wurde ein langer Abend“, erinnerte sich Alexander. „Ihr... Großvater verabschiedete sich als erster. Er behauptete, dass es ihm nicht gut ginge und er sich deswegen hinlegen würde, aber dass wir ruhig noch bleiben könnten. Hugo musste auch bald aufbrechen, denn er musste in der Früh einen Zug zurück nach London erwischen. So blieben am Ende nur Cailinn und ich in der Bibliothek zurück.“

„Was denken sie?“, fragte Cailinn. „Und ich will eine ehrliche Antwort.“
Alexander sah zu ihr hinüber. Sie hatten mehrere Minuten in angenehmen Schweigen verbracht. Die Diener waren ebenfalls bereits zu Bett gegangen „Eine ehrliche Antwort?“, vergewisserte sich Alexander. „Gut. Ich frage mich, wer der Mann ist, den sich als ihr Großvater vorgestellt hat. Ich weiß, dass es nicht ihr Großvater ist, aber ich weiß nicht, wer er wirklich ist und warum er seine Identität nicht bekannt gibt.“
„Wieso glauben sie, dass ich es weiß?“, fragte Cailinn schmunzelnd. „Aber ja, ich habe mich schon gewundert, wie lange sie brauchen würden... Wie kamen sie darauf?“
„Als er sich vorstellte, sagte er, dass sein Name Noneach wäre“, sagte Alexander. „Ich weiß aber, dass das nicht ihr richtiger Name ist. Warum also sollte ihr Großvater diesen Namen tragen?“
„Mein Großvater ist bereits vor einigen Jahren gestorben“, erzählte Cailinn. „Er wollte, dass das Personal das ganze Gut übernimmt. Das ist natürlich unmöglich, also haben wir seinen Tod geheim gehalten. Der Mann, der sich als mein Großvater vorgestellt hat, ist eigentlich der Butler. Er übernimmt die Rolle immer, wenn Gäste zu erwarten sind. Wenn ehemalige Freunde meines Großvaters zu Besuch kommen – und das tun sie nur selten – dann empfange ich sie und erzähle ihnen das Großvater leider gerade unterwegs ist und wir nicht wissen, wann er wieder kommen wird.“ Sie sah zu Alexander hinüber. „Damit schulden sie mir ein Geheimnis.“
„Tue ich das?“, fragte Alexander. „Was wollen sie wissen?“
„Wer sind sie? Sie sind offensichtlich nicht in dieser Gesellschaft aufgewachsen. Das habe ich schon bei unserer ersten Begegnung erkannt, aber...“
„Woran?“, unterbrach sie Alexander.
„Sie hat es nie gestört, dass ich Hosen trage“, sagte Cailinn. „Für sie schien das etwas selbstverständliches zu sein. Selbst Hugo... ich mag ihn sehr und er ist viel fortschrittlicher als die meisten Männer, die ich kenne... aber selbst er kann es nicht lassen, hin und wieder eine Bemerkung über meine Kleidung fallen zu lassen. Oder dass ich alleine reise.“ Sie deutete auf Alexander. „Oder mit fremden Männern alleine rede. Für sie scheint das ganz normal zu sein. Und sie waren fasziniert von Babbages Haus, aber sie waren nicht überrascht. Ich hatte eine Theorie darüber, wer sie sind und woher sie kommen, aber dann wussten sie offensichtlich nichts über den Ausbruch des Vesuvs und das hat meine ganze Theorie wieder zerstört. Dabei fällt mir ein...“ Sie stand auf und ging zu dem Schreibtisch, der in der Ecke der Bibliothek stand. Auf dem Schreibtisch lag ein dünner Stapel Zettel, den sie Alexander brachte. Er erkannte, dass es das Manuskript für ein Buch war. Es gab Tabellen, Skizzen und Karten. Alexander blätterte in dem Manuskript und fand eine Beschreibung von Babbages Haus. „Das sind alles Dinge, die ich in den letzten Jahren gesehen und erlebt habe. Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch mehrere solcher Bücher schreiben werde. Es sind alles Dinge, die nicht vergessen werden sollten.“
„Ich bin sicher, sie werden noch weitere Bände schreiben“, sagte Alexander. Er erinnerte sich an die Bücher, die ihm Sean in genau diesem Raum, aber über hundert Jahre in der Zukunft gezeigt hatte. Cailinn hatte Dutzende Bücher geschrieben und aus diesen Büchern, aus der Idee, die sie geboren hatte, war Gemini geworden.
„Sind sie das?“, fragte Cailinn. „Aber wieso wussten sie nichts über den Ausbruch des Vesuvs?“
„Weil ich nicht daran gedacht hatte“, sagte Alexander. „Ich habe nicht nachgeschaut, wann er ausbrechen würde.“ Und so, ohne es direkt zu sagen, hatte er zugegeben, aus der Zukunft zu kommen. Aber für Cailinn war es keine Überraschung, sondern nur die Bestätigung eines Verdachtes, den sie schon gehabt hatte.
„Dann nehme ich an, dass ich sie wieder sehen werde“, sagte sie.
„Ganz sicher“, versprach Alexander.

„Aber wenn Cailinn wusste, dass sie ein Zeitreisender sind, warum haben sie sie dann nicht mit der Zeitmaschine zurück zu Babbages Haus genommen, damit sie Photos machen konnte, bevor es zerstört wurde?“, fragte ich.
„Ich habe Photos gemacht“, sagte Herr Tuniak. Er zeigte sie mir sogar. Die Bilder waren in zwei Kategorien aufgeteilt: solche, die er mit Kameras des neunzehnten Jahrhunderts gemacht hatte und solche, die er mit modernen Kameras geschossen hatte. „Ich habe ihr auch die alten Bilder angeboten, aber sie wollte sie nicht haben. Sie sagte, es sei gut, dass ich sie hätte, aber sie wollte sie nicht, denn so würde sie immer daran denken, dass Dinge jederzeit verloren gehen könnten, wenn man nicht aufpasst.“



NÄCHSTE WOCHE
On se demande parfois si la vie a un sens, et puis on rencontre des êtres qui donnent un sens à la vie.

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