(Alles,
was die Menschheit je getan oder gedacht hat, alles, was sie gewesen
ist, wird, wie durch Zauberei, in den Seiten von Büchern
aufbewahrt.)
-
Thomas Carlyle
„Cailinn und ich
studierten Babbages Haus für einige Tage, aber viel konnten wir
nicht tun“, erzählte Herr Tuniak. „Cailinn beschloss nach
England zurück zu reisen und so bald wie möglich wieder zurück zu
kehren.“
„Sie kamen nicht mit
ihr mit?“, fragte ich.
„Nein, ich behauptete,
dass ich andere, geschäftliche Verpflichtungen hätte und unsere
Wege trennten sich“, sagte Herr Tuniak.
„Was für Geschäfte?“,
wollte ich wissen. „Was haben sie behauptet, dass sie zu tun
hätten?“
„Ich weiß nicht mehr“,
gestand Herr Tuniak. „Aber was auch immer ich gesagt habe, Cailinn
akzeptierte es. Sie ahnte zu dem Zeitpunkt bereits mehr über meine
eigentliche Herkunft, als ich vermutete. Vielleicht fragte sie
deswegen nicht genauer nach... Wie dem auch sei, wir verabredeten uns
für einige Monate später in London. Cailinn wollte zu diesem
Zeitpunkt bereits eine zweite Reise zu Babbages Haus gemacht und dort
alles dokumentiert haben.“
„Woher bekam sie das
Geld für eine zweite Reise?“, fragte ich. „Sie haben ja die
erste finanziert...“
„...und auch die
zweite“, sagte Herr Tuniak. „Oder eigentlich kam das Geld beide
Male von Philip. Cailinns zweite Reise war aber eine große
Enttäuschung.“
Sie hatten keinen genauen
Termin ausgemacht, aber als Alexander nach London zurück kehrte,
wartete bereits ein Telegramm auf ihn. Er hatte die Adresse eines
Freundes angegeben und der Freund berichtete ihm, dass das Telegramm
vor einigen Tagen gekommen war. Alexander las es schnell. Cailinn
schrieb, dass sie für die nächste Zeit in einem kleinen Hotel
wohnen würde, bevor sie nach Schottland zurück kehren würde. Wie
es ihr bei ihrer zweiten Reise ergangen war, darüber schrieb sie
nichts.
Alexander suchte am
nächsten Tag das Hotel auf. Es war wirklich nur ein kleiner
Familienbetrieb, aber Cailinn konnte sich kein Zimmer in einem der
großen Hotels leisten. Er klopfte an ihre Zimmertür an, die einen
Moment später geöffnet wurde.
„Miss Noneach“,
begrüßte Alexander sie.
„Ich habe ihnen doch
gesagt, sie sollen Cailinn sagen, oder?“, erwiderte Cailinn und
ließ ihn eintreten.
Alexander sah sofort,
dass er sie im praktisch letzten Moment erwischt hatte. Zwei gepackte
Koffer lagen auf dem Bett, ein Zugticket auf dem Tisch. Ein paar
Stunden später und er hätte sie verpasst.
„Sie haben sich Zeit
gelassen“, meinte Cailinn, schloss die Tür und setzte sich auf das
Bett. Alexander blieb stehen. Er spürte, dass etwas vorgefallen war,
aber er wusste nicht was. Etwas hatte sich in Cailinns Einstellung
ihm gegenüber geändert.
„Wie erging es ihnen in
Massa die Somma?“, fragte Alexander.
„Wie glauben sie?“,
fragte Cailinn verärgert. Aber als sie merkte, dass Alexander nicht
wusste, was passiert war, änderte sich ihre Stimmung sofort. „Oh,
sie wissen wirklich nicht, was passiert ist.“
„Was ist passiert?“,
fragte Alexander verwirrt.
„Der Vesuv ist
ausgebrochen“, erzählte Cailinn. „Drei Wochen nachdem wir dort
waren. Die ganze Stadt ist zerstört und von Babbages Haus ist auch
nichts mehr übrig. Ich bin trotzdem hin gefahren, aber es gab nichts
zu retten.“
„Das tut mir Leid“,
sagte Alexander und erst jetzt setzte er sich auf einen der Sessel
bei dem Tisch.
„Ah, sie können nichts
dafür“, sagte Cailinn abwinkend. „Sie hätten ja nicht wissen
können, dass das passieren würde, oder?“ Sie lächelte, aber
Alexander konnte nicht erkennen, wie Ernst die letzte Frage wirklich
gemeint war.
„Was werden sie jetzt
machen?“, fragte er stattdessen, um das Thema zu wechseln.
„Vorerst gehe ich
zurück zu meinem Großvater“, erklärte Cailinn. „Ich kann ihnen
seine Adresse geben, sie sollten uns einmal besuchen kommen. Dann
werde ich alles aufschreiben, woran ich mich erinnern kann. Ich habe
ja einige Skizzen... Und danach...“ Sie blickte verträumt aus dem
Fenster. „Ich möchte verhindern, dass so etwas wieder passieren
kann. Aber ich weiß noch nicht, wie. Haben sie Vorschläge?“
„Ich beschloss zwei
Jahre vergehen zu lassen, bevor ich Cailinn wieder besuchte“,
erzählte Herr Tuniak.
„Zwei Jahre von
Cailinns Perspektive aus, richtig?“, vergewisserte ich mich.
„Ja, für mich waren es
nur ein paar Wochen oder Monate“, bestätigte Herr Tuniak. „Ich
musste natürlich sicher gehen, dass Cailinn zu Hause war und
deswegen landete ich die Zeitmaschine nicht bei ihrem Haus, sondern
in Edinburgh. Dort zog ich mehrere Erkundigungen ein und erfuhr so,
dass sie in den Süden Englands gereist war. Ich stieg also wieder in
die Zeitmaschine, reiste einige Wochen in die Zukunft und wiederholte
das Ganze. Diesmal wurde mir versichert, dass sie sich im Haus ihres
Großvaters befand und so statte ich ihr einen Besuch ab.“
Da das Haus von weiten
Feldern umgeben war, empfand es Alexander für zu riskant die
Zeitmaschine dort zu lassen. Er versteckte sie deswegen in einem
nahen Wald und mietete sich dann in der Stadt eine Kutsche mit der er
vorfuhr.
Als er bei dem Haus
angekommen war, dauerte es einige Minuten, bis ihm ein Diener die Tür
öffnete.
„Wen darf ich melden?“,
fragte der Diener, nachdem er Alexander wie einen Adeligen begrüßt
hatte.
„Alexander Tuniak, ich
bin hier um Miss Noneach zu sehen“, erklärte Alexander.
„Sie ist gerade in die
Stadt zum Bahnhof gefahren, aber...“ Der Diener zögerte einige
Momente, bevor er fortfuhr: „Sie können gerne in der Bibliothek
auf sie warten.“
Alexander dankte ihm und
ließ sich in die Bibliothek führen. Dort saß ein alter Mann,
ungefähr so alt wie Alexander selbst, aber mit weniger Haaren auf
dem Kopf und las eine Zeitung. Er stand auf und stellte sich als Lord
Noneach, Cailinns Großvater, vor. Sie unterhielten sich miteinander,
bis Cailinn zurück kam. Alexander fiel dabei auf, dass Lord Noneach
oft zur Tür schaute und sichtlich erleichtert wirkte, als seine
Enkelin schließlich das Zimmer betrat.
„Alexander, sie hätten
schreiben sollen, dass sie kommen“, sagte Cailinn, nachdem sie ihn
zur Begrüßung umarmt hatte. „Darf ich vorstellen: Hugo Delake.“
Der junge Mann, der sie begleitete, schüttelte Alexander die Hand.
Er war Kriminalbeamter und es stellte sich heraus, dass Cailinn ihm
bei zwei Fällen helfen konnte, die er für unlösbar gehalten hatte.
„Beim ersten Fall
verwendete der Täter einen riesigen Spiegel, um Lagerhäuser in
Brand zu setzten“, erzählte Cailinn. „Sie kennen doch sicher die
Geschichten über Archimedes, oder? Nun, was wir fanden war...“
Sie wurde von einem
Diener unterbrochen, der die Bibliothek betreten hatte und
verkündete, dass das Abendessen angerichtet sei.
„Es wurde ein langer
Abend“, erinnerte sich Alexander. „Ihr... Großvater
verabschiedete sich als erster. Er behauptete, dass es ihm nicht gut
ginge und er sich deswegen hinlegen würde, aber dass wir ruhig noch
bleiben könnten. Hugo musste auch bald aufbrechen, denn er musste in
der Früh einen Zug zurück nach London erwischen. So blieben am Ende
nur Cailinn und ich in der Bibliothek zurück.“
„Was denken sie?“,
fragte Cailinn. „Und ich will eine ehrliche Antwort.“
Alexander sah zu ihr
hinüber. Sie hatten mehrere Minuten in angenehmen Schweigen
verbracht. Die Diener waren ebenfalls bereits zu Bett gegangen „Eine
ehrliche Antwort?“, vergewisserte sich Alexander. „Gut. Ich frage
mich, wer der Mann ist, den sich als ihr Großvater vorgestellt hat.
Ich weiß, dass es nicht ihr Großvater ist, aber ich weiß nicht,
wer er wirklich ist und warum er seine Identität nicht bekannt
gibt.“
„Wieso glauben sie,
dass ich es weiß?“, fragte Cailinn schmunzelnd. „Aber ja, ich
habe mich schon gewundert, wie lange sie brauchen würden... Wie
kamen sie darauf?“
„Als er sich
vorstellte, sagte er, dass sein Name Noneach wäre“, sagte
Alexander. „Ich weiß aber, dass das nicht ihr richtiger Name ist.
Warum also sollte ihr Großvater diesen Namen tragen?“
„Mein Großvater ist
bereits vor einigen Jahren gestorben“, erzählte Cailinn. „Er
wollte, dass das Personal das ganze Gut übernimmt. Das ist natürlich
unmöglich, also haben wir seinen Tod geheim gehalten. Der Mann, der
sich als mein Großvater vorgestellt hat, ist eigentlich der Butler.
Er übernimmt die Rolle immer, wenn Gäste zu erwarten sind. Wenn
ehemalige Freunde meines Großvaters zu Besuch kommen – und das tun
sie nur selten – dann empfange ich sie und erzähle ihnen das
Großvater leider gerade unterwegs ist und wir nicht wissen, wann er
wieder kommen wird.“ Sie sah zu Alexander hinüber. „Damit
schulden sie mir ein Geheimnis.“
„Tue ich das?“,
fragte Alexander. „Was wollen sie wissen?“
„Wer sind sie? Sie sind
offensichtlich nicht in dieser Gesellschaft aufgewachsen. Das habe
ich schon bei unserer ersten Begegnung erkannt, aber...“
„Woran?“, unterbrach
sie Alexander.
„Sie hat es nie
gestört, dass ich Hosen trage“, sagte Cailinn. „Für sie schien
das etwas selbstverständliches zu sein. Selbst Hugo... ich mag ihn
sehr und er ist viel fortschrittlicher als die meisten Männer, die
ich kenne... aber selbst er kann es nicht lassen, hin und wieder eine
Bemerkung über meine Kleidung fallen zu lassen. Oder dass ich
alleine reise.“ Sie deutete auf Alexander. „Oder mit fremden
Männern alleine rede. Für sie scheint das ganz normal zu sein. Und
sie waren fasziniert von Babbages Haus, aber sie waren nicht
überrascht. Ich hatte eine Theorie darüber, wer sie sind und woher
sie kommen, aber dann wussten sie offensichtlich nichts über den
Ausbruch des Vesuvs und das hat meine ganze Theorie wieder zerstört.
Dabei fällt mir ein...“ Sie stand auf und ging zu dem
Schreibtisch, der in der Ecke der Bibliothek stand. Auf dem
Schreibtisch lag ein dünner Stapel Zettel, den sie Alexander
brachte. Er erkannte, dass es das Manuskript für ein Buch war. Es
gab Tabellen, Skizzen und Karten. Alexander blätterte in dem
Manuskript und fand eine Beschreibung von Babbages Haus. „Das sind
alles Dinge, die ich in den letzten Jahren gesehen und erlebt habe.
Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch mehrere solcher Bücher schreiben
werde. Es sind alles Dinge, die nicht vergessen werden sollten.“
„Ich bin sicher, sie
werden noch weitere Bände schreiben“, sagte Alexander. Er
erinnerte sich an die Bücher, die ihm Sean in genau diesem Raum,
aber über hundert Jahre in der Zukunft gezeigt hatte. Cailinn hatte
Dutzende Bücher geschrieben und aus diesen Büchern, aus der Idee,
die sie geboren hatte, war Gemini geworden.
„Sind sie das?“,
fragte Cailinn. „Aber wieso wussten sie nichts über den Ausbruch
des Vesuvs?“
„Weil ich nicht daran
gedacht hatte“, sagte Alexander. „Ich habe nicht nachgeschaut,
wann er ausbrechen würde.“ Und so, ohne es direkt zu sagen, hatte
er zugegeben, aus der Zukunft zu kommen. Aber für Cailinn war es
keine Überraschung, sondern nur die Bestätigung eines Verdachtes,
den sie schon gehabt hatte.
„Dann nehme ich an,
dass ich sie wieder sehen werde“, sagte sie.
„Ganz sicher“,
versprach Alexander.
„Aber wenn Cailinn
wusste, dass sie ein Zeitreisender sind, warum haben sie sie dann
nicht mit der Zeitmaschine zurück zu Babbages Haus genommen, damit
sie Photos machen konnte, bevor es zerstört wurde?“, fragte ich.
„Ich habe Photos
gemacht“, sagte Herr Tuniak. Er zeigte sie mir sogar. Die Bilder
waren in zwei Kategorien aufgeteilt: solche, die er mit Kameras des
neunzehnten Jahrhunderts gemacht hatte und solche, die er mit
modernen Kameras geschossen hatte. „Ich habe ihr auch die alten
Bilder angeboten, aber sie wollte sie nicht haben. Sie sagte, es sei
gut, dass ich sie hätte, aber sie wollte sie nicht, denn so würde
sie immer daran denken, dass Dinge jederzeit verloren gehen könnten,
wenn man nicht aufpasst.“
NÄCHSTE WOCHE
On se demande parfois
si la vie a un sens, et puis on rencontre des êtres qui donnent un
sens à la vie.
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