Sonntag, 23. September 2012

Both optimists and pessimists contribute to our society. The optimist invents the airplane and the pessimist the parachute.


(Optimisten und Pessimisten tragen beide zu unserer Gesellschaft bei. Der Optimist erfindet das Flugzeug, der Pessimist den Fallschirm.)
- G.B. Stern


Um die Gemini Foundation genauer kennen zu lernen, suchte ich eines ihrer Büros auf“, erzählte Herr Tuniak. „Die gibt es weltweit und ich schwankte zwischen ihrem Hauptsitz in New York und ihrer Zweigstelle in Edinburgh.“
Was macht das Büro in Edinburgh so besonders?“, fragte ich.
Es ist ihr Ursprung“, erklärte Herr Tuniak. „Es ist das Haus, in dem die Gründerin gelebt hat und...“ Er sah mich lächelnd an. „Ich sehe ihnen an, dass sie es gerne selbst sehen würden.“

Also reisten wir nach Schottland. Das Haus, zu dem wir wollten, war außerhalb der eigentlichen Stadt Edinburgh. Es war ein altes Herrenhaus, ursprünglich umgeben von Feldern, die der Besitzer verwaltete, heute in Mitten eines dichten Waldes. Auf der Vorderseite gab es einen Parkplatz mit Springbrunnen, auf dem mehrere Autos standen. Herr Tuniak „parkte“ die Zeitmaschine ebenfalls dort. Es war mir deswegen sofort klar, dass die Leute in dem Haus offensichtlich wussten, dass er ein Zeitreisender war, sonst hätte er die Zeitmaschine nie dort gelandet.
Über dem Haupteingang hing ein rundes Schild, auf dem das Symbol der Gemini-Foundation aufgemalt war: ein abgeändertes Yin-Yang-Symbol, das in den beiden Hälften jeweils das Gesicht einer Frau oder eines Mannes zeigte.
Die Eingangstür war nicht verschlossen. „Hier ist jeder willkommen“, meinte Herr Tuniak lachend, als ich ihn darauf ansprach. „Und die, die nicht willkommen sind, werden von dem Zaun abgehalten, der um das Grundstück läuft.“
In dem Haus herrschte reges Treiben. Menschen liefen hin und her, einige grüßten Herrn Tuniak und mich, andere waren so sehr in ihre Arbeit oder ihre Gedanken vertieft, dass sie alles um sich herum ignorierten. Es erinnerte mich ein wenig an die Atmosphäre in der Stadt Lagua's Dwelling, nur das hier ein größeres Chaos zu herrschen schien.
Wir fanden einen Raum, der im Moment nicht benützt wurde. „Das Maskenzimmer“, sagte Herr Tuniak, als wir eintraten. „Vor einigen Jahren war das hier der Raum, in dem Gäste empfangen wurden. Mittlerweile hat die Bibliothek diese Funktion übernommen.“
Es war sofort klar, die der Raum zu seinem Namen gekommen war. Auf allen vier Wänden hingen Masken aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen. Es war unmöglich sich in dem Raum nicht beobachtet zu fühlen und ich muss zugeben, dass es in mir ein leicht unangenehmes Gefühl auslöste. Vor allem den Masken, die früher eindeutig für Krieger angefertigt worden waren, drehte ich nur ungern den Rücken zu.
Sollte das hier Gäste verunsichern?“, fragte ich.
Nein, es sollte zeigen, wo Gemini schon überall gewesen war“, sagte Herr Tuniak. „Aber ich weiß, was sie meinen.“
Wir setzten uns auf die Sofas, die vor dem Fenster standen.
Ich weiß, dass sich nicht Mitglied bei der Foundation sind“, sagte ich. „Und trotzdem dürfen sie so einfach herein kommen?“
Ich kannte die Gründerin, deswegen habe ich hier einiges an Spielraum“, sagte Herr Tuniak. „Aber davon erzähle ich ihnen ein anderes Mal. Als ich in den 1990ern das erste Mal herkam, gab es in diesem Raum hier noch zwei Schreibtische, dort und dort...“

Alexander betrat den Maskenraum, begleitet von Sean Patrick, der ihn am Eingang empfangen hatte. Eine Frau, die Sean als seine Ehefrau und Gemini-Partnerin Dilara, saß bei einem der beiden Schreibtische und begrüßte sie. Sie hatte mehrere Bücher vor sich liegen und verglich offenbar deren Informationen.
Sean und Alexander setzten sich an den freien Schreibtisch.
Raben Consulting schickt sie also, um unsere Arbeit zu beurteilen?“, fragte Sean.
Mehr oder weniger“, bestätigte Alexander. „Ich arbeite nicht offiziell für Raben Consulting, aber der Besitzer ist ein guter Freund von mir. Er wollte mehr über ihre Foundation wissen, bevor er bereit ist mit ihnen zusammen zu arbeiten.“
Kann ich absolut verstehen“, sagte Sean. „Was wollen sie über Gemini wissen?“
Alles“, sagte Alexander. „Aber fangen sie einfach mit ihren Grundprinzipien an.“
Nun, Gemini hat es sich zur Aufgabe gemacht alles Wissen der Welt zu sammeln“, sagte Sean. „Wir wollen verhindern, dass etwas wie das Finstere Mittelalter – eine Zeit, in der das meiste Wissen der Antike verloren ging – sich nicht wiederholen kann.“
Das Finstere Mittelalter betraf hauptsächlich Europa“, warf Alexander ein.
Seans Augen leuchteten auf. „Gut“, sagte er anerkennend. „Sie haben natürlich Recht. Und das sie mir auch sofort widersprochen haben, bringt mich zu einem der Grundsätze von Gemini: Wir schicken immer zweier Teams aus. Immer zwei Personen. Es ist egal, ob diese Personen sich vorher schon kennen oder ob sie, wie bei meiner Frau und mir, verheiratet sind. Wichtig ist, dass sie sich widersprechen können. Und müssen.“
Ich verstehe nicht...“
Ich gebe ihnen ein Beispiel: Schauen sie sich die Masken direkt links vom Fenster an. Die dritte von unten, vor allem.“
Die scheinbar die Zähne fletscht?“
Ganz genau“, sagte Sean. „Meine Frau und ich haben sie gefunden. Als wir sie zum ersten Mal sahen, dachte ich sofort, dass muss die Maske eines Kriegers sein.“
Wegen der Zähne?“
Wegen der Zähne. Weil ich aber behauptet habe, dass es die Maske eines Kriegers ist, musste Dilara mir widersprechen. Sie hat also nach anderen Verwendungsmöglichkeiten für die Maske gesucht. Sie behauptete, dass die Maske einem Medizinmann gehört hat, der sie benutzte, um Geister zu vertreiben.“
Und wer hatte Recht?“
In dem Fall, ich. Es war die Maske eines Kriegers, wir haben später Beweise dafür gefunden“, erzählte Sean. „Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir hier bei Gemini Dinge nicht einfach akzeptieren dürfen. Der erste Eindruck kann oft täuschen. Deswegen ist es so wichtig, dass sich die Partner widersprechen können. Habe ich nicht Recht, Schatz?“
Nein, hast du nicht“, antwortete Dilara automatisch, ohne von ihren Büchern aufzusehen.
Quod erat demonstrandum“, sagte Sean und wandte sich wieder Alexander zu. „Sie glauben gar nicht wie schwer es war, sie zu heiraten.“
Sie durften selbst vor dem Altar nicht die gleiche Meinung haben?“, fragte Alexander belustigt. Aber dann wurde er wieder ernster. „Aber wenn sie sich immer widersprechen müssen, kommen sie doch nie zu einer Entscheidung.“
Nein, nein, die Partner widersprechen sich nur so lange, wie es sinnvoll ist“, korrigierte Sean. „Wir haben zum Beispiel einmal in... ich glaube es war Ägypten, ein Waffenlager aus der Antike gefunden. Vielleicht war es sogar noch älter, es ist schon einige Jahre her. Auf den Schilden war eine Katze aufgemalt und ich dachte, dass die Soldaten eine Göttin verehrten, die eine Katze als Symbol hatte. Dilara widersprach natürlich und nach einiger Zeit fanden wir einen Papyrus, der über die Schlacht berichtete, bei der diese Schilde zum Einsatz kamen. Es stellte sich heraus, dass nicht die Schildträger, sondern ihre Gegner eine Katzengöttin verehrten. Diese Göttin wurde so sehr verehrt, dass selbst Bilder von Katzen nicht verunstaltet werden durften.“
Das heißt, sie konnten nicht auf die Schilder ihrer Gegner schlagen“, erkannte Alexander.
Genau“, sagte Sean. „Es wäre idiotisch von mir gewesen, danach immer noch auf meiner Theorie zu beharren. Deswegen ist es wichtig, dass Gemini-Partner unterschiedliche Meinungen haben können. Manchmal wird dann der eine Recht haben, manchmal der andere. Das hat nichts mit der Person selbst zu tun, sonder soll einfach nur garantieren, dass alles Wissen, das wir sammeln, alle Fakten, auch gründlich geprüft und nicht einfach akzeptiert wurden.“

Ich mochte Gemini vom ersten Moment an und bat Sean auch, ob ich Dilara und ihn bei ihrer nächsten Reise begleiten durfte“, erzählte Herr Tuniak. „Er zögerte zuerst noch, weil sie, wie er es nannte, normalerweise keine Touristen mitnahmen. Ihr nächster Auftrag war die Nazca-Linien in Peru zu photographieren.“
Das sind die großen Bilder in einer Wüste, die man nur von der Luft aus sehen kann, oder?“, fragte ich.
Nein, man kann sie auch von den umliegenden Hügeln sehr gut sehen“, widersprach Herr Tuniak. „Und von dort wurden sie ursprünglich auch betrachtet. Aber wir planten darüber zu fliegen, weil uns das bessere Bilder ermöglichen würde. Und als ich Sean sagte, dass ich früher als Photograph gearbeitet hatte, war er bereit, mich mitzunehmen.“
Warum wollte Gemini sie photographieren?“
Weil die Linien dem Wetter ausgesetzt sind und es nicht sicher ist, wie lange sie noch existieren werden“, erklärte Herr Tuniak.
Gibt es die Linien nicht schon einige hundert Jahre?“, fragte ich.
Sie sind sogar über tausend Jahre alt“, sagte Herr Tuniak. „Und es wird sie wahrscheinlich auch noch sehr lange geben. Aber Aufgabe von Gemini ist es, auf Nummer sicher zu gehen.“

Fliegt die Katze auch mit?“, fragte Alexander, als sie in das kleine Flugzeug geklettert waren. Außer ihm waren noch Dilara, Sean und der Pilot Diego in der Maschine. Aber gerade, als Alexander die Tür schließen wollte, sprang noch eine graue Katze herein.
Chasca? Si, ja, sie kommt mit“, sagte Diego, während er seine Instrumente überprüfte. „Haben sie nicht ihr Bild auf den Flügeln gesehen?“
Ich dachte sie ist einfach nur das Maskottchen“, sagte Alexander.
Ist sie auch“, bestätigte Diego. „Alle angeschnallt?“
Die beiden Propeller begannen sich zu drehen und das Flugzeug setzte sich in Bewegung. Es dauerte nicht lange, bis sie in der Luft waren und das Ziel ihres Fluges erreicht hatten. Um bessere Bilder schießen zu können, war vor Abflug ausgemacht worden, dass sie die hintere Türe des Flugzeuges öffnen würden. Um kein Risiko einzugehen, schnallten sich Dilara, Sean und Alexander auch Fallschirme um. Dann öffneten sie die Tür und begannen ihre Photos zu schießen.
Sie hatten vier der großen Figuren bereits aus allen Blickwinkeln photographiert, als Chasca neugierig wurde. Sie drängte sich zu der offenen Tür vor, aber Alexander gelang es sie wieder ins Cockpit zu treiben.
Sie hofft wahrscheinlich, dass eines der Bilder eine Maus ist“, lachte Dilara.
Chasca beobachtete Alexander genau. Als sie merkte, dass er wieder mit seinem Photoapparat beschäftigt war, rannte sie los. Sie stürmte auf die geöffnete Tür zu und sprang hinaus.
Nein!“, schrie Alexander, versuchte sie zu packen und, als ihm das nicht gelang, sprang ihr nach.

Sie taten was?“, fragte ich entsetzt.
Ich habe nicht nachgedacht“, gab Herr Tuniak zu. „Ich sah, wie die Katze hinaus sprang und mein erster Instinkt war, ihr zu folgen, um sie zu retten. Ich war natürlich kein geübter Fallschirmspringer und kaum war ich draußen, konnte ich die Katze nicht mehr sehen.“
Aber sie haben zum Glück ihren Fallschirm gehabt“, sagte ich.
Ja“, sagte Herr Tuniak. „Es war trotzdem eine riesige Dummheit. Wir flogen eigentlich zu tief für Fallschirme, das heißt, als ich auf dem Boden landete, war ich immer noch viel zu schnell.“
Haben sie sich damals ihre Beine gebrochen?“, fragte ich.
Ja“, antwortete er. „Und ich hatte dabei Glück im Unglück. Es hätte auch schlimmer ausgehen können. Und während ich in der Wüste darauf wartete, gerettet zu werden, war ich auch nicht alleine.“

Alexander lag auf dem heißen Wüstenboden. Er spürte im Moment keinen Schmerz. Er konnte seine beiden Beine nicht bewegen und ahnte, dass sie gebrochen waren, aber im Moment spürte er sie zum Glück nicht. Nicht weit von seiner Position entfernt, sah er mehrere große Steine übereinander liegen. Er robbte langsam zu ihnen hin und blieb dann in ihrem Schatten liegen. In Gedanken schimpfte er über sich und sein Dummheit. Warum hatte er das nur getan? Wegen einer Katze?
Als er sich diese Frage stellte, hörte er plötzlich ein Miauen über sich. Chasca, die Katze, der er nach gesprungen war, saß auf einem der Steine und sah zu ihm hinunter. Sie sprang zu ihm und legte sich schnurrend neben ihm in den Schatten.
Alexander konnte sich nicht erklären, wie das Tier den Fall überlebt hatte. Erst später erfuhr er, dass Katzen praktisch ihr eigener Fallschirm waren. Wenn sie von großen Höhen herunter fielen, bot ihr Körper so viel Luftwiderstand, dass sie nie auf eine tödliche Geschwindigkeit beschleunigt wurden. Chasca, so erzählte man Alexander später, schien sogar besonderen Gefallen daran gefunden zu haben aus Flugzeugen zu springen.
Im diesem Moment wusste Alexander das alles aber nicht. Er war einfach nur froh, dass er nicht alleine war.



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L'ennui est la grande maladie de la vie.

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