(Optimisten
und Pessimisten tragen beide zu unserer Gesellschaft bei. Der
Optimist erfindet das Flugzeug, der Pessimist den Fallschirm.)
-
G.B. Stern
„Um
die Gemini Foundation genauer kennen zu lernen, suchte ich eines
ihrer Büros auf“, erzählte Herr Tuniak. „Die gibt es weltweit
und ich schwankte zwischen ihrem Hauptsitz in New York und ihrer
Zweigstelle in Edinburgh.“
„Was
macht das Büro in Edinburgh so besonders?“, fragte ich.
„Es
ist ihr Ursprung“, erklärte Herr Tuniak. „Es ist das Haus, in
dem die Gründerin gelebt hat und...“ Er sah mich lächelnd an.
„Ich sehe ihnen an, dass sie es gerne selbst sehen würden.“
Also
reisten wir nach Schottland. Das Haus, zu dem wir wollten, war
außerhalb der eigentlichen Stadt Edinburgh. Es war ein altes
Herrenhaus, ursprünglich umgeben von Feldern, die der Besitzer
verwaltete, heute in Mitten eines dichten Waldes. Auf der Vorderseite
gab es einen Parkplatz mit Springbrunnen, auf dem mehrere Autos
standen. Herr Tuniak „parkte“ die Zeitmaschine ebenfalls dort. Es
war mir deswegen sofort klar, dass die Leute in dem Haus
offensichtlich wussten, dass er ein Zeitreisender war, sonst hätte
er die Zeitmaschine nie dort gelandet.
Über
dem Haupteingang hing ein rundes Schild, auf dem das Symbol der
Gemini-Foundation aufgemalt war: ein abgeändertes Yin-Yang-Symbol,
das in den beiden Hälften jeweils das Gesicht einer Frau oder eines
Mannes zeigte.
Die
Eingangstür war nicht verschlossen. „Hier ist jeder willkommen“,
meinte Herr Tuniak lachend, als ich ihn darauf ansprach. „Und die,
die nicht willkommen sind, werden von dem Zaun abgehalten, der um das
Grundstück läuft.“
In
dem Haus herrschte reges Treiben. Menschen liefen hin und her, einige
grüßten Herrn Tuniak und mich, andere waren so sehr in ihre Arbeit
oder ihre Gedanken vertieft, dass sie alles um sich herum
ignorierten. Es erinnerte mich ein wenig an die Atmosphäre in der
Stadt Lagua's Dwelling, nur das hier ein größeres Chaos zu
herrschen schien.
Wir
fanden einen Raum, der im Moment nicht benützt wurde. „Das
Maskenzimmer“, sagte Herr Tuniak, als wir eintraten. „Vor einigen
Jahren war das hier der Raum, in dem Gäste empfangen wurden.
Mittlerweile hat die Bibliothek diese Funktion übernommen.“
Es
war sofort klar, die der Raum zu seinem Namen gekommen war. Auf allen
vier Wänden hingen Masken aus unterschiedlichen Kulturen und
Epochen. Es war unmöglich sich in dem Raum nicht beobachtet zu
fühlen und ich muss zugeben, dass es in mir ein leicht unangenehmes
Gefühl auslöste. Vor allem den Masken, die früher eindeutig für
Krieger angefertigt worden waren, drehte ich nur ungern den Rücken
zu.
„Sollte
das hier Gäste verunsichern?“, fragte ich.
„Nein,
es sollte zeigen, wo Gemini schon überall gewesen war“, sagte Herr
Tuniak. „Aber ich weiß, was sie meinen.“
Wir
setzten uns auf die Sofas, die vor dem Fenster standen.
„Ich
weiß, dass sich nicht Mitglied bei der Foundation sind“, sagte
ich. „Und trotzdem dürfen sie so einfach herein kommen?“
„Ich
kannte die Gründerin, deswegen habe ich hier einiges an Spielraum“,
sagte Herr Tuniak. „Aber davon erzähle ich ihnen ein anderes Mal.
Als ich in den 1990ern das erste Mal herkam, gab es in diesem Raum
hier noch zwei Schreibtische, dort und dort...“
Alexander
betrat den Maskenraum, begleitet von Sean Patrick, der ihn am Eingang
empfangen hatte. Eine Frau, die Sean als seine Ehefrau und
Gemini-Partnerin Dilara, saß bei einem der beiden Schreibtische und
begrüßte sie. Sie hatte mehrere Bücher vor sich liegen und
verglich offenbar deren Informationen.
Sean
und Alexander setzten sich an den freien Schreibtisch.
„Raben
Consulting schickt sie also, um unsere Arbeit zu beurteilen?“,
fragte Sean.
„Mehr
oder weniger“, bestätigte Alexander. „Ich arbeite nicht
offiziell für Raben Consulting, aber der Besitzer ist ein guter
Freund von mir. Er wollte mehr über ihre Foundation wissen, bevor er
bereit ist mit ihnen zusammen zu arbeiten.“
„Kann
ich absolut verstehen“, sagte Sean. „Was wollen sie über Gemini
wissen?“
„Alles“,
sagte Alexander. „Aber fangen sie einfach mit ihren Grundprinzipien
an.“
„Nun,
Gemini hat es sich zur Aufgabe gemacht alles Wissen der Welt zu
sammeln“, sagte Sean. „Wir wollen verhindern, dass etwas wie das
Finstere Mittelalter – eine Zeit, in der das meiste Wissen der
Antike verloren ging – sich nicht wiederholen kann.“
„Das
Finstere Mittelalter betraf hauptsächlich Europa“, warf Alexander
ein.
Seans
Augen leuchteten auf. „Gut“, sagte er anerkennend. „Sie haben
natürlich Recht. Und das sie mir auch sofort widersprochen haben,
bringt mich zu einem der Grundsätze von Gemini: Wir schicken immer
zweier Teams aus. Immer zwei Personen. Es ist egal, ob diese Personen
sich vorher schon kennen oder ob sie, wie bei meiner Frau und mir,
verheiratet sind. Wichtig ist, dass sie sich widersprechen können.
Und müssen.“
„Ich
verstehe nicht...“
„Ich
gebe ihnen ein Beispiel: Schauen sie sich die Masken direkt links vom
Fenster an. Die dritte von unten, vor allem.“
„Die
scheinbar die Zähne fletscht?“
„Ganz
genau“, sagte Sean. „Meine Frau und ich haben sie gefunden. Als
wir sie zum ersten Mal sahen, dachte ich sofort, dass muss die Maske
eines Kriegers sein.“
„Wegen
der Zähne?“
„Wegen
der Zähne. Weil ich aber behauptet habe, dass es die Maske eines
Kriegers ist, musste Dilara mir widersprechen. Sie hat also nach
anderen Verwendungsmöglichkeiten für die Maske gesucht. Sie
behauptete, dass die Maske einem Medizinmann gehört hat, der sie
benutzte, um Geister zu vertreiben.“
„Und
wer hatte Recht?“
„In
dem Fall, ich. Es war die Maske eines Kriegers, wir haben später
Beweise dafür gefunden“, erzählte Sean. „Aber das ist jetzt
nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir hier bei Gemini Dinge nicht
einfach akzeptieren dürfen. Der erste Eindruck kann oft täuschen.
Deswegen ist es so wichtig, dass sich die Partner widersprechen
können. Habe ich nicht Recht, Schatz?“
„Nein,
hast du nicht“, antwortete Dilara automatisch, ohne von ihren
Büchern aufzusehen.
„Quod
erat demonstrandum“,
sagte Sean und wandte sich wieder Alexander zu. „Sie glauben gar
nicht wie schwer es war, sie zu heiraten.“
„Sie
durften selbst vor dem Altar nicht die gleiche Meinung haben?“,
fragte Alexander belustigt. Aber dann wurde er wieder ernster. „Aber
wenn sie sich immer widersprechen müssen, kommen sie doch nie zu
einer Entscheidung.“
„Nein,
nein, die Partner widersprechen sich nur so lange, wie es sinnvoll
ist“, korrigierte Sean. „Wir haben zum Beispiel einmal in... ich
glaube es war Ägypten, ein Waffenlager aus der Antike gefunden.
Vielleicht war es sogar noch älter, es ist schon einige Jahre her.
Auf den Schilden war eine Katze aufgemalt und ich dachte, dass die
Soldaten eine Göttin verehrten, die eine Katze als Symbol hatte.
Dilara widersprach natürlich und nach einiger Zeit fanden wir einen
Papyrus, der über die Schlacht berichtete, bei der diese Schilde zum
Einsatz kamen. Es stellte sich heraus, dass nicht die Schildträger,
sondern ihre Gegner eine Katzengöttin verehrten. Diese Göttin wurde
so sehr verehrt, dass selbst Bilder von Katzen nicht verunstaltet
werden durften.“
„Das
heißt, sie konnten nicht auf die Schilder ihrer Gegner schlagen“,
erkannte Alexander.
„Genau“,
sagte Sean. „Es wäre idiotisch von mir gewesen, danach immer noch
auf meiner Theorie zu beharren. Deswegen ist es wichtig, dass
Gemini-Partner unterschiedliche Meinungen haben können. Manchmal
wird dann der eine Recht haben, manchmal der andere. Das hat nichts
mit der Person selbst zu tun, sonder soll einfach nur garantieren,
dass alles Wissen, das wir sammeln, alle Fakten, auch gründlich
geprüft und nicht einfach akzeptiert wurden.“
„Ich
mochte Gemini vom ersten Moment an und bat Sean auch, ob ich Dilara
und ihn bei ihrer nächsten Reise begleiten durfte“, erzählte Herr
Tuniak. „Er zögerte zuerst noch, weil sie, wie er es nannte,
normalerweise keine Touristen mitnahmen. Ihr nächster Auftrag war
die Nazca-Linien in Peru zu photographieren.“
„Das
sind die großen Bilder in einer Wüste, die man nur von der Luft aus
sehen kann, oder?“, fragte ich.
„Nein,
man kann sie auch von den umliegenden Hügeln sehr gut sehen“,
widersprach Herr Tuniak. „Und von dort wurden sie ursprünglich
auch betrachtet. Aber wir planten darüber zu fliegen, weil uns das
bessere Bilder ermöglichen würde. Und als ich Sean sagte, dass ich
früher als Photograph gearbeitet hatte, war er bereit, mich
mitzunehmen.“
„Warum
wollte Gemini sie photographieren?“
„Weil
die Linien dem Wetter ausgesetzt sind und es nicht sicher ist, wie
lange sie noch existieren werden“, erklärte Herr Tuniak.
„Gibt
es die Linien nicht schon einige hundert Jahre?“, fragte ich.
„Sie
sind sogar über tausend Jahre alt“, sagte Herr Tuniak. „Und es
wird sie wahrscheinlich auch noch sehr lange geben. Aber Aufgabe von
Gemini ist es, auf Nummer sicher zu gehen.“
„Fliegt
die Katze auch mit?“, fragte Alexander, als sie in das kleine
Flugzeug geklettert waren. Außer ihm waren noch Dilara, Sean und der
Pilot Diego in der Maschine. Aber gerade, als Alexander die Tür
schließen wollte, sprang noch eine graue Katze herein.
„Chasca?
Si,
ja, sie kommt mit“, sagte Diego, während er seine Instrumente
überprüfte. „Haben sie nicht ihr Bild auf den Flügeln gesehen?“
„Ich
dachte sie ist einfach nur das Maskottchen“, sagte Alexander.
„Ist
sie auch“, bestätigte Diego. „Alle angeschnallt?“
Die
beiden Propeller begannen sich zu drehen und das Flugzeug setzte sich
in Bewegung. Es dauerte nicht lange, bis sie in der Luft waren und
das Ziel ihres Fluges erreicht hatten. Um bessere Bilder schießen zu
können, war vor Abflug ausgemacht worden, dass sie die hintere Türe
des Flugzeuges öffnen würden. Um kein Risiko einzugehen, schnallten
sich Dilara, Sean und Alexander auch Fallschirme um. Dann öffneten
sie die Tür und begannen ihre Photos zu schießen.
Sie
hatten vier der großen Figuren bereits aus allen Blickwinkeln
photographiert, als Chasca neugierig wurde. Sie drängte sich zu der
offenen Tür vor, aber Alexander gelang es sie wieder ins Cockpit zu
treiben.
„Sie
hofft wahrscheinlich, dass eines der Bilder eine Maus ist“, lachte
Dilara.
Chasca
beobachtete Alexander genau. Als sie merkte, dass er wieder mit
seinem Photoapparat beschäftigt war, rannte sie los. Sie stürmte
auf die geöffnete Tür zu und sprang hinaus.
„Nein!“,
schrie Alexander, versuchte sie zu packen und, als ihm das nicht
gelang, sprang ihr nach.
„Sie
taten was?“, fragte ich entsetzt.
„Ich
habe nicht nachgedacht“, gab Herr Tuniak zu. „Ich sah, wie die
Katze hinaus sprang und mein erster Instinkt war, ihr zu folgen, um
sie zu retten. Ich war natürlich kein geübter Fallschirmspringer
und kaum war ich draußen, konnte ich die Katze nicht mehr sehen.“
„Aber
sie haben zum Glück ihren Fallschirm gehabt“, sagte ich.
„Ja“,
sagte Herr Tuniak. „Es war trotzdem eine riesige Dummheit. Wir
flogen eigentlich zu tief für Fallschirme, das heißt, als ich auf
dem Boden landete, war ich immer noch viel zu schnell.“
„Haben
sie sich damals ihre Beine gebrochen?“, fragte ich.
„Ja“,
antwortete er. „Und ich hatte dabei Glück im Unglück. Es hätte
auch schlimmer ausgehen können. Und während ich in der Wüste
darauf wartete, gerettet zu werden, war ich auch nicht alleine.“
Alexander
lag auf dem heißen Wüstenboden. Er spürte im Moment keinen
Schmerz. Er konnte seine beiden Beine nicht bewegen und ahnte, dass
sie gebrochen waren, aber im Moment spürte er sie zum Glück nicht.
Nicht weit von seiner Position entfernt, sah er mehrere große Steine
übereinander liegen. Er robbte langsam zu ihnen hin und blieb dann
in ihrem Schatten liegen. In Gedanken schimpfte er über sich und
sein Dummheit. Warum hatte er das nur getan? Wegen einer Katze?
Als
er sich diese Frage stellte, hörte er plötzlich ein Miauen über
sich. Chasca, die Katze, der er nach gesprungen war, saß auf einem
der Steine und sah zu ihm hinunter. Sie sprang zu ihm und legte sich
schnurrend neben ihm in den Schatten.
Alexander
konnte sich nicht erklären, wie das Tier den Fall überlebt hatte.
Erst später erfuhr er, dass Katzen praktisch ihr eigener Fallschirm
waren. Wenn sie von großen Höhen herunter fielen, bot ihr Körper
so viel Luftwiderstand, dass sie nie auf eine tödliche
Geschwindigkeit beschleunigt wurden. Chasca, so erzählte man
Alexander später, schien sogar besonderen Gefallen daran gefunden zu
haben aus Flugzeugen zu springen.
Im
diesem Moment wusste Alexander das alles aber nicht. Er war einfach
nur froh, dass er nicht alleine war.
NÄCHSTE
WOCHE
L'ennui
est la grande maladie de la vie.
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